Onkologisches Forum Celle e. V.

17.10.17: Reisen mit Krebs - geht das?
14.10.17: Erst Krebs, dann pleite?
31.08.17: Kind nach Krebs möglich
28.02.17: Hohe Medikamentenpreise gefährden die Versorgung
20.02.17: Wenn der Bruder an Krebs erkrankt
27.01.17: Mama hat Krebs
09.12.16: Spendenaufruf bring 85.000 € für Operation
01.12.16: Krebs bei älteren Menschen
29.09.16: Sex mit Krebs

29.09.16: Schwanger trotz Krebs
26.08.16: Wenn Krebs junge Leute trifft
07.08.16: Wenn Krebs zur Chefsache wird
19.09.16: Krebskrank - und trotzdem arbeiten
04.02.16: Krebs macht arm (mit Fallbeispielen)

19.09.16: Wenn Krebs ein Leben finanziell bedroht
29.02.16: Sozialschwache mit 24% höherem Sterberisiko bei Krebs

04.07.16: Mit der Kraft haushalten - Wiedereinstieg in den Beruf
01.12.15: Zurück in den Beruf
17.02.16: Betriebliche Wiedereingliederung?
20.02.16: Wenn der Geschäftsführer an Krebs erkrankt
26.09.15: Das neue Tabu heißt Armut, nicht Tod
05.10.15: Den Krebs besiegt, die Wohnung verloren

07.09.15: Zurück in den Job
27.08.14: Wer nicht zahlen kann, stirbt
23.08.15: Ein Drittel der Krebs-Patienten lebt in Armut
01.12.14: Der Krebs raubte ihr die Existenz
28.09.15: Millionen sterben wegen fehlender Behandlung
25.11.15: 100.000 € Schmerzensgeld
15.12.15: Misteltherapie wird nicht bezahlt
22.05.16: Medikamentenpreise - Heilung nur für Reiche
17.07.16: Versicherungen gegen Krebs?
07.03.16: Münchener Verein bietet Versicherung gegen "Krebsarmut"
10.08.16: Krebs - die vergessene Gefahr für den Sozialstaat

 

 

Reisen mit Krebs

Mit einer Krebserkrankung verreisen – ist das möglich? Sicher kommt es immer auf den Einzelfall an, auf die Therapie und den Zustand des Patienten. Generell ist es aber möglich mit einer Krebserkrankung in den Urlaub zu fahren. Einige Vorbereitungen und Überlegungen vorab sind jedoch notwendig.

Wie die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) betont, kann selbst nach einer kürzlich erhaltenen Krebsdiagnose ein geplanter Urlaub stattfinden – ggf. kann er auch vor Therapiebeginn angetreten werden, wenn nicht ein sofortiger Beginn der Behandlung notwendig ist. Dies muss natürlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt entschieden werden. Generell sollte man, bevor man unter Krebstherapie verreist, den Zustand des Immunsystems und die Keimabwehr berücksichtigen und dies ebenfalls mit dem Arzt absprechen, damit keine unnötigen Risiken eingegangen werden. Daher spielen auch das Reiseziel, die hygienischen Bedingungen vor Ort und eventuell notwendige Impfungen eine Rolle und sollten vorab bedacht werden, so der Krebsinformationsdienst.

Medikamente auf Reisen: Das gehört ins Gepäck

Wer hingegen Medikamente mit in den Urlaub nehmen muss, sollte zum einen für einen ausreichend großen Vorrat sorgen, der auch für die ersten Tagen nach der Heimkehr reicht, rät der Krebsinformationsdienst. Ob bei der Einnahme der Medikamente die Blutwerte oder das Auftreten von Nebenwirkungen kontrolliert werden müssen, wie das bei einigen Krebsmedikamenten notwendig ist, sollte man vorab mit seinem Arzt absprechen. Ggf. ist es möglich, dass ein Arzt am Urlaubsort diese Kontrollen vornehmen kann – die letzten Befunde bzw. die Diagnose beispielsweise als Arztbrief schriftlich dokumentiert mit sich zu führen, kann daher sehr hilfreich sein.

Auf jeden Fall sollte man daran denken, die Kontaktdaten des behandelnden Arztes mit zu nehmen, eine Liste der verwendeten Medikamente, ihre Dosierung und die Beipackzettel einzupacken ebenso wie eine Liste der Hilfsmittel wie Stomabeutel, Kontinenzhilfen oder Verbandsmaterial, so der Krebsinformationsdienst. Übrigens: Ins Handgepäck gehören nicht nur die benötigen Medikamente, sondern auch die Beipackzettel, denn diese enthalten Angaben über die enthaltenen Substanzen in international gültiger Form. Ebenso beachtet werden sollte der Sonnenschutz: Die Haut kann durch manche Krebsmedikamenten weitaus empfindlicher sein als normal: Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor sind bei Reisen in Gebieten mit hoher UV-Strahlung unabdingbar, allerdings sollte vorher getestet werden, ob sie vertragen werden. Weniger Risiko geht ein, wer die direkte Sonneneinstrahlung meidet und seine Haut durch Kleidung und Kopfbedeckungen schützt.

Wer medizinische Behandlungen am Urlaubsort, vor allem im Ausland, benötigt, sollte sich auch über Krankenversicherungen und Kosten Gedanken machen: Übernimmt die eigene Krankenkasse mögliche Ausgaben? Gibt es eine private Krankenzusatzversicherung, die aufkommen könnte? Unter Umständen können hier private Kosten für den Patienten anfallen.

Was ist bei der Anreise zu beachten?

Die Anreise zum Urlaubsort ist ein weiterer Aspekt – manchmal ist eine lange Anreise notwendig. Je nachdem, welche Medikamente der Krebspatient einnimmt bzw. wie sein körperliche Zustand ist, ist es ihm nicht möglich, selbst Auto zu fahren. Wer als Beifahrer oder im Bus eine lange Fahrt antritt, sollte auf genügend Pausen achten und sich immer mal wieder bewegen, um Thrombosen vorzubeugen. Ggf. ist es sinnvoll, gerinnungshemmende Medikamente einzunehmen oder Thrombosestrümpfe zu tragen – auch hier sollte man vorab mit dem Arzt sprechen. Bei einer Flugreise kann der herrschende Luftdruck in der Kabine problematisch sein. Nach einer erst kürzlich erfolgten Operation, ist es unter Umständen nicht möglich, zu fliegen, da das frische Narbengewebe durch die Bedingungen im Flugzeug belastet werden kann. Nach Angaben des Krebsinformationsdienst ist eine Flugreise bei gut verheilten Operationsnarben und gutem Allgemeinzustand meist kein Problem. Einige Wochen warten sollte man nach einer Operation im Bauch- oder Brustbereich und mindestens sechs Monate nach einer Operation am Schädel.

(Curado, 16.10.17, Quelle: Befund Krebs 3/2017)

 

 

 

Hamburg

Erst Krebs, dann pleite?

Wie schwerkranke Hamburgerinnen mit persönlichem Crowdfunding gegen den finanziellen Ruin angehen

Nee, das geht nicht, ich habe mich gerade erst selbstständig gemacht.“ Wenn sich Sarah Hertz* heute daran erinnert, was ihr als Erstes in den Sinn kam, als ihr Arzt ihr vor sechs Monaten im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) die Diagnose Lymphkrebs stellte, kann sie es selbst kaum glauben. „Alles, woran ich damals dachte, war meine wirtschaftliche Existenz. Dass es dabei um Leben und Tod geht, war mir in dem Moment gar nicht so bewusst.“

Der jungen Hamburger Physiotherapeutin ging es so wie vielen Selbstständigen in Deutschland. Eine Krankheit wie Krebs mitsamt der langwierigen Behandlung, die dazugehört, konnte sie sich – so pragmatisch das klingen mag – zum Zeitpunkt ihrer Diagnose absolut nicht leisten. Erst vor Kurzem hatte sich die 30-Jährige ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt, dem ehemaligen Arbeitgeber gekündigt und ihre eigene Praxis eingerichtet. Nur zwei Monate später folgte die Diagnose und mit ihr finanziellen Sorgen, mit denen Sarah Hertz so nie gerechnet hätte.

Anders als Beschäftigte, die bei Krankheit in den ersten sechs Wochen noch von ihrem Arbeitgeber weiter bezahlt werden und dann Krankengeld bekommen, sind Selbstständige wie Sarah Hertz bis zum 43. Tag ihrer Krankheit komplett auf sich selbst angewiesen, also auf finanzielle Polster, die man in der Zeit der Selbstständigkeit aufbauen konnte, wenn das denn möglich war. Erst danach erhalten sie Krankengeld – das nicht immer die laufenden Kosten der Patienten deckt.

„Im ersten Monat der Selbstständigkeit verdient man in der Regel nicht viel und das Krankengeld bemisst sich am Einkommen“, erzählt die 30-jährige Hertz. Bei ihr sei das Einkommen so niedrig gewesen, dass ihr Krankengeld, das bei Selbstständigen 70 Prozent der früheren Einkommen beträgt, kaum höher ausfalle als die Miete ihrer Zweizimmer-Wohnung. Zu wenig, um davon zu leben. Arbeiten kann Sarah wegen ihres gesundheitlichen Zustands nicht, und selbst wenn sie es wollte, könnte sie es nicht: Die Kasse würde die Zahlung des Krankengeldes sofort stoppen.

Das Schicksal der jungen Physiotherapeutin ist kein Einzelfall. Durch Krankheitsfälle verursachte Armut hat in Deutschland innerhalb der vergangenen Jahre deutlich zugenommen. In einer Studie des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen von 2011 gaben 10,5 aller befragten Menschen „Krankheit“ als Grund ihrer Überschuldung an.

Auch Sarah, die kein Hartz IV beantragen möchte, aus Angst, als Konsequenz eine neue Wohnung suchen zu müssen, sieht sich bereits großen finanziellen Problemen ausgeliefert, als ihr ein Freund zum persönlichen Crowdfunding rät. „Einer meiner Kumpel hat mir erzählt, dass er zu einem Geburtstag eingeladen war, bei dem über persönliches Crowdfunding Geld für das Hochzeitsgeschenk gesammelt wurde“, erzählt sie.

Das Prinzip funktioniert zunächst wie eine klassische Crowdfunding-Kampagne: Über eine Website werden Gelder von verschiedenen Investoren für eine Aktion – Spenden, Geschenke und Ähnliches – gesammelt. Anders als beim üblichen Crowdfunding, bei dem die Investoren in der Regel eine Gegenleistung erhalten, gibt es beim persönlichen Crowdfunding jedoch keinen Gegenwert. Geldgeber beteiligen sich hier eher aus ideellen oder altruistischen Werten. Sie wollen helfen und haben Spaß daran, Gutes zu tun.

Wenn man sich durch Leetchi.com – eine Plattform für persönliches Crowdfunding – scrollt, fällt auf, dass hier erschreckend viele Krankheitsfälle vertreten sind, die so gegen den finanziellen Ruin anzukämpfen versuchen.

„Wir haben keine Statistiken zu den Crowdfunding-Aktionen im medizinischen Bereich, aber es fällt schon auf, dass oftmals Selbstständige auf finanzielle Entlastung angewiesen sind“, sagt Anastasia Heilmann von leetchie.com. Für Selbstständige wie Sarah Hertz, bei denen das Krankengeld nur gering ausfällt, können schwere Krankheiten schnell zur existenziellen Bedrohung werden.

Ebenfalls häufig vertreten seien Personen, die sich alternativen Therapien unterziehen müssen, oder Hilfsmittel benötigen, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Besonders wenn es um Zusatzleistungen geht, stelle sich die Krankenkasse oft quer. „Man muss für alles kämpfen“, berichtet Astrid Großler*. Die Agentin erkrankte vor drei Jahren an Krebs und fiel deshalb über drei Jahre bei ihrer Arbeit aus. Zum Glück hatte sich die Gründerin ausreichend versichert.

„Ich habe für den Krankentag 90 Euro bekommen. Das ist völlig ausreichend“, erzählt Astrid. Dennoch musste auch sie immer wieder bei ihrer Krankenkasse um Unterstützung bitten. „Ich habe bei meiner Kasse nach einer Haushaltshilfe gefragt, weil ich allein lebe und mich kaum bewegen konnte. Das wurde zuerst komplett ignoriert, dann sagte man mir, man könne nur 5,30 Euro die Stunde zahlen. Das ist natürlich schwierig, wenn man selbst nur von Krankengeld lebt und der Mindestlohn aber bei 8,50 Euro liegt.“ Astrid gab nicht auf und forderte weiter. Am Ende bekam sie die lang ersehnte Haushalthilfe. Dennoch: „Einfach war es nicht“, sagt die Agentin. „Ich habe das Gefühl, dass sich hier jeder, der krank ist, bemühen muss, nicht zu kurz zu kommen. Das ist ganz schön anstrengend, wenn man durch die Krankheit eh schon geschwächt ist.“

Hartnäckigkeit zahlt sich im Krankheitsfall aus. Was die Krankenkasse nämlich oft gern übersieht, sind Ausgaben fernab der Standardleistungen. Das berichtet auch Denise Weimann*, die vor vier Monaten an Brustkrebs erkrankt ist. Neben der Übelkeit nach der Chemotherapie, dem Gedankenkarussell und der körperlichen Abgeschlagenheit erinnert sie auch ihre Glatze täglich an die schwere Krankheit.

„Mir sind gleich zu Beginn der Chemo die Haare ausgegangen“, erzählt Denise Weimann, die vor ihrer Krankheit langes blondes Haar trug. „Ich bin deshalb zum Friseur gegangen und habe mich beraten lassen, was es für Perücken gibt. Da wurde mir sofort klar, dass ich mir das nicht leisten kann.“

Eine Echthaarperücke mit Haaren, die in etwa so lang sind, wie Denises vorherige Mähne kostet ab 500 Euro aufwärts – sehr viel Geld für die junge Mutter, die wegen ihrer Krankheit und den insgesamt fünfzehn Chemobehandlungen, die bei ihr angesetzt sind, ein ganzes Jahr lang vom Krankengeld leben muss.

„Mir wurde als Kompromiss eine günstige Kurzhaarperücke vorgeschlagen, aber damit sah ich so anders aus. Das war einfach nicht ich.“

Denise Weimann ist schon kurz davor, sich den Traum vom Ersatzhaar abzuschminken, als ihre beste Freundin für sie heimlich ein Sammelkonto eröffnet. „Wir spenden für unsere liebe Denise, die ihre Haare verloren hat“, schreibt die Freundin auf Facebook und verlinkt zum persönlichen Crowdfunding auf der Website Leetchi.

Heute, vier Monate später, ist genügend Geld für eine Perücke zusammengekommen. „Ich hätte das nie für möglich gehalten“, erzählt Denise Weimann gerührt. „Ich selbst hätte mich hier nicht angemeldet, ich bin sonst immer eher der Typ, der für andere spendet und schaut, dass es allen gut geht.“ Mit ihrer Langhaarperücke wird sie endlich nicht mehr angestarrt und so weniger an ihre Krankheit erinnert.

Auch für Sarah Hertz hat sich das persönliche Crowdfunding gelohnt. Für die selbstständige Physiotherapeutin kam inzwischen so viel Geld zusammen, dass sie sich um ihre Miete keine Sorgen mehr machen muss. Die Spendenaktion wurde bei Facebook publik gemacht, Bekannte und Freunde solidarisierten sich in den sozialen Netzwerken. „Am Anfang beteiligen sich zunächst Freunde, die Familie, Kollegen, Nachbarn, Bekannte aus dem Verein oder der Glaubensgemeinschaft und andere direkt bekannte Personen“, erzählt Anastasia Hellmann von Leetchi. „Diese Menschen kennen die persönliche Geschichte, vertrauen dem Crowdfunding und möchten zur Erfüllung des Anliegens beitragen. Sie teilen die Aktion wiederum mit ihrem Netzwerk – und der Stein kommt ins Rollen. Nach und nach beteiligen sich so auch fremde Personen.“

Tue Gutes und sprich drüber: Das gilt in Zeiten des persönlichen Crowdfundings wohl mehr denn je.

(Die Welt, 14.10.17, Nina Ponath)

 

 

Medizin

Erlangen Klinik macht Patientinnen Hoffnung: Kind nach Krebstherapie möglich

Krebstherapien führen oft zu Unfruchtbarkeit. Die Klinik macht Patientinnen Hoffnung: Der Kinderwunsch bleibt erfüllbar - wenn man früh genug handelt.

Eine schwere Zeit mit Krebstherapien liegt hinter ihnen. Jetzt sind Gabriela H. und ihr Mann hoffnungsvoll, dass sich ihr Kinderwunsch erfüllt. Foto: Uniklinik Erlangen

Junge Frauen trifft der Schock einer Krebsdiagnose oft doppelt. Denn nicht nur die Erkrankung ändert plötzlich ihr gesamtes Leben - auch das Risiko, nach der Strahlen- und Chemotherapie unfruchtbar zu sein, macht den Patientinnen Angst.

Mut macht ein neues Verfahren, bei dem Eierstockgewebe rechtzeitig vor der Krebstherapie entnommen, eingefroren und nach der Genesung wieder voll funktionsfähig eingesetzt wird. Jetzt haben die Ärzte des Universitäts-Fortpflanzungszentrums Franken am Universitätsklinikum Erlangen die hoffnungsbringende Reimplantation bereits zum 50. Mal durchgeführt, teilt die Uniklinik mit.

Hohes Risiko der Unfruchtbarkeit

Für Gabriela H. brach bei der Diagnose Morbus Hodgkin (Lymphdrüsenkrebs) vor sieben Jahren eine Welt zusammen. Vor allem, weil sie mit Mitte 20 so eine niederschmetternde Nachricht keinesfalls erwartet hatte. Ein bisschen Glück hatte die Fränkin aber doch: Ihr behandelnder Onkologe kannte das Risiko, dass sie durch die bevorstehende Strahlen- und Chemotherapie unfruchtbar werden könnte. Der Mediziner informierte seine Patientin über die fertilitätserhaltende Kryokonservierung.

"Ich wusste gleich, dass ich diese Möglichkeit nutzen muss", sagt die heute 33-Jährige. Rechtzeitig vor ihrer Krebsbehandlung ließ sie sich gesundes Ovarialgewebe entnehmen und im Fortpflanzungszentrum am Uni-Klinikum Erlangen bei - 196 Grad Celsius einlagern.

Nach zehn Monaten kräftezehrender Therapie und der Entfernung der befallenen Lymphknoten fand Gabriela H. allmählich ins Leben zurück.

Jetzt, sechs Jahre nach ihrer Genesung, hat sich die junge Frau entschlossen, ihrem Kinderwunsch eine Chance zu geben. "Allein endlich gesund zu sein, ist ein großes Glück für mich und meinen Mann", sagt sie. "Aber diesen Versuch möchten wir nun trotzdem noch wagen." Für Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik Erlangen und Sprecher des Universitäts-Fortpflanzungszentrums, sowie Ralf Dittrich, wissenschaftlicher Leiter der Reproduktionsmedizin, und ihre Kollegen ist Gabriela H. bereits die 50. Patientin, der die Mediziner trotz vorhergegangener Unfruchtbarkeit zu einer Schwangerschaft verhelfen wollen. Bereits elf Kinder sind trotz Unfruchtbarkeit nach Krebstherapie geboren worden.

600 eingefrorene Hoffnungen

Das Fortpflanzungszentrum am Uni-Klinikum Erlangen hat mit rund 600 eingefrorenen Eierstockgeweben das deutschlandweit zweitgrößte Lager. Die meisten Frauen lassen sich ihr Gewebe zeitnah nach ihrer Genesung wieder in die Beckenwand implantieren. "In rund 90 Prozent der Fälle kehrt die hormonelle Aktivität des Gewebes innerhalb von einigen Wochen zurück", berichtet Dittrich.

Mit erfreulichen Folgen - so konnten am Uni-Klinikum Erlangen bereits neun Frauen elf gesunde Kinder zur Welt bringen, obwohl sie nach ihrer Krebsbehandlung unfruchtbar geworden waren. "Für die Zukunft wünschen wir uns, dass noch mehr Krebspatientinnen rechtzeitig, das heißt vor ihrer Therapie, auf fertilitätserhaltende Möglichkeiten hingewiesen werden, damit sie die Chance auf eigene Kinder nicht verlieren", sagt Dittrich.

In Deutschland erkranken pro Jahr rund 17 000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren an Krebs. Moderne Behandlungen von bösartigen Krebserkrankungen haben die Überlebensrate der Krebspatientinnen deutlich erhöht, führen aber oft zur Unfruchtbarkeit. Erstmals in Deutschland transplantierten die Erlanger Reproduktionsmediziner 2008 kryokonserviertes Eierstockgewebe bei einer ehemaligen Krebspatientin aus Franken.

(inFranken.de, 31.8.17)

 

 

Hohe Medikamentenpreise

Das Geschäft mit Krebs: Handel mit der letzten Hoffnung

Ein teures neues Medikament soll Brustkrebs für einige Monate stoppen. Es wird Hersteller Pfizer dieses Jahr einen Milliarden-Umsatz einbringen. Im «Kassensturz» warnen Krebsärzte und Gesundheitsökonomen: Bald könnten solch teure Krebsmedikamente nicht mehr allen Kranken zur Verfügungen stehen.

«Die Politik muss jetzt handeln», sagt Beat Thürlimann, Chefarzt im Brustkrebszentrum des Kantonsspitals St. Gallen. Der Onkologe befürchtet, dass bald nicht mehr alle Patienten von den neusten Medikamenten profitieren können: «Das Schlimmste wäre, wenn uns ein gutes neues Medikament nicht zu Verfügung stünde, weil es zu teuer ist.» Thürlimanns Sorge: Hochpreisige Krebsmedikamente könnten zu Rationierung führen und den gerechten Zugang für alle Krebskranken gefährden.

Monatspackung für 10‘000 Dollar: «Solche Preise sind irrsinnig»

Das aktuellste Beispiel dieser Diskussion heisst Ibrance, ein Medikament für die Behandlung von Brustkrebs mit Metastasen. Ibrance kann den Krebs nicht heilen. Es soll aber das Fortschreiten der Krankheit um einige Monate aufhalten. Seit heute ist der Preis in der Schweiz bekannt, das Medikament kostet 4‘145.50 Franken pro Monat.

Finanzanalysten schätzen, dass US-Hersteller Pfizer allein mit diesem Präparat dieses Jahr weltweit einen Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar machen wird. In der Branche nennt sich ein solches Medikament «Blockbuster».

Rationierung bei Umsatzrennern

Krebsspezialist Thürlimann behandelt bereits mit Ibrance. Bis zur offiziellen Preisfestsetzung bekommen Patientinnen das Medikament kostenfrei. Eine davon ist Manuela J. Seit zwölf Jahren lebt sie mit der Diagnose Brustkrebs. Mittlerweile hat sie Metastasen in Knochen, Leber und Lunge. «Von Heilung kann ich in meiner Situation nicht sprechen», sagt die 50-Jährige. «Das Wichtigste für mich ist eine gute Lebensqualität, damit ich noch arbeiten und für meine Familie da sein kann.» Die Preise der Medikamente seien «verrückt», aber solche Überlegungen müsse sie zur Seite schieben: «Bei mir geht es ums nackte Überleben.»

«Irrsinnige Medikamentenpreise»

Von «irrsinnigen» Medikamentenpreisen spricht auch der Tessiner Krebsspezialist Franco Cavalli: «Es gibt neue Medikamente, die 15‘000 bis 16‘000 Franken pro Monat kosten.» Gerade beim Krebs müssten mehrere Medikamente zusammen verabreicht werden. «Mit diesen Kombinationsbehandlungen kommen wir bis eine halbe Million pro Jahr», stellt der ehemalige SP-Nationalrat fest. «Das sind Kosten, die niemand tragen kann.» Losgelöst von Forschung- und Herstellungskosten diktiere die Pharma den Peis.

Das widerspiegelt sich in den Ausgaben für Krebsmedikamente in der Grundversicherung. In den letzten zehn Jahren sind die Kosten auf das Dreifache angestiegen: von 213 Millionen Franken auf 636 Millionen. Guido Klaus von der Krankenkasse Helsana kritisiert, dass weder Kassen noch Patientenorganisationen gegen einmal festgelegte Pharmapreise vorgehen könnten. «Behörden müssen genau hinschauen, ob das Kosten-Nutzen-Verhältnis von solch teuren Medikamenten stimmt», sagt Klaus. Bei günstigeren Alternativen müsse das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auch Präparate von der Liste der kostenpflichtigen Medikamente streichen: «Da braucht es mutige Entscheide.»

Nutzen bei Zulassung oft unbekannt

Der Nutzen neuer Medikamente ist bei der Zulassung oft unklar. Eine Studie des renommierten österreichischen Ludwig Boltzmann Instituts hat 2016 die Daten der Krebsmedikamente analysiert, die in den letzten Jahren zugelassen worden sind. Das Fazit ist ernüchternd: «Zum Zeitpunkt der Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde ist bei vielen Medikamenten der tatsächliche Nutzen nicht bekannt.» Nur gerade jedes zehnte Medikament kann das Leben im Schnitt um über 100 Tage verlängern.

«Das beste Medikament wird unbezahlbar»

In Bern macht Klazien Matter-Walstra für die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) aufwendige Kosten-Nutzen-Analysen von neuen Medikamenten. Die Gesundheitsökonomin beobachtet, dass sogar ältere Krebsmittel in der Preisspirale mit nach oben gezogen werden: «Wenn man das weiter denkt, dann wird das beste Medikament, das es je geben wird, nicht mehr bezahlbar sein.»

Matter-Walstra stellt fest, dass das Gesundheitssystem nicht wie ein normaler Markt funktioniert: «Je mehr vergleichbare Medikamente verfügbar sind, je teurer werden sie. Nicht günstiger.»

Ibrance zu teuer für England

Die hochpreisigen Krebsmedikamente werden für die Gesundheitssysteme weltweit zur Zerreissprobe. In England verlangt Pfizer so viel, dass Ibrance den Bruskrebspatientinnen vorerst nicht bezahlt wird. Ein gewonnenes, qualitätbereinigtes Lebensjahr würde 180'000 Franken kosten. Zu teuer im Verhältnis zum Nutzen.

«Umsatz von maximal 10 Millionen Franken»

Ab März ist Ibrance auf der Spezialitätenliste der kostenpflichtigen Medikamente. Damit sei die Schweiz eines der weltweit ersten Länder, das schwerkranken Patientinnen das Medikament vergüte, schreibt Pfizer. Das BAG habe die Erstattung von Ibrance durch die Krankenkassen gewährt, weil das Medikament die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfülle. «Aufgrund der jährlichen Therapiekosten von Ibrance ist ein Umsatz von über 10 Millionen Franken pro Jahr nicht zu erwarten.» Das Mittel gehöre zu einer neuen Klasse von Krebsmedikamenten und stelle bei metastasiertem Brustkrebs «einen potenziellen neuen Massstab für die Behandlung» dar.

«Bei Krebs akzeptieren Behörden jeden Preis»

Bei Krebsmedikamenten sei es für die Pharmaindustrie viel einfacher, hohe Preise durchzuboxen, sagt Krebsforscher Franco Cavalli: «Jeder fürchtet sich vor Krebs, und deshalb haben die Behörden auch nicht den Mut zu sagen, «Nein, diesen Preis akzeptieren wir nicht.»

Daniel Bach vom BAG widerspricht: «Das sind zum Teil harte Verhandlungen.» Vor allem ausländische Firmen würden nicht von ihren Preisvorstellungen abrücken wollen. «Sie haben kein Interesse daran, uns Rabatt zu geben», sagt Bach. Denn der Schweizer Preis sei für andere Länder Referenz. Werde der Schweizer Preis reduziert, schwäche dies für die Pharmahersteller auch in anderen Ländern das Geschäft.

«Jeder gewonnene Tag ist ein Geschenk»

Krebsspezialist Beat Thürlimann fordert dringend andere Preismodelle: «Neue Medikamente müssen sich künftig viel mehr an ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit messen lassen.» Als Arzt will er allen die beste Behandlung anbieten. Bei Manuela J. hat Ibrance allerdings ungenügend funktioniert. Im Wettlauf gegen den Krebs bekommt sie bereits das nächste Präparat. «Ich weiss nicht, wieviel Zeit ich noch hätte, wenn ich keine Medikamente nehmen würde,» sagt die zweifache Mutter. «Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat an Leben ist ein Geschenk». Wieviel diese Zeit kosten dürfe, sagt ihr Onkologe, müsse die Gesellschaft entscheiden.

(srf, 28.2.17, Nadine Woodtli)

 

 

Wenn der Bruder an Krebs erkrankt

Pro Jahr bekommen etwa 150 Kinder in Sachsen die Diagnose Krebs. Die Geschwister kommen dann oft zu kurz. Eine neues Programm soll ihnen Hilfe bieten.

Justin Peter aus Wilschdorf in Ostsachsen rauft und tobt gerne mit seinem fünfjährigen Bruder Jonas. Seit ein paar Monaten sind sie wieder eine normale Familie, wie der 13-Jährige erzählt. Doch die schwere Zeit vor zwei Jahren wird er nie vergessen: Denn an einem Frühlingstag bekam sein Bruder Jonas die Diagnose Leukämie. Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles.

Justins Mutter war mit Jonas im Krankenhaus, kam nur stundenweise nach Hause - neun Wochen lang sah er sie kaum. "Sie hat mir gefehlt", sagt er. Auch wenn der Vater alles andere organisierte.

Justins elfter Geburtstag fiel in diese Zeit. "Ich habe das schon verstanden, dass wir wegen Jonas keine Feier machen konnten. Ich war ja selber sehr geschockt und hatte Angst", sagt der Junge und klingt sehr vernünftig. Doch etwas Enttäuschung schwingt trotzdem mit. "Wir haben am Wochenende zusammen Kuchen gegessen, das war in dem Moment das einzige, was ich organisieren konnte", sagt Mutter Jana Weber entschuldigend. Sie hat viel geweint in der Zeit, natürlich möglichst nicht vor den Kindern. Aber mitbekommen hätten sie das schon.

Hunderte Kinder in Sachsen haben Geschwister mit Behinderungen, chronischen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen. Diese brauchen oft rund um die Uhr Betreuung und medizinische Behandlung. Das wirkt sich auf die gesamte Familie aus, sagt Professor Konrad Reschke vom Institut für Psychologie der Uni Leipzig. "Die Geschwister müssen dann zurückstecken, sind Anspannung und Belastungen ausgesetzt. Denn sie sind nun einmal die Gesunden. Ihr Anteil am Leiden wird daher weniger ernst genommen." Aber das Gefühl, nicht so wichtig zu sein, vielleicht vernachlässigt zu werden, könne sie psychisch krank machen, sagt er.

"Zu meinem kleinen Bruder hatte ich während seiner Behandlung keinen Kontakt", sagt der 13-Jährige heute. "Da er durch die Chemotherapie sehr anfällig für Keime war, durfte ich nicht mit ins Krankenhaus. Auch danach, als er die Schläuche dran hatte, habe ich ihn nicht angefasst." Fragen wollte Justin seine Eltern nicht danach, sie waren doch so traurig, und er wollte das alles nicht noch schlimmer machen.

Doch Unausgesprochenes gibt Raum für Fantasie und Ängste. Psychische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten dieser Kinder äußern sich oft in Aggressivität, Hyperaktivität, aber auch in Aufbegehren und Depression. "Und das wiederum zieht Ablehnung von Mitschülern oder Angehörigen nach sich", sagt Ulrike Grundmann, Leiterin für psychische Arbeit im Verein Sonnenstrahl. Mit dem neuen Projekt "Jetzt bin ich mal dran!" möchte die AOK Plus und der Verein betroffene Kinder auffangen, ihr Selbstbewusstsein stärken, ihnen kindgerecht die Krankheit erklären und sie motivieren, über Ängste und Gefühle dem kranken Geschwisterkind gegenüber zu sprechen. "Alle Gefühle sind gut. Ich darf über alles reden, das soll die Botschaft sein. Davon dringt kein Wort nach außen. Auch die Eltern erfahren von uns nicht, was ihre Kinder hier erzählen", sagt Grundmann. "Obwohl die Kinder noch sehr jung sind, tauschen sie sich mit Gleichbetroffenen aus wie Erwachsene. Wir spüren, dass ihnen das hilft." Und die Kinder merken, dass ihr Befinden mindestens genauso wichtig ist, wie das der Geschwister.

"Ja, Justin hat nie mit uns über seinen Bruder gesprochen, nie Fragen gestellt, sich nur zurückgezogen. Wir haben uns große Sorgen gemacht", sagt Jana Weber. "Auf der Krebsstation, wo Jonas behandelt wurde, gab es wöchentlich ein Elterncafé. Dort habe ich das angesprochen. Mir wurde der Verein empfohlen, und wir haben uns gleich kundig gemacht", sagt sie. "Damals war das Projekt noch in der Erprobung. Wir waren mit die ersten, die davon profitiert haben."

"Ab jetzt ist das Geschwisterprogramm Kassenleistung für unsere Mitglieder", sagt Ottmar Walz von der AOK Plus. Mitglieder anderer Kassen müssten eine Kostenübernahme beantragen, möglicherweise auch in Vorkasse gehen. Die Entscheidung darüber erfolge individuell, sagt ein Sprecher der Barmer.

"Das Geschwisterprogramm ist für Kinder im Grundschulalter wie Justin geeignet. Für solche, die aus dem Extremen herausfallen", sagt Walz. Mit extrem meint er sowohl besonders schwere Fälle, die eher eine persönliche Betreuung brauchen, als auch solche, wo alles glatt läuft. Viele Familien meistern dieses Schicksal auch ohne Hilfe.

Rund 700 Euro koste ein Kurs, der sich aus 20 bis 24 Einheiten von je 60 bis 90 Minuten zusammensetzt. AOK Plus-Versicherte erhielten einen Gutschein, den sie beim Verein abgeben. Auf diesen Gutschein bekomme der Verein sein Geld, und die Eltern müssten nicht in Vorkasse gehen. "Denn Familien mit kranken Kindern sind finanziell meist nicht so gut gestellt", so Walz.

Noch heute fährt Justin einmal im Jahr in ein Camp der Geschwisterinitiative. "Ich habe dort viele Freunde gefunden, wir treffen uns auch immer zum Geschwistertag, den der Verein für uns organisiert", sagt der 13-Jährige. Er freut sich, dass sein Bruder wieder gesund und alles wieder wie früher ist. "Wir sind stolz auf unseren Großen. Aber ich glaube, dass auch er daran gewachsen ist", sagt die Mutter. Die Eltern haben in der Ferienwoche, die Justin bei der Oma verbrachte, sein Zimmer neu gestaltet. "Eine Überraschung. Wir wollen ihm damit Danke sagen. Er hat ja so viel wegstecken müssen", so Jana Weber.

(Freie Presse Chemnitz, 20.2.17, Stephanie Wesely)

 

 

Weltkrebstag

Mama hat Krebs

Bremen. Heike ist zum dritten Mal an Krebs erkrankt. Dieses Mal ist es schlimmer. Er hat sich in ihrem Körper ausgebreitet. „Ich werde sterben“, sagt die 44-Jährige. „Wann? Vielleicht in ein paar Monaten, in einem Jahr. Auf jeden Fall wohl in den nächsten drei Jahren, das ist die Überlebenszeit, die mir die Ärzte genannt haben.“ Heike ist verheiratet, und sie hat zwei kleine Kinder. Sie sind sechs und acht Jahre alt.

Wegen ihnen möchte sie nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. „Ich habe Angst, dass danach jemand zu ihnen sagt: Deine Mama stirbt bald. Das kann schnell auf dem Schulhof passieren.“ Heikes Kinder wissen, dass ihre Mutter nicht gesund ist. Dass sie sehr krank ist und dass sie Krebs hat. „Wir sprechen mit unseren Kindern über den Krebs. Der Krebs ist in unserer Familie, und wir müssen mit ihm leben.“ So lange es geht. Die große Tochter fragt manchmal, ob Heike stirbt. Dann sagt Heike: Ich habe das dritte Mal Krebs, ich sterbe jetzt nicht. Papa und ich kümmern uns, tun alles, damit es mir so lange wie möglich gut geht.

Heike will ihre Kinder schützen. Sie beantwortet ihre Fragen. Nicht wie bei Erwachsenen. So, wie die Antworten Kindern gerecht werden können. Sie trägt Mütze statt Perücke. Sie will nicht, dass der Kleine mal an den Haaren zieht und plötzlich die Perücke in der Hand hat. Sie will sie nicht mit Schweigen über den Krebs belasten. Auch wenn das der erste Schutzreflex ist. Sie will ihnen nichts vorspielen.

Geschützter Raum bei „Pegasus“

„Das funktioniert auch nicht“, sagt Marina Schürmann. „Kinder spüren das, sie bekommen viel atmosphärisch mit. Die Ängste, Sorgen und die Stimmung. Auch wenn sie noch ganz klein sind.“ Marina Schürmann leitet seit November das Pegasus-Projekt der Bremer Krebsgesellschaft. Es ist ein Unterstützungsangebot für Kinder und Jugendliche, deren Geschwister oder Eltern an Krebs erkrankt sind. Es gibt Gruppen für Mädchen und Jungen von drei bis 19 Jahren.

Kinder leiden unter dem Schweigen der Eltern, weiß die Therapeutin. Wenn sie ihre Fragen nicht stellen können, wird ihre Angst noch größer. Und wenn sie keine Fragen stellen, heißt das nicht, dass sie keine haben. Sie fühlen sich schuldig, ausgeschlossen, allein gelassen, wenn die Eltern nicht mit ihnen über die Krankheit und ihre Ängste sprechen. „Sie denken, das hat etwas mit ihnen zu tun und dass jederzeit etwas Schlimmes passieren kann, dass Mama oder Papa morgen nicht mehr da ist“, sagt sie.

Pegasus bietet den Kindern einen geschützten Raum. Ziel ist es, ihnen emotionale Unterstützung zu geben und durch therapeutische Begleitung dabei zu helfen, ihre Ängste und Sorgen zu verarbeiten. Spielerisch, im Gespräch, mit Musiktherapie. Alle Kinder in den kleinen Gruppen machen das Gleiche durch, haben ähnliche Ängste, Wut, Schuldgefühle. In den Gruppen können sie offen darüber reden und werden von den anderen verstanden. „Sie können alles loswerden, auch ihre Wut. Das ist eine große Entlastung für sie“, sagt Marina Schürmann. Die Therapeutin berät auch Eltern, wie sie mit ihren Kindern über den Krebs sprechen können, wie sie ihnen sagen, dass Mama, Papa, Bruder oder Schwester schwer krank sind, vielleicht nicht mehr gesund werden.

Heikes Kinder begreifen, dass ihre Mutter schwer krank ist. Sie haben es bereits einmal erlebt. Die älteste Tochter ist acht Jahre alt. In der Schule ist sie seit der neuen Diagnose immer besser geworden. Zu Hause hilft sie, den Abendbrottisch abzuräumen. Sie will die Mutter nicht zusätzlich belasten. Sie hat Angst, dass sie sonst noch kranker wird. Heike sagt ihr, dass sie die Angst jetzt nicht haben muss. Dass es ihr gut geht und dass sie sagen, wenn etwas nicht mehr geht. Ehrlich, nicht schonungslos – das ist es, was Heike und ihrem Mann wichtig ist.

Kinder haben feine Antennen. Sie sind immer auf der Hut, nehmen jede Veränderung im Alltag wahr. Sie bringen auch Dinge, die nichts mit dem Krebs zu tun haben, mit ihm in Verbindung. Weil sie Angst haben. Heikes Sohn hat sich vor Kurzem beklagt, dass er mehrere Abende hintereinander von seinem Vater ins Bett gebracht wurde. „Das hatte sich einfach so ergeben, weil ich beschäftigt war“, sagt Heike. Das hat sie ihm gesagt. Jetzt liest sie ihm wieder zum Einschlafen vor.

Die Bremer Krebsgesellschaft berät alle Familienmitglieder, die von der Diagnose Krebs betroffen sind. Psychoonkologin Antje Müller gibt professionelle Unterstützung bei der Verarbeitung und dem Umgang mit der Erkrankung in der Familie. Vor allem auch den Angehörigen. „Sie leiden genauso“, sagt die Therapeutin. „Sie haben Angst, den Partner zu verlieren, wollen ihn durch die Sorge aber nicht belasten. Viele wissen einfach nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen.“

Beratung ist kostenlos

Die Krebserkrankung hat noch eine ganz andere Seite. Eine, die Heike gerade voll zu spüren bekommt. Sie befürchtet, dass ihre Krankenkasse sie aus dem Krankengeld-Bezug in die Verrentung drängen will. „Das würde eine Erwerbsminderung bedeuten. Außerdem möchte ich auch wieder arbeiten, solange es mir noch gut geht.“

Marie Rösler ist die Leiterin der Bremer Krebsgesellschaft. Im vergangenen Jahr haben sie und ihre Mitarbeiterinnen 2844 Beratungsgespräche geführt. In über 800 Gesprächen ging es um berufliche Fragen und Probleme sowie finanzielle Sorgen. „Bekommt man die Diagnose Krebs, steht zunächst das Medizinische im Vordergrund, das ist selbstverständlich“, sagt Marie Rösler. „Man denkt nicht an diese anderen Dinge. Aber es ist sinnvoll, sich so bald wie möglich damit zu befassen. Dabei bieten wir unsere Unterstützung an.“ Neben diesen individuellen Beratungen veranstaltet die Krebsgesellschaft auch regelmäßig Vorträge und Seminare für Betroffene und Angehörige. Das Angebot in den drei Beratungsstellen im Stadtgebiet ist kostenlos.

Programm zum Weltkrebstag „Familienleben mit Krebs“ – unter diese Überschrift hat die Bremer Krebsgesellschaft, Am Schwarzen Meer 101-105, ihre Veranstaltungen zum Weltkrebstag am Sonnabend, 4. Februar, gestellt. Das Programm besteht unter anderem aus Vorträgen: Um 11 Uhr lautet der Titel „Was Kinder brauchen, wenn Eltern an Krebs erkranken“. Um 12 Uhr geht es um „Soziale Hilfen – was steht Familien zu?“, „Familienalltag mit Krebs“ ist das Thema um 13 Uhr, und um 14 Uhr lautet die  Frage „Mein Angehöriger ist erkrankt – bin ich auch gefährdet?“. Auf Kinder wartet eine besondere Veranstaltung: Die „Extra-Gruppe des Zirkus Bambolino“ der Freien Waldorfschule Bremen-Osterholz lädt von 11.30 Uhr bis 13.30 Uhr mit einem Zirkus-Workshop zum Mitmachen ein. Außerdem gibt es eine Kinderbetreuung.

(Weser Kurier, 27.1.17, Sabine Doll)

 

 

Spendenaufruf im Internet bringt 85.000 Euro für Krebs-Operation

Welle der Hilfsbereitschaft für Steffen R.

Welch eine Welle aus Hilfsbereitschaft ein Aufruf in sozialen Netzwerken auslösen kann, erfährt Familie Rhode aus Meine in diesen Tagen. Dank einer Spendenaktion kann sie sich ihre letzte Hoffnung, eine Tumor-Operation in Kalifornien, leisten.

Überwältigt von der Hilfsbereitschaft: Krebspatient Steffen Rhode und seine Eltern Almut und Wilfried sind glücklich, dass Steffen durch Spenden eine Operation nach einem neuen Verfahren in den USA ermöglicht wurde.

Meine. Steffen Rhode ist kein Häufchen Elend. Er empfängt Besucher mit einem Lächeln. Erst auf dem zweiten Blick ist zu sehen, dass sich sein linkes Auge etwas träger bewegt. „Es gibt und es gab Phasen, die sind etwas anstrengend“, sagt der 35-Jährige, dem man seine Doppelodyssee - von Arzt zu Arzt, von Krankenkassen-Anfrage zu Krankenkassen-Anfrage - nicht anmerkt.

Ostern 2015: Das linke Augenlid hing, die Beweglichkeit des Auges war eingeschränkt. Sein Augenarzt schickte Rhode gleich zur Neurologin. Am nächsten Tag war Rhode zum ersten Mal im MRT. Es gab weitere Untersuchungen in Braunschweig, im Uniklinikum Göttingen, in einer Spezialklinik in Hannover und in der Charité.

Bis Januar war die Familie zuversichtlich. Die Ärzte gingen von einem gutartigen Hirntumor aus. Bis zur Biopsie mit 13 Gewebeproben. Das Ergebnis „hat uns den Boden völlig weggezogen“, so Mutter Almut Rhode. „Bis dahin dachten wir, es wäre ein gutartiger Tumor an einer schlechten Stelle.“ Jetzt ging es um einen „hochgradig bösartigen“ Glioblastom.

In der Uniklinik Dresden beschossen Spezialisten den Tumor, der mitten im Hirn liegt und deshalb nicht herausoperiert werden kann, mit Protonen. Dazu gab es eine Chemotherapie. Doch die Behandlungen stoßen jetzt an ihre Grenzen.

Steffen Rhodes Bruder Hannes ist derweil im Internet auf ein neues Verfahren der Uni San Diego gestoßen: Laser Ablation. Gesteuert über ein MRT wird eine Sonde in den Tumor eingeführt und dieser von innen abgetötet. Kostet etwa 80.000 Euro, zahlt die deutsche Krankenkasse nicht. Jetzt kommt die große Hilfsbereitschaft ins Spiel.

Freunde haben die Homepage www.help-steffen.com  eingerichtet und via Facebook einen Link verschickt. Da ging die Rakete ab. Belegschaften in Meine haben zusammen gelegt, Buddhisten aus Spanien für den Glaubensbruder Steffen gespendet. Innerhalb weniger Tage kamen 85.000 Euro auf dem anwaltlichen Anderkonto zusammen.

„Wir haben eine große Verwandtschaft und gute Freunde“, sagt Vater Wilfried Rhode. Doch dieses Netzwerk allein ist es nicht. Eine Ellbogengesellschaft voller Egoisten? Mutter Almut winkt ab angesichts dieser Menge an menschlicher Zuwendung.

Irgendwann im Januar wird sich Steffen Rhode auf den Weg machen nach San Diego. Mit einem zuversichtlichen Lächeln.

(Wolfsburger Allgemeine/Aller Zeitung, 9.12.16, rtm)

 

 

Krebs bei älteren Menschen – Der Umgang mit Pflegebedürftigkeit

Krebs trifft vor allem ältere Menschen – was ganz einfach an der steigenden Lebenserwartung liegt. Rund drei Viertel aller Neuerkrankten sind über 60 Jahre alt, im Jahr 2012 waren mehr als 90.000 der 480.000 an Krebs erkrankten Menschen sogar über 80 Jahre alt. Viele von ihnen werden dann pflegebedürftig, da sie gesundheitlich oft eh schon angeschlagen und weniger mobil sind und schneller als jüngere Patienten bettlägerig werden. Zudem kann eine Krebserkrankung und deren Therapie auch die Merk- und Denkfähigkeit von betagten Patienten verringern. Deshalb sind ältere Krebspatienten schon während ihrer Erkrankung stärker pflegebedürftig. Wer sich aufgrund seiner Krebserkrankung nicht mehr alleine versorgen kann, hat verschiedene Möglichkeiten, durch die Pflegeversicherung Unterstützung zu bekommen. Leistungen der Pflegeversicherung können in Form von Pflegegeld, Sachleistungen, z.B. die Versorgung zu Hause durch einen ambulanten Pflegedienst, oder als stationäre Leistungen (Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung) in Anspruch genommen werden. Allerdings müssen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung in der Pflegeeinrichtung vom Versicherten selbst getragen werden. Sollte dies nicht möglich sein, gibt es weitere finanzielle Unterstützungsangebote beim Sozialamt.

Neuerungen im Pflegegesetz ab Januar 2017

In Deutschland sind gesetzlich Krankenversicherte über die Krankenkasse auch bei einer Pflegeversicherung pflichtversichert. Privatversicherte müssen zusätzlich eine private Pflegeversicherung abschließen, um im Pflegefall vollständig abgesichert zu sein.

Ab Januar 2017 wird Pflegebedürftigkeit neu definiert. Bisher galt als pflegebedürftig, wer sich auf längere Sicht (mindestens 6 Monate) nicht alleine Versorgen konnte. Das neue Pflegegesetz definiert Pflegebedürftigkeit etwas anders. Pflegebedürftig sind Personen, deren Selbstständigkeit oder andere Fähigkeiten aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen für mindestens 6 Monate beeinträchtigt sind und die daher Hilfe durch andere benötigen.

Damit der Versicherte Anspruch auf die Leistungen der Pflegeversicherung hat, muss er oder sie innerhalb der letzten zehn Jahre mindestens zwei Jahre versichert gewesen sein. Außerdem muss, bevor Patienten Leistungen in Anspruch nehmen können, überprüft werden, ob der Erkrankte pflegebedürftig ist. Bisher beurteilte der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) Körperpflege, Beweglichkeit, Ernährung und die Fähigkeit des Patienten sich selbst zu versorgen und vergab daraufhin eine Pflegestufe von 0 bis 3 auf deren Basis die Höhe der Unterstützung für den Patienten ermittelt wurde. Auch dies ändert sich ab dem 01.01.2017. Zukünftig ist nicht mehr der Hilfebedarf in Minuten der Maßstab für Pflegebedürftigkeit, sondern der Grad der Selbständigkeit des Patienten. Ziel ist es die Fähigkeiten und Ressourcen des Patienten zu beurteilen und in den Mittelpunkt zu stellen.

Fünf Pflegegrade

Ab 2017 wird der MDK die Fähigkeiten des Patienten in sechs Lebensbereichen beurteilen: Mobilität, geistige und kommunikative Fähigkeiten, Selbstversorgung, Bewältigung und selbständiger Umgang mit krankheitsbedingten Belastungen sowie die Gestaltung des Alltagslebens. Für jeden Lebensbereich gibt es eine bestimmte Anzahl an Punkten, die vergeben werden kann. Auf Basis der Punkte wird der Patient dann einem der fünf Pflegegrade, welche die Pflegestufen ersetzen, zugeordnet. Je höher die Punktzahl, desto höher wird der Pflegegrad und damit auch die Unterstützung des Patienten ausfallen.
Versicherte, die bereits in eine Pflegestufe eingeteilt waren, müssen 2017 keinen neuen Antrag stellen. Sie werden von der Versicherung automatisch in den jeweiligen Pflegegrad eingestuft. Dabei gilt, dass Versicherte mit körperlichen Einschränkungen in den nächsthöheren Pflegegrad übergeleitet werden und Versicherte mit eingeschränkter Alltagskompetenz in den übernächsten Pflegegrad eingestuft werden. Kein Versicherter der bereits eine Pflegestufe hatte wird durch das neue System schlechter gestellt.

Wo gibt es supportive Therapie und unterstützende Maßnahmen?

Wer einen Angehörigen bei sich zu Hause pflegen will, hat mehrere Möglichkeiten, Unterstützung über die Versicherung zu bekommen. Es gibt zum einen Sachleistungen, wie beispielsweise bezahlte Pflegeeinsätze durch einen ambulanten Pflegedienst, und zum anderen das Pflegegeld, welches man bekommt, wenn man einen Angehörigen alleine pflegt. Eine Kombination aus Sachleistung und Pflegegeld ist ebenfalls möglich. Da auch Pflegende krank werden oder Urlaub benötigen, bezahlt die Pflegekasse deren Vertretung – die sogenannte Verhinderungspflege – durch einen ambulanten Pflegedienst oder die Übernahme der Pflege durch einen anderen Angehörigen. Außerdem gibt es im Falle eines Urlaubs auch die Option den Patienten für maximal acht Wochen pro Jahr in eine Kurzzeitpflege zu geben.

Stationäre oder teilstationäre Pflege

Wenn die Pflege durch Angehörige zu Hause nicht möglich ist, übernimmt die Pflegekasse die Kosten für eine vollstationäre Pflege. Auch hier gilt, dass der Versicherte Unterkunft und Verpflegung selbst bezahlen muss. Manchmal ist eine vollstationäre Pflege nicht zwingend erforderlich. In solchen Fällen kommt auch eine teilstationäre Pflege in Frage. Bei einer teilstationären Pflege übernimmt die Kasse Kosten für Pflege, soziale Betreuung, medizinische Behandlungspflege und natürlich die Kosten für die Hin- und Rückfahrten zur Pflegeeinrichtung.

Schwerbehindertenausweis bringt Vorteile

Auch Krebspatienten im höheren Lebensalter können von den Entlastungen, die mit einem Schwerbehindertenausweis verbunden sind profitieren. Krebspatienten erfüllen meist die Voraussetzungen für einen Schwerbehindertenausweis mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 50, denn als behindert gelten Menschen, die länger als 6 Monate körperlich, geistig oder seelisch so stark eingeschränkt sind, dass sie von dem für ihr Lebensalter typischen normalen Zustand abweichen.

Zusätzlich können bei der Beantragung des Schwerbehindertenausweises auch Merkzeichen, wie G für gehbehindert oder aG für außergewöhnlich gehbehindert festgestellt werden, die zusätzliche Erleichterungen bringen, zum Beispiel die teilweise Befreiung von der KFZ-Steuer. Zudem können Menschen mit dem Merkzeichen aG im Ausweis den Nahverkehr teilweise kostenlos nutzen. Außerdem werden auch ein Parkausweis und ein WC-Schlüssel für Behinderten-WCS ausgehändigt. Insbesondere für Menschen mit Stoma sind Parkausweis und WC-Schlüssel eine Erleichterung. Der Parkausweis berechtigt sie dazu, auch im Haltverbot zu halten und der Schlüssel gibt Zugang zu allen öffentlichen Behinderten-Toiletten.

Wer einen Schwerbehindertenausweis beantragen möchte, kann das beim zuständigen Versorgungsamt tun. Bei der Beantragung gilt es einige Dinge zu beachten. Alle auftretenden Beschwerden sollten im Antrag ausführlich beschrieben werden. Es ist außerdem wichtig, die dazugehörigen Arztberichte in Kopie zusammen mit dem Antrag einzureichen. Bitten Sie zudem auch den behandelnden Arzt, alle Beeinträchtigungen, die in Folge der Krebserkrankung aufgetreten sind, ausführlich darzustellen und nutzen Sie die Möglichkeit, sich bei der Antragstellung persönlich vorzustellen.

Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung entlasten

Wenn die Unabhängigkeit eines Krebskranken immer mehr abnimmt bietet es sich an, eine Vorsorgevollmacht zu erstellen, die eine persönliche Vertrauensperson dazu bevollmächtigt, im Namen des Patienten bestimmte Entscheidungen zu fällen oder Angelegenheiten auf Ämtern zu regeln, die der Erkrankte nicht mehr selber regeln kann. Der Betroffene kann in der Vollmacht ganz genau eingrenzen und festlegen, in welchen Bereichen die Vertrauensperson Angelegenheiten übernehmen kann. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Patient nur Hilfe beim Erstellen von Anträgen oder in Versicherungsangelegenheiten benötigt, aber alle medizinischen Entscheidungen selber fällen möchte. Dann wird dieser Patient einer Vorsorgevollmacht erteilen, die nur Anträge und Versicherungsangelegenheiten einschließt.

Für den Fall, dass ein Patient kognitiv nicht in der Lage sein sollte über medizinische Maßnahmen zu entscheiden, kann eine Vorsorgevollmacht erstellt werden, die den Bevollmächtigten dazu berechtigt Entscheidungen über die medizinische Behandlung zu fällen. Zudem verpflichtet eine solche Vollmacht die behandelnden Ärzte dazu, die Vertrauensperson in dem selben Umfang über Therapien aufzuklären, wie sie sonst den Patienten selbst aufklären würden. Wichtig ist, dass die Vollmacht immer schriftlich erfolgt und möglichst auch beglaubigt wird.

Weiter entlastet es viele Patienten und deren Angehörige ungemein, wenn sie eine Patientenverfügung verfasst haben in der genau festgelegt ist, welche medizinischen Eingriffe vom Patienten gewollt oder nicht gewollt sind – sollte der Patient nicht mehr in der Lage dazu sein dies selber auszudrücken. Natürlich ist es schwierig, solche Situationen allein in Gedanken durchzuspielen. Daher kann es sinnvoll sein, den behandelnden Arzt in das Vorhaben mit einzubeziehen und vielleicht auch psychoonkologische Unterstützung wahrzunehmen sowie Informationen bei Sozialstationen und Patientenorganisationen einzuholen.

(Onko-Internetportal, 1.12.16, Jürgen Walther)

 

 

Sex mit Krebserkrankung

Vom Finden der Lust

Erkranken Frauen an Krebs, haben sie mit weitaus mehr als nur mit der Krankheit zu kämpfen: Die Therapie und deren Nebenwirkungen haben häufig Folgen für die eigene Sexualität. Ärzte und Betroffene raten, offen damit umzugehen.

Berlin/Stuttgart - Wenn ihr Mann über die Narben streicht, dann vermisst Uta Melle ihre Brüste. „Aber dann denke ich einfach, dass es noch so viele andere Dinge gibt, die die Erotik einer Frau ausmachen“, sagt sie. Es klingt ganz selbstverständlich, wenn Uta Melle so spricht. Eine selbstbewusste Frau in den Vierzigern, die sich nach überstandener Krebserkrankung nackt mit ihrem Mann hat ablichten lassen, in innigen Posen. Bilder, die zeigen sollen, dass der Krebs einem Menschen viel nehmen kann, aber nicht das ­erotische Erleben.

So scheint es. Und so ist es auch, bestätigt Uta Melle. Aber so war es nicht immer. Man muss sich das so vorstellen: „Erst hat man regelmäßig Sex, dann kommt der Krebs– und plötzlich ist das Verlangen weg.“

Als bei Uta Melle der Krebs plötzlich kam, waren es nur noch wenige Tage hin zu ihrem 40. Geburtstag. Da es sich um ein genetisch bedingtes Mammakarzinom handelte, ließ sie aus Sorge um ihre zwei Kinder vorsorglich nicht nur beide Brüste entfernen, sondern ein halbes Jahr danach auch ihre Eierstöcke – „so wie es Angelina Jolie später auch gemacht hat“. Ihr Körper kämpfte erst mit der Chemotherapie, später dann mit dem sich verändernden Hormonhaushalt. „Da ist es doch ganz logisch, dass all das den Sex beeinträchtigt und einschränkt.“ Das sagt Uta Melle heute. Damals, vor sieben Jahren, war ihr noch nicht so ganz klar, wie sehr eine Krebserkrankung die eigene Sexualität beeinflussen kann. „Ich hätte mir gewünscht, die Ärzte hätten mich auf diese schwierige Phase vorbereitet und aufgeklärt.“

Sexualberatungen sind noch kein Standard

Tatsächlich gehören Sexualberatungen bei Krebskranken noch nicht zu den Themen, die ein Arzt gegenüber seinen Patienten stets anspricht. „Die Sensibilisierung der Ärzte für diesen wichtigen Bereich wird erst seit wenigen Jahren vorangetrieben“, sagt der Gynäkologe Ulrich Karck, Ärztlicher Direktor der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart. Vielen sei die Bedeutung dieses Themas gar nicht bewusst. Und auch die Patienten haken diesbezüglich nur ungern nach – was auch verständlich sei, sagt Karck: „Wenn der Verdacht auf ein Mammakarzinom geäußert oder der Tumor nachgewiesen wurde, rückt das Thema Sexualität erst einmal in den Hintergrund. Dann hat die Sorge um das eigene Leben Vorrang.“

Aber mit der Rückkehr in den Alltag zeigt sich, dass der Kampf gegen den Krebs größere Spuren hinterlassen hat – und zwar nicht nur bei Brustkrebspatienten: So gibt es beispielsweise Betroffene, die sich nach der Chemotherapie über Monate hinweg abgeschlagen und müde fühlen – und dann natürlich auch kein Bedürfnis nach Sex verspüren. „Mit dem Fatigue-Syndrom verschwindet in der Regel auch das sexuelle Verlangen“, sagt Ulrich Karck. Durch eine Chemotherapie kann außerdem die Fertilität, die Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden – und das möglicherweise in einem Lebensabschnitt, in dem die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist.

Hinzu kommen die psychischen Folgen: Trotz erfolgreich überstandener Therapie fallen ehemals Krebskranke häufig in eine depressive Verstimmung, aus der sich auch eine Depression entwickeln kann. „Vielen macht ihr verändertes Körperbild zu schaffen“, sagt Karck. Zwar kann bei Brustkrebs häufig so operiert werden, dass das Brustgewebe weitgehend erhalten bleibt. Frauen, für die allerdings nur eine radikale Abnahme infrage kommt, empfinden diesen Verlust gleichbedeutend mit dem Verlust der Weiblichkeit. „Man will sich nicht mehr nackt zeigen“, sagt Karck.

„Ich war total verunsichert“

Auch Uta Melle musste sich „komplett neu finden“, wie sie sagt. Wobei sie den Verlust der Brüste besser überwinden konnte als befürchtet. Ihr machte vielmehr der Hormonhaushalt zu schaffen, der aufgrund der Eierstockentfernung von einem Tag auf den anderen die Wechseljahre beginnen ließ: „Ich war total verunsichert.“ Selbstzweifel überkamen sie, vor allem aber die Angst, ihrem Mann nicht mehr zu genügen.

Eine typische Reaktion, wie auch die Psychologin Miriam Weisenburger vom Klinikum Stuttgart sagt. Die leitende Oberärztin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gibt Betroffenen einen recht simplen Rat: reden. „Darüber sprechen ist sehr wichtig“, sagt die Psychologin. Wer nicht mit dem eigenen Partner oder der Freundin reden mag, sollte sich professionelle Hilfe suchen – etwa den psychoonkologischen Dienst, den es in vielen Krebs­zentren gibt.

Das erotische Erleben muss keineswegs dramatisch nachlassen, ergänzt der Gynäkologe Karck. Statt des Sex schieben sich andere Formen der Zuneigung in den Vordergrund. Zärtlichkeiten werden wichtiger, ebenso das Gefühl, dass man sich von seinem Partner, so wie man ist, geliebt und angenommen fühlt. Das war auch der Auslöser, der Uta Melle dazu gebracht hat, sich mit ihrem Mann zusammenzusetzen und zu sagen: „Wir müssen vielleicht eine neue Form der Sexualität finden.“ Seltener und wenn, dann gut vorbereitet.

Heute sagt sie, dass das Wichtigste das Vertrauen sei, das sie dem Partner entgegengebracht hat – und auch von ihm zurückerhielt. Sich von den Selbstzweifeln zu befreien, sagt sie, das war der Schlüssel. Um Paaren Mut zu machen, haben Uta Melle und ihr Mann ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben – „jeder aus seiner Sicht“, sagt sie. „Denn die Männer haben auch zu leiden und werden oft gar nicht gefragt.“

Das Buch „Die Amazone vom Kollwitzplatz“ von F. Hendrick Melle ist im Eigenverlag (9,90 Euro) erschienen. Uta Melle hat mit der Fotografin Esther Haase einen Bildband erstellt: „Amazonen – das Brustkrebsprojekt der Uta Melle“, Kehrerverlag, wofür sie sich mit 19 weiteren brustamputierten Frauen fotografieren ließ. Aus unserem Angebot

(Stuttgarter Zeitung, 29.9.16, Regine Warth)

 

 

Hilfe bei Krebserkrankung Schwanger trotz Krebs

Im schlimmsten Fall kann es noch schlimmer kommen: Erkrankt eine junge Frau an Krebs, kann das auch ihren Wunsch eine Familie zu gründen, gefährden. Inzwischen gibt es mehrere Möglichkeiten, nach einer Krebserkrankung doch noch schwanger zu werden.

Stuttgart - Krebs ist eine Krankheit, die das Leben bedroht. Wenn junge Frauen erkranken, gilt das doppelt: Denn auch wenn alles gut geht, können die Therapien die Fruchtbarkeit zerstören. „Werden allerdings die richtigen Vorkehrungen getroffen, können wir vielen Krebspatientinnen ihren Kinderwunsch dennoch erfüllen“, sagt Professor Ulrick Karck, Ärztlicher Direktor der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart.

Doch die gute Nachricht soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies alles andere als ein einfacher Prozess ist: „Zu welcher Methode wir raten und wie erfolgreich diese ist, hängt zum einen von der Krebserkrankung an sich ab, welche Organe oder Körperteile davon betroffen sind und wie die Tumore behandelt werden“, sagt Ulrich Karck. Bei unserer Telefonaktion anlässlich des Patienten- und Angehörigentags des Stuttgart Cancer Center (SCC) – Tumorzentrum Eva-Mayr-Stihl des Klinikums Stuttgart am 1. Oktober hat der Experte unsere Leser über die Methoden informiert: Verlagerung des Eierstocks: Muss die Patientin beispielsweise aufgrund eines Knochentumors im Bereich des Beckens bestrahlt werden, gilt es in erster Linie, die Eierstöcke zu schützen. „Eierstockgewebe ist gegenüber Strahlung hochempfindlich“, sagt Karck. Weshalb der Experte dazu rät, den Eierstock mithilfe eines chirurgischen ­Eingriffs zu verlagern. Kryokonservierung: Eine weitere Möglichkeit, die Chancen auf eine Schwangerschaft nach einer Krebstherapie zu erhöhen, ist die Methode, die vor wenigen Monaten als „Social Freezing“ durch die Medien ging. Sprich: Es werden Eizellen eingefroren, im Fachjargon „Kryokonservierung“ genannt. Dabei werden Frauen noch vor Beginn der Chemotherapie Hormone gespritzt, um die Eizellproduktion anzuregen. Die Eizellen werden dann entnommen, künstlich befruchtet und eingefroren. „Nach Abschluss der Krebstherapie können die Eizellen wieder in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden“, sagt Karck. Auch das Einfrieren unbefruchteter Eizellen ist möglich, was für sehr junge Patientinnen in Betracht kommt oder Patientinnen, die in keiner festen Partnerschaft sind. Laut Experten führen zwischen 25 und 60 Prozent der eingepflanzten Eizellen nach einer künstlichen Befruchtung zu einer Schwangerschaft.

Auch wenn dies eine häufige Vorgehensweise ist, so ist sie nicht für jede Krebspatientin ideal. Die Frauen müssen dafür zwei Wochen lang mit Hormonen behandelt werden. Erst danach kann die Chemotherapie beginnen. Zudem ist noch unklar, ob sich die Hormone auf den Krebs auswirken.

Konservierung der Eierstöcke: Die Nebenwirkungen der Kryokonservierung können umgangen werden, wenn der ganze Eierstock oder ein Teil davon entnommen und eingefroren wird. Das Klinikum Stuttgart arbeitet hier mit einer Gewebebank in Bonn zusammen, die die Proben in Verwahrung nimmt. „Auch hier kann das Gewebe wieder nach der Krebstherapie zurückverpflanzt werden“, sagt Karck. Verschiedene Fälle haben gezeigt, dass die Patientinnen anschließend erfolgreich auf natürlichem Wege schwanger geworden sind.

Allerdings kann auch diese Methode nicht bei allen Krebsarten angewandt werden. Bei Leukämie-Erkrankungen, bei Magen- oder Darmkrebs beispielsweise könnte eine Re­intransplantation des Gewebes dazu führen, dass der Krebs wieder ausbricht – da sich Tumorzellen im Eierstock verbergen können. Für solche Fälle käme dann aber wiederum das Einfrieren der Eizellen in Betracht.

(Stuttgarter Zeitung, 29.9.16, Regine Warth)

 

 

Leben nach dem Krebs - Wenn es junge Menschen trifft

Andrea hatte zweimal Krebs - mit 29 und mit 32 Jahren. Heute ist sie gesund, aber die Krankheit hat ihr Leben verändert: Junge Menschen stehen nach einer Krebserkrankung vor ganz besonderen Herausforderungen.

"Natürlich ist die Angst da, dass ich wieder krank werde und das Studium für die Katz war. Aber daran darf man nicht denken, sonst müsste ich zuhause sitzen und darauf warten, dass wieder was passiert. Und das ist vollkommener Unsinn!" Andrea Voss will das Leben positiv angehen. Ihr Ziel: Logopädie studieren und später eine eigene Praxis haben. Außerdem engagiert sich die 35jährige aus Willich in einem eigenen Verein für andere Krebspatienten. Doch manchmal fällt ihr all das nicht leicht. Denn zweimal den Lymphdrüsenkrebs besiegen - das hat viel Kraft gekostet.

Krankenhaus statt eigene Bude

Etwa 15.000 junge Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren erkranken in Deutschland pro Jahr an Krebs, so Angaben der "Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs". Bösartige Tumore des Lymphsystems, Hautkrebs und Hodenkrebs sind Krebsarten, die häufig bei jungen Menschen auftreten.  "Viele dieser jungen Leute sind in einer Lebensphase, wo sie sich von Zuhause abnabeln und ihr Leben selbst in die Hand nehmen", sagt Dr. Pia Heußner, Psychoonkologin aus München, "und dann sind sie wieder in einer Situation, wo sie extrem auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind." Die Krankheit bringt bei vielen die Lebensplanung völlig durcheinander.

Der Wunsch nach einem eigenen Kind

"Ich hätte auch gerne ein Leben gehabt so nach dem Motto: Ausbildung, heiraten, Karriere, Haus kaufen, Kinder kriegen", sagt Andrea Voss. Doch Andrea kann nach der zweiten Chemotherapie keine eigenen Kinder mehr bekommen. Medikamente, die den Krebs bekämpfen, können die Fruchtbarkeit schädigen. Sie greifen in die Zellteilung ein, das beeinflusst auch die Keimzellen. Bei Männern und sehr jungen Frauen kehrt die Fruchtbarkeit oft nach einiger Zeit zurück. Bei vielen Frauen ab dreißig dagegen setzen die Monatszyklen nach der Chemotherapie nicht wieder ein.  

Fruchtbarkeit erhalten

Durch das Einfrieren von Spermien, Eizellen oder Eierstockgewebe können Krebspatienten ihre Chancen erhöhen, trotz Chemotherapie eigene Kinder zu bekommen. Weil Eizellen sehr empfindlich sind, bietet das allerdings keine Garantie für eine spätere Schwangerschaft. Ein weiteres Problem für viele Patienten: Die Kosten dieser Behandlung werden nicht vollständig von den Kassen übernommen. Bei Männern kostet sie mehrere hundert Euro, bei Frauen bis zu mehreren tausend Euro - für viele junge Patientinnen ist das kaum zu finanzieren.

Nach dem Krebs kommt die Sorge ums Geld

Auch nach der Heilung haben junge Krebspatienten oft Geldsorgen. Während viele ältere Krebskranke ein gesichertes Einkommen haben, sind jüngere noch mitten in der Ausbildung oder gerade am Beginn ihres Berufslebens.  "Finanzielle Unsicherheiten können die Lebensqualität und möglicherweise auch den Gesundungsprozess  beeinflussen",  sagt der Onkologe und Sozialmediziner Dr. Ulf Seifart, der sich in der "Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs" engagiert. Deshalb sei es wichtig, junge Patienten auch in finanziellen und sozialen Fragen gut zu beraten. Die Stiftung hat dazu das "Junge Krebsportal" aufgebaut, in dem Experten Fragen zu den Themen Geld, Job und Sozialrecht beantworten.

Studium mit "Chemobrain"

Andrea Voss aus Willich musste einen Kredit aufnehmen, um ihr Studium zu finanzieren. "Ich habe mir das Studium ziemlich erkämpft",  sagt sie, "aber ich merke gerade, dass ich an meine Grenzen komme, was die Aufmerksamkeit angeht. Das Lernen fällt mir schwer." Solche Konzentrationsschwierigkeiten sind typisch für Krebspatienten, viele sprechen von ihrem "Chemobrain". Ob diese Probleme tatsächlich durch die Medikamente bei der Chemotherapie ausgelöst werden, ist umstritten. Vielleicht ist auch das traumatische Erlebnis der Krankheit schuld.  Fest steht: Erschöpfung und Konzentrationsschwierigkeiten machen es vielen jungen Patienten schwer, sich nach der Erkrankung ein neues Leben aufzubauen. Andrea hilft ein neues Hobby, für ihr Leben nach der Krankheit Kraft zu tanken - das Segeln: "Wenn man alles andere hinter sich lässt und nur noch Wasser sieht und kein Land mehr in Sicht - dann merkt man, wie stark man ist und was man alles schaffen kann."

(WDR, 26.8.16, Alexandra Hostert)

 

 

 

Krankschreibung

Wenn Krebs zur Chefsache wird

Von den rund 500.000 Bundesbürgern, die pro Jahr die Diagnose Krebs erhalten, sind knapp 45 Prozent noch im erwerbsfähigen Alter unter 67 Jahre. Sie kämpfen meist nicht nur mit der Angst um die eigene Gesundheit, sondern auch mit Zukunftssorgen: Was wird mit meiner Arbeit, kann ich weiter für meine Familie sorgen?

Stuttgart - Von einem Tag auf den anderen bleibt der Schreibtisch leer. Der Kollege sei bis auf Weiteres krankgeschrieben, heißt es. Er habe Krebs.

Es ist ein Szenario, das sich statistisch gesehen in jedem zweiten Unternehmen in Deutschland abspielen könnte: Demnach sind von den rund 500.000 Bundesbürgern, die pro Jahr die Diagnose Krebs erhalten, knapp 45 Prozent noch im erwerbsfähigen Alter unter 67 Jahre. Sie kämpfen meist nicht nur mit der Angst um die eigene Gesundheit, sondern auch mit Zukunftssorgen: Was wird mit meiner Arbeit, kann ich weiter für meine Familie sorgen?

Jürgen Walther, Leiter des Sozialdienstes am Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg, ein den Beratungen, unter welchen Druck Betroffene geraten können: „Studien zeigen, dass die beruflich-finanziellen Sorgen den Patienten häufig ähnlich belasten wie Tumorangst und körperliche Belastungen.“

Krebskranke Mitarbeiter des Konzerns bekommen eine kostenlose Genanalyse

Es gibt noch nicht viele Unternehmen, die aktiv dagegen angehen: In Stuttgart hat nun die Robert Bosch GmbH ein „Bündnis gegen Krebs“ gegründet – mit der Bosch Stiftung und dem Robert-Bosch-Krankenhaus, in Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). In Folge dieses Zusammenschlusses bekommen krebskranke Mitarbeiter des Konzerns nun eine kostenlose Genanalyse. Das als „OncoCure“ bezeichnete Programm umfasst zunächst die Analyse des Erbguts des Tumors und gesunder Zellen. Deren Ergebnisse werden nicht nur bewertet, sondern „OncoCure“ berücksichtigt neben Standardtherapien auch aktuelle Ergebnisse klinischer Studien. Der behandelnde Arzt bekommt so eine Therapieempfehlung an die Hand. Dafür stellt das Unternehmen jährlich eine Million Euro bereit. Eine solche Tumoranalyse wird nicht immer von Krankenkassen übernommen. „Über die Präzisionsdiagnostik wollen wir die Chance für eine erfolgreiche Krebstherapie verbessern“, sagt Volkmar Denner, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung. Das helfe den betroffenen Mitarbeitern, ihren Familien und den Kollegen am Arbeitsplatz. Tatsächlich gibt es bereits einige Mitarbeiter, die „OncoCure“ in Anspruch nehmen.

Die Bosch-Gruppe gehört zu den Vorreitern auf diesem Feld – wie auch SAP, das schon 2014 ein Programm ins Leben gerufen hat. Dieses bietet in Zusammenarbeit mit der Firma Molecular Health SAP-Mitarbeitern in Deutschland und den USA eine kostenfreie Tumordatenanalyse und -interpretation. Dies tut auch das US-amerikanische IT-Unternehmen EMC, das Speichersysteme für Firmen herstellt. Der Laserspezialist Trumpf aus Ditzingen wiederum ist hierbei die Kooperation mit den Unternehmen CeGat eingegangen. „Wir bieten jedem Mitarbeiter, der an Krebs erkrankt ist, die Möglichkeit zur Tumoranalyse“, sagt Heidi-Melanie Maier, Sprecherin bei Trumpf.

Mit der Krankheit Krebs müssen sich Unternehmen künftig stärker auseinandersetzen

„Das Thema Krebs wird seitens der Arbeitsmedizin immer wichtiger“, sagt Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin. Aufgrund des demografischen Wandels und der Tatsache, dass Krebs im Alter häufiger auftritt, werden sich Unternehmen verstärkt mit der Erkrankung von Angestellten auseinandersetzen müssen. „Das ist emotional belastend – und jeder Mitarbeiter, der aufgrund einer chronischen Erkrankung fehlt, bringt auch einen wirtschaftlichen Schaden“, sagt der Sozia- und Arbeitsmediziner Drexler.

Welch hohe Kosten auf die Unternehmen dabei zukommen können, wenn Angestellte aufgrund einer Krebserkrankung ausfallen, verdeutlicht die betriebliche Gesundheitsfürsorge des Chemiekonzerns BASF, der seine Mitarbeiter am Standort Ludwigshafen jährlich zur internen Darmkrebsfrüherkennung einlädt – und das seit 2003. Ziel der Aktion ist es, dass eventuelle Vorstufen entdeckt und sogleich entfernt werden können, bevor sich ein Krebs entwickelt. Sabrina van der Puetten von BASF spricht von einem Return on Investment von 1:10. „Dieser ergibt sich aus der Rechnung, bei der wir den Kostenaufwand gegen die ersparten Arbeitsausfalltage rechnen.“

Die betriebliche Gesundheitsfürsorge bietet auch einen Wettbewerbsvorteil

Eine „Win-Win“-Situation nennt dies der Sozialmediziner Hans Drexler. So behalten die Unternehmen langjährige und spezialisierte Fachleute, denn die Suche nach gleichwertig qualifizierten Mitarbeitern werde immer schwerer. Gleichzeitig bietet eine solche betriebliche Gesundheitsförderung auch Imagevorteile auf der Suche nach neuen Kräften. So argumentiert Thomas Olbrecht, Leiter der Markt- und Sozialforschung bei EuPD, das alljährlich das Corporate Health Jahrbuch veröffentlicht. Das Werk gibt einen Überblick über das betriebliche Gesundheitsmanagement in Deutschland. Fazit: Für die Unternehmen, die sich in diesem Bereich stark engagieren, steht der Wettbewerb um gute Mitarbeiter im Vordergrund.

Bislang leisten sich vor allem Großkonzerne diesen Vorsprung. Der Sozialdienst am NCT in Heidelberg startet gerade ein Beratungsprojekt für Patienten, die im Erwerbsleben stehen. Ziel dieses Projektes ist unter anderem die Zusammenarbeit mit Leistungsträgern wie Krankenkassen und Rentenversicherungen sowie Arbeitgebern zu verbessern. So soll Krebspatienten auch bei eingeschränktem Leistungsvermögen einen längeren Verbleib im Arbeitsleben ermöglicht werden. „Die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebserkrankungen und die Arbeitswelt haben sich verändert, darauf müssen Arbeitgeber und Leistungsträger reagieren und auch neue Modelle der Beschäftigung in Kombination mit dem Bezug von Sozialleistungen anbieten“, sagt der Heidelberger Experte Jürgen Walther. Denn die Unternehmen und der Staat würden es sich nicht mehr lange leisten können, chronisch Kranke in Frührente zu schicken und vorhandenes Leistungspotenzial brach liegen zu lassen.

(Stuttgarter Nachrichten, 7.8.16, Matthias Buehner)

 

 

 

 

Krebskrank – und trotzdem arbeiten

Wenn Krebskranke (wieder) arbeiten können, muss sich auch das Umfeld darauf einstellen. Am Donnerstag gibt es in Basel eine Tagung zu diesem wichtigen Thema.

Fast alle haben im Bekannten- oder Familienkreis jemanden, der an Krebs erkrankt ist. Die Krankheit ist auch in der Altersgruppe unter 65 Jahren weit verbreitet: 64.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter haben in der Schweiz Krebs, und jedes Jahr werden 15.000 neue Fälle gemeldet. Dank früher Erkennung und Fortschritten in den Behandlungen kann die Mehrzahl der an Krebs erkrankten Personen während der Krankheit arbeitstätig bleiben oder die berufliche Tätigkeit nach einer Unterbrechungszeit wieder aufnehmen.

Konkret heißt das: Wir treffen auch in unserem Arbeitsumfeld immer wieder auf krebskranke Kolleginnen und Kollegen. Wie sollen wir als Büronachbar, als Mitglieder des Arbeitsteams damit umgehen? Und wie gehe ich als direkter oder indirekter Vorgesetzter auf meinen kranken Mitarbeiter zu?

„Das Thema Krebs und Arbeitsplatz beschäftigt uns seit Jahren“, sagt Werner Schmid, Präsident der Krebsliga beider Basel (KLBB), die Beratungen und andere Hilfestellungen für Krebskranke und ihre Angehörigen anbietet.

Auch wenn es ganz unterschiedliche Formen von Krebs gibt – vom besonders aggressiven bis zum relativ gut heilbaren – wird ein Patient in den allermeisten Fällen auch noch seelisch durchgeschüttelt. Kann der Patient wieder arbeiten, stellen sich, wie eingangs erwähnt, besondere Fragen. „Sechs von zehn an Krebs erkrankten Menschen gehen an den Arbeitsplatz zurück. Aber der Krebs hinterlässt Spuren. Man ist nicht mehr die gleiche Person wie zuvor. Viele arbeiten Teilzeit und müssen immer wieder in die Therapie“, erklärt Schmid.

Dass Arbeitgeber besonders gefordert sind, weiß Schmid als ehemaliger Präsident des Gewerbeverbandes Basel-Stadt besonders gut. Für die Betroffenen sei es wichtig zu spüren: „Ich werde wieder gebraucht.“ Einen ganz wichtigen Stellenwert hat die Kommunikation: „Sie darf nicht abreißen.“ Und es stelle sich natürlich auch die Frage des Persönlichkeitsschutzes. Viele wollen nicht über ihre Krankheit sprechen, andere können das ganz gut und wünschen diese Diskussion auch. Diese Bedürfnisse müssten bei den Betroffenen mit dem nötigen Fingerspitzengefühl erspürt werden.

Immer wieder ist die Arbeitsplatzsicherheit ein Thema. Es sei wichtig, dass man den Druck vom Betroffenen nehme. „Wichtig ist, dass auch Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz involviert sind.“ Die Kollegen sind wahrscheinlich dankbar, wenn klar ist, wie die Krankheit thematisiert werden kann.

(Basellandschaftliche Zeitung, 19.9.16, Stefan Schuppli)

 

 

 

Weltkrebstag

Krebs macht arm

Jeder zweite Mann und fast jede zweite Frau erkrankt an Krebs. Mit der Diagnose steigt für viele auch das Armutsrisiko: Während das Einkommen krankheitsbedingt sinkt, steigen die Kosten etwa wegen Arztfahrten oder Zuzahlungen. Experten fordern am Weltkrebstag Änderungen im Gesundheitssystem.

Heidelberg/Stuttgart - Dass in seinem Magen ein Tumor heranwächst – diese Nachricht war für den Metallfacharbeiter ein Schock. Doch mit dem Brief von seiner Krankenversicherung folgte ein zweiter Schreck: Ihm wird geraten, eine Reha zu machen, um dann – wenn dabei seine Arbeitsunfähigkeit festgestellt wird – die Rente zu beantragen. Mit 38 Jahren. Ein harter Schlag für den Vater von drei Kindern. Von seinem Nettoeinkommen von 2600 Euro erhält er derzeit 70 Prozent Krankengeld – also etwa 1800 Euro. Würde er in eine Rentensituation rutschen, blieben ihm pro Monat nur 1060 Euro. Die Familie hatte gerade gebaut, der Kredit muss abbezahlt werden. „Wie soll es nur weitergehen?“, fragt der krebskranke Mann den Berater vom Sozialdienst am Nationalen Tumor-Center (NTC) in Heidelberg.

Jürgen Walther – so der Name des Beraters – leitet den Sozialdienst des NCT. Seine Aufgabe ist es , Krebskranken weiterzuhelfen – beim Umgang mit Behörden, bei der Vereinbarkeit von Therapien mit den alltäglichen Anforderungen zu Hause in der Familie und im Beruf. „Der Patient ist schließlich nicht nur Patient, sondern auch Mutter oder Vater und hat ein Privatleben“, sagt Walther. Psychoonkologischen Studien belegen, dass es wichtig ist, die Lebenswirklichkeit des einzelnen Patienten bei der Therapieplanung zu berücksichtigen. „Zusätzliche emotionale Belastungen sollten möglichst gering gehalten werden.“

Die Angst vor der Armut ist oft belastender sei als die Krankheit selbst

Doch das gelingt bei chronisch Kranken selten, die in die Mühlen des Gesundheitssystems geraten. Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung gehen rund 20?000 Krebspatienten in Erwerbsminderungsrente. Dies passiert teils, ohne dass die Menschen das wollten, sagt Walther, der auch stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Soziale Arbeit in der Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft ist. Gibt es aufgrund eines ärztlichen Gutachtens Hinweise, dass die Erwerbsfähigkeit eines Versicherten bedroht ist,kann ihn die Krankenkasse auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen. Die wenigsten wüssten, dass jeder Reha-Antrag in einen Rentenantrag umgewandelt werden könne, wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn der Patient voraussichtlich länger als ein halbes Jahr leistungsgemindert ist, sagt Walther. Dies trifft auf die Mehrheit der Tumorpatienten zu. „Für die Betroffenen ist das ein Desaster!“ Und zwar nicht nur der tatsächliche Renteneintritt, schon allein das verfahren stellt eine erhebliche Belastung dar.

Onkologen berichten, dass die Angst vor der Armut oft belastender sei als die Krankheit selbst. Es gibt kaum Untersuchungen dazu, wie hoch das Armutsrisiko von Krebspatienten ist. Es gibt lediglich Schätzungen, dass Hunderttausende von Krebskranken von finanziellen Engpässen betroffen sind. Eine der wenigen Untersuchungen stammt vom Bund niedergelassener Hämatologen und Onkologen aus dem Jahr 2012. Sie hatten 13?000 Patienten befragt. Das Ergebnis: Noch bevor typische Probleme wie Tumorangst und körperliche Belastungen zur Sprache kamen, benannten die Patienten beruflich-finanzielle Sorgen als größte Beschwernis. „Die Sorge, wie es mit der Familie weitergeht, wie man selbst über die Runden kommt, überlagert das Problem, was wir für wichtiger erachten – nämlich das des Gesundwerdens“, bestätigt der Onkologe der Berliner Charité, Bernhard Wörmann.

„Ich fasse es nicht, dass man vom Gesundheitssystem so im Stich gelassen wird“

Dabei ist es ja eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, die hinter dem Problem steht: nämlich die, dass die Zahl derer, die ihre Krebserkrankung überleben, steigt.

Dadurch entwickeln sich aber existenzielle Probleme – so auch bei der 75-jährigen Rentnerin aus dem Kreis Böblingen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Jahrelang hat sie sich um ihren dementen Mann gekümmert. Als er ins Pflegeheim gekommen ist, kam bei ihr der Krebs. Seit 2014 wird sie im Stuttgarter Klinikum wegen einer seltenen Tumorerkrankung behandelt. Sie hat ein Leben lang gearbeitet, 40 Jahre in das Gesundheitssystem eingezahlt. „Jetzt bleiben mir abzüglich Miete und Nebenkosten nur noch knapp 400 Euro zum Leben.“ Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass sie davon die Fahrtkosten zum Klinikum und zum Heim des Mannes bestreiten muss. Dass sie davon Kleider kaufen muss, weil die alten aufgrund der zehrenden Chemotherapien zu weit geworden sind. „Ich fasse es nicht, dass man vom Gesundheitssystem im Stich gelassen wird – wegen einer Krankheit, für die man nichts kann.“

Kleine Veränderungen im Gesundheitssystem könnten vieles erleichtern

Dabei könnten einige Veränderungen chronisch Krebskranken vieles erleichtern: „Das Krankengeld müsste an die jeweilige Erkrankung angepasst werden“, sagt Hans Nau vom Sozialdienst des Klinikums Stuttgart. Bis zu 78 Wochen kann ein Patient Krankengeld erhalten. Tatsächlich reicht dies oft nicht aus, weil die Behandlung länger dauert. „Diese Regelung ist viel zu starr.“

Auch braucht es unabhängige Berater, die den Krebspatienten rechtzeitig Hilfen vermitteln. Denn die finanziellen Auswirkungen einer Krebserkrankung werden häufig nicht thematisiert. Das zeigte zuletzt 2009 eine Patientenbefragung des NTC in Heidelberg zu den wirtschaftlichen Belastungen durch Krebs. Dabei kam heraus, dass die meisten Patienten die Notlage kaschieren, was wiederum dazu führt, dass sie daraufhin wenig Unterstützung erhalten.

Eine unabhängige Beratung bieten unter anderem die Servicestellen des Krebsverbands Bade-Württemberg. Allein in der Beratungsstelle Stuttgart werden pro Jahr knapp 3000 Beratungsgespräche geführt, davon drehen sich 40 Prozent um Themen wie finanzielle Absicherung. sagt die Ärztin Birgit Wohland-Braun. Doch noch nimmt die Öffentlichkeit kaum davon Notiz. Das bekommt auch die Beratungsstelle zu spüren. Die finanzielle Förderung seitens der Deutschen Krebshilfe läuft aus. „Den Erhalt der Krebsberatungsstelle Stuttgart ermöglichen nur die Mitfinanzierung durch den Krebsverband Baden-Württemberg und Spenden“, sagt Wohland-Braun. Eine Unterstützung seitens der Stadt wäre wünschenswert – ist aber nicht bewilligt worden.

Auch Walther warnt davor, an den falschen Stellen zu sparen: „Die psychosozialen Folgen wirtschaftlicher Probleme von chronisch Kranken wurde viel zu lange von Experten und Politikern übersehen. Es wird höchste Zeit, dass sich das Gesundheitssystem darauf einstellt.“

(Stuttgarter Nachrichten, 4.2.16, Regine Warth)

 

 

 

 

 

Wenn Krebs ein Leben finanziell bedroht

Georg K. hatte eine Tuningfirma in Lübeck, bis er schwer erkrankte. Jetzt starteten Freunde eine Spendenaktion, um dem 35-Jährigen zu helfen.

Lübeck/Selmsdorf. Das Leben von Georg K. teilt sich in die Zeit bis zum 19. Oktober 2015 und die Zeit danach. An dem Tag erfuhr der junge Mann, dass er an Krebs erkrankt ist. Seitdem kämpft er gegen die Krankheit, die jetzt auch seine finanzielle Existenz bedroht. Freunde und Verwandte haben über das soziale Netzwerk Facebook eine Spendenaktion für den 35-Jährigen gestartet. Sie hoffen auf viele Unterstützer.

Hugo – unter diesem Namen ist Georg K. vielen Menschen bekannt. Er wuchs in Teschow bei Selmsdorf auf. Seine Schwester Franziska hat sich nun mit einer Nachricht an die LN gewandt: „Seine Freunde haben ein Konto eingerichtet für Spenden, weil die finanzielle Situation langsam zur Belastung wird. Die würden Freunde, Bekannte und Familie ihm gern abnehmen.“ Ihr Bruder habe einen schweren, leidvollen Weg hinter sich und noch vor sich. Georg K. Lebensgefährtin Jana G. berichtet: „Er hat jetzt die zwölfte Operation.“ Bisher bekam er Bestrahlungen. Am Montag begann seine Chemotherapie. Drei Monate wird sie dauern.

Es war ein schönes Leben, das „Hugo“ und seine Freundin Jana, genannt Janny, bis zum 19. Oktober 2015 führten. Sie schreibt auf der Seite „Hugo wir spenden für dich“: „Er war selbstständig mit einer Kfz-Tuningfirma und wir beide glücklich. Wir waren immer lebensfroh und haben viel unternommen. Das hat sich an dem Tag geändert.“ Georg K. erklärt: „Ich hatte für fünf Jahre meine Tuningfirma in Lübeck, bevor ich krank geworden bin.“ Blade Car Concept (BCC) hieß der Betrieb des gelernten Kfz-Mechanikers. Heute bedauert Georg K.: „Ich musste alles aufgeben.“ Er hat die Firma abgemeldet. Es ging nicht anders. Die Krankheit ließ ihm keine andere Wahl – vorerst. Doch er ist optimistisch. „Ich habe vor, sie irgendwann wieder aufzumachen, wenn ich wieder gesund bin.“

Bis dahin ist es noch ein langer Kampf. Die Krankheit hat Georg K. gezeichnet. Er ist blass, spricht unter Schmerzen und mit rauer Stimme. „Mundbodenkarzinom“ lautete die Diagnose der Ärzte im Herbst 2015. Bei der ersten Operation stellten sie fest, dass auch die Zunge befallen war. Sie entfernten die linke Seite der Zunge und den Mundboden, ersetzten beides mit Gewebe aus der Schulter. Es folgten Monate voller Schmerzen. „Sogar so extrem, dass er regelmäßig ohnmächtig wurde bei falschen Bewegungen“, erinnert sich Jana G. Das Leben mit Krebs ist für Georg K. oft schmerzhaft und teuer. Die Medikamente sind kostspielig, und nicht alles übernimmt die Kasse. Jana G. berichtet: „Oft müssen wir Kosten vorstrecken oder bekommen sie gar nicht zurück.“ Hinzu kommen Ausgaben für gesunde, hochwertige Lebensmittel, die Ärzte dem Krebspatienten dringend empfehlen. Und dann sind da noch die vielen Fahrten zum Krankenhaus und die hohen Parkgebühren auf dem Gelände der Uniklinik.

Das Ergebnis für Georg K. und seine Lebensgefährtin, die ihn unterstützt, wo sie nur kann: Das Gesparte ist weg. „Ohne Familie und andere Leute wäre es schon längst so gewesen“, erläutert Jana G.i. Zum Glück sei schon etwas Geld aus der Spendenaktion eingegangen. „Es war auch höchste Eisenbahn“, sagt Jana G.. „Am nächsten Tag mussten wir 500 Euro für Medikamente auslegen.“

Ein Tabuthema

Finanzielle Probleme von Krebspatienten sind ein gesellschaftliches Tabuthema, das bisher weder im Gesundheitssystem noch in der Politik oder auch der breiten Öffentlichkeit die dringend nötige Aufmerksamkeit gefunden hat. Betroffene drohen durch das soziale Raster zu fallen. Doch durch Schamgefühle lassen sich sehr viele daran hindern, über ihre teils existenziellen finanziellen Schwierigkeiten zu sprechen.

(Lübecker Nachrichten, 19.8.16, Jürgen Lenz)

 

 

 

Sozial Schwache

Bis zu 24 Prozent höheres Sterberisiko bei Krebs

Gesundheit ist - auch in Deutschland - eine Frage des Geldes. Offenbar beeinflusst der sozioökonomische Status bei Krebspatienten aber auch die Schwere der Erkrankung und sogar die Überlebensrate.

BERLIN. Deutschland hat zwar ein hervorragendes Krankenversicherungssystem mit niedrigschwelligem Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Dennoch zeigen diverse Untersuchungen: Menschen mit einem niedrigen sozialen Status sind im Schnitt kränker als jene mit höherem sozialen Status.

In der Onkologie gibt es inzwischen Anzeichen dafür, dass zwischen dem sozioökonomischen Status des Patienten - er wird von Faktoren wie Bildung, Einkommen, Familienstand oder Größe des Wohnortes bestimmt - und dem Tumorstadium bei der Krebsdiagnose ein Zusammenhang besteht.

Das zeigte eine Vortragsreihe während des Deutschen Krebskongresses.

Niedriges Einkommen

Susanne Singer vom Institut für Biochemie, Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz zum Beispiel analysierte in den vergangenen zwei Jahren die Daten von 1000 Krebspatienten, von denen viele schon ein fortgeschrittenes Tumorstadium erreicht hatten.

Ihr Fazit: Nicht die Bildung oder der Wohnort, nicht die Tatsache, ob jemand privat oder gesetzlich krankenversichert ist, alleine oder mit einem Partner zusammenwohnt, erwiesen sich als relevant für das Tumorstadium. Vielmehr identifizierte Susanne Singer niedriges Einkommen und fehlende Erwerbstätigkeit als die entscheidenden Faktoren.

Über die Gründe für diesen Zusammenhang lässt sich spekulieren. "Vielleicht gehen diese Leute erst später zum Arzt", sagte Singer. Vielleicht, diese Idee brachte eine Zuhörerin ein, spielte bei diesen Patienten aber auch die inzwischen abgeschaffte Praxisgebühr eine Rolle.

Die sozioökonomischen Verhältnisse scheinen ferner das Überleben zu beeinflussen. Das legen Untersuchungen im Rahmen des German Cancer Survival Projektes nahe, in denen Krebsregisterdaten aus elf Bundesländern zu den 25 häufigsten Krebsarten zusammengeführt wurden. Darin enthalten sind 1,1 Millionen Patienten, bei denen zwischen 1997 und 2006 ein Tumor diagnostiziert wurde.

Schlechtere Überlebensrate

Das Ergebnis: Die schlechteste Überlebensrate haben bei 21 von 25 Krebsarten die Patienten, die in Regionen mit höchster sozioökonomischer Deprivation leben, also in Gegenden mit meist niedrigem Einkommen, hoher Arbeitslosigkeit, geringen Bildungsabschlüssen, beengten Wohnverhältnissen und einer hohen Bevölkerungsdichte.

Besonders deutlich wird der Unterschied direkt nach der Diagnose: In den sozioökonomisch benachteiligten Gebieten ist das relative Risiko, nach drei Monaten zu sterben, 24 Prozent höher als in den anderen, "besser gestellten" Regionen.

Ein Jahr nach der Diagnose reduziert sich dieses Risiko auf 16 Prozent, berichtete Lena Jansen vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

In Prävention investieren

Ein weniger drastisches Bild lieferte zwar die zweite Projektphase, in der Daten von Patienten mit Krebsdiagnose zwischen 2007 und 2012 ausgewertet wurden. "Das heißt aber nicht, dass inzwischen alles besser geworden ist", so Jansen. Vor allem die Tendenz in Ostdeutschland, Landkreise zusammenzulegen, habe eine kleinräumige und damit aussagekräftigere Analyse verhindert.

Die Ergebnisse der Untersuchungen geben nach Ansicht der Wissenschaftler allen Grund, regionale und patientenbezogene Faktoren gemeinsam zu analysieren. Dafür sei es freilich notwendig, konsequent alle Berichtswesen zusammenzuführen.

Es gehe in Zukunft darum, die Ungleichheit zu beenden und die Gesundheitskompetenz des einzelnen Menschen zu fördern - unabhängig von dessen Status. "Man muss die Gruppen, die schlechter dran sind, näher ans System bringen", sagte Verena Materna von der Berliner Charité.

(Ärzte-Zeitung, 29.2.16, Julia Frisch)

 

 

 

So kann Krankheit zur Armutsfalle werden: Drei Fallbeispiele

Fallbeispiel 1

Patient, 35 Jahre Familienstand: verheiratet, drei Kinder (zehn, acht, drei Jahre)

Diagnose: metastasiertes Magenkarzinom (Erstdiagnose Ende März 2015, bis heute Chemotherapie)

Wirtschaftliche Situation: berufstätig in der Metallindustrie, sein Netto-Einkommen beträgt 2600 Euro, derzeit lebt die Familie von Krankengeld in Höhe von 1800 Euro. Muss er erwerbsmindernde Rente beantragen, würde diese 1060 Euro betragen.

Fallbeispiel 2

Patientin, 44 Jahre Familienstand: alleinerziehend, ein Kind (18 Jahre)

Diagnose: beidseitiger Brustkrebs (Erstdiagnose rechte Brust 2012, linke Brust 2014), bis heute Strahlentherapie und Antikörpertherapie

Wirtschaftliche Situation: Das Brutto-Einkommen als Verwaltungsfachkraft eines Luftfahrtunternehmens vor der Erkrankung betrug 3900 pro Monat. Aufgrund einer krankheitsbedingten Arbeitszeitreduzierung sinkt das Bruttoeinkommen auf 2340 Euro pro Monat. Die zu erwartende Erwerbsminderungsrente beträgt 1000 Euro.

Fallbeispiel 3

Patientin, 52 Jahre Familienstand: alleinerziehend, drei Kinder (16, 19, 22 Jahre) in Schule und Ausbildung

Diagnose: Chronisch-Lymphatische Leukämie

Wirtschaftliche Situation: berufstätig als Krankenschwester in der Stationsleitung eines Pflegeheims, derzeit als befristete Erwerbsminderungs-Rentnerin geringfügig beschäftigt. Seit April 2014 lebt die Familie von der Erwerbsminderungsrente in Höhe von 1030 Euro. Dazu kommen sporadische Unterhaltszahlungen vom Vater der Kinder und das Kindergeld in Höhe von 400 bis 600 Euro.

(Stuttgarter Nachrichten, 4.2.16, Regine Warth)

 

 

 

 

 

Mit der Kraft haushalten: Wiedereinstieg in den Job nach Krebs

Bremen. Im Nachhinein kann Christiane Poel ihrer Krebserkrankung sogar etwas Gutes abgewinnen. „Ich halte das Ganze für einen neuen Anfang”, sagt sie. Sie achte seit der Krankheit viel stärker auf ihre Gesundheit und ihre Bedürfnisse. Und sie habe unglaublich viel Unterstützung erfahren - auch von ihrem Arbeitgeber.

Vielleicht ist ihr deshalb etwas gelungen, was alles andere als selbstverständlich ist: Sie ist nach einer schweren Brustkrebserkrankung erfolgreich in den Beruf wiedereingestiegen. Früher hat die Diagnose Krebs in vielen Fällen fast automatisch Frühverrentung bedeutet. „Egal, wie jung die Menschen bei der Diagnose waren, aus dem Erwerbsleben waren sie meistens raus”, sagt Marie Rösler von der Bremer Krebsgesellschaft, die seit fast 30 Jahren auch zum Thema Wiedereinstieg in den Beruf berät.

Inzwischen habe die Medizin jedoch große Fortschritte gemacht. Immer häufiger sei es dadurch möglich, dass Menschen nach der Erkrankung in den Job wieder einsteigen. Doch längst nicht immer klappt das reibungslos. „Wichtig ist, nichts zu überstürzen”, sagt Rösler.

Christiane Poel hat durch ihre Krebserkrankung insgesamt ein Jahr lang im Beruf ausgesetzt. Bis dahin hatte die gelernte Chemielaborantin bei der Actega DS in Bremen in der Forschungsabteilung gearbeitet. Die Firma stellt Dichtungsmassen für Kronkorken und Schraubverschlüsse für Konserven her. An ihre alte Tätigkeit war nach der Erkrankung nicht mehr zu denken. Sie war bis dahin im Labor tätig und musste dort unter anderem schwer heben. Poel und ihr Arbeitgeber entschieden sich deshalb für einen schrittweisen Wiedereinstieg im Rahmen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM).

Das BEM muss der Arbeitgeber immer dann anbieten, wenn jemand mehr als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt im Jahr arbeitsunfähig ist. Wie das im Detail aussieht, kommt auf den Fall an - eine Möglichkeit kann zum Beispiel eine schrittweise Erhöhung der Stundenzahl beim Wiedereinstieg sein, erklärt Rösler. Poel stieg etwa in der ersten Woche mit vier Stunden pro Tag ein, in der zweiten waren es sechs. Und sie wechselte von der Forschungsabteilung zum Team Environment, Health and Savety - und war nun überwiegend im Büro tätig.

Wichtig ist außerdem, sich mit anderen auszutauschen, die in einer ähnlichen Situation sind, sagt Sabine Schreiber. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Leben nach Krebs! Selbsthilfe für junge Krebsüberlebende”. Betroffene stehen nach so einer Erkrankung vor der Frage, wie belastbar sie noch sind. „Hier ist es wirklich wichtig, gut in sich hineinzuhorchen”, sagt Rösler. Sie rät auf jeden Fall davon ab, mit der Einstellung zurückzukehren, dass die Kraft schon wiederkommt, wenn man erst einmal wieder eingestiegen ist. Besser sei es umgekehrt: erst dann wieder anzufangen zu arbeiten, wenn man sich wieder richtig fit fühlt.

Eine weitere Problematik, die für viele wichtig wird: Nach der Rückkehr in den Job haben Mitarbeiter häufig neue Bedürfnisse, und es stellt sich die Frage, wie sie diese kommunizieren. „Viele Menschen sind nach einer Krebserkrankung extrem lärmempfindlich”, gibt Schreiber ein Beispiel.

Christiane Poel hat ihren Job immer sehr geliebt. Im Nachhinein würde sie aber sagen, dass sie ein paar Wochen zu früh wieder eingestiegen ist. „Es war zu Beginn schon sehr schwer. Ich konnte mir am Anfang kaum etwas merken und war super langsam”, sagt sie. Trotzdem würde sie es wieder so machen. Denn der Job ist für sie viel mehr als nur ein Broterwerb. Er gibt ihr auch Anerkennung und Motivation.

(Aachener Zeitung, 4.7.16, Kristin Kruthaup/dpa)

 

 

 

Krebs überstanden - zurück in den Beruf

Die Krebsbehandlung ist abgeschlossen, die medizinische Reha auch – langsam kehren die gewohnten Kräfte zurück. Nun wollen viele Krebspatienten auch beruflich wieder Fuß fassen. An den Arbeitsplatz zurückzukehren ist ein wichtiger Schritt zurück in den Alltag, der sich positiv auf das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl auswirken kann. Das Gefühl im Arbeitsleben gebraucht zu werden ist wichtig für die Lebensqualität und damit verbundenen sozialen Kontakte sowie finanzielle Absicherung der Krebspatienten: Über 60 Prozent der Betroffenen kehren nach der Behandlung zurück in den Beruf.  

Doch die Folgen der Erkrankung und der Therapie sind nach wie vor spürbar. Viele Krebspatienten fühlen sich auch nach Abschluss der Therapie schnell erschöpft oder leiden unter den Nebenwirkungen von Medikamenten. Auch fällt es nicht leicht, nach solch einem emotionalen und körperlichen Ausnahmezustand wieder in die Normalität zurück zu finden. Schnell stellt sich Unsicherheit ein: Schaffe ich das? Leichter fällt der Wiedereinstieg, wenn man sich gut darauf vorbereitet.

Erster Schritt: Selbsteinschätzung und Zielbestimmung

Wer eine Rückkehr in den Job plant, sollte zunächst ehrlich mit sich selbst sein und für sich eine Antwort auf diese Fragen finden: Wie belastbar bin ich? Kann ich schon wieder voll einsteigen, oder wäre Teilzeit nicht die bessere Lösung? Kann ich das noch, was ich vorher konnte? Ist eventuell eine Umschulung nötig? Welche meiner bisherigen Aufgaben kann ich übernehmen? Welche Arbeitsbedingungen brauche ich? [1, 2]

Die weitere Strategie richtet sich danach, wie die Antwort auf diese Fragen ausfällt. Für manche stellt der unfreiwillige Einschnitt auch eine Gelegenheit dar, sich beruflich umzuorientieren. Sich darüber bewusst zu werden, wo man steht und was man selbst möchte, ist auf jeden Fall eine gute Grundlage für das Gespräch mit dem Arbeitgeber. Hilfreich ist es, möglichst früh mit dem Arbeitgeber über die Rückkehr sprechen. Das erleichtert dem Vorgesetzten die Planung.

Langsam Fuß fassen: Das Hamburger Modell

Unternehmen sind in Deutschland dazu verpflichtet, ein betriebliches Eingliederungsmanagement zu organisieren. Hier hat sich für gesetzlich Krankenversicherte das sogenannte Hamburger Modell etabliert. Diesem Konzept zufolge steigert man die Arbeitsleistung langsam – von wenigen Stunden am Tag bis zu einer Voll- oder Teilzeitbeschäftigung. Dazu erstellt der Patient zusammen mit dem behandelnden Arzt bzw. dem Rehabilitationsarzt oder dem Betriebsarzt und dem Arbeitgeber einen Eingliederungsplan.

Der Arbeitgeber ist während der Zeit der Wiedereingliederung nicht verpflichtet, ein Gehalt zu zahlen. Deshalb erhält der Patient in dieser Zeit entweder Krankengeld oder Übergangsgeld, abhängig davon ob die Krankenkasse oder Rentenversicherung die Träger der Maßnahme sind.

Da es sich bei Krebs um eine chronische Erkrankung handelt, haben viele Betroffene auch die Möglichkeit einen Antrag auf Schwerbehinderung zu stellen. Schwerbehinderte genießen meist einen besonderen Kündigungsschutz u. andere Vorteile, z. B. bis zu 5 Tage mehr Urlaub, einen Steuerfreibetrag. Zuständig für die Antragstellung sind die Versorgungsämter. [3, 4]

Berufliche Rehabilitation

Unterstützung für den Wiedereinstieg erhalten Betroffene, aber auch Arbeitgeber im Rahmen der beruflichen Rehabilitation („Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben“) von der gesetzlichen Rentenversicherung. Dazu zählen alle Reha-Maßnahmen zur Förderung der Berufstätigkeit von kranken Menschen. Die Leistungen sollen dazu dienen, den Arbeitsplatz möglichst zu erhalten oder– falls notwendig –neue Berufschancen zu eröffnen. Wer beispielsweise bestimmte Hilfsmittel oder technische Geräte für seinen Arbeitsplatz benötigt, kann bei der Rentenversicherung die Übernahme der Kosten beantragen. Die meisten dieser Leistungen sind allerdings Ermessensleistungen – d. h. die Behörde entscheidet darüber individuell. [5]

Beratung in Anspruch nehmen

Manche Betroffene fühlen sich allerdings von der Vielzahl der Dinge, die nun zu beachten sind, überfordert oder generell beim Wiedereinstieg in den Beruf alleine gelassen. Während der Therapie hatten Freunde, Familie und Kollegen viel Verständnis aufgebracht – doch danach fällt es ihnen vielleicht schwer, zu verstehen, dass die Erkrankung bzw. die Therapie auch Langzeitfolgen mit sich bringen kann. Zögern Sie in dieser Lage nicht, Hilfs- und Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen. Die Landeskrebsgesellschaften bieten auch in Ihrer Nähe psychosoziale Beratungen an oder können hilfreiche Kontakte vermitteln. Eine Liste aller Landeskrebsgesellschaften finden Sie hier: 

http://www.krebsgesellschaft.de/deutsche-krebsgesellschaft/ueber-uns/organisation/sektion-a-landeskrebsgesellschaften.html

Mit Kollegen über die Krankheit reden?

Vor dem ersten Arbeitstag ist es wichtig zu überlegen, ob man mit den Kollegen über die Erkrankung reden möchte und wie man mit möglichen Fragen der Kollegen umgehen will. Wer sich vorab Antworten überlegt, beugt möglicherweise unangenehmen Situationen vor. Manche Kollegen leisten sicherlich gerne Unterstützung – sofern sie wissen, wo welche benötigt wird.

Die ersten Wochen: Mit den Kräften haushalten

In den ersten Wochen sollte der Rückkehrer gut mit seinen Kräften haushalten. Wer gleich alles gibt, mutet sich möglicherweise zu viel zu. Niemand erwartet, dass Krebspatienten sofort wieder zu 100 Prozent einsatzfähig sind. Und bei aller Anstrengung sollte man nicht vergessen: Eine Rückkehr in den Beruf bedeutet auch, den Krebs – zumindest ein Stück weit – besiegt zu haben.

(ONKO Internetportal, 1.12.15, Pia Nitz)


 

 

Wenn der CEO an Krebs erkrankt

Zwischen Chefsessel und Chemotherapie

Sie haben Krebs, unterziehen sich einer Strahlentherapie – und lenken trotzdem ein Unternehmen: Wenn kranke Vorstandschefs weitermachen wollen, glauben sie, dass der Beruf zur Stütze wird. Ärzte sind skeptisch.

DüsseldorfDiagnose Krebs. Jährlich trifft das allein in Deutschland etwa eine halbe Millionen Menschen. Etwa jeder zweite Mensch wird im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken, sagen Studien. Auch Top-Manager kann es treffen. Einer von ihnen ist der Franzose Olivier Bohuon: Der Vorstandschef sei an Krebs erkrankt, teilte Smith & Nephew Anfang Februar mit. Der Pharmazeut leitet den britischen Medizintechnik-Konzern seit rund fünf Jahren. Bohuon ist dort Chef von 11.000 Mitarbeitern. Jahresumsatz des Unternehmens 2014: 4,6 Milliarden Dollar. Viel Geld – viel Verantwortung.

Trotz der schweren Erkrankung hat der 57-Jährige vor, CEO von Smith & Nephew zu bleiben. Er werde „während seiner Behandlungszeit aktiv in den Geschäftsablauf miteinbezogen werden“, heißt es vom Unternehmen. Der Krebs sei sehr gut behandelbar.

Formen der Krebs-Therapie

Sich einer Chemotherapie zu unterziehen und zugleich ein Unternehmen zu lenken - geht das? Bohuon ist nicht der Einzige: In den vergangenen Jahren führten mehrere krebskranke Vorstandschef die Geschäfte neben ihrer Krebstherapie weiter – vor allem im angloamerikanischen Raum. In Deutschland machte der KfW-Chef Ulrich Schröder Ende 2015 seine Krebserkrankung öffentlich. Der Top-Manager kündigte an, seine Reisetätigkeiten und Terminverpflichtungen zu reduzieren, den Vorstandsvorsitz jedoch zu behalten.

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon erkrankte vor zwei Jahren an Kehlkopfkrebs und gab damals an, zwar weniger hin und her zu jetten, aber weiterhin aktiv am Tagesgeschäft teilzuhaben. Auch Warren Buffett befindet sich in dem Kreis: 2012 wurde bei der Investorenlegende Prostatakrebs diagnostiziert. Trotz seiner zweimonatigen Strahlentherapie wollte er damals nicht auf den Chefsessel seiner Holding Berkshire Hathaway verzichten.

Wie funktioniert das, fragen sich Mitarbeiter, Aktionäre und Kunden. Wie kann ein Manager eine solche doppelte Belastung verkraften? Und ist das überhaupt gesund?

„Wenn sich jemand so weit hochgearbeitet hat, ist er vermutlich sehr mit seinem Beruf verwachsen“, erklärt Sabine Khalsa. Die Berliner Psychoonkologin hat mit vielen Krebspatienten gearbeitet und vermutet verschiedene Motive: „Diese Menschen haben oft ein so hohes Verantwortungsbewusstsein, dass sie ihre Arbeit nicht einfach loslassen können. Sie können nicht einfach aufhören, zu arbeiten.“ Es könne aber auch sein, dass sie berufliches Pausieren als Faulenzen empfänden, sie die Angst vor dem sozialen oder beruflichen Abstieg antreibe, die Krankheit unterschätzt oder durch Arbeit verdrängt werde.

„Aber wenn die Arbeit einem generell Freude bereitet, gibt sie den Menschen Halt und verhindert, dass die Gedanken ständig um die Krankheit kreisen“, so Khalsa. Den Beruf weiter auszuüben komme also der psychischen Gesundheit zugute, was sich wiederum positiv auf die körperliche Gesundheit auswirken könne.

Wie das Unternehmen den CEO entlasten kann

Professor Hendrik Berth sieht das völlig anders: „Ich bin definitiv dagegen, dass während einer Krebstherapie noch weiter gearbeitet wird.“ Natürlich gebe es aus psychologischer Sicht auch Vorteile, räumt der Medizinpsychologe des Uniklinikums Dresden ein: Die Krebserkrankung nehme im persönlichen Leben keinen breiten Raum ein und man verliere beruflich nicht den Anschluss. Allerdings überwögen die Nachteile. „Die allermeisten Chemotherapien gehen nicht nur mit körperlicher Erschöpfung einher, sondern auch mit kognitiven Einschränkungen. Die Konzentrations- und Gedächtnisleistungen werden vermindert“, sagt Berth.

Die Tätigkeit für das Unternehmen macht demnach noch kränker. „Die Arbeit stellt eine weitere Belastung dar und führt dazu, dass der Genesungsprozess verzögert wird“, so der Psychologie-Professor. „Aus der wissenschaftlichen Forschung ist bekannt, dass beispielsweise Stress den Ausbruch von Erkältungen begünstigt.“ Dementsprechend könne man zusätzliche, arbeitsbedingte Belastungen neben einer Krebserkrankung als ungesund betrachten. Das Weiterarbeiten sei während einer Chemotherapie also nicht empfehlenswert – weder seitens des Erkrankten, noch seitens der Firma.

Doch nicht jedes Unternehmen kann es ohne weiteres verkraften, wenn der CEO krankheitsbedingt kürzer treten muss oder zeitweise komplett ausfällt. Auch Investoren werden nervös: Nachdem die Krebserkrankung von Jamie Dimon bekannt geworden war, sank der Aktienkurs von JP Morgan. Oft geht es um fehlende Alternativen in der Führung.

„Schwierig wird es für ein Unternehmen, wenn der CEO Herrschaftswissen bündelt, kein geeigneter Stellvertreter aufgebaut wurde oder das Unternehmen auf eine Person zugeschnitten ist“, hat Michaela Moser festgestellt, Inhaberin der Personal- und Managementberatung Evitura. JP Morgan steht seit neun Jahren unter der Führung Dimons. Er brachte das größte US-amerikanische Bankhaus durch die Finanzkrise und gilt als einer der einflussreichsten Menschen der Welt.

„Gerade für Unternehmen mit zentralisierten Strukturen, gekennzeichnet durch eine steile Hierarchie, ist ein CEO schwer zu ersetzen“, ergänzt sie. In solchen Unternehmen laufen alle wichtigen Entscheidungen über den Leiter, sein Ausfall wäre verheerend. Bei dezentralen Organisationsstrukturen hingegen werden viele Entscheidungen delegiert, die Entscheidungsgewalt konzentriert sich nicht allein auf den Vorstand, sondern sämtliche Ebenen sind an der Unternehmensführung beteiligt. „Solche Unternehmen können eine Einschränkung, beziehungsweise einen Ausfall des CEOs leichter verkraften“, sagt die Management-Beraterin.

Bei großen Versicherungen und Bankhäusern könne man zwar von einer stark hierarchischen Führungskultur ausgehen, jedoch werden diese Konzerne normalerweise nach dem Prinzip der Corporate Governance geführt. Die Sicherung des langfristigen Unternehmenserfolgs steht im Vordergrund. „Diese Unternehmen haben schneller einen Plan B“, erklärt Evitura-Beraterin Moser. „Wer die Aufgaben eines ausfallenden Vorstandsmitglieds stellvertretend übernimmt, ist bereits im Vorfeld geregelt.“

Fest steht für sie: Ein kooperatives, wertschätzendes Klima innerhalb der Belegschaft ist ein Grundpfeiler, um eine krankheitsbedingt geschwächte Führung auszugleichen. Auch eine positive Fehlerkultur sei förderlich. „Dann kann die Belegschaft leichter akzeptieren, dass der CEO nicht voll einsatzfähig ist“, erklärt Moser, die eine Professur an der Europäischen Fachhochschule im Bereich Managementkompetenzen innehat. „Wenn man seinen Mitarbeitern Verantwortung überträgt, ist es nicht nötig, dass ein kranker, nicht permanent verfügbarer CEO direkt ersetzt wird.“

Weiterarbeiten – bis zum Tod?

Für Professor Norbert Gattermann spricht aus medizinischer Sicht nichts dagegen, dass sich ein kranker CEO weiterhin seiner Arbeit widmet: „Die Patienten haben im Allgemeinen ein gutes Gefühl dafür, was sie sich zumuten können und was nicht“, sagt der Chef des Tumorzentrums der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. „Außerdem sollen sie sich nicht in Watte packen und zu Hause auf der Couch legen, sondern aktiv bleiben – Spaziergehen gehen, eine Radtour machen, einfach Dinge tun, die ihnen Freude bereiten. Und wenn Arbeit dazu gehört, dann eben auch das.“ Dies gelte allerdings nur für Patienten, die ambulant behandelt werden, und denen es im Vergleich zu stationären Patienten verhältnismäßig gut gehe.

Also vormittags zur Chemotherapie und nachmittags ins Büro? Das wird nicht klappen. Ein Treffen mit Freunden abends sei aber schon möglich, so der Onkologe.

Lloyd Blankfein, CEO des Investment-Riesen Goldman Sachs, gab vergangenen Herbst bekannt, Lymphdrüsenkrebs zu haben. Er verzichtete daraufhin auf einige geplante Reisen und übertrug einem Manager aus dem operativen Geschäft mehr Verantwortung. Alle drei Wochen befand sich Blankfein für vier bis fünf Tage im Krankenhaus, dennoch führte er etwa 80 Prozent seiner Vorstandsarbeit weiter aus.

Doch woher kommt die Kraft für die Arbeit? Warum scheinen gerade Vorstandschefs über eine derartige Energie zu verfügen? „Das ist vor allem abhängig von der psychischen Konstitution und der Art der Arbeit“, vermutet Gattermann und erläutert: „CEOs sind ja nicht ohne Grund CEOs geworden, sondern weil sie gut mit herausfordernden Situationen umgehen können.“

„Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist außerdem sehr hilfreich für den Genesungsprozess. Es hilft den Patienten, eine Aufgabe zu haben – und zu wissen, wofür man weiterleben möchte“, ergänzt Psychoonkologin Khalsa. „Aber ob die Arbeit eher als Stütze oder als Belastung empfunden wird, kann nur jeder für sich selbst feststellen und das ist unabhängig davon, auf welcher Hierarchiestufe man steht.“

Ob eine Person jedoch den Krebs besiegen kann oder nicht, liegt laut Mediziner Gattermann „an den verfügbaren Medikamenten und der Biologie der Tumorzellen“. Und nicht daran, wie gerne die Person arbeitet, und wie groß ihr Wunsch ist, weiterzuleben.

2010 erkrankte Robert Benmosche, Vorstandschef des US-Versicherungskonzerns AIG, an Lungenkrebs und führte die Geschäfte trotz aggressiver Chemotherapie weiter. Erst vier Jahre später gab er seinen Führungsposten ab – wenige Monate bevor der 70-Jährige im Februar 2015 seinem Krebsleiden erlag. Etwa die Hälfte aller Erkrankten verliert den Kampf gegen die Krankheit. Jamie Dimon und Lloyd Blankfein gelten aber mittlerweile als geheilt.

(Handelsblatt, 20.02.2016, Eva Fischer)

 

 

 

 

Wiedereinstieg in den Beruf nach Krebs

Krebs ist eine Krankheit, die in jedem Alter zuschlagen kann. Die Diagnose ist für die Betroffenen ein Schock. Und auch Angehörige und Kollegen sind davon berührt. An erster Stelle steht, die Krankheit zu besiegen und wieder gesund zu werden. Und dann? Wem es wieder gut geht, der möchte zurück an die Arbeit.

Der Kampf gegen den Krebs zehrt an den Betroffenen. Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien belasten Körper und Seele. Hinzu kommen die Sorgen, wie es weitergehen wird. Das kann ein langer Weg sein. Doch Arbeitgeber können diesen unterstützen.

Betriebliches Eingliederungsmanagement fängt während der Krankheit an

Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten auch während des Krankheitsverlaufes im Gespräch bleiben. Für den Erkrankten kann es ein wichtiges Signal sein und ihm helfen, den Mut nicht zu verlieren. Außerdem sollte offen darüber gesprochen, wann und wie viel der Krebserkrankte arbeiten kann.

Für den einen ist der Wiedereinstieg früher möglich, der andere braucht länger

Manche Krebspatienten arbeiten während ihrer Behandlung weiter. Sie brauchen die Arbeit und den Kontakt zu ihren Kollegen, um an ihre Heilung glauben zu können und den Heilungsprozess so positiv zu beeinflussen. Andere wollen lieber für sich sein, brauchen Ruhe und Abgeschiedenheit. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit der Krankheit umzugehen.

Betriebliches Eingliederungsmanagement: Passen Arbeitsplatz und Arbeitszeiten noch?

Ob während der Behandlung oder nach einer längeren Ausfallszeit wegen der Krankheit, der Mitarbeiter braucht Unterstützung. Manchmal ist es notwendig den Arbeitsplatz anzupassen. In anderen Fällen ist es sinnvoll, innerhalb des Betriebs auf einen anderen Arbeitsplatz zu wechseln. Auch die mögliche Dauer der täglichen bzw. wöchentlichen Arbeitszeit ist zu klären.

Betriebsarzt informiert und berät beim Thema Wiedereinstieg

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement ist dafür da, dass nach einer schweren Krankheit der Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtert wird.

Dafür gleicht der Betriebsarzt die Fähigkeiten und noch bestehende Einschränkungen des Betroffenen mit den Anforderungen am Arbeitsplatz ab. Außerdem gibt er Empfehlungen, wie die Beschäftigungsfähigkeit wieder hergestellt werden kann. Er informiert den Arbeitgeber über eine mögliche stufenweise Wiedereingliederung und berät den Betroffenen dazu.

Kollegen bei der Wiedereingliederung mit einbinden

Erkrankt in einer Belegschaft jemand schwer, dürfen die Kollegen nicht vergessen werden. Damit sie die Wiedereingliederung unterstützen können, sollten sie rechtzeitig über die Rückkehr des Erkrankten informiert werden. Es kann auch wichtig sein, die Krankheit und den Umgang mit dem Betroffenen in Besprechungen zu thematisieren.

(Haufe.de/Arbeitsschutz, 17.2.16)

 

 

 

Krebs und die Folgen

Das neue Tabu heißt Armut, nicht Tod

Viele Krebskranke überleben heute ihre Tumore, doch was kommt dann? Oft Frühverrentung und finanzielles Elend. Sabrina aus Berlin hat das erlebt.

Sie wollte Bankerin werden, nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt studieren, ihren Abschluss machen und Geld verdienen. Mehr als das, was es gab, seit sie mit 16 Jahren begonnen hatte, bei einer Eis-Franchise-Kette am Alexanderplatz zu arbeiten. Ihr Plan war, mit 30, spätestens 35 Jahren ihren Eltern ein Haus zu kaufen und sich bei ihnen zu bedanken, dass sie immer für sie dagewesen sind. Doch es kam anders.

Mit 22 Jahren bekommt Sabrina einen Brief von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte: „Sehr geehrte Frau . . ., auf Ihren Antrag vom . . . erhalten Sie von uns Rente wegen voller Erwerbsminderung.“ Der Brief ist von 2003. Statt mit Mitte 30 eine gut verdienende Bankerin, ist sie seit zwölf Jahren Rentnerin.

Sabrina hatte Krebs. Einen Hirntumor, pfirsichgroß. Früher ein Todesurteil, doch wie immer mehr Menschen mit bösartigem Tumor, hat sie die Therapie überstanden: Erst wird sie im August 2003 am Gehirn operiert und vom Tumor befreit, dann wird ihr Kopf bestrahlt, zur Sicherheit. Fotos zeigen ihren kahlen Schädel, mit schwarzen Markern bemalt – ein Halbkreis über dem rechten Ohr, Striche – ein bisschen wie das Fadenkreuz, wenn man durch eine Waffe blickt. 36 Gray, die maximal zulässige Dosis Strahlung für einen Menschen, sagt man ihr damals. Ein paar Sekunden pro Termin, drei Wochen lang. Wüsste man es nicht besser, man könnte kurz zweifeln, dass das, was man sieht, zum Wohle der Patientin geschieht.

Sabrina fühlt sich jedes Mal ihrer Seele beraubt. Knallrot ist die Kopfhaut und riecht komisch. Meistens schläft die junge Frau noch im Auto des Fahrdienstes auf dem Weg nach Hause ein. Sabrina stellt fest, dass sie diese Behandlung braucht, sie will kooperieren, sie will den Krebs überleben. Und es ist ihr geglückt – wie rund 80 Prozent der 15 000 Menschen zwischen 15 und 40 Jahren, die jedes Jahr in Deutschland neu an einem Tumor erkranken. Sie hat ihre Krebserkrankung überstanden. Doch so richtig viel Platz für ihr Leben ist nicht.

Sie ist nicht mehr Patientin, aber gesund eben auch nicht

Menschen, die eine Krebstherapie hinter sich haben, passen nicht so recht in die Kategorien von Arbeitsmarkt, Gesundheits- und Sozialsystem: Sie sind nicht mehr Patient, gelten nach einigen tumorfreien Jahren als geheilt, doch dauerhaft beschwerdefrei sind viele von ihnen nicht. Sie können arbeiten und die Mehrheit von ihnen versucht nach der Therapie den Weg zurück in die Berufstätigkeit, aber sie sind chronisch erschöpft oder haben starke Kopfschmerzen, können sich eingeschränkt konzentrieren oder haben als Folge einer bestimmten Chemotherapie Hörschäden und Tinnitus.

Manche Langzeiteffekte treten gleich nach der Behandlung auf, manche Spätfolgen kommen ein Jahr oder gar erst zehn bis zwanzig Jahre danach. Die eine typische Geschichte eines Krebs-Patienten gibt es deshalb weder bei der Behandlung, noch bei den Lebensverläufen danach: Eine Frau beginnt nach Brustkrebs wieder zu arbeiten, geht dann aber nach einem Jahr wegen schwerer Fatigue in Erwerbsminderungsrente – heute arbeitet sie zwei bis drei Stunden pro Tag. Ein junger Patient gilt als geheilt und schließt sein Studium ab, dann geht plötzlich ein halbes Jahr lang gar nichts – heute arbeitet er erfolgreich in einem Architektenbüro.

Die Rente reicht schon jetzt nicht - und keine Aussicht auf Besserung

Weil Unterstützungssysteme und Arbeitsplätze auf solche Biographien nicht ausgelegt sind, irren viele zwischen Krankenversicherung, Rentenversicherung, Versorgungsamt und Arbeitsämtern hin und her. Sie werden von einem Kostenträger zum anderen geschoben. Mit einer Krebserkrankung landet man heute schneller in der Erwerbsminderungsrente, beobachten Ärzte und Beratungsstellen, und damit finanziell unter dem Existenzminimum. Nicht mehr der Tod, sondern die Armut von Krebserkrankten ist das neue Tabu.

811,06 Euro im Monat

„Wo ist das Problem?“, fragt man sich kurz, wenn man Sabrina heute in ihrer 55-Quadratmeter-Wohnung in Pankow besucht. An den Wänden hängen Holzfische in Rosa, Gelb, Grün und Blau. Rundliche Frauen aus Ton – Erinnerungsstücke an Nicaragua, wo Sabrina vor ihrer Erkrankung ein halbes Jahr Spanisch lernte – tragen buntes Obst vor der Brust her. Leben, Tod, schwarz, weiß. Sabrina trägt eine zart grüne Bluse, passend zu ihren Augen. Die 34-Jährige wirkt selbstbewusst, kompetent. Gemütliches Sofa, volles Bücherregal. An der Wand ein Kochbuch neben dem anderen.

Dann sagt Sabrina: Ihr Kühlschrank ist leer. Bis auf Milch für den Kaffee hat sie keine Lebensmittel zu Hause. Zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen geht sie zu ihren Eltern, die ein paar Häuser weiter wohnen. 743,41 Euro betrug Sabrinas Rente ursprünglich, nach Anpassungen sind es jetzt seit Juli 811,06 Euro im Monat. Ihre Miete beträgt 430 Euro, dazu kommen Kosten für Telefon und Computer, Haftpflicht, Strom, GEZ.

Seit 2012 gilt Sabrina als vom Krebs geheilt. Sie hat häufig starke Migräne, kann sich schlechter konzentrieren, tageweise fühlt sie sich so stark erschöpft, dass man ein eigenes Wort dafür braucht. Als Folge der massiven OP am Gehirn ist sie linksseitig leicht gehbehindert und kann mit ihrer Hand nicht mehr greifen. Ihr linkes Blickfeld ist eingeschränkt. Auch mit den Hormonen gibt es seit der Therapie Probleme. Damit muss sie leben, sagt Sabrina, dafür ist sie am Leben. In einer Tabelle sieht sie sich aber bei den Kosten, „und da steht ein großes schwarzes Minus davor“.

Besonders jungen Leute droht der finanzielle Absturz

12,5 Prozent der 171 000 neuen Erwerbsminderungsrentner im Jahr 2014 hatten Krebs. Bis auf geringfügige Anpassungen wurden diese Renten seit 2000 stetig gekürzt, sagt Jürgen Walther vom Sozialdienst des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg. Wer heute neu Erwerbsminderungsrente beantragt, bekommt im Durchschnitt 630 Euro pro Monat und liegt somit deutlich unter der Armutsgrenze.

Soziale Fragen werden in den Krebsberatungsstellen und Sozialdiensten der Krankenhäuser immer wichtiger. Besonders junge Erwerbstätige, Familien und kleine Selbständige bringe eine Erkrankung finanziell in Gefahr. „Vielen droht ein Sturz ins Bodenlose“, sagt Walther. „Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, um den in gesunden Tagen entworfenen Lebensplan zu realisieren.“

Zurück zum Plan, das hatte sich Sabrina gewünscht. Nach einer Reha beginnt sie 2004 wieder zu studieren. Zwar nicht in Frankfurt – ihre Ärzte, ihre Ergotherapeuten, ihre Freunde und ihre Familie, alle, die für sie da sind, sind in Berlin –, dafür „International Business“ in Karlshorst. Ein Studiengang auf Englisch. „Ich wollte was Anspruchsvolles“, sagt sie. An der Uni findet sie Freunde, die sie unterstützen, deren Mitschriften sie verwenden darf, weil sie selbst nicht so schnell mitschreiben kann. Sie lernen gemeinsam. Am Wochenende verkauft sie sogar noch auf Märkten Postkarten, um ein Giebelwandbild eines Künstlers aus Nicaragua an der Lichtenberger Brücke zu erhalten. Ein Praktikum in der Botschaft Venezuelas... Es wird viel zu viel.

Mal in Form, dann völlig k.o.: Welcher Arbeitgeber kann das brauchen?

Sabrina hat einen Rückfall, eine Hirnblutung. Sie muss neuerlich in die Reha. Es ist ihre „zweite Bekanntschaft mit dem Tod“. Der Künstler aus Nicaragua, für dessen Kunst sie gesammelt hatte, kommt Sabrina in der Reha besuchen. Er malt ihr ein Bild. Es zeigt ein Dorf in Nicaragua, am Horizont ein grün bewachsener Vulkan, darüber Sabrinas Kopf in den Wolken.

Durch die zweite Reha verpasst Sabrina den Anschluss an ihren Jahrgang. In der neuen Gruppe trifft sie auf eine eingeschworene Gemeinschaft. Niemand will mit Mitschriften helfen. Die Kommilitonen verstehen nicht, dass sie etwas mehr Prüfungszeit bekommt. Sie wissen nicht, dass ihr wegen der Sehbeeinträchtigung beim Lesen leicht die Zeile verrutscht. Wenn wegen der Lähmungserscheinungen bei einem Referat Sabrinas linker Unterarm unkontrolliert nach oben zieht und die Hand sich anwinkelt, tuscheln zwei Mitstudenten.

Noch heute denkt Sabrina daran, wenn sie vor anderen sprechen soll. Bis zum Schluss freundet sie sich mit niemandem an und zieht das Studium trotzdem durch. „Um mir zu beweisen, dass es mir nichts ausmacht“, sagt Sabrina. Als sie 2010 mit einem Schnitt von 2,0 ihren Bachelor abschließt, ist die frühere Einser-Schülerin traurig. Ein Professor sagt ihr, sie sei besser als der Jahresdurchschnitt.

Sie kann nicht richtig sehen, rennt gegen Laternen

Ehrgeizig in der Schule, Leistungssportlerin. Früher war Sabrina die, die immer allen zeigen will, dass sie es kann. Die 16-Jährige, der die Ärzte wegen ihres chronischen Kopfschmerzes immer nur raten, sie solle sich mal entspannen. Sie solle autogenes Training probieren. Dann kam die Sabrina nach der Operation: die die Leute auf der Straße plötzlich angucken, weil sie den Fuß nachzieht und sich schlecht orientieren kann. Die gegen die Laterne rennt, mit Fremden kollidiert und die hört: „Hast du keine Augen im Kopf?“

Sie wurde die Sabrina, die es irgendwann nicht mehr aushält, dass ihr Freund immer für sie kocht – wo doch Kochen ihre Leidenschaft war – und sich trennt. Ihre Abschlussarbeit schreibt Sabrina über das Freihandelsabkommen CAFTA zwischen den USA und den Entwicklungsländern Zentralamerikas. Sie beschreibt, wie die Zölle zwischen den ungleichen Ökonomien weggefallen sind. Wie Importe aus der hochtechnisierten US-Agrarwirtschaft plötzlich günstiger waren als lokale Produkte Nicaraguas.

Als Sabrina sich für Praktika bewirbt hat sie noch keine großen Probleme. Sie arbeitet bei Vertretungen Europäischer Organisationen in Berlin mit und nochmal bei einer Botschaft. „Lebenslauf aufpolieren“, sagt sie. Dann bewirbt sie sich um richtige Stellen, schreibt dazu, dass sie schwerbeschädigt ist, und bekommt nur Absagen, wie sie erzählt.

Für Kinder gibt es spezielle Förderprogramme, für Erwachsene nicht

Ein einziges Mal wird Sabrina eingeladen. Sie erinnert sich an ein tolles Gespräch, aber die Stelle gibt es leider nur Vollzeit. Sabrina bräuchte einen Job, in dem sie flexibel arbeiten kann. Bei dem sie zuhause bleibt, wenn ihr Migräne und Erschöpfung zu schaffen machen, und dann dafür beim nächsten Mal etwas mehr macht. Von der Bankenbranche, wo man 110 Prozent und mehr geben muss, hat sie sich mittlerweile verabschiedet. Dieses Soll könne sie nicht erfüllen. Aber Außenwirtschaft, EU? 2014 hört Sabrina auf, sich auf Stellen zu bewerben, die zu ihrem Studium und ihren Schwerpunkten passen.

„Eine Krebserkrankung ist ein Bruch in jeder Biographie“, sagt Bernhard Wörmann, Onkologe an der Charité in Berlin, „aber die, die Krebs überstanden haben, sind starke Personen.“ Wörmann bietet eine spezielle Sprechstunde für junge Erwachsene mit Krebs an. In den letzten 20 Jahren hat er beobachtet, wie Sorgen um die finanzielle Existenz seine Patienten immer stärker belasten. Dabei könne man die Defizite durch die Erkrankung bei entsprechender Förderung gut ausgleichen. Kinder mit Krebs können einen überdurchschnittlich guten Schulabschluss machen, sagt Wörmann. „Diese Idee müsste man auf die Erwachsenenwelt übertragen.“

Die Krankheit hat ihre Welt kleiner gemacht

Sabrinas heutige Rolle in der Gesellschaft ist paradox. Im sozialen Umfeld ist sie das gute Beispiel, das Mut macht. Die, deren Telefonnummer weitergegeben wird, wenn die Cousine der Freundin einer Freundin in Barcelona auch einen Hirntumor hat. Sie ist die, die Schlaganfallpatienten, die Lähmungserscheinungen haben, zeigt, was das Gehirn nach einer ernsthaften Verletzung alles wieder lernen kann – wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, wenn man dran bleibt und trainiert. Falls sie mal ein Pseudonym suche, solle sie sich doch „Sabrina Lebensmut“ nennen, hat ihr eine Freundin aus dem Selbsthilfeverein „Leben nach Krebs!“ mal gesagt. Sabrina hat den Verein mitbegründet, er richtet sich speziell an junge Krebsüberlebende.

Sie hat wieder gelernt, sich zu freuen, das will sie weitergeben

Sie kennt die Momente, in denen alles zusammenkracht und Nichtwiederaufwachen einfacher scheint. Aber sie kann auch erzählen, wie sie in den Tagen nach der OP in der Wohnung des Freundes in Friedrichshain saß, wie sie nicht hinauskonnte, sah, wie Sonne auf eine Orchidee scheint, und sich dachte, „da steckt Leben drin.“ Heute stehen viele Orchideen in ihrer Wohnung, weiß und violett. Sabrina hat gelernt zurückzuschauen, wenn jemand in der Straßenbahn blöd guckt, und gleichzeitig dankbar zu sein, wenn ihr ältere Damen einen Sitzplatz anbieten. Sie teilt ihre Lebenserfahrung, aber ihr Wissen und ihre Kompetenzen sind kaum noch was wert, nur weil sie nicht vollständig funktioniert. „Ich möchte gefordert werden, ich möchte Dinge tun“, sagt Sabrina.

Die Krankheit hat ihre Welt kleiner gemacht. Zwei Mal pro Woche Krankengymnastik, zwei Mal pro Woche Ergotherapie. Ihre Woche ist geprägt von Essen mit der Familie und Arztterminen. Sie, bei der früher immer alle angerufen haben, um zu wissen, was die Clique am Samstagabend unternimmt, wo es hingehen soll. Die Freunde haben sich dezimiert, viele wussten nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. „Natürliche Auslese“, kommentiert Sabrina. Letztens hat sich eine der Freundinnen von damals, die den Kontakt abgebrochen hatte, über Facebook gemeldet. Sie sind Kaffee trinken gegangen. Soll ich Sabrina erzählen, wenn ich tanzen war, hat sich die Freundin irgendwann gefragt. Soll ich erzählen, wenn ich einen attraktiven Mann kennengelernt habe? Die Freundin war den Tränen nahe bei dem Treffen.

Eine Freundin im Café treffen, kostet sie oft 25 Euro

Ab und zu kann sich Sabrina leisten, dass sie mit einer der guten Freundinnen, die geblieben sind, einen Kaffee trinken geht. Und ab und zu leistet sie sich, unabhängig davon zu sein, dass das Café für sie günstig liegt. Dann fährt sie öffentlich und geht von der Haltestelle zum Café langsam zu Fuß und plant für den Weg aus Pankow gut eine Stunde ein. Dann nach dem Kaffee, wenn sie erschöpft ist, fährt sie mit dem Taxi nachhause. Insgesamt circa 25 Euro kostet sie das.

Für Sabrinas Lebensqualität spielt ihre Familie eine zentrale Rolle: Die Freunde des Bruders haben die Wohnung hergerichtet. Die Eltern helfen, schwere Sachen die Treppe hochzutragen und beim Putzen bei bestimmten Handgriffen. Ihre Eltern schießen ihr Geld zu, so kann sie sich auch mal ein Oberteil kaufen, alle paar Monate. So sieht man ihr ihr Leben unter dem Existenzminimum nicht an. Sabrina will kein Mitleid, sie will auch nicht, dass alte Schulkollegen wissen, wie es ihr finanziell geht. „Wo ich mit 16 angefangen habe zu arbeiten“, sagt sie.

Wie wird Sabrinas Zukunft aussehen? Wenn sie auf ihren Schwerbehindertenausweis sieht, steht dort, dass sie bis 2020 schwerbehindert ist. Die Erwerbsminderungsrente, von der sie nicht leben kann, wird bis 2048 gezahlt.

Der einzige Satz mit zitternder Stimme: „Meinen Eltern darf nichts passieren“

Ab dann ist sie regulär Rentnerin. Sabrinas Mutter hört nächstes Jahr auf zu arbeiten, ihr Vater ist schon Rentner, arbeitet aber noch alle zwei Wochen. Sie hat eine Freundin, auf die sie sich absolut verlassen kann, sagt Sabrina. Die Freundin lebt in Aachen, deren zweites Kind ist gerade 21 Monate alt. Sabrinas Bruder ist in Berlin. Sie weiß, dass er davon träumt, an der Küste zu leben.

Für den Selbsthilfeverein ist sie seit Februar 2015 als Kassenwartin tätig. „Accounting“, sagt Sabrina, da kennt sie sich aus. Vielleicht kann der Verein durch Spenden Stellen schaffen, das wäre eine Perspektive. Dann hätte sie eine sinnvolle Tätigkeit, ein Arbeitsumfeld, das ihre Situation versteht und könnte sich bis zu 450 Euro dazuverdienen. Wird das für die Zukunft reichen? Für das, was später mal kommt? „Meinen Eltern darf nichts passieren“, sagt Sabrina. Es ist ihr einziger Satz mit zitternder Stimme.

 (Tagesspiegel/berlin, 26.9.15, Katharina Ludwig)

 


Münchnerin auf Zimmersuche

Den Krebs besiegt, aber die Wohnung verloren

Die Münchnerin Marie hat Schlimmes durchgemacht. Jetzt sucht sie ein Zuhause für sich und ihre Begleiterin, Schäferhündin Sina.

München - Marie hat geschafft, was kein Arzt mehr für möglich gehalten hat. Sie hat den Krebs besiegt und überlebt. Doch der lange Kampf kostete die 45-jährige Münchnerin nicht nur Kraft – sondern auch ihr Zuhause. Über die Initiative "Verändere deine Stadt" des Internet-Portals "immowelt.de" hofft sie nun, dass endlich ihr größter Wunsch in Erfüllung geht: ein eigenes Zimmer.

Die Ärzte hatten Marie aufgegeben: Krebs im Endstadium, Brust und Eierstöcke waren betroffen; dazu kam noch ein lebensgefährlicher Klinikkeim, der in ihrem Bauchraum wütete. Keine Perspektive auf Heilung. "Sie sagten mir, dass es nicht gut ausschaut und ich schon mal anfangen sollte, mich zu verabschieden", erinnert sich die Münchnerin an die schlimmste Zeit ihres Lebens. Marie rief den Vater ans Krankenbett, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte, sie befasste sich mit dem Sterben – doch ihr Lebenswille war stärker.

Über ein Dutzend Operationen und vier Jahre später sitzt die ehemalige Event-Managerin auf einer Parkbank am Nymphenburger Kanal und blinzelt in die Herbstsonne. Der Krebs ist besiegt, der Keim auch. Sie hat sich trotz Schmerzattacken ins Leben zurückgekämpft.

"Für mich ist das Glas nie halbleer"

Obwohl ihre Beziehung zerbrochen ist und ihre Firma pleite ging, blickt sie optimistisch in die Zukunft: "Für mich ist das Glas nie halbleer, sondern immer halbvoll. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal – ich nehme es an und mache das Beste daraus", sagt die lebensfrohe Frau und streichelt über das Fell ihres treuesten Begleiters. Schäferhündin Sina ist seit sechs Jahren an ihrer Seite: "Es klingt ein bisschen komisch, aber sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben."

Das Einzige, was Marie zum kompletten Glück fehlt, ist eine kleine Wohnung oder ein Zimmer in einer WG, in der auch ihr Hund willkommen wäre.

Seit ihrer Krankenhausentlassung Anfang des Jahres wohnt die 45-Jährige bei Bekannten. Die WG, in der sie vor der Krankheit gelebt hat, hat sich inzwischen aufgelöst: "Ich habe sieben Sofas, auf denen ich im Wechsel übernachte. Meinen Freunden bin ich dafür unendlich dankbar, aber ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Tür, die ich zu machen kann. Mein eigenes kleines Reich mit meinen Möbeln, wo ich mich einfach daheim fühlen kann."

Von ihrer bisherigen Rente von 800 Euro könnte die tapfere Münchnerin die Hälfte in die Miete investieren. Einen Zuschuss vom Amt lehnt sie ab. "Ich habe schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht und möchte mein Leben ohne deren Hilfe meistern."

"Genieße jeden Tag aufs Neue"

Über die kostenlose immowelt.de-Initiative "Verändere Deine Stadt" – hier können Menschen in Wohnungsnot und Vermieter mit Herz gratis inserieren – sucht sie dringend für sich und Sina ein neues Zuhause: "Ich habe ein Auto, es kann gern außerhalb von München sein. Ich brauche auch keinen S-Bahn-Anschluss."

Sobald sie noch etwas fitter ist, will sich Marie auch wieder einen Job suchen, erstmal auf 450-Euro-Basis – denn sie ist zuversichtlich, dass es aufwärts geht: "Ich fange lieber klein an. Im Moment genieße ich einfach nur jeden Tag aufs Neue und freue mich, dass ich lebe."

(Abendzeitung/München, 5.10.15, Andrea Uhrig)

 

 

 

 

 

 

 

Kleine Schritte - Nach langer Krankheit zurück in den Job

Bandscheibenvorfall, Krebs oder eine Depression: Leiden Mitarbeiter an einer solchen Krankheit, sind sie oft länger arbeitsunfähig. Die Sorgen sind dann groß. Kann der Arbeitgeber mich entlassen? Für Betroffene ist gut zu wissen: Sie haben mehr Rechte, als viele denken.

(Neu-Ulm) Auf die Betriebsferien nach Weihnachten freute Alexander Kreidel (52) sich sehr. Obwohl er gerade im November in die Arbeit zurückgekehrt war. Der Arzt hatte ihn wegen seines hartnäckig schmerzenden Arms zuletzt für acht Wochen krankgeschrieben.

Er wollte nicht schon wieder ausfallen. In den Betriebsferien würde die Entzündung im Arm schon abklingen, so seine Hoffnung. Doch das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Zurück bei der Arbeit hatte sich sein Arm nach ein paar Wochen so verschlimmert, dass er nicht einmal mehr jemandem die Hand geben konnte, ohne Schmerzen zu haben. An Arbeit war auf absehbare Zeit nicht zu denken. „Da kommen einem viele Sorgen in den Kopf”, sagt er.

Kreidel arbeitet bei EvoBus, einer Daimler Tochter, die Omnibusse produziert. Er war in einem Team, dass die Sitze in den Bussen montiert. Er trug mit Kollegen die im Werk produzierten Sitze im Bus an die richtige Stelle im Fahrzeug und befestigte sie. Irgendwann streikte sein Arm. Was Kreidel geschehen ist, kann viele Arbeitnehmer treffen. Die Befürchtungen sind dann groß.

Im Hinblick auf eine krankheitsbedingte Kündigung ist für Mitarbeiter gut zu wissen, dass die Voraussetzungen sehr hoch sind, sagt Hans-Georg Meier. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins. Voraussetzung ist unter anderem, dass ein Arbeitnehmer drei Jahre hintereinander mindestens jeweils mehr als sechs Wochen krank gewesen ist. Es kommt aber immer auf den Einzelfall an.

Für sechs Wochen bekommen Arbeitnehmer Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber. Danach springt die Krankenkasse für maximal 78 Wochen mit Krankengeld ein - das sind etwa 70 Prozent des Bruttoentgelts. Dann bleibt die Möglichkeit, Leistungen von der Arbeitsagentur oder von der Rentenversicherung zu beantragen.

Als Kreidel zum zweiten Mal länger krankgeschrieben war, bekam er wie beim ersten Mal Post vom EvoBus-Gesundheitsmanagement. Er wurde zu einem Gespräch zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) eingeladen. Dabei wird gemeinsam überlegt, wie die Arbeitsunfähigkeit überwunden und der Mitarbeiter wieder optimal in den Betrieb eingegliedert werden kann. Auch kann sich der Mitarbeiter den Personenkreis aussuchen, der bei den Gesprächen dabei ist, sagt Kerstin Meyer Koschnike vom Evo-Bus-Gesundheitsmanagement. Gemeinsam wird dann überlegt, was der Arbeitgeber tun kann, um die Arbeitsfähigkeit und die Gesundheit des Mitarbeiters zu erhalten.

Arbeitgeber sind laut Sozialgesetzbuch 9 dazu angehalten, BEM anzubieten. Für die erkrankten Mitarbeiter ist es ein freiwilliges Angebot. „Beschäftigte sind in dem Gespräch nicht dazu verpflichtet, zu erzählen, welche Krankheit sie haben”, erläutert Andreas Tautz. Er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM). Das Ziel ist, gemeinsam eine Perspektive für den Mitarbeiter zu entwickeln, Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen und den Arbeitsplatz zu erhalten. Gibt es in Firmen kein organisiertes Gesundheitsmanagement, suchen Betroffene am besten frühzeitig das Gespräch mit dem Betriebsarzt.

Kreidel wurde im April am Ellbogen operiert. Ganz in Ordnung ist sein Arm noch nicht, aber es wird besser. Das Ergebnis des BEM: Er hat nun einen Job in der Qualitätskontrolle, bei dem er seinen Arm weniger stark belasten muss. Nach der Operation stieg er im Rahmen einer stufenweise Wiedereingliederung mit einer geringen Stundenanzahl wieder ein und steigerte sich dann. „Dank des betrieblichen Eingliederungsmanagements hat die Rückkehr in den Job schnell geklappt.”

(Frankfurter Neue Presse, 7.9.15, Kristin Kruthaup/dpa)

 

 

 

Wer nicht zahlen kann, stirbt

Niederländische Ärzte streiten, ab wann die Krankenkassen den Geldhahn zudrehen sollen

Was ist uns das Leben wert? Die Niederländer wollen bald einen Preis dafür nennen. Unter den Ärzten unseres Nachbarlandes bildet sich derzeit eine Mehrheit, die sich für eine Obergrenze von Behandlungskosten ausspricht. Ob es sich bei schwer Erkrankten lohnt, medizinische Maßnahmen einzuleiten oder fortzusetzen, soll in Zukunft vor allem eine Frage des Geldes sein. Teure Therapien werden tabu, wenn der Aufwand dem Patienten vielleicht "nur" ein weiteres Lebensjahr schenken würde.

Christian Blank ist Oberarzt der Onkologie des Antoni-van-Leeuwenhoek-Hospitals in Amsterdam. Im niederländischen Fernsehen berichtete der deutsche Experte vor Kurzem von seiner Patientin Astrid Nollen, der er mit 36 Jahren eine aggressive Form von Hautkrebs diagnostizierte. Ihre Lebenserwartung betrug wenige Monate. Weder Bestrahlungen noch Chemotherapie oder Operationen halfen. Doch Blank hatte den Kampf noch nicht aufgegeben und sah Hoffnung in einer neuen Immuntherapie. Nach zwölf Wochen Infusionen war der Krebs besiegt. Auch dreieinhalb Jahre später ist die dreifache Mutter frei von Tumoren. Die Medikamente, die ihr Leben retteten, kosteten die Krebsstation 80.000 Euro. Da die Therapie laut Studien jedoch nur bei 20 Prozent aller Patienten anschlägt, hätte Astrid Nollen bei ihrem Krankheitsverlauf wohl keine Genehmigung für den letzten Versuch erhalten, hätte die Obergrenze für bereits gegeben gegolten.

An Kosten hatte Blank keine Sekunde gedacht. "Bei den über 200 Patienten, die hier mit einer Ipi-Therapie behandelt werden, sehen wir das öfter", sagt er: "Etwa ein Fünftel sind solche Fälle." Als Finanzminister und Vizepremier der Niederlande hat Wouter Bos 2006 schon einmal miterlebt, wie im Gesundheitswesen über Obergrenzen von Behandlungskosten diskutiert wurde. Ein Gremium erarbeitete vor acht Jahren den Vorschlag eines Limits von 80.000 Euro und legte einen Kriterienkatalog zum Faktor Lebensqualität an. Im Kabinett vorgestellt wurden diese Positionen jedoch nie. Bos traute sich nicht, den Kranken – und Wählern – ein Preisschild umzuhängen. "Todesangst" hatte er vor der öffentlichen Debatte. Nun hofft der Sozialdemokrat darauf, dass sein Nachfolger "mehr Mut" beweist. Heute sitzt Bos nämlich auf der anderen Seite.

Seit einem Jahr ist der 51-Jährige, der sich 2010 aus der Politik verabschiedet hat, Vorstandsvorsitzender des VU-Medisch-Centrum-Amsterdam, der Universitätsklinik der Hauptstadt – und einer der vielen Befürworter solch eines Kostenstopps. "Wir müssen ehrlich miteinander besprechen, wann wir noch solidarisch sein können und wann nicht mehr", sagte er jüngst in einem TV-Interview. Auf seinem Schreibtisch sieht Bos, wie die Rechnungen für Behandlungskosten Jahr für Jahr steigen. Er weiß: Wegen der Überalterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Therapien und immer höhere Kosten auf die Krankenhäuser zukommen.

Während die Klinik-Ausgaben jährlich um maximal ein Prozent steigen dürfen, explodierten zuletzt nicht nur die Preise für Medikamente gegen Krebs. Zwar sind die Gesundheitskassen des Königreichs prall gefüllt, doch Mediziner-Verbände fordern schon jetzt einen Schutz gegen die Kostenlawine, die das Land irgendwann überrollen könnte.

Eine nationale Kostenbremse würde viele Therapien grundsätzlich auf den Prüfstand stellen. Eine Dialyse-Behandlung für Patienten mit Nierenproblemen kostet jährlich über 200.000 Euro. Zuletzt meldeten niederländische Forscher Erfolge bei der Bekämpfung schwerer Muskelkrankheiten. Die Behandlung ist jedoch auf 400.000 bis 700.000 Euro beziffert. In einer repräsentativen Umfrage des Niederländischen Rundfunks NOS sprechen sich 71 Prozent der Ärzte für eine Kostenregulierung aus. 60 Prozent der Befürworter sagen sogar, nur eine Behandlungskosten-Obergrenze könne dem Preis-Irrsinn auf dem Pharma-Markt entgegenwirken. Und um den geht es im Lobby-Poker.

In den Niederlanden wurde das Gesundheitssystem lange zu idealistisch und wissenschaftlich geleitet, sagen Experten. Andere Länder Europas hätten den Medikamentenmarkt viel besser in Griff. Nicht nur Frankreich kauft seine Arzneien wesentlich günstiger ein, die Portugiesen bezahlen sogar teilweise nur die Hälfte dessen, was die Holländer bisher blind abnickten.

Doch wo setzt man die Preisgrenze? Selbst bei der anonymen Umfrage des NOS gab die Mehrheit der befragten Ärzte an, keine Meinung zu vorgeschlagenen Höhen des Behandlungslimits äußern zu wollen. Die Debatte ist so fundamental, so wuchtig, dass die ersten Ärzte bereits beginnen, öffentlich zurückzurudern – schon bevor eine erste Marke genannt wurde. Pauschale Grenzen halten sie für schwer realisier- und vermittelbar. Eine Differenzierung zwischen vollständiger Heilung und lebensverlängernden Maßnahmen, die möglicherweise nur ein paar Monate bringen, müsse ihrer Meinung nach im Gesetz verankert werden. Einig ist man sich, wer den ersten Vorschlag machen soll, nämlich eine unabhängige "Kommission der Weisen", in der Patientenverbände, Ärzte und Finanzexperten säßen. In England gibt es eine Kosten-Nutzen-Analyse bereits seit 1999 unter dem Namen QALY (Quality Adjusted Life Year). Eine Verlängerung des Lebens um ein Jahr darf auf der Insel je nach Gesundheitszustand höchstens 39.000 Pfund kosten. Die Bundesärztekammer distanziert sich von den Regulierungskonzepten der anderen EU-Staaten.

(Francois Duchateau , DIE WELT, 27.8.2014)

 

 

 

Ein Drittel der Krebspatienten lebt in Armut

Ein Drittel der Krebspatienten lebt in Armut. Sie haben weniger als 800 bis 1300 Euro als Familieneinkommen zur Verfügung.

Die soziale und psychische Situation vieler Krebskranker ist zum Teil miserabel. Bereits im Jahr 2006 wiesen Onkologen der Universitätsklinik für Innere Medizin I im Wiener AKH auf dieses Faktum aus einer eigenen Erhebung hin. Ein Drittel der Patienten lebe an oder nahe der Armutsgrenze, hieß es. Die Experten hatten die Daten von 1.700 Patienten ausgewertet.

So zeigte sich, dass ein Drittel der Krebspatienten ein Familieneinkommen von weniger als 800 bis 1.300 Euro monatlich zur Verfügung hatte. Die Hälfte der Patienten waren auch Pensionisten, die keine Eigenvorsorge mehr leisten konnten. Und 20 Prozent der Studienteilnehmer waren Angestellte, die Sorgen bezüglich des Verlustes des Arbeitsplatzes hatten.

"Gerade die Kosten bei Krebs rekrutieren sich aus der chronischen Erkrankung, aus der chronischen Bettlägerigkeit, aus der Pflegebedürftigkeit und daraus, dass jemand den Beruf nicht mehr ausüben kann. Wenn jemand nach 15 Jahren Berufsausübung einen Hirntumor bekommt, bedeutet das eine Pension von weniger als 1.000 Euro im Monat. Das führt zu extremer Armut. Die Patienten müssen ihre Wohnung aufgeben und zu ihren Eltern übersiedeln", betonte dazu im Jahr 2008 der Chef der Onkologie-Abteilung im Wiener AKH (Comprehensive Cancer Center von AKH und MedUni Wien), Christoph Zielinski. Das hatte auch eine Studie der Wiener Spezialistin für Krebserkrankungen des Zentralnervensystems, Christine Marosi, an jungen Patienten mit Gehirntumoren ergeben.

(kurier/Wien, 23.8.15, ege)

 

 

 

Der Krebs raubte ihr die Existenz

Fürstenfeldbruck - Sie versucht, sich ein Lächeln abzuringen. Doch es fällt ihr immer schwerer. Cornelia Hoffmann kämpft gegen den Krebs – seit Jahren.

Cornelia Hoffmann ist eine Frau der Hoffnung. Sie hat schlimme Zeiten hinter sich. Und jetzt muss sie erneut alle Kraft zusammen nehmen, die ihr noch blieb – und wieder gegen den Krebs kämpfen. Schon vor vier Jahren wurde bei ihr fortgeschrittener Eierstockkrebs diagnostiziert. „Ich wurde mehrmals operiert und bekam mehrere Chemotherapien“, erinnert sie sich. Damals war sie noch selbstständig, hatte einen Hausmeister- und Gärtnerservice. Bis Dezember 2013 biss sie Tag für Tag die Zähne zusammen, hielt die körperlich anstrengende Arbeit durch.

Krankheit zwingt zur Berufsaufgabe

Doch dann ging es einfach nicht mehr. Cornelia Hoffmann wollte nicht. Aber ihr Körper zwang sie, den Beruf aufzugeben. Damit verlor sie nicht nur ihre Beschäftigung, sondern vor allem ihre finanzielle Grundlage. „Meine Existenzsicherung ist seitdem meine große Sorge.“ Als Selbstständige konnte sie kein Geld zurücklegen. „Es hat grade so zum Leben gereicht“, erklärt die 54-Jährige. Bei dem Gedanken daran, dass selbst ihre 21-jährige Tochter Saskia neben ihrer Ausbildung zur Erzieherin im Betrieb schuften musste, schwirrt Cornelia Hoffmann der Kopf. Während die kranke Mama auf Reha war, und wann immer es die Ausbildung zuließ, half die Tochter im Ein-Frau-Betrieb aus. Seit Ende 2013 ist Cornelia Hoffmann arbeitslos gemeldet. Inzwischen bereitet es ihr sogar Schwierigkeiten, kurze Wegstrecken zu Fuß zurückzulegen. „Ich habe dreimal über den VdK versucht, Erwerbsunfähigkeit zu bekommen“, sagt sie. Leider ohne Erfolg. „Obwohl ich einen Schwerbehindertengrad von 100 Prozent habe.“ Nun müssen sie und ihre Tochter mit Hartz IV über die Runden kommen.

Eine tapfere Patientin

Immer wieder muss die 54-Jährige für längere Zeit ins Kreiskrankenhaus. Halt geben der Krebspatientin dort Klinikseelsorgerin Doris Liedl-Doll und Sonja Ruppersberg vom Sozialdienst. „Es ist bewundernswert, wie eisern sie nach Wegen sucht, sich nicht von ihrer Krankheit unterkriegen zu lassen“, sagt Liedl-Doll. „Frau Hoffmann kämpft sehr um ihre eigenständige finanzielle Absicherung.“ Doch manchmal wird es auch der Kämpferin zu viel. 2012 etwa, als völlig unerwartet Cornelia Hoffmanns Lebensgefährte starb. Er hatte ein Aneurysma, eine Aussackung eines Blutgefäßes. Im August wurde dann bei ihr ein inoperables Darmkarzinom diagnostiziert. Seit September muss Cornelia Hoffmann immer wieder zur Chemotherapie. Im Krankenhaus betreut sie Stationsarzt Dieter Sumser. Während er den Tropf befestigt, sagt der Doktor: „Frau Hoffmann ist eine sehr tapfere Patientin, die sich immer noch Humor bewahrt hat – wir sind ein gutes Team.“

Kette will mindestens eine Gleitsichtbrille möglich machen

Doch was die materielle Seite der medizinischen Versorgung angeht, sieht es nicht gerade rosig aus. Es fehlt an den nötigsten Dingen. Auch wenn sie dafür gekämpft hat, weder für spezielle Medikamente noch für einen dringend notwendigen Leichtgewicht-Rollator hat Cornelia Hoffmann Mittel erhalten. Weil ihre Sehkraft unter den Therapien gelitten hat, braucht die 54-Jährige dringend eine Gleitsichtbrille. Noch dazu geben im Haushalt gerade viele Geräte den Geist auf: der Fernseher, der Backofen und der Laptop. „Frau Hoffmann ist eine sehr bescheidene Person, die bisher kaum Ansprüche angemeldet hat, sie wollte immer aus eigener Kraft für sich und ihre Tochter aufkommen, um niemandem zur Last zu fallen“, wissen ihre Betreuerinnen. Nun müsse sie aber ihre Hand ausstrecken, und auf eine helfende Hand hoffen.

 (Münchner Merkur online, 1.12.14, akk)

 

 

 

 

Krebs: Millionen sterben wegen fehlender Behandlung

In armen Ländern profitiert nur eine Minderheit von Krebs-Therapien. Millionen Menschen sterben, weil sie nicht behandelt werden. Um Leben zu retten, sind Milliardeninvestitionen in Geräte nötig.

Jedes Jahr sterben weltweit mehrere Millionen Menschen mangels geeigneter Therapie an Krebs. In vielen Ländern fehlt es sowohl an geeigneten chirurgischen Interventionen als auch an der notwendigen Ausstattung für Strahlentherapie.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «The Lancet Oncology» veröffentlicht und bei einem Kongress in Wien vorgestellt wurde.

Milliardeninvestition nötig

Von den zwölf Millionen Krebskranken, bei denen Strahlentherapie hilfreich sein könne, komme diese Behandlungsmethode nur 40 bis 60 Prozent zugute, befand die zuständige Fachkommission des Kongresses. Wenn bis zum Jahr 2035 umgerechnet etwa 100 Milliarden Franken in Apparaturen für die Strahlentherapie investiert würden, könnten damit 27 Millionen Lebensjahre gewonnen werden.

In den Ländern mit geringem Einkommen werde derzeit nur jeder 20. Patient zumindest elementar chirurgisch versorgt, sagte Richard Sullivan vom King's College in London. In Ländern mit mittlerem Einkommen liege der Vergleichswert bei einem von fünf Patienten.

Patienten verarmen wegen Behandlung

Nach den Erhebungen der Spezialisten verarmt jeder dritte Krebspatient in den weniger reichen Ländern, wenn er sich operieren lässt. Ein Viertel der Krebskranken verzichtet angesichts der hohen Kosten auf eine Behandlung.

(Handelszeitung/Schweiz, 28.9.15, sda/mbü)

 

 

 

 

Krebs nicht erkannt: 100 000 Euro Schmerzensgeld

Hamm. Für eine zu späte Hautkrebsdiagnose bei seiner verstorbenen Ehefrau hat ein Witwer vor dem Oberlandesgericht Hamm ein Schmerzensgeld von 100 000 Euro erstritten. Das Gericht machte den Hautarzt für grobe Behandlungsfehler verantwortlich, wie es am Dienstag mitteilte.

Die Zahlung in dieser Höhe rechtfertigten die Richter damit, dass dem Hautarzt letztlich der Tod der Patientin zuzurechnen sei, weil sie bei rechtzeitiger Behandlung eine Chance auf Heilung gehabt hätte.

Die Patientin war 2009 mit einem verfärbten Zehennagel in die Praxis gekommen. Weil sie berichtete, sich den Fuß gestoßen zu haben, ging der Arzt von einer Blutung aus und veranlasste keine vollständige Gewebeuntersuchung. Zwar stellte er eine Infektion fest, wies aber die Patientin nicht ausreichend daraufhin, dass sie zu weiteren Untersuchungen in die Praxis kommen sollte.

Als die Patientin erst ein Jahr später zu einem weiteren Hautarzt ging, hatte der Krebs bereits gestreut. Dies hätte durch frühzeitige Therapie und eine Amputation des Zehs vermieden werden können, so die Richter. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich und sie starb 2013. Das Gerichtsurteil stammt vom 27. Oktober 2015.

(WAZ, 25.11.2015)

 

 

 

Keine Mistel-Heilbehandlung auf Krankenkassenkosten

Kassel (jur). Homöopathische und anthroposophische Arzneimittel bleiben zu weiten Teilen von der Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Das hat das Bundessozialgericht (BSG) am Dienstag, 15. Dezember 2015, in Kassel entschieden (Az.: B 1 KR 30/15 R). Danach unterliegen auch die „besonderen Therapierichtungen“ und auch bei schweren Krankheiten dem gesetzlichen Ausschluss nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel, soweit keine Sonderregelung besteht. Konkret lehnte das BSG die Kostenerstattung für die begleitende Heilbehandlung einer Krebspatientin mit einem anthroposophischen Mistelpräparat ab.

Der Frau wurde 2007 ein besonders aggressiver Brusttumor entfernt. Begleitend zur Chemotherapie verordnete Ihr Arzt ein anthroposophisches Mistelpräparat. Das Arzneimittel soll die Nebenwirkungen der Chemotherapie abmildern, die Lebensqualität verbessern und auch die Zahl der Rückfälle verringern. Eine Erstattung der Kosten von 1.500 Euro lehnte die Krankenkasse ab. Dies sei nur in der „palliativen Therapie“ zulässig, also wenn die Krankheit einen unheilbaren Verlauf nimmt.

Hintergrund ist der generelle Ausschluss rezeptfreier Arzneimittel aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Weil anthroposophische und auch homöopathische Arzneimittel meist keine Nebenwirkungen haben, sind sie weitüberwiegend rezeptfrei und daher von dem Ausschluss erfasst. Seit 2004 gibt es allerdings eine Ausnahmeliste mit Medikamenten, die bei schwerwiegenden Erkrankungen als Standardtherapie gelten. Diese Medikamente werden von den Kassen wieder bezahlt. Nach den gesetzlichen Vorgaben soll der vorrangig von Ärzten und Krankenkassen besetzte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über diese Liste entscheiden.

In diese Liste wurden schulmedizinische Wirkstoffextrakte der Mistel aufgenommen – allerdings nur für die palliative Therapie, weil diese Mittel auch nur für die palliative Therapie zugelassen sind. Anthroposophischer Mistelextrakte enthalten alle Stoffe der Pflanze und sind auch für die begleitende Heilbehandlung zugelassen.

Dennoch schlagen die für die Schulmedizin geschaffenen Regelungen auch auf die anthroposophische Misteltherapie durch, urteilte nun das BSG. Das Präparat sei nicht verschreibungspflichtig und daher von den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung ausgenommen. Die vom G-BA beschlossene Ausnahme gelte nur für die palliative Therapie zur Verbesserung der Lebensqualität. Hier sei es aber um die begleitende Heilbehandlung gegangen.

Bereits 2011 hatte der 6. BSG-Senat die Regelung des G-BA für zulässig und wirksam erklärt (Urteil vom 11. Mai 2011, Az.: B 6 KA 25/10 R; JurAgentur-Meldung vom 14. September 2011). Vorrangig ging es damals allerdings darum, ob das Bundesgesundheitsministerium die Entscheidung des G-BA beanstanden durfte; das BSG hatte dies verneint. Seitdem werden allerdings Mistelpräparate in der begleitenden Heiltherapie nicht mehr bezahlt. Dies hat der 1. BSG-Senat nun bestätigt.

In seiner mündlichen Urteilsbegründung betonte der 1. BSG-Senat auch die Regelungskompetenz des G-BA. Er verfüge „über eine hinreichende demokratische Legitimation“. Der Ausschuss sei an umfassende gesetzliche Vorgaben gebunden und unterliege der staatlichen Kontrolle, erklärten die Kasseler Richter zur Begründung.

Das Bundesverfassungsgericht hatte kürzlich entschieden, dass es Angriffe gegen den G-BA nur bezüglich konkreter einzelner Entscheidungen akzeptiert (Beschluss vom 10. November 2015, Az.: 1 BvR 2056/12; JurAgentur-Meldung vom 20. November 2015). Der Rechtsanwalt der Klägerin vor dem BSG kündigte an, er werde eine Verfassungsbeschwerde prüfen.

(juraforum.de, 16.12.15, Quelle: © www.juragentur.de)

 

 

 

 

Medikamentenpreise

Heilung nur für Reiche

Krebspatienten in ärmeren Ländern Europas müssen oft mehr für eine gute Therapie bezahlen als etwa Deutsche. Welche Rolle spielt dabei die Pharmaindustrie?

Jelena Blicava, 37, sitzt in einem Café in der lettischen Kleinstadt Ogre neben ihrem Mann Mãris und isst Apfelkuchen. Eine gutaussehende Fraumit langen Haaren und offenem Lächeln. Es ist schwer vorstellbar, dass sie vor einigen Monaten noch mit dem Tod rang.

Ihr Leben änderte sich Ende 2014, als sie wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus kam. Die Ärzte diagnostizierten Dickdarmkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Operation verlief erfolgreich, aber die Ärzte empfahlen ihr eine weitere Behandlung mit Avastin, einem neueren Medikament des Schweizer Herstellers Roche, das mit einer traditionellen Chemotherapie verabreicht wird. Blicava brauche zur Behandlung 12 Dosen à drei Ampullen alle zwei Wochen. Die staatliche Krankenversicherung Lettlands übernimmt die Kosten dafür nicht. Das Ehepaar war schockiert, als es den Listenpreis des Mittels erfuhr: 485 Euro. Inklusive eines Apothekenrabatts, den die Blicavas bekommen hätte, blieben für das Paar immer noch 416 Euro zu zahlen. Die Familie hätte alle zwei Wochen rund 1250 Euro aufbringen müssen. Dabei lebten sie gerade mal von rund 1000 Euro im Monat.

„Wir schämen uns“

Aber für Mãris Blicava war klar: „Die einzige Frage war, wie wir das Geld auftreiben können.“ Die Familie verbrauchten ihre Ersparnisse, borgte sich Geld bei Verwandten, Freunden und Kollegen. So konnte sie die ersten zwei Dosen zahlen. Mãris’ Arbeitgeber übernahm zwei weitere, Roche gab zwei gratis ab. Das Paar hatte Glück: Die Resultate waren gut, sechs Dosen reichten. „Wir hätten nicht gewusst, wie wir weitere hätten bezahlen können“, sagt Mãris.

Vielen Krebspatienten in ärmeren Staaten, gerade in denen des ehemaligen Ostblocks, ergeht es ähnlich: Die staatlichen Krankenversicherer erstatten nur selten neuere Medikamente. Dabei haben sich weltweit laut der Weltgesundheitsorganisation die Durchschnittspreise neuer Krebs-Präparate in zehn Jahren von 4500 auf 9000 Euro im Monat verdoppelt. Osteuropäische Länder geben nach den neusten Zahlen rund 180 Euro pro Jahr und Patient für Medikamente aus. Deutschland investiert laut der OECD rund das Dreieinhalbfache - rund 620 Euro pro Patient.

Für Patienten und Krankenversicherungen in ärmeren europäischen Ländern ist das verheerend. Lettlands Regierung verbaut Krebskranken weitgehend den Zugang zu neueren Medikamenten. Sie ließ sich zum Beispiel zehn Jahre Zeit, um das teure Brustkrebsmittel Herceptin von Roche nach der EU-Zulassung zur Erstattung zuzulassen. Patienten bekommen derzeit von der staatlichen Krankenversicherung NHS nur fünf der in Europa normalerweise erstatteten 30 neuen Krebsmittel bezahlt. Inese Kaupere vom NHS rechtfertigt das mit ihrem begrenzten Budget und den zu hohen Preisen, die die Hersteller verlangen: „Diese sind inkompatibel mit unserer Kaufkraft.“ Die Folge: Wer dort an Dickdarm-, Lungen- oder Hautkrebs erkrankt, wird mit veralteten Therapien behandelt. Der Chef der Lettischen Vereinigung der Chemotherapeuten, Gunta Purkalne, sagt: „Wir schämen uns, wenn wir Kollegen im Ausland verraten, welche Medikamente wir benutzen.“

Die Regierung konnte bei den Herstellern, deren Medikamente sie erstattet, zwar Rabatte herausholen. Doch die Hersteller setzten durch, dass diese geheim und die Listenpreise unverändert hoch bleiben. Denn die Pharmakonzerne fürchten: Zwischenhändler würden günstigere Präparate sofort nach Westeuropa exportieren und die Umsätze der Hersteller schmälern.

Zudem sorgen sich Hersteller um negative Effekte von Auslandpreisvergleichen: Die nationalen Behörden fast aller EU-Staaten schauen sich nämlich an, was ein Medikament in anderen Ländern kostet. Erst dann setzen sie den Preis im eigenen Land fest. Die Preise in Lettland bestimmen direkt etwa die Preise in Belgien, Finnland oder Italien mit, deren Preise wiederum von anderen EU-Ländern genutzt werden. Die Hersteller fürchten Kettenreaktionen. Beispiel Griechenland: Eine Studie des europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrie von 2012 zeigt, dass die Hersteller bei einer Senkung der Medikamentenpreise in Griechenland um zehn Prozent im Land selbst 299 Millionen Euro Umsatz pro Jahr verlieren. Europaweit würden sie 799 Millionen Euro und weltweit über zwei Milliarden Euro pro Jahr einbüßen. Grund: Die Preissenkung in Griechenland drückt wegen des Auslandpreisvergleichs indirekt die Preise etwa in Italien, der Türkei und Portugal.

Neuere Krebsmittel wie Perjeta, Avastin oder Kadcyla, die der Staat nicht zahlt, kosten in lettischen Apotheken daher mindestens so viel wie in reichen Ländern Westeuropas. Das zeigt ein Vergleich der Listenpreise der lettischen Agentur für Heilmittel mit Preisen in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. Der große Unterschied: Pro Monat verdienen Letten laut dem Lettischen Statistikamt im Schnitt 700 Euro, ein Fünftel des deutschen Durchschnittslohns. Die Ärztin Signe Plate vom lettischen Onkologie-Zentrum kennt Patienten, die für eine Krebsbehandlung ihre Häuser verkaufen.

Präparate in Bulgarien teurer als in Großbritannien

Kãrlis Liepiš, dessen Name eigentlich anders lautet, hatte diese Möglichkeit nicht. Im Juli 2015 bekam der 32-Jährige die Diagnose Dickdarmkrebs. Nach dem Eingriff rieten die Ärzte ihm ebenfalls zur Avastin-Behandlung. Doch Liepiš muss für einen dreijährigen Sohn und für das gesamte Familieneinkommen sorgen. 1000 Euro im Monat reichten da nicht aus, um auch noch eine Krebsbehandlung zu finanzieren. Liepiš entschied sich für eine günstigere Chemotherapie. Aber die ersten Resultate zeigen, dass diese nicht effektiv genug ist. „Avastin“, sagt er, „kann ich mir aber nicht leisten.“

Andere Länder, ähnliche Beispiele: Eine ältere bulgarische Brustkrebspatientin bekommt für ihre Chemotherapie seit kurzem eine Rechnung über 13 Euro ausgestellt und das für ein älteres Mittel. Für bulgarische Rentner ist das viel: Jeder fünfte muss mit 70 Euro im Monat durchkommen. Ihre erste Chemo im Dezember war noch gratis gewesen. Seit 2016 erstattet die staatliche Krankenversicherung NHIF das Medikament und 1033 weitere Präparate nicht mehr. Bulgariens nationale Krankenversicherung NHIF muss sparen: 2014 waren ihre Ausgaben für Krebsmittel um ein Viertel gestiegen - eine Folge höherer Preise, aber auch zahlreicher Betrugsfälle. Und 2015 kostete sie allein die Erstattung von neun neu zugelassenen teuren Krebsmedikamenten 15,3 Millionen Euro.

Braucht ein Patient nun eines der gestrichenen Medikamente, muss er selbst dafür aufkommen. Das gilt auch für zwölf Krebsmittel, für die es laut Stoycho Katsarov vom Zentrum zum Schutz der Rechte im Gesundheitswesen keinen adäquaten Ersatz gibt. Dabei sind viele der gestrichenen einfache, billige Präparate. Die teuren Krebsmedikamente der neueren Generation sind für bulgarische Normalverdiener mit ihrem Durchschnittslohn von 450 Euro im Monat ohnehin nicht erschwinglich: Von 20 gängigen Krebsmitteln kosten laut einem Report der Weltbank acht Präparate in Bulgarien mehr als in Großbritannien. Nur drei sind billiger, der Rest etwa gleich teuer.

Rumäniens rund 110.000 Krebspatienten bekommen oft gar keine Medikamente. Die staatliche Krankenversicherung CNAS hat seit fünf Jahren keine neuen Krebsmittel als erstattungswürdig anerkannt. Von 2008 bis 2013 waren zudem 25 bewährte Krebsmedikamente im Land nicht erhältlich. Viele sind heute noch nicht verfügbar, sagt Alexandru Eniu vom Krebsinstitut Ion Chiricu in Cluj-Napoca.

Die Nationale Agentur für Patientenschutz erhielt 2015 Hunderte Beschwerden von Patienten, die von Ärzten Rezepte hatten, um Medikamente zu kaufen, die gratis hätten vorhanden sein müssen. Als eine Hauptursache der Engpässe gilt der Parallelhandel: Die Hersteller beliefern rumänische Händler zwar mit Medikamenten. Laut einem Großhandels-Experten, der anonym bleiben will, exportieren die fünf wichtigsten Zwischenhändler Medikamente für bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr aber zurück ins Ausland, 22 Prozent des Gesamtumsatzes.

Den Exportfirmen winken bei der Ausfuhr des Krebsmittels Mabthera etwa nach Deutschland Zusatzprofite von bis zu 20 Prozent. Mabthera dient vorwiegend zur Therapie von Tumoren im Lymphgewebe. Dabei ist das oft illegal. Rumänische Großhändler dürfen laut Gesetz maximal zehn Prozent ihres Lagerbestands ausführen. Die Exporte müssten sie melden. Doch die Behörden überwachen laut Kennern die Meldepflicht nicht. Außerdem droht Firmen bei Verstößen eine Strafe von höchstens 2200 Euro.

„Wir würden gewisse osteuropäische Länder am liebsten gar nicht beliefern.“

In vielen weiteren osteuropäischen Ländern ist die Versorgung von Krebspatienten ebenfalls schlecht: Die Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie veröffentlichte 2015 erste Ergebnisse einer Studie, die zeigte, dass neuere Wirkstoffe gegen Tumore in Ost- und Südeuropa viel seltener verfügbar sind als in West- und Nordeuropa. Es fehlen vor allem Medikamente zur Behandlung von schwarzem Haut-, Nierenzell- und Formen von Lungen- und Darmkrebs. Laut der Nichtregierungsorganisation „Health Action International“ in Amsterdam bieten Apotheken und Kliniken in Osteuropa häufig auch keine Generika an. Das zwingt Patienten, die teuren Originale zu kaufen.

Noch gibt es keine Statistiken, die zeigen, wie viele Krebspatienten in Europa aufgrund der Preisunterschiede frühzeitig sterben. Die Überlebenschancen von Krebskranken in Osteuropa sind laut einer Studie der Europäischen Vereinigung der Krebspatienten jedenfalls vierzig Prozent geringer als die von Patienten in Westeuropa.

Mitverantwortlich für die Misere ist die Hochpreispolitik großer Hersteller von Krebsmitteln wie Roche, Novartis, Celgene, Eli Lilly, Astra-Zeneca oder Bayer. In ihren Konzernzentralen in Basel, Leverkusen, London oder New Jersey tüfteln Hunderte von Spezialisten an Preisstrategien, lange bevor ein Produkt auf den Markt kommt. Die Zentrale entscheidet auch, ob das neue Präparat zuerst in Hochpreisländern wie Deutschland, Frankreich, Finnland oder der Schweiz auf den Markt kommt. Dann folgen Länder mit mittleren Preisen wie Holland oder Großbritannien. In ärmeren Ländern verzögern Konzerne gerne die Einführung. Ein hoher Pharma-Manager räumt ein: „Wir würden gewisse osteuropäische Länder am liebsten gar nicht beliefern.“

Acht mal mehr bezahlen als in Deutschland

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, sagt: „Die niedrigen Preise in Rumänien oder Bulgarien machen den Herstellern die Preise in West- und Nordeuropa kaputt.“ Schuld daran seien Rückkoppelungseffekte durch Auslandspreisvergleiche. Ein „Market Access“-Spezialist sagt: „Unser Ziel ist, keine großen Preisunterschiede zwischen den einzelnen Ländern zuzulassen.“

Für viele Insider ist unbestritten: Die Hersteller verzichten bei der Markteinführung eines neuen Krebsmittels lieber auf die Rückerstattung durch die staatliche Krankenversicherung, als zu niedrige Preise zu akzeptieren. So können sie ihre Präparate so teuer verkaufen, wie sie wollen. Und die internationalen Listenpreise hoch halten.

Viele Medikamente kosten deshalb nicht nur gleich viel in Osteuropa, sondern manchmal sogar mehr als in Westeuropa. Das zeigen Preisvergleiche und Studien. So muss ein lettischer Hautkrebspatient gemessen am Pro-Kopf-Einkommen seines Landes acht Mal mehr für das Roche-Präparat Zelboraf ausgeben als ein deutscher Patient.

Alternativen zu der umstrittenen Praxis

Roche und Novartis, die weltweit umsatzstärksten Onkologika-Hersteller, erklären auf Anfrage, dass sie ihre Preise mit nationalen Behörden abstimmten und dabei ihre Forschungsausgaben, die ökonomische Lage des Landes sowie den Nutzen ihres Produkts für Patienten und Gesellschaft berücksichtigen. Eine Roche-Sprecherin betont, man sei offen für neue Preislösungen. Ein Novartis-Sprecher sagt, man helfe auch Patienten, Zugang zu nötigen Medikamenten zu bekommen. Zu konkreten Preisen in Osteuropa äußern sich die Konzernsprecher nicht.

Die Europäische Union ist alarmiert. Eine Sprecherin sagt, die Europäische Kommission wisse, dass Auslandspreisvergleiche „negative Konsequenzen für den Zugang der Patienten“ zu Medikamenten haben könnten. Das Problem sei, dass alle 28 EU-Staaten die Preise erstattungsfähiger Medikamente selbst bestimmen. Die Kommission habe kein Mitspracherecht. Sie hat dennoch zwei Studien zu den negativen Folgen von Auslandspreisvergleichen in Auftrag gegeben.

Vor kurzem erschien nun eine der Studien. Es geht darin auch um Alternativen zu der umstrittenen Praxis. Hauptautorin ist die österreichische Gesundheitsökonomin Sabine Vogler. Sie fordert im Gespräch „erschwingliche Arzneimittelpreise, in denen sich auch die Kaufkraft eines Landes widerspiegelt“. Zudem sollten Rabatte transparent sein. Nur so lasse sich verhindern, dass Konzerne nationale „Schaufensterpreise“ wie in Lettland durchsetzten, die dazu führten, dass andere EU-Länder überteuerte Preise festlegten.

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.5.16, Eric Breitinger, Aleksandra Jolkina, Stanimir Vaglenov, Cristian Niculescu und David Leloup)

 

 

 

 

Versicherungen gegen Krebs

Innovation des Jahres: Angst

Bessere Heilungschancen bei Krebs dank einer Zusatzversicherung? Damit werben Versicherer seit Kurzem. Verbraucherschützer sind entsetzt – und kritisieren solche Produkte scharf.

Noch lächelt er, der kleine blaue Kerl. Schaut wie ein Wassertropfen aus und soll die Gesundheit darstellen. Die bedrohte Gesundheit der Familie Jungmann: Mama, Papa, große Schwester, kleiner Bruder. Ihr Feind: ein Monster namens Krebs. "Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs", tönt es dräuend in einem Comic-Werbevideo des Münchener Vereins, einer Versicherungsgesellschaft. "Leider kann es jeden treffen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene." Doch jetzt soll die Gesundheit einen mächtigen Verbündeten haben: die "Deutsche Krebsversicherung". Angeboten vom Münchener Verein.

Sich gegen Krebs versichern? Klingt absurd. Doch die Deutschen werden immer älter. Und da fast alle Krebsarten bei älteren Menschen gehäuft vorkommen, wird bei vielen Krebsarten die Diagnose vermehrt gestellt. Das schafft Aufmerksamkeit. Und sät Angst. An Angst lässt sich mitunter gut verdienen.

Die Münchner, seit Anfang des Jahres dabei, sind nicht der einzige Anbieter auf dem jungen Markt. Auch die Advigon, eine Tochter der Hanse Merkur, bietet eine "Zusatzversicherung gegen Krebs". Versicherbar sind jeweils bereits Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche. Bausteine des Münchener Angebots: zahlreiche Früherkennungsuntersuchungen, Lebensstilberatung und eine Summe von bis zu 10.000 Euro, die im Krebsfall ohne Zweckbindung ausgezahlt wird. Die Police der Advigon bietet – neben Vorsorge und gleich hohem Diagnosegeld – weitere gesondert buchbare Module. Auch der "Status Privatpatient" lässt sich erkaufen, freilich nur bei Krebs.

Die Advigon sieht sich daher selbst als "erste Versicherung, die eine ganzheitliche Absicherung im Zusammenhang mit dieser Diagnose bietet". Ihr Produkt wird mit markigen Versprechen angepriesen. Den "Krebs-SCHUTZ" (Hervorhebung im Original) feiert die Versicherung auf ihrer Website als "Produktinnovation 2016". Und Innovationen dürfen kosten: Wer sich als 35-Jähriger für das Komplettpaket entscheidet, muss mit monatlichen Kosten von rund 40 Euro rechnen, was immerhin einem Jahresbeitrag von knapp 500 Euro entspricht. Raucher zahlen extra. Ob in der Familie gehäuft Krebsfälle auftreten oder eine genetische Vorbelastung vorliegt, werde nicht geprüft, schreibt die Advigon. Wer die Police abschließt, erhält laut Anbieter eine "erweiterte Vorsorge, Früherkennung und Nachsorge". Zudem wird mit "Spitzenmedizin" und "erhöhten Heilungschancen durch schnellen Zugang zu modernsten Behandlungsmethoden und Therapieverfahren" geworben. Auch der Münchener Verein verspricht eine "umfassende Krebsvorsorge" und "moderne Möglichkeiten zur Früherkennung".

"Umfassende Vorsorge", "erhöhte Heilungschancen", "Spitzenmedizin"? Tatsächlich sind die Krebs-Policen ein fragwürdiger Mix aus in ihrem Nutzen zum Teil umstrittenen Untersuchungen, Leistungen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung ohnehin übernommen werden, und überschaubarem Mehrwert. Das erklärt, warum Verbraucherschützer empört sind. "Es ist dreist und beschämend, in einem so sensiblen Bereich derart mit der Angst der Menschen zu spielen", sagt etwa Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Vor allem das Angebot der Advigon ärgert sie. "Hier wird so getan, als ob es bei der gesetzlichen und privaten Versicherung riesige Lücken bei der Therapie gegen Krebs gibt, die das Produkt schließt." Zudem werde suggeriert, dass mithilfe dieser Zusatzversicherung ein schneller Zugang auch zu anderen, ansonsten nicht erhältlichen Therapien möglich sei, mit denen sich Genesungs- und Überlebenschancen verbessern lassen. "Das ist schlichtweg falsch."

Von Verbrauchertäuschung spricht auch Christoph Kranich, Leiter der Abteilung Gesundheit und Patientenschutz der Verbraucherzentrale Hamburg. Schon der Name der Advigon-Police führe in die Irre: "Einen Schutz vor Krebs kann diese Versicherung garantiert nicht bieten", sagt er. "Hier werden gezielt Ängste bedient, mit einem überwiegend sinnlosen Produkt." Vor allem die angepriesenen Vorsorgeleistungen ärgern Patientenschützer. Die Advigon bietet entweder Kassenleistungen schon früher an – etwa das Hautkrebs-Screening ab dem 15. Lebensjahr (von den Kassen wird es ab dem 35. Lebensjahr übernommen) oder Bluttests zur Darmkrebsfrüherkennung ab dem 21. Lebensjahr (bestimmte Tests sind Kassenleistung ab dem 50. Lebensjahr). Und sie erstattet umstrittene "IGeL"-Selbstzahlerangebote.

Auf Anfrage teilt die Versicherung mit: "Unser Standpunkt lautet: Grundsätzlich ist Vorsorge sinnvoll." Eine landläufige Weisheit, doch keine untrügliche Wahrheit. So kommt es, dass Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), widerspricht. "Wir alle wären glücklich, wenn das so einfach wäre", sagt er. "Tatsächlich gilt keineswegs: Mehr hilft mehr. Der Nutzen mancher Früherkennung ist ungewiss, der Schaden sicher." Es gibt also Gründe, warum die Kasse gerade nicht jede Untersuchung zahlt.

Beispiel: Ultraschall der Eierstöcke, eine gern angebotene Selbstzahlerleistung bei Frauenärzten, mit der die Advigon wirbt. Sie hat keinen Nutzen. Dank ihr überleben nicht mehr Frauen Eierstockkrebs. Gerade bei jungen Frauen kann der durch die Untersuchung angerichtete Schaden dagegen massiv sein. Fehlalarme sind häufig, sogar eigentlich gesunde Eierstöcke werden entfernt.

"Die Risiken sollten Patienten kennen, bevor sie solche Untersuchungen zulassen", sagt Windeler. "Eine umfassende und sorgfältige Aufklärung darüber sehe ich bei den angebotenen Produkten nicht." Zwar ist der mögliche Schaden bei anderen Untersuchungen nicht so groß. Beim Hautkrebs-Screening folgen auf einen falschen Verdacht eventuell ein nicht notwendiger Schnitt und eine Narbe. Allerdings: "Der Nutzen dieses Screenings ist generell umstritten. Ob Patienten dadurch wirklich länger leben, ist offen", sagt Windeler. Kein anderes Land der Welt habe das Haut-Screening. Es für unter 35-Jährige anzubieten, bei denen Hautkrebs selten ist, entbehre jeglicher Grundlage.

Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg, pflichtet dem Institutschef bei. Die Ärztin, die sich intensiv mit dem Thema Früherkennung beschäftigt hat, fügt hinzu: Von Okkultbluttests oder dem angebotenen M2-PK-Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung für junge Menschen ab 21 Jahren rate sie entschieden ab. "Die Tests liefern viele Verdachtsfälle, die für Aufregung sorgen und weiter abgeklärt werden müssen, aber keinerlei Probleme gemacht hätten. Tatsächliche Krebsfälle werden hingegen oft übersehen." An Darmkrebs erkrankt mehr als die Hälfte der Betroffenen ab dem 70. Lebensjahr, nur etwa zehn Prozent vor dem 55. Lebensjahr. "Junge Menschen, die ein höheres Risiko haben, etwa weil bei ihnen diese Krebsart gehäuft in der Familie auftritt, sollten in speziellen Zentren beraten werden", rät Mühlhauser. Dann übernehme die Kasse die Kosten für eine Früherkennung – in diesem Fall eine Darmspiegelung – aber ohnehin.

Die Advigon wirbt auch mit "genetischen Tests zur Abklärung der Medikamentensicherheit". Die sollen sicherstellen, dass eine Therapie für den Patienten geeignet ist und anschlägt. Eine ärztliche Zweitmeinung oder Begutachtung durch ein interdisziplinäres Ärzteteam, ein sogenanntes Tumorboard, wird ebenfalls vergütet – mit maximal 1000 Euro, und das einmal in fünf Jahren. 

Allerdings: Von den genetischen Tests, womit die Advigon auf Nachfrage sogenannte Chemosensivitätstests meint, profitieren keineswegs alle Krebspatienten. "Für einzelne Krebserkrankungen sind sie sinnvoll", so Mühlhauser. Doch hier gelte wieder: "Dann werden sie gemacht und von der Kasse bezahlt." Für den Massenmarkt sind die Tests noch nicht alle tauglich. Dafür müssen sie ihre Zuverlässigkeit erst noch in Studien beweisen, betont Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums. Derzeit sei etwa nicht auszuschließen, dass man mit den Tests eine Therapieresistenz diagnostiziert – obwohl diese nicht vorhanden ist. Eine Diagnose mit Folgen: "Man verzichtet dann eventuell auf einen gut erprobten Wirkstoff, was sich auf Heil- und Überlebenschancen auswirkt."

Die Zweifel verstärken sich noch durch einen Blick in die Versicherungsbedingungen: Nicht jede Form der Krebserkrankung ist versichert – bestimmte Formen des hellen Hautkrebses und frühe Stadien fallen bei Advigon heraus. Auch beim Münchener Verein gibt es Einschränkungen. "Und das passt vorne und hinten nicht", so Mühlhauser. "Denn genau diese Frühformen werden bei den angepriesenen Screening- Untersuchungen entdeckt." Die Advigon verteidigt die Einschränkung damit, dass man einen bezahlbaren Schutz anbieten wolle. Bianca Boss vom Bund der Versicherten leuchtet das nicht ein. Sie rät: "Hände weg! Das Streitpotenzial im Leistungsfall erhöht sich aufgrund dieser Einschränkung sicherlich noch einmal."

Sinnvoller: Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit

Auch die jeweils angebotene Einmalzahlung von bis zu 10.000 Euro überzeugt Verbraucherschützer nicht. Den Betrag erhält der Versicherte im Fall einer Erstdiagnose zur freien Verfügung – um etwa, so die Werbung, die Lebenshaltungskosten zu bestreiten oder die Wohnung barrierefrei umzubauen. "Wie das mit dieser geringen Summe gelingen soll, ist mir rätselhaft", sagt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg. Viel sinnvoller sei es, sich gegen Berufsunfähigkeit zu versichern, so Bianca Boss.

Und schließlich: Was verbirgt sich hinter der in den Broschüren lauthals beworbenen "Spitzenmedizin" und dem "Zugang zu modernsten Behandlungsmethoden"? Auf Nachfrage schreibt die Advigon, dass diese Begriffe schlicht das "hohe international anerkannte Leistungsniveau der privaten Krankenversicherung in Deutschland" versprechen. Und damit einen "schnelleren Zugang zu einer ärztlichen Behandlung" und "eine Reihe zusätzlicher Behandlungen und Medikamente". Darunter versteht die Versicherung vor allem Therapien, bei denen noch Forschungsbedarf besteht, und solche, "die nicht im Zusammenhang mit einer akuten Krebserkrankung stehen". Gerade bei letzteren "werden Kunden, nach einer erstmaligen Krebserkrankung, langfristig und umfangreich von ihrem Status als Privatpatient profitieren". Das mag zwar stimmen. Ob Versicherte allerdings dafür eine Krebs-Police abgeschlossen haben müssen, dürfte fraglich sein. Expertin Bianca Boss glaubt zudem nicht, dass privatversicherte Krebspatienten schneller und besser behandelt werden. "Kein Arzt wird einen Krebspatienten vertrösten, hier geht es um eine schwerwiegende Krankheit und nicht um einen Schnupfen", sagt sie.

Von einer "Krebsschutz"-Versicherung zu sprechen, findet die Advigon übrigens nicht problematisch: "Ein Kfz-Schutzbrief verhindert ja auch keine Fahrzeugpanne." Der Münchener Verein will sich auf Anfrage des stern erst gar nicht äußern. Man habe keine Zeit, "Kapazitäten kurzfristig freizuschaufeln".

"Ich würde mich niemals nur für eine Krankheit versichern, selbst wenn es die häufigste ist", sagt Verbraucherschützer Kranich. "Wer normal krankenversichert ist, erhält gute Leistungen. Solche Zusatzversicherungen sind nicht notwendig." Auch nicht für Menschen mit einem genetischen Risiko, ergänzt IQWiG-Chef Windeler. Für sie gebe es bereits zusätzliche Beratungs- und Früherkennungsangebote. "Wer dazu Fragen hat, sollte diese erst einmal mit seinem Hausarzt besprechen." Generell raten die Patienten- und Verbraucherschützer, die eigene Versicherung anzurufen und abzuklären, was diese ohnehin übernimmt. Ärztin Mühlhauser sagt: "Die Leistungen bei Krebs sind in Deutschland auch ohne Zusatzversicherung nicht unter dem Niveau der Forschung." Es werde eher zu viel getan als zu wenig. Und: "Gerade Privatversicherte sind gefährdet, Unsinniges und Unnötiges aufgeschwatzt zu bekommen."

 

 

(Stern, 17.7.16, Lea Wolz)

 

 

 

 

 

MÜNCHENER VEREIN Versicherungsgruppe lanciert Deutsche KrebsVersicherung

Prävention, Vorsorge und Soforthilfe bei Krebs vom Münchener Verein

München (ots) - Mit der Deutschen KrebsVersicherung bietet der Münchener Verein eine neue bedarfsgerechte Vorsorgelösung und will damit den Krankenzusatzmarkt weiter erschließen. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren unsere Position im Kranken- und Pflegezusatzbereich mit einer nachhaltigen Neugeschäftserhöhung erfolgreich ausgebaut", so der Vorstandsvorsitzende des Münchener Verein, Dr. Rainer Reitzler. "Um weitere Marktanteile zu gewinnen, greifen wir nun im Markt mit weiteren, leicht verständlichen Krankenzusatzprodukten für alle gesetzlich Versicherten an, die von Kunden und Vermittlern jederzeit online abgeschlossen werden können - nach der Krebsversicherung werden weitere kommen", versprach Rainer Reitzler.

Passgenaues Zielgruppenprodukt

Mit der neuen Vorsorgelösung für den Fall einer Krebserkrankung setzt der Serviceversicherer aus München auf den Trend der passgenauen Zielgruppenprodukte. "Damit können gezielt Lücken des gesetzlichen Krankenversicherungsschutzes mit einem einfachen, verständlichen Produkt zu einem günstigen Preis schnell und online geschlossen werden", so Dr. Rainer Reitzler und weiter: "Wir haben die Krebsversicherung aus unserem innovativen Bausteinkonzept entwickelt, da die Absicherung für den Krebsfall enorm wichtig ist und einer besonderen Hervorhebung bedarf." Laut dem Robert Koch Institut erkranken allein in Deutschland jedes Jahr zusätzlich etwa 500.000 Menschen an Krebs. Gerade bei diesem Volksleiden, an dem etwa jeder zweite Deutsche im Verlaufe seines Lebens erkrankt, ist der zusätzliche Bedarf in der Vorsorge auch in finanzieller Hinsicht groß. Daher beinhaltet die neue Krebsversicherung zwei passgenau aufeinander abgestimmte Gesundheitsbausteine.

Gesundheitsbaustein Vorsorge und Prävention

Je früher eine Krebserkrankung entdeckt wird, umso besser sind die Heilungschancen. Daher unterstützt die neue Deutsche KrebsVersicherung Kunden mit speziellen Präventionsmaßnamen und Krebs-Vorsorgeprogrammen für Frauen und Männer. Sie sind unabhängig von Altersgrenzen und Zeitabständen und gehen somit weit über den gesetzlichen Schutz hinaus. Dazu gehören beispielsweise für Frauen Mammographie und Sonographie, für Männer prostataspezifische Untersuchungen (PSA-Test) und Sonographie. Aber auch spezielle Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche sowie die Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs (HPV) werden ebenso abgedeckt wie das Hautkrebs-Screening mittels Auflichtmikroskopie und Video-Dermatoskopie oder Darmspiegelung. Im Rahmen der Prävention werden Zuschüsse zu Stressbewältigungsprogrammen, Ernährungsberatung und Raucherentwöhnung gewährt.

Gesundheitsbaustein Soforthilfe

Im Zuge einer Krebserkrankung fallen schnell viele Zusatzkosten für Behandlungen aber auch für die Alltagsorganisation an, die der Betroffene aufgrund des ausgedünnten Gesundheitssystems selbst finanzieren muss. Dazu gehören neben Zuzahlungen zu Medikamenten auch alternative Heilmethoden oder Spezialbehandlungen. Bei einer Krebserkrankung ist aber nicht nur der Patient, sondern auch die ganze Familie betroffen. Häufig muss der Alltag umorganisiert werden und die Familie benötigt zusätzliche Hilfe im Haushalt oder für die Kinderbetreuung. So bietet der frei verfügbare Soforthilfe-Baustein der neuen Krebsversicherung mit bis zu 10.000 Euro finanziellen Rückhalt für die Genesung und entlastet bei Zusatzkosten. Die Einmalleistung bei Krebs ist auch für Selbstständige interessant - sie haben unter Umständen keinen Anspruch auf Gehaltsfortzahlung, sehen sich dann unerwartet mit finanziellen Einbußen konfrontiert und profitieren somit von der Einmalleistung.

Weitere Produkthighlights sind:

- Für alle bis 75 Jahre abschließbar, - Leistung ab dem ersten Tag, - Einfache ärztliche Krebs-Diagnose genügt für rasche Hilfe, - Einfacher Online-Abschluss mit einfachem Gesundheits-Check.

Die Versicherung ist zu einem attraktiven Preis erhältlich. So zahlt beispielsweise ein 40Jähriger für beide Bausteine Vorsorge/ Prävention und 5.000 Euro Einmalleistung 22,06 Euro monatlich. Weitere Informationen zum Produkt unter: www.muenchener-verein.de/Krebsversicherung.

Erklärvideo als Verkaufshilfe

Zur Produkteinführung lanciert das Unternehmen ein Erklärvideo als Verkaufshilfe für Vermittler zur vielseitigen Vertriebs- und Contentunterstützung. Das Video steht den Vertriebspartnern des Unternehmens als YouTube-Version zur Einbindung auf ihrer Homepage unter www.muenchener-verein.de/erklaervideos zur Verfügung.

Informationen zum Münchener Verein

Der Ursprung der Versicherungsgruppe wurzelt in der genossenschaftlichen Idee, eine wirtschaftliche Selbsthilfeeinrichtung für das Handwerk und Gewerbe zu schaffen. Den Anfang machte die Gründung der Münchener Verein Krankenversicherung a.G. als Versicherungsanstalt des Bayerischen Gewerbebundes 1922. Heute ist der Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit in den Sparten Krankenversicherung, Lebensversicherung und Allgemeine Versicherung aktiv. Aktuelle Auszeichnungen des Unternehmens sind der "Deutsche Servicepreis 2016" sowie "Versicherer des Jahres 2015" des Deutschen Instituts für Servicequalität (DISQ). Weitere Informationen unter www.muenchener-verein.de

(Presseportal, 7.3.16, ots)

 

 

 

 

Krebs – die vergessene Gefahr für den Sozialstaat

Das Land streitet über Rente und Pflege – und vergisst das wichtigste Gesundheitsthema: Krebs. Die Zahl der Erkrankungen wird drastisch steigen. Und den Sozialstaat an den Rand des Kollapses bringen.

Deutschland vergreist. Erstens gibt es immer mehr Alte. 1950 war einer von Hundert Deutschen 80 Jahre alt oder älter, was 700.000 Menschen entsprach. Heute sind es bereits 4,4 Millionen und somit mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Und bis 2030 dürften noch einmal fast zwei Millionen dazukommen. Dann werden hierzulande 6,2 Millionen über 80 Jahre sein. Also fast zehnmal mehr als Mitte des letzten Jahrhunderts. Einer von zehn Deutschen wird dann ein Greis sein.

Zweitens werden die Alten immer älter. 1950 lag die weitere Lebenserwartung für die damals 60-jährigen Männer noch bei 16 Jahren und für Frauen bei 17 Jahren. Die heute 60-jährigen Männer können hingegen damit rechnen, noch mehr als 21 zusätzliche Jahre zu leben, Frauen sogar 25 Jahre.

Der Trend zu einem längeren Leben wird sich in diesem Jahrhundert fortsetzen. Allerdings wird sich wohl das Fortschrittstempo verlangsamen. Auch künftig dürfte sich die Lebenserwartung der über 60-Jährigen pro Dekade um ein weiteres Jahr verlängern. Das bedeutet: Mädchen des Geburtsjahrganges 2030 werden im Durchschnitt 85 Jahre alt werden, Knaben über 80 Jahre. Wer 2016 als Mädchen zur Welt kommt, darf hingegen nur auf ein 83 Jahre langes Leben hoffen. Für Knaben sind es 78 Jahre.

Medizintechnik verändert das Leben der Älteren

Das gesteigerte Bewusstsein für gesunde, lebensverlängernde Verhaltensweisen und auch die ökonomischen Möglichkeiten, mehr für Prävention und Therapie ausgeben zu können, sind die Treiber der steigenden Lebenserwartung. Ebenso spielt der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft eine wichtige Rolle.

Harte körperliche und gefährliche Tätigkeiten haben ab-, die Sicherheit am Arbeitsplatz hat zugenommen. Da fällt es eher weniger ins Gewicht, dass als Folge der Schreibtischarbeit Deutsche zu viel sitzen und sich zu wenig bewegen.

Vor allem aber schaffen Fortschritte der Medizin und der Pharmazie sowie neue Technologien in der Medizintechnik wunderbarerweise die Voraussetzungen, den Gesundheitszustand aller, vor allem aber der Älteren zu verbessern und mehr Menschen denn je ein gesundes Leben bis ins hohe Greisenalter zu ermöglichen. Selbst schwere Erkrankungen, gravierende Kreislauf- oder Herzprobleme etwa, können heute erfolgreich bekämpft werden.

Gesundheitswesen wird zum Opfer des eigenen Erfolgs

Die für alle steigende Lebenserwartung führt dazu, dass das Gesundheitswesen gewissermaßen Opfer seines eigenen Erfolgs wird. Weil heute vieles möglich ist, was gestern noch undenkbar war, werden auch mehr Menschen länger als jemals zuvor teure Gesundheits- und Pflegeleistungen einfordern.

Die EU-Kommission prognostiziert, dass für Deutschland die jährlichen öffentlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege von 19 Prozent des BIP im Jahre 2013 auf 21,7 Prozent im Jahre 2030 und auf 23,8 Prozent im Jahr 2060 steigen werden. Das bedeutet für den deutschen Staatshaushalt Zusatzkosten von fast einer halben Billion Euro.

Krebsbehandlung ist extrem teuer

Wie der Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach in seinem Buch "Die Krebs-Initiative" eindrücklich zeigt, wird vor allem der Krebs Deutschland erobern: "Langfristig ist Krebs die wichtigste Epidemie unserer Zeit, die sich unaufhaltbar ausbreitet." Nach seiner Prognose wird jeder zweite Deutsche an Krebs erkranken, was zu einer gewaltigen Kostenlawine führen wird.

Es ist zugegebenermaßen zynisch, aber trotzdem richtig. Die steigende Lebenswartung wird zum größten Krebsrisiko der künftigen Alten des 21. Jahrhunderts, also der Babyboom-Generation der 1960er-Jahrgänge. "Sie erhöht das Krebsrisiko deutlich mehr, als alle bekannten Vorbeugemöglichkeiten es reduzieren könnten" – so Lauterbach.

Die deutsche Gesellschaft wäre also sehr gut beraten, sich weniger über Rente oder Pflege und viel mehr über Krebs Gedanken zu machen. Mehr Menschen werden an Krebs erkranken als pflegebedürftig werden.

"Pflegebedürftig sind Menschen in der Regel wenige Monate am Ende ihres Lebens, an Krebs leidet man häufig ein ganzes Jahrzehnt. Krebs jedoch kostet allein in einem Jahr oft so viel wie die gesamte Pflege eines Menschen im Alter" schreibt Karl Lauterbach.

Schmutzige Debatten beim Thema Krebs in Sicht

Es ist an der Zeit, den demografischen Wandel nicht nur als Prozess der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung zu diskutieren. Und angesichts der menschlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Folgeeffekte einer an Krebs erkrankenden Gesellschaft scheint die Verhältnismäßigkeit aus den Fugen zu geraten, wenn heftige und schmutzige Debatten darüber geführt werden, ob es Deutschland schaffen kann, mit einer als Folge der Zuwanderung um ein oder auch zwei Prozent wachsenden anstatt schrumpfenden Bevölkerung klarzukommen.

Für Deutschlands Zukunft wird es bei Weitem bedeutsamer sein, wie Sozialstaat und Wirtschaft einerseits, Betroffene und Gesellschaft andererseits, mit der Invasion der Krebserkrankungen umgehen.

Wer soll wieweit von den Fortschritten der Krebsbekämpfung profitieren können und wer muss dafür wie viel bezahlen? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, die eine Gesellschaft umtreiben sollten, in der eine krebsfreie Familie in Zukunft zur Ausnahme und der Fall, dass Familienangehörige an Krebs erkranken, die Regel wird. Sie gehören auf der politischen Agenda ganz nach oben. Jetzt.

(Die Welt, 10.8.16, Thomas Straubhaar)

 

 

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