Onkologisches Forum Celle e. V.

11.08.17: Schulmedizin wirkt
29.05.17: Kleine Siege
12.09.17: Milliardenteure Medikamente: Wirkusng umstritten
24.05.17: Erstes Universal-Krebsmittel kommt
05.05.17: Hoffnung, wenn nichts mehr geht
04.04.17: Wo es Fortschritte gibt. Und wo nicht.
19.04.17: Familienplanung trotz Krebs
21.11.16: Sind alternative Therapien sinnvoll?
10.11.16: Das Netz als Selbsthilfegruppe?
23.09.16: Geheilt - und dann?
05.10.16: Kunsttherapie kann helfen
13.06.16: Killerzellen gegen Krebs
09.06.16: Krebsgesellschaft rät zu Ernährungsberatern
13.04.16: Neue Website zur Ernährung
15.01.16: Wieviel soll man über Krebs reden?
26.03.16: Schilddrüse - ruhig mal drin lassen?
17.01.16: Immer mehr Medikamente
23.11.15: Informationen helfen besonders Älteren
25.11.15: Internetportal für junge Krebserkrankte
06.11.15: Die Heilung von Leyla macht Hoffnung
20.09.15: Ärzte warnen vor Versorgungslücken
30.06.15: Krebs treibt viele Menschen in die Armut
21.05.15: Neue website zu komplementären Therapien
15.04.15: 25% sterben an Mangelernährung
01.07.15: Antikörper subkultan besser verträglich
27.10.14: Das Ziel ist der aufgeklärte Patient
23.02.15: Krebspatienten sollen einen Coach bekommen
25.08.14: Geheilt, aber nicht gesund
18.02.15: Überlebensrate nach 5 Jahren in Österreich: 57%
16.08.14: Unheilbar krank
26.12.14: Nur jeder dritte Krebskranke nutzt die Reha
13.01.15: Würde meine Mutter heute überleben?
10.03.15: Ernährung großes Thema bei Krebs
19.05.15: Therapiechancen sinken bei Mangelernährung 
15.04.16: Angeblich wirksame Mittel
17.11.16: Welt-Pankreastag

 

 

Ohne Schulmedizin sinken die Überlebenschancen

Wer sich gegen eine etablierte Krebstherapie entscheidet und auf alternative Medizin setzt, senkt seine Chancen, die kommenden fünf Jahre zu überleben – durchschnittlich steigt das Sterberisiko um das 2,5-Fache. Das berechneten Forscher von der Yale School of Medicine in Connecticut anhand der Daten von 840 Patienten mit Erstdiagnose behandelbarer Krebsarten wie Brust-, Lungen-, Darm- und Prostatatumoren. 560 Probanden hatten eine konventionelle Behandlung mit Chemo-, Strahlen-, Hormontherapie oder Operation gewählt. 280 Erkrankte hatten sich dagegen entschieden. Welche Alternativen die Patienten ausprobierten, ob Homöopathie, Anthroposophie, hoch dosierte Vitamine, spezielle Diäten oder anderes, wurde in der Studie nicht weiter aufgeschlüsselt.

Bei Brustkrebs stieg das Sterberisiko bei alleiniger alternativer Behandlung um das 5,7-Fache, bei Darmkrebs um das 4,6-Fache und bei Lungenkrebs um das 2,2-Fache, schreiben die Mediziner im «Journal of the National Cancer Institute». So überlebten 41 Prozent der Lungenkrebs-Patienten unter konventioneller Therapie die kommenden fünf Jahre im Gegensatz zu 20 Prozent unter alternativer Behandlung. Bei Darmkrebs überlebten 79 Prozent unter herkömmlicher Behandlung im Gegensatz zu 33 Prozent, die sich der Schulmedizin verweigerten.

«Wir haben nun Evidenz zur der Annahme, dass der Gebrauch alternativer Medizin anstelle etablierter Krebstherapien zu schlechteren Überlebensraten führt», kommentiert Hauptautor Dr. Skyler Johnson. Die Wissenschaftler hoffen, dass diese Information bei der Entscheidung von Patienten und Ärzten für oder gegen eine bestimmte Therapie helfen kann. (Pharmazeutische Zeitung, 16.08.2017, dh)

 

Krebs: Kleine Siege

Im Kampf gegen Krebs gewinnt immer öfter der Mensch. Fünf Nachrichten, die Mut machen.

Geschenkte Jahre: Krebspatienten leben länger als früher

Keine Frage: Krebs ist noch immer eine schwere Erkrankung. Doch die Zeit, in der diese Diagnose einem Menschen oft vernichtend vorkommen musste, ist vorbei. Die Überlebenszeiten sind inzwischen deutlich gestiegen. Tumoren werden früher entdeckt, und es gibt wirksamere Therapien. Beispiel Brustkrebs: "Heute überleben 85 Prozent der Frauen, vor zehn Jahren waren es 60 Prozent", sagt Hans Peter Scheidel, Chefarzt im Jerusalem-Krankenhaus in Hamburg. Auch bei einigen Leukämien, bei Hodenkrebs und Hautkrebs sind Durchbrüche gelungen. Jüngst entwickelte Arzneien steuern gezielt das Immunsystem an – mit vielversprechenden Ansätzen. "Wenn Krebskranke erfahren, dass sie eine reelle Chance haben, sind sie so motiviert wie keine andere Patientengruppe", sagt Dirk Jäger, Direktor des Nationalen Tumor Centrums in Heidelberg.

Nicht schlecht: Therapien sind heute besser verträglich

Es gibt Trost für alle, die sich einer Krebstherapie unterziehen müssen: Die Behandlungen erzielen heute nicht nur bessere Effekte, sie haben vielfach auch weniger Nebenwirkungen als noch vor 20 Jahren. Die Strahlentherapien werden gezielter und schonender dosiert, und die Operationsmethoden sind verfeinert worden. Auch viele Begleiterscheinungen der Chemotherapie lassen sich mittlerweile gut lindern, indem die Arzneien besser miteinander kombiniert und in geringeren Mengen verabreicht werden können. Gegen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung helfen zudem sogenannte supportive Therapien mit Pflastern, Infusionen oder Tabletten, was die Lebensqualität der Patienten stark verbessert. Haarausfall lässt sich mit Kühlkappen mildern, die begleitend zur Chemo aufgesetzt werden.

Besser aufgehoben: Krebs wird heute ganzheitlich bekämpft

Die Versorgung ist umfassender organisiert: Es gibt immer mehr spezialisierte Krebszentren, die nach neuestem Wissensstand behandeln. Vor allem wird die Bedeutung der Patientenseele ernster genommen: An vielen Krankenhäusern arbeiten heute Psychotherapeuten, die Krebspatienten betreuen. Das nimmt dem Kranksein nicht den Schrecken, doch es fängt viel Leid auf.

Was mir geholfen hat

"Nach der Diagnose habe ich meine angefangene Dissertation weggeworfen, mir neonpinkfarbene Pumps und ein Dirndl gekauft. Ich habe die Bücher aufgelistet, die ich noch lesen wollte, und mich zur Seelsorgerin fortgebildet. Und: viel geschrieben." - Corinna Warnken, 51, aus Buxtehude, Autorin, hatte Hautkrebs (ihr jüngestes Buch: Mein pinkfarbenes Leben)

Bewegende Wirkung: Bereits ein wenig Sport hilft heilen

Bewegung verbessert die Lebensqualität und verlängert das Leben – auch bei Krebspatienten. Dieser revolutionär anmutende Befund ist inzwischen vielfach wissenschaftlich belegt. So kann Sport die Nebenwirkungen einer Chemo- oder antihormonellen Therapie reduzieren, ebenso das Rückfallrisiko. Patienten mit Brust-, Darm- und Prostatakrebs, die regelmäßig aktiv sind, haben eine bessere Prognose. Vermutlich weil Sport aktivierend auf das Immunsystem wirkt. Und womöglich weil Muskeln Botenstoffe und Eiweiße direkt an die Organe senden und so das dortige Zellwachstum beeinflussen.

Entpannt genießen: Radikale Krebsdiäten kann man sich schenken

Was sich manche Patienten so alles anhören müssen: Keine Kartoffeln mehr! Zucker ist tabu! Essen Sie Algen! Unsinn, sagen Forscher: Krebspatienten brauchen keine speziellen Diäten einzuhalten; vor radikalen Methoden warnen sie sogar. "Vor allem während der Therapie sollte der Körper nicht zusätzlich durch Verzicht geschwächt werden", sagt Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebs- informationsdienstes. Die Lehren vermeintlicher Krebsdiät-Gurus kann man getrost ignorieren. Für die Gesundheit und das Wohlbefinden ist es klüger, zu essen, was einem schmeckt – und sich an den einfachen Regeln der mediterranen Ernährung zu orientieren: Ehemalige Darmkrebspatienten, die häufig Fisch, Geflügel, Obst und Gemüse essen, haben nach Studiendaten ein geringeres Risiko, erneut zu erkranken, als Patienten, die viel rotes Fleisch und Weißmehl verspeisen. Eine Kost mit viel Gemüse schützt zudem vor Übergewicht, welches als Risikofaktor für die Entstehung von Krebs gilt.

(Zeit, 29.5.17)

 

 

Krebsmedikamente - Milliardensummen für wenig Wirkung

Pharmafirmen rechtfertigen hohe Preise für Medikamente gerne mit enormen Kosten für Forschung und Entwicklung. Nun zeigen Wissenschaftler im Fachmagazin JAMA Internal Medicine, dass die Investitionen keineswegs so hoch sind, wie Hersteller behaupten. Mindestens so ärgerlich ist für Ärzte wie Patienten, dass viele der neuen Krebspräparate nur von fragwürdigem Nutzen sind.

Das Geheimtreffen fand hinter dicken Schlossmauern statt. Politiker, Chefärzte, Krankenkassenvorstände, Klinikbetreiber und Pharmabosse hatten sich zu einer Art Krisensitzung zusammengefunden. Stillschweigen wurde vereinbart, man wollte unbelastet von Verbandsinteressen reden.

Es ging um die galoppierende Preisentwicklung im Gesundheitswesen - und alle waren sich einig: Es sei illusorisch, dass weiterhin jede Behandlung für jeden bezahlt werden könne. Rationierung und Priorisierung in der Medizin wären unvermeidlich, auch wenn sich kaum jemand traue, diese tabuisierten Begriffe offen auszusprechen.

Die diskrete Zusammenkunft fand bereits im Sommer 2010 statt, doch noch immer scheuen sich viele Politiker, klar zu sagen, dass die steigenden Kosten in der Medizin jedes Gesundheitssystems sprengen. Besonders extreme Preistreiber sind neue Krebsmedikamente; inzwischen gibt es etliche Mittel, die mehr als 100 000 Euro kosten, wenn ein Patient damit ein Jahr lang behandelt wird.

Pharmafirmen verweisen gerne auf ihre hohen Kosten für Forschung, Entwicklung und klinische Prüfung, die vor der Zulassung fällig werden und mit denen sie die Preise für die Medikamente rechtfertigen. Krebsärzte aus den USA zeigen im Fachmagazin JAMA Internal Medicine jedoch, dass die Vorab-Investitionen keineswegs so hoch sind, wie Hersteller behaupten - die Gewinnspanne hingegen nimmt immense Ausmaße an.

Die Mediziner Vinay Prasad und Sham Mailankody aus Portland und New York haben die Entwicklung von zehn typischen Krebsmedikamenten nachverfolgt, die von zehn verschiedenen Firmen in der Dekade zwischen 2007 und 2016 auf den Markt gebracht wurden. Von der ersten Erwähnung der Wirkstoffe als Therapeutika bis zur Zulassung der Arznei dauerte es im Mittel 7,3 Jahre.

Im Schnitt kostete die Entwicklung der zehn Krebsmittel jeweils 648 Millionen Dollar - zusammengerechnet also etwa 6,5 Milliarden Dollar. Diesen Ausgaben standen bis Jahresende 2016 Einkünfte von 67 Milliarden Dollar gegenüber, die von den Firmen allein mit diesen zehn Medikamenten erzielt wurden. "Der Gewinn nach der Zulassung ist erheblich größer als die Kosten für Forschung und Entwicklung zuvor waren", so die Autoren.

Auch der Nutzen der neuen Mittel ist oft marginal - bei zugleich massiven Nebenwirkungen

So standen bei dem Krebsmittel Ibrutinib, das unter dem Handelsnamen Imbruvica seit 2014 gegen die Chronisch Lymphatische Leukämie auf dem Markt ist, Entwicklungskosten von unter 300 Millionen Dollar Einkünfte in fast 80-facher Höhe (22,275 Milliarden Dollar) gegenüber. Die Kosten für die Behandlung eines Patienten liegen in Deutschland bei 96 000 Euro pro Jahr. Ähnlich das Verhältnis bei Enzalutamid (Xtandi), das seit 2013 gegen metastasierten Prostatakrebs zugelassen ist und dem Hersteller bisher mehr als 20 Milliarden Dollar eingespielt hat. Die jährlichen Therapiekosten für einen Patienten belaufen sich auf gut 60 000 Euro.

Prasad und Mailankody haben die Ausgaben der Firmen großzügig berechnet. In ihrer Analyse wählten sie bewusst Hersteller, die im vergangenen Jahrzehnt keine anderen Krebsmittel im Angebot hatten. Die Entwicklungskosten der Pharmaunternehmen werden daher höher gewesen sein als bei Firmen, die bereits ähnliche Medikamente in ihrer Produktpalette hatten und auf entsprechende Entwicklungsarbeit zurückgreifen können. Zudem ist der Zeitraum, in dem die Krebsmedikamente bisher Milliarden eingespielt haben, vergleichsweise kurz. Die in der aktuellen Studie untersuchten Mittel waren im Durchschnitt vier Jahre auf dem Markt.

Vergleich mit Gold, Platin oder Diamanten

"Diese Analyse ist nicht leicht zu entkräften, denn die Autoren berücksichtigen auch Kosten der Firmen für fehlgeschlagene Experimente und billigen Präparaten selbst dann hohe Entwicklungskosten zu, wenn es sich nur um kostengünstige Nachahmer-Produkte handelt", sagt der Pharmaexperte Merrill Goozner. "Das zeigt, dass die Preispolitik der Pharmafirmen längst unabhängig von den tatsächlichen Kosten für Forschung und Entwicklung ist." Für den Autor des Buches "The $800 Million Pill" ist die Schlussfolgerung eindeutig: "Politiker können beruhigt die Preise für Arzneimittel einschränken - sie müssen keine Angst haben, dadurch Innovationen auf dem Pharmamarkt zu behindern."

In der Diskussion um "Mondpreise" und unanständige Gewinnspannen der Pharmabranche ist es in Deutschland längst üblich, die Kosten der Krebsmedikamente mit Gold, Platin, Diamanten oder Plutonium zu vergleichen. Der Preis pro Gramm liegt bei etlichen Arzneimitteln gegen Krebs längst um das Hundertfache höher als jener der Edelmetalle und anderer kostbarer Substanzen. Verkauft wird die Hoffnung auf Heilung von schwerem Leid, nicht der Gegenwert für die Substanzen oder ihre Herstellung.

Mindestens so ärgerlich wie die Preisgestaltung ist für Ärzte wie Patienten, dass viele der neuen Krebspräparate nur von fragwürdigem Nutzen sind. Die hohen Preise sind so gut wie nie durch eine überragende Wirksamkeit gerechtfertigt. "Aus wissenschaftlicher Sicht macht die Krebsmedizin zwar gerade spannende Zeiten mit vielen interessanten Neuentwicklungen durch", sagt der Berliner Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. "Aber der Nutzen für Patienten ist oft nur marginal oder durch schwere Nebenwirkungen erkauft."

"Diese Behandlung oder doch lieber ein nagelneuer Maserati Quatroporte?"

Ein Symposium zu Ludwigs Ehren stand vergangene Woche denn auch im Zeichen der neuen Krebstherapien und ihrer Kosten. Aufschlussreich waren die Ausführungen von Josef Hecken, dem Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), der darüber entscheidet, welche Therapien und Untersuchungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Die Hälfte von 30 neuen onkologischen Wirkstoffen in Deutschland kostet mehr als 100 000 Euro jährlich pro Patient; sogar die günstigsten kommen noch auf 30 000 Euro jährlich oder mehr.

Patienten können allerdings nur von zehn der 30 Mittel eine Verlängerung der Lebenserwartung um fünf Monate erwarten, die übrigen bringen zwischen vier Wochen und drei Monaten - unter teils erheblichen Nebenwirkungen. "Wenn wir im G-BA den Nutzen bewerten, zeigt sich oft, dass nur in Untergruppen überhaupt eine klinisch relevante Verlängerung der Überlebenszeit erreicht wird", sagt Hecken. "Das sind dann meist weniger als sechs Monate bei sehr hohen zusätzlichen Therapiekosten."

Der Krebsmediziner Antonio Pezzutto von der Berliner Charité erinnerte angesichts der Milliardenumsätze mit Krebsmitteln daran, dass allein in Afrika zehn Staaten ein Bruttoinlandsprodukt von sechs Milliarden Euro aufweisen und damit unter den Einkünften liegen, die Pharmamulti Roche mit einem einzigen Krebsmedikament wie Trastuzumab (Herceptin) oder Bevacizumab (Avastin) erzielt. "Bei den Jahreskosten für die Behandlung und dem bescheidenen Therapieerfolg mancher Mittel kann man sich fragen, wie sich Patienten entscheiden würden, wenn sie die Kosten selbst tragen müssten", gab Pezzutto zu bedenken. "Diese Behandlung oder doch lieber ein nagelneuer Maserati Quatroporte?"

"Änderung ist kaum in Sicht. Im Mai hat der G-BA dem Brustkrebsmittel Ibrance von Pfizer einstimmig attestiert, dass es keinen Zusatznutzen habe. Das Mittel mit jährlichen Behandlungskosten von 66 000 Euro führe bei 78 Prozent der Patientinnen zu heftigen Nebenwirkungen. Pfizer hat bereits weltweit 600 Millionen Euro mit Ibrance verdient, die Kassen in Deutschland haben es in Höhe von mehr als 17 Millionen Euro erstattet - weil die Zulassung europaweit bereits vergangenen Spätherbst erfolgte.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war zu lesen, dass der G-BA das Brustkrebsmittel Ibrance als Kassenleistung ausgeschlossen habe. Dies ist jedoch bislang nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

(Süddeutsche Zeitung, 12.9.17, Werner Bartens)

 

 

Neue Medikamentenklasse  

Erstes Universal-Krebsmittel kommt

Die US-Gesundheitsbehörde FDA geht bei der Zulassung eines Krebsmittels neue Wege: Erstmals ließ sie ein Medikament zu, das unabhängig vom Entstehungsort der Erkrankung im Körper eingesetzt werden kann.

Kriterium für die Behandlung mit der Krebs-Immuntherapie Keytruda des US-Pharmakonzerns Merck ist die genetische Eignung der Patienten. "Bislang hat die FDA Krebsmedikamente basierend darauf zugelassen, wo der Krebs im Körper begann – wie zum Beispiel Lungen- oder Brustkrebs", sagte Richard Pazdur, Onkologieexperte bei der FDA.

Die neue Zulassung ist ein bedeutender Schritt in der personalisierten Medizin. Bei dieser kann über genetische Biomarker erkannt werden, ob Patienten auf eine bestimmte Therapie ansprechen.

Krebszellen erkennen und zerstören

Keytruda gehört zu einer neuen Klasse von Medikamenten, die darauf abzielen, das körpereigene Abwehrsystem so zu aktivieren, dass es Krebszellen erkennen und zerstören kann. Der US-Pharmakonzern Merck gehört auf diesem Gebiet zu den führenden Unternehmen.

Die FDA erteilte Keytruda eine beschleunigte Zulassung zur Behandlung inoperabler und bereits gestreuter solider Tumore mit einem bestimmten Gendefekt, der sogenannten Mikrosatelliten-Instabilität (MSI-H).

Solche Tumore treten am häufigsten bei Darmkrebs, Krebserkrankungen der Gebärmutterschleimhaut und des Magen-Darm-Bereichs auf, können aber auch bei anderen Krebsarten wie Brust-, Prostata-, Blasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs vorkommen.

Gilt für Erwachsene und Kinder

Nach Angaben des Mediziners Drew Pardoll, der die Studie mit Keytruda leitete, haben rund vier Prozent aller Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen oder jährlich rund 15.000 bis 20.000 Fälle in den USA die genetischen Eigenschaften, für die die Zulassung erteilt wurde. Tests auf diesen genetischen Defekt kosten zwischen 300 und 600 Dollar.

Die neue Zulassung von Keytruda, das bereits bei einer bestimmten Lungen- und Hautkrebsart eingesetzt werden darf, gilt für Kinder und Erwachsene, deren Krebs trotz einer vorherigen Behandlung fortgeschritten ist und für die es keine anderen ausreichenden Therapiemöglichkeiten gibt.

(t-online, 24.5.17, reuters)

 

 

Krebspatienten: Hoffnung, wenn nichts mehr geht

Eine in Wien durchgeführte Studie zeigt: Eine genaue Tumor-Analyse kann das Leben mancher Patienten verlängern.

Es ist eine Situation, die alle fürchten: Ein Patient mit einer Krebserkrankung hat alle Therapien ausgeschöpft, die bei seiner Erkrankung Standard sind – und auf keine spricht er mehr an.

Jetzt zeigt eine Studie des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien und des AKH Wien, dass es in bestimmten Fällen dann doch noch Möglichkeiten gibt – wenn alle Merkmale des Tumors bestimmt werden, die man heutzutage im Labor schon analysieren kann. Zwar noch nicht routinemäßig, aber im Rahmen einer solchen Studie. Unter anderem wurden dafür 750 genetische Merkmale (Mutationen) auf 49 Genen untersucht.

"Wir hatten ein anspruchsvolles Ziel", sagt der Studienleiter und Onkologe Gerald Prager: "Der Zeitraum, in dem die Krankheit nicht voranschreitet (der Tumor also nicht wächst, Anm.), sollte bei der experimentellen Therapie länger sein als bei der zuletzt durchgeführten Standardtherapie." 55 Patienten wurden in die Studie aufgenommen. Bei 36 davon konnte das Ziel erreicht werden: Der Behandlungserfolg war länger als bei der zuvor verwendeten Therapie. Bei 60 Prozent konnte die Krankheit vorübergehend stabilisiert werden. Durchschnittlich überlebten die Patienten 209 Tage – einzelne trotz der weit fortgeschrittener Erkrankung bis zu 1000 Tage.

Erfolgsbeispiel

Prager bringt ein Beispiel: Eine Patientin mit einem sehr aggressiven Schilddrüsenkrebs hatte eine ganz schlechte Prognose – häufig führt diese Form innerhalb weniger Wochen zum Tod. Die Mediziner fanden aber in ihrem Tumor eine genetische Veränderung, die auch bei bestimmten Melanomen (schwarzer Hautkrebs) vorkommt. Die Frau erhielt das Melanom-Medikament – und konnte noch mehr als ein Jahr lang leben. "Das zeigt, dass so eine genaue Tumor-Analyse bei einzelnen Patienten erhebliche Vorteile bringt."

Der Onkologe betont aber: "Nicht jeder Patient, dessen Tumor man so genau charakterisiert, hat einen unmittelbaren Nutzen davon." Und: "Noch ist es zu früh, um eine solche Analyse des Tumors jedem Patienten routinemäßig anzubieten." Prager rät deshalb auch davon ab, sich privat solche Tests anbieten zu lassen: "Es gibt zwar seriöse Anbieter solcher molekularbiologischer Profile. Aber was tut der Patient dann damit?" Es sollte auch kein einzelner Arzt über eine Therapie entscheiden: "Für unsere Studie wurden die Patienten von einem Expertenteam ausgewählt und auch die Therapien gemeinsam festgelegt. Das sollte keine One-Man-Show sein."

"Noch sehr viel mehr dazulernen"

Möglich werden solche Erfolge nur durch die Grundlagenforschung, betont Maria Sibilia, Leiterin des Instituts für Krebsforschung. Durch diese weiß man nicht nur, dass jeder Krebs genetisch völlig unterschiedlich ist: "Wir wissen heute auch, dass es je nach Tumorregion genetisch unterschiedliche Zellen geben kann." Das aber heißt: Je nachdem, an welcher Stelle die Biopsie gemacht wird, kann ein anderes Ergebnis herauskommen – und das kann wiederum die Therapie beeinflussen. Prager: "Wir haben schon viel gelernt – aber wir müssen noch sehr viel mehr dazulernen, wer wirklich von diesem Ansatz der genauen Tumor-Analyse einen Nutzen hat."

(kurier/Wien, 5.5.17, Ernst Mauritz)

 

 

Krebs in Zahlen:

Wo es Fortschritte gibt. Und wo nicht.

Laut neuen US-Daten sanken die Sterberaten bei sieben von zehn Krebsarten – und bei fast allen Tumorerkrankungen stieg die Fünfjahres-Überlebenschance spürbar.

Die Zahlen stammen aus den USA, sind also nicht eins zu eins übertragbar, aber im Kern spiegeln sie auch hiesige Entwicklungen, Chancen und Fragezeichen in der Entwicklung der Tumorerkrankungen.

Die National Institutes of Health der Vereinigten Staaten haben dabei die Krebsraten und ihre Folgen in einem Mehrjahresvergleich erfasst. Die wichtigsten Punkte:

Krebs als Todesursache: Insgesamt sank die Sterblichkeit wegen Krebs zwischen 2010 und 2014 bei Männern um jährlich 1,8 Prozent, bei Frauen um 1,4 Prozent und bei Kindern um 1,6 Prozent.  

Krebshäufigkeit: Insgesamt sank die Zahl der neu diagnostizierten Krebserkrankungen bei Männern von 1999 bis 2013 um 2,3 Prozent. Bei Frauen blieb die Zahl in etwa stabil. 

Sterberaten nach Krebsarten, Männer: Von 2010 bis 2014 sanken die Sterberaten bei 11 von 16 der am meisten verbreiteten Krebsarten. Die Sterberaten erhöhten sich wegen Krebs der Leber, der Bauchspeicheldrüse sowie bei Hirntumoren.

Sterberaten nach Krebsarten, Frauen: Von 2010 bis 2014 sanken die Sterberaten bei 13 von 18 der am meisten verbreiteten Krebsarten. Höher waren die Sterberaten aufgrund von Leber- und Gebärmutter-Krebsarten.

Überlebenschancen: Verglichen mit dem Zeitraum 1975—1977 lag die Fünfjahres-Überlebensrate im Zeitraum 2006—2012 bei fast allen Krebsarten signifikant höher. Zwei nennenswerte Ausnahmen bilden Gebärmutterhals- und Uterus-Krebs.

Deutlichste Fortschritte: Am deutlichsten stiegen die Fünfjahres-Überlebensraten bei Prostata- und Nierenkrebs, ferner beim Non-Hodgkin-Lymphom, Myelom und bei Leukämie. Hier stiegen die Raten um 25 Prozent oder mehr.

Die gefährlichsten Tumore. Krebsarten mit den tiefsten Fünfjahres-Überlebensarten waren: Pankreas (8,5 Prozent), Leber (18,1 Prozent), Lunge (18,7 Prozent), Speiseröhre (20,5 Prozent), Magen (31,1 Prozent) und Gehirn (35 Prozent).

Die höchsten Chancen. Am besten waren die Quoten bei Krebs der Prostata (99,3 Prozent), Schilddrüse (98,3 Prozent), beim Melanom (93,2 Prozent) sowie bei Brustkrebs (90,8 Prozent).

Quelle: Ahmedin Jemal, Elizabeth M. Ward, Christopher J. Johnson et al.: «Annual Report to the Nation on the Status of Cancer, 1975–2014, Featuring Survival», in: «Journal of the National Cancer Institute», 31. März 2017

(medinside.ch, 4.4.17)

 

 

Familienplanung trotz Krebs

Leipziger Mediziner testen verkürzte Krebsbehandlung

Mediziner der Uniklinik Leipzig untersuchen derzeit in der STOP-Studie Möglichkeiten einer verkürzten Krebstherapie. Besonders für junge Erkrankte soll dank der deutlich kürzeren Behandlung Familienplanung erfüllbar werden.

In einer neuen Studie wollen Mediziner der Leipziger Uniklinik Erkenntnisse darüber gewinnen, ab welcher Einnahmedauer die Behandlung von Leukämieerkrankungen in Zukunft verkürzt werden kann.

Seit der Jahrtausendwende erfolgt die Therapie von Leukämie-Erkrankungen mit Hilfe von Tabletten, die dauerhaft eingenommen werden müssen. Bis jetzt gingen Wissenschaftler und Ärzte davon aus, dass diese Therapie lebenslang fortgesetzt werden müsse. „Dann haben wir bei Patienten, die eine Behandlung nicht mehr vertragen haben, beobachtet, dass die Leukämie trotz Weglassen des Medikaments nicht wiederkommt“, sagt Professor Dietger Niederwieser, Onkologe am Uniklinikum Leipzig.

Diesen Effekt untersuchen Mediziner in den sogenannten STOP-Studien nun weltweit. Herausgefunden werden soll, von welchen Faktoren es abhängt, dass ein dauerhafter Stopp des Medikaments erfolgreich bleibt. „Etwa 50 Prozent der auf die Behandlung sehr gut ansprechenden Patienten benötigen nach einer noch nicht bekannten Therapiedauer das Medikament tatsächlich nicht mehr“, sagt Niederwieser.

Der kontrollierte Behandlungsabbruch bietet nach einer gewissen Zeit jungen Patientinnen die Chance, unbesorgt schwanger zu werden. Ziel der STOP-Studien ist es, zu bestimmen, wie stark der Krebs zurückgedrängt werden muss, um einen Therapiestopp zu versuchen.

(Leipziger Volkszeitung, 19.4.17, nqq)

 

 

Sind alternative Therapien sinnvoll?

Diagnose Krebs: Nach dem ersten Schock und belastenden Therapien hoffen viele Betroffene auf unterstützende und lindernde Effekte aus der Naturheilkunde, zum Beispiel Vitamin-Cocktails und Pflanzenextrakte zur Stimulierung des Immunsystems. In Deutschland gibt es mehr als 500 sogenannte biologische Krebsmittel, in der Regel fehlen jedoch wissenschaftliche Beweise für deren Wirksamkeit. Viele Ärzte halten einen unbestimmten Nutzen der natürlichen Methoden für möglich, wissen selbst aber wenig darüber.

Als Ergänzung zur Schulmedizin hoffen viele Krebskranke auf Therapien aus der Naturheilkunde. Wie sinnvoll ist die Behandlung mit Pflanzen, Enzymen und Vitaminen?

Schulmedizinische Krebstherapie nicht abbrechen

Wer auf schulmedizinische Therapien verzichtet, gibt auch einen Teil der Heilungschancen auf. Daher sollten Chemotherapie und Bestrahlung nicht wegen einer alternativen Therapie abgebrochen werden. Der betreuende Arzt sollte wissen, welche Therapien der Krebskranke zusätzlich anwendet. Denn zusätzliche Behandlungen können die Haupttherapie beeinträchtigen oder den Krebs sogar verschlimmern. Nicht alles hilft bei jedem Krebs und in verschiedenen Stadien. Schädlich ist eine Zusatztherapie auch, wenn sie nichts nützt, den Patienten aber finanziell belastet und so in Schwierigkeiten bringt.

Unseriöse Krebstherapeuten erkennen

Immer wieder werden Fälle von unseriösen Therapeuten bekannt, zum Beispiel die experimentelle Therapie eines Heilpraktikers mit der Substanz 3-Bromopyruvat (3BP), bei der drei Menschen starben. Bei alternativen Krebstherapien ist in folgenden Fällen große Vorsicht geboten:

Der Anbieter besteht darauf, dass alle schulmedizinischen Behandlungen wie Chemo- und Strahlentherapie abgebrochen werden.

Er besteht auf einen langfristigen privaten Behandlungsvertrag.

Die Wirksamkeit der Therapie wird allein mit Referenzen, Empfehlungen und Fallberichten "belegt", aber ohne anerkannte wissenschaftliche Publikationen.

Die Sprache der "Belege" klingt wissenschaftlich und ist für Nicht-Mediziner schwer zu verstehen.

Die Therapie wirkt angeblich gegen alle Krebserkrankungen in allen Stadien und gegen andere schwere Erkrankungen wie AIDS und Multiple Sklerose.

Die Methode wird als natürlich, sanft und zugleich nebenwirkungsfrei angepriesen.

Angeblich wurde eine Vielzahl von Erkrankten geheilt, die von Schulmedizinern bereits aufgegeben wurden.

Der Anbieter verweist auf eine Verschwörung schulmedizinischer Ärzten und der Pharmaindustrie, die den Durchbruch einer alternativen Methode verhindern soll.

Verfahren der komplementären Onkologie

Zunehmend werden alternative Krebstherapien auch in der Schulmedizin erforscht und eingesetzt. Meist handelt es sich um Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Pflanzenheilkunde, der Ayurvedischen Medizin sowie um Entspannungstechniken und Meditation. Dazu zählen:

Aus der Hanfpflanze synthetisch gewonnen Substanzen (Cannabinoide) sollen Schmerzen lindern sowie Übelkeit und Erbrechen bei Strahlen- und Chemotherapien lindern. In Deutschland sind Cannabinoide ab 2017 kontrolliert zugelassen.

Der Effekt von Mistelextrakt auf die Stärkung des Immunsystems ist wissenschaftlich umstritten. Eine Misteltherapie kann subjektiv die Lebensqualität steigern. Bei bestimmten Krebsarten kann die Einnahme aber gefährlich sein.

Weihrauch wird bei Hirntumoren als zusätzliches Mittel gegen Gewebeschwellungen eingesetzt.

Bei einer Strahlen- oder Chemotherapie sollen Enzyme (Papain, Chemotrypsin, Trypsin, Glutathion) und  Pflanzen (Ingwerwurzel, Shiitake-Pilze) Nebenwirkungen wie Haarverlust, Erbrechen und Nerven-Gefühlsstörungen lindern.

Eine Ernährungstherapie soll einem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen vorbeugen. Bei Betroffenen mit Leberkrebs und Darmkrebs sollen ernährungsmedizinische Ansätze lebensverlängernd wirken können.

Eine onkologische Sporttherapie soll das Immunsystem stärken, die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität erhöhen. Auch Tai-Chi und Quigong werden Krebskranken häufig empfohlen.

Meditation kann die negativen psychischen Folgen einer Krebserkrankung reduzieren.

Selen nicht immer sinnvoll

Das Spurenelement Selen kann der Körper nicht selber herstellen, sondern muss es mit der Nahrung aufnehmen. Sowohl in der Prävention als auch in der Krebstherapie wird Selen als unerlässlich angesehen: Das Mineral hilft, schädliche Radikale einzufangen, stabilisiert Immunzellen und kann die DNA reparieren. Zudem soll der Stoff vor Nebenwirkungen einer Strahlen- oder Chemotherapie schützen. Allerdings stehen zellschützende Mittel wie Selen oder bestimmte Vitamine im Verdacht, auch die Krebszellen zu schützen. Daher sollten diese Mittel erst als Nachsorge zur Chemotherapie in der Aufbauphase eingenommen werden.

Krebszellen töten, ohne gesunde Zellen zu schädigen

Die Schwierigkeit im Kampf gegen Tumore besteht nicht darin, Krebszellen abzutöten. Das wäre mit einfachen Hausmitteln wie Alkohol oder Salz möglich. Dabei werden jedoch auch gesunde Körperzellen geschädigt. Voraussetzung für eine Krebstherapie ist, dass Mediziner Medikamente finden, die ausschließlich in Krebszellen wirken, ohne gesunde Zellen zu schädigen.

Interviewpartner

PD Dr. Jutta Hübner, Fachärzten für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie
Deutsche Krebsgesellschaft e. V., Kuno-Fischer-Straße 8, 14057 Berlin
Tel. (030) 322 932 951, Fax. (030) 322 932 966
E-Mail: huebner@krebsgesellschaft.de
Internet: www.krebsgesellschaft.de
Priv.-Doz. Dr. Isabell Witzel, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Zentrumsleiterin
Brustzentrum
Universitätsklinikum Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Tel. (040) 7410 23800, Fax. (040) 7410 54355
E-Mail: iwitzel@uke.de
Internet: www.uke.de

(NDR-Visite, 22.11.2016, Tina Roth)

 

 

Das Netz als Selbsthilfegruppe?

Der Krebs auf Facebook

Online-Foren, Soziale Netzwerke und Blogs unterstützen junge Erwachsene beim Umgang mit der Erkrankung

„Ich habe meine Erkrankung früh kommuniziert. Spätestens als die Haare ausfielen, hätte es sowieso jeder gesehen.“ Kerstin Otto steht vor Ärzten, vor Pflegepersonal, vor Betroffenen und erzählt ihre Geschichte. „Ich war 34, als bei mir Brustkrebs diagnostiziert wurde, 18 Monate später kam das Rezidiv.“ Heute ist Kerstin Otto 39, momentan sei „alles gut.“

In Deutschland erkranken jährlich 15 000 Menschen zwischen 15 und 39 Jahren an Krebs. Am häufigsten wird Brustkrebs festgestellt, gefolgt von Hodenkrebs. „Die Heilungschancen bei den jungen Erwachsenen sind sehr gut. Sie liegen bei 80 Prozent“, sagt Prof. Mathias Freund. Als Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs war er gestern zu Gast auf dem sechsten Symposium zu Krebserkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenen-Alter an der Uniklinik Rostock. In einem Projekt begleitet Freund Betroffene, die anderen Erkrankten Mut geben, eine erste Hilfe nach der Diagnose sozusagen. Zu den Gesichtern der Kampagne gehört auch Nadine Fischer. Sie war 31, als sich ihr Leben schlagartig änderte. „Die Diagnose kam unerwartet“, schreibt sie auf Facebook. Ein Nebennierenkarzinom. Es folgte die erste OP, anschließend die Chemotherapie, dann wurden vier Rezidive entdeckt. Mittlerweile hat sich der Krebs ausgebreitet, Metasten an Magen, auf der Niere und am Pankreas gebildet. Inzwischen ist Nadine 35. Aber sie gibt nicht auf. Begleitet wird ihr Kampf von mehr als 14  000 Facebook-Nutzern, die ihrer Seite „Nadine und das Leben mit dem Krebs“ ein „Gefällt mir“ gaben.

Online-Foren, Soziale Netzwerke oder Blogs seien die Selbsthilfegruppen von heute, weiß Freund. Wobei der Begriff Selbsthilfegruppe bei den Betroffenen nicht gut ankomme. „Aber im Grunde ist es genau das. Junge Leute tauschen ihre Erfahrungen aus. Das Internet schafft Möglichkeiten zueinander zu kommen und Gleichgesinnte zu finden, mit denen man die Gefühle, die im Alltag der Krankheit entstehen, teilen kann.“ Die Blogs heißen „Radioaktivgirl“ oder „Krebstierchen“ und sind eine Art Tagebuch, deren Einträge tiefe Einblicke in das Leben mit dem Krebs gewähren. „Das Netz ermöglicht neue Umgangsformen mit der Krankheit. Es gibt Facebook-Gruppen, die wie Vereine funktionieren, über die Yoga-Kurse organisiert werden“, erläutert Freund. Es ginge darum, sich gegenseitig zu stützen.

Kerstin Otto hat ein Buch geschrieben. Über den Bürokratie-Dschungel, dem sie sich als Erkrankte ausgesetzt sah. „Darin stehen gebündelt wichtige Adressen und Tipps.“

Das Netz als Selbsthilfegruppe?

Der Schock der Diagnose Krebs rumort. Er lässt einen in den ersten Wochen danach nicht mehr los, bestimmt die Gedanken, alles Schönes scheint sich zu verkleinern, Dunkelheit schwirrt durch den Kopf. Irgendwann aber muss er Platz machen für Hoffnung. Und die hatte ich, sogar fast zu jedem Zeitpunkt. Wofür sonst die Torturen von sechs Chemotherapien? Ich lernte zu filtern, mit jedem Tag ein bisschen mehr: Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, nur das an mich heranzulassen, was ich wirklich hören wollte.

Das Internet ist voll von Informationen und Hilfe für Krebspatienten: Google listet beim Begriff Krebs über 30 Millionen Treffer. Immer beliebter werden persönliche Geschichten von Krebserkrankten, in Blogs oder auf Plattformen wie Facebook berichten sie über die Zeit mit der Krankheit. Ein schönes Mittel, um sich den Schmerz von der Seele zu schreiben. Aber ebenso kann es für Patienten zum Gift werden.

Doch jede Erkrankung ist individuell. Ich litt an einem Lymphdrüsenkrebs, ein Tumor in meinem Brustkorb von der Größe einer Faust. Mit 25 Jahren. Ich entwickelte einen krankhaften Egoismus, im wahrsten Sinne: Ich schaute nur auf mich selbst, steckte all meine Kraft in meinen Weg. Der Selbstschutz eines Eigenbrötlers: Es hätte mich runtergezogen, mich mit dem Leid der anderen auseinanderzusetzen, reagiert doch jeder Patient anders: auf den Krebs und auf die Therapie.

Patienten sind keine Mediziner. Sie schreiben ungefiltert das, was sie denken. Wie schnell verwechselt man die eigene Hoffnung mit der Wahrheit, die einem der Arzt ins Gesicht sagt?

Natürlich: Das Netz ist ein wunderbarer Treffpunkt. Ich bin mir sicher, dass viele Erkrankte es nutzen, um sich auszutauschen, um nicht alleine zu sein in einer Zeit, in der sie um ihr Leben kämpfen. Für mich war es nichts. Denn viele Geschichten enden tragisch: Jährlich sterben in Deutschland knapp 300 000 Menschen an Krebs. Ich hörte auf meinen behandelnden Onkologen. Er gab mir Heilungschancen von über 90 Prozent.

(Schweriner Volkszeitung, 10.11.16, Josefine Rosse)

 

 

Leben nach Krebs: Geheilt – und jetzt?

War der Kampf gegen den Tumor erfolgreich, folgt für viele Patienten ein zweiter. Wie leben sie mit den körperlichen und seelischen Narben?

Es gibt Tage, da denkt Claudia M., es wäre leichter, man würde ihr die Krankheit ansehen. Dann würde niemand fragen, warum sie nicht sofort wieder arbeitet. So blendend, wie sie aussieht. Niemand wäre verwundert, wenn sie Einladungen für den Abend ablehnt oder schnell müde wird. Doch so, wie die 38-Jährige dasitzt, wacher Blick, offenes Lächeln, versteht kaum jemand, wie sie sich fühlt. Jeden Tag kämpft Claudia M. gegen eine chronische Erschöpfung, Fatigue genannt. Sie ist der Preis dafür, dass sie einen anderen Kampf gewonnen hat. Vor sieben Jahren wurde bei ihr Krebs festgestellt.

Krebstherapien machen oft unfruchtbar

Narben hat die Krankheit auch bei Jana B. hinterlassen, verursacht durch lange, tiefe Schnitte an Bauch und Brust. Doch auch durch das Verhalten von Menschen. Im Moment aber ist das vergessen. Alles dreht sich um Lina, ihre Prinzessin, das "Püppchen" des Papas. Ein Jahr ist ihre Tochter nun alt. "Sie ist unser größtes Geschenk", sagt die 41-Jährige mit der Lockenmähne und lacht, dass einen die Lebensfreude anspringt. Fast hatte sie die Hoffnung auf ein Kind aufgegeben. Was viele nicht wissen: Krebstherapien machen nicht selten unfruchtbar.

Zwei Frauen. Zwei Schicksale. Doch stehen sie für Tausende. Dank der modernen Medizin ist Krebs heute in vielen Fällen zu einer heilbaren Erkrankung geworden. Vor allem für junge Menschen unter 40 gelten die Aussichten als hervorragend. Zehn Jahre nach der Diagnose sind vier von fünf Patienten noch immer am Leben. Ärzte sprechen von Langzeitüberlebenden. Viele der Patienten dürfen sich als geheilt ansehen.

Auch ein geheilter Krebs hinterlässt Spuren

Doch "geheilt", was heißt das? "Es bedeutet auch, mit den Folgen der Krankheit zu leben", sagt Professor Peter Borchmann von der Universitätsklinik Köln. Der Mediziner ist Spezialist für das Hodgkin-Lymphom, eine Krebserkrankung des Lymphsystems. Im Schnitt sind seine Patienten 32 Jahre alt, wenn sie die Diagnose erhalten: "Sie haben Krebs!" Noch in den 1970er-Jahren konnte nur jeder zehnte Patient geheilt werden. Heute sind es neun von zehn.

"Das ist erst mal etwas Wunderbares", sagt Borchmann. Doch das Überleben hat einen Preis. Jede Krebsbehandlung hinterlässt Spuren, an Körper und Seele. Operation, Chemo, Bestrahlung, Medikamente: Die Therapie besteht heute oft aus einem Bündel von Maßnahmen. Das bedeutet auch ein Bündel möglicher Nebenwirkungen. "Jedes Organ kann geschädigt werden", erklärt der Experte. Viele Patienten haben Probleme, sich zu konzentrieren, teils auch langfristig. Hände und Füße fühlen sich kribbelig und taub an. Für manche junge Krebspatientinnen beginnen die Wechseljahre schon mit 30. Hinzu kommen seelische, soziale, finanzielle Probleme. "Etwa jeder Fünfte ist langfristig schwer belastet", weiß Borchmann aus Befragungen seiner Patienten. Die Medizin hat gerade erst begonnen, das in den Blick zu fassen.

Umwelt reagiert oft mit Unverständnis

Ein häufiges Problem ist eine chronische Erschöpfung. Zu dem Leiden kommt oft das Unverständnis der Umwelt. Die Patienten ernten Sprüche wie: "Du bist doch geheilt! Freu dich! Lass dich nicht so hängen!"

Claudia M. ist das Gegenteil von einem Menschen, der sich hängen lässt. Als der Krebs in ihrer Brust erkannt wird, ist sie gerade 31. Keine Erkrankungen in der Familie, kein erkennbares Risiko. Dennoch: drei Tumore, zahlreiche befallene Lymphknoten, eine Tochtergeschwulst am Rücken. Dass ihre Chancen nicht gut stehen, ist klar. Genau will sie es nicht wissen. Die junge Frau beschließt zu kämpfen. Während der Chemo joggt sie. Wenn es ihr schlecht geht, lässt sie innerlich Bilder lebendig werden, wie das Leben wieder sein wird. In einem steht sie hoch oben auf dem Gipfel eines Bergs. Selbst als sie sich nach den Therapien mit ihren Problemen alleingelassen fühlt, wird sie aktiv.

"Es ist völlig normal, dass Probleme auftreten"

Zusammen mit einer anderen Krebspatientin gründet sie in Berlin den Verein "Leben nach Krebs!". Hier erhalten Betroffene Unterstützung, die sie sonst oft vergeblich suchen. M. hat sogar etwas Verständnis, dass das Gesundheitssystem noch wenig Hilfe für Langzeitüberlebende bietet. "Uns gab es früher ja nicht", sagt sie. Spezielle Anlaufstellen sind rar, auch bei psychischen Problemen.

"Oft beginnt das seelische Tief erst nach den Therapien", weiß Dr. Georgia Schilling aus ihrer Arbeit als Geschäftsführerin der Hamburger Krebsgesellschaft. Hier finden Patienten jederzeit Hilfe  –  etwa, wenn sie auf der Suche nach psychologischer Unterstützung sind. "Es ist völlig normal, dass Probleme auftreten", sagt Schilling. Zum Beispiel, wenn die Erschöpfung nicht mehr weichen will.

Der Krebs kann Pläne zerstören

Nach der Reha hat Claudia M. ein Ziel: so früh wie möglich zurück in den Job, als Layouterin einer großen Zeitung wieder kreativ sein. Doch fühlt sie sich schnell müde und ausgelaugt, reagiert dünnhäutig – eine Folge der Krebsmedikamente, die auf die Hormone wirken. Die Ärzte sagen ihr schon bald, dass sie an Fatigue leide. "Doch ich wollte es nicht wahrhaben", sagt sie. Sie weint viel. Dennoch arbeitet sie weiter, dreieinhalb Jahre lang. Bis es nicht mehr geht und sie zusammenbricht. Während der harten Therapien hatte sie die inneren Bilder festhalten können, die sie wieder voll Leben zeigten. Jetzt sind sie weg.

Die Erschöpfung hat eine Reihe von Ursachen. "Eine Rolle spielen sicher die Therapien", erklärt Schilling. Eine weitere wohl, wie Betroffene die Krankheit verarbeiten. So nistet sich bei vielen ein Begleiter tief in der Seele ein: Angst, vor allem vor einem Rückfall. Hinzu kommt Orientierungslosigkeit. Den Lebensplan hat der Krebs zerstört.

Auch Jana B. hat erlebt, dass Krebs das Leben auf den Kopf stellt. Auf die Diagnose folgt ein zweiter Schlag. Sie ist 34 Jahre alt, hat gerade ein Haus gekauft und arbeitet bei einer großen Krankenkasse. Zwar ist der Vertrag befristet, einer Festanstellung stünde aber nichts im Weg, hieß es. Dann der Schock: Sie hat Brustkrebs. "Das ändert alles", sagt die Teamleiterin – und setzt sie auf die Straße. Wie ein Kübel Eiswasser, den man einem ins Gesicht schüttet, beschreibt Jana B. den Moment.

In Existenzangst schreibt sie sofort Bewerbungen. Mit Erfolg. "Das gab mit ein Ziel", sagt sie. Ihrem neuen Arbeitgeber erzählt sie, sie käme so schnell nicht aus dem Vertrag. So kann sie die Chemotherapie unbemerkt beenden. Als sie zu arbeiten anfängt, trägt sie eine Perücke. Morgens geht sie zur Bestrahlung, dann ins Büro. Erst später spricht sie mit ihren Kollegen offen über ihre Erkrankung. Heute unterstützen sie alle. Doch das war nicht immer so.

Kinder auch nach Krebs möglich

Der Krebs stellt zudem die Erfüllung eines ihrer größten Wünsche infrage: ein Kind. Zwei künstliche Befruchtungen schlagen fehl. Eine Adoption? Das kann sie als Krebspatientin vergessen, wie man ihr klar sagt. Doch gibt es eine letzte Chance: Vor der Chemotherapie hatte sich die junge Frau Gewebe aus einem Eierstock entnehmen lassen. Ein Arzt in Bonn hatte sie auf die Möglichkeit hingewiesen.

Bei vielen Frauen mit Kinderwunsch wird diese Chance indes verschenkt. "Nur etwa jeder fünfte Krebsmediziner informiert seine Patienten über Wege, die Fruchtbarkeit zu erhalten", sagt Professor Ralf Dittrich, Reproduktionsmediziner am Universitätsklinikum Erlangen. Ein recht neues Verfahren ist die Entnahme von Eierstockgewebe. Tiefgefroren gelagert, kann dieses später wieder eingesetzt werden. "Es gibt keine Garantie, dass es klappt", sagt Dittrich, in Deutschland ein Pionier der Methode. Bei etwa einem Viertel der Frauen ist sie aber ein Erfolg.

Jana B. gehört dazu. Vier Jahre nach der Krebsdiagnose wird ihr das Gewebe in Erlangen wieder eingepflanzt. Sechs Monate später ist sie schwanger. Wenn Jana heute ihr vor Freude quiekendes Mädchen in die Luft wirft, kann sie ihr Glück noch immer kaum fassen.

Das neue Leben akzeptieren

Dennoch schafft es der Krebs, auch diese Freude zu trüben. Erst vor Kurzem hat die junge Mutter erfahren, dass ihr Brustkrebs durch eine Genveränderung ausgelöst wurde. Für B. bedeutet das noch mehr Operationen. Hinzu kommt: Das Risiko, dass sie das Gen ihrer Tochter vererbt hat, liegt bei 50 Prozent. "Die Medizin geht ja auch voran", tröstet sie sich. Im Moment überwiegt schlicht das Glück, dass es Lina gibt.

Freude kann aber auch ein stilleres Gesicht haben. Claudia M. versucht, das gerade zu lernen. Zu akzeptieren, dass sie nicht mehr die energiegeladene junge Frau von früher ist, fällt ihr schwer. Noch immer. Derzeit ist sie in Rente, allerdings nur befristet. Statt zu joggen, geht sie spazieren und meditiert. Statt am Abend lange mit Freunden zu feiern, sitzt sie nachmittags mal in einem Café. "Ich bin nicht sicher, ob die Erschöpfung je wieder weggeht", sagt sie leise.

Dennoch erwachen langsam wieder innere Bilder. Sie sieht ein Haus, vielleicht ein Kind. "Man wird älter", sagt sie und lacht. Derzeit fühlt sie sich dazu allerdings zu unsicher. Zumal der Bluttest seit einiger Zeit auffällige Werte zeigt. Ein alter Bekannter meldet sich: die Angst.

(Apotheken Umschau, 23.9., Sonja Gibis)

 

 

 

Mit der Kunst den Kampf aufnehmen gegen den Krebs

Vor zehn Jahren wurde am Klinikum Heidenheim begonnen, Patienten mittels Kunst zu therapieren.

Nach Tagen oder Wochen der nagenden Unsicherheit erhält ein Patient die Diagnose: Krebs. Plötzlich steht die Zeit still. Zukunftspläne weichen der Verzweiflung, Selbstbestimmtheit wandelt sich in Resignation. Aus dem täglichen Leben wird eine Kette von Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, vernichtenden Diagnosen und nebenwirkungsträchtigen Behandlungen.

Nahezu unweigerlich ist die Diagnose Krebs mit Fragen der Sinnhaftigkeit und der Endlichkeit des Lebens verbunden. Besonders wichtig wäre es in dieser Zeit für Betroffene, über Nöte und Ängste zu sprechen. Nicht selten jedoch verfallen sie aber in einen schockähnlichen Zustand, der teilweise mit einer umfassenden Sprachlosigkeit einhergeht. Dadurch haben Betroffene keine Möglichkeit, ihr Leid zu teilen.

Und der Sinn des Lebens?

Genau an dieser Stelle setzen die verschiedenen Formen der Kunsttherapie an: sich ausdrücken ohne Worte. Als gebräuchlichste Form gilt dabei die gestaltende Kunsttherapie, häufig im Sinne einer Maltherapie. Diese wurde vor nunmehr zehn Jahren am Klinikum Heidenheim im Bereich Palliativmedizin und Onkologie eingeführt.

Die Kunsttherapie zu einer bleibenden Einrichtung am Klinikum zu machen, wäre aber vermutlich nicht gelungen, hätten der Förderverein Palliativmedizin sowie die Geschäftsleitung des Klinikums nicht zugesagt, die Kunsttherapie nicht nur beim Start, sondern schließlich auch kontinuierlich über Jahre hinweg zu unterstützen.

Betreut und weiterentwickelt wird die Kunsttherapie seit sieben Jahren von der Kunsttherapeutin Monika Zürn. Zu den Projekten, die von ihr realisiert wurden, zählen das Malprojekt „Dem Leben Farbe geben – Zeichen setzen“ und der „Lebenszeichen-Kalender“. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Kunsttherapie hat Zürn außerdem eine Ausstellung mitgestaltet: Ab 7. Oktober werden Werke von Patienten im Foyer des Klinikums ausgestellt. Für Zürn ist es zugleich ein sehr persönliches Jubiläum, da sie 70 Jahre alt wird und sich am Ende des Jahres in den Ruhestand verabschiedet.

Mit Hilfe der Kunsttherapie ist es am Klinikum gelungen, das seelische Gleichgewicht vieler Patienten wiederherzustellen. Denn Ziel der Therapie in der Onkologie und Palliativmedizin ist es, körperlicher Beschwerden durch Ablenkung und Entspannung zu lindern, innere Bilder, Gefühle und Gedanken auszudrücken und dadurch Ressourcen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Außerdem lernen die Patienten neue Sichtweisen kennen, sind aktiv, haben Freude und setzen sich künstlerisch mit dem Tod und dem Sterben auseinander.

Ziele und Motivation

Die meisten Patienten sagen zunächst, sie könnten nicht malen, doch in der Kunsttherapie gibt es kein „falsch“. Jedes Bild ist ein individueller Ausdruck. Durch das kreative Tun kann die Lebensqualität verbessert werden. Denn durch eine neu entdeckte Kreativität erlebt sich der Patient im Tun autonom, in einer Zeit, in der er sich Krankheits- und Therapie-bedingt vielem ausgesetzt fühlt. Er kann ganz neue Stärken entdecken.

Während einige Patienten davon sprechen, dass sie die Welt um sich herum vergessen, wenn sie malen, ist es für andere eine eigene Welt, in die sie eintauchen. Für manche bedeutet das Malen gute Laune, manche möchten ihren Angehörigen ein ganz persönliches Geschenk machen – und wenn es Abschiedsbilder sind. Die Beweggründe, zu Papier und Stift oder Pinsel zu greifen, sind sehr verschieden, und doch haben sie am Ende eines gemeinsam: sie sind für die Ewigkeit.

(Heidenheimer Zeitung, 5.10.16, Elena Kretschmer)

 

 

Dresdner Mediziner schaffen Killerzellen gegen Krebs

Erste Leukämie-Patienten werden 2017 mit einer neuen Gentherapie behandelt. Die Forscher haben noch weitere Ziele.

Dresden. Eine tödliche Krankheit könnte heilbar werden und dies mit den körpereigenen Immunzellen. Wissenschaftler der TU Dresden und des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) haben mithilfe von Gen-Tricks Killerzellen geschaffen, die radikal auf Tumorzellen losgehen. Sie können selbst versteckte Tumorzellen finden und 1 000-fach effektiver vernichten als herkömmliche Immunzellen.

Das berichten Medizinprofessor Gerhard Ehninger (TUD) und Immunologieprofessor Michael Bachmann (HZDR) im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Die Forscher werden die ersten zwölf Patienten im kommenden Jahr im Universitätsklinikum Dresden mit diesen neuen Medikamenten behandeln, für die andere Therapien keine Chance bieten würden. Ab 2018 sollen weitere 100 bis 1 000 Patienten in Europa und den USA folgen. Dabei geht es zunächst um eine bestimmte, sehr aggressive Leukämie. Bis 2020, so das Ziel der beiden Wissenschaftler, könnte es dann die allgemeine Zulassung dieser neuen Behandlung geben und das auch für weitere Tumorarten. Zwei Firmen, Cellex und Gemoab, wurden dafür bereits in Dresden gegründet. 21 Wissenschaftler und Laboranten arbeiten dort.

Für eine solche Krebstherapie werden aus dem Blut des Patienten Immunzellen herausgefiltert. Diese Zellen müssen dann genetisch verändert werden, sodass daraus Krebs-Killerzellen entstehen. 100 Millionen solcher Killer-Zellen werden zurückgegeben ins Blut. Doch sie sind noch im Ruhemodus. Wird dann ein Präparat mit Antikörpern gespritzt, wachen diese Schläfer-Zellen auf und greifen den Tumor an. Mit der Infusion erhalten sie die Adresse der Krebszellen und gleich noch das vernichtende Paket dazu, berichtet Bachmann.

Ist der Tumor zerstört, werden die Killerzellen abgeschaltet. Erst eine erneute Spritze würde sie dann aktivieren, auch nach Jahren noch, wenn sich später Metastasen oder andere Krebsformen bilden sollten. Erst dieser An-Aus-Schalter macht die neue Therapie für den Menschen tauglich, sagt Ehninger. Genau darin bestehe der weltweite Vorsprung der Dresdner Forschung. Von großen Pharmaunternehmen habe es Angebote gegeben, die Forschung für einen zweistelligen Millionenbetrag aufzukaufen. „Wir haben abgelehnt“, sagt Ehninger. „Wir wollen nicht, dass das im Panzerschrank verschwindet.“

Und so zahlen die beiden Firmen Patentkosten und Entwicklungen weiterhin mithilfe von Investoren. In der vergangenen Woche hat das Bundesforschungsministerium eine Förderung von 2,6 Millionen Euro dazugegeben. Damit besteht Hoffnung auf neue, ganz individuelle Krebsmedikamente.

(Sächsische Zeitung, 13.6.16, Stephan Schön)

 

 

Deutsche Krebsgesellschaft warnt: Frühzeitig Ernährungsberater konsultieren

Im Verlauf der Krankheit sind Mangelernährung und Gewichtsverlust oft ein Problem. Eine frühzeitige Ernährungsberatung wird daher dringend empfohlen.

Gewichtsverlust und Mangelernährung sind oftmals Begleiter der Krankheit: Wenn der Krebs einsetzt, kämpfen Betroffene besonders während der Chemotherapie mit Nebenwirkungen. Daher empfiehlt die deutsche Krebsgesellschaft in ihrem Onko-Internetportal rechtzeitig einen Ernährungsexperten zu Rate zu ziehen und die Ernährung anzupassen. Dies könne die Lebensqualität der Krebspatienten verbessern.

Während der Krebserkrankung erfolgt im menschlichen Körper ein Abbau der Eiweiße und Muskelmasse, was nicht selten zu einem Gewichtsverlust bei den Patienten führt, so die deutsche Krebsgesellschaft. Dies schwächt die Patienten zusätzlich, führt zu verminderter Leistungsfähigkeit, Begleiterkrankungen und insgesamt zu einer verschlechterten Lebensqualität - und einer erhöhten Sterblichkeit. Auch längere Krankenhausaufenthalte könnten notwendig werden, so die deutsche Krebsgesellschaft. Eine an den Krebs angepasste Ernährung hingegen könnte dem deutlich entgegenwirken.

Bei Krebs frühzeitig Ernährungsberater zu Rate ziehen

Die deutsche Krebsgesellschaft betont: Eine "Krebsdiät", die den Krebs heilen könnte, gibt es nicht. Einige Ernährungsberater haben sich allerdings auf die Ernährung während einer Krebserkrankung spezialisiert. Diese Ernährungsexperten sollte man schon frühzeitig zu Rate ziehen, denn sie können feststellen, wie hoch das Risiko für Mangelernährung ist und bereits vorbeugende Maßnahmen empfehlen. Dabei liegt der Fokus nicht so sehr auf Nahrungsergänzungsmitteln, sondern vielmehr auf ausgewogener, vollkostbasierter Ernährung, erklärt die deutsche Krebsgesellschaft.

(Augsburger Allgemeine, 9.6.16)

 

 

 

Tumorzentrum München

Neues Infoportal rund um Ernährung und Krebs ist online

Arbeitsgruppe am Tumorzentrum München (TZM) bündelt wissenschaftlich fundierte Informationen und gibt praktische Hilfestellung von der Prävention bis zur Therapie

München - Das neue Infoportal der Arbeitsgruppe "Ernährung und Krebs" am Tumorzentrum München (TZM) ist ab sofort unter www.ernaehrung-krebs-tzm.de online. Es bündelt wissenschaftlich fundierte Informationen, gibt praktische Hilfestellung und vermittelt Kontakte zu anerkannten Therapeuten und Beratungsstellen rund um das Thema Ernährung und Krebs. Die Arbeitsgruppe besteht aus qualifizierten Ärzten und Ernährungsfachkräften unter der Leitung von Professor Hans Hauner und Professor Marc Martignoni in München. Ob zur Prävention oder während der Therapie: Die Ernährung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf von Krebserkrankungen. Das TZM-Infoportal richtet sich daher an Betroffene sowie jeden, der mit Ernährung gezielt Krebs vorbeugen möchte.

Unter www.ernaehrung-krebs-tzm.de geht heute das neue Infoportal der Arbeitsgruppe "Ernährung und Krebs" am Tumorzentrum München (TZM) ins Netz. Es bietet Interessierten und Betroffenen zahlreiche Informationen, Hilfestellungen und Empfehlungen rund um das Thema Ernährung und Krebs. Die Ernährung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf von Krebserkrankungen. "Ein gutes Drittel der jährlich auftretenden rund 500.000 Krebserkrankungen in Deutschland könnte durch eine gesunde Ernährung verhindert werden", erklärt Prof. Dr. med. Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und Leiter der Arbeitsgruppe "Ernährung und Krebs". Aber auch Patienten profitieren von einer gesunden und an ihre individuelle Situation angepassten Ernährung. Daher hat sich die Arbeitsgruppe neben der Prävention vor allem die Verbesserung der Ernährungssituation von Krebspatienten zum Ziel gesetzt. "Eine adäquate Ernährungsweise vor, während und nach der Therapie ist für den Behandlungseffekt und damit die Überlebensqualität mitentscheidend", ist Hauner überzeugt.

Über- und Untergewicht: Risikofaktor und Begleiterscheinung bei Krebs

Im Fokus des neuen Infoportals stehen die Faktoren Übergewicht und Gewichtsverlust bzw. die Mangelernährung. Übergewicht - besonders die Fettleibigkeit (Adipositas) - gilt zunehmend als möglicher Mitauslöser von Krebserkrankungen. Auch den Verlauf der Erkrankung und den Behandlungseffekt kann starkes Übergewicht verschlechtern. Daraus lässt sich allerdings nicht pauschal ableiten, dass übergewichtige Krebspatienten generell abnehmen sollten. "Jede Krebserkrankung ist anders", unterstreicht Prof. Dr. med. Marc Martignoni, Oberarzt der Chirurgischen Klinik und Poliklinik im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und ebenfalls Leiter der Arbeitsgruppe. "Es kann durchaus mal zu einer ungewollten Gewichtszunahme kommen. Aber häufiger beobachten wir Patienten, die während der Tumorbehandlung an Gewicht verlieren und auf eine ausreichende Versorgung wichtiger Nährstoffe achten müssen, um nicht in eine Mangelernährung zu rutschen." Das TZM-Infoportal erklärt Ratsuchenden die komplexen Zusammenhänge einfach verständlich, gibt praktische Tipps und Antworten auf die häufigsten Fragen sowie konkrete Empfehlungen im Bereich der Ernährungstherapie. Alle Informationen beruhen auf aktuellen Leitlinien und den neuesten Studienerkenntnissen.

Beratungsangebote zur Ernährungstherapie bei Krebs

In den Medien und auf dem Markt befindlichen Ratgebern finden sich oft widersprüchliche Ernährungsbotschaften, die bei Betroffenen und Interessierten zu Verunsicherung führen können. Hinzu kommt, dass die Bezeichnung "Ernährungsberater" derzeit nicht geschützt ist und damit nichts über den tatsächlichen Kenntnisstand im Bereich der Ernährungstherapie aussagt. Daher setzt die Arbeitsgruppe "Ernährung und Krebs" bei ihrem Informationsangebot ausschließlich auf anerkannte und qualifizierte Experten innerhalb der Berufsgruppen der Diätassistenten, Oecotrophologen und Ernährungsmediziner. Auf dem Infoportal wird erläutert, woran Patienten eine qualifizierte Ernährungsberatung erkennen, wie sie diese in Anspruch nehmen können und wie es beispielsweise mit einer Kostenübernahme durch die Krankenkasse aussieht. Unter dem Stichwort Beratersuche sind rund 20 qualifizierte Beratungsstellen im Raum München verzeichnet - ambulant und stationär. Zusätzlich bietet das TZM-Infoportal eine Auflistung von seriösen Institutionen und Berufsverbänden, die eine bundesweite Suche nach anerkannten Ernährungsfachkräften anbieten.

(pr-gateway/www.zweitblick.com, 13.4.16)

 

 

 

Wie viel soll man über Krebs reden?

Nur ein Drittel des Diagnosegesprächs dringt zum Patienten durch.

Nur knapp ein Drittel der Informationen eines Diagnosegesprächs dringt zu Krebspatienten durch, der Rest geht in dieser Schocksituation unter. Darauf machten Freitagvormittag Experten bei einer Pressekonferenz anlässlich einer Tagung in Wien ("Onkologische Wintergespräche") aufmerksam.

20.000 Diagnose-Gespräche

Ein Onkologe übermittel in seinem Berufsleben zirka 20.000 Mal die Diagnose Krebs. "Von der Qualität des Arzt-Patienten-Gesprächs und dem menschlichen Verhältnis zwischen dem Patienten und seinen Pflegepersonen hängt zu einem guten Teil der Erfolg der Behandlung ab", sagt der Onkologe Univ.-Prof. Hellmut Samonigg, designierter Rektor der MedUni Graz und Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin am Klinikum Graz. "Eine Krebserkrankung ist nicht nur mit körperlichen Problemen, sondern auch mit einer massiven Verunsicherung, mit existenziellen Ängsten und großen Sorgen verbunden - und gerade das sind die Belastungen, die eine offene Kommunikation erschweren."

Schlüsselrolle

Aber gerade in den vergangenen 15 Jahren habe sich die onkologische Kommunikation stark weiterentwickelt. Reden über Krebs nehme heute eine Schlüsselrolle ein und trage dazu bei, das möglichst viele Krebspatientnen in dieser neuen Situation optimal beraten und betreut werden.

Angehörige schonen?

Ein großes Thema sei immer auch die Frage, wie weit man in der Familie über die Erkrankung spreche, sagt Elisabeth Andritsch, Gesundheitspsychologin und Psychotherapeutin der Klinischen Abteilung für Onkologie in Graz. "Dass man die Nächsten, die man liebt, schonen möchte, ist verständlich. Wenn aber weder über die Krankheit noch über die damit verbundenen Ängste und Anstrengungen gesprochhen wird, besteht die Gefahr einer emotionalen Distanz, die auf Dauer innerhalb der Familie zu Missverständnissen und Spannungen führen kann." Dennoch sollte man immer sorgfältig abwägen, in welchem Umfang man sein Umfeld an dieser Situation teilhaben lässt.

(KURIER, 15.1.2016, EM)

 

 

Krebs

Ruhig mal drinlassen

Jedes Jahr lassen sich rund 20.000 Deutsche die Schilddrüse entfernen. Weil Verdacht auf Krebs besteht. Endokrinologen hegen ernste Zweifel, ob eine Operation in jedem Fall notwendig ist.

Tatsächlich fand sich nach der Operation ein Krebsgeschwür in der Schilddrüse, knapp vierzehn Millimeter groß. Ein papilläres Karzinom, so wurde es dem Familienvater dann erklärt, aber niemand hatte ihn vorgewarnt: Mit Tumor und Drüse verschwanden gleichzeitig Lebenskraft und Wohlbefinden. Denn die von der Schilddrüse produzierten Hormone kontrollieren im Körper Stoffwechsel, Energieumsatz und Wärmeproduktion.

Die künstlichen Hormone, die er nun ein Leben lang einnehmen muss, ersetzten die körpereigenen eher schlecht als recht. Der zuvor gesunde Mann fühlte sich nun müde und schlapp, die Muskeln brannten bei der kleinsten Anstrengung, der Darm spielte verrückt. „Dafür, dass mir versprochen wurde, man könne heute auch ohne Schilddrüse problemlos leben, fand ich das ganz schön langwierig“, klagt er. Fast drei Jahre lang litt er stark unter den Folgen. Und weil die Nachbehandlung mit radioaktivem Jod zudem seine Zeugungsfähigkeit einschränkte, konnten er und seine Frau sich einen weiteren Kinderwunsch nur mit medizinischer Hilfe erfüllen.

Keine andere Tumorform hat sich so schnell vermehrt

Ähnliche Erfahrungen machen in Südkorea zahlreiche Patienten. Schilddrüsenkrebs gilt dort inzwischen als Massenphänomen. Jährlich wird dort bei mehr als 40.000 Menschen ein Karzinom in der Schilddrüse entdeckt. Damit hat sich die Zahl der Fälle seit Anfang der 1990er Jahre verfünfzehnfacht. Bei fast allen Patienten wird zumindest die halbe Schilddrüse entfernt. In den Vereinigten Staaten ist die Statistik nicht weniger besorgniserregend, dort ist die Zahl der Fälle innerhalb von dreißig Jahren um das Dreifache gestiegen.

Keine andere Tumorform habe sich ähnlich schnell vermehrt, sagt Louise Davies vom Dartmouth Institute for Health Policy and Clinical Practice. Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin aus Hanover im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire wollte wissen, warum, und sie fand anhand eines seit 1973 geführten Registers des National Cancer Institutes mit Daten zu Epidemiologie, Wohnbezirk und Behandlung heraus, dass nicht alle Menschen im gleichen Maße von der Krankheit betroffen sind. Besonders häufig entdeckt wird der Tumor bei besser ausgebildeten, besser verdienenden und medizinisch besser versorgten Amerikanern.

Suche nach potentiellen Tätern

Vergeblich suchte Davies nach äußeren Ursachen, etwa krebsbegünstigenden Umwelteinflüssen, die eine solche Schilddrüsenkrebs-Epidemie, wie sie es nennt, erklären könnten. Zwar kann radioaktive Strahlung die Entstehung von Schilddrüsentumoren begünstigen, vor allem bei Kindern. Die Strahlenbelastung der Allgemeinbevölkerung hat sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten kaum geändert, nur die Röntgen- und CT-Untersuchungen haben zugenommen. Aber die hierbei aufgenommenen Dosen sind zu gering, als dass sie die Epidemie verursachen könnten, und für andere Faktoren, die vielleicht Einfluss hätten, wie etwa Östrogen, Übergewicht oder eine nitratreiche Ernährung, besteht kein näherer Verdachtsmoment.

Bleibt nur ein potentieller Täter: die Medizin selbst. „Wir operieren vor allem deshalb mehr Schilddrüsen-Tumoren, weil wir sie früher und häufiger entdecken“, sagt Davies. So beklagen die Südkoreaner ihre höhere Krebsrate erst, seit sie sich dank eines nationalen Screeningprogramms häufiger auf diese Karzinome untersuchen lassen. In den Vereinigten Staaten und in Europa sind verdächtige Knoten dagegen eher Zufallsfunde. Weil die Ultraschallgeräte sensibler werden, stoßen Ärzte bei der Routineuntersuchung von Hals oder Halsschlagader auf kleinste Knoten. Populär sind auch CT- oder Kernspinaufnahmen dieser Körperregion, und so findet sich in jedem sechsten Bild ein verdächtiger Fleck als Nebenbefund.

Zahl der Todesfälle durch Schilddrüsenkrebs kaum gesunken

Ein Fortschritt könnte man meinen. Aber den Patienten ist mit der Behandlung offenbar wenig geholfen: Obwohl die Drüsen nun häufiger entfernt werden, ist die Zahl der Todesfälle durch Schilddrüsenkrebs kaum gesunken. Für Louise Davies gibt es nur eine Erklärung: „Dass es den meisten Patienten nicht hilft, wenn man einen solchen Tumor entfernt.“ Auch ohne diese Behandlung hätte er ihnen wohl nie geschadet.

Bereits 1947 legte der amerikanische Endokrinologe Willard P. Vander Laan im New England Journal of Medicine dar, dass man mit einem Schilddrüsenkrebs durchaus alt werden kann. Er war in Gewebeproben von Autopsien immer wieder auf Karzinome gestoßen, die jedoch selten den Tod verursacht hatten. Knapp vierzig Jahre später machte sich der argentinische Mediziner Rubén Harach mit Kollegen am Universitätsklinikum in Helsinki die Mühe, in den unauffällig wirkenden Schilddrüsenlappen von einhundert Toten systematisch nach Knoten zu suchen. Bei gut einem Drittel wurden sie fündig. Sie stießen vor allem auf sehr kleine, papilläre Krebsgeschwüre. Unabhängig vom Alter der Verstorbenen glichen sich die Tumoren in Größe und Häufigkeit, was den Pathologen zu zwei Annahmen brachte. Entweder hatte sich der Krebs schon früh im Leben der Betroffenen gebildet und anschließend das Wachstum eingestellt. Oder die Geschwüre waren immer wieder von selbst verschwunden und an anderer Stelle neu entstanden. Egal, welche Erklärung stimmte, die Konsequenz war stets die gleiche: Derartig kleine Tumoren waren offensichtlich ungefährlich. „Sie sollten daher auch nicht behandelt werden“, lautete das Fazit damals in den achtziger Jahren.

Nach 20 Jahren leben noch 99 Prozent der betroffenen Patienten

Auch in Deutschland hat sich die Zahl der Betroffenen seit 1980 mehr als verdoppelt. Jedes Jahr verlieren rund 20.000 Patienten aufgrund eines Tumorverdachts ihre Schilddrüse oder zumindest einen Teil davon. Ob das Organ entfernt wird oder nicht, hängt verblüffenderweise auch vom Wohnort ab. Im bayerischen Landshut zum Beispiel war das Risiko in den Jahren 2009 bis 2013 16 Mal größer als im thüringischen Gera. Ein gravierender Unterschied, der sich nur dadurch erklären lässt, dass die Ärzte in Südbayern bei einem geringeren Krebsverdacht zum Messer greifen. „Ich gehe davon aus, dass auch in der Bundesrepublik in zunehmendem Maße etwas diagnostiziert und operiert wird, das auf die Lebenserwartung der Patienten keinerlei Einfluss hat“, sagt Ralf Paschke, der gerade von der Universität Leipzig als Direktor der Endokrinologie an die Universität von Calgary in Kanada gewechselt ist. Dass immer häufiger operiert wird, sieht er kritisch.

Zwar kann eine Schilddrüsenoperation manchen Patienten das Leben retten: Bestimmte Krebsarten wie das anaplastische Karzinom, das ungefähr ein Prozent dieser Drüsentumoren ausmacht, sind derart gefährlich, dass sie so schnell wie möglich entfernt werden müssen. In die Höhe schossen die Krebsdiagnosen in Asien, Amerika und Europa aber fast ausschließlich deshalb, weil mehr kleine, papilläre Tumoren entdeckt wurden. Diese gelten als harmlos, insbesondere die Mikrokarzinome, die höchstens einen Zentimeter im Durchmesser messen. Nach zwanzig Jahren leben noch 99 Prozent der betroffenen Patienten, wie Studien zeigen.

Kritik an der OP

Gerade in solchen Fällen ist es nicht unbedingt empfehlenswert, die Schilddrüse zu entfernen, wie Mediziner am Kuma Hospital im japanischen Kobe vor ein paar Jahren nachweisen konnten. Die Ärzte hatten 300 Patienten durchschnittlich fünf Jahre lang beobachtet, nachdem sie sich gegen eine Operation entschieden hatten. Ergebnis: 90 Prozent der Karzinome blieben unverändert, in drei Prozent der Fälle waren sie sogar geschrumpft. Nur jeder zwanzigste Teilnehmer dieser Studie musste doch noch operiert werden, weil die Knoten wuchsen oder Metastasen gestreut hatten. „Für die Mehrzahl der Betroffenen scheint es tatsächlich ein Vorteil zu sein, wenn man abwartet, statt zu operieren, und den Tumor engmaschig überwacht“, beurteilt der Schilddrüsenexperte Paschke das Risiko solcher Mikrokarzinome.

Die meisten Ärzte in Deutschland sehen das anders. Viel zu selten werde bei der Entdeckung eines verdächtigen Knotens gründlich geprüft, ob sich denn tatsächlich bösartige Zellen in dem vermeintlichen Tumor befinden, kritisiert der Chirurg Peter Goretzki, Chefarzt am Lukaskrankenhaus in Neuss: „Stattdessen verfahren viele Kollegen nach dem Motto: ,Wir nehmen das Organ lieber heraus, dann können wir nachträglich ja sehen, ob Krebszellen darin zu finden sind.‘“ Die Krankengeschichte von Michael A., dessen Leben vor sieben Jahren durch den Eingriff auf den Kopf gestellt wurde, ist beispielhaft dafür, was einem Patienten mitunter blühen kann. Wenn Knoten etwa auf bloßen Verdacht hin entfernt werden, selbst wenn sie gutartig sind, was regelmäßig passiert. Dabei fände man die bei jedem fünften Deutschen, sagt Goretzki, im Rentenalter sogar bei jedem zweiten. Und 99 Prozent davon seien harmlos, bedürften meist keiner Therapie.

Der Eingriff ist nicht ungefährlich

Vor drei Jahren hat Ralf Paschke anhand von Abrechnungsdaten der AOK zu 25 600 Patienten überprüft, inwieweit Endokrinologen den Krebsverdacht diagnostisch erhärten, bevor sie operieren. „Nur bei einem Fünftel der Patienten wurde zuvor die ganze Palette der Untersuchungsmöglichkeiten ausgenutzt - das ist eigentlich beschämend“, fasst Paschke seine 2013 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie zusammen. Er hatte ermittelt, dass der wichtigste Test - die Untersuchung einer Gewebeprobe - zu selten eingesetzt wird, viel zu häufig dagegen die Szintigraphie mittels Radionukliden. Aber diese nütze wenig, wie Paschke erläutert: Die Spezifität dieser Methode sei zu gering, um daraus sichere Diagnosen abzuleiten und Aufschluss über die Malignität zu erhalten, also zu klären, ob es sich um einen bösartigen Tumor handelt. Und nicht selten, sagt Paschke, werde die Operation nachträglich gerechtfertig, weil ein Mikrokarzinom an ganz anderer Stelle im Organ gefunden worden sei. Mit der ursprünglichen Indikation hatte dieser zufällige Fund aber nichts zu tun.

Dabei ist der Eingriff nicht ungefährlich. Einer von hundert Patienten leidet nach Auskunft von Henning Dralle, Direktor der Chirurgie am Universitätsklinikum in Halle, anschließend unter einer dauerhaften Stimmbandlähmung. Und immerhin jeder Zweite klagt anschließend über Stimmprobleme. Sechs Prozent der Operierten verlieren außerdem ihre Nebenschilddrüsen und müssen erleben, dass ihr Kalziumstoffwechsel außer Kontrolle gerät.

Kein richtiger Krebs

Dennoch trauen sich mehr als tausend Kliniken und somit die Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland diesen Eingriff zu, was Fachleute anmahnen. Gerade in kleineren Häusern mit weniger als 300 bis 500 Operationen pro Jahr sei die Rate der Komplikationen oft deutlich höher als in spezialisierten Zentren, sagt Paschke: „Den Chirurgen fehlt es häufig an der nötigen Routine.“ Abgesehen davon weist Peter Goretzki noch auf einen anderen Grund hin, warum Patienten skeptisch sein sollten: Wenn in einer Klinik beispielsweise nur zwanzig bis dreißig Schilddrüsen im Jahr operiert werden, habe man dort weder die Erfahrung noch den Wunsch, mit großem Einsatz diejenigen Patienten aufzuspüren, die überhaupt keine Operation brauchen.

Abwarten dürfte bei einem Mikrokarzinom-Verdacht in den allermeisten Fällen die bessere Alternative sein. Dass sich die Betroffenen davon überzeugen lassen, hält Ralf Paschke allerdings für unwahrscheinlich: „Wenn Sie einem Patienten hierzulande sagen, er hätte Krebs, dann will er diesen Krebs auch loswerden, egal wie gefährlich der Tumor ist.“ Die Angst wiegt schwerer. Um sie zu entkräften, verfiel Rubén Harach, der als Pathologe in Argentinien die Diagnostik beeinflusste, schon Mitte der 1980er Jahre auf eine interessante Idee: Ein Krebs, der kein richtiger Krebs sei, müsse schließlich auch nicht Krebs heißen. Harach riet zur Umbenennung.

(FAZ, 26.03.2016, Michael Brendler)

 

 

 

Kampf gegen Krebs: mehr neue Medikamente als je zuvor

Seit über 30 Jahren forscht der Berliner Mediziner Prof. Ulrich Keilholz?(58) zu Krebs. Warum gerade im Winter viele Menschen der Krankheit erliegen, hat einen einfachen Grund.

Prof. Ulrich Keilholz?(58) leitet das Comprehensive Cancer Center der Charité. Seit über 30 Jahren forscht der Mediziner zu Krebs und ist parallel dazu klinisch tätig. Er kennt beides: den praktischen Umgang mit Patienten, für die es um Leben oder Tod geht, und die theoretische Arbeit in der Forschung, wo es oft Jahrzehnte dauert, ehe ein Medikament zugelassen werden kann.

Wer die Theorie kennt, kann die Praxis erst richtig verstehen. So gebe es für die vielen Todesfälle im Zusammenhang mit Krebs in den Wintermonaten einen ganz einfachen Grund, sagt Keilholz. „Die vielen Erreger, die jetzt im Umlauf sind, belasten das ohnehin schon sehr schwache Immunsystem von Krebs-Patienten im Endstadium“, sagt er (Lesen Sie auch: 8000 Berliner sterben jedes Jahr an Krebs).

In den drei Jahrzehnten, in denen Keilholz als Onkologe tätig ist, hat sich das Feld stark entwickelt. Viele Arten von Krebs, die früher nicht oder nur sehr eingeschränkt behandelt werden konnten, stellen heute kein Todesurteil mehr dar. „Einer der größten Fortschritte in der Krebsforschung in den vergangenen 30?Jahren ist die Entdeckung von Immuncheckpoint-Inhibitoren. Damit kann man viele Krebsarten zielgerichtet behandeln, was früher nicht möglich war“, sagt Keilholz.

Der Behandlungsansatz ist ganzheitlicher geworden. So helfen heute Psycho-Onkologen den Patienten dabei, die Krankheit auch seelisch zu bewältigen. Oft stellt die Diagnose Patienten auch vor organisatorische Herausforderungen, die einen Kranken zusätzlich belasten. „Das Comprehensive Cancer Center bietet eine Krebs-Hotline an, über die Patienten den richtigen Experten für ihre jeweilige Erkrankung finden können. Im Jahr?2015 haben wir 7500?Anfragen bekommen“, sagt Keilholz.

Momentan tue sich auf dem Feld der Forschung so viel, dass es für die Praxis manchmal schwer sei, das Tempo mitzutragen. „Gegenwärtig werden so viele neue Medikamente zugelassen, dass wir mit der Behandlung und den Studien kaum hinterherkommen.“ Auch die Finanzierbarkeit von Fortschritt sei ein Thema, das immer präsenter werde und das man diskutieren müsse. Bei Nischen-Präparaten seien hohe Preise eher zu rechtfertigen, sagt Keilholz. Bei Mitteln, die vielen helfen, nicht. „Problematisch finde ich, wenn ein Medikament, das sehr wirkungsvoll ist und über viele Jahre angewendet werden muss, zu teuer ist“, sagt er.

Neue und sanftere Therapie-Methoden geben vielen Patienten Hoffnung

Dass der Krebs-Horror etwas von seinem Schrecken verliert und neue Behandlungsmethoden auf den Markt kommen, wünschen sich viele. Und tatsächlich gibt es gegenwärtig eine regelrechte Flut neuer Medikamente. Doch nicht alle sind wirksam und sicher.

Eine der wichtigsten Neuigkeiten auf dem Arzneimittelmarkt sind die sogenannten „Checkpoint-Inhibitoren“. Dazu zählt zum Beispiel das Medikament Nivolumab, das besonders in der Behandlung von Lungenkrebs und Nierenzellkarzinomen verwendet wird.

Diese Mittel hemmen Signalwege auf den Zellen und lenken das Immunsystem auf die Tumorzellen. Damit hat das Körperabwehrsystem die Möglichkeit, den Tumor zu attackieren.

Auch sanftere Chemotherapien, die bei Brustkrebs zum Einsatz kommen, haben in Studien Wirkung gezeigt. Doch diese verträglichere Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie ist teuer und die dafür benötigten Geräte stehen nur in wenigen Kliniken.

Verfahren wie die Hyperthermie können die Wirksamkeit konventioneller Therapieformen verstärken. Dabei wird der Körper von Krebspatienten in einen fieberähnlichen Zustand versetzt. Die Wärme aktiviert Hitzeschock-Proteine an der Außenwand der Tumorzellen. Diese kann das körpereigene Immunsystem erkennen und angreifen.

Auch chirurgische Behandlungswege haben sich weiterentwickelt: Es gibt das Cyberknife, einen Operationsroboter, mit dem Ärzte durch Photonenstrahler im Körper operieren können. Photonen beschädigen die DNA von Zellen, sie können sich dann nicht mehr teilen. Gutartige Tumore vernarben, bösartige zerfallen.

Heute gibt es auch sanftere Formen der Bestrahlung. Bei der intraoperativen Elektronen-Radiotherapie wird das Tumorbett per Linearbeschleuniger bestrahlt, bevor die Wunde nach einer OP geschlossen wird.

(B.Z., 17.1.16, Sarah Borufka)

 



Krebs-Op

Gut informiert - schneller fit

Neue Studie der Charité: Vor allem ältere Krebspatienten profitieren nach einer Op vom Hintergrundwissen über ihre Krankheit.

BERLIN. Wer mehr über seine Krebserkrankung weiß, erholt sich nach einem operativen Eingriff leichter. Das gilt besonders für ältere Patienten, wie eine Studie der Charité zum sogenannten "Patienten-Empowerment" nun gezeigt hat.

Patienten-Empowerment unterstützt Patienten dabei, an ihrer Genesung und Rehabilitation aktiv mitzuwirken. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt eine gute Information der Patienten.

In der aktuellen von der Deutschen Krebshilfe geförderten Charité-Studie haben Forscher um die Anästhesistin und Intensivmedizinerin Professor Claudia Spies belegt, dass ältere Krebspatienten nach schweren Eingriffen von zusätzlicher genesungsfördernder Information profitieren.

Patienten-Empowerment kann demnach zu besseren Rehabilitationsergebnissen und damit zu mehr Lebensqualität führen. Gute Informationen über Verhaltensweisen vor und nach einer Operation helfen, Komplikationen und längere Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

 Das ist laut Charité umso wichtiger, weil sich ältere Krebspatienten nach schweren operativen Eingriffen nicht so leicht erholen wie junge Patienten.

Im Rahmen der Studie wurden Patienten über 65 Jahre, die sich einer großen Krebsoperation unterziehen mussten, in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Interventionsgruppe erhielt eine Broschüre mit Informationen rund um das Verhalten an den Tagen vor und nach der Operation und Tipps zur aktiven Beteiligung an der Genesung.

Zudem sollten die Patienten ein Tagebuch über den Behandlungszeitraum führen. Die Kontrollgruppe bekam keine zusätzlichen Infos. Deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen stellten die Forscher vor allem bei postoperativen Schmerzen fest.

Die Negativfaktoren: "Eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit oder ein schlechter Ernährungsstatus haben neben der Schwere und Länge einer Krebsoperation entscheidenden Einfluss auf den kurz- und langfristigen Erfolg eines Eingriffs bei älteren Patienten", so Spies.

Wer vor der Op stark eingeschränkt war, zeigte geringere Akzeptanz und weniger Mitwirkung bei der Umsetzung von Patienten-Empowerment-Angeboten.

(Ärzte Zeitung online, 23.11.15)

 

 

Internet-Portal hilft jungen Krebskranken

Sie hat den Krebs besiegt, der Kampf geht aber weiter

Als der aggressive Tumor entdeckt wurde, steckte Judy (28) aus Wedding mitten im Tiermedizin-Studium. Sie besiegte die Krankheit und will nun mit einem Internet-Portal andren Krebs-Patienten helfen.

Als der sehr seltene und aggressive Tumor entdeckt wurde, steckte Judy?W.?(28) aus Wedding mitten im Tiermedizin-Studium. Und trotz Operation, Chemotherapie und Bestrahlung ist sie nun dabei, diese Arbeit abzuschließen.

Doch ihr Kampf geht weiter: Gemeinsam mit Ärzten, Fachleuten und anderen Betroffenen unterstützt sie die neue Internet-Plattform der Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Das Krebsportal?(www.junges-krebsportal.de) hilft von Berlin aus Betroffenen in ganz Deutschland.

„Ich war plötzlich aus allem herausgerissen“, erzählt Judy?W., „neben der großen emotionalen Belastung musste ich so vieles selbst regeln – es ist nicht so, dass die Krankenkasse kommt und einem sagt, was sie alles unterstützt. Niemand sagt einem, dass man als Krebskranker einen Schwerbehindertenausweis beantragen kann, zeitweise Berufsunfähigkeitsrente, vielleicht zeitweise Arbeitslosengeld.“

Viele Betroffene, die während der Ausbildung erkranken, sind akut von Armut bedroht, weil sie noch keinen Rentenanspruch haben, keinen Abschluss schaffen. Judy?W. hatte Glück: Ihr Chef hat ihr ihre Stelle freigehalten, sodass sie nach Abschluss der Therapie zurückkehren konnte. „Die Krankheit hat mir vor Augen geführt, wie wichtig die Forschung ist.“ Ihre persönliche Geschichte erzählt sie in einem Blog: www.krebstierchen.de

Auf der neuen Plattform sollen Erkrankte auch persönliche Fragen und Sorgen besprechen können. Prof. Mathias Freund, Krebsspezialist und Vorsitzender des Stiftungskuratoriums: „Etwa 15.000 junge Erwachsene erkranken jedes Jahr an Krebs. Ihnen wollen wir helfen!“

 (B.Z., Berlin, 25.11.15, Uta Stiller)

 

 

Die Heilung von Laylas Krebs ist "fast ein Wunder"

Chemotherapie, Knochenmarkstransplantation – nichts konnte der heute einjährigen Layla aus England helfen. Dann entschieden sich die Ärzte und Eltern, etwas völlig Neues zu versuchen.

Layla Richards war erst 14 Wochen alt, als die Ärzte akute lymphoblastische Leukämie diagnostizierten: Blutkrebs. Sie setzten das Baby einer Chemotherapie aus, transplantierten Knochenmark – Behandlungen, die an die Substanz gehen. Die kleine Layla blieb stark. Doch der Krebs kehrte zurück. Jeden Tag sahen ihre Eltern, wie sehr das Baby unter seinen Schmerzen litt. Sie trafen eine unkonventionelle Entscheidung. Die Ärzte sollten ein neues Verfahren an dem kleinen Mädchen testen.

"Sie haben uns erklärt, dass sie für den Erfolg der neuen Methode nicht garantieren können", sagt Laylas 30-jähriger Vater Ashleigh Richards. Doch Alternativen gab es nicht mehr. Also beschlossen sie, es zu versuchen.

Von einem gesunden Spender entnahmen die britischen Ärzte Immunzellen und veränderten sie so, dass sie sicher transplantiert werden konnten. Im Anschluss kreierten sie aus diesen T-Zellen sogenannte UCART19-Zellen. Mit TALEN-Enzymen, einem Verfahren der Genchirurgie, entfernten sie bestimmte Rezeptoren aus den Zellen.

So stellten sie sicher, dass die Immunzellen nur die Leukämiezellen und nicht auch gesunde angriffen. Außerdem entfernten sie bestimmte Gene, um die Zellen unsichtbar für die Leukämiemedikamente zu machen. Anderenfalls wären sie womöglich im Körper zerstört worden.

Zwei Monate banges Warten

"Im Labor war diese Methode ausgesprochen erfolgreich", wird Waseem Qasim in einem offiziellen Statement des Londoner Great Ormond Street Hospitals zitiert. Der Forscher leitet die wissenschaftliche Erprobung des Verfahrens am University College in London. "Als ich hörte, dass es für dieses Kind keine Alternative mehr gab, dachte ich 'Warum versuchen wir es nicht mir UCART19-Zellen?'"

Einen Milliliter dieser im Labor erschaffenen Immunzellen spritzten die Ärzte der kleinen Layla. Dann isolierten sie das Kind für einige Wochen, während die Zellen – so hofften sie – den Krebs bekämpften. Zwei Monate bangten die Eltern um das Leben ihrer Tochter, dann kam die erlösende Nachricht: Sie hatte es geschafft. Die Designerzellen hatten alle Krebszellen zerstört.

Damit Layla wieder vollständig gesund werden kann, transplantierten die Ärzte im Anschluss erneut Knochenmark. Was sie besonders freute: Laylas Immunsystem sprang tatsächlich wieder an – und zerstörte die UCART19-Zellen. Es sind also keine Spuren der Genveränderung mehr in ihrem Körper zurückgeblieben.

Das heute einjährige Mädchen ist mittlerweile wieder zu Hause und erholt sich von den großen Strapazen all der Behandlungen. Sie muss noch regelmäßig zu Untersuchungen ins Krankenhauses. Aber sie lebt. Es ist das erste Mal, dass Genome Editing, also das Entfernen von DNA mit biochemischen Verfahren, ein Menschenleben gerettet hat.

Für den behandelnden Arzt Paul Veys grenzt die Heilung des kleinen Mädchens "fast an ein Wunder". Der Krebs sei "derart aggressiv" gewesen, dass er und sein Team an eine Genesung kaum glauben konnten.

"Was wir bei diesem Kind erreicht haben, ist atemberaubend"

Waseem Qasim, der Immunologe, spricht von einem "Meilenstein". Zugleich warnt er aber auch, allzu optimistisch zu sein: "Wir haben bisher nur ein kleines, sehr starkes Mädchen behandelt", sagt er, "und sollten deshalb vorsichtig sein, es als eine geeignete Methode für alle leukämiekranken Kinder zu bezeichnen."

Anfang 2016 wollen die Ärzte und Wissenschaftler in London mit einer groß angelegten klinischen Erprobung des Verfahrens beginnen. Sie soll nicht nur zeigen, ob es auch bei anderen Patienten funktioniert, sondern auch sicherstellen, dass die Genveränderung der Immunzellen nicht im Körper weitergegeben wird – und dass die Zellen für alle Patienten gut verträglich sind.

Vor der französischen Biotechfirma Cellectis, die UCART19 gemeinsam mit den Ärzten der Londoner Klinik und den Forschern um Qasim entwickelt hat, haben bereits andere große Unternehmen Tests mit genetisch modifizierten Immunzellen durchgeführt. Allerdings entnahmen sie immer Immunzellen des Patienten selbst. Das bei Layla angewandte Verfahren hat hingegen Potenzial, bei vielen Patienten zum Einsatz zu kommen. Denn die Immunzellen stammten von einem gesunden Spender.

"Was wir bei diesem einen Kind erreicht haben, ist atemberaubend", sagt Qasim. "Wenn wir es wiederholen können, ist das ein riesiger Fortschritt in der Behandlung von Leukämie und auch anderen Krebsarten."

(Die Welt, 6.11.15, Teresa Nauber mit AFP)

 

 

 

Krebs-Ärzte warnen vor Versorgungslücken

Die Zahl der Krebserkrankungen nimmt pro Jahr um zwei Prozent zu – damit wächst auch der Bedarf an einer umfassenden Versorgung der Patienten. Um diese zu gewährleisten, wünschen sich Kliniken politische Unterstützung.

Stuttgart - Die Versorgung von Krebspatienten kann nach Ansicht von Krebsmedizinern deutlich verbessert werden. „Die Versorgungslücken zwischen den wenigen Onkologischen Spitzenzentren und den Tumorzentren in den kommunalen Kliniken sind zu groß“, sagt Gerald Illerhaus, Leiter des Tumorzentrums des Klinikums Stuttgart (Stuttgart Cancer Center – SCC), zum Ende der gemeinsamen Themenwoche mit unserer Zeitung. Damit sei eine wesentliche Aufgabe des Nationalen Krebsplans nicht erfüllt.

Knapp 500.000 Deutsche haben 2014 die Diagnose Krebs erhalten. „Die Patienten wollen und sollten auch wohnortnah eine hochwertige Therapie erfahren“, sagt Illerhaus. Zwar gibt es Beispiele, in denen sich Krankenhäuser für eine solche Versorgung vernetzt haben – etwa im Regierungsbezirk Augsburg. „Allerdings ist dies nur mit erheblichem zeitlichem und personellem Aufwand möglich“, sagt der Direktor des Interdisziplinären Cancer Center am Klinikum Augsburg, Martin Trepel.

"Es fehlt ein politisches Mandat"

Unterstützung erhalten die Kliniken von der Deutschen Krebshilfe. Deren Chef, Gerd Nettekoven, sagte: „Es fehlt ein politisches Mandat, damit die medizinische Zusammenarbeit in der Fläche besser finanziert wird.“ Winfried Plötze, Chef der Barmer GEK in Baden-Württemberg, lobte die gute Behandlungsqualität.

In der Krebstherapie gebe es Leuchttürme wie die Unikliniken. Kritisch äußerte er sich zum „Hochrüsten“ kleinerer Kliniken in der Strahlentherapie. Teure Großgeräte sollten vor allem in großen Häusern stehen, wo Spezialisten fachübergreifend zusammenarbeiten.

Nach einer jüngsten Studie zur Brustkrebstherapie steigt die Behandlungsqualität mit den Fallzahlen. Kliniken mit vielen Patientinnen schneiden besser ab, weil sie wissenschaftliche Leitlinien besser umsetzen.

(Stuttgarter Nachrichten, 20.9.15, Willi Reimers)

 

 

 

Krebs treibt viele Menschen in die Armut

Eine schwere Erkrankung wie Krebs kann Menschen in die Armut treiben. Neuen Studien zufolge hat jeder dritte bis vierte Krebspatient mit finanziellen Engpässen zu kämpfen.

Krebs und Armut: Mediziner sprechen von einer alarmierenden Entwicklung

Krebs ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Viele Betroffene kämpfen aber nicht nur gegen den Feind in ihrem Körper, sondern auch um ihr wirtschaftliches Überleben. Denn neben Einkommensverlusten müssen Betroffene auch höhere Ausgaben etwa durch Zuzahlungen oder benötigte Alltagshilfen verkraften. Einer bislang unveröffentlichten Studie der German Hodkin Study Group zufolge klagen bis zu 35 Prozent der Patienten mit Lymphdrüsenkrebs nach ihrer Heilung über finanzielle Probleme. Das berichtete das ARD-Politikmagazin "Report Mainz" in der Sendung am 23. Juni. In der zitierten Studie aus 2014 wurden über 1.000 Patienten befragt. Dass es Brustkrebspatientinnen ähnlich ergeht, zeigt eine weitere Langzeitstudie der Universität Heidelberg und der Medical Association of Saarland: Demnach leiden 25 Prozent der älteren Patientinnen unter Geldsorgen. Aber auch jüngere im Alter zwischen 18 und 49 Jahren klagen dreimal so häufig über finanzielle Engpässe wie gesunde Altersgenossinnen.

Finanzielle Sorgen überschatten Genesung

"Wenn wir Zahlen sehen, dass ein Viertel bis ein Drittel der Patienten Jahre nach einer Krebserkrankung unter finanziellen Problemen leiden, dann ist das ein riesiges Problem. Das wird so nicht wahrgenommen", sagte Onkologe Prof. Bernhard Wörmann von der Charité im Interview mit "Report Mainz". Das sei eine alarmierende Entwicklung und eine sehr eigene belastende Dimension für Patienten. "Wir sehen, dass Patienten manchmal sogar durch die finanziellen Probleme stärker belastet sind kurzzeitig als durch die Krankheit selbst. Die Sorge, wie es der Familie weitergeht, wie man selbst über die Runden kommt, überlagert dann das Problem, was wir für wichtiger halten, nämlich des Gesundwerdens“, so der Krebsmediziner aus Berlin.

Um die abstrakten Studiendaten mit Beispielen zu füttern, wurden in der Sendung mehrere Betroffene nach ihren Einkommensverlusten befragt. Besonders krass wirkte sich die Krebserkrankung bei einem selbstständigen Tischler aus. Der 60-Jährige muss heute auf 70 Prozent seines Einkommens verzichten und mit 300 Euro über die Runden kommen.

Immer mehr Menschen überleben ihren Krebs

Aus Sicht des Chefarztes der Marburger Reha-Klinik Sonnenblick Dr. Ulf Seifart ist das Problem der Verarmung von Krebspatienten relativ neu. "Patienten können in einem zunehmenden Maße ihre Krebserkrankung ganz überleben und dadurch Probleme entwickeln, die wir viele Jahre gar nicht gesehen haben ", zitiert ihn der „Report Mainz.  Darauf müsse sich das Gesundheitssystem erst einmal einstellen. Der Mediziner plädierte für eine längere Auszahlung des Krankentagegelds, das augenblicklich nach 78 Wochen endet. Der tatsächliche Bezug ist aber meist sehr viel kürzer, weil auf diese Dauer Reha- und/oder Wiedereingliederungszeiten in den Arbeitsmarkt mit angerechnet werden. „Gerade bei so langwierigen Therapieverläufen würde es den Patienten helfen, wenn das Krankengeld dann etwas länger gezahlt würde", sagte Reha-Arzt Ulf Seifart. Eine weitere Lösungsmöglichkeit bestünde im Ausbau einer unabhängigen Beratung für die Patienten – einem Lotsen, der frei von finanziellen Interessen der sozialen Sicherungssysteme wie Kranken- oder Rentenkassen sei.

Auch Onkologe Wörmann von der Charité hält unabhängige Berater für eine gute Sache. „Aber es muss ein qualifizierter Lotse sein und es muss dafür auch ein bestimmtes Curriculum da sein, was so ein Lotse leisten muss“, sagte Wörmann dem Report Mainz. „Wichtig ist, dass es eine objektive und hochqualifizierte sozialmedizinische Beratung gibt.“

(Gesundheitstadt Berlin, 30.6.15, Beatrice Hamberger)

 

Neue Website informiert über komplementäre Therapien bei Krebs

Nürnberg (dpa/lby) - Eine neue Internetseite soll künftig über etwa 50 ergänzende Heilverfahren und –mittel informieren, sagte Markus Horneber vom Klinikum Nürnberg am Donnerstag. Erstellt wurde die Datenbank vom Kompetenznetzwerk Komplementärmedizin in der Onkologie (Kokon), das von der Deutschen Krebshilfe gefördert wird.

Das Bedürfnis der Patienten nach solchen gesicherten Informationen sei groß. Doch selbst viele Ärzte seien mit diesen Fragen noch oft überfordert. Spätestens im Juni soll die Datenbank über die Kokon-Website (www.kompetenznetz-kokon.de) verfügbar sein.

 

 

Krebs-Skandal:

Jeder 4. Patient stirbt an Mangel-Ernährung!

„Mehr als 25 Prozent der Krebspatienten in Deutschland versterben nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern an den Folgen einer Mangelernährung“, erklärt Prof. Dr. med. Arved Weimann die aktuelle Situation in der Onkologie. Das sind über 50.000 Todesfälle pro Jahr. Weimann ist Experte für Ernährung bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und Chefarzt am Klinikum St. Georg in Leipzig.

Neben Weimann sieht auch die Deutsche Krebsgesellschaft Handlungsbedarf. So bestätigt Dr. Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin in der Onkologie (PRiO): „Ernährung ist in allen Phasen für Krebspatienten – aber auch bereits in der Prävention – von hoher Relevanz.“ Trotzdem findet Berichterstattung durch etablierte Medien zu diesem Thema nicht statt.

Was zunächst klingt wie ein schlechter Scherz, ist in Fachkreisen durchaus bekannt. Bereits 2010 konstatierte das DEUTSCHE ÄRZTEBLATT:

„Unter- und Mangelernährung ist in deutschen Krankenhäusern ein häufiges und zunehmendes Problem mit wissenschaftlich gut belegten signifikanten medizinischen und ökonomischen Folgen, die für unser Gesundheits- und Sozialsystem ein mindestens gleichwertig relevantes Problem wie die bekannten Folgen von Übergewicht und Adipositas darstellen.“

Dieser drastische Vergleich gibt einen Ausblick auf die Tragweite des Themas. Die Gesellschaft leidet mit: finanziell, gesundheitlich, ethisch. Betroffen von Mangelernährung sind insbesondere Krebs-Patienten. Eine systematische Aufklärung der Betroffenen ist in diesem Kontext nötig, wird aber bisher nicht umgesetzt.

„Die Kollegen übersehen, was sie mit einer Ernährungstherapie für ihre Patienten tun können“

Im Fachmagazin „Der Onkologe“, dem offiziellen Organ der Deutschen Krebsgesellschaft, wurde bereits im Jahr 2008 klargestellt, „dass etwa ein Viertel aller Tumorpatienten an den Folgen der körperlichen Auszehrung durch Mangelernährung verstirbt“. Trotzdem werden bis heute in der Onkologie kaum Verfahren angewendet, um den Ernährungszustand von Patienten zu erfassen und zu behandeln.

„Die Kollegen fixieren sich oft auf die neuesten Antikörper und übersehen, was sie mit einer Ernährungstherapie für ihre Patienten tun können“, beschreibt Prof. Dr. med. Ulrich Mahlknecht die Situation. Mahlknecht ist Chefarzt der Onkologie und Hämatologie der St. Lukas Klinik in Solingen. „Das Problem ist, dass das Thema in den Köpfen der Kollegen nicht angekommen ist“, sagt Mahlknecht und führt an, dass es seines Wissens nur eine einzige Klinik in ganz Deutschland gebe, wo eine Ernährungsberaterin bei der Visite anwesend sei und ein Ernährungskonzept erstelle.

Über 50.000 Todesfälle pro Jahr

Krebs ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. Laut Statistischem Bundesamt sterben pro Jahr etwa 228.000 Menschen an Krebs. Tendenz steigend. Die Deutsche Krebshilfe schätzt die Neuerkrankungen mit Krebs für das Jahr 2014 auf eine halbe Million. Das bedeutet konkret: Weit über 50.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen mangelhafter Ernährung bei Krebs. – Sie verhungern buchstäblich.

Zum Vergleich: Durch mangelhafte Ernährung bei Krebs sterben demnach mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Suizide und Drogen zusammen.

Kaum Aufklärung durch Onkologen

Die deutlichsten Worte zum Thema findet Prof. Dr. Markus Masin. Er arbeitet am Universitätsklinikum Münster als Beauftragter für klinische Ernährung und leitet die Ernährungsmedizin am Zentrum für Krebsmedizin (CCCM). Darüber hinaus ist er Vorstand der Deutschen Stiftung gegen Mangelernährung (DSGME).

„Ein nicht aufgeklärter Patient kann auch nichts entscheiden“, beschreibt Masin die Situation. „Wenn jemand onkologisch erkrankt, erklärt der Onkologe ihm, welche Chemo er bekommt, mit welchen statistischen Wahrscheinlichkeiten der Heilung oder Lebenszeit“, so Masin, „aber er klärt nicht darüber auf, dass der Patient auch an Auszehrung sterben könne.“

Eine Ursache dafür, weshalb eine adäquate Beratung durch Onkologen fehle, ist laut PriO-Vorstand Hübner, dass die Kommunikation über das Thema ausbleibe: „Das Thema kostet Zeit. Derzeit gibt es aber im deutschen Gesundheitssystem nur eingeschränkte Möglichkeiten, dies gegenzufinanzieren.“

Sind veränderte finanzielle Anreize eine mögliche Lösung für das strukturelle Problem? „Ernährung ist Therapie und gehört zum gesamten Behandlungskonzept“, behauptet Masin und zeigt mit dem Finger auf den Gesetzgeber: „Ernährungsmedizinisches Screening muss gesetzlich verpflichtend als Voraussetzung eingeführt werden, um eine onkologische Therapie überhaupt einleiten zu können.“ Eine ausreichende Vergütung der Ernährungsmedizin sei entscheidend, erklärt dazu Hübner: „Ich habe wenig Zweifel, dass dann alle Einrichtungen ein Screening einführen würden. Außerdem brauchen wir dringend in der Ausbildung – sowohl der fachspezifischen Berufe als auch bei den Ärzten – evidenzbasierte Lehrinhalte.“

Das Problem mit der Evidenz

Ein vitales Problem hat die Ernährungsmedizin mit der medizinischen Forschung. Oder genauer: mit der Evidenzbasierten Medizin.

Hübner beschreibt es so: „Die Evidenz zu diesem Thema ist eingeschränkt, ziemlich diffus und sehr schwer zu beurteilen. Wir haben es häufig mit einem multifaktoriellen Geschehen zu tun, sodass eine einfache Zuordnung von zum Beispiel Ursache und Wirkung extrem schwierig ist.“

Gefordert sind randomisierte und kontrollierte Studien, sogenannte RCTs, die als „Goldstandard“ in der evidenzbasierten Medizin gelten. Das bedeutet: Die zu erforschende medizinische Behandlung – sei es ein Medikament oder eine andere Intervention – wird einer Patientengruppe gegeben. Eine vergleichbare Kontrollgruppe erhält ein Scheinmedikament oder eine Scheinbehandlung, damit ihre Daten mit der ersten Gruppe verglichen werden können.

„Randomisierte Doppelblind-Studien – sogenannte RCTs – kann es zu Mangelernährung bei Krebs nicht geben“, so Masin. „Würde man das vorschlagen, würde man das durch keine Ethikkommission kriegen. Denn jedes Kind weiß: Wer nicht isst, der verhungert. Unabhängig von Anforderungen an Evidenz in der Medizin“, behauptet Masin.

Mehr Öffentlichkeit

Warum das Thema nicht stärker in der Öffentlichkeit verhandelt wird, ist unverständlich. Seine Bearbeitung gehört zur gesellschaftlichen Kritik- und Kontrollfunktion, die Journalismus in modernen demokratischen Gesellschaften hat.

„Mehr Berichterstattung wäre auf jeden Fall begrüßenswert“, sagt Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft, „wir brauchen eine Öffentlichkeit, um bei den Patienten und ihren Angehörigen sowie bei den Behandlern das Thema präsent zu machen.“ Der mündige Patient könnte dann seine Interessen besser vertreten und seine Ärzte damit konfrontieren. Masin geht noch einen Schritt weiter: „Ich glaube, wenn wir das Thema der Mangelernährung bei onkologischen Patienten zu einem  Volksthema machen, und der Druck aus der Bevölkerung kommt, auch von Verbänden, dann müssen Politiker und Krankenkassen endlich reagieren.“

(pressefreiheit-in-deutschland.de, 15.4.15)

Anm.: Das "Onkoforum" bietet in Kooperation mit er Firma Medilog eine kostenlose Ernährungsberatung durch die Diplom-Ökotrophologin Corinna Bock an. Bitte vereinbaren Sie einen individuellen Termin in unserem Büro.

 

 

Krebs

Antikörper ist subkutan besser verträglich

NEUHERBERG. Die Behandlung bei Tumoren mit multispezifischen Antikörpern ist wesentlich besser verträglich, wenn diese unter die Haut statt, wie bisher üblich, ins Blut gegeben werden. Das fanden Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München (HMGU) in Kooperation mit der Biotech-Firma Trion Research im Tiermodell heraus (Mol Cancer Ther. 2015; online 10 Juni).

Ihre Ergebnisse könnten unter anderem die Dauer von Klinikaufenthalten deutlich verkürzen, teilt das HMGU mit. In der Regel werden Antitumor-Antikörper dem Patienten intravenös verabreicht. Dies geschieht meist über mehrere Stunden, da ansonsten eine zu schnelle Aktivierung des Immunsystems zu erheblichen Nebenwirkungen führen kann.

Die Forschergruppe um Professor Ralph Mocikat vom Institut für Molekulare Immunologie (IMI), Helmholtz Zentrum München, erprobte daher subkutane Injektionen. Die Wissenschaftler verwendeten trifunktionale Antikörper, eine Unterklasse der multispezifischen Antikörper.

Konkret testeten sie einen Antikörper, der von der Trion Research GmbH zur Bekämpfung von Melanomzellen entwickelt wurde, heißt es in der Mitteilung. "Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse aus dem Tiermodell, dass die Gabe von trifunktionalen Antikörpern subkutan deutlich vorteilhafter ist als die intravenöse Standardtherapie", wird Erstautorin Nina Deppisch in der Mitteilung zitiert.

"Zwar ist die Bioverfügbarkeit, also die Wirkstoffdosis im Kreislauf, geringer - dafür wird der Antikörper aber besser vertragen - bei unverminderter Wirksamkeit gegen den Tumor." Die Forscher gehen davon aus, dass die gute Verträglichkeit dadurch zustande kommt, dass der unter die Haut gebrachte Antikörper wie aus einem Depot langsam und gleichmäßig in den Körper abgegeben wird.

"Das bestätigen auch von uns erfasste Entzündungswerte wie etwa die Spiegel bestimmter Zytokine", so Deppisch.

(Ärzte Zeitung online, 2.7.15, eb)

 

 

 

"Infonetz Krebs" vorgestellt

Das Ziel ist der aufgeklärte Patient

Eine halbe Millionen Menschen pro Jahr werden in Deutschland mit der Diagnose "Krebs" konfrontiert. Nach dem Schock kommen drängende Fragen, doch viele Patienten fühlen sich damit häufig allein gelassen. Das "Infonetz Krebs" mit einer Hotline soll jetzt Abhilfe schaffen.
Antje Möldner-Schmidt kennt die Sprachlosigkeit, die Ohnmacht nach der Diagnose Krebs. Es ist ein Montag vor vier Jahren, als im Leben der besten deutschen Hindernisläuferin plötzlich alles anders wurde: Dieser 11. Januar hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt: "Es bricht einfach eine Welt zusammen, weil man ganz andere Erwartungen hatte für die ganze Saison, oder ganz allgemein hatte man ja andere Pläne für das ganze Jahr. Und weg sind sie."
Diagnose Krebs: Neues Infotelefon der deutschen Krebshilfe verspricht Hilfe
Zurück blieben viele Fragen: Wie geht es weiter? Was kann ich tun? Welche Therapie gibt es? Fragen, die eigentlich der behandelnde Arzt beantworten sollte, doch im Alltag fühlen sich Patienten oft allein gelassen. Ein neues Angebot der deutschen Krebshilfe und der deutschen Krebsgesellschaft soll helfen. Eine Menge praktischer Informationen - medizinisch, psychologisch oder aber was etwa die Krankenkassen angeht versprechen die Anbieter.

Ergänzung zum Arztbesuch

Dennoch: Das Gespräch mit dem Arzt ersetzen könne das Krebstelefon nicht, so Hans-Peter Krämer, Chef der deutschen Krebshilfe: "Das ist eine Ergänzung, um den Arzt auch besser zu verstehen. Denn je besser der Krebspatient informiert ist, umso eher kann er auch mitarbeiten und an seiner Heilung selbstbestimmend mitwirken."
Und der Bedarf ist da: Jedes Jahr sehen sich etwa eine halbe Million Deutsche mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Ähnliche Telefonangebote gibt es bereits. Das neue Infonetz soll sie ergänzen. Die Qualität - so verspricht es die deutsche Krebshilfe - sei beispiellos. Zahlreiche Experten hätten Studien, Gesetze und Erfahrungsberichte von Betroffenen gesichtet.
Eine Datenbank mit dem heutigen Wissensstand der Onkologie sei so entstanden, sagt Projektleiterin Jutta Hübner. Medizinisch fundiert und für Laien verständlich: "Sie nehmen sich die Inhalte, die für Fachleute gedacht ist, heraus und übersetzen sie zunächst erst mal in einem ersten Schritt in eine Form, die für die Berater geeignet ist, also auch noch Fachleute. Und dann übersetzen wir noch einmal eins runter und stellen wirklich sicher, dass die medizinische Information korrekt über diesen Prozess hindurch weitergeleitet wird."

Das Infonetz Krebs

Die kostenlosen Beratungshotline 0800 / 80 70 88 77. Hier bekommen Betroffene und Angehörige Antworten auf ihre wichtigsten Fragen zum Thema Krebs.

Wegweiser im Wirrwarr des Gesundheitssystems

Das große Ziel lautet also: Ein aufgeklärter Patient, der sich im Wirrwarr des Gesundheitssystems besser zurecht findet. Einer Studie zufolge fällt das der Mehrheit der Deutschen schwer - die so genannte Gesundheitskompetenz liegt unter dem europäischen Durchschnitt. Das Telefonangebot wolle hier ansetzen, so die deutsche Krebshilfe, die mit dem Infonetz auch ein neues Buch vorgestellt hat. Aufgeschlüsselt nach den häufigsten Krebserkrankungen und ihrer Therapie.
Zwei Angebote, die Antje Möldner-Schmidt sich vor vier Jahren gewünscht hätte: "Hätte ich das gewusst, hätte ich vieles einfach anders gemacht und kann das dementsprechend bloß befürworten", sagt die Hindernisläuferin. Sie hat sich an die Weltspitze zurückgekämpft, wurde im August Europameisterin in ihrer Disziplin. Ob es der größte Triumph ihres Lebens sei, wurde sie damals gefragt. Die 30-Jährige zögerte nur kurz: Ja - nach dem Sieg über den Krebs.

(Tagesschau, 27.10.2014, Martin Mair, MDR)

 

 

Krebs-Patienten sollen einen Coach bekommen

Rotterdam. Am Rotterdamer Erasmus-Krankenhaus kommen demnächst Freiwillige zum Einsatz, die Krebspatienten bei emotional schwierigen Gesprächen mit den behandelnden Ärzten beistehen sollen. Diese sogenannten „Ko-Patienten“ sollen im Sprechzimmer mit dabei sein und die Interessen der Patienten wahren.

Im Zuge eines Pilotprojekts wurde 2011 bereits an fünf niederländischen Krankenhäusern mit Ko-Patienten gearbeitet. Die Teilnehmer äußerten sich im Anschluss durchweg zufrieden mit dem Verlauf der Studie, wie die Tageszeitung Algemeen Dagblad berichtet. Im März wird die Maßnahme offiziell gestartet. Zunächst nur in den Abteilungen für Magen-Darm-Leberkrankheiten und Brustkrebs am Erasmus-Hospital in Rotterdam, später soll sie jedoch auf weitere Hospitäler ausgedehnt werden.

Das Ko-Patienten-Konzept wurde von Nico Mussert und Etienne Tiessen entwickelt, die selbst Ehepartner junger Krebspatienten sind. Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen haben sie gemeinsam eine Stiftung gegründet. „Wenn man erfährt, dass man Krebs hat, ist man überfordert. Ob man nun jung oder alt ist, Tellerwäscher oder Arzt“, sagt Mussert. „Ko-Patienten reagieren nicht so emotional. Sie sind aufmerksam, können gut zuhören und Fragen formulieren.“ Die Suche nach Freiwilligen hat inzwischen angefangen.

(Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 23.02.2015)

 

 

Geheilt, aber nicht gesund

(Stuttgart) Eine Krebstherapie kann nicht harmlos sein. Chemotherapeutika sind Gifte, die Zellen töten sollen. Ähnliches gilt für die Bestrahlung. Lange Zeit waren Nebenwirkungen Nebensache im Kampf gegen den Krebs. Doch seitdem immer bessere Therapien die Überlebenschancen steigen lassen, fallen vor allem die sehr langfristigen Folgen der Therapie immer mehr ins Gewicht. Ein Patient, der mit Anfang 20 eine Leukämie überstanden hat, erlebt mit Mitte 40, dass sein Herz schwächer wird. Bei einem Hodgkin-Patienten büßt die Schilddrüse nach der Bestrahlung am Hals ganz allmählich ihre Funktionstüchtigkeit ein. Oft sind diese Spätfolgen gut behandelbar, allerdings nur wenn sie auch erkannt werden. Ein Patient, der mit zehn Jahren einen Hirntumor überstanden hat, kann vielleicht keine Kinder zeugen.
„Es kommt darauf an, dass man an den richtigen Stellen mit den richtigen Methoden nachschaut“, sagt Stefan Bielack, Professor für Kinderonkologie am Klinikum Stuttgart. Er empfängt im Olgahospital die Radfahrer der sogenannten Regenbogenfahrt der Deutschen Kinderkrebsstiftung. Bei dieser einwöchigen Radtour machen junge Erwachsene darauf aufmerksam, dass auch nach einer Krebserkrankung sportliche Höchstleistungen möglich sind. Schon in den frühen 1980er Jahren stiegen die Heilungschancen bei Krebs im Kinder- und Jugendalter deutlich an. Spätfolgen sind unter Kinderonkologen also schon lange ein Thema, auch weil ihre Patienten nach einem Therapieerfolg noch viele Lebensjahre vor sich haben. Auch die Dokumentation der Therapie ist in der Kinderonkologie oft besonders genau. „Wir wissen, was die Patienten bekommen haben, deshalb sind wir relativ gut darin, mögliche Probleme auch zu entdecken“, sagt Bielack. Hilfreich ist auch, dass die Mediziner auf die Daten des Kinderkrebsregisters Mainz zugreifen können, wo Therapie und Verläufe aller Kinder- und Jugendkrebspatienten gespeichert und ausgewertet werden.
Wenn ein Problem eingekreist ist, reicht Bielack die Patienten oft an Erwachsenenmediziner weiter. „Wenn es darum geht, zum Beispiel ein Schilddrüsenproblem bei einem 30-Jährigen zu behandeln, gibt es andere, die das besser können als wir. Aber man muss eben erst einmal draufkommen, dass man da überhaupt nachschauen muss.“ Das „draufkommen“ ist der Punkt, an dem es oft hakt, vor allem, weil zwischen Therapie und den ersten Spätfolgen oft sehr viel Zeit vergeht. Der Kontakt zum ehemals behandelnden Onkologen ist oft schon verloren gegangen. Hausarzt und Patient kommen oft nicht gleich auf den Gedanken, einen Zusammenhang zur Krebstherapie herzustellen. Viele Beschwerden bleiben so ungeklärt und unbehandelt.
„Spätfolgen sind nach wie vor kein Thema, das in der breiten Öffentlichkeit oder in Fachkreisen im Vordergrund steht“, sagt Peter Borchmann, Onkologe an der Uniklinik Köln. Er leitet die Arbeitsgruppe Survivorship der Deutschen Hodgkin-Lymphom Studiengruppe (GHSG). „Es gibt eben nach wie vor sehr viele Krebsarten, an denen die Patienten schnell sterben. Natürlich wird da die größere Not gesehen als bei einer Erkrankung wie dem Hodgkin-Lymphom, wo man sagen kann: die Patienten werden ja fast alle geheilt, die sollen sich mal jetzt nicht so haben.“
Die GHSG erfasst als eine der wenigen in Deutschland überhaupt systematisch Daten zur gesundheitlichen Situation von Überlebenden von Krebs im Erwachsenenalter. Ihre Mitarbeiter verfolgen die Lebenswege von insgesamt 15?000 ehemaligen Patienten. Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild: 15 Prozent der Patienten leiden zehn bis 20 Jahre nach Therapieende an einer Herzschwäche. Jeder zweite Patient ist nach der Behandlung unfruchtbar. Viele Frauen kommen zu früh in die Menopause, abhängig von der Therapieform und dem Alter bei Therapie erkranken bis zu 20 Prozent an Brustkrebs. 15 bis 25 Prozent klagen über schwere Fatigue. Jeder fünfte Patient berichtet von kognitiven Einschränkungen.
Nicht jede Therapie ist so harsch, wie die zur Behandlung von Hodgkin-Lymphomen, doch die Zahlen machen deutlich, dass Spätfolgen massiv sein können. Und die Zahl der potentiell Betroffenen steigt: Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen leben, deren Krebsdiagnose fünf oder mehr Jahre zurück liegt, bei zwei Millionen Menschen sogar zehn oder mehr Jahre. Rund 30?000 Menschen in Deutschland haben Krebs im Kindes- und Jugendalter überstanden.
„Wir schaffen es, unseren Patienten ein gutes Versorgungsangebot zu machen“, sagt Bielack. „Aber wir müssen daran arbeiten, Strukturen zu schaffen, so dass wir das auf Dauer leisten können.“ Mit diesem Anliegen ist er am Klinikum Stuttgart nicht allein. „Ich bin der Meinung, dass jeder Krebsbehandler die Verantwortung hat, die Folgen der Therapie, die er gemacht hat, zu beobachten und eine entsprechende Nachsorge zu betreiben“, sagt Gerald Illerhaus. Der Onkologe leitet seit November 2012 das Stuttgart Cancer Center. Man müsste, sagt er, auch nach Ende der Therapie die Patienten so begleiten, dass auch die Spätfolgen rechtzeitig erkannt und behandelt werden.
In der Realität bleibt der Anspruch, den Illerhaus formuliert, aber oft unerfüllt. Viel hängt in der Erwachsenenmedizin von der Eigeninitiative der Patienten ab. Illerhaus: „Das Ideal wäre, dass die Patienten selbst Buch führen. Wenn dann ein Patient zehn Jahre nach der Therapie zum Hausarzt kommt und sagt: ‚Ich hab Atemnot beim Laufen, und das könnte an dieser Therapie mit diesem bestimmten Medikament liegen, weil das das Herz schädigen kann.‘ – dann könnte das seine Versorgung deutlich verbessern.“ Für die Kinderonkologie soll eine europäische Initiative (ENCCA) ein neues Werkzeug entwickeln, einen sogenannten Survivor-Passport, der alle wichtigen Therapieinformationen enthalten soll. Bielack: „Das ist eine Form der strukturierten Informationsweiterleitung aus der Kinderonkologie heraus in das spätere Leben, so dass die Nachbetreuenden wissen, worauf es beim einzelnen Patienten ankommt.“ Ein Konzept, das als Vorbild auch für die Erwachsenenonkologie taugt. Bei aller Sorge um Spätfolgen, sagt Bielack, erlebe er immer wieder, dass man den Patienten auch deutlich machen müsse, wann und worum sie sich gerade keine Sorgen machen müssen: „Auch das gehört zu einer guten Versorgung dazu.“

(Stuttgarter Zeitung, Katrin Zöfel, 25.08.2014)

 

 

Diagnose Krebs:

In Österreich überleben bereits 57 Prozent

Krebs ist weltweit eine der häufigsten Erkrankungen. Doch die medizinischen Behandlungsmethoden verbessern sich so rasant, dass bei uns schon jeder zweite Betroffene den Tumor überlebt.

In den westlichen Industrieländern erkranken rund 38 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer einmal in ihrem Leben an Krebs. In Österreich bekommen Männer am häufigsten ? Karzinome der Prostata, des Dickdarms, der Lunge sowie der Lymphknoten;?bei Frauen sind es Brustkrebs, gefolgt von Tumoren der Verdauungsorgane, Lungenkrebs, Leukämie und Lymphknotenkrebs.

Ein neueres Phänomen ist das Outing rund um die Erkrankung: Bekannte Persönlichkeiten berichten, dass sie die Diagnose Krebs ereilt habe. Zuletzt taten dies viele SPÖ-Politiker und -Politikerinnen: Sabine Oberhauser, (die verstorbene) Barbara Prammer, Cornelia Schmidjell, AK-Präsident Siegfried Pichler oder Bürgermeister Heinz Schaden (wobei die Häufung in einer bestimmten Partei wohl eher zufällig ist).

Der Salzburger Onkologie-Experte Richard Greil sieht in dem offenen Umgang eine positive Entwicklung, „weil eine Krebserkrankung nicht zu Ausgrenzung und Abwertung führen soll.“ Und es mache anderen Betroffenen Mut. Zurecht, denn die Heilungschancen sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Die Fünfjahres-Überlebensrate bei Männer beträgt laut Richard Greil 55 Prozent und bei Frauen 58 Prozent – das sind international Topwerte.

Lungenkrebsrate bei Frauen explodiert

Die Sterblichkeitsrate bei Krebs sinkt jährlich um 1,8 Prozent. Dies liegt an den immer besseren Krebsmedikamenten. Dass das Rauchen bei Frauen und Mädchen weitaus leichter Lungenkrebs auslöst als bei Männern, wird von der Politik und den Betroffenen allerdings ignoriert.

Zunächst die gute Meldung: Die Sterblichkeitsrate bei Krebs sinkt derzeit um rasante 1,5 bis 1,8 Prozent pro Jahr. Laut Statistik Austria überlebten in den 1980er-Jahren lediglich 44 Prozent der Patienten die ersten fünf Jahre nach der Diagnose – heute sind es 57 Prozent. Damit liegt Österreich bei der Krebstherapie unter den besten fünf Ländern Europas.

13-Jährige, die rauchen

Beschämend aber ist die Ignoranz der österreichischen Gesellschaft gegenüber dem Lebensstil-Phänomen des exzessiven Rauchens: Bereits 13-Jährige rauchen (und trinken) in Österreich gewohnheitsmäßig, 29 Prozent der unter 30-jährigen Frauen rauchen täglich. Da Frauen die krebserregenden Gifte des Tabakrauchs bedeutend schlechter vertragen als Männer, hat sich ihre Lungenkrebsrate in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt: Jährlich erkranken 1.600 Frauen und 2.700 Männer. Bis 2030 könnten die Frauen laut einer Prognose-Studie des Gesundheitsministeriums die Männer überholt haben. Die Salzburger Gebietskrankenkasse nennt als häufigste Neuerkrankungen: Hautkrebs durch zuviel Sonnenexposition, Blut- und Lungenkrebs.

Raus aus der Tabu-Ecke

Die Überlebenschancen bei Lungenkrebs betragen lediglich 15 Prozent. Zuletzt verlor der Journalist Kurt Kuch diesen Kampf. Richard Greil, Vorstand der Universitätsklinik für Onkologie an den Salzburger Landeskliniken: „Bei Lungenkrebs führen die Schäden und Mutationen bei den Reparaturmechanismen der Zellteilung zu extrem komplexen und resistenten Erkrankungen. Tatsächlich bedeutet eine Schachtel Zigaretten etwa eine Mutation in der Erbinformation.“ Greil fordert wie alle Experten Anstrengungen von allen Seiten – „von positiven Role Models bis dahin, dass man Aufklärung, Erziehung durch Eltern und Schule sowie Gesetze verbessert.“

Immer öfter aber überleben Menschen die Diagnose Krebs. Wobei das Öffentlich-Machen durch prominente Betroffene zu einer gewissen Enttabuisierung beiträgt und der Krankheit vielleicht auch einen Teil des Schreckens nimmt, der sie umgibt. Krebspatienten sollten „im Zentrum von Familie und Gesellschaft verbleiben“, meint Onkologe Greil. Dazu müsste die häufige Krankheit Krebs aber auch anders und neu in das Berufsleben integriert werden.?Laut Statistik Austria wurden in den vergangenen 30 Jahren mehr als eine Million Krebsneuerkrankungen bei 953.487 Personen dokumentiert. Aber nur privilegierte Berufstätige wie eine Ministerin könnten Therapie und Arbeit vereinbaren, meinte zuletzt Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser über ihre Unterleibskrebserkrankung.

900 neue Medikamente

Auch Salzburger Patienten haben bundesweit hervorragende Überlebensraten. Onkologie-Spezialist Richard Greil nennt die immer besseren Behandlungsmethoden (und weniger die Vorsorgeuntersuchungen) als wesentlichsten Grund. Hauptmotor seien die immer erfolgreicheren Krebsmedikamente. Greil:?„Derzeit wird an 900 neuen Krebsmedikamenten geforscht, es findet gerade eine Revolution und Renaissance der Immuntherapie bei Krebserkrankungen mit erstaunlichen Ergebnissen statt.“

Die SGKK bezahlt für Krebsmedikamente pro Patient und Monat rund 5- bis 6.000 Euro, früher seien es 1.000 Euro gewesen, so Sprecher Hans-Peter Lacher. Allerdings würden die Medikamente heute weitaus besser wirken und besser vertragen.

(Salzburger Fenster, 18.2.15, Sonja Wenger)

  
 

Unheilbar krank

Wenn Ärzte nicht mehr helfen können, stehen Patienten vor der Frage: Kämpfen oder sterben? Martina Kopera hat sich entschieden.

Mit Atemproblemen fing es an. Martina Kopera dachte sich zunächst nichts dabei. Doch irgendwann fiel ihr das Luftholen immer schwerer – bis die Berlinerin eines Tages in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht werden musste. Sie kam auf die Intensivstation.
Die Diagnose, die die Ärzte der dreifachen Mutter stellten, war niederschmetternd: Martina Kopera leidet unter LAM. Die drei Buchstaben stehen für eine sehr seltene Krankheit, bei der die Sauerstoffaufnahme in der Lunge blockiert ist. LAM ist eine in der Regel fortschreitende und schließlich lebensbedrohende Erkrankung. Von jetzt auf gleich kann es vorbei sein.
Sehr schwer oder unheilbar krank: Das hören Jahr für Jahr Tausende von Menschen von ihrem Arzt. Die Betroffenen leiden an Krankheiten wie Hirntumor, Muskelschwund oder an einer Krebserkrankung in einem fortgeschrittenen Stadium – und fallen nach der Diagnose in aller Regel psychisch erst einmal ins Bodenlose. „Das ist zunächst auch eine völlig normale Reaktion“, erklärt Pia Heußner, Krebsärztin und Psychotherapeutin am Klinikum Großhadern der Universität München.

Regelmäßig Todesängste

„Entscheidend ist dann, wie die Betroffenen mit der neuen Situation umgehen“, sagt Heußner, die Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft ist. Zunächst müsse jeder für sich klären, was wichtig ist. Zum Beispiel die Frage: Habe ich den richtigen Arzt, einen, dem ich bedingungslos vertrauen kann? Oder: Hätte ich gerne, dass mich jemand zu den anstehenden Arztbesuchen begleitet?
„Entweder kämpfen oder sterben, das habe ich mir 2010, als die Krankheit festgestellt wurde, gesagt“, erzählt Martina Kopera. Die heute 46-Jährige, die an Sauerstoff-Tonnen angeschlossen ist, entschied sich fürs Kämpfen. „Ich will leben“, bekräftigt sie.
Sie wohnt in ihrem alten Zuhause – gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern. Sie erzählt, dass sie früher immer viel und gerne zu Fuß unterwegs war. Heute bewegt sie sich mit einem Rollstuhl fort. Seit Langem wartet sie auf eine neue Lunge. Die Transplantation eines Spenderorgans gilt als ein Weg, das Leben um einige Zeit zu verlängern. „Die vier Jahre, die ich bislang seit Ausbruch meiner Krankheit gelebt habe, sind vier geschenkte Jahre.“
Natürlich geht die Erkrankung nicht spurlos an ihr vorbei. „Warum gerade ich?“ – diese Frage habe sie sich vor allem im ersten Jahr nach Krankheitsausbruch immer wieder gestellt. Neben Depressionen habe sie Panikattacken gehabt, Angst, dass sie gar keine Luft mehr bekommt. Im zweiten Jahr ging es aufwärts, doch dann kam ein Rückschlag. „Ich fiel psychisch regelrecht in ein Loch.“ Sie hatte regelmäßig Todesängste, musste für mehrere Tage zur Behandlung in eine Klinik.

Die Familie gibt Halt

Auch heute ist sie nicht frei von solchen Attacken. Die Energie weiterzukämpfen, schöpft sie aus ihrer Familie. „Meine Kinder geben mir viel Kraft“, sagt sie. Ihre Jüngste ist sieben Jahre alt, sie kuschelt viel und gern mit ihrer Mama. Überhaupt, in der Familie Kopera ist der Umgang miteinander sehr liebevoll. „Das stärkt mich.“
Ein stabiles soziales Netzwerk – also Familienangehörige und gute Freunde – sei für die Betroffenen extrem wichtig, um psychisch aufgefangen zu werden, betont Onkologin Heußner. Unterstützung gibt es auch bei einer Vielzahl von Beratungsstellen. Selbsthilfeorganisationen können für die Erkrankten ebenfalls eine Anlaufstelle sein. „Dort haben Betroffene die Möglichkeit, sich in Gesprächskreisen gegenseitig aufzurichten und Infos über ihre Krankheit auszutauschen“, sagt Heußner.
Trotz ihrer Krankheit versucht Martina Kopera bei allen Dingen, das Positive zu sehen. Es gibt aber auch Phasen, in denen ihr alles aus dem Ruder läuft. Dann droht die Krankheit, sie psychisch zu zermürben. In solchen Fällen holt sie sich professionelle Hilfe und spricht mit einem Psychologen oder Seelsorger.
Wer neben der Unterstützung durch Familie, Freunde oder Leidensgenossen ganz akut verbale Zuwendung benötigt, kann zum Beispiel die Telefonseelsorge kontaktieren oder die Nummer von psychiatrischen Krisentelefondiensten wählen. Benno Bolze vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband plädiert dafür, sich möglichst frühzeitig über die Möglichkeiten der Versorgung und Begleitung am Lebensende beraten zu lassen: „Das gibt für die Zeit der schweren oder unheilbaren Erkrankung Sicherheit.“
Im Internet oder über das Telefonbuch sind die Adressen der Hospiz- und Palliativdienste zu finden. Dort gilt der Grundsatz ambulant vor stationär. „Erst wenn eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich ist und der Patient es wünscht, erfolgt die Aufnahme in einem stationären Hospiz“, erläutert Bolze.
Auch in der Familie von Martina Kopera ist das Sterben schon Thema gewesen. Selbst mit ihrer kleinen Tochter hat sie darüber gesprochen. Vor dem Tod an sich hat die Berlinerin keine Angst: „Wir müssen ja alle eines Tages gehen.“ Aber erst will sie noch ein paar Jahre leben, mit Ehemann und Kindern zusammen sein. „Ich wünsche mir so sehr, dass für mich eine geeignete Spenderlunge gefunden wird.“

(dpa, Sächsische Zeitung online, 16.8.14, von Sabine Meuter)

 

 

Nur jeder dritte Krebskranke nutzt die Reha

Die Zahl der Neuerkrankungen bei Krebs steigt. Experten rechnen für 2050 mit rund 640.000 Krebspatienten. Eine Rehabilitation nehmen aber nur wenige Erkrankte in Anspruch.

BERLIN. Die Akutmedizin hat die Krebsbehandlung verändert: Vorsorgeuntersuchungen, ausgefeilte Diagnostik und individualisierte Therapien sorgen dafür, dass die Überlebensraten steigen. Dennoch müssen die Patienten das Geschehene psychisch bewältigen und oft mit Beeinträchtigungen weiterleben.

Eine Rehabilitation könnte langfristig Behandlungserfolg sichern und die Patienten in ihren Alltag zurückführen. Bislang jedoch sind die Reha-Experten vor allem irritiert.

"Nur ein Drittel aller onkologischen Patienten treten eine Reha-Behandlung an", sagt beispielsweise Professor Hans Helge Bartsch, Ärztlicher Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

Je nach Indikation, so Bartsch, variiere die Zahl der Rehabilitanden: "Etwa jede zweite Frau mit Brustkrebs nimmt eine Reha wahr, aber nicht mal jeder zehnte Patient mit Lungenkrebs."

Dabei lassen aktuelle Statistiken und Prognosen eher eine vermehrte Nachfrage nach Rehabilitation vermuten. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Neuerkrankungen bei Krebs in den nächsten Jahrzehnten um rund 26 Prozent steigen wird. Waren 2010 laut Robert Koch Institut rund 494.000 Patienten betroffen, werden es 2050 rund 642.000 sein.

Ursache Nummer eins für die bislang niedrige Rate der Inanspruchnahme ist der Patient selbst: "Viele Betroffene wissen zu wenig über die unterschiedlichen Angebote der Reha. Oftmals verwechseln sie diese auch mit einer Kur", erklärt Bartsch.

Ärzte kennen Reha-Angebote kaum

Zudem falle es vielen Ärzten in der Akutversorgung schwer, den Reha-Bedarf ihrer Patienten einzuschätzen.

Die niedrigen Zahlen seien auch Folgen der Personalpolitik in den Akutkliniken: "Viele Stellen im sozialen Dienst wurden in den vergangenen Jahren gestrichen. Damit fehlen auf struktureller Ebene jene Vermittler, die die Patienten und ihre Angehörigen adäquat informieren und den Übergang von der Akutklinik in eine Reha auch organisieren."

Professor Dr. Monika Reuss-Borst, ärztliche Koordinatorin der Reha-Zentren Baden-Württemberg, bewertet es ähnlich: "Akutmediziner und niedergelassene Kollegen sind nicht auf dem Laufenden, welche Angebote in der Reha ihren Patienten weiterhelfen könnten."

Als Beispiel verweist sie auf die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR), die sich vor allem an Menschen mit besonderen beruflichen Problemlagen oder ungünstigen Rahmenbedingungen für eine Erwerbstätigkeit richtet.

Für diese Zielgruppe integriert das MBOR-Konzept spezielle erwerbsbezogene Angebote in die Strukturen und Prozesse der medizinischen Rehabilitation. So werden beispielsweise berufsbezogenen Herausforderungen oder Ängste der Patienten in allen Behandlungsschritten bearbeitet.

"Die Themen Arbeit und Berufswelt ziehen sich durch die gesamte Prozess-Kette von Anfang bis Ende der Rehabilitation", sagt Reuss-Borst.

Hilfe bei der Krankheitsbewältigung

Dass gerade auch onkologische Patienten von einer MBOR besonders profitieren, wurde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Studie belegt: Die Reha-Forscherinnen Dr. Corinna Bergelt und Hilke M. Rath haben dazu rund 480 Frauen und Männer mit unterschiedlichen onkologischen Befunden aus drei Reha-Kliniken befragt.

Sie wollten herausfinden, welche Erfahrungen die Patienten in ihrem Beruf vor der Erkrankung gemacht haben und welche Erwartungen sie an eine Rückkehr zur Arbeit haben.

"Unsere Studie belegt, wie wichtig die Berufstätigkeit für Krebspatienten ist. Es ist für sie ein ,Zurückfinden in die Normalität‘, die sie vor der Erkrankung erlebten", sagt Studienleiterin Bergelt.

"Eine Reha bietet Patienten die Chance, ihre existenziell bedrohliche Krankheitserfahrung zu bewältigen und sich für den Alltag wieder zu stabilisieren", bestätigt auch Bartsch.

Denn trotz der Fortschritte in Behandlung fühlen sich viele Onkologie-Patienten nach den Akutbehandlungen dauerhaft belastet. Sie leiden unter chronischer Müdigkeit, klagen über Schmerzen, geraten in Depression oder Angstzustände. Oftmals würden die Patienten von sich aus gar nicht diese Symptome ansprechen und die Ärzte zu selten danach fragen.

Gesundheitliche Folgen sowie körperliche und psychische Einschränkungen stehen in der Akutmedizin nicht im Fokus: "Die Diagnostik konzentriert sich dort vor allem auf die somatische Verlaufskontrolle und die Gefahr eines Rezidivs", sagt Bartsch.

Nötig seien daher handhabbare Instrumente, damit Akutmediziner die Reha-Bedürftigkeit ihrer Patienten einschätzen sowie Schädigungen, Krankheitsfolgen und Chancen einer Reha-Behandlung abwägen können.

Verzahnung mit Akutmedizin

Welche Reha-Anwendungen in der Onkologie wirken, wurde bereits vielfach untersucht. Systematische Übersichtsarbeiten belegen, so Bartsch, eine Evidenz beispielsweise für körperliches Training und spezielle Bewegungsübungen wie etwa Schulter-Arm-Training bei Brustkrebspatientinnen.

Kleine, aber signifikante Effekte gebe es auch für die Psychoedukation. Was schließlich in einer stationären Rehabilitation geleistet werden kann, hängt davon ab, wie gut der Informationsfluss zwischen Akut- und Rehaklinik funktioniert.

Dr. Heike Schmidt vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Uniklinik Halle hat dazu leitende Ärzte von 47 Reha-Kliniken befragt. Viele von ihnen bemängelten, dass sie entscheidende Informationen nicht rechtzeitig erhalten haben - etwa diagnostische Ergebnisse, durchgeführte Therapien, bekannte Nebendiagnosen, Angaben zu funktionellen Einschränkungen und psychischen Belastungen. "Dies führt auch dazu, dass eine Reha verzögert beginnt und nicht voll ausgeschöpft werden kann", sagt sie.

Patienten sollten körperlich so stabil sind, um an den Einzel- und Gruppenangeboten in der Reha teilnehmen zu können. Patienten müssten zudem einschätzen können, was sie in der Reha erwartet und was sie dort für sich erreichen können.

Eins ist sicher: Die Reha wird sich weiter wandeln und neue Konzepte anbieten müssen. So gibt es bereits Ideen, die stationäre Reha zeitlich anders zu takten und in ausgesuchten Fällen von Beginn an erneute stationäre Aufnahmen zu planen.

Ein Langzeit-Modell hat die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg entwickelt: Leukämie- und Lymphompatienten nach hämatologischer Stammzelltransplantation kommen jedes Jahr für vier Wochen in die Reha-Klinik, um die mit den somatischen und psychischen Problemen nach einer Stammzelltransplantation klar zu kommen.

"Die Deutsche Rentenversicherung und einzelne Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn der Rehabedarf nachvollziehbar dargelegt werden kann", berichtet Bartsch.

Neue Zeitmodelle in der Nachsorge

Neben einer umfassenden Diagnostik erhalten sie unter anderem physio- und sporttherapeutische Trainings, Gespräche zu psychischen und sozialen Fragen sowie spezielle Beratungen. "Manche Patienten schrecken nach umfangreichen Akutbehandlungen auch davor zurück, direkt eine Anschlussrehabilitation anzutreten", erklärt Bartsch.

Viele Reha-Kliniken würden daher neue zeitliche Modelle testen. Die zentrale Idee dabei sei, einige Monaten nach einer Reha einen weiteren stationären Aufenthalt oder ambulante Angebote als "Refresher" einzuplanen und so den Reha-Erfolg langfristig zu stabilisieren.

(Ärzte-Zeitung, 26.12.14, Susanne Werner)

 

 

 

Meine Mutter starb an Brustkrebs. Würde ich überleben?

Angelika Burger starb 1988 mit nur 40 Jahren. An Brustkrebs. Ihre Tochter, unsere Autorin, ist nun genauso alt und fragt sich: Würde die moderne Krebsmedizin mich retten?

Ein Tag nachdem meine Mutter gestorben war, schenkte mir unser Französisch-Lehrer ein Sträußchen Schlüsselblumen. Ich empfand das als tröstende Geste in einer Zeit, die neben dem dumpfen Schmerz der Trauer von Sprach- und Fassungslosigkeit geprägt war. Meine Mutter war 40 Jahre alt gewesen. Und plötzlich war sie einfach nicht mehr da. Angelika Burger hinterließ einen 20-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter. Mich. Und einen Mann, der sie gerade eben das zweite Mal heiraten wollte.

Das ist 25 Jahre her, und ich bin mir eigentlich ziemlich sicher: Ich bekomme diese Krankheit nicht. Diese Krankheit, an der eine von zehn Frauen im Laufe ihres Lebens erkrankt. Nun ist da aber dieser Geburtstag, den ich vor Kurzem begangen habe – der 40. Und plötzlich mehren sich die Momente, in denen sich Zweifel und Ängste einschleichen. Welche Chancen hätte ich, wenn ich einen Tumor diagnostiziert bekäme? Immer wieder liest man ja von großartigen Fortschritten in der Krebsmedizin. Wäre ich wirklich besser dran als meine Mutter?

Schaut man sich verschiedene Statistiken an, so ist die Mortalitätsrate unter Brustkrebskranken in Industrieländern tatsächlich seit Anfang der 1990er Jahre gesunken. Die Zahlen schwanken dabei zwischen 15 und 25 Prozent.

Laut recht optimistischen Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts und Forschern vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg überleben 87 Prozent der Patientinnen (Annals of Oncology, Hiripi et al., 2012) ein Mammakarzinom, Mitte der achtziger Jahre waren es nur 69 Prozent.

Die bessere Prognose liegt zum einen am flächendeckenden Mammografie-Screening, das es in den 1980er Jahren noch nicht gab. Es wurde in Deutschland 2002 eingeführt. Allerdings wird in der Fachwelt heftig gestritten, in welchem Umfang die Reihenuntersuchung zu den besseren Überlebenschancen beiträgt – schließlich gibt es auch Länder ohne Screening, in denen die Sterblichkeitsraten zurückgingen. Und es kommt relativ häufig zu falschem Alarm durch die Untersuchung, sprich: Frauen mit einem harmlosen Knoten in der Brust wird unnötig Angst eingejagt durch den Verdacht auf einen Tumor. Auch, dass gefährliche Tumore übersehen werden, kommt vor.

Mit meiner Familiengeschichte wird mir jedenfalls geraten, jährlich zur Mammografie zu gehen – ich habe statistisch besehen ein zwei- bis dreimal so hohes Erkrankungsrisiko. Allerdings gehe ich in Wahrheit nicht so oft, da ich doch Respekt vor der Belastung durch Röntgenstrahlung habe. Und natürlich habe auch ich Angst vor einem auffälligen Befund. Selbst wenn der sich als Fehlalarm entpuppen sollte. Aber natürlich könnte ein Geschwulst nur so frühzeitig gefunden werden, sodass es noch gut behandelbar wäre.  

1986 – ein bösartiger Knoten, groß wie eine Aprikose

Meine Mutter ging erst spät, wahrscheinlich zu spät, in eine Klinik zur genaueren Diagnose. Im Skiurlaub im Januar des Jahres 1986 hatte der Knoten in ihrer Brust bereits die Größe einer Aprikose erreicht. Meine Mutter war jedoch stets umtriebig und optimistisch: "Das ist nichts Schlimmes", war sie überzeugt. Schon oft hatte sie Zysten, gutartige Wucherungen, in der Brust gehabt, die sich immer wieder zurückgebildet hatten.

Doch dieses bildete sich nicht zurück, das vermeintlich gutartige Geschwür entpuppte sich als bösartig. Krebs. Bereits während der Operation, die das Unheimliche durch eine histologische Auffälligkeit aufdeckte, wurde die linke Brust amputiert. Zudem wurde vorsorglich eine Menge Lymphgewebe unter dem Arm weggeschnitten. Nur eine Woche später musste auch die rechte Brust abgenommen werden.

Nutzen der Brustkrebs-Früherkennung

Wie sieht es mit dem Nutzen der Brustkrebs-Früherkennung aus? In der Broschüre, die Frauen zwischen 50 und 69 Jahren mit der Einladung zum Mammografie-Screening geschickt bekommen, wird versucht, eine Antwort zu geben:

"Von 200 Frauen, die 20 Jahre lang jedes 2. Jahr am Mammografie-Screening-Programm teilnehmen, erhalten 140 Frauen in 20 Jahren keinen verdächtigen Befund. 60 Frauen bekommen einen Befund, dem nachgegangen werden sollte. Von diesen 60 Frauen erhalten 40 bei der ergänzenden Untersuchung Entwarnung, 20 Frauen wird eine Gewebeentnahme empfohlen. Von diesen 20 Frauen stellt sich bei 10 Frauen der Verdacht als unbegründet heraus. 10 Frauen erhalten die Diagnose Brustkrebs im Screening, von den übrigen 190 Frauen erhalten 3 Frauen in den 20 Jahren zwischen zwei Screening-Runden ebenfalls die Diagnose Brustkrebs.

Von diesen insgesamt 13 Frauen mit der Diagnose Brustkrebs sterben 3 Frauen an Brustkrebs, 10 Frauen sterben nicht an Brustkrebs. Von diesen 10 Frauen hätte 1 Frau ohne Mammografie zu Lebzeiten nichts von ihrem Brustkrebs erfahren, 8 Frauen wären auch ohne Teilnahme am Mammografie-Screening-Programm erfolgreich behandelt worden – ein Teil davon jedoch mit aggressiverer Therapie. 1 von 200 Frauen wird dank ihrer regelmäßigen Teilnahme vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt."

Heute würde wohl einiges anders laufen. Wird ein bösartiger Tumor in der Brust entdeckt, gibt man häufig bereits vor der Operation Chemotherapeutika (Ärzte nennen das neoadjuvant), was dazu geführt hat, dass seltener amputiert werden muss. In 80 Prozent der Fälle kann der Tumor entfernt, die Brust erhalten werden – ein wichtiger Fortschritt, da so der weibliche Körper zumindest dem Anschein nach unversehrt bleibt.

Das Lymphgewebe unter der Achsel wird nur noch dann radikal entfernt, wenn der sogenannte Wächterlymphknoten bereits Tumorzellen aufweist. So bleiben vielen Patientinnen unangenehme, schmerzhafte Schwellungen (Lymphödeme) erspart. Bei meiner Mutter hatte sich ein solches Ödem unter dem rechten Arm gebildet. Zur Linderung erhielt sie Lymphdrainagen.

Im Jahr, als Tschernobyl den GAU erlebte

Nicht genug, dass plötzlich eine solche Krankheit das Leben unserer Familie beherrschte. In diese schockierenden Tage fiel auch das Datum des 26. April 1986. Der Tag, als im ukrainischen Tschernobyl ein Atomkraftwerk explodierte und halb Europa radioaktiv verseuchte. Wir wohnten in München.

Dieser GAU trug nicht gerade zur Entspannung der Lage bei, meine Mutter reagierte panisch. Wir Kinder durften keine Milch mehr trinken, eingekauft wurde im Bioladen, die Schuhe vor der Tür abgestellt. Der Kampf gegen alles, was der Gesundheit abträglich sein könnte, hatte begonnen. Das Rauchen hatte meine Mutter schon einige Jahre früher aufgegeben. Sie begann Akkordeon-Unterricht zu nehmen. Beruflich trat sie kürzer.

(Zeit online, 14. Januar 2015, Kathrin Burger)

 

 

Mangelernährung

Ernährung: Großes Thema bei Krebs

Die Prognose eines Tumorpatienten ist auch abhängig von seinem Ernährungsstatus. Und das Risiko für Mangelernährung ist hoch.

MÜNCHEN. Die Ernährungsintervention muss selbstverständlicher Therapiebestandteil bei Patienten mit einer malignen Erkrankung sein.

Denn das Risiko für eine Mangelernährung ist hoch: Bei 38 Prozent lag in einer deutschen Studie an 13 Krankenhäusern der Anteil mangelernährter Patienten in onkologischen Abteilungen (Clin Nutr. 2006; 25(4): 563-72).

Dazu muss zunächst der Ernährungsstatus mit entsprechenden Instrumenten erfasst werden. Denn selbst bei übergewichtigen Krebspatienten kann bereits eine Mangelernährung vorliegen, wie Ärzte jetzt festgestellt haben: Gemessen mit dem MNA(Mini Nutritional Assessment)-Test bestand bei fast der Hälfte der übergewichtigen und adipösen Patienten ein entsprechendes Risiko, und zwölf Prozent waren bereits mangelernährt (Ann Oncol. 2015; 26(1): 217-21).

Der Body-Mass-Index (BMI) ist bei Krebspatienten demzufolge nur eingeschränkt für die Beurteilung des Ernährungszustandes geeignet.

Als wichtiges Zeichen gilt der unbeabsichtigte Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent in den vergangenen drei Monaten oder von mehr als zehn Prozent in sechs Monaten.

Außer dem MNA-Test werden von Ernährungsmedizinern wie Professor Hans Hauner, Ordinarius für Ernährungsmedizin an der TU München und Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin, Screening-Fragebögen wie das "Nutritional Risk Screening" (NRS) sowie das für die ambulante Versorgung entwickelte "Malnutrition Universal Screening Tool" (MUST) empfohlen.

Der Ernährungsstatus eines Krebspatienten, so Hauner, sei eine zentrale Determinante für dessen Lebensqualität und Prognose.

Mangelernährung erhöhe das Risiko für Komplikationen und verkürze die Lebenserwartung (gynäkologie + geburtshilfe. 2014; 19(6):32-6).

(Ärzte Zeitung, 10.03.2015, ner)

 

 

Therapiechancen für Krebs sinken bei Mangelernährung

Krebs ist eine erschütternde Diagnose. Pro Jahr sterben über 200.000 Menschen in Deutschland an einer Tumorerkrankung. Was nur wenige wissen: Mangelernährung ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für den Erfolg der Behandlung – gerade bei betagten Patienten. Das Immunsystem wird geschwächt, eine Chemotherapie schlechter vertragen und vielleicht sogar abgebrochen. Schätzungen zufolge sterben bis zu 25 Prozent der Tumorpatienten nicht an ihrer Krebserkrankung, sondern an den Folgen der körperlichen Auszehrung. PD Dr. Rainer Wirth, Chefarzt am St.-Marien-Hospital Borken, erklärt die Gründe – und zeigt auf, was Ärzte und Ernährungsberater dagegen tun können.

Mangelernährung ist kein ungewöhnlicher Befund im Alter. Bedingt durch Schluckbeschwerden, verändertes Geschmacksempfinden und andere Faktoren wird der Speiseplan vieler betagter Menschen über die Jahre immer einseitiger. Kommt eine schwerwiegende Erkrankung wie Krebs hinzu, verschärft sich die Situation. „Es gibt einige Belege, dass sich die Funktion des Immunsystems durch Mangelernährung so verschlechtert, dass die Tumorbekämpfung relevant beeinflusst wird“, sagt Dr. Wirth, der die Arbeitsgruppe Ernährung und Stoffwechsel der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) leitet.

Das trifft auch auf Patienten zu, die sich stets gesund und ausgewogen ernährt haben. „Je nach Art des Tumors ist manchmal direkt die Nahrungsaufnahme beeinflusst, weil man zum Beispiel nicht mehr richtig schlucken kann oder Bauchschmerzen hat. Zusätzlich hemmen bestimmte Botenstoffe wie zum Beispiel Interleukine den Appetit.“ Letzteres oft schon lange, bevor der Krebs diagnostiziert wird. Ein ungewollter Gewichtsverlust gilt daher als Warnzeichen, sagt Wirth: „Wer zum Beispiel stets an Übergewicht gelitten hat und plötzlich abnimmt, der sollte unbedingt einen Arzt konsultieren.“

Eiweiß und Sport gegen Muskelabbau

Kommt eine Chemotherapie hinzu, verschärft sich die Situation. Übelkeit und Erbrechen sind nur einige potenzielle Nebeneffekte. Spätestens jetzt geht es auch an die Muskelmasse, da dem Körper neben Kalorien auch Eiweiße fehlen. Diese sind in den Muskeln gespeichert. Die Folge: ein allgemeines Schwächegefühl und erhöhtes Sturzrisiko.

Als Gegenmittel empfiehlt sich nicht nur eine eiweißreiche Kost, sondern auch ein begleitendes, mäßiges Sportprogramm. „Mit Sport wird man natürlich keine Metastasen los“, sagt Dr. Wirth, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin ist. „Aber Studien zeigen, dass Patienten, die ihre Muskulatur regelmäßig trainieren, weniger an Schwächeerscheinungen und dem allgemeinen Abbau durch eine Tumorerkrankung leiden. Bewegung ist immer noch der stärkste, aufbauende Stimulus für die Muskulatur.“

„Eine Multivitamintablette bringt da nichts“

Gelegentlich trickst der Körper den Beobachter jedoch aus: Trotz Krebs’ scheint das Gewicht des Patienten zu steigen. Grund ist vermehrte Wassereinlagerung ausgelöst durch den Eiweißmangel. Dies lässt sich nur durch eine ärztliche Untersuchung überprüfen, bei der die genaue Körperzusammensetzung in Bezug auf Wasser-, Fett- und Muskelanteil analysiert wird.

„Es ist außerdem sinnvoll, wenn der Patient über mehrere Tage ein Ernährungsprotokoll führt“, sagt Dr. Wirth. „Auf der Basis dieser Daten kann berechnet werden, welche Nährstoffe und Mengen der Patient überhaupt zu sich nimmt. Auf dieser Grundlage kann dann ein sinnvoller Ernährungsplan erstellt werden.“ Dabei geht es nicht darum, den Speisezettel komplett umzudrehen, sondern sinnvoll zu ergänzen. Hat zum Beispiel ein Patient keinen Appetit mehr auf Fleisch und Wurst, sollten pflanzliche Eiweiße wie Sojabohnen und Hülsenfrüchte in die Ernährung aufgenommen werden.

Wer wiederum zuvor Kalorien gezählt hat, muss ebenfalls seine Gewohnheiten überdenken. „Auch wenn es ungewohnt ist: Um genügend Kalorien zu konsumieren, sollte man unter Umständen seine Cholesterinphobie überwinden, nicht mehr das Fett vom Fleisch abschneiden und den Pudding nicht mit fettarmer Milch, sondern Sahne kochen“, sagt Wirth. „Eine Multivitamintablette bringt da nichts.“ Wer auch dann deutlich zu wenig Kalorien aufnimmt, muss einen Schritt weiter gehen. Das reicht von ergänzender, vollbilanzierter Trinknahrung (in der alle Nährstoffe enthalten sind) bis hin zu Sondenernährung und intravenöser Ernährung, falls der Patient besonders geschwächt ist.

Mehr Ernährungsberatung in Kliniken notwendig

Es gibt viele Möglichkeiten. Doch im Klinikalltag sieht die Situation oft ernüchternd aus: Die Zusammenarbeit von Klinik und Ernährungsberatung ist bisher noch ein vernachlässigter Punkt. „Da gibt es Einiges nachzubessern“, sagt Dr. Rainer Wirth. „Wir kämpfen seit vielen Jahren für die Etablierung von sogenannten Ernährungsteams in den Krankenhäusern.“

Er geht dabei mit gutem Beispiel voran: 2010 rief er am St.-Marien-Hospital Borken ein Ernährungsteam ins Leben. Neben ihm sorgen drei Diätassistentinnen und eine Ernährungswissenschaftlerin für die Umsetzung von Konzepten der klinischen Ernährungstherapie. So durchlaufen alle Patienten bei der Aufnahme ein Screening auf Mangelernährung.

Damit ist die Klinik noch eine Ausnahme: In Deutschland verfügen nur vier Prozent aller Krankenhäuser über ein Ernährungsteam. Das liegt daran, dass zum einen das Thema nicht genügend wertgeschätzt wird, wie Wirth sagt. In anderen Ländern sieht das anders aus: In Großbritannien ist das Screening auf Mangelernährung eine Pflichtuntersuchung bei der Krankenhausaufnahme. „Die Briten haben erkannt, dass man dadurch den Krankheitsverlauf der Patienten verbessern und unterm Strich auch Kosten sparen kann.“

(idW – Informationsdienst Wissenschaft, 19.5.15, Nina Meckel/Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsche Gesellschaft für Geriatrie)

 

 

Angeblich wirksam

Mittel gegen Krebs? Wenn Ihnen ein Freund dazu rät, seien Sie skeptisch

Pseudo-Studien gegen Krebs helfen. Doch sind die Mittel tatsächlich effektiv? Diese sechs vermeintlichen Heilmittel sollten Sie im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht genießen.

So manche Schlagzeilen machen Hoffnung, einfache Methoden könnten Krebs vorbeugen oder heilen. Wenn Ihnen jemand mit diesen angeblichen Wundermitteln kommt, sollten Sie genauer hinschauen:

1. "Brokkoli hilft gegen Krebs"

Eine Studie des Texas A&M Health Science Centers will zeigen, dass Brokkoli dabei helfen kann, Krebs aktiv zu bekämpfen. Das enthaltene Sulforaphan hemmt die Entstehung von Prostata- und Darmkrebszellen.

Bisher liegen allerdings nur Ergebnisse aus Untersuchungen an Mäusen und Mini-Studien mit sehr geringer Teilnehmerzahl vor.

2. "Algen transportieren Medikamente in die Tumorzellen"

Forscher aus Australien wollen ein Mittel gegen Krebs gefunden haben: Kieselalgen sollen Krebsmedikamente direkt in die Tumorzellen transportieren.

Doch bevor Sie sich jetzt mit Algen eindecken: Im Test an Mäusen konnten die mit Medikamenten angereicherten Algen zwar bis zu 90 Prozent der bösartigen Tumorzellen zerstören. An Menschen wurde die Methode aber bislang noch nicht getestet.

3. "Nahrungsergänzungsmittel halten gesund und schützen vor Krebs"

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln werben häufig damit, dass unser Essverhalten keinen ausreichenden Schutz vor Krankheiten bietet – und wir zusätzlich Vitamine einnehmen sollten.

Dabei lässt sich ein ungesunder Lebensstil mit ein paar Tabletten nicht ausgleichen. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass hochdosierte Vitamintabletten das Krebsrisiko sogar steigern könnten, warnt Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums.

4. "Ingwer hemmt die Krebszellen"

Immer wieder weckt eine Studie Hoffnung auf die heilende Wirkung von Ingwer. Forscher konnten bereits zeigen, dass bestimmte Bestandteile der Knolle das Wachstum von Krebszellen hemmt.

Doch alle Versuche fanden bislang nur im Reagenzglas statt. Der Weg zu einem effektiven Ingwer-Medikament ist noch lang. Ingwer zu essen oder als Tee zu trinken, hilft nicht gegen Krebs.

5. "Die Graviola-Frucht hilft besser als jede Chemotherapie"

Die Tropenfrucht Graviola soll Krebs heilen, behauptet eine Studie, die im „Journal of Natural Products“ erschien. Im Netz kursiert die Annahme, die Frucht könne Krebs 1000-mal besser heilen als eine Chemotherapie.

Doch die Studie beschreibt nur einen Laborversuch. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf den menschlichen Körper übertragen.

6. "Täglich ein paar Aspirin-Tabletten"

Forscher des Medizinischen Universitätszentrums Leiden haben Daten von mehr als 13.000 Menschen mit Krebs im Verdauungstrakt ausgewertet. Sie behaupten: Eine geringe Dosis Aspirin pro Tag verlängert das Überleben von Krebspatienten.

Doch die Untersuchung ist mit Vorsicht zu genießen. Die Forscher verknüpften die Daten der Patienten mit Arzneimittelverordnungen. Möglicherweise haben nicht alle Patienten die verschriebenen Medikamente auch tatsächlich eingenommen. Andere könnten sich Aspirin ohne Rezept besorgt haben. Die Wissenschaftler kündigten bereits eine Folgestudie mit höheren Standards an.

(Focus online, 15.4.16)

 

 

 

Welt-Pankreaskrebstag

Eric D. (41): Ich werde den Krebs besiegen

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist wohl die tückischste, auf jeden Fall tödlichste Krebsart. Erst merken Betroffene gar nichts, dann gibt es sehr unspezifische Symptome und später nimmt man rapide ab. Das ist ganz pauschal der Ablauf, wenn Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt wird. Er ist schwer zu erkennen, wird spät diagnostiziert und führt in fast allen Fällen zum Tod. Aber Aufgeben ist keine Option - sagt Eric D., bei dem vor zwei Jahren Pankreas diagnostiziert wurde. "Ich werde wieder gesund!"

Erik D. ist erst 39 Jahre alt, als er die Hiobsbotschaft bekommt. Nach einer Operation, die den Verdacht endgültig bestätigt, sagt man ihm, dass er keine Chance mehr hat. Er hatte das Gefühl, es läuft ein Film ab, erzählt er: "Ich hab gedacht, von wem reden die eigentlich?" Er sei nie krank gewesen, habe immer gearbeitet, dann werde er einmal krank und dann sowas.

Das war vor etwa zwei Jahren. Damit ist Erik D. eher eine Ausnahme. Nur etwa fünf Prozent aller Erkrankten überstehen die ersten fünf Jahre. Prof. Andreas Trumpp vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zufolge hat sich daran auch in den vergangenen 15 Jahren wenig bis gar nichts verändert. Auch neuere Therapien hätten relativ wenig Erfolg, die Überlebensrate deutlich zu steigern.

Fast alle Patienten erliegen der Krankheit

Jährlich erkranken etwa 17.000 Deutsche an Bauchspeicheldrüsenkrebs und beinahe alle sterben auch daran. Das ist bei anderen Krebsarten anders. Dort gibt es immer bessere Therapiemöglichkeiten anders als bei dem äußerst aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs, der sehr schnell Metastasen bildet und in der Regel zu spät erkannt wird:

Der Pankreaskrebs wird in zehn Jahren wahrscheinlich der Killer Nummer eins sein - also zum Beispiel Lungen- oder Darmkrebs überholt haben. Es wird allerdings gerade aus dem Grund weltweit sehr intensiv geforscht.

Die Forscher sind unter anderem der Frage auf der Spur: Warum sprechen so wenig Patienten auf Chemotherapien an? Prof. Trumpp und seine Kollegen haben dabei Stoffe gefunden, mit denen Bauchspeicheldrüsentumore Chemotherapeutika gezielt unwirksam machen.

Verein hilft Betroffenen

Erik D. ist einer der Patienten, bei denen die Chemotherapie anspricht. Der Tumor wächst nicht weiter und hat auch noch nicht gestreut. Doch nach dem ersten Schock kamen die schlimmen Gedanken, erzählt er: "Wir haben ein Haus gekauft, das ist natürlich noch nicht bezahlt und ist alles abgesichert? Und die Mädchen sind noch nicht groß und die Versicherungen usw. Tausend Sachen gehen einem durch den Kopf, man weiß gar nicht, was man zuerst denken soll."

Erik D. suchte nach Hilfe, nach Halt und Unterstützung auch außerhalb der Familie. Im Internet stieß er auf den bundesweiten Selbsthilfeverein TEB. Die Abkürzung steht für Tumore und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse.

Die machen wahnsinnig tolle Arbeit: Betreuung am Krankenbett, an der Telefonseelsorge und dann kümmern sie sich um alles mögliche - zum Beispiel den Schwerbehindertenantrag. Alles so Sachen, die man nicht sofort im Hinterkopf hat.

Etwa 120 Menschen suchen wie Erik D. jeden Monat Hilfe bei diesem Verein, erzählt Vorsitzende Katharina Stang. Nach weit mehr als 30.000 Beratungsgesprächen weiß sie ganz genau, was die ersten Fragen der Betroffenen sind: "Was kann ich tun? Wo gibt es Spezialisten? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Ist deutschlandweit alles so, dass ich es für mich annehmen kann? Gibt es im Ausland vielleicht mehr?"

Durchschnittliche Lebensdauer nach Diagnose gestiegen

Trotz der eher schlechten Prognosen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs erlebt Katharina Stang in den letzten Jahren Fortschritte. Dank neuer Medikamente hat sich die Lebensqualität in der Krankheitsphase deutlich erhöht: Die Lebensdauer nach Diagnose ist von durchschnittlich neun Monaten auf anderthalb Jahre angestiegen. 

Katharina Stang berät am Telefon, über Skype, geht mit Betroffenen zu Ärzten, erklärt, stellt dabei stellvertretend die wichtigen Fragen und empfiehlt Spezialisten. Besonders wichtig ist ihr, dass die Betroffenen in die Pankreas-Zentren gehen, damit sie wirklich eine Rundumversorgung bekommen. Denn viele Betroffene wechseln in ihrer schwierigen Situation immer wieder die Ärzte, holen sich immer neue Meinungen ein.

Und dann versuchen wir auch den Leuten die Angst zu nehmen und sagen: Da sind sie in guten Händen. Bleiben sie dort. Aber versuchen sie nicht zu springen. Das ist nämlich nicht förderlich.

Bauchspeicheldrüsenkrebs kann jeden treffen

Erik D. hat nach den ersten Kontakten mit dem Verein beschlossen, sich zu engagieren. Er will helfen, dass diese tödliche Krankheit mehr in die öffentliche Wahrnehmung rückt. Und er hat noch eine andere Botschaft: Der 41-jährige gelernte Koch ist jetzt Rentner. Er war immer ein gesunder, schlanker Mann und Nichtraucher. Er will deutlich machen: Bauchspeicheldrüsenkrebs kann jeden treffen.

Die Pläne für sein Engagement sind längerfristig, sagt er: "Ich für mich habe das Ziel, ich werde wieder gesund. Am Anfang hat mich jeder belächelt - mittlerweile glaube ich, ein paar Menschen glauben auch dran. Ich werde wieder gesund!"

(MDR, 17.11.16, Karsten Möbius)

 

Onkologisches Forum Celle e. V. | Telefon 05141-219 66 00 / E-Mail: info@onko-forum-celle.de