Onkologisches Forum Celle e. V.

18.11.17: Geschäft mit dem Krebs
06.10.17: Roche behauptet, Krebs werde heilbar ...
10.09.17: Eine Halbe Million Dollar für eine Spritze
22.06.17: Das große Geschäft mit dem Krebs
28.06.17: Neue Blockbuster erwartet
22.05.17: Konzerne sahnen ab
10.05.17: Roche nach negativer Studie unter Druck
14.04.17: Krebsmittel entscheidet über die Zukunft von Merck
28.02.17: Das Geschäft mit dem Krebs
10.08.16: Krebs - die vergessene Gefahr für den Sozialstaat
08.08.16: Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag
09.06.16: Krebs-Markt - jährlich 10% Zuwachs?
27.05.16: Finanzkrise beschleunigte Krebstodesrate
22.05.16: Heilung nur für Reiche
12.05.16: Der Kampf gegen Krebs fördert auch die Wirtschaft
07.04.16: Wie es in China läuft
11.01.16: Bill Gates investiert
11.01.16: Sanofi kooperiert
01.12.15: Donau-Versicherung versichert gegen Krebs
05.09.15: Milliarden für ein Molekül
26.07.15: Lauterbach prangert hohe Kosten an
02.08.15: Unfassbar teure Medikamente
27.07.15: Cuba: Krebsmedikament für einen Dollar
06.06.15: Gibt es eine Medizin gegen hohe Preise?
27.08.14: Wer nicht zahlen kann, stirbt
14.01.15: "Sterben ist ein Milliardengeschäft"
18.04.15: Das große Geschäft mit dem großen Versprechen
20.04.15: Das Geschäft mit der Hoffnung
29.06.15: Top-Konzerne setzen auf Krebs
22.05.15: Krebs-Kongress - Roche im Fokus
04.04.15: Die 1-Mio-Euro-Spritze
06.03.15: Gates und Hopp gegen Krebs
19.08.14: Die Ökonomie der Onkologie
Januar 15: Preissteigerung bei Carmustin
29.01.15: Kampf gegen Krebs rechnet sich
14.09.14: Warum es vielleicht bald ein Mittel gegen Krebs gibt
05.12.14: Start-Ups wecken Hoffnungen
05.12.14: Wie riesige Datenmengen den Krebs besiegen sollen
17.12.14: Off-Label Daten sollen gesammelt werden
08.01.15: BioTec Firma Mologen auf Partnersuche
18.12.15: AstraZeneca kauft Krebs-Kandidaten
22.09.14: Krebs-Impfstoffe erleben Renaissance
12.09.14: Merck stellt klinische Entwicklung mit Krebsimpfstoff endgültig ein
17.11.14: Merck und Pfizer kämpfen gemeinsam gegen Krebs
12.01.15: Merck & Co setzt auf Lungenkrebs-Medikament Keytruda
02.06.15: Merck bläst zur Aufholjagd
07.12.15: Enttäuschung für Merck: Medikament floppt
24.02.15: Novartis erhält US-Zulassung für Knochenmark-Krebs-Medikament
02.03.15: Novartis-GSK-Deals abgeschlossen
28.07.15: Massive Investitionen in Immuntherapie
23.01.15: Neue Studie: Auftrieb für Bayer's Aspirin
02.09.14: Monoklonale Antikörper stehen im Fokus der Aufmerksamkeit
07.09.14: Wie Pharmafirmen die Patienten austricksen
23.09.14  Kassen könnten Milliarden sparen
24.09.14: Neue Tumortherapie in Marburg
01.08.14: Fortschritt und Vergütung nicht im Einklang
28.08.14: Psychotherapie hilft Krebspatienten mit Depressionen kosteneffektiv
07.08.16: Wenn Krebs zur Chefsache wird
 

 

 

Geschäft mit dem Krebs

Die Krankheit ist die teuerste für das deutsche Gesundheitssystem. Das liegt an den Medikamenten, deren Preise ständig steigen. Aber offenbar auch daran, dass die Bundesregierung zuweilen ein offenes Ohr für Lobbyverbände gehabt hat – zulasten der Versicherten

Minister schütteln Hände, das ist Teil ihres Jobs. Sie hören sich die Sorgen der Menschen in ihren Wahlkreisen an, und manchmal fließt etwas aus dem Vorgetragenen in ein Gesetz ein. Von einer solchen Begegnung zeugt ein Foto, aufgenommen am 18. Juni 2016.

Es steht auf der Internetseite von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Darauf: der Minister in seinem Wahlkreis Neuss, neben einer Pharmazeutin, die auf einem Feld tätig ist, das in diesen Wochen im Sommer 2016 heiß umkämpft ist: Sie stellt Arzneimittel für die Chemotherapie her.

Es ist jenes Geschäftsumfeld, in dem auch der Bottroper Apothekenpanscher, der seit Montag vor Gericht steht, sein Geld verdiente. Er streckte die teuren Medikamente und täuschte damit Patienten, Ärzte und Krankenkassen. Das Herstellen der Mittel im Kampf gegen den Krebs ist eines der lukrativsten Geschäftsfelder für Apotheker: Die Kassen zahlen ihnen dafür laut Arzneimittelverordnungsreport pro Jahr rund drei Milliarden Euro. Zugleich wird auf diesem Markt viel gekungelt. Schon oft wurden etwa illegale Absprachen zwischen Apothekern und Ärzten bekannt.

Seit Jahren denken sich die Kassen deshalb Instrumente aus, um dem Filz einen Riegel vorzuschieben. Eines der wichtigsten davon ließ Gröhe aber nach dem besagten Treffen im Sommer 2016 einkassieren. Um die Patienten zu schützen, sagt er. Kassen und Branchenkenner sagen dagegen: zum Schaden der Versicherten. Konkret wurde den Kassen verboten, Lieferaufträge für die Krebsmittel bei Apotheken auszuschreiben. Das Beispiel zeigt, wie schwer sich die Bundesregierung bislang damit tut, die rasant steigenden Kosten auf dem Markt für Krebstherapien in den Griff zu bekommen. Dabei sehen dies Gesundheitsökonomen und auch Politiker selbst als eine der dringlichsten Aufgaben der Gesundheitspolitik an. „Wir steuern auf eine Kostenexplosion hin“, warnt etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Denn die Behandlung von Krebs ist einer der größten Kostenblöcke im Gesundheitssystem: Sie kostet die Kassen pro Jahr 15 Milliarden Euro. Allein die Medikamente machen gut zwölf Prozent an allen Ausgaben für Arzneimitteln aus, Tendenz stark steigend: In den vergangenen fünf Jahren legten die Ausgaben laut einem Bericht der Barmer um 41 Prozent zu, auf fast sechs Milliarden Euro. Das liegt zum Teil daran, dass die Menschen immer älter werden und damit wahrscheinlicher Krebs bekommen. Schon jetzt erkranken jedes Jahr etwa eine halbe Million Menschen. Die Kosten steigen aber auch deshalb so stark, weil viel Geld in anderen Kanälen versickert, anstatt den Krebskranken zugutezukommen: Das Geld fließt zum Beispiel auf die Konten jener Pharmakonzerne, die neue Mittel auf den Markt bringen und die Preise, die sie von den Kassen verlangen, frei bestimmen können (siehe Kasten). Der Vorsitzende des wichtigsten unabhängigen Gremiums auf diesem Gebiet, Professor Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, fordert deshalb ein „mutigeres Eingreifen in die Preisgestaltung der Hersteller“.

Auch bei der Anmischung von Chemotherapiemitteln in Apotheken wird viel Geld aus dem Gesundheitswesen abgezwackt. Das liegt an der Konstruktion des Marktes für die sogenannten Zytostatika: Nicht der Patient sucht die Apotheke aus, die seine Krebsarzneien liefert. Sondern der Onkologe, der ihn behandelt. Bundesweit gibt es rund 300 Zytostatika-Apotheken. Für jeden Patienten muss eine individuelle Mischung hergestellt werden, jeweils frisch. Die Grundmittel liefern Großhändler, in der Apotheke wird dann neu gemischt, umportioniert – ein kompliziertes Geschäft. Wie kompliziert und intransparent, zeigt der Fall des Bottroper Apothekenpanschers: Über Jahre hinweg fiel niemandem auf, dass er die teuren Wirkstoffe mit Wasser streckte.

Die Undurchsichtigkeit nutzen Apotheker und Onkologen auch auf vielfältige andere Weise aus: Einige schließen exklusive Lieferverträge miteinander, für die Apotheker den Ärzten Belohnungen zukommen lassen. Oder sie bestechen sie mit spottbilligen Mieten, wenn der Arzt seine Praxis im Haus des Apothekers ansiedelt. Die Krankenkasse KKH etwa versucht zurzeit in einem solchen Fall Schadenersatz in Höhe von 180.000 Euro von einem Apotheker zu erhalten. In der vergangenen Woche ist auch ein Buch dazu erschienen: „Die Krebsmafia“ – geschrieben von zwei Journalisten, die einen ähnlichen Fall aufgedeckt hatten. Besonders kritisch finden Krankenkassen Geschäftsmodelle, in denen große Zytostatika-Apotheker nebenbei eine onkologische Praxis betreiben und so automatisch den Zuschlag für die Lieferung bekommen. Denn: Rechnen diese Apotheker bei den Kassen zu viel ab, gibt es keinen unabhängigen Arzt, den sie fragen können, ob die Rechnung stimmt.

Vor rund sieben Jahren hatte man beim Bundesverband der AOK eine Idee gegen überzogene Abrechnungen: die Aufträge für die Mittel öffentlich bei Apothekern auszuschreiben, anstatt die Ärzte entscheiden zu lassen. Die AOK tat dies zuerst 2010 in Berlin, später in der Hälfte der Bundesländer, andere Kassen folgten. Jahrelang funktionierte das. Nicht nur, zeigen Auswertungen mehrerer Kassen, wurde es billiger für die Versicherten, auch wurden die Lieferwege in vielen Fällen kürzer – weil auch das Tempo der Anlieferung ein Kriterium für den Zuschlag war.

Arzneimittelexperte Ludwig, selbst Onkologe, bezeugt, dass das System funktionierte: „In unserem Klinikum haben wir in jüngerer Vergangenheit Erfahrungen mit einer AOK-Ausschreibung gesammelt. Dort hat anstatt der Klinikapotheke eine andere Apotheke den Zuschlag bekommen – und das hat reibungslos funktioniert.“ Generell hält er die Idee für gut. „Wenn in solchen Ausschreibungen die Qualität der Lieferanten ein Auswahlkriterium ist und kurze Lieferwege gewährleistet sind, sehe ich dabei überhaupt keine Probleme“, sagt er. Die Kassen rechnen vor, die Ausschreibungen hätten pro Jahr 600 bis 700 Millionen Euro für die Versicherten eingespart.

Den Lobbyverbänden von Zytostatika-Apotheken und Onkologen jedoch waren die Ausschreibungen alles andere als recht. Im vergangenen Sommer eskalierte die Lage: Die AOK hatte gerade erstmals in NRW solche Verträge vergeben – und nun planten weitere Kassen, es ihnen gleichzutun. Der Onkologenverband wappnete sich, indem er die gerade anlaufenden AOK-Verträge unter die Lupe nahm. Das verbandseigene Forschungsinstitut befragte Onkologen dazu, ob es schon Probleme mit den Lieferungen jener neu beauftragten Apotheker gegeben hätte. Nach ein paar Wochen gab es einen Zwischenbericht, der dramatisch klang: Stellenweise sei es zu Lieferverzögerungen gekommen, Patienten hätten in den Praxen auf ihre überlebenswichtigen Krebsmittel warten müssen. In welchen Fällen genau dies gewesen sein soll, teilte der Verband der Kasse allerdings auch auf deren ausdrückliche Nachfrage nicht mit.

Mittlerweile aber gibt es einen Endbericht, und dieser liegt der WELT vor. Daraus geht hervor: Zwar gab es anfangs mancherorts Lieferverspätungen, doch eine Gefährdung für die Patienten ließ sich daraus überhaupt nicht schließen. Fazit des Berichts: „Weitergehende Konsequenzen für die Gesamtqualität der onkologischen Versorgung … können damit nicht erfasst werden.“

Doch auch der Verband der Zytostatika-Apotheker wurde damals aktiv: Etwa zeitgleich mit der kritischen Befragung startete er eine Kampagne – zu der auch das Treffen zwischen Gröhe und Apothekerin in Neuss gehörte. In den Wochen nach dem Treffen bat Gröhe dann erst Kassenvertreter zu sich, die sich für die vermeintlich gefährlichen Ausschreibungen rechtfertigen sollten. „Unsere Argumente wurden aber überhaupt nicht gehört, die Meinung schien längst gebildet“, sagt einer der Kassenfunktionäre. Gröhe berief auch wichtigsten Gesundheitspolitiker im Bundestag zu sich, um ihnen anzukündigen, dass er die Ausschreibungen einkassieren wolle. Das berichten zwei Teilnehmer an diesem Treffen.

Kurz danach ließ der Minister Nägel mit Köpfen machen. Am 25. Juli lag der Referentenentwurf aus seinem Haus vor. In diesem April schließlich wurde das Gesetz verabschiedet, das das Ende der Ausschreibungen bedeutete. Das Gesundheitsministerium schreibt auf Anfrage, es habe eine Vielzahl von Gesprächen mit allen Beteiligten geben. Die Ausschreibungsmöglichkeit sei letztendlich entfallen, „um die Qualität und Sicherheit in der Versorgung mit Arzneimitteln zur Krebsbehandlung für die Patienten sicherzustellen“.

Das verwundert – sehen doch selbst Onkologen, die ihrem Berufsstand kritisch gegenüberstehen, wie Wolf-Dieter Ludwig, keine Gefahr. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält das Ende der Ausschreibungen vor allem für ein Geschenk an die Lobby: „Es erhöht die ohnehin zu hohen Gewinne der Pharmafirmen, es lädt Apotheker und niedergelassene Krebsärzte zu Absprachen und Korruption ein, und es schwächt den Wettbewerb der Kassen.“ Minister Gröhe immerhin hat sich Sympathien gesichert: Im Bundestagswahlkampf warb eine Mitarbeiterin der Neusser Zytostatika-Apotheke mit ihrem Gesicht auf einer CDU-Wahlwerbung für ihn.

(Die Welt, 18.11.17, Anette Dowideit)

 

 

Roche-Chef Severin Schwan über Durchbrüche in der Krebsbehandlung

«Krebs wird heilbar – das ist fantastisch!»

Der chinesische Pharmamarkt boomt. Mit dem Aufschwung kann sich das Riesenreich westliche Medikamente leisten. Der Schweizer Roche-Konzern ist ganz vorne dabei. CEO Severin Schwan berät die Chinesen auch politisch. BLICK hat ihn in der Wirtschartsmetropole Shanghai getroffen.

Die chinesische Wirtschaftspresse ist heute voll mit Fotos von Severin Schwan (49). Zusammen mit den Chefs von Novartis, GM, Siemens und einer Reihe weiterer Weltkonzerne gehört der Roche-CEO zum Beraterkreis von Shanghais Bürgermeisters Ying Yong (60). Am Wochenende tagte das Gremium Schwan, gab Ying Tipps, wie China die Forschung in den Spitälern verbessern könne.

Jedes Jahr reist Schwan für das Treffen nach China, denn wer zweimal fehlt, wird nicht mehr eingeladen. «Das machen die Chinesen sehr schlau», schmunzelt Schwan beim Interview mit BLICK auf dem Roche-Campus.

BLICK: Herr Schwan, chinesische Staatskonzerne kaufen reihenweise westliche Firmen, um an deren Know-how zu kommen. Nun will die EU chinesische Übernahmen erschweren. Zu recht?
Severin Schwan: Ich bin skeptisch. Staaten haben ein legitimes Interesse, die eigenen Wertvorstellungen zu schützen. Dazu gehört auch das marktwirtschaftliche System. Aber Übernahmehürden dürfen kein Vorwand sein für Protektionismus. Solange sich eine staatliche Firma an die rechtlichen Vorgaben hält, sehe ich kein grundsätzliches Problem.

China kauft westliche Firmen, erlaubt ausländischen Unternehmen im Gegenzug im eigenen Land aber nur Minderheitsbeteiligungen.
Das geht natürlich nicht. Der Westen muss auf gleiches Recht pochen. Im Pharmabereich haben wir das schon heute.

Der Basler Agrochemiekonzern Syngenta wurde von Chemchina geschluckt. Hätte die Schweiz den Verkauf verhindern sollen?
Nein. Ein Verbot wäre ein verheerendes Signal gewesen. Andere Länder hätten mit Bestimmtheit reagiert. Das wäre zum Nachteil der Schweiz. Schweizer Unternehmen tätigen viele Firmenkäufe im Ausland, auch in China. Es ist entscheidend, dass wir diese Möglichkeit weiterhin haben.

Sie kommen eben von einem Treffen mit dem Bürgermeister von Shanghai. Waren Übernahmen westlicher Firmen ein Thema?
Nein, der Bürgermeister wollte von mir und anderen Wirtschaftsexponenten wissen, was es braucht, damit Shanghai in den Bereichen Wissenschaft, Technologie und Innovation eine führende Rolle einnehmen kann.

Ihr Ratschlag?
China ist stark in der Wissenschaft und verfügt über gute Spitäler. Ein Schwachpunkt ist aber die frühe klinische Forschung. Es fehlt an Spezialwissen und einer effizienten Regulierung. Darauf habe ich den Bürgermeister aufmerksam gemacht.

Hat er reagiert?
Ja – und zwar sofort. Heute morgen war eigentlich ein Höflichkeitsbesuch angesagt. Der Bürgermeister brachte aber 20 seiner Mitarbeiter mit. So konnten wir die Probleme gleich konkret besprechen. Das zeigt, wie China funktioniert. Die Leute sind sehr wissbegierig und haben eine unglaubliche Energie.

Ein Unterschied zu Europa?
Ein enormer. Wir müssen aufpassen, dass uns China nicht überholt. Wenn ich heute mit einem Politiker in Europa spreche, dann sagt er mir als Erstes, die Preise seien zu hoch, und die Pharmaindustrie sei ein Problem. In China ist die Reaktion: «Wunderbar, dass es die Pharmaindustrie gibt. Dadurch können unsere Menschen länger leben.»

Und die Schweiz?
Die Grundhaltung ist positiv. Es geht natürlich immer auch um die Kosten, aber in der Regel findet man gemeinsam pragmatische Lösungen. Ich glaube, man ist sogar ein bisschen stolz auf die Pharma. Und wir sind umgekehrt stolz auf unsere Schweizer Wurzeln.

Roche forscht und produziert in China. Haben Sie keine Angst, dass die Medikamente kopiert werden?
Es kursieren hier falsche Vorstellungen. China ist beim Schutz des geistigen Eigentums vorbildlich. Die Regierung hat verstanden, dass es eine innovative Industrie nur geben kann, wenn Patente geschützt werden. Ein Problem sind allerdings Fälschungen. Das wird aber rigoros angegangen.

Roche macht gut drei Milliarden Franken Umsatz in China. Das ist im Vergleich zu früher zwar viel, angesichts der Grösse des Landes aber bescheiden.
Seit Sommer werden vier unserer innovativen Krebsmedikamente vom Staat vergütet. Dadurch werden die Volumen stark steigen.

Solche Therapien kosten Zehntausende von Franken jährlich. Kann sich China das leisten?
Nehmen Sie zum Beispiel Herceptin, ein lebensrettendes Brustkrebsmedikament. Das verkaufen wir hier in China um die Hälfte günstiger als in Europa. Die reichen Länder haben verstanden, dass die Preise in ärmeren Ländern tiefer sein müssen, damit die Patienten Zugang zu den Medikamenten haben. Vor fünf Jahren wurden nur zwei Prozent der Patientinnen in China mit Herceptin behandelt. Heute sind es 45 Prozent, bald werden es alle sein.

Die Behandlung von Krebs steht in einem Umbruch. Novartis hat für die neuartige Car-T–Zelltherapie die Marktzulassung erhalten. Ärgert es Sie, dass Novartis schneller war?
Nein. Wir setzen bei Roche auf andere technologische Ansätze. Es ist gut, wenn die Patienten verschiedene Optionen haben. Was sich in der Immunonkologie abspielt, ist eine Revolution. Das Immunsystem wird dafür eingesetzt, Krebszellen zu zerstören. Bis vor Kurzem ging man davon aus, dass eine Heilung von Krebs nur möglich ist, wenn sich keine Metastasen gebildet haben. Mit den neuen Immuntherapien sehen wir bei gewissen Krebsarten und Patientengruppen eine Heilung trotz Metastasen. Das ist fantastisch! Roche hat mit Tecentriq bereits ein erstes Medikament aus der Immunonkologie auf dem Markt.

Dennoch: Andere waren schneller. Ist Roche träge geworden?
Man muss extrem aufpassen, dass man agil bleibt. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass wir unsere Spitzenposition halten können. Wir haben viele der besten Wissenschaftler der Welt bei uns im Haus. Und wir haben eine der besten Pipelines an neuen Wirkstoffen.

Die heutige Spitzenposition verdankt Roche der kalifornischen Tochterfirma Genentech. Ist sie noch immer der Innovationsmotor?
San Francisco ist sehr wichtig für uns, aber auch Basel hat in jüngster Zeit grosse Erfolge verbucht, auch Schlieren, wo ein wichtiges Medikament gegen Blutkrebs entwickelt wurde. Der dritte wichtige Standort ist Tokio, wo wir ebenfalls grosse Erfolge erzielen. Diese Vielfalt ist ein grosser Vorteil für uns.

(blick.ch, 6.10.17)

 

 

Neue Therapien lassen Medikamentenpreise explodieren

Krebs-Spritze von Novartis kostet eine halbe Million

BASEL - In den USA hat Novartis ein Krebsmedikament auf den Markt gebracht, das unverschämt teuer ist. In der Schweiz ist es noch nicht erhältlich. Im Bundesamt für Gesundheit macht man sich aber jetzt schon Gedanken dazu.

Novartis ist ein veritabler Coup gelungen. Die Gesundheitsbehörden der USA haben ein neues Mittel gegen Krebs zugelassen, das dem Basler Pharmamulti mächtig Geld in die Kassen spülen wird. Eine einzige Spritze kostet in Amerika satte 470’000 Dollar!

In der Schweiz ist das Medikament mit dem Namen Kymriah noch nicht zugelassen, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis das Mittel gegen Leukämie auch bei uns in den Verkauf kommt. Wohl zu ähnlich hohen Preisen.

Dem Patienten werden Immunzellen entnommen 

Der Clou des «lebenden Medikamentes» gegen Leukämie: Dem Patienten werden Immunzellen entnommen. Danach werden sie in einem speziellen Reaktor gentechnisch angereichert. Die Mediziner spritzen diese Mischung wieder zurück in den Körper. Dort soll sie die aggressiven Krebszellen zerstören.

Neu ist nicht nur das Medikament, sondern auch die Bezahlmodalität. Patienten sollen es nur berappen müssen, wenn sie auf Kymriah ansprechen. Noch-Novartis-Chef Joe Jimenez (59) ist ein grosser Fan dieser «Geld-zurück-Garantie». Er will damit die Kosten im Gesundheitswesen senken.

Gewinnmaximierung im Mittelpunkt 

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) zerbricht man sich bereits den Kopf über die neue Wunderspritze. Die zentrale Frage lautet: Welcher Patient bekommt sie, bei welchen Kranken lehnt man die teure Behandlung ab? Und wer entscheidet das?

Die Angst ist gross, dass mit Medikamenten der neusten Generation die Gesundheitskosten komplett aus dem Ruder laufen. «Die Unternehmen fordern Preise, die nichts mehr mit dem Nutzen zu tun haben, sondern allein der Gewinnmaximierung dienen», sagt ein BAG-Kadermitglied zur «NZZ am Sonntag».

(Blick.ch, 10.9.17, pbe)

 

 

Barmer Arzneimittelreport

Das große Geschäft mit dem Krebs

Eine Barmer-Studie zeigt: Die Ausgaben der Krankenkassen für die Krebsbehandlung steigen immer schneller, obwohl der Nutzen der verwendeten Medikamente immer schlechter belegt ist. Die Pharmakonzerne wollen von der Kritik nichts wissen.

Berlin - Die Möglichkeiten der Medizin, Krebserkrankungen zu heilen, sind in den vergangenen 20 Jahren immer besser geworden – vor allem dank neuer Medikamente. Doch auch heute noch können Erkrankte oft nicht geheilt werden. Bei der Mehrzahl der neuen „onkologischen“ Arzneimittel geht es nur um Lebensverlängerung, manchmal nur um wenige Monate oder Wochen. Trotzdem wird diese Therapie von den Krankenkassen bezahlt. Das nährt den Verdacht, dass die forschenden Hersteller die Krebsbehandlung als lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt haben. Der aktuelle Arzneimittelreport der Barmer liefert zumindest Indizien, die diesen Vorwurf stützen.

Der Report belegt unter anderem, dass bei keiner anderen Erkrankung die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen so massiv gestiegen sind, wie bei der Krebshandlung. Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel von Barmer-Versicherten legten zwischen 2011 und 2016 um 41 Prozent zu. Das übertrifft deutlich die Kostensteigerungen bei allen anderen Arzneimitteln, die im gleichen Zeitraum um 20 Prozent wuchsen.

Mit Krebsmitteln verdienen die Hersteller derzeit mehr als mit den meisten anderen Medikamenten: Fünf der zehn Arzneimittel mit der aktuell größten Umsatzsteigerung werden bei der Behandlung von Tumorerkrankungen eingesetzt. Das wäre nicht bedenklich, wenn die Zahl der Krebserkrankungen zumindest ähnlich stark zugenommen hätte wie die Kassenausgaben. Das ist aber nicht der Fall. Nur acht Prozentpunkte des Ausgabenanstiegs von 40 Prozent lassen sich dadurch erklären, dass im alternden Deutschland auch die Zahl der Krebserkrankungen zunimmt.

Für den Rest des Preisanstiegs gibt es nur eine Erklärung: Die Preispolitik der Konzerne, ist der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub überzeugt. Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz, unser Ziel ist im Interesse der Patienten und Beitragszahler ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis. Auch bei onkologischen Arzneimitteln, so segensreich viele von ihnen wirken, sind faire Preise wichtig“, sagte Straub bei der Präsentation des Reports in Berlin.

Seine Forderung: Um die Krankenkassen vor überhöhten Preisen zu schützen, sollten neue Medikamente nach fünf Jahren auf ihren Nutzen überprüft werden. Auf Basis dieser Prüfung sollten dann neue Preise ausgehandelt werden, so Straub.

Die Arzneimittelhersteller wollen indes von überhöhten Preisen nichts wissen. Es sei zynisch, die positive therapeutische Entwicklung und längeres Überleben von Patienten als Kostenrisiko darzustellen, so die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Birgit Fischer. „Obwohl Krebserkrankungen zu den häufigsten chronischen Krankheiten zählen und immer noch die zweithäufigste Todesursache sind, stehen Krebsmedikamente nur für rund 13 Prozent der Arzneimittelausgaben der Krankenkassen“, sagt Fischer. Zudem liege Deutschland beim durchschnittlichen Preisniveau für neue Medikamente im europäischen Mittelfeld. Und das gelte auch für neue Krebsmedikamente, so VFA-Geschäftsführerin.

Der Barmer-Report kommt allerdings zu anderen Ergebnissen. Die Autoren der Studie haben die Kosten von 31 onkologischen Arzneimitteln in Europa, Australien und Neuseeland verglichen. Demnach ist Deutschland führend. Bei 90 Prozent der Medikamente (28 von 31) würden die Preise in der Bundesrepublik über dem Mittelwert liegen. Acht der 31 Krebsmedikamente kosteten in Deutschland sogar am meisten.

Zudem steigen die Preise für Krebsmedikamente in Deutschland schon seit Jahren. Hätten die Arzneimittelkoten für eine typische Chemotherapie in der ersten Therapiephase in den neunziger Jahren umgerechnet noch bei wenigen Tausend Euro gelegen, so seien es zehn Jahre später einige Zehntausend Euro gewesen. Heute erreichten die Kosten in vielen Fällen eine Größenordnung von Hunderttausend Euro und mehr. Die Therapiekosten zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Hautkrebs hätten sich beispielsweise in fünf Jahren fast verachtfacht.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kritisiert schon seit Jahren, dass sich solche Kostensteigerungen nicht immer mit dem Nutzen der Medikamente rechtfertigen lassen. Und auch hierzu finden sich im Barmer-Report Indizien, die diese Kritik stützen. So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Unternehmen neue Krebsmittel bei der europäischen Zulassungsbehörde immer häufiger als sogenannte Orphan Drugs anmelden, also als Medikamente gegen seltene Krankheiten. Das lässt sich bei Onkologika leicht begründen, da sie häufig nur für bestimmte Ausprägungen einer Krebserkrankung oder ein bestimmtes Stadium der Erkrankung in Frage kommen.

(Handelsblatt, 22.6.17, Peter Thelen)

 

Krebs: Neue Blockbuster erwartet

Die Onkologika-Pipeline ist gut gefüllt: Mehr als 7000 neue Krebsmittel befinden sich derzeit in der Entwicklung, berichtet der Pharmaanalyst GBI-Research. Bis 2023 könnten demnach mehrere neue Blockbuster auf den Markt kommen, darunter der PD-1-Inhibitor Durvalumab von Astra-Zeneca, der als Infimzi™ in den USA bereits seit Mai 2017 zur Behandlung von Blasenkrebs zugelassen ist. Abemaciclib von Lilly genießt in den USA den Status eines Therapiedurchbruchs, mit dem ein beschleunigtes Zulassungsverfahren des CDK-4/6-Hemmers für eine bestimmte Form von Brustkrebs verknüpft ist. Auch die CAR-T-Zell-Therapeutika Tisagenlecleucel-T (CTL019) von Novartis und Axicabtagen-Ciloleucel (KTE-C19) von Kite Pharma haben laut GBI-Research Blockbusterpotenzial. Indikationen sind bestimmte Leukämien und Lymphome.

Den wirtschaftlichen Erfolg der derzeit gewinnbringendsten Präparate werden die neuen Onkologika aber wohl nicht erreichen. Dazu zählen aktuell zum Beispiel Lenalidomid (Revlimid® von Celgene), Nivolumab (Opdivo® von Bristol-Myers-Squibb) und Bevacizumab (Avastin® von Roche). Avastin-Hersteller Roche werde Marktführer bei Krebsmitteln zumindest bis 2023 bleiben, auch wenn der Anteil der Erlöse im Onkologie-Bereich mit Originalpräparaten von 45 Prozent im Jahr 2016 auf dann 25 Prozent fallen wird. Neben der vermehrten Konkurrenz durch neue Player in diesem Segment wie Astra-Zeneca, Pfizer und MSD wird auch das Ende des Patentschutzes für Präparate wie Avastin®, Kadcyla®, Perjeta® und Tarceva® eine Rolle spielen.

Dass sich die bereits etablierten Arzneimittel als Marktführer aber zunächst vermutlich halten können, liegt laut GBI-Research zum einen daran, dass sie bereits wichtige Therapiesegmente besetzt haben. So gibt es in einigen Indikationen, zum Beispiel Lungenkrebs und Melanom, mittlerweile eine deutlich größere Therapievielfalt als noch vor zehn Jahren. Neue Konkurrenten auf diesen Gebieten müssen sich erst durchsetzen. Zum anderen werden durch die genauere Kenntnis spezifischer Tumormerkmale die Indikationsgebiete enger und damit auch wirtschaftlich betrachtet kleiner.

(Pharmazeutische Zeitung, 28.6.17, dh)

 

 

Konzerne cashen ab

Wegen des Verdachts überhöhter Preise für fünf lebenswichtige Krebsmedikamente hat die EU- Kommission kürzlich eine offizielle Untersuchung gegen den südafrikanischen Hersteller Aspen Pharma eingeleitet. Man habe Hinweise auf plötzliche Preiserhöhungen von zum Teil mehreren Hundert Prozent, hieß es. Die Versorgung mit wichtigen Krebsmedikamenten sei immer öfter nicht gewährleistet, bemängeln Experten.

Der Pharmamulti Aspen Holdings habe dringend benötigte Krebsmittel aus europäischer Produktion zurückgehalten und gedroht, sie nicht auszuliefern, sollten die Behörden nicht Preissteigerungen von bis zu 4000 Prozent akzeptieren, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Um die Aufschläge durchzusetzen, soll das Unternehmen in einigen EU- Ländern gedroht haben, die Medikamente vom Markt zu nehmen - und das in einigen Fällen tatsächlich auch getan haben.

Gewinne dank künstlicher Verknappung

Es geht um die Wirkstoffe Chlorambucil, Melphalan, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die zur Behandlung bestimmter Krebsarten wie Blutkrebs eingesetzt werden. In Deutschland, Italien, Spanien, Italien und Griechenland sei es sogar zu Lieferengpässen gekommen - dringend notwendige Therapien von Krebspatienten mussten deshalb verschoben werden, so die "Süddeutsche Zeitung" über die widerlichen Geschäfte.

Sind keine Konkurrenzprodukte mehr auf dem Markt oder dieser künstlich verknappt, dann wird der Preis skrupellos vervielfacht, bekritteln Kenner der Pharma- Szene. So wurde etwa für ein bestimmtes Krebsmittel in England das Elffache und in Deutschland das Dreifache verlangt, die auf ihre Therapien wartenden Patienten dienen den Konzernen als Druckmittel.

Neue Medikamente oft nicht besser, sondern nur teurer

Das System sei außer Kontrolle, sagen Branchen- Insider: Neue Pharmaka seien häufig nicht besser als die bewährten Medikamente, sondern bloß teurer, bescherten ihren Herstellern aber fette Gewinne. Außerdem sei fraglich, wie sicher viele der Medikamente sind, solange 80 Prozent von ihnen Wirkstoffe enthalten, die in verschiedenen Billiglohnländern zusammengerührt werden. Manche Wirkstoffe stehen sogar unter dem Verdacht, unsicher bzw. wirkungslos zu sein.

So stellte sich beispielsweise kürzlich heraus, dass das Brustkrebsmittel Ibrance keinen Zusatznutzen habe, aber 78 Prozent der Patientinnen über starke Nebenwirkungen klagten, sagen Kritiker. Weil die europäische Arzneimittelbehörde im Herbst der Zulassung zustimmte, habe Hersteller Pfizer mittlerweile 600 Millionen Euro mit dem Medikament verdient, heißt es.

(Kronen-Zeitung/Wien, 22.5.17)

 

 

Roche

Studie weckt Zweifel an immuntherarpeutischem Medikament gegen Blasenkrebs

Eine spätklinische Studie fiel für Roche verheerend aus. Das in den USA bereits zugelassene Medikament Tecentriq hat nicht die Wirkung gegen Blasenkrebs wie erhofft. Der Kampf gegen Krebs ist ein lukratives Geschäft.

Zürich - Ein Rückschlag für das Medikament Tecentriq hat Zweifel an der ersten Krebs-Immuntherapie des Schweizer Roche-Konzerns geweckt. Die Arznei verfehlte in einer spätklinischen Studie der Phase III das angepeilte Hauptziel. Tecentriq brachte bereits zuvor behandelten Blasenkrebs-Patienten im Vergleich zu einer Chemotherapie keinen Überlebensvorteil, wie der Arzneimittelhersteller aus Basel am Mittwoch mitteilte. An der Börse kam die Neuigkeit schlecht an: Mit einem Kursabschlag von mehr als zwei Prozent gehörten die Roche-Scheine zu den größten Verlierern unter den europäischen Gesundheitswerten.

Analysten befürchten, dass nach dem überraschenden Studienresultat die Zulassung von Tecentriq in Gefahr sein könnte. „Das stellt die vorliegende US-Zulassung ernsthaft infrage“, erklärte David Evans vom Broker Kepler Cheuvreux. „Und natürlich steigen im Markt die Bedenken bezüglich der Wirksamkeit von Tecentriq bei anderen Krebsarten.“ Den Experten der Deutschen Bank zufolge steht für Roche bis zu eine Milliarde Dollar Umsatz auf dem Spiel.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte Tecentriq vor einem Jahr nach einer beschleunigten Begutachtung die vorläufige Zulassung zur Behandlung von Blasenkrebs erteilt. Für die häufigste Form des Blasenkarzinoms gab es seit mehr als 30 Jahren keine neue Therapie mehr. Mit der Phase-III-Studie, deren Ergebnisse Roche nun veröffentlichte, sollte die Wirksamkeit der Therapie untermauert werden. „Obwohl diese Resultate nicht das sind, was wir erwartet hatten, glauben wir, dass Tecentriq bei der Behandlung von Patienten mit Blasenkrebs weiter eine wichtige Rolle spielen wird“, erklärte Sandra Horning, Chefärztin und Leiterin der globalen Produktentwicklung bei Roche.

Tecentriq ist in den USA auch zur Behandlung von bestimmten Arten von Lungenkrebs zugelassen. Im ersten Quartal erzielte Roche mit dem Medikament einen Umsatz von 113 Millionen Franken (103 Millionen Euro). In Europa ist das Medikament noch nicht auf dem Markt.

Immuntherapien, mit denen das körpereigene Abwehrsystem so aktiviert wird, dass es Krebszellen erkennen und zerstören kann, gelten als Durchbruch in der Krebsmedizin. Branchenriesen wie Roche, Bristol-Myers Squibb, Merck & Co und AstraZeneca liefern sich auf dem lukrativen Gebiet ein Rennen um die Vorherrschaft. Vergangenes Jahr hatte Bristol-Myer mit seiner Krebs-Immunarznei gegen Lungenkrebs einen Rückschlag zu verkraften: Opdivo wirkte nicht wie erhofft bei Patienten, die in einem fortgeschrittenen Stadium erkrankt sind und noch nicht gegen Lungenkrebs behandelt wurden.

Bitter ist für Roche zusätzlich, dass die FDA am Dienstag die vom deutschen Merck-Konzern und Pfizer entwickelte Krebs-Immuntherapie Bavencio auch zur Behandlung von Blasenkrebs zugelassen hat.

(Handelsblatt, 10.5.17, reuters)

 

 

Milliarden mit dem Krebsmittel

An Bavencio entscheidet sich die Zukunft von Merck

In Darmstadt haben sie endlich ein neues Krebsmedikament. Milliarden soll es Merck einbringen – wenn Trump und die deutschen Kassen mitspielen.

Auch eher abseitige Kenntnisse können zu großen Durchbrüchen führen. Stefan Oschmann, früher Pharma- und heute Konzernchef bei Merck, beherrscht ein paar Brocken der persischen Landessprache Farsi. Die nutzte er, als er einmal das hauseigene Forschungszentrum in Boston besuchte.

Beim Plausch mit einer iranischen Forscherin erklärte die ihm, sie arbeite an einer Immuntherapie, die körpereigene Abwehrkräfte gegen Krebszellen stärke. Ein vielversprechendes Projekt – nur dass sich leider niemand dafür interessiere. Oschmann schon. Spontan, so die Legende bei Merck, habe der persisch parlierende Chef einige Millionen Euro und ein gutes Dutzend Mitarbeiter zugesagt.

Heute, sechs Jahre später, soll sich diese an sich überschaubare Investition auszahlen. Nach Jahrzehnten, in denen es aus Mercks Forschungspipeline allenfalls tröpfelte, will Oschmann mit dem Medikament Bavencio die Krebsbehandlung revolutionieren. Und endlich mal mit Pharma richtig Kasse machen. Oschmann selbst spricht von einem „historisch wichtigen Ereignis“. Analysten rechnen mit Milliarden. An Bavencio, so viel ist klar, hängt die Zukunft des Merck-Pharmageschäfts – denn langjährige Umsatzbringer wie Rebif gegen multiple Sklerose und das Krebsmittel Erbitux sind in die Jahre gekommen. Und so jubelte die Börse, Anleger kauften den Aktienkurs nach oben, als Merck kürzlich eine erste Zulassung für Bavencio bekam.

Womöglich kam der Jubel etwas früh, denn ein Selbstläufer wird das Mittel nicht. Zum einen schläft Mercks Konkurrenz auch bei Immunpräparaten nicht. Zum anderen prallt das selbst erklärte Pharmawunder auf politischen Widerstand: In den USA kämpft Donald Trump, Obamacare hin oder her, gegen überhöhte Arzneipreise. Und auch in Deutschland wollen Politiker verhindern, dass die Pharmariesen mit der Tumorbehandlung ungeniert und ungehindert Kasse machen.

Der Markt würde das Kassemachen wohl hergeben. Krebs ist in allen Industrienationen auf dem Vormarsch, allein in Deutschland erkrankt jährlich eine halbe Million Menschen neu, etwa 200.000 sterben jährlich daran. Immunpräparate, die körpereigene Abwehrkräfte dazu bringen, den Tumor als Feind zu erkennen und anzugreifen, versprechen Heilung oder zumindest ein längeres Leben. Erste Erfolge gibt es: „Viele Patienten mit rasch fortschreitendem Krebs sind auf einmal stabil und haben seit Monaten, einige seit Jahren, keinen Rückfall mehr erlitten“, sagt Bernhard Wörmann, Krebsmediziner an der Charité in Berlin.

Merck Das erste neue Medikament seit neun Jahren

Nach nur zwei neuen Medikamenten in 14 Jahren, soll das neue Medikament Avelumab den Durchbruch für Merck bringen. Im Feld der Krebsimmuntherapie hat das noch weitere Eisen im Feuer.

Die US-Behörde FDA hat deshalb Bavencio für eine erste Anwendung zugelassen, die Genehmigung für Europa soll später im Jahr folgen. Ärzte können das Mittel jetzt erst einmal nur bei einer sehr seltenen Art von Hautkrebs einsetzen. Am Merkelzellkarzinom leiden in Europa und den USA nur rund 5000 Patienten. Analysten kalkulieren deshalb zurückhaltend mit einem jährlichen Spitzenumsatz von maximal 300 Millionen Euro.

Der Vorteil der Bescheidenheit: Ein Mittel, das gegen eine seltene Krankheit angewandt wird, sichert sich automatisch das Wohlwollen der Behörden. Die fordern dann weniger aufwendige Studien als für breit anwendbare Mittel, sie bieten finanzielle Anreize und eine schnellere Zulassung. So gefördert, sind Mittel gegen seltene Erkrankungen bei Big Pharma mittlerweile beliebt. Das Geschäft dürfte in den kommenden Jahren doppelt so schnell wachsen wie das mit klassischen Präparaten.

(WirtschaftWoche, 14. April 2017, Jürgen Salz /Jacqueline Goebel)

 

 

 

Hohe Medikamentenpreise

Das Geschäft mit Krebs: Handel mit der letzten Hoffnung

Ein teures neues Medikament soll Brustkrebs für einige Monate stoppen. Es wird Hersteller Pfizer dieses Jahr einen Milliarden-Umsatz einbringen. Im «Kassensturz» warnen Krebsärzte und Gesundheitsökonomen: Bald könnten solch teure Krebsmedikamente nicht mehr allen Kranken zur Verfügungen stehen.

«Die Politik muss jetzt handeln», sagt Beat Thürlimann, Chefarzt im Brustkrebszentrum des Kantonsspitals St. Gallen. Der Onkologe befürchtet, dass bald nicht mehr alle Patienten von den neusten Medikamenten profitieren können: «Das Schlimmste wäre, wenn uns ein gutes neues Medikament nicht zu Verfügung stünde, weil es zu teuer ist.» Thürlimanns Sorge: Hochpreisige Krebsmedikamente könnten zu Rationierung führen und den gerechten Zugang für alle Krebskranken gefährden.

Monatspackung für 10‘000 Dollar: «Solche Preise sind irrsinnig»

Das aktuellste Beispiel dieser Diskussion heisst Ibrance, ein Medikament für die Behandlung von Brustkrebs mit Metastasen. Ibrance kann den Krebs nicht heilen. Es soll aber das Fortschreiten der Krankheit um einige Monate aufhalten. Seit heute ist der Preis in der Schweiz bekannt, das Medikament kostet 4‘145.50 Franken pro Monat.

Finanzanalysten schätzen, dass US-Hersteller Pfizer allein mit diesem Präparat dieses Jahr weltweit einen Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar machen wird. In der Branche nennt sich ein solches Medikament «Blockbuster».

Rationierung bei Umsatzrennern

Krebsspezialist Thürlimann behandelt bereits mit Ibrance. Bis zur offiziellen Preisfestsetzung bekommen Patientinnen das Medikament kostenfrei. Eine davon ist Manuela J. Seit zwölf Jahren lebt sie mit der Diagnose Brustkrebs. Mittlerweile hat sie Metastasen in Knochen, Leber und Lunge. «Von Heilung kann ich in meiner Situation nicht sprechen», sagt die 50-Jährige. «Das Wichtigste für mich ist eine gute Lebensqualität, damit ich noch arbeiten und für meine Familie da sein kann.» Die Preise der Medikamente seien «verrückt», aber solche Überlegungen müsse sie zur Seite schieben: «Bei mir geht es ums nackte Überleben.»

«Irrsinnige Medikamentenpreise»

Von «irrsinnigen» Medikamentenpreisen spricht auch der Tessiner Krebsspezialist Franco Cavalli: «Es gibt neue Medikamente, die 15‘000 bis 16‘000 Franken pro Monat kosten.» Gerade beim Krebs müssten mehrere Medikamente zusammen verabreicht werden. «Mit diesen Kombinationsbehandlungen kommen wir bis eine halbe Million pro Jahr», stellt der ehemalige SP-Nationalrat fest. «Das sind Kosten, die niemand tragen kann.» Losgelöst von Forschung- und Herstellungskosten diktiere die Pharma den Peis.

Das widerspiegelt sich in den Ausgaben für Krebsmedikamente in der Grundversicherung. In den letzten zehn Jahren sind die Kosten auf das Dreifache angestiegen: von 213 Millionen Franken auf 636 Millionen. Guido Klaus von der Krankenkasse Helsana kritisiert, dass weder Kassen noch Patientenorganisationen gegen einmal festgelegte Pharmapreise vorgehen könnten. «Behörden müssen genau hinschauen, ob das Kosten-Nutzen-Verhältnis von solch teuren Medikamenten stimmt», sagt Klaus. Bei günstigeren Alternativen müsse das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auch Präparate von der Liste der kostenpflichtigen Medikamente streichen: «Da braucht es mutige Entscheide.»

Nutzen bei Zulassung oft unbekannt

Der Nutzen neuer Medikamente ist bei der Zulassung oft unklar. Eine Studie des renommierten österreichischen Ludwig Boltzmann Instituts hat 2016 die Daten der Krebsmedikamente analysiert, die in den letzten Jahren zugelassen worden sind. Das Fazit ist ernüchternd: «Zum Zeitpunkt der Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde ist bei vielen Medikamenten der tatsächliche Nutzen nicht bekannt.» Nur gerade jedes zehnte Medikament kann das Leben im Schnitt um über 100 Tage verlängern.

«Das beste Medikament wird unbezahlbar»

In Bern macht Klazien Matter-Walstra für die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) aufwendige Kosten-Nutzen-Analysen von neuen Medikamenten. Die Gesundheitsökonomin beobachtet, dass sogar ältere Krebsmittel in der Preisspirale mit nach oben gezogen werden: «Wenn man das weiter denkt, dann wird das beste Medikament, das es je geben wird, nicht mehr bezahlbar sein.»

Matter-Walstra stellt fest, dass das Gesundheitssystem nicht wie ein normaler Markt funktioniert: «Je mehr vergleichbare Medikamente verfügbar sind, je teurer werden sie. Nicht günstiger.»

Ibrance zu teuer für England

Die hochpreisigen Krebsmedikamente werden für die Gesundheitssysteme weltweit zur Zerreissprobe. In England verlangt Pfizer so viel, dass Ibrance den Bruskrebspatientinnen vorerst nicht bezahlt wird. Ein gewonnenes, qualitätbereinigtes Lebensjahr würde 180'000 Franken kosten. Zu teuer im Verhältnis zum Nutzen.

«Umsatz von maximal 10 Millionen Franken»

Ab März ist Ibrance auf der Spezialitätenliste der kostenpflichtigen Medikamente. Damit sei die Schweiz eines der weltweit ersten Länder, das schwerkranken Patientinnen das Medikament vergüte, schreibt Pfizer. Das BAG habe die Erstattung von Ibrance durch die Krankenkassen gewährt, weil das Medikament die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfülle. «Aufgrund der jährlichen Therapiekosten von Ibrance ist ein Umsatz von über 10 Millionen Franken pro Jahr nicht zu erwarten.» Das Mittel gehöre zu einer neuen Klasse von Krebsmedikamenten und stelle bei metastasiertem Brustkrebs «einen potenziellen neuen Massstab für die Behandlung» dar.

«Bei Krebs akzeptieren Behörden jeden Preis»

Bei Krebsmedikamenten sei es für die Pharmaindustrie viel einfacher, hohe Preise durchzuboxen, sagt Krebsforscher Franco Cavalli: «Jeder fürchtet sich vor Krebs, und deshalb haben die Behörden auch nicht den Mut zu sagen, «Nein, diesen Preis akzeptieren wir nicht.»

Daniel Bach vom BAG widerspricht: «Das sind zum Teil harte Verhandlungen.» Vor allem ausländische Firmen würden nicht von ihren Preisvorstellungen abrücken wollen. «Sie haben kein Interesse daran, uns Rabatt zu geben», sagt Bach. Denn der Schweizer Preis sei für andere Länder Referenz. Werde der Schweizer Preis reduziert, schwäche dies für die Pharmahersteller auch in anderen Ländern das Geschäft.

«Jeder gewonnene Tag ist ein Geschenk»

Krebsspezialist Beat Thürlimann fordert dringend andere Preismodelle: «Neue Medikamente müssen sich künftig viel mehr an ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit messen lassen.» Als Arzt will er allen die beste Behandlung anbieten. Bei Manuela J. hat Ibrance allerdings ungenügend funktioniert. Im Wettlauf gegen den Krebs bekommt sie bereits das nächste Präparat. «Ich weiss nicht, wieviel Zeit ich noch hätte, wenn ich keine Medikamente nehmen würde,» sagt die zweifache Mutter. «Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat an Leben ist ein Geschenk». Wieviel diese Zeit kosten dürfe, sagt ihr Onkologe, müsse die Gesellschaft entscheiden.

(srf, 28.2.17, Nadine Woodtli)

 

 

 

Krebs – die vergessene Gefahr für den Sozialstaat

Das Land streitet über Rente und Pflege – und vergisst das wichtigste Gesundheitsthema: Krebs. Die Zahl der Erkrankungen wird drastisch steigen. Und den Sozialstaat an den Rand des Kollapses bringen.

Deutschland vergreist. Erstens gibt es immer mehr Alte. 1950 war einer von Hundert Deutschen 80 Jahre alt oder älter, was 700.000 Menschen entsprach. Heute sind es bereits 4,4 Millionen und somit mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Und bis 2030 dürften noch einmal fast zwei Millionen dazukommen. Dann werden hierzulande 6,2 Millionen über 80 Jahre sein. Also fast zehnmal mehr als Mitte des letzten Jahrhunderts. Einer von zehn Deutschen wird dann ein Greis sein.

Zweitens werden die Alten immer älter. 1950 lag die weitere Lebenserwartung für die damals 60-jährigen Männer noch bei 16 Jahren und für Frauen bei 17 Jahren. Die heute 60-jährigen Männer können hingegen damit rechnen, noch mehr als 21 zusätzliche Jahre zu leben, Frauen sogar 25 Jahre.

Der Trend zu einem längeren Leben wird sich in diesem Jahrhundert fortsetzen. Allerdings wird sich wohl das Fortschrittstempo verlangsamen. Auch künftig dürfte sich die Lebenserwartung der über 60-Jährigen pro Dekade um ein weiteres Jahr verlängern. Das bedeutet: Mädchen des Geburtsjahrganges 2030 werden im Durchschnitt 85 Jahre alt werden, Knaben über 80 Jahre. Wer 2016 als Mädchen zur Welt kommt, darf hingegen nur auf ein 83 Jahre langes Leben hoffen. Für Knaben sind es 78 Jahre.

Medizintechnik verändert das Leben der Älteren

Das gesteigerte Bewusstsein für gesunde, lebensverlängernde Verhaltensweisen und auch die ökonomischen Möglichkeiten, mehr für Prävention und Therapie ausgeben zu können, sind die Treiber der steigenden Lebenserwartung. Ebenso spielt der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft eine wichtige Rolle.

Harte körperliche und gefährliche Tätigkeiten haben ab-, die Sicherheit am Arbeitsplatz hat zugenommen. Da fällt es eher weniger ins Gewicht, dass als Folge der Schreibtischarbeit Deutsche zu viel sitzen und sich zu wenig bewegen.

Vor allem aber schaffen Fortschritte der Medizin und der Pharmazie sowie neue Technologien in der Medizintechnik wunderbarerweise die Voraussetzungen, den Gesundheitszustand aller, vor allem aber der Älteren zu verbessern und mehr Menschen denn je ein gesundes Leben bis ins hohe Greisenalter zu ermöglichen. Selbst schwere Erkrankungen, gravierende Kreislauf- oder Herzprobleme etwa, können heute erfolgreich bekämpft werden.

Gesundheitswesen wird zum Opfer des eigenen Erfolgs

Die für alle steigende Lebenserwartung führt dazu, dass das Gesundheitswesen gewissermaßen Opfer seines eigenen Erfolgs wird. Weil heute vieles möglich ist, was gestern noch undenkbar war, werden auch mehr Menschen länger als jemals zuvor teure Gesundheits- und Pflegeleistungen einfordern.

Die EU-Kommission prognostiziert, dass für Deutschland die jährlichen öffentlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege von 19 Prozent des BIP im Jahre 2013 auf 21,7 Prozent im Jahre 2030 und auf 23,8 Prozent im Jahr 2060 steigen werden. Das bedeutet für den deutschen Staatshaushalt Zusatzkosten von fast einer halben Billion Euro.

Krebsbehandlung ist extrem teuer

Wie der Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach in seinem Buch "Die Krebs-Initiative" eindrücklich zeigt, wird vor allem der Krebs Deutschland erobern: "Langfristig ist Krebs die wichtigste Epidemie unserer Zeit, die sich unaufhaltbar ausbreitet." Nach seiner Prognose wird jeder zweite Deutsche an Krebs erkranken, was zu einer gewaltigen Kostenlawine führen wird.

Es ist zugegebenermaßen zynisch, aber trotzdem richtig. Die steigende Lebenswartung wird zum größten Krebsrisiko der künftigen Alten des 21. Jahrhunderts, also der Babyboom-Generation der 1960er-Jahrgänge. "Sie erhöht das Krebsrisiko deutlich mehr, als alle bekannten Vorbeugemöglichkeiten es reduzieren könnten" – so Lauterbach.

Die deutsche Gesellschaft wäre also sehr gut beraten, sich weniger über Rente oder Pflege und viel mehr über Krebs Gedanken zu machen. Mehr Menschen werden an Krebs erkranken als pflegebedürftig werden.

"Pflegebedürftig sind Menschen in der Regel wenige Monate am Ende ihres Lebens, an Krebs leidet man häufig ein ganzes Jahrzehnt. Krebs jedoch kostet allein in einem Jahr oft so viel wie die gesamte Pflege eines Menschen im Alter" schreibt Karl Lauterbach.

Schmutzige Debatten beim Thema Krebs in Sicht

Es ist an der Zeit, den demografischen Wandel nicht nur als Prozess der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung zu diskutieren. Und angesichts der menschlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Folgeeffekte einer an Krebs erkrankenden Gesellschaft scheint die Verhältnismäßigkeit aus den Fugen zu geraten, wenn heftige und schmutzige Debatten darüber geführt werden, ob es Deutschland schaffen kann, mit einer als Folge der Zuwanderung um ein oder auch zwei Prozent wachsenden anstatt schrumpfenden Bevölkerung klarzukommen.

Für Deutschlands Zukunft wird es bei Weitem bedeutsamer sein, wie Sozialstaat und Wirtschaft einerseits, Betroffene und Gesellschaft andererseits, mit der Invasion der Krebserkrankungen umgehen.

Wer soll wieweit von den Fortschritten der Krebsbekämpfung profitieren können und wer muss dafür wie viel bezahlen? Das sind die wirklich wichtigen Fragen, die eine Gesellschaft umtreiben sollten, in der eine krebsfreie Familie in Zukunft zur Ausnahme und der Fall, dass Familienangehörige an Krebs erkranken, die Regel wird. Sie gehören auf der politischen Agenda ganz nach oben. Jetzt.

(Die Welt, 10.8.16, Thomas Straubhaar)

 

 

 

Kampf gegen Krebs

Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag

Ein heftiger Rückschlag im Kampf gegen Lungenkrebs hat am Freitag 35 Milliarden Dollar Börsenwert bewegt. In der hochgelobten Krebsimmuntherapie schlummern kommerzielle Risiken – auch für Anbieter wie die deutsche Merck.

(Frankfurt) Seit gut vier Jahren sorgt die Krebsimmuntherapie für Furore in der Pharmabranche. Wirkstoffe, die das Immunsystem gegen Tumorzellen aktivieren, lieferten überraschende gute Ergebnisse in diversen klinischen Studien, und heizten damit sowohl die Investitionen der Pharmafirmen als auch die Erwartungen der Analysten an.

Nun jedoch erlebte das Konzept seinen ersten großen Rückschlag: Eine große Studie des US-Konzerns Bristol-Myers Squibb (BMS) mit seinem Wirkstoff Opdivo verfehlte bei der Behandlung von Patienten mit Lungenkrebs das Ziel, den Krankheitsfortschritt stärker zu verzögern als die Standardtherapie. Das Ergebnis wirkte auf Investoren wie ein Schock, die BMS-Aktie verlor am Freitag knapp 16 Prozent. Das entspricht rund 20 Milliarden Dollar Verlust an Börsenwert.

Hintergrund sind die bislang enormen Erwartungen für das Umsatzpotenzial des Wirkstoffs. BMS gilt als Pionier und bisher führendes Unternehmen im Bereich der Krebsimmuntherapie und Opdivo als Top-Wirkstoff in dieser Produktklasse. Das Mittel ist bereits gegen Hautkrebs sowie in der so genannten Zweitlinientherapie gegen Lungen- und Nierenkrebs und gegen bestimmte Formen von Lymphdrüsenkrebs zugelassen. Das heißt, es darf dort eingesetzt werden, soweit andere Therapien nicht wirken.

Große Hoffnungen ruhten indessen darauf, dass Opdivo auch zum Mittel der ersten Wahl bei Lungenkrebs werden könnte. Das sollte die so genannte Checkmate-Studie belegen, die nun aber scheiterte.

(Handelsblatt, 8.8.16, Siegfried Hofmann)

 


 

Krebs-Markt

Bis 2020 jährlich zehn Prozent Zuwachs?

Die Krebs-Pipeline der Industrie ist prall gefüllt. Das Marktwachstum bleibt aber vergleichsweise moderat.

PARSIPPANY. Die Onkologie ist dasjenige Teilgebiet, auf dem sich forschenden Pharmafirmen seit Jahren am stärksten engagieren. Trotzdem wachsen auch hier die Bäume nicht in den Himmel: Bis 2020, prognostiziert das Beratungsunternehmen IMS Health in einem neuen Report, wird der weltweite Umsatz mit Krebsmedikamenten zu Herstellerabgabepreisen jährlich zwischen 7,5 Prozent und maximal 10,5 Prozent auf dann 150 Milliarden Dollar (nach heutigem Kurs 132 Milliarden Euro) zulegen.

 Mit einer linearen Fortsetzung des starken Verkaufswachstums der vergangenen Jahre - von wechselkursbereinigt knapp vier Prozent Plus in 2011 auf 11,5 Prozent Marktzuwachs in 2015 - ist demnach nicht zu rechnen. Im Gegenteil schwächt sich die Wachstumsdynamik pro anno sogar leicht ab.

2015 erreichten die Erlöse im weltweiten Krebsmittelgeschäft 107 Milliarden Dollar. Rund die Hälfte des globalen Gesamtumsatzes mit Onkologika entfiel zuletzt auf die USA (48,5 Prozent); hier zog das Verkaufswachstum mit 13,5 Prozent voriges Jahr überdurchschnittlich an. Knapp 22 Prozent des Marktes wurden 2015 in den fünf größten EU-Märkten erwirtschaftet.

Laut IMS arbeiten derzeit mehr als 500 Firmen an neuen Krebsmitteln, fast 600 Wirkstoffe befänden sich in fortgeschrittenen klinischen Prüfphasen. Die häufigsten Indikationen dieser Kandidaten seien nicht-kleinzelliger Lungenkrebs, Brustkrebs, Prostata-, Ovarial- und Kolorektalkarzinom.

Bei rund der Hälfte der reifen Pipelinekandidaten handele es sich um rekombinante Substanzen, einschließlich 16 Gentherapien, mehr als 80 monoklonalen Antikörpern sowie 15 Biosimilars. Auf Krebs-Projekte entfielen aktuell 87 Prozent der späten klinischen Projekte der forschenden Pharmaindustrie.

Seit 2010 wurden dem Report zufolge 70 neue Krebsmittel für insgesamt 20 Tumor-Anwendungen zugelassen; in den Zulassungsdossiers besonders häufig vertretene Indikationen waren Lungenkrebs (10 neue Wirkstoffe), Leukämie (8), Melanom (8) multiples Myelom (6) und Lymphome (10). Die Einführungsgeschwindigkeit und damit die Verfügbarkeit der neuen Mittel steht auf einem anderen Blatt: Von 49 neuen Wirkstoffen, die zwischen 2010 und 2014 in den Markt kamen, waren laut IMS Ende 2015 weniger als die Hälfte in den sechs großen westlichen Märkten (USA, Deutschland, UK, Frankreich, Italien und Kanada) erhältlich. Erste Krebs-Immuntherapeutika seien in den meisten Industrieländern verfügbar; in Entwicklungsländern jedoch sei noch keine einzige Immuntherapie zugelassen.

(Ärzte Zeitung online, 9.6.16, cw)

 

 

Studie zu Krebs-Toten

Finanzkrise trug zum Tod von 500.000 Krebskranken bei

Arbeitslosigkeit und Einschnitte im Gesundheitswesen nach der Finanzkrise haben dazu geführt, dass viele Krebspatienten weltweit nicht angemessen behandelt wurden. Das ergibt eine Studie des Londoner Imperial College.

Studie zu Krebstoten während der Finanzkrise

ParisDie Finanzkrise hat einer Studie zufolge zwischen 2008 und 2010 weltweit zum Tod von zusätzlich einer halben Million Menschen durch Krebs beigetragen. Zahlreiche Patienten hätten nicht mehr angemessen behandelt werden können, weil sie arbeitslos geworden oder Einschnitte im Gesundheitswesen vorgenommen worden seien, heißt es in der am Donnerstag im Magazin „The Lancet“ veröffentlichten Studie des Londoner Imperial College.

Demnach beobachteten die Forscher, dass jeder Anstieg der Arbeitslosigkeit und jeder Rückgang der Gesundheitsausgaben zu einem Anstieg der Krebstoten führt. Die Zahl der zusätzlichen Krebsopfer werde in den Mitgliedsländern der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) auf 260.000 geschätzt, weltweit könne dann von mehr als 500.000 zusätzlichen Todesopfern durch Krebs ausgegangen werden. Allein in der EU seien schätzungsweise 160.000 Menschen zusätzlich an Krebs gestorben.

„Krebs ist eine der Haupttodesursachen weltweit“, sagte der Studienautor Mahiben Maruthappu vom Imperial College. „Wir haben herausgefunden, dass ein Anstieg der Arbeitslosigkeit mit einem Anstieg der Krebs-Mortalität einhergeht.“ Eine allgemeine Krankenversicherung schütze gegen diese Auswirkungen, insbesondere sei dies bei gut behandelbaren Krebserkrankungen wie Brust-, Prostata- und Darmkrebs zu beobachten.

Die Wissenschaftler bedienten sich für ihre Studie unter anderem aus Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank zu mehr als 70 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von mehr als zwei Milliarden Menschen. Dabei analysierten sie die Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit, Ausgaben für das Gesundheitswesen und der Krebssterblichkeit seit 1990 bis 2010.

Das Ergebnis war: Jeweils ein Prozent weniger Ausgaben für das Gesundheitswesen führte zu 0,0053 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Einwohnern. Als zusätzliche Todesfälle werden solche Fälle bezeichnet, die unter günstigeren Umständen nicht aufgetreten wären.

(Handelsblatt, 27.5.16)

 

 

Medikamentenpreise

Heilung nur für Reiche

Krebspatienten in ärmeren Ländern Europas müssen oft mehr für eine gute Therapie bezahlen als etwa Deutsche. Welche Rolle spielt dabei die Pharmaindustrie?

Jelena Blicava, 37, sitzt in einem Café in der lettischen Kleinstadt Ogre neben ihrem Mann Mãris und isst Apfelkuchen. Eine gutaussehende Fraumit langen Haaren und offenem Lächeln. Es ist schwer vorstellbar, dass sie vor einigen Monaten noch mit dem Tod rang.

Ihr Leben änderte sich Ende 2014, als sie wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus kam. Die Ärzte diagnostizierten Dickdarmkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Operation verlief erfolgreich, aber die Ärzte empfahlen ihr eine weitere Behandlung mit Avastin, einem neueren Medikament des Schweizer Herstellers Roche, das mit einer traditionellen Chemotherapie verabreicht wird. Blicava brauche zur Behandlung 12 Dosen à drei Ampullen alle zwei Wochen. Die staatliche Krankenversicherung Lettlands übernimmt die Kosten dafür nicht. Das Ehepaar war schockiert, als es den Listenpreis des Mittels erfuhr: 485 Euro. Inklusive eines Apothekenrabatts, den die Blicavas bekommen hätte, blieben für das Paar immer noch 416 Euro zu zahlen. Die Familie hätte alle zwei Wochen rund 1250 Euro aufbringen müssen. Dabei lebten sie gerade mal von rund 1000 Euro im Monat.

„Wir schämen uns“

Aber für Mãris Blicava war klar: „Die einzige Frage war, wie wir das Geld auftreiben können.“ Die Familie verbrauchten ihre Ersparnisse, borgte sich Geld bei Verwandten, Freunden und Kollegen. So konnte sie die ersten zwei Dosen zahlen. Mãris’ Arbeitgeber übernahm zwei weitere, Roche gab zwei gratis ab. Das Paar hatte Glück: Die Resultate waren gut, sechs Dosen reichten. „Wir hätten nicht gewusst, wie wir weitere hätten bezahlen können“, sagt Mãris.

Vielen Krebspatienten in ärmeren Staaten, gerade in denen des ehemaligen Ostblocks, ergeht es ähnlich: Die staatlichen Krankenversicherer erstatten nur selten neuere Medikamente. Dabei haben sich weltweit laut der Weltgesundheitsorganisation die Durchschnittspreise neuer Krebs-Präparate in zehn Jahren von 4500 auf 9000 Euro im Monat verdoppelt. Osteuropäische Länder geben nach den neusten Zahlen rund 180 Euro pro Jahr und Patient für Medikamente aus. Deutschland investiert laut der OECD rund das Dreieinhalbfache - rund 620 Euro pro Patient.

Für Patienten und Krankenversicherungen in ärmeren europäischen Ländern ist das verheerend. Lettlands Regierung verbaut Krebskranken weitgehend den Zugang zu neueren Medikamenten. Sie ließ sich zum Beispiel zehn Jahre Zeit, um das teure Brustkrebsmittel Herceptin von Roche nach der EU-Zulassung zur Erstattung zuzulassen. Patienten bekommen derzeit von der staatlichen Krankenversicherung NHS nur fünf der in Europa normalerweise erstatteten 30 neuen Krebsmittel bezahlt. Inese Kaupere vom NHS rechtfertigt das mit ihrem begrenzten Budget und den zu hohen Preisen, die die Hersteller verlangen: „Diese sind inkompatibel mit unserer Kaufkraft.“ Die Folge: Wer dort an Dickdarm-, Lungen- oder Hautkrebs erkrankt, wird mit veralteten Therapien behandelt. Der Chef der Lettischen Vereinigung der Chemotherapeuten, Gunta Purkalne, sagt: „Wir schämen uns, wenn wir Kollegen im Ausland verraten, welche Medikamente wir benutzen.“

Die Regierung konnte bei den Herstellern, deren Medikamente sie erstattet, zwar Rabatte herausholen. Doch die Hersteller setzten durch, dass diese geheim und die Listenpreise unverändert hoch bleiben. Denn die Pharmakonzerne fürchten: Zwischenhändler würden günstigere Präparate sofort nach Westeuropa exportieren und die Umsätze der Hersteller schmälern.

Zudem sorgen sich Hersteller um negative Effekte von Auslandpreisvergleichen: Die nationalen Behörden fast aller EU-Staaten schauen sich nämlich an, was ein Medikament in anderen Ländern kostet. Erst dann setzen sie den Preis im eigenen Land fest. Die Preise in Lettland bestimmen direkt etwa die Preise in Belgien, Finnland oder Italien mit, deren Preise wiederum von anderen EU-Ländern genutzt werden. Die Hersteller fürchten Kettenreaktionen. Beispiel Griechenland: Eine Studie des europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrie von 2012 zeigt, dass die Hersteller bei einer Senkung der Medikamentenpreise in Griechenland um zehn Prozent im Land selbst 299 Millionen Euro Umsatz pro Jahr verlieren. Europaweit würden sie 799 Millionen Euro und weltweit über zwei Milliarden Euro pro Jahr einbüßen. Grund: Die Preissenkung in Griechenland drückt wegen des Auslandpreisvergleichs indirekt die Preise etwa in Italien, der Türkei und Portugal.

Neuere Krebsmittel wie Perjeta, Avastin oder Kadcyla, die der Staat nicht zahlt, kosten in lettischen Apotheken daher mindestens so viel wie in reichen Ländern Westeuropas. Das zeigt ein Vergleich der Listenpreise der lettischen Agentur für Heilmittel mit Preisen in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien. Der große Unterschied: Pro Monat verdienen Letten laut dem Lettischen Statistikamt im Schnitt 700 Euro, ein Fünftel des deutschen Durchschnittslohns. Die Ärztin Signe Plate vom lettischen Onkologie-Zentrum kennt Patienten, die für eine Krebsbehandlung ihre Häuser verkaufen.

Präparate in Bulgarien teurer als in Großbritannien

Kãrlis Liepiš, dessen Name eigentlich anders lautet, hatte diese Möglichkeit nicht. Im Juli 2015 bekam der 32-Jährige die Diagnose Dickdarmkrebs. Nach dem Eingriff rieten die Ärzte ihm ebenfalls zur Avastin-Behandlung. Doch Liepiš muss für einen dreijährigen Sohn und für das gesamte Familieneinkommen sorgen. 1000 Euro im Monat reichten da nicht aus, um auch noch eine Krebsbehandlung zu finanzieren. Liepiš entschied sich für eine günstigere Chemotherapie. Aber die ersten Resultate zeigen, dass diese nicht effektiv genug ist. „Avastin“, sagt er, „kann ich mir aber nicht leisten.“

Andere Länder, ähnliche Beispiele: Eine ältere bulgarische Brustkrebspatientin bekommt für ihre Chemotherapie seit kurzem eine Rechnung über 13 Euro ausgestellt und das für ein älteres Mittel. Für bulgarische Rentner ist das viel: Jeder fünfte muss mit 70 Euro im Monat durchkommen. Ihre erste Chemo im Dezember war noch gratis gewesen. Seit 2016 erstattet die staatliche Krankenversicherung NHIF das Medikament und 1033 weitere Präparate nicht mehr. Bulgariens nationale Krankenversicherung NHIF muss sparen: 2014 waren ihre Ausgaben für Krebsmittel um ein Viertel gestiegen - eine Folge höherer Preise, aber auch zahlreicher Betrugsfälle. Und 2015 kostete sie allein die Erstattung von neun neu zugelassenen teuren Krebsmedikamenten 15,3 Millionen Euro.

Braucht ein Patient nun eines der gestrichenen Medikamente, muss er selbst dafür aufkommen. Das gilt auch für zwölf Krebsmittel, für die es laut Stoycho Katsarov vom Zentrum zum Schutz der Rechte im Gesundheitswesen keinen adäquaten Ersatz gibt. Dabei sind viele der gestrichenen einfache, billige Präparate. Die teuren Krebsmedikamente der neueren Generation sind für bulgarische Normalverdiener mit ihrem Durchschnittslohn von 450 Euro im Monat ohnehin nicht erschwinglich: Von 20 gängigen Krebsmitteln kosten laut einem Report der Weltbank acht Präparate in Bulgarien mehr als in Großbritannien. Nur drei sind billiger, der Rest etwa gleich teuer.

Rumäniens rund 110.000 Krebspatienten bekommen oft gar keine Medikamente. Die staatliche Krankenversicherung CNAS hat seit fünf Jahren keine neuen Krebsmittel als erstattungswürdig anerkannt. Von 2008 bis 2013 waren zudem 25 bewährte Krebsmedikamente im Land nicht erhältlich. Viele sind heute noch nicht verfügbar, sagt Alexandru Eniu vom Krebsinstitut Ion Chiricu in Cluj-Napoca.

Die Nationale Agentur für Patientenschutz erhielt 2015 Hunderte Beschwerden von Patienten, die von Ärzten Rezepte hatten, um Medikamente zu kaufen, die gratis hätten vorhanden sein müssen. Als eine Hauptursache der Engpässe gilt der Parallelhandel: Die Hersteller beliefern rumänische Händler zwar mit Medikamenten. Laut einem Großhandels-Experten, der anonym bleiben will, exportieren die fünf wichtigsten Zwischenhändler Medikamente für bis zu 700 Millionen Euro pro Jahr aber zurück ins Ausland, 22 Prozent des Gesamtumsatzes.

Den Exportfirmen winken bei der Ausfuhr des Krebsmittels Mabthera etwa nach Deutschland Zusatzprofite von bis zu 20 Prozent. Mabthera dient vorwiegend zur Therapie von Tumoren im Lymphgewebe. Dabei ist das oft illegal. Rumänische Großhändler dürfen laut Gesetz maximal zehn Prozent ihres Lagerbestands ausführen. Die Exporte müssten sie melden. Doch die Behörden überwachen laut Kennern die Meldepflicht nicht. Außerdem droht Firmen bei Verstößen eine Strafe von höchstens 2200 Euro.

„Wir würden gewisse osteuropäische Länder am liebsten gar nicht beliefern.“

In vielen weiteren osteuropäischen Ländern ist die Versorgung von Krebspatienten ebenfalls schlecht: Die Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie veröffentlichte 2015 erste Ergebnisse einer Studie, die zeigte, dass neuere Wirkstoffe gegen Tumore in Ost- und Südeuropa viel seltener verfügbar sind als in West- und Nordeuropa. Es fehlen vor allem Medikamente zur Behandlung von schwarzem Haut-, Nierenzell- und Formen von Lungen- und Darmkrebs. Laut der Nichtregierungsorganisation „Health Action International“ in Amsterdam bieten Apotheken und Kliniken in Osteuropa häufig auch keine Generika an. Das zwingt Patienten, die teuren Originale zu kaufen.

Noch gibt es keine Statistiken, die zeigen, wie viele Krebspatienten in Europa aufgrund der Preisunterschiede frühzeitig sterben. Die Überlebenschancen von Krebskranken in Osteuropa sind laut einer Studie der Europäischen Vereinigung der Krebspatienten jedenfalls vierzig Prozent geringer als die von Patienten in Westeuropa.

Mitverantwortlich für die Misere ist die Hochpreispolitik großer Hersteller von Krebsmitteln wie Roche, Novartis, Celgene, Eli Lilly, Astra-Zeneca oder Bayer. In ihren Konzernzentralen in Basel, Leverkusen, London oder New Jersey tüfteln Hunderte von Spezialisten an Preisstrategien, lange bevor ein Produkt auf den Markt kommt. Die Zentrale entscheidet auch, ob das neue Präparat zuerst in Hochpreisländern wie Deutschland, Frankreich, Finnland oder der Schweiz auf den Markt kommt. Dann folgen Länder mit mittleren Preisen wie Holland oder Großbritannien. In ärmeren Ländern verzögern Konzerne gerne die Einführung. Ein hoher Pharma-Manager räumt ein: „Wir würden gewisse osteuropäische Länder am liebsten gar nicht beliefern.“

Acht mal mehr bezahlen als in Deutschland

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, sagt: „Die niedrigen Preise in Rumänien oder Bulgarien machen den Herstellern die Preise in West- und Nordeuropa kaputt.“ Schuld daran seien Rückkoppelungseffekte durch Auslandspreisvergleiche. Ein „Market Access“-Spezialist sagt: „Unser Ziel ist, keine großen Preisunterschiede zwischen den einzelnen Ländern zuzulassen.“

Für viele Insider ist unbestritten: Die Hersteller verzichten bei der Markteinführung eines neuen Krebsmittels lieber auf die Rückerstattung durch die staatliche Krankenversicherung, als zu niedrige Preise zu akzeptieren. So können sie ihre Präparate so teuer verkaufen, wie sie wollen. Und die internationalen Listenpreise hoch halten.

Viele Medikamente kosten deshalb nicht nur gleich viel in Osteuropa, sondern manchmal sogar mehr als in Westeuropa. Das zeigen Preisvergleiche und Studien. So muss ein lettischer Hautkrebspatient gemessen am Pro-Kopf-Einkommen seines Landes acht Mal mehr für das Roche-Präparat Zelboraf ausgeben als ein deutscher Patient.

Alternativen zu der umstrittenen Praxis

Roche und Novartis, die weltweit umsatzstärksten Onkologika-Hersteller, erklären auf Anfrage, dass sie ihre Preise mit nationalen Behörden abstimmten und dabei ihre Forschungsausgaben, die ökonomische Lage des Landes sowie den Nutzen ihres Produkts für Patienten und Gesellschaft berücksichtigen. Eine Roche-Sprecherin betont, man sei offen für neue Preislösungen. Ein Novartis-Sprecher sagt, man helfe auch Patienten, Zugang zu nötigen Medikamenten zu bekommen. Zu konkreten Preisen in Osteuropa äußern sich die Konzernsprecher nicht.

Die Europäische Union ist alarmiert. Eine Sprecherin sagt, die Europäische Kommission wisse, dass Auslandspreisvergleiche „negative Konsequenzen für den Zugang der Patienten“ zu Medikamenten haben könnten. Das Problem sei, dass alle 28 EU-Staaten die Preise erstattungsfähiger Medikamente selbst bestimmen. Die Kommission habe kein Mitspracherecht. Sie hat dennoch zwei Studien zu den negativen Folgen von Auslandspreisvergleichen in Auftrag gegeben.

Vor kurzem erschien nun eine der Studien. Es geht darin auch um Alternativen zu der umstrittenen Praxis. Hauptautorin ist die österreichische Gesundheitsökonomin Sabine Vogler. Sie fordert im Gespräch „erschwingliche Arzneimittelpreise, in denen sich auch die Kaufkraft eines Landes widerspiegelt“. Zudem sollten Rabatte transparent sein. Nur so lasse sich verhindern, dass Konzerne nationale „Schaufensterpreise“ wie in Lettland durchsetzten, die dazu führten, dass andere EU-Länder überteuerte Preise festlegten.

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.5.16, Eric Breitinger, Aleksandra Jolkina, Stanimir Vaglenov, Cristian Niculescu und David Leloup)

 

 

Gastkommentar von Marianne Thyssen

Der Kampf gegen Krebs fördert auch die Wirtschaft

Vor etwas mehr als zwei Monaten stieß die EU-Kommission eine breite europaweite Debatte über die sozialen Werte und Rechte in der heutigen Gesellschaft an. Die Ergebnisse dieser Debatte sollen letztlich in eine "europäische Säule sozialer Rechte" einmünden und Europa in sozialen Fragen auf ein "Triple A"-Niveau bringen. Auf ein "Triple A" im sozialen Bereich hinzuarbeiten bedeutet, den Alltag der Menschen zu verbessern, bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Entwicklungen wie der Globalisierung, der Veränderung von Arbeitsmodellen oder der Alterung der Gesellschaft.

Dazu gehört auch, die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer so zu verbessern, dass sie besser gegen Unfälle oder Berufskrankheiten geschützt sind. Der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz muss sich durch das gesamte Arbeitsleben ziehen, und genau darauf zielt mein Vorschlag ab: nämlich strengere EU-Vorschriften, mit denen die Gefährdung durch krebserregende Stoffe am Arbeitsplatz verringert wird. Krebs bildet das größte Gesundheitsrisiko für Arbeitnehmer in der EU. Zwar hat Krebs zweifellos vielfältige und komplexe Ursachen, aber umso klarer und einfacher sollte unsere Antwort sein: Wir müssen so weit wie möglich vermeiden, dass Arbeitnehmer krebserregenden Stoffen ausgesetzt sind.

Ich habe daher vorgeschlagen, neue Belastungsgrenzen für 13 krebserregende Stoffe am Arbeitsplatz einzuführen. Gegenwärtig sind rund 20 Millionen erwerbstätige Menschen in der EU mindestens einem dieser Stoffe ausgesetzt. Durch den Vorschlag können in den nächsten 50 Jahren 100.000 Menschenleben gerettet, noch mehr vor Krebsleiden bewahrt und nebenbei auch die durch Krebs verursachten ökonomischen Kosten gesenkt werden.

Für den Schutz und die Sicherheit der europäischen Arbeitnehmer zu sorgen, steht ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Aber auch die Arbeitgeber, die EU-Mitgliedstaaten und die Wirtschaft profitieren von dem Vorschlag: Die Arbeitgeber, weil sie ihre Arbeitskräfte besser schützen können, was wohl auch in ihrem Interesse liegt. Jetzt haben sie konkrete und messbare Größen, an die sie sich halten können, mit dem Ergebnis, dass ihnen dann länger gesunde, qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Die EU-Mitgliedstaaten profitieren, weil die Krankenkassen entlastet werden, weil weniger Kosten für die Behandlung und Nachsorge von Krebspatienten anfallen. Und die Wirtschaft insgesamt profitiert von einer höheren Produktivität und einer Entlastung der öffentlichen Finanzen.

Jedes Risiko auszuschalten ist nicht möglich, weder im Leben noch bei der Arbeit. Aber dort, wo wir Gefahren minimieren und Menschenleben retten können, müssen wir handeln. Das ist der Zweck meines Vorschlags, und ich werde mich dafür einsetzen, dass bei weiteren chemischen Stoffen neue Belastungsgrenzen eingeführt werden. Europa soll auch künftig nach Auswertung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und ausführlichen Gesprächen mit den Sozialpartnern in Fragen der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz weltweit Maßstäbe setzen.

Krebs bildet das größte Gesundheitsrisiko für Arbeitnehmer in der EU. Wir müssen so weit wie möglich vermeiden, dass sie krebserregenden Stoffen ausgesetzt sind.

(Wiener Zeitung, 12.5.16, Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Soziales und Beschäftigung)

 

 

Chinesische Wissenschaftler kommen zu neuen Erkenntnissen über Krebs

Ein Team chinesischer Wissenschaftler hat eine neue Methode zur Eindämmung aktiver Krebszellen entdeckt, wie China Youth Daily am Donnerstag berichtete.

Sie fanden heraus, dass ein Protein, RACK7, und ein Enzym, KDM5C, Mechanismen im Körper kontrollieren können, die später zu Krebs führen können. Die Befunde wurden von einem Forschungsteam am Institut für Biomedizinische Wissenschaft der Fudan-Universität gewonnen und in der Ausgabe vom 7. April des Wissenschaftsjournals Cell veröffentlicht.

Allerdings steht das Team bei der Wandlung der Erkenntnisse in konkrete Behandlung vor Schwierigkeiten. "Es wird mindestens fünf Jahre dauern, um ein Medikament zu entwickeln, wenn wir Investitionen dafür bekommen", so Lan Fei, führender Wissenschaftler des Forschungsteams. "Allerdings sind nur wenige chinesische Unternehmen bereit, fünf bis 15 Jahre lang zu warten, bis ihre Investitionen Ergebnisse bringen."

(China Youth Daily, .7.4.16)

 

 

Bill Gates investiert: Neues Startup will Krebs mit einfachem Bluttest erkennen

Milliardengeschäft winkt

Ein Unternehmen will einen Bluttest zu entwickeln, der zahlreiche Krebsarten im Anfangsstadium entdeckt. Dahinter steht kein Unbekannter. Der reichste Mann der Welt investiert in das Startup.

Grail heißt ein neues Startup, das sich ein sehr ambitioniertes Ziel gesetzt hat: Bis zum Jahr 2019 will man anhand eines Bluttestes erkennen können, ob sich Krebszellen im Körper eines Menschen befinden. Und zwar bevor der mögliche Tumor mit anderen Methoden nachgewiesen werden kann.

Grail-Gründer am Markt bekannt

Gründer des Startups ist ein börsennotiertes US-Unternehmen: Illumina, ein Hersteller von Geräten für die Gentechnik. Am Wochenende kündigte der Konzern das Spin-Off mit dem Namen "Grail" an. Der Name ist dabei nicht zufällig gewählt, denn er spielt auf "Holy Grail" an, da die Entwicklung eines derartigen Bluttests in Medizinkreisen tatsächlich von einigen als "Heiliger Gral" betrachtet wird.

Es winkt ein Milliardengeschäft

Konkret will das neue Startup das Blut von Testpersonen nach DNA-Fragmenten von Krebszellen durchkämmen. Wird DNA mit krebsverursachenden Mutationen gefunden, ist das häufig ein Hinweis auf einen sich bildenden Tumor - sogar dann, wenn dieser noch zu klein ist, um Symptome zu verursachen oder mit herkömmlichen Verfahren festgestellt zu werden.

Sollte es dem Unternehmen gelingen, einen funktionierenden Bluttest auf den Markt zu bringen, der zahlreiche Krebsarten bereits im Frühstadium erkennt und damit eine wirksame Bekämpfung möglich macht, winkt Grail ein Milliardengeschäft. Der CEO von Illumina, Jay Flatley erklärte: Wenn man in Studien nachweisen könne, dass der Grail-Test Krebs der Stufe 2 erkennen könne, gehe er davon aus, dass der Marktwert der Tests zwischen 20 und 40 Milliarden Dollar betragen könne. Sollte man im Rahmen der DNA-Tests sogar Stufe 1-Krebs nachweisen können, wäre sogar ein Marktwert von 100 Milliarden Dollar möglich, so Flatley weiter.

Risiko der Über-Diagnose

Doch das Geschäft birgt auch Risiken. Ein solcher Test bringe auch die Möglichkeit einer "Über-Diagnose" mit sich, so José Baselga, Arzt Chief Medical Officer am Memorial Sloan Zentrum, das gemeinsam mit Illumina eine Studie auf den Weg bringen will, um die Wirksamkeit des Tests zu untersuchen. Möglicherweise bekämen einige Patienten eine positive Krebsdiagnose für Krebsarten, die auf lange Sicht keine negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit gehabt hätten, so Baselga.

100 Millionen Dollar Kapital

Dennoch ist Früherkennung der Schlüssel zur Behandlung zahlreicher Krebsarten, davon zeigen sich Mediziner weltweit überzeugt. Das sehen auch Investoren der frühen Stunde so, die Grail bereits zum Start mit Kapital ausgestattet haben. Das Unternehmen verfügt eigenen Angaben zufolge über 100 Millionen Dollar Kapital. Das Geld kommt dabei nicht nur von Illumina, auch eine Reihe prominenter Namen haben Kapital investiert. Neben dem Venture Fonds von Amazon-Chef Jeff Bezos ist auch der reichste Mann der Welt, Bill Gates, als Kapitalgeber im Boot. Illumina will allerdings die Mehrheit am neuen Startup halten.

(Finanzen.net, 11.1.16)

 

 

Kooperationen

Sanofi-Aktie im Plus - Pharmakonzern stärkt Krebs-Forschung mit Milliarden-Investition

Der französische Pharmakonzern Sanofi will seine Krebs-Forschung mit Investitionen in Biotech-Firmen von insgesamt knapp 1,1 Milliarden Euro stärken. Das Sanofi-Papier lag 0,7 Prozent im Plus.

Der französische Pharmakonzern Sanofi will seine Krebs-Forschung mit Investitionen in Biotech-Firmen von insgesamt knapp 1,1 Milliarden Euro stärken. Dazu geht das Unternehmen nach eigenen Angaben von Montag eine Partnerschaft mit Innate Pharma ein und erhält für rund 400 Millionen Euro Zugang zu einer neuen Krebsimmuntherapie. Daneben weitet Sanofi die Zusammenarbeit mit Warp Drive Bio aus und investiert in einer neuen Finanzierungsrunde knapp 690 Millionen Euro in das 2012 gegründete US-Unternehmen. Künftig wollen beide gemeinsam nach Mitteln gegen Krebs und neue Antibiotika forschen.

Die Innate-Aktie sprang am Montag in Paris in einem leicht positiven Marktumfeld mehr als zwölf Prozent in die Höhe. Das Sanofi-Papier lag 0,7 Prozent im Plus.

Derzeit läuft die Forschung im Bereich der Krebsimmuntherapie auf Hochtouren, bei der das körpereigene Abwehrsystem mit Antikörpern aufgerüstet wird, damit es Tumorzellen erkennen und zerstören kann. Dabei gelten die US-Konzerne Bristol-Myers Squibb und Merck sowie Roche aus der Schweiz und der britische Rivale Astra-Zeneca als führend. Bisher sind allerdings nur wenige Medikamente zugelassen. Auch Novartis will die Forschung nun intensivieren und künftigte am Montag eine Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Surface Oncology an. Finanzielle Details wurden nicht bekanntgegeben.

(Börse-online, 11.1.16, Reuters)

 

 

Donau legt neue Versicherung für Diagnose Krebs auf

Die Donau Versicherung AG Vienna Insurance Group legt mit Jänner eine neue Versicherung auf, die eine sofortige Leistung bei der Diagnose einer bösartigen Krebserkrankung bietet. Drei Versicherungssummen – maximal 100.000 Euro – stehen zur Wahl. Teil des Produkts ist die Möglichkeit, eine professionelle Zweitmeinung einholen zu lassen.
Es handelt sich dabei um ein Angebot aus der Sparte Krankenversicherung, das ebenfalls Anfang 2016 an den Start geht: Die neue Versicherung für den Krankheitsfall Krebs bietet eine sofortige Leistung, wenn eine bösartige Krebserkrankung diagnostiziert wird.
Die Donau nennt als potenzielle finanzielle Belastungen im Falle einer entsprechenden Diagnose etwa Fixkosten, die trotz eventueller Erwerbs-Beeinträchtigungen durch Behandlungen anfallen, Kosten für spezielle Methoden zur besseren Verträglichkeit von Chemo- und Strahlentherapien, für Kinderbetreuung, für eine Haushaltshilfe oder für eine Auszeit des Partners zur Unterstützung.

Kooperation mit „Mediguide“

Zusätzlich kann sich der Versicherte „eine medizinische Zweitmeinung von international renommierten Experten“ einholen lassen, wie die Donau mitteilt. Hierzu arbeitet der Versicherer mit Mediguide zusammen.
„Das seit 16 Jahren weltweit tätige amerikanische Unternehmen hat sich als einer der führenden Anbieter für medizinische Zweitmeinungen etabliert“, so die Donau. Die Zweitmeinungen würden von Ärzteteams in weltweit führenden medizinischen Zentren verfasst. Der Versicherte kann einen deutschsprachigen lokalen Vertreter von Mediguide kontaktieren.
„Uns war wichtig, die Kunden bei einer weiteren Sorge im Zusammenhang mit einer Krebsdiagnose zu unterstützen. Diese Nachricht ist lebenseinschneidend. Vielfach besteht der Wunsch, sich hier zweifach abzusichern oder zumindest die Gewissheit zu haben, keine Chance ausgelassen zu haben“, sagt Donau-Generaldirektorin Elisabeth Stadler.
Eine Harvard-Studie zeige, dass durch die Zweitmeinung der Behandlungsplan in mehr als 80 Prozent der Fälle verbessert werden habe können, so Stadler unter Berufung auf Mediguide.

Das Verfahren für die Zweitmeinung

Mediguide kümmere sich um die Einholung der Befunde beim lokalen Arzt beziehungsweise beim Spital.
In der Folge schlage das Unternehmen drei auf die diagnostizierte Krebsart spezialisierte Krankenhäuser vor, erläutert die Donau. Gemeinsam mit dem heimischen behandelnden Arzt wähle der Kunde das Krankenhaus für die Zweitmeinung aus.
„Eine Behandlungsbeurteilung sowie Behandlungsempfehlung erfolgt innerhalb von zehn Werktagen. Die Einholung der Zweitmeinung steht Donau-Versicherungskunden auch für deren Kinder bis zum 25. Lebensjahr zur Verfügung“, erklärt der Versicherer.
„Mediguide kooperiert mit über 90 Krankenhäusern und den renommiertesten Ärzteteams. Darunter befindet sich unter anderem das Harvard Medical School Teaching Hospital in Boston, das King’s College Hospital in London oder die Charité in Berlin“, heißt es von der Donau.

Versicherungssummen bis zu 100.000 Euro

Die Krebsversicherung kann mit einer Versicherungssumme von 25.000 Euro, 50.000 Euro oder 100.000 Euro abgeschlossen werden. Dabei werde nur eine vereinfachte Gesundheitsprüfung (zwei Fragen) verlangt.
Kinder der versicherten Person im Alter von drei bis 18 Jahren sind laut Donau bis zu einem Drittel der Versicherungssumme beziehungsweise bis maximal 11.000 Euro prämienfrei mitversichert.
Das Produkt ist ab einem Alter von 18 Jahren und bis höchstens 60 Jahre abzuschließen. Der Kunde kann eine Indexierung der Prämien zur automatischen Anpassung der Versicherungsleistung wählen.
Was die Kosten betrifft, rechnet die Donau folgendes Prämienbeispiel vor: Bei einer Versicherungssumme von 50.000 Euro und einer Laufzeit von 20 Jahren beläuft sich die monatliche Prämie für einen 20-Jährigen auf sechs Euro, für einen 30-Jährigen auf 12,60 Euro und für einen 40-Jährigen auf 28,30 Euro.

(VersicherungsJournal, 1.12.15, Emanuel Lampert)

 

 

Krebs-Therapie

Milliarden für ein Molekül

Kann man den Krebs mit einer Impfung bezwingen? Ingmar Hoerr glaubt daran schon lange. Jetzt hat der Biotech-Gründer aus Tübingen sogar Bill Gates von seiner Idee überzeugt.

Woran erkennt man, ob eine ungewöhnliche Idee das Zeug zum wirtschaftlichen Erfolg hat oder nicht? Womöglich daran, dass ein alteingesessener Konzern ihr Vertrauen schenkt. Vielleicht auch an den akribisch gesammelten Daten eines wissenschaftlichen Tests. Ganz bestimmt aber dann, wenn diese Idee – und der Kopf dahinter – den reichsten Mann der Welt dazu bringen, einen Batzen Geld in sie zu investieren.

Als Ingmar Hoerr vor gut einem Jahr zum ersten Mal Bill Gates traf, war genau das die Folge. Die Technik, mit der Hoerrs Firma Curevac eine neue Generation von Impfstoffen entwickeln will, hat den Microsoft-Gründer überzeugt. Mit umgerechnet 46 Millionen Euro hat sich die Stiftung, die Gates und seine Frau Melinda vor allem zur Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt ins Leben gerufen haben, danach an Curevac beteiligt. Es ist ihr bislang einziges Investment in Deutschland. Und ihre größte Unternehmensbeteiligung überhaupt.

Eine Dreiviertelstunde war für das Gespräch mit Gates angesetzt; zu Inhalt und Absicht war die Einladung im Ungefähren geblieben. Aber welcher Nachwuchsunternehmer hätte diese Gelegenheit verstreichen lassen? Wenn Bill Gates ruft, dann reist man an, egal wohin.

Bloß keine Powerpoint-Präsentation

Die Szenerie für die Zusammenkunft, wie Hoerr sie im Nachhinein beschreibt, war filmreif: Ein fensterloser Kellerraum in einem Pariser Hotel, die Wände unverputzt, Heizungsrohre unter der Decke. Und mitten im Raum ein Tisch, an dem sie sich nun gegenüber sitzen sollten: Auf der einen Seite der Milliardär aus Amerika, der mit seinem Vermögen die größte private Stiftung der Welt aufgebaut hat. Auf der anderen Seite der Biotech-Unternehmer aus Tübingen, dessen Firma anderthalb Jahrzehnte nach ihrer Gründung noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht hat.

Klar, wer die Spielregeln diktierte. Bloß keine Powerpoint-Präsentation, legte Gates kurz vorher fest. In letzter Minute fand Hoerr einen Drucker, um seine Folien aus dem Laptop auf Papier zu bringen. Doch dann übersprang Gates ungeduldig Seite um Seite, eine Einführung ins Thema hatte er nicht nötig.

Die Frage, die ihn umtrieb, war: Wie unterscheidet sich Curevac von den Wettbewerbern, die an ähnlichen Projekten arbeiten? Hoerrs Antwort, leicht gekürzt: „Wir glauben nicht, dass wir es besser machen können als die Natur. Deshalb wollen wir keine künstlichen Moleküle bauen, sondern in der Natur genau diejenigen finden, die wir für unsere Zwecke nutzen können.“ Volltreffer.

Bill Gates und Gottvertrauen

Natürlich hätte die Sache, die Hoerr und Curevac zu Stars der deutschen Biotechbranche gemacht hat, auch daneben gehen können. Hoerr hatte Gates bis zu dem Rendezvous in Paris noch nie persönlich getroffen. Kurz vorher war die Gates-Stiftung aber schon zum Kooperationspartner von Curevac geworden – mit dem Ziel, eine neue Impfung gegen das Rotavirus zu entwickeln.

An dieser hierzulande harmlosen Durchfallerkrankung sterben in Afrika und Asien fast eine Million Kinder im Jahr. Sollte sich Gates die Sache anders überlegt haben? An dem Start-up aus Baden-Württemberg zweifeln? Dem Chef die Leviten lesen wollen? „Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht“, beteuert Hoerr. „Ich glaube fest an den roten Faden im Leben. Deshalb hatte ich nie richtig Angst vor Rückschlägen.“

Gottvertrauen würde man das nennen, wenn der Begriff sich besser mit dem gängigen Bild von den Naturwissenschaften vertragen würde. Aber Hoerr hat so turbulente Monate mit glücklichem Ausgang hinter sich, dass es schwerfällt, all das nur dem Zufall zuzuschreiben. Er scheut sich nicht, von Demut zu sprechen. Nicht nur, dass Curevac dank Gates buchstäblich über Nacht für Investoren aus der ganzen Welt interessant geworden ist.

Biologie statt Chemie

Kurz zuvor hatte sich der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim die Lizenzrechte an einem Lungenkrebsmittel, an dem Curevac arbeitet, gesichert – für eine Vorabzahlung von 35 Millionen Euro, aus denen im besten Fall 430 Millionen Euro werden. Das war schon ein Ritterschlag. Aber nichts gegen das, was Bill Gates nach dem Gespräch in dem Pariser Hotelkeller entscheiden sollte.

Und als dann die Nachricht vom Einstieg der Stiftung publik wurde, war Hoerr auch noch gerade zum ersten Mal Vater geworden. Zwei Tage vorher hatte seine Frau Zwillinge zur Welt gebracht. An Elternzeit war nicht zu denken, aber immerhin drei Wochen Sommerferien am Rand der Lüneburger Heide hat Hoerr sich nun mit der Familie gegönnt, Telefonkonferenzen manchmal mit einer Hand am Kinderwagen geleitet.

Hoerr hat Biologie studiert, als das Fach in den Karriereranglisten noch weit unten stand. Museumswärter oder Tierpfleger, sagt er, seien damals die üblichen spöttischen Prognosen für seine berufliche Zukunft gewesen. Wo sollte die wirtschaftliche Relevanz des Fachs auch liegen? Arzneimittel waren schließlich Chemie, nicht Biologie.

Unternehmensgründung beim Segeln

Die Erkenntnis, dass sich viele Krankheiten erst dann besiegen lassen, wenn der Mensch bis in seine kleinsten biologischen Bestandteile hinein erforscht ist, hat dieses Verhältnis in den beiden vergangenen Jahrzehnten umgedreht. Die Biotechnologie macht sich die Funktionsweise dieser kleinsten Teile, der Moleküle, zunutze, um eine neue Generation von Medikamenten zu entwickeln. Mit ihnen machen die Pharmakonzerne inzwischen mehr Umsatz als mit den althergebrachten Mitteln.

Als Hoerrs Studium in Tübingen sich dem Ende neigte, bahnte sich diese Entwicklung gerade an. Hinter dem angemessen sperrigen Titel seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1999, „RNA-Vakzine zur Induktion von spezifischen Antikörpern“, steckt die Beobachtung, dass Ribonukleinsäure, kurz RNA, ein verblüffendes Potential hat: Die weniger bekannte Schwestersubstanz der das Erbgut tragenden Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA, findet ihr Ziel im menschlichen Körper mit erstaunlicher Treffsicherheit.

Sie könnte also Impfstoffe genau dorthin bringen, wo sie am besten ihre Wirkung entfalten können. Und sie könnte, so Hoerrs kühne Überlegung, die körpereigenen Abwehrkräfte gegen verschiedene Krebserkrankungen aktivieren, also eine Art Impfung dagegen ermöglichen. „Wir haben damals etwas Großes gesehen“, sagt Hoerr. Auf einem Segeltörn, den er zusammen mit anderen frisch Promovierten von Stralsund nach Bornholm machte, sei dann der Impuls zur Unternehmensgründung gekommen. „Diese Idee musste einfach jemand weiterverfolgen.“

Bewährungsprobe Prostatakrebs

Die eigene Doktorarbeit als Blaupause für die Unternehmensgründung, so fangen nicht nur Erfolgsgeschichten an, erst recht nicht in der Biotechbranche. In Deutschland schienen sich unternehmerischer Erfolg und Biotechnologie gegenseitig sogar geradezu auszuschließen. Anfang des Jahrtausends mit großen Erwartungen – und überzogenen Börsenkursen – gestartet, sind eine ganze Reihe von Unternehmen mit ähnlichem Hintergrund wie Curevac längst in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Entweder, weil die Investoren die Geduld verloren haben. Oder weil sich das vermeintliche Wundermittel aus dem Labor im Test an wirklichen Patienten als unwirksam oder sogar gesundheitsschädlich erwiesen hat.

Ingmar Hoerr und seine beiden Mitgründer, von denen einer bis heute mit ihm zur Unternehmensspitze gehört, hatten einerseits das Glück, auf den richtigen Kandidaten gesetzt zu haben. „Bisher hat die RNA alles eingehalten, was wir uns von ihr versprochen haben“, sagt Hoerr dazu. Konkret heißt das: Ein neues Mittel zur Bekämpfung von Prostatakrebs hat sich in einem ersten Test an Patienten bewährt, zwei weitere solche Tests gilt es noch zu absolvieren. Dann könnte – Anfang des kommenden Jahrzehnts – die Marktzulassung folgen.

Keine Biotechnologie ohne Hopp

Es ist andererseits aber bestimmt nicht nur dieses Glück, das Curevac von den vielen verblassten Hoffnungsträgern der deutschen Biotechnologie unterscheidet. Hoerr strahlt mit jeder Faser den unkomplizierten, zupackenden Pragmatismus aus, den Gründer brauchen. Das gefällt potentiellen Geschäftspartnern offenbar. Im Elfenbeinturm dagegen würde er sich nicht wohl fühlen, das sieht und hört man ihm an, beim Erbsenzählen auch nicht. „Zum reinen Wissenschaftler im Labor hätte ich auf Dauer nicht getaugt“, sagt er.

Der Umgang mit Milliardären liegt ihm besser. Das Treffen mit Bill Gates hatte jedenfalls einen Vorläufer, vor zehn Jahren schon. Nicht in einem Kellerraum, sondern auf einem Golfplatz – Gründer müssen da flexibel sein. Damals war es Dietmar Hopp, mit dem Softwarekonzern SAP zu einem der vermögendsten Deutschen geworden, der Hoerr einigermaßen überraschend eingeladen hatte – und sich, ähnlich wie Gates, von ihm überzeugen ließ.

Eine Reihe von Debakeln

Dazu muss man wissen, dass es die Biotech-Branche hierzulande ohne Hopp und sein Geld wohl überhaupt nicht mehr gäbe. Hopp hat nach eigener Aussage mehr als eine Milliarde Euro in ein Dutzend verschiedene Firmen der Branche gesteckt. Eine Zeitlang sah es so aus, als habe er sich damit kolossal verzockt. Debakel reihte sich an Debakel.

Agennix aus Heidelberg war eine dieser Firmen, sie ist inzwischen liquidiert. Wilex aus München eine andere, sie hat sich nach Jahren kostspieliger Entwicklungsarbeit ein neues Geschäftsmodell suchen müssen. An Curevac hielt Hopp trotzdem fest. 166 Millionen Euro hat er bis heute in das Unternehmen investiert, so viel wie kein anderer.

Zum Wachsen verdammt

An Nummer zwei aber steht nun die Gates-Stiftung. Sie baut außerdem, im Vorgriff auf die zu erwartenden Mengen an Impfstoffen gegen eine ganze Reihe von Infektionskrankheiten, die sie in Zukunft von Curevac fertigen lassen will, gleich eine nagelneue Produktionsanlage in Tübingen.

Noch entscheidender für die Außenwirkung: Die Beteiligungssumme von 46 Millionen Euro steht für gerade einmal 4 Prozent der Anteile. Insgesamt schreibt das Curevac einen Wert von gut einer Milliarde Euro zu. Das ist so ungewöhnlich viel für ein Startup, dass sich in Amerika dafür eine märchenhafte Bezeichnung eingebürgert hat: „Einhörner“ heißen solche Unternehmen dort im Jargon der Investoren.

Das heizt die Spekulationen über den nächsten möglichen Schritt an, ein Märchen will schließlich niemand verpassen. Noch eine Finanzierungsrunde für noch mehr Kapital? Oder sogar ein Börsengang? Ingmar Hoerr ist Profi genug, um sich dazu nichts entlocken zu lassen. Nur eins sei sicher, sagt er. „Wir sind jetzt zum Wachsen verdammt.“

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5.9.2015, Sebastian Balzter)

 



SPD-Gesundheitsexperte prangert überteuerte Krebs-Medikamente an

Teure neue Krebsmedikamente könnten nach Auffassung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach die Krankenversicherung bald finanziell überfordern. Leicht kletterten die jährlichen Therapiekosten auf 100 000 Euro, aber oft verlängere sich das Überleben des Patienten nur um zweieinhalb Monate, sagte der stellvertretende Chef der SPD-Abgeordneten im Bundestag dem Redaktions-Netzwerk Deutschland (RND). "Wenn das gleiche Prinzip überall im Gesundheitssystem gelten würde, wäre es schon sehr lange unfinanzierbar." Lauterbach fügte hinzu: "Wenn wir nichts tun, werden Verteilungskämpfe zwischen den Patienten unvermeidbar sein."

Nun müsse die Politik mit aller Härte gegensteuern, verlangte er. "Manche neuen Medikamente sind bis zu dreißigmal teurer als die Medikamente, die abgelöst werden." Die Preise stünden in keinem Verhältnis zum zusätzlichen Nutzen. Doch weder die Industrie noch deren Aktionäre seien an einer harmonischen Lösung interessiert.

(FinanzNachrichten.de, 26.7.2015, toz/DP/he, dpa-AFX)

 

 

 

Wenn die Krebs-Arznei unfassbar teurer ist als Gold

Die Pharmaindustrie ist so produktiv wie selten. Aber die neuen Arzneien haben vor allem in den USA oft horrende Preise. Nun sagen US-Ärzte den Konzernen den Kampf an. Doch die haben einen Trumpf.

Ausgerechnet auf der wichtigsten Krebskonferenz der Welt, der ASCO in Chicago, platzte Leonard Saltz der Kragen. Der renommierte Internist und Onkologe vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York behandelt seit mehr als zwei Jahrzehnten Krebspatienten. Doch obwohl es so viele aussichtsreiche Medikamente zur Therapie selbst seltener Leiden gibt wie nie zuvor, zeigte sich der berühmte Mediziner zutiefst frustriert.

"Diese Arzneien kosten zu viel", wetterte Saltz im Juni vor Tausenden Ärzten und Vertretern der Branche. Und rechnete vor, dass ein Milligramm eines neuen Krebs-Medikaments von Bristol Myers Squibb mittlerweile 4000 Mal mehr koste als die gleiche Menge Gold. "Die Preise richten sich nicht nach dem tatsächlichen Wert der Medikamente – sondern schlicht nach dem, was sich aus Sicht der Konzerne aus dem Markt herausholen lässt", ätzte der Mediziner.

Mittlerweile hat Saltz jede Menge Verstärkung bekommen. Allein in der letzten Juli-Woche meldeten sich 118 US-Ärzte renommierter Kliniken in einem Protestschreiben zu Wort und kritisierten die Preissetzung für neue Krebstherapien in den USA. Die Mediziner treibt vor allem die Sorge um, dass viele Patienten angesichts der horrenden Kosten notwendige Therapien gar nicht erst antreten.

Die Branche sahnt kräftig ab

Tatsächlich ist der US-Gesundheitsmarkt für die Pharmaindustrie die beste aller Welten. Anders als in Europa können die Konzerne ihre Preise auf dem für sie größten Absatzmarkt der Welt frei festsetzen. Gleichzeitig bewilligt die mächtige Arzneimittelbehörde FDA bei aussichtsreichen Medikamenten oft besonders schnell eine Marktzulassung.

Entsprechend kräftig sahnt die Branche ab: Im zweiten Quartal 2014 verzeichneten die Centers for Medicare and Medicaid Services (CMS), die die Gesundheitsfürsorge der einzelnen US-Bundesstaaten organisieren, laut einer aktuellen Studie ein Rekordplus von 12,6 Prozent bei verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Das liegt weit über dem Durchschnittswert von rund sechs Prozent in den vergangenen Jahren, und ein Ende des Höhenfluges ist bisher nicht in Sicht. Die Konzerne haben derzeit jede Menge aussichtsreicher Medikamente in den Pipelines, die bei erfolgreichem Studienverlauf wohl ebenfalls zu lukrativen Preisen vermarktet werden können.

Was sind zusätzliche Lebensmonate wert?

Allein im vergangenen Jahr gab die FDA insgesamt 50 neuartige Medikamente zur Vermarktung frei, so viele wie noch nie. Doch die Preise von teilweise mehr als 100.000 Euro pro Patient und Therapieeinheit werfen viele Fragen auf.

"Die klassische Chemotherapie kostet dank einer Reihe Nachahmermedikamente mittlerweile einige 100 Dollar pro Turnus – neue Therapien bringen es auf gut das Hundertfache", sagt Lorenzo Biasio, Pharma-Analyst der Schweizer Großbank Crédit Suisse. "Doch bei einigen Therapien kann man durchaus darüber diskutieren, ob der vom Hersteller verlangte Verkaufspreis im richtigen Verhältnis zum Überlebensvorteil und zu den Herstellungskosten steht."

Es ist ein Dilemma, das insbesondere in der Krebsmedizin nur schwer zu lösen ist. Dort hat es in den vergangenen Jahren viele Durchbrüche bei der Behandlung gegeben. Doch die Frage, wie viel einige zusätzliche Lebensmonate oder sogar -jahre, die ein neues Medikament womöglich bringt, wert sind – und ob man diesen Wert überhaupt beziffern kann – ist für Patienten und Ärzte, für Krankenkassen und letztlich auch die Hersteller nur schwer zu beantworten.

Versorgungslücken durch Pillen-Poker

"Der Streit, den wir jetzt in den USA sehen, ist nur der Anfang einer notwendigen Debatte darüber, wie wir mit den Kosten neuer Technologien umgehen, sagt Ed Schoonveld, Experte für globale Preisgestaltung bei der US-Unternehmensberatung ZS Associates. "In der Pharmabranche braut sich gerade der perfekte Sturm zusammen, da aussichtsreiche, aber gleichzeitig kostenintensive Innovationen für sehr bedürftige Patienten in greifbare Nähe rücken."

Sich gegen hohe Preise aufzulehnen sei möglicherweise nicht unbedingt hilfreich, weil dies zulasten von Innovationen gehen könnte. "Gerade in der Krebsmedizin hat es die Branche mit extrem kleinen Patientenpopulationen zu tun. Trotzdem wird jahrelang geforscht, werden innovative Ansätze und neue Therapien entwickelt. Das alles hat seinen Preis – und irgendjemand muss ihn zahlen, oder die dringend notwendige Innovation kommt zum Stillstand", warnt der Experte.

Insbesondere in Europa, wo der Gesundheitsmarkt deutlich stärker reglementiert ist als in den USA, kommt es durchaus vor, dass Pharmakonzerne im Streit um angemessene Preise Medikamente vom Markt zurückziehen oder im Extremfall gar nicht erst einführen.

In Deutschland beispielsweise haben die Unternehmen nach Angaben des Krankenkassen-Spitzenverbands GKV in den Jahren 2012 bis 2014 fünf Präparate vom Markt genommen, weil sich Industrie und Versicherer im Pillen-Poker nicht einig wurden. Leidtragende sind die Patienten, denen dadurch womöglich Versorgungslücken drohen.

84.000 Dollar für zwölf Wochen Therapie

Besonders heftig wird die Debatte um den angemessenen Preis um die Hepatitis-C-Arzneien des US-Biotechkonzerns Gilead geführt. Dessen Medikament Sovaldi hat es mit einem US-Listenpreis von 1000 Dollar pro Tablette zu weltweiter Berühmtheit gebracht.

„Würde seitens der Gesundheitsbehörden freier Zugang für alle Patientengruppen zu diesen Medikamenten ermöglicht, wären die resultierenden Kosten für kein Gesundheitssystem zu stemmen.“ (Lorenzo Biasio, Pharma-Analyst)

Dank Sovaldi und der neueren Kombinationsarznei Harvoni können fast 90 Prozent der behandelten Patienten mittlerweile dauerhaft und ohne größere Nebenwirkungen von der tückischen Leberentzündung kuriert werden. Allerdings kostet die zwölfwöchige Therapie mit dem Medikament in den USA gut 84.000 Dollar. Bei jährlich gut 250.000 Patienten allein in den USA bedeutet das einen erheblichen Kostenblock.

Zwar wird die Arznei außerhalb der USA deutlich günstiger vermarktet – in Deutschland etwa kostet die Therapie zwischen 44.000 und 60.000 Euro. "Würde seitens der Gesundheitsbehörden freier Zugang für alle Patientengruppen zu diesen Medikamenten ermöglicht, wären die resultierenden Kosten aber für kein Gesundheitssystem zu stemmen", sagt Pharma-Analyst Biasio.

Abschied von der grenzenlosen Preisfreiheit

Langfristig werde sich die Branche daher entscheiden müssen, ob sie an ihrem bisherigen Preismodell festhalten wolle oder stattdessen die Preise deutlich senke und dafür neue Patientengruppen und größere Umsatzpotenziale etwa in Schwellenländern erschließe. "Für die Konzerne ist das allerdings eine delikate Angelegenheit, denn die Aktienmärkte werden entsprechend reagieren, falls sich derart veränderte Preisstrategien negativ auf die Gewinne der Konzerne auswirken sollten", sagt der Crédit-Suisse-Mann.

Dennoch ist sich Biasio sicher: Auf Dauer werden sich auch die USA von der grenzenlosen Preisfreiheit der Pharmabranche verabschieden müssen. "Zuletzt lag der Anteil der Gesundheitskosten bei über 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis 2024 könnte dieser Anteil auf knapp 20 Prozent steigen. Wenn die Gesundheitsausgaben zu lange abgekoppelt vom Wirtschaftswachstum wachsen, wird diese Entwicklung für eine Volkswirtschaft nicht mehr tragbar sein", warnt er.

Befürchtungen, dass sich die US-Preisspirale bei innovativen Medikamenten in Europa fortsetzen könnte, teilt der Analyst nur bedingt. "Der Trend weist in die gegenteilige Richtung, zumal die meisten europäischen Regierungen der Branche mittlerweile enge Grenzen gesteckt haben, ob und in welcher Form Innovationen honoriert werden. Die Pharmaindustrie wird sich darauf einstellen müssen."

(Die Welt, 2.8.15, Anja Ettel) 

 

 

Krebswirkstoff für einen Dollar

Lungenkrebs ist eine der häufigsten und tödlichsten Krebsarten der Welt. Hoffnung kommt jetzt ausgerechnet aus Kuba, dessen größter Exportartikel Zigarren sind.

Im Zentrum für molekulare Immunologie (CIM) in Havanna haben Wissenschaftler den therapeutischen Impfstoff Cimavax entwickelt. Nach der Lockerung des Handelsembargos greifen jetzt auch die USA danach; hier soll nach erfolgreichen klinischen Studien in Kuba das Roswell Park Cancer Institute in Buffalo, New York, innerhalb der nächsten zwölf Monate ergänzende Tests beginnen. TR sprach mit dem leitenden Roswell-Forscher Kelvin Lee über den Wirkstoff.

Kelvin Lee ist Forschungsdirektor für Immunologie am Roswell Park Cancer Institute und Professor für Mikrobiologie an der State University of New York in Buffalo. Seit der Lockerung des Embargos nahm er an mehreren Handelsmissionen nach Kuba teil. Er bereitet die Tests für Cimavax in den USA vor und arbeitet eng mit den Kollegen in Kuba zusammen.

Technology Review: Herr Lee, was ist das Besondere an Cimavax?

Kelvin Lee: Anders als die meisten Immuntherapien gegen Krebs attackiert es den Tumor nicht direkt. Vielmehr stimuliert er das Immunsystem so, dass es ein Protein erkennt, das das Zellwachstum regelt, den Epidermalen Wachstumsfaktor (EGF). Bei manchen Krebsarten wie Lungen-, Brust-, Darm-, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs produziert der Körper zu viel davon. Cimavax bildet Antikörper dagegen, die das Protein binden und damit den Tumor aushungern.

TR: Verringert Cimavax damit auch das Risiko von Rückfällen?

Lee: Davon gehe ich aus. Zum Beispiel bei Patienten, die Lungenkrebs im Frühstadium hatten, operiert wurden und als geheilt gelten. Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht, dass sie später erneut an Krebs erkranken. Cimavax hat aber auch Potenzial bei der Prävention. So könnte eine Impfung für Menschen sinnvoll sein, die ein erhöhtes Risiko haben, an Lungenkrebs zu erkranken – weil sie starke Raucher sind oder waren, oder weil sie eine genetische Veranlagung in sich tragen. Das sind Millionen Menschen in den USA und viele Hundert Millionen weltweit.

TR: Ist Cimavax also ein Meilenstein in der Krebsforschung?

Lee: Cimavax hat das Potenzial, eine Schlüsselrolle in der öffentlichen Gesundheitsversorgung zu spielen. Klinische Studien in Kuba an mehreren Tausend Patienten mit Lungenkrebs im dritten und vierten Stadium haben die Wirksamkeit bestätigt: Das Wachstum der Tumore wurde gestoppt; 20 Prozent der Probanden waren nach fünf Jahren noch am Leben, und das ist bei Krebs in diesem Stadium schon sehr ungewöhnlich. Außerdem hat Cimavax geringere Nebenwirkungen als zugelassene Immuntherapien gegen Lungenkrebs. Schließlich ist Cimavax viel billiger als andere Therapien; wir gehen von einem Dollar pro Dosis aus. Etablierte immunonkologische Therapien kosten bis zu 10000 Dollar im Monat.

TR: Warum ist gerade Kuba auf die Idee gekommen?

Lee: Zum einen: Kuba räumt der öffentlichen Gesundheitsversorgung generell einen großen Stellenwert ein. Zum anderen: Kuba ist ein armes Land, das es sich nicht leisten kann, Krebsmedikamente zu entwickeln, die 10000 Dollar im Monat kosten. Das hat dazu geführt, dass die Forschung in Kuba sehr innovative Wege geht.

TR: Hat Kuba noch andere Wirkstoffe in der Pipeline?

Lee: Absolut. Es gibt zum Beispiel einen weiteren Krebsimpfstoff, der sich gerade in der Testphase befindet. Er attackiert ein Fettmolekül, das sich nur auf der Oberfläche von Krebszellen nachweisen lässt. Er regt also das Abwehrsystem an und nimmt gleichzeitig diejenigen Zellen im Umfeld des Tumors ins Visier, die eine Reaktion des Immunsystems gegen Krebs unterdrücken. Ich arbeite seit 30 Jahren als Immunologe und habe selten Impfstoffe gesehen, die so clever konzipiert sind.

(Technology Review, 27.7.15, Katja Ridderbusch)

 


Gibt es eine Medizin gegen hohe Preise?

Krankenkassen, Pharmafirmen und Ärzten suchen nach einem Weg, die teuren Kombinationstherapien gegen Krebs auf einem bezahlbaren Niveau zu halten.

Die jüngsten Fortschritte in der Onkologie sind beachtlich. Dank den sogenannten Immuntherapien leben einige Patienten trotz aggressiver Tumore über Jahre weiter. Die neuen Medikamente sind jedoch enorm teuer. Hinzu kommt, dass sie häufig mit bestehenden Medikamenten kombiniert werden, was für einen zusätzlichen Kostenschub sorgt. Im Extremfall seien so in kurzer Zeit Kosten von mehreren Hunderttausend Franken möglich, sagt etwa Alfred Zippelius, stellvertretender Chefarzt Onkologie am Unispital Basel. Er sieht die Entwicklung kritisch. «Es kann nicht sein, dass man einfach die Preise der einzelnen Therapien zusammenzählt, sonst sind die Kosten für die Gesellschaft nicht mehr bezahlbar.» Deshalb seien nun tragfähige Modelle gefordert.

Zippelius hat sich einer Gruppe bestehend aus Krankenkassen, Pharmafirmen und weiteren Onkologen angeschlossen. Später sollen auch einzelne Spitäler dazukommen. Die Gruppe hat das Ziel, neue und vor allem bezahlbare Preismodelle für Kombinationstherapien zu erarbeiten. Die Initiative geht auf den Krankenversicherer Helsana und Roche zurück. Mittlerweile sitzen auch die Pharmakonzerne Novartis, MSD, Bristol-Myers Squibb sowie die Krankenkasse CSS mit am Tisch.

Kassen pochen auf tiefere Preise

Neben der Überalterung der Gesellschaft werde die sprunghafte Entwicklung in der Onkologie zu enorm hohen Kosten für das Gesundheitswesen führen, sagt Martina Weiss, verantwortlich für Kooperationen mit der Pharmaindustrie bei Helsana. Ursache dafür sind neben den hohen Preisen der neuen Präparate auch ihre kombinierte Anwendung und wesentlich längere Therapiezeiten. Bereits jene Generation von Krebsmitteln, die vor den neuen Immuntherapien auf den Markt kamen, sind sehr teuer.

Das Ziel von Krankenkassen wie der Helsana ist klar: «Um langfristig den Zugang zu innovativen Therapien garantieren zu können, werden wir nur wirtschaftliche Preise akzeptieren. Folglich müssen die Kosten einer Kombinationstherapie bedeutend tiefer sein als die Summe der einzelnen Medikamentenpreise», sagt Weiss.

Selbst die Pharmaindustrie, die an möglichst hohen Preisen interessiert ist, anerkennt die Problematik. «Der Schub innovativer Krebstherapien, die in vielen Fällen kombiniert werden, stellt das Gesundheitssystem vor eine neue Herausforderung», sagt Sara Käch vom Lobbyverband Interpharma. Ziel sei es, das bestehende, starre Preissystem mit Blick auf die Kombinationstherapien zu flexibilisieren, sodass Patienten vom Fortschritt rasch profitieren.

Die Kompromissbereitschaft der Pharmaindustrie mag auf den ersten Blick erstaunen. Letztlich haben jedoch auch die Hersteller ein Interesse daran, dass die Krebsbehandlungen bezahlbar bleiben. Das Beispiel der neuen Hepatitis-C-Medikamente zeigt eindrücklich, was die Folgen exorbitanter Preise sein können. Um den dadurch verbundenen Kostenanstieg einzudämmen, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Verwendung der neuen Präparate eingeschränkt. Diese dürfen nur an Patienten verschrieben werden, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit befinden.

Was macht das BAG?

Diese Rationierung dürfte auch in der Onkologie zum Thema werden, sollten Kosten von mehreren Hunderttausend Franken pro Patient immer häufiger der Fall sein. Finden die Pharmaindustrie und die Krankenkassen keinen Kompromiss, dürfte sich das BAG gezwungen sehen, auch Krebsmittel in irgendeiner Form zu rationieren. Wird der Zugang der Patienten zu den neuen Therapien eingeschränkt, hat dies letztlich weniger Umsatz für die Firmen zur Folge.

Das BAG weist seinerseits darauf hin, dass bereits heute die Anwendung gewisser Krebsmedikamente eingeschränkt sei, etwas was die Dauer der Behandlung oder die Dosierung anbelange. Auch bei den Kombinationstherapien werde das Amt bei Bedarf passende Auflagen definieren, damit diese wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich seien, sagt eine Sprecherin.

Ob sich die Kassen und die Pharmaindustrie auf neue Preismodelle einigen werden, ist offen. Vertreter beider Branchen betonen, dass man erst am Anfang der Diskussion stehe.

Das Feld der Kombinationstherapien in der Onkologie ist weit und komplex. Allein für eine der kürzlich in den USA zugelassenen Immuntherapien laufen derzeit 76 klinische Studien, aber nicht nur vom Hersteller selber, sondern auch von Universitätsspitälern. 20 der 76 Studien betreffen Kombinationstherapien.

Schwierig, ein Modell zu finden

Die Industrie will die neuen Immuntherapien in vielen Fällen gleich gegen mehrere Tumorarten einsetzen. Die bisherigen Medikamente richteten sich oft gegen eine oder wenige Krebsarten. Dieser Umstand erhöht die Anzahl möglicher Kombinationen markant. Hinzu kommt, dass ein Medikament je nach Tumorart unterschiedliche Erfolge zeigt, was sich wieder im Preis der einzelnen Kombinationen spiegeln müsste. Bisher erlässt das Bundesamt für Gesundheit lediglich einen einzigen Preis für ein Medikament.

Ein Preismodell zu finden, das der komplexen Materie und den Wünschen der einzelnen Player gerecht wird, dürfte schwierig werden. Auch die administrative Umsetzung in den IT-Systemen der Krankenkassen und Spitäler ist eine Herausforderung. Martina Weiss von Helsana bringt hier einen möglichen Ansatz ins Spiel: «Da derzeit keine verschiedenen Preise für unterschiedliche Anwendungen pro Medikament vorgesehen sind, könnten die Hersteller den Kassen eine Rückvergütung erstatten, sobald eine Kombinationstherapie angewandt wird.»

Ohnehin müsste am Schluss das BAG den Lösungsansatz der Pharmaindustrie und der Krankenkassen umsetzen. Das Amt ist in der Schweiz zuständig für die Preisfestsetzung der Medikamente. Die Behörde sagt, ihr sei bekannt, dass entsprechende Gespräche geführt würden. «Das BAG befürwortet die Initiative und pflegt den Kontakt mit den genannten Kreisen», sagt eine Sprecherin.

(Baseler Zeitung/Tages-Anzeiger, 6.6.15, Andreas Möckli)

 

 

Wer nicht zahlen kann, stirbt

Niederländische Ärzte streiten, ab wann die Krankenkassen den Geldhahn zudrehen sollen

Was ist uns das Leben wert? Die Niederländer wollen bald einen Preis dafür nennen. Unter den Ärzten unseres Nachbarlandes bildet sich derzeit eine Mehrheit, die sich für eine Obergrenze von Behandlungskosten ausspricht. Ob es sich bei schwer Erkrankten lohnt, medizinische Maßnahmen einzuleiten oder fortzusetzen, soll in Zukunft vor allem eine Frage des Geldes sein. Teure Therapien werden tabu, wenn der Aufwand dem Patienten vielleicht "nur" ein weiteres Lebensjahr schenken würde.

Christian Blank ist Oberarzt der Onkologie des Antoni-van-Leeuwenhoek-Hospitals in Amsterdam. Im niederländischen Fernsehen berichtete der deutsche Experte vor Kurzem von seiner Patientin Astrid Nollen, der er mit 36 Jahren eine aggressive Form von Hautkrebs diagnostizierte. Ihre Lebenserwartung betrug wenige Monate. Weder Bestrahlungen noch Chemotherapie oder Operationen halfen. Doch Blank hatte den Kampf noch nicht aufgegeben und sah Hoffnung in einer neuen Immuntherapie. Nach zwölf Wochen Infusionen war der Krebs besiegt. Auch dreieinhalb Jahre später ist die dreifache Mutter frei von Tumoren. Die Medikamente, die ihr Leben retteten, kosteten die Krebsstation 80.000 Euro. Da die Therapie laut Studien jedoch nur bei 20 Prozent aller Patienten anschlägt, hätte Astrid Nollen bei ihrem Krankheitsverlauf wohl keine Genehmigung für den letzten Versuch erhalten, hätte die Obergrenze für bereits gegeben gegolten.

An Kosten hatte Blank keine Sekunde gedacht. "Bei den über 200 Patienten, die hier mit einer Ipi-Therapie behandelt werden, sehen wir das öfter", sagt er: "Etwa ein Fünftel sind solche Fälle." Als Finanzminister und Vizepremier der Niederlande hat Wouter Bos 2006 schon einmal miterlebt, wie im Gesundheitswesen über Obergrenzen von Behandlungskosten diskutiert wurde. Ein Gremium erarbeitete vor acht Jahren den Vorschlag eines Limits von 80.000 Euro und legte einen Kriterienkatalog zum Faktor Lebensqualität an. Im Kabinett vorgestellt wurden diese Positionen jedoch nie. Bos traute sich nicht, den Kranken – und Wählern – ein Preisschild umzuhängen. "Todesangst" hatte er vor der öffentlichen Debatte. Nun hofft der Sozialdemokrat darauf, dass sein Nachfolger "mehr Mut" beweist. Heute sitzt Bos nämlich auf der anderen Seite.

Seit einem Jahr ist der 51-Jährige, der sich 2010 aus der Politik verabschiedet hat, Vorstandsvorsitzender des VU-Medisch-Centrum-Amsterdam, der Universitätsklinik der Hauptstadt – und einer der vielen Befürworter solch eines Kostenstopps. "Wir müssen ehrlich miteinander besprechen, wann wir noch solidarisch sein können und wann nicht mehr", sagte er jüngst in einem TV-Interview. Auf seinem Schreibtisch sieht Bos, wie die Rechnungen für Behandlungskosten Jahr für Jahr steigen. Er weiß: Wegen der Überalterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Therapien und immer höhere Kosten auf die Krankenhäuser zukommen.

Während die Klinik-Ausgaben jährlich um maximal ein Prozent steigen dürfen, explodierten zuletzt nicht nur die Preise für Medikamente gegen Krebs. Zwar sind die Gesundheitskassen des Königreichs prall gefüllt, doch Mediziner-Verbände fordern schon jetzt einen Schutz gegen die Kostenlawine, die das Land irgendwann überrollen könnte.

Eine nationale Kostenbremse würde viele Therapien grundsätzlich auf den Prüfstand stellen. Eine Dialyse-Behandlung für Patienten mit Nierenproblemen kostet jährlich über 200.000 Euro. Zuletzt meldeten niederländische Forscher Erfolge bei der Bekämpfung schwerer Muskelkrankheiten. Die Behandlung ist jedoch auf 400.000 bis 700.000 Euro beziffert. In einer repräsentativen Umfrage des Niederländischen Rundfunks NOS sprechen sich 71 Prozent der Ärzte für eine Kostenregulierung aus. 60 Prozent der Befürworter sagen sogar, nur eine Behandlungskosten-Obergrenze könne dem Preis-Irrsinn auf dem Pharma-Markt entgegenwirken. Und um den geht es im Lobby-Poker.

In den Niederlanden wurde das Gesundheitssystem lange zu idealistisch und wissenschaftlich geleitet, sagen Experten. Andere Länder Europas hätten den Medikamentenmarkt viel besser in Griff. Nicht nur Frankreich kauft seine Arzneien wesentlich günstiger ein, die Portugiesen bezahlen sogar teilweise nur die Hälfte dessen, was die Holländer bisher blind abnickten.

Doch wo setzt man die Preisgrenze? Selbst bei der anonymen Umfrage des NOS gab die Mehrheit der befragten Ärzte an, keine Meinung zu vorgeschlagenen Höhen des Behandlungslimits äußern zu wollen. Die Debatte ist so fundamental, so wuchtig, dass die ersten Ärzte bereits beginnen, öffentlich zurückzurudern – schon bevor eine erste Marke genannt wurde. Pauschale Grenzen halten sie für schwer realisier- und vermittelbar. Eine Differenzierung zwischen vollständiger Heilung und lebensverlängernden Maßnahmen, die möglicherweise nur ein paar Monate bringen, müsse ihrer Meinung nach im Gesetz verankert werden. Einig ist man sich, wer den ersten Vorschlag machen soll, nämlich eine unabhängige "Kommission der Weisen", in der Patientenverbände, Ärzte und Finanzexperten säßen. In England gibt es eine Kosten-Nutzen-Analyse bereits seit 1999 unter dem Namen QALY (Quality Adjusted Life Year). Eine Verlängerung des Lebens um ein Jahr darf auf der Insel je nach Gesundheitszustand höchstens 39.000 Pfund kosten. Die Bundesärztekammer distanziert sich von den Regulierungskonzepten der anderen EU-Staaten.

(Francois Duchateau , DIE WELT, 27.8.2014)

 

 

 

Interview Sterbehilfe

„Sterben ist ein Milliardengeschäft“

Die Sterbehilfe-Debatte hat eine alte Frage neu aufgeworfen: Wie wollen wir aus dem Leben scheiden? Der Soziologe Klaus Feldmann über unseren schwierigen Umgang mit dem Tod und die letzten Wünsche der Deutschen.

Klaus Feldmann war bis 2004 Professor an der Universität Hannover und wirkt derzeit bei Forschungsprojekten an der Abteilung für Bildungswissenschaft der Wirtschaftsuniversität in Wien mit. Seine Schwerpunkte sind Thanatosoziologie und Bildungsforschung.

Herr Feldmann, ist der Tod tatsächlich ein Tabuthema in Deutschland?
Nein, im Allgemeinen nicht. Noch nie wurde so viel und vielfältig über Sterben und Tod in einer Kultur gesprochen und gezeigt wie in unserer modernen Gesellschaft. Auf der anderen Seite finden Verdrängungsprozesse natürlich statt, aber eher individuell.

Der Einzelne will also von seiner Vergänglichkeit nichts wissen?
Genau. Das ist eine universale Grundlage des Menschen. Dieser gewissermaßen natürliche Verdrängungsprozess wird gesellschaftlich geformt. Studien zeigen, dass unser Unterbewusstsein Unbewusstes mit Abwehr reagiert, wenn wir an die eigene Sterblichkeit erinnert werden.

Fällt es den Menschen deshalb so schwer, über das Sterben zu sprechen?
Ja, Menschen vermeiden im Alltag häufig Gespräche über das Thema, weil sie negative Reaktionen fürchten. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht trotzdem damit beschäftigen. Die Verdrängung funktioniert ja nur teilweise. Und es gibt auch Menschen, die sich in einer intensiven Weise mit dem Thema beschäftigen, die andere zurückschrecken lässt. Die deutsche Gesellschaft ist unwahrscheinlich heterogen geworden, das vergessen wir oft.

Gibt es in einer so heterogenen Gesellschaft eine gemeingültige Definition von „tot“?
Die deutsche Gesellschaft ist überdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich säkularisiert. Von daher wird die formalrechtlich und medizinisch vermittelte Hirntod-Konzeption sehr stark gesellschaftlich anerkannt, auch wenn im Einzelfall Menschen das ganz anders bewerten. Der Körper wird immer mehr als Instrument gesehen, über den das Ich funktioniert.

Der körperliche Verfall wird also weniger dramatisch bewertet als der des Bewusstseins?
Ich unterscheide das physische, das psychische und das soziale Sterben. Das soziale Sterben hat viel mit Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe zu tun und wird ebenfalls recht negativ gesehen. Von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Deutschland wird aber vor allem das psychische Sterben, wie etwa bei Demenzkranken, wo das Bewusstsein nur noch in Bruchstücken vorhanden ist, als höchst unerwünscht und negativ bewertet. Daraus ergibt sich das gesellschaftliche Problem, wie mit diesen Erkrankungen umgegangen werden soll.

Erschwert unsere immer individualistischer geprägte Gesellschaft einen entkrampfteren Umgang mit dem Tod?
Das weiß ich nicht. Aber die ökonomischen Faktoren spielen sicher eine Rolle. In einer reichen Gesellschaft lebt man nicht nur länger, man stirbt auch länger, weil es mehr Möglichkeiten gibt, auch auf Massenbasis, medizinisch einzugreifen.

Die meisten Menschen wünschen sich einen Tod im Privaten, im eigenen Heim, tatsächlich stirbt der überwiegende Teil in Krankenhäusern oder Heimen, also öffentlich. Wie wirkt sich das aus?
Es ist wünschenswert, dass mehr auf die Wünsche der Menschen eingehen eingegangen wird und die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass mehr Menschen zu Hause sterben können. Allerdings muss man sagen, dass im Notfall die Betroffenen oft diesem Wunsch widersprechen, weil sie etwa bei einer Erkrankung doch ins Krankenhaus wollen, um ihr Leben zu verlängern. Hinter dem Wunsch nach einem Tod im eigenen Bett steht aber noch etwas anderes, nämlich der Wunsch nach einem Sterben in privater, persönlicher Atmosphäre. Das soziale Klima ist wichtiger als der tatsächliche Ort. In Hospizen wird darauf Rücksicht genommen, aber in Krankenhäusern hat man andere Prioritäten. Das ist ein Problem, für das noch niemand gute Lösungen hat. Trotzdem ist es wichtig, dass es erkannt und daran gearbeitet wird.

Zeigt sich hier, dass die Sterbenden keine Lobby haben?

Völlig richtig. Außerdem herrscht eine soziale Ungleichheit. Das heißt, je ärmer die Menschen sind, desto früher sterben sie. Und desto schlechter werden sie während des Sterbeprozesses professionell betreut. Allerdings wissen wir über die genauen Auswirkungen dieser Ungleichheit noch zu wenig, weil es insgesamt kaum gute Studien über das Sterben in Deutschland gibt. Wir brauchen dringend mehr Daten, denn erst dann können wir sagen, wo es Missstände gibt und wo eingegriffen werden muss. Bis jetzt ist das eher von ökonomischen Interessen als von Fakten geleitet.

Trotz mangelnder Daten werden Sie sicher eine Vermutung haben, wo sich etwas ändern muss?
Die katastrophalen Zustände in manchen Pflegeheimen und Krankenhäusern, zum Beispiel. Die dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Um dort eine bessere Atmosphäre zum Leben und zum Sterben zu erreichen, braucht man meist mehr und qualifiziertes Personal. Denn Überlastung heißt auch, dass die Wünsche von Sterbenden weniger berücksichtigt werden.

Wieso das?
Bei vielen Sterbenden ist das Bewusstsein eingeschränkt und damit oft die Fähigkeit zur Kommunikation. Es ist also ohnehin schwer, die Wünsche dieser Menschen wahrzunehmen. Mit überlasteten und schlecht ausgebildeten Pflegern wird es noch unwahrscheinlicher.

Bei der Verarbeitung des Todes spielen Rituale eine große Rolle. Wie wirkt es sich aus, dass in einer zunehmend säkularen Gesellschaft die Bedeutung der kirchlichen Rituale zurückgeht?
Im Sterbeprozess ist die Kirche inzwischen nur noch für eine Minderheit wirklich relevant. Dennoch spielen Rituale – übrigens im ganzen Leben – weiter eine wichtige Rolle. Zwar ist ein Verlust traditioneller Rituale eingetreten, man kann sich aber die Frage stellen, ob nicht neue Rituale an die Stelle getreten sind, die gar nicht als solche bezeichnet werden. Zum Beispiel die Gesundheitsvorsorge, die die Menschen betreiben. Oder die Abläufe in Heimen. Man sollte allerdings nicht meinen, dass Rituale im Umgang mit dem Tod automatisch helfen.

Weil sie den individuellen Wünschen zuwiderlaufen?
Richtig. Rituale können die Menschen auch quälen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Debatte um die Sterbehilfe?
Die Intensität der Debatte zeigt, dass wir in einer sehr pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und kulturellen Konzepten leben. Ich persönlich halte eine Liberalisierung der Sterbehilfe jetzt für richtig, weil sie die Möglichkeit für ganz verschiedene Gruppen eröffnet, in ganz unterschiedlicher Weise das Sterben zu gestalten. Ich halte auch die Einschränkung der Kommerzialisierung bei der Beihilfe zum Suizid für absurd. Sterben ist doch schon jetzt ein Milliardengeschäft.

(Frankfurter Rundschau, 14.1.15, Nadja Erb)

 

 

Krebs-Heilung:

Das große Geschäft mit dem großen Versprechen

Rund 3000 Krebsmedikamente sind derzeit in Entwicklung, sagt die Pharma. Ärzte halten dies für verkaufsfördernde Propaganda der Industrie. Trotzdem werden Medikamente immer häufiger auf Patienten zugeschnitten sein.

Medikamente und deren Preise sind ein ewiges Politikum. Der SP und dem Preisüberwacher können sie nicht tief genug sein. Die Pharmabranche fordert hingegen angemessene Preise für die Finanzierung der Forschung. 

Patient im Mittelpunkt?

Der Begriff «personalisierte Medizin» wird häufig als unpräzise oder gar irreführend kritisiert. Es geht weniger um die Persönlichkeit und die Bedürfnisse des Patienten, sondern um den Fortschritt und seine Konsequenzen für die Therapien: Dass genetische und biologische Aspekte eines Patienten bei der Diagnose berücksichtigt werden.

Der Streit wird in Bälde neu entfacht, wenn der Bundesrat bekannt gibt, wie er die Medikamentenpreise festlegen will: An welchen Kriterien soll sich deren Preis orientieren? Die Branche geht derzeit davon aus, dass der Bundesrat mit seinem Vorschlag, den er noch diesen Monat präsentiert, keine Stricke zerreißen wird. Die Preise werden wohl auch in Zukunft anhand ihrer Wirkung und dem Preisvergleich mit dem Ausland bestimmt.

Der wahre Preisschock

In den letzten drei Jahren orientierten sich die Preise an jenen im Ausland und konnten massiv gesenkt werden. Zwar konnten Medikamente tatsächlich billiger bezogen werden. Doch die Einsparungen von rund 700 Millionen Franken sind einfach verpufft.

Die Ausgaben für Arzneimittel gingen insgesamt nicht zurück, weil neue, wirksamere Medikamente die Kosten in die Höhe treiben. Und es ist noch keine Erholung in Sicht. Im Gegenteil.

Rund 3000 neue Krebsmedikamente liegen in der Pipeline und werden derzeit am Menschen erforscht. Viele werden es nicht bis zur Zulassung und in die Routinetherapie schaffen. Trotzdem versprechen sie bessere, auf den Patienten zugeschnittene Therapien. Der Vorteil: Unnötige Behandlungen und starke Nebenwirkungen können verhindert werden.

Andreas Schiesser vom Kassenverband Santésuisse verweist auf weitere Konsequenzen: «Wenn Medikamente nur bei gewissen Genkategorien wirken und den Status von ‹Orphan Drugs› erhalten, also Medikamente für seltene Krankheiten, werden sie einfacher zugelassen. Doch weil die Behandlung sehr spezifisch ist und eine hohe Wirksamkeit hat, steigen die Preise.»

Wirksam und wirtschaftlich?

Wenn die Therapie nicht ein paar tausend, sondern mehrere zehntausend Franken pro Jahr kostet, stellt sich angesichts der fortwährenden Prämiendiskussion auch die Finanzierungsfrage. Oder ob aufgrund der hohen Kosten Medikamente rationiert werden, wie das beim Hepatitis-C-Medikament Sovaldi der Fall ist.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt an, dass für die Finanzierung neuer Medikamente «die gleichen gesetzlichen Voraussetzungen wie bei den anderen Leistungen» gelten. So müsse für die Vergütung durch die Krankenkasse geprüft werden, ob Arzneimittel und Analysen «bei geringen Fallzahlen oder seltenen Krankheiten» die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW) erfüllen. Bloß: Was passiert, wenn die Medis den Kriterien nicht entsprechen?

Das BAG hat 2014 das Krebsmedikament Perjeta von der Liste der kassenpflichtigen Medikamente genommen, weil es die Kriterien verfehlte. Zwar kann es das Leben eines Krebspatienten um etwa acht Monate verlängern – in Fachkreisen gilt das Medikament deshalb als wirksam. Doch dem BAG ist es zu teuer. Die Krankenkassen können im konkreten Fall selbst entscheiden, ob sie Perjeta vergüten wollen oder nicht, weil es sich bei Krebs um eine lebensgefährliche Krankheit handelt.

Die Frage, ob gewisse Medikamente Patienten vorenthalten werden dürfen oder sollen, bleibt aber unbeantwortet.

Der Preis als Nebensache

Probleme könnten gemäß Santésuisse auch bei der Preisfestsetzung entstehen: «Wenn dank eines neuen Medikaments weniger Behandlungen notwendig sind oder man ein qualitativ besseres Leben führt und dadurch Kosten spart, stellt sich die Frage, wie der Preis festgelegt werden soll. Nur weil der Nutzen unendlich ist, darf der Preis nicht unermesslich hoch sein.» Der Preis sei mittels WZW-Kriterien festzulegen.

Unabhängig vom Preis, legen Onkologen große Hoffnung auf neue Therapien. «Was sich uns auftut, ist eine technologische Revolution; vergleichbar mit der Einführung des Internets», sagt Beat Thürlimann, Leiter des Brustzentrums im Kantonsspital St. Gallen. Er, der schon zahlreiche Krebsmedikamente der neuen Generation verabreicht hat, hält Kritikern entgegen: «Zwar müssen die Prämienzahler wegen höherer Krankenkassenkosten etwas mehr bezahlen. Doch machen Krebsmedikamente nur etwa 1 Prozent der Gesundheitskosten aus.» Außerdem sei die innovative Pharmaindustrie für die Volkswirtschaft ein Segen und soll gefördert und nicht gebremst werden.

Aus Sicht des Patienten

Doch auch Ärzte äußern Zweifel: Bei den neuen Medikamenten handle es sich um eine Propaganda der Pharmaindustrie, die lediglich ihre Produkte verkaufen wolle.

Andere warnen vor der neuen Technologie, weil sie den «gläsernen Patienten» fürchten – was die Solidarität unter Versicherten zerstören könnte.

Thürlimann weiß um die Notwendigkeit, zu lernen, mit dem Fortschritt umzugehen. «Der Mensch ist ein ängstliches Wesen und skeptisch gegenüber neuen Technologien.» Das sei immer so gewesen. Visionär sei das aber nicht.

So verlangt er von den Kritikern, den Blickwinkel der Patienten einzunehmen. «95 Prozent der Bevölkerung sind aktuell nicht von einer invalidisierenden oder tödlichen Krankheit bedroht und können sich den Luxus leisten, darüber zu philosophieren, welche Medikamente zugelassen werden.» Die anderen hätten diesen Luxus nicht. «Die brauchen das Medikament. Politik und Industrie müssen mit neuen Preismodellen dafür sorgen, dass dieses beim Patienten auch ankommt.»

(bz/Basel, 18.04.15, Anna Wanner)

 

Krebstherapien:

Das Geschäft mit der Hoffnung

Mehr Krebs entwickelt sich für viele Pharmakonzerne in erster Linie zu einem guten Geschäft. Zunehmend wächst die Kritik an den horrenden Preisen für neue Präparate.

Wien. Die Krankenschwester bringt eine Tasse Tee: "Schwarztee mit Milch und Zucker, so wie immer?" "Wie immer", bekräftigt Frau Auer. Mit den Gepflogenheiten der onkologischen Tagesklinik ist die pensionierte Steuerberaterin bestens vertraut. Alle vier Wochen muss sie hier zur Chemotherapie, die einzige Möglichkeit, wie sich das Wachstum ihres Tumors derzeit in Schach halten lässt. Seit sie vor vier Jahren die Diagnose Krebs erhielt, hat die 63-Jährige bereits eine wahre Odyssee an verschiedenen Behandlungen und Medikamenten hinter sich. Keine neue Therapie mehr zu beginnen ist für sie jedoch trotz unangenehmer, oft schwerer Nebenwirkungen keine Option. "Was soll ich auch sonst tun?", fragt Auer.

Jüngere betroffen

Frau Auer ist mit ihrer Situation nicht allein. Rund 38.000 Menschen erkranken in Österreich laut Statistik Austria jährlich neu an Krebs. Rund ein Viertel der jährlichen Todesfälle waren 2011 auf Krebserkrankungen zurückzuführen. Die Krankheit verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Allein in Österreich waren es 2,6 Milliarden €, wie britische Wissenschaftler 2013 für das Jahr 2009 errechneten. Das entspricht etwa einem Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung. EU-weit lagen die Kosten bei 126 Milliarden €. Zwar sorgten Herz-und Kreislauferkrankungen im selben Zeitraum in der EU mit 195 Milliarden € für mehr Kosten, laut der Studie führte Krebs mit errechneten 43 Milliarden € gegenüber 27 Milliarden € jedoch zu größeren Ausfällen bei der Produktivität. Ein Hinweis darauf, dass Krebs unter der arbeitsfähigen Bevölkerung zu mehr Todesfällen führt als Herz- und Kreislauferkrankungen.

Hinter den nackten Zahlen stecken jedoch Einzelschicksale. Krankengeschichten, oft jahrelang zwischen Bangen, Hoffen und dem Warten auf die Entwicklung neuer Medikamente, um der Krankheit vielleicht doch endlich Herr zu werden. Statistisch haben sich die Aussichten zumindest in den entwickelten Ländern verbessert. Tendenziell sinken in Österreich das Sterblichkeitsrisiko sowie das Risiko einer Neuerkrankung. Dahinter stehen unter anderem eine Ausweitung der Früherkennung und neue Medikamente, die die Überlebensaussichten erkrankter Personen verlängern. Damit wird in den kommenden Jahren die Zahl derer, die mit der Krankheit leben, zunehmen. In Österreich sind dies derzeit knapp 124.000 Personen.

Ein lukrativer Markt für die Pharmaindustrie. Der globale Markt für Onkologiepräparate hatte laut dem Marktforschungsunternehmen IMS Health 2013 ein Volumen von 91 Milliarden US-$. 41 Prozent der Erlöse entfallen dabei auf die USA. Und die Branche investiert weiter Milliardenbeträge in die Entwicklung neuer Präparate. Mehr als 30 Prozent aller vor- und frühklinischen Studien sind laut IMS Health in der Onkologie angesiedelt. 22 neue Präparate wurden in den vergangenen zwei Jahren auf den Markt gebracht. Damit hat der Kampf gegen den Krebs die Entwicklung von Medikamenten gegen Infektionskrankheiten und in der Neurologie überholt. Geforscht wird derzeit an sogenannten gezielten Krebstherapien, etwa der Immuntherapie. Ziel ist es dabei, das körpereigene Abwehrsystem derart zu stimulieren, dass es Krebszellen erkennen und zerstören kann.

Warnung vor Euphorie

Trotz vielversprechender Therapieansätze warnen Fachleute vor allzu großer Euphorie. Noch seien längst nicht alle offenen Fragen geklärt und erforscht. Ein Nachteil ist allerdings gut dokumentiert. Viele dieser Präparate, die neu auf den Markt kommen, sind sehr teuer. Eine Behandlung mit Herceptin, das bei einer bestimmten Art von fortgeschrittenem Brustkrebs eingesetzt wird, kostet in Österreich jährlich rund 36.000 €. IMS Health schätzt die Kosten solch gezielter Krebstherapien auf 46 Prozent der weltweit verkauften Krebsmedikamente. Zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil bei gerade mal elf Prozent. Dies führte im selben Zeitraum zu einer Verdoppelung der Behandlungskosten insgesamt: 2013 lagen diese bei durchschnittlich 10.000 $ pro Monat. Ein äußerst profitables Geschäft für die Pharmakonzerne. Ganz vorn mit dabei bei der Entwicklung neuer Produkte ist beispielsweise der Schweizer Pharmariese Roche. Im vergangenen Jahr trugen drei Krebsmedikamente - Avastin, Herceptin und Mabthera - mehr als 40 Prozent zum Konzernerlös bei.

Milliardeninvestitionen

Für ihre exorbitanten Preise stehen die Konzerne jedoch zunehmend in der Kritik. Experten bemängeln, dass sich der medizinische Nutzen neuer Therapien durch Langzeitstudien oft nur schwer belegen lasse. Bei den meisten neuen Präparaten handle es sich zudem nicht um Wundermittel. Ihre Wirksamkeit hält oft nur eine gewisse Zeit an, bevor der Tumor zurückkehrt. "Ein ganz großer Teil dieser neuen Präparate zögert eigentlich nur das Unvermeidbare hinaus", sagt Claudia Wild, Institutsleiterin für Health Technology Assessment beim Ludwig Boltzmann Institut in Wien. Die so gewonnenen Wochen und Monate seien jedoch oft verbunden mit Abstrichen bei der Lebensqualität, da viele Medikamente schwere Nebenwirkungen mit sich bringen würden.

Branchenvertreter rechtfertigen die hohen Kosten mit der zeitintensiven und kostspieligen Entwicklung der Präparate. Investitionen von über einer Milliarde € bis zur Markteinführung eines fertigen Medikaments sind dabei keine Seltenheit. Erst muss in langwieriger Forschungsarbeit überhaupt ein Wirkstoff identifiziert und patentiert werden, bevor das Medikament in klinischen Studien an Patienten getestet werden kann. Bei einer Entwicklungsdauer von durchschnittlich zwölf Jahren und einem Patentschutz von heute 20 Jahren kann ein Pharmaunternehmen gemäß dieser Rechnung acht Jahre vom Umsatz des neuen Medikaments profitieren.

Ob ein Onkologiepräparat, das in Österreich neu auf den Markt kommt, von den Krankenkassen rückerstattet wird, kommt dabei auf seinen therapeutischen Nutzen an, heißt es vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger auf Anfrage. Ist dies nicht der Fall, so muss dies zuerst vom Chefarzt bewilligt werden. Bei bewilligungspflichtigen Präparaten sieht der Hauptverband jedoch eine oft kaum nachvollziehbare Preisbildung. Immer teurere Medikamente, unter denen manche gar keine wesentlichen Zusatznutzen für Patienten haben, seien aus gesundheitspolitischer Sicht sehr besorgniserregend.

Politiker, Gesundheitsexperten und die Pharmakonzerne sehen sich hier mit ethisch durchaus schwierigen Entscheidungen konfrontiert. Als Großbritannien 2014 die Übernahme für die Behandlungskosten mit einem neuen Brustkrebsmedikament ablehnte, war der Aufschrei groß. Der Industrie wurde Profitgier auf Kosten der Patientinnen vorgeworfen, während sich die staatliche Krankenkasse mit dem Vorwurf konfrontiert sah, bei der Versorgung Schwerkranker zu sparen. Auch wenn zunehmend die Frage der Lebensqualität bei neuen Therapien im Vordergrund steht, ist doch Hoffnung vielleicht das wichtigste Gut, das die Pharmaindustrie den Patienten im Kampf gegen Krebs verkauft. Vielleicht nicht immer auf vollständige Heilung. Aber doch wenigstens auf Umwandlung der heimtückischen Krankheit von einem lebensbedrohlichen in ein chronisches Leiden.

(WirtschaftsBlatt/Wien, 20.4.15, Beatrice Bösiger)

 

 

Pharmaindustrie

Die Top-Pharmakonzerne setzen auf Krebs und Immunkrankheiten

Die 20 größten Pharmaunternehmen der Welt haben im vergangenen Jahr die meisten Umsätze mit Wirkstoffen zur Behandlung von Krebs und Immunkrankheiten gemacht. Insgesamt stiegen die kumulierten Umsätze dieser Unternehmen um vier Prozent. Restrukturierungen haben aber auch zu dem positiven Ergebnis beigetragen.

Die Pharmabranche konnte 2014 trotz konjunkturell schwieriger Voraussetzungen ihren Umsatz weiter verbessern. So stieg der Gesamt-Pharmaumsatz der 20 größten Pharmakonzerne weltweit von 337,346 Milliarden Euro im Jahr 2013 auf 350,821 Milliarden Euro 2014. Das zeigt eine aktuelle Analyse des Beratungsunternehmens Ernst & Young.

Vor allem die Krebs- und Immunmedikamente stehen im Fokus der großen Pharmakonzerne. Hier lag der Umsatz zusammen bei 94,1 Milliarden Euro. 2013 waren es noch 88,7 Milliarden Euro. „Die Pharmaindustrie hat in der Krebsforschung erhebliche Fortschritte gemacht“, sagt Erich Lehner von EY Österreich. Die Therapiemöglichkeiten seien deutlich besser geworden. „Durch die hohe Zahl an verschiedenen Krebsformen, die alle unterschiedlich behandelt werden müssen,  bedarf es sehr spezieller Wirkstoffe“, so Lehner.

Durch die neuen Diagnostik-Methoden könnten die entsprechenden Wirkstoffe heute viel zielgerichteter entwickelt werden. „Die Behandlung von Krebs wird ein dominantes Thema bleiben.“ Das zeigt sich auch bei der Entwicklung von Wirkstoffen. Im Bereich der Onkologie und Immunologie befanden sich im vergangenen Jahr mit 1.589 die meisten Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline.

Zweitwichtigster Umsatzfaktor waren die Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Hier ging der Umsatz jedoch leicht von 72,2 Milliarden Euro auf 71,3 Milliarden Euro zurück. Dafür konnten die Konzerne aber ihre deutlichste Umsatzsteigerung bei Medikamenten gegen Infektions-Krankheiten verzeichnen.

Den größten Pharmaumsatz der 20 Top-Unternehmen machte Pfizer trotz eines leichten Rückgangs gegenüber 2013 mit 34,446 Milliarden Euro. Roche und Merck & Co. Inc. folgen auf Platz zwei und drei. Bayer landete auf Platz 13 mit einem Pharmaumsatz von 12,052 Milliarden Euro. Vor allem die US-amerikanischen Pharmariesen konnten ihren Pharmaumsatz steigern, während sich die Umsätze der Konzerne aus Europa und Japan nur leicht verbesserten.

Insgesamt lag das operative Ergebnis vor Steuern und Zinsen bei den Top 20 Pharmakonzernen bei fast 120 Milliarden Euro: 6,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zumal der EBIT 2013 im Vergleich zu 1012 sogar noch um 4,3 Prozent zurückgegangen war. „Die großen Pharma-Konzerne haben 2014 wieder kräftig Fahrt aufgenommen“, sagt Erich Lehner, zuständiger Partner für Life Sciences bei EY Österreich. „Sowohl Umsatz als auch Ergebnis entwickelten sich wieder positiv.“

Die Restrukturierungen und Kostensenkungen hätten sich dabei auch positiv ausgewirkt. „Sie trennen sich von Geschäftsfeldern, die nicht zu ihren Kernkompetenzen gehören und investieren gezielt in individuell Erfolg versprechende Wirkstoffbereiche“, so Lehner. „Damit bewegen sie sich weg vom früheren Ansatz einer breiten Konzernstruktur mit einem breit gefächerten Wirkstoffportfolio und fokussieren sich auf ihre Stärken.“

Dabei erhöhten die Konzerne ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hier war Roche mit 6,899 Milliarden Euro führend, gefolgt von Novartis und Pfizer. Verantwortlich für den erhöhten Umsatz waren vor allem Zukäufe und Fusionen. Diese erreichten ein Volumen von 300 Milliarden Euro und damit deutlich mehr als in den drei Jahren zuvor.

(Deutsche Mittelstands-Nachrichten, 29.6.15)

 

 

Krebs-Kongress ASCO in Chicago – Roche im Fokus

25’000 Teilnehmer werden beim Krebs-Kongress in Chicago erwartet. ASCO ist nicht nur für Brancheninsider wichtig, dort vorgelegte Studien können auch Aktienkurse bewegen. Worauf Anleger setzen.

Rund 15'000 Menschen pro Jahr sterben allein hierzulande an Krebs, weltweit sind es mehr als acht Millionen – Tendenz steigend. Auch die Neuerkrankungen nehmen dramatisch zu. Bis zum Jahr 2025 ist es nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO möglich, dass weltweit jährlich 20 Millionen Menschen an Krebs erkranken werden. Das wären 40 Prozent mehr als zurzeit. Als Gründe nennt die Organisation den Anstieg des Bevölkerungswachstums, die zunehmende Lebenserwartung sowie häufig schädliche Ernährungsgewohnheiten.

Angesichts des erwarteten dramatischen Anstiegs forschen Pharma- und Biotechunternehmen mit Hochdruck an neuen Medikamenten. Eine vielversprechende Option in der Verteidigung gegen die Tumore stellt die Immuntherapie dar. Dieses Heilverfahren setzt auf das körpereigene Abwehrsystem. Verschiedene Krebsmittel, die das Immunsystem diesbezüglich positiv stimulieren sollen, sind schon auf dem Markt.

Roche: Positive Überraschung ist möglich

Besonders eifrig in der Entwicklung immuntherapeutischer Krebsmedikamente ist Roche. Bis zum Jahresende sollen elf Projekte die dritte und letzte Phase der klinischen Entwicklung erreichen. Im Fokus steht derzeit der Wirkstoff «MPDL3280A» gegen Lungen- und Blasenkrebs. Für diesen möchte der Konzern bereits 2016 Zulassungsanträge in den USA und in Europa stellen. Die Fortschritte bei den Entwicklungen wird Roche vom 29. Mai bis 2. Juni in Chicago vorstellen. Dort findet die 51. Jahrestagung der amerikanischen Onkologiegesellschaft (ASCO) statt, die wichtigste Grossveranstaltung der Branche.

Kein Wunder, dass die Analysten von Goldman Sachs den Genussschein von Roche (ISIN CH0012032048) vor der Jahreskonferenz der Krebsforscher mit «Buy» bestätigen. Für den Fall, dass der Konzern seine Ansätze zur Immuntherapie gegen Krebs schneller zur Marktreife führen wird als erwartet, rechnet Analyst Keyur Parekh damit, dass die Gewinne bis 2018 höher als bisher erwartet ausfallen werden. «Jüngste Daten für die ASCO stimmen diesbezüglich optimistisch», urteilt der Experte.

Aussichstreiche US-Player

Neben Roche gelten auch die beiden US-Konzerne Bristol-Myers Squibb (ISIN US1101221083) und Merck & Co. (ISIN US58933Y1055) sowie die britisch-schwedische AstraZeneca (ISIN GB0009895292) als führend in diesem Bereich. Merck & Co. erhielt im vergangenen Herbst für «KEYTRUDA», den ersten Antikörper, der die körpereigene Immunantwort gegen fortgeschrittenen Hautkrebs reaktiviert, in den USA eine Zulassung. Um das Potenzial des Wirkstoffs noch besser zu verstehen, testet das Unternehmen «KEYTRUDA» in mehr als 85 Studien und 30 verschiedenen Krebsarten. Das Unternehmen wird an der ASCO Neuigkeiten dazu bekanntgeben.

Kapitalmarktexperten stufen die Aussichten des Pharma-Titels überwiegend als positiv ein. Der Analystenkonsens lautet derzeit auf «Outperform». Dabei kam es zuletzt zu einigen Hochstufungen nach den vorgelegten Quartalszahlen. So hat beispielsweise Argus ihr Kursziel von 66 auf 70 Dollar erhöht. Dank starker Nachfrage nach ihrem Diabetes-Mittel «Januvia» und ihrer Tiermedizinprodukte konnte Merck & Co. die Erwartungen der Wall Street mit einem Quartalsgewinn von 85 Cent je Aktie um satte 10 Cent übertreffen.

Dynamisches Wachstum

Setzt sich die Immuntherapie bei der Krebsbekämpfung durch, dürfte dies auch die Gewinne von Bristol-Myers Squibb (BMS) deutlich anschieben. Einen wichtigen Erfolg feierte der US-Konzern Anfang des Jahres mit dem Wirkstoff «Nivolumab», der bei vielen Lungenkrebspatienten Wirkung zeigte. An der ASCO wird BMS gleich zu drei potenziellen Mitteln für die Immuntherapie klinische Daten präsentieren.

Anleger honorieren die Erfolge von BMS bereits seit längerem mit Kursaufschlägen. Auf Jahressicht liegt die Aktie um knapp 40 Prozent vorne. Doch, obwohl der Titel mittlerweile ein KGV von 29 auf Basis der erwarteten Profite für 2016 aufweist, könnte sich die Klettertour noch fortsetzen. Das erwartete durchschnittliche Gewinnwachstum für die kommenden zwei Jahre beträgt immerhin 38 Prozent.

(Handelszeitung/CH, 22.5.15, Christian Ingerl)

 

 

Gen-Therapie erobert Deutschland

Die 1-Million-Euro-Spritze

Tödliche Rückschläge, zahlreiche Pleiten – nach 25 Jahren Forschung wird das Reparieren von Genen endlich ein Geschäft. Erste Verfahren gegen Erbkrankheiten kommen jetzt auf den Markt, bald sind Krebs und Herzleiden an der Reihe.

Zäh und beharrlich – so hat Jörn Aldag gekämpft, jahrelang. Selbst als seine Firma mal insolvent war, machte er weiter. Vier Anläufe brauchte er, bis endlich die Europäische Arzneimittelbehörde grünes Licht gab. Doch jetzt hat der 56-jährige Deutsche es endlich geschafft: Aldag hat die erste Gentherapie in der westlichen Welt auf den Markt gebracht, mit garantierter Kostenerstattung durch die Krankenkasse.

Dieser Tage werden Mediziner in Deutschland erstmals die Erbanlagen eines Patienten mit einer sehr seltenen Fettstoffwechselkrankheit reparieren. Glybera lautet der Name der neuen Genkur. Sie schleust die Erbinformation, die diesen Patienten von Geburt an fehlt, mithilfe eines zuvor im Labor präparierten Virus in deren Zellen ein.

Die Therapie hat ihren Preis: Stolze eine Million Euro kostet die Spritze in den Oberschenkel. Kein Wunder, dass Aldag, Chef des Amsterdamer Biotech-Start-ups Uniqure, zwei Jahre kämpfen musste, bevor die Krankenkassen die Kosten übernahmen. Im November war es so weit. „Seither können Ärzte Glybera verschreiben“, sagt er.

Damit ist ihm etwas gelungen, was etliche andere Firmen während der vergangenen 25 Jahre in den Ruin getrieben hat. Nur in China ist seit 2003 eine – umstrittene – Gentherapie gegen Krebs zugelassen. Nun schauen Forscher und Investoren gespannt auf die 120 Mitarbeiter starke Uniqure, die 2014 beim Börsengang knapp 92 Millionen Dollar einsammelte. Zur Vermarktung hat sich Aldag mit dem italienischen Pharmaunternehmen Chiesi Farmaceutici zusammengetan.

Defekte Gene im Körper zu reparieren – dieser einfachen wie genialen Idee hat Aldag enormen Aufwind verschafft. Kaum hat sich das über Jahre versperrte Tor zum Markt geöffnet, gründen Forscher reihenweise Start-ups und bekommen Millionen an Kapital. Auch die Pharmakonzerne entdecken das Feld neu und investieren Milliarden.

Schon jetzt ist klar: Nach der Initialzündung durch Glybera werden bald weitere Gentherapien gegen seltene, bisher unheilbare und tückische Erbkrankheiten auf den Markt kommen – etwa für Bluter oder Blinde. Einige Jahre später wird die Genreparatur auch bei Volksseuchen wie Krebs, Parkinson oder Herzkreislaufleiden helfen. Seit 2011 steigt die Zahl neu begonnener klinischer Studien am Menschen pro Jahr um etwa 20 Prozent, wie aus dem zentralen Register des Fachblatts „Gene Medicine“ hervorgeht.

Noch vor wenigen Jahren sah das ganz anders aus. Forscher zogen sich scharenweise aus dem Feld zurück. Kaum ein Investor oder Pharmamanager hätte noch einen Cent auf diese in den Neunzigerjahren hochgejubelte Technik gesetzt. Das Problem: In den ersten euphorischen Jahren waren die Genfähren, mit denen die Mediziner das Erbgut in den Kern menschlicher Zellen bugsieren, alles andere als sicher: Sie luden die Gene mitunter an den falschen Stellen ab, aktivierten Krebsgene oder lösten heftigste Abwehrreaktionen des Körpers aus – einige Patienten starben sogar. Zudem gibt es die theoretische Möglichkeit, mit diesem Verfahren Ei- und Spermazellen zu manipulieren und so Designerbabys zu schaffen, mit ganz anderen Erbanlagen als ihre Eltern – was die große Mehrzahl der Forscher und Unternehmer der Branche heute kategorisch ablehnt.

Nach den Pannen waren die Behörden in Europa und Nordamerika extrem vorsichtig geworden. „Die Methode stand vor dem Aus, bevor sie jemand richtig nutzen konnte“, erzählt Wolfgang Uckert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie. Inzwischen haben die Forscher allerdings eine ganze Reihe neuer Viren als Gentransporter rekrutiert, die sehr viel sicherer sind als die ersten Modelle.

Der Job eines Virus ist es, andere Organismen zu infizieren, sprich Zellen zu entern und das eigene Erbgut in deren Kern zu bringen. Der Grund: Da Viren ihre Gene nicht selbstständig vervielfältigen können, müssen sie die Zellen der von ihren befallenen Menschen dazu bringen, es für sie zu tun. Sonst können sie sich nicht vermehren. Genau diesen Mechanismus nutzen Forscher und schieben den Viren wie einem trojanischen Pferd das heilsame Erbgut unter. Dabei stutzen sie die Viren im Labor aber so zurecht, dass sie nicht mehr krank machen.

Die Entwickler von Uniqure haben in Studien gezeigt: Die neuen Genfähren sind sicher, und die neue Therapie ist wirksam. Damit besteht zum ersten Mal Hoffnung auf Heilung für Menschen, die an der erblichen Fettstoffwechselerkrankung Lipoproteinlipase-Defizienz leiden. Sie müssen sich ihr Leben lang völlig fettfrei ernähren, weil ihr Körper Butter, Öl und Co. nicht abbauen kann. Das Leiden ist extrem selten: Bei einer Million Menschen treten nur ein bis zwei Fälle auf. Das sind gerade einmal 80 bis 160 Menschen in Deutschland.

Nehmen sie versehentlich doch kleinste Mengen Fett zu sich, bekommen sie starke Bauchschmerzen. Langfristig entzündet sich die Bauspeicheldrüse, was lebensbedrohlich sein kann. Geradezu normal können dagegen jene Patienten leben und essen, denen Ärzte in den Glybera-Versuchen einmal eine Dosis der Virusfähre mit dem fehlenden Gen gespritzt haben. Selbst nach sechs Jahren noch.

Für Uniqure-Chef Aldag ist das der unschlagbare Vorteil gegenüber herkömmlichen Therapien: „Einmal gegeben, funktioniert die Gentherapie viele Jahre, möglicherweise sogar ein Leben lang.“ Das ist wunderbar für die Geheilten, macht es aber kompliziert, einen Preis festzusetzen. Denn kassieren kann Uniqure nur einmal.

Aldag hat vorerst mit den Kassen eine recht opulente Kostenerstattung von einer Million Euro pro Glybera-Kur ausgehandelt. Der endgültige Preis wird aber erst jetzt, im ersten Jahr der Zulassung, festgezurrt. Aldag kann sich vorstellen, dass die Versicherer die Therapie, die viele Krankenhausaufenthalte erspart und über Jahre wirkt, in Raten bezahlen: „Solange das Gen aktiv ist, ist eine Zahlung fällig.“

Bei der Preissetzung sei in Zukunft noch einiges an Kreativität gefordert, glaubt Aldag. Denn viele Therapien, die jetzt auf den Markt kommen, heilen Patienten mit schwerwiegenden, aber sehr seltenen Erbkrankheiten. Bei ihnen funktioniert ein einziges Gen nicht richtig, das macht sie zu idealen Kandidaten für diese Methode.

So wie bei Blinden mit dem Augenleiden Lebersche Amaurose. Mit einer einzigen Injektion direkt ins Auge konnten Forscher des Children’s Hospital of Philadelphia und der University of Pennsylvania ihnen ermöglichen, wieder wenigstens etwas zu sehen. Je jünger die Patienten waren, desto durchschlagender war der Effekt. Zwei der Wissenschaftlerinnen, Katherine High und Jean Bennett, haben mit Kollegen 2013 die Firma Spark Therapeutics gegründet. Damit „Gentherapie Wirklichkeit wird“, wie sie selbstbewusst verkünden. Innerhalb eines Jahres sammelten sie 83 Millionen Dollar Wagniskapital ein. Der Börsengang im Januar erbrachte 161 Millionen Dollar.

Mit ihrer Therapie ist die Firma bereits in der dritten und damit letzten Versuchsphase am Menschen. Sie erhielt im November von der US-Zulassungsbehörde FDA das Prädikat Durchbruch-Therapie, was eine schnelle Genehmigung wahrscheinlich macht. Die Spark-Leute wollen bis Ende des Jahres die Studie auswerten und die Zulassung Anfang 2016 beantragen.

Zwar ist das Leiden selten: In Europa und den USA leben nur 3500 Patienten. Aber die betroffene Erbanlage ist nur eine von 220, die Augenerkrankungen verursachen. Ein weiteres, weit häufigeres Blindmacher-Gen zu reparieren testen die Forscher bereits in Phase 1/2 am Menschen.

Das junge Start-up hat noch ein weiteres spannendes Projekt in der Pipeline: eine Therapie gegen die Bluterkrankheit, die Hämophilie. Je nachdem welcher der Blutgerinnungsfaktoren den meist männlichen Patienten fehlt, wird die Krankheit in A oder B eingeteilt – und sie betrifft immerhin einen von 5000, beziehungsweise einen von 25.000 Männern. Stoßen sich die Betroffenen auch nur leicht, kann es zu unstillbaren Blutungen kommen. Seit vielen Jahren können sich zumindest Patienten mit der häufigeren A-Variante mit biotechnisch hergestellten Medikamenten behelfen: Faktor VIII gehört zu den Branchenklassikern – ein Milliardenmarkt.

Das lukrative Geschäft, an dem Pharma- und Biotech-Größen wie Amgen, Bayer, Baxter und auch Pfizer gut verdienen, könnte in Zukunft in Richtung Gentherapie abwandern. Deshalb hat Pfizer sich im Dezember bei Spark eingekauft: 20 Millionen Dollar bekam die Gentherapiefirma sofort, 260 Millionen Dollar sollen im Laufe der Kooperation folgen. Noch in diesem Halbjahr beginnen erste Tests an Menschen.

Der nächste Schwung Gentherapien wird einen echten Massenmarkt betreffen: Krebs, eine der häufigsten Todesursachen in der westlichen Welt. Einer der Pioniere in diesem Feld ist die chinesische Firma Sibiono GeneTech aus Shenzhen. Sie hat bereits seit 2003 in China eine Zulassung, um Tumore im Kopf und am Hals zu bekämpfen. Dazu bringen die Forscher mithilfe eines Virus Wächtergene in die Krebszellen, die dann ein Selbstmordprogramm starten: Der Tumor schrumpft. Diese Gene lassen normalerweise Zellen sterben, deren Erbgut aufgrund ihres Alters, durch UV-Strahlung oder Giftstoffe Defekte bekommen haben. In Krebszellen ist dieser Selbstschutz außer Kontrolle geraten.

In Europa und USA waren die Behörden bei ähnlichen Konzepten lange nicht überzeugt, dass der Nutzen der Therapie deren Risiken überwiegt. Denn es ist erfolgversprechender, eine bisher unheilbare Erbkrankheit zu behandeln, die durch einen einzelnen Gendefekt verursacht wird, als Krebs, bei dem häufig mehrere Gene eine Rolle spielen. Zudem können Ärzte heute schon gegen Tumore mit Chemotherapie, Bestrahlungen und Operationen vorgehen.

Diese traditionellen Behandlungen mit der modernen Gentherapie zu kombinieren ist möglicherweise der beste Weg. Erbanlagen, die an der Krebsentstehung beteiligt sind, gibt es genug. Zwei Drittel aller Gentherapieversuche am Menschen richten sich daher derzeit gegen dieses Leiden. Dabei verfolgen viele Forscher das Ziel, das Abwehrsystem des Körpers auf die Krebszellen aufmerksam zu machen, um diese zu entlarven und zu zerstören. Denn Krebszellen sind perfekt darin, sich als harmlose Körperzellen zu tarnen.

Geradezu genial wäre es, mittels Gentransfer typische Altersleiden zu bekämpfen, etwa den Abbau von Nerven. Zumindest bei der Parkinson-Erkrankung mit ihrer Schüttellähmung laufen schon mehrere Studien – auch bei Uniqure. Der Plan: Eine ins Gehirn gespritzte Genfähre soll die Produktion eines fehlenden Botenstoffs anregen. Wie wirksam so eine Therapie auf Dauer ist, muss sich aber erst zeigen.

Das vor einem guten Jahr gegründete US-Start-up Voyager Therapeutics hat bereits erste Parkinson-Patienten behandelt. Im Februar stieg hier der französische Pharmakonzern Sanofi ein und schloss einen Deal im Wert von 845 Millionen Dollar ab.

Selbst die Todesursache Nummer eins, die Herz-Kreislauf-Leiden, glauben die Gentherapeuten bekämpfen zu können. Knapp acht Prozent aller Gentherapiestudien beschäftigen sich bereits damit, die lebenswichtige Blutpumpe wieder fit zu bekommen. So will die kalifornische Celladon den Kalziumhaushalt im Herzmuskel so regeln, dass die Zellen besser und stärker arbeiten können. Denn bei der weitverbreiteten Herzschwäche pumpt der – oft nach einem Infarkt – geschädigte Muskel nur noch mit halber Kraft. Celladons Versuche am Menschen sind bereits weit fortgeschritten.

Auch Uniqure heilt Herzen, wenn auch erst beim Schwein. Dort aber sehr erfolgreich, sagt Aldag, der das Verfahren bald am Menschen erproben will. Die neue Konkurrenz sieht er ganz positiv, denn sie belegt für ihn: „Das Zeitalter der Gentherapie hat gerade erst begonnen.“

(Wirtschaftswoche, 4.4.15, Susanne Kutter)

 

 

 

 

Gates und Hopp gegen Krebs

Bill Gates schmiedet Millionen-Deal in der Biotechnik

Bill Gates ist einer der weltweit wichtigsten Geldgeber bei der Bekämpfung von Kindersterblichkeit. Jetzt sollen seine Millionen eine Tübinger Firma von SAP-Gründer Hopp unterstützen, die Infektionskrankheiten in den ärmsten Ländern der Welt den Kampf angesagt hat.

Microsoft-Gründer Bill Gates investiert über seine Stiftung 46 Millionen Euro in den Tübinger Biotech-Konzern Curevac. Zudem werde die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung Programme des Unternehmens zur Entwicklung von Impfstoffen finanzieren, teilte Curevac am Donnerstag mit und bestätigte Informationen des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" (Freitag). Dabei geht es um Mittel gegen virale, bakterielle und parasitäre Infektionskrankheiten wie das Rotavirus und HIV. Im Fokus stünden Krankheiten, von denen überdurchschnittlich viele Menschen in den ärmsten Ländern der Welt betroffen sind. Die ersten gemeinsamen Programme dazu laufen schon.

Maßgeschneiderte Medizin gegen Krebs

Die Firma, die in Tübingen und einer Abteilung in Frankfurt/Main 160 Mitarbeiter beschäftigt, entwickelt auf Basis der sogenannten Boten-RNA (mRNA), einer DNA-Kopie, neue Ansätze zur Behandlung von und zum Schutz vor den Krankheiten

Die mRNA dient den Angaben zufolge als Informationsträger für die Bauanleitung von Proteinen. So könne der menschliche Körper "seine eigene maßgeschneiderte Medizin gegen eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten" herstellen.

"Wenn wir den Körper dazu anleiten können, seine eigene Abwehr zu bilden, können wir die Behandlung und Prävention von Krankheiten revolutionieren", sagt Gates laut Mitteilung. "Technologien wie mRNA geben unserer Stiftung die Zuversicht für große Investitionen in die Zukunft." Curevac leiste mit der Technologie Pionierarbeit. Das Geld der Stiftung soll vor allem in eine neue Produktionsanlage fließen.

Preis "für Entwicklungsländer angemessen"

SAP-Gründer Dietmar Hopp, der über die Beteiligungsgesellschaft dievini Hopp BioTech holding Hauptgesellschafter von Curevac ist, sagte: "mRNA ist vergleichbar mit einer Software, die dem Körper hilft sich selbst neu zu programmieren, um Krebs und Infektionskrankheiten zu bekämpfen." Bis heute sei ihm kein anderes Biomolekül mit einem derart vielseitigen Potenzial bekannt. Die Holding, als langjährige Investor von Curevac, erhöhe die Beteiligung an dem 2000 gegründeten Unternehmen um 21 Millionen Euro, hieß es.

Curevac kündigte an, jedes Produkt, das mit finanziellen Mitteln der Stiftung entwickelt wurde, zu einem für Entwicklungsländer angemessenen Preis zu produzieren. Außerhalb dieser Länder stehe es dem Unternehmen frei, die von der Gates-Stiftung finanzierten Produkte selbst oder über Auslizensierungen zu vermarkten. Über die Höhe der langfristigen Investitionen machte die Firma keine Angaben.

(Focus.online, 6.3.15)

  

 

 

Umkämpfter Krebsmittel-Markt

Die Ökonomie der Onkologie

Da sich heute eine Vielzahl von Pharmafirmen mit der Entwicklung von Krebsmitteln befasst, ist das Finden von Alleinstellungsmerkmalen schwieriger denn je. Eine Möglichkeit dazu bieten neue Immuntherapien.

Die Onkologie ist von einem Spezialitäten-Gebiet zu einem Geschäft mit Massenmarkt-Charakter geworden. Es gibt heute kaum mehr ein bedeutendes Pharmaunternehmen, das nicht ein Programm zur Entwicklung von Krebstherapien betreibt. Besonders ausgeprägt ist das Engagement in den USA, wo branchenweit 38% aller in der späten Entwicklung befindlichen Projekte auf die Onkologie entfallen. Bereiche wie Neurologie und Infektionskrankheiten, die in den 1980 und 1990er Jahren noch die größten Betätigungsfelder der Industrie gewesen waren, haben mittlerweile an relativer Bedeutung eingebüßt. Diese Verlagerung der Gewichte verschafft den notleidenden Krebspatienten Vorteile und nährt die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft die tückische Krankheit wenn nicht geheilt, so doch in ein chronisches, nicht mehr lebensbedrohliches Leiden umgewandelt werden kann.

Drang nach Spezialisierung

Für die in der Onkologie engagierten Unternehmen hat die Medaille jedoch eine Kehrseite; angesichts der gewachsenen Konkurrenz wird es für sie immer schwieriger, sich durch Alleinstellungsmerkmale auszuzeichnen. Dies betrifft besonders Indikationen wie Leukämie, Brust-, Lymphdrüsen- oder Prostatakrebs, zu deren Behandlung eine Fülle von Produkten zur Verfügung steht. Firmen, die zu Innovationen fähig sind, konzentrieren sich deshalb auf Gebiete mit «ungedecktem medizinischen Bedarf», wie es im Jargon heisst; hier ist das Gedränge weniger groß. Analog zu anderen Industriezweigen geht es auch in der Pharmabranche darum, auf die «Vermassung» eines Geschäfts mit der Entwicklung neuartiger Spezialitäten zu reagieren.

Eine gute Chance, sich von den Mitbewerbern abzuheben, bieten in der Regel neue Technologien. Im Krebs-Bereich war es in den vergangenen Jahren beispielsweise die «personalisierte Medizin», die eine Differenzierung erlaubte: diagnostische Tests zur Bestimmung, ob Patienten auf eine Behandlung ansprechen oder nicht. Doch diese Vorabklärungs-Methode hat ihren Exklusivitäts-Charakter längst verloren. War die personalisierte Medizin im vergangenen Jahrzehnt noch ein Novum, für das Roche und Genentech mit dem Brustkrebsmittel Herceptin Pionierarbeit leisteten, gehört bei den Onkologie-Produkten der jüngsten Generation das Mitliefern eines «Companion»-Diagnose-Tests quasi zum Standard.

Neuer Hoffnungsträger

Eine neue Gelegenheit zur Differenzierung innerhalb der Onkologie bietet die Immuntherapie, die darauf abzielt, das körpereigene Abwehrsystem so zu aktivieren, dass es Krebszellen erkennen und zerstören kann. Der Ansatz gilt als revolutionär, und nicht wenige Vertreter der medizinischen Gemeinde sehen darin einen Paradigmenwechsel, der im Kampf gegen Krebs den lange ersehnten Durchbruch bringen könnte.

Zurzeit gibt es erst eine Handvoll Pharmafirmen, die im Bereich der Immun-Onkologie über entwickelte oder gar marktreife Wirkstoffe verfügen. Zu jenen, die in diesen Bemühen am weitesten fortgeschritten sind, gehören die amerikanischen Konzerne Bristol-Myers Squibb (BMS, mit einem Präparat namens Nivolumab), Merck (mit MK-3475 oder Pembrolizumab) sowie Roche (mit RG 7446). In diesem Spezialsegment tätig sind ferner das deutsche Unternehmen Merck KGaA, der britische Konzern AstraZeneca, der US-Konkurrent Eli Lilly und nicht zuletzt Novartis.

Verlockendes Marktvolumen

Zum Verkauf zugelassen ist bisher erst das Produkt von BMS, und zwar in Japan, zur Behandlung von Melanomen. Der Durchbruch in den USA und in Europa steht noch aus. Gleichwohl kann man das «westliche» Marktpotenzial, das sich durch die neue Therapiemethode erschließen lässt, jetzt schon in Umrissen erkennen. Fabian Wenner, Analytiker bei Kepler Cheuvreux, veranschlagt die Population der in Europa und Nordamerika lebenden Krebspatienten, die für eine Therapie mit den gegenwärtig in Entwicklung befindlichen Immunpräparaten infrage kommen, auf 320.000. Multipliziert man die Zahl mit einem Preis von 60.000 $ für eine einjährige Behandlung pro Person, ergibt sich ein Jahresumsatz von 19,2 Mrd. $. Mit dieser Schätzung liegt Wenner am konservativen Ende des Prognose-Spektrums; optimistischere Analytiker rechnen mit einem Marktvolumen von bis zu 35 Mrd. $ – dies bei einem weltweiten Onkologie-Geschäft, das laut dem Marktforschungsinstitut IMS Health 2013 einen Gesamtumfang von 91 Mrd. $ aufwies.

Mithilfe von Immuntherapien haben die erwähnten Unternehmen die Möglichkeit, sich von der «breiten Masse» der Krebsmittelhersteller zu unterscheiden. Gleichzeitig sind aber auch bereits Bemühungen zur Differenzierung innerhalb des neuen Therapiegebiets auszumachen. Die entsprechenden Bestrebungen betreffen zunächst den gewählten Ansatz; während BMS und Merck Antikörper entwickelt haben, die auf den T-Zellen anbinden (PD-1), haben sich Roche/Genentech für eine Variante entschieden, bei welcher der Antikörper an der Tumorzelle andockt (PDL-1); von diesem über viele Jahre im eigenen Haus entwickelten Molekül verspricht man sich bei Roche eine höhere Wirksamkeit. Wenig Differenzierungsmöglichkeiten scheint es dagegen beim Nebenwirkungs-Profil zu geben; nach den Angaben von Kepler-Cheuvreux-Analytikern waren bei den unerwünschten Effekten bisher keine nennenswerten Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen festzustellen.

Die Nische in der Nische

Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit, die sich innerhalb des Immuntherapie-Bereichs ergibt, betrifft die zur Behandlung ins Visier genommene Krebsart. Bristol-Myers und Merck haben ihre Entwicklungsanstrengungen in erster Linie auf Melanome konzentrieren. Roche peilt ebenfalls Hautkrebs an, legt aber gleichzeitig auch ein besonderes Augenmerk auf Lungen- und Blasenkrebs. Nach den Angaben von Niko Andre, dem medizinischen Direktor für Onkologie bei Roche, war für den Fokus auf den letztgenannten Tumor der offensichtliche Mangel an wirksamen Therapien ausschlaggebend. Für die Substanz zur Behandlung von Blasenkrebs hat Roche von der US Food and Drug Administration (FDA) denn auch den Status einer «Breakthrough Designation» zugesprochen erhalten, die eine speditive Behandlung des Zulassungsgesuchs garantiert.

Wie die Liste der von der FDA lizenzierten Medikamente zeigt, existieren in diesem Gebiet in der Tat nur wenige Behandlungsoptionen. Seit Jahrzehnten sind hier auch keine wesentlichen medizinischen Fortschritte mehr erzielt worden, und die Überlebenschancen eines Blasenkrebs-Patienten sind gering. Bei Roche hat man sich laut Andre nicht zuletzt auch deshalb für diese Tumorart entschieden, weil frühe klinische Studien (Phase I) nahelegten, dass sich mit der Immuntherapie besonders gute Heilungserfolge erzielen ließen.

Ein 3-Milliarden-Dollar-Markt

Bei der Wahl des Therapiebereichs dürften auch strategische Erwägungen eine Rolle gespielt haben. Wenngleich das von Roche so nicht zu hören ist, kann eine wirksame Blasenkrebs-Therapie auch als Alleinstellungsmerkmal dienen. Hätte sich das Unternehmen für die Variante Hautkrebs entschieden, hätte es sich den Markt mit BMS und Merck (und weiteren Anbietern von Nicht-Immun-Therapien) teilen müssen; mit einem Erfolg beim Blasenkrebs besteht die Chance, als Schrittmacher aufzutreten und das Marktfeld im Alleingang zu besetzen. Branchenanalytiker Wenner schätzt das Umsatzpotenzial dieses Teilgebiets auf 3 Mrd. $.

Derzeit ist ein Wettlauf im Gange, welches Immun-Onkologie-Präparat in den USA als erstes in Verkehr gebracht werden kann. Bristol-Myers mit Nivolumab und Merck mit Prembrolizumab liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem Merck einen leichten Vorteil aufzuweisen scheint. Das Unternehmen hat bei der FDA ein Gesuch um Marktzulassung eingereicht, das gemäß den geltenden Regeln (der Prescription Drug User Fee Act, PDUFA) bis am 28. Oktober beantwortet werden muss. Doch Bristol-Myers ist dem Konkurrenten dicht auf den Fersen. Im Juni ist eine Phase-III-Studie mit Nivolumab vorzeitig abgebrochen worden, weil die medizinischen Resultate offenbar so überzeugend waren, dass sich eine Fortsetzung der Tests erübrigte. Der Zulassungsantrag soll bei der Regulierungsbehörde nun im vierten Quartal eingereicht werden.

Schutz vor der Konkurrenz

Nicht ganz so weit ist man bei Roche; für das Produkt RG-7446 ist eine FDA-Zulassung noch nicht spruchreif. Allerdings weist der Onkologie-Chef Niko Andre darauf hin, dass Geschwindigkeit in diesem Fall weniger wichtig ist als die sorgfältige Prüfung, Sicherung und Etablierung des Therapiekonzepts. Abgesehen davon dürfte das Unternehmen darauf vertrauen, mit dem Fokus auf das Blasenkrebs-Segment über ein Alleinstellungsmerkmal zu verfügen, das vorerst Schutz vor Konkurrenz bietet.

(Neue Zürcher Zeitung, Sergio Aiolfi 19.8.2014)

  

 

 

Weltweit nur ein Hersteller und jetzt dramatische Preissteigerung bei Krebsmedikament

Anfang des Jahres ist der Preis für Carmustin, einem unersetzbaren Medikament bei der Vorbereitung von Patienten für eine Stammzelltransplantation, unangekündigt auf mehr als das Dreifache gestiegen. Der Vorgang zeigt die weiterhin bestehende Anfälligkeit der medikamentösen Versorgung von Krebspatienten, vor allem bei älteren Substanzen außerhalb des Patentschutzes. Seit mehreren Jahren gibt es wiederholt Lieferengpässe bei Medikamenten gegen Krebs und andere Erkrankungen. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von Problemen bei der Herstellung bis zu Rückgaben von Zulassungen aus wirtschaftlichen Gründen. Das Krebsmedikament Carmustin wird seit mehr als 40 Jahren in der Behandlung von bösartigen Tumoren eingesetzt.

Es ist heute ein fester und unersetzbarer Bestandteil bei der Vorbereitung von Patienten zur Blutstammzelltransplantation. Vor allem Kinder und Erwachsene mit aggressivem Lymphknotenkrebs sind betroffen. Der frühere Inhaber des Medikamentes hatte die Lizenz für Carmustin 2013 an eine indische Firma verkauft. Sie ist jetzt der weltweit einzige Hersteller. Im Februar 2014 wurde Carmustin in Deutschland vom Markt genommen. Seitdem wird es über eine englische Vertriebsfirma importiert.

Ohne Vorankündigung stieg nun der Preis am 2. Januar 2015 auf mehr als das Dreifache, von etwa 300 Euro auf über 900 Euro pro Ampulle. Für Transplantationszentren bedeutet das eine finanzielle Mehrbelastung von bis zu 300.000 Euro pro Jahr und mehr. Prof. Dr. Mathias Freund, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V.: „Eine solche kurzfristige, finanzielle Belastung ist durch die Vergütungen im DRG-System nicht aufzufangen. Diese Risiken können nicht von den Krankenhäusern getragen werden. Medikamente dieser Art müssen über Zusatzentgelte finanziert werden und über Pauschalen.“

Die Ursachen der Probleme bei Carmustin sind identisch mit denen, die in der Vergangenheit zu Lieferengpässen von Medikamenten geführt haben. Die DGHO fordert von der Politik Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssicherheit mit Krebsmedikamenten. Die Verengung des Weltmarkts bei Carmustin auf nur einen Hersteller ist ein weiteres Warnsignal, das zum Handeln auffordert.

(Quellen: DGHO News Januar 2015, M. Schuppich)

 

 

 

Kampf gegen Krebs rechnet sich

Basel. Beide Standbeine von Roche sind gewachsen, doch der Konzerngewinn ist geschrumpft. Der zweite Pharmariese am Standort Basel hat gestern differenziert zu betrachtende Zahlen für das vergangene Jahr präsentiert. Trotz Frankenstärke hält die Führungsriege um Roche-Chef Severin Schwan am Basler Hauptsitz und den geplanten Investitionen in Milliardenhöhe fest.

Das satte Minus von 16 Prozent bei einem Konzerngewinn von 9,54 Milliarden Franken hat Gründe, die beim Finanzchef Alan Hippe keine Sorgenfalten erzeugen. Denn: Roche nutzte die Niedrigzinsphase am Kapitalmarkt. Die Roche-Gruppe refinanzierte einen Teil ihrer langfristigen Schulden. Kurzfristig bedeutet dies einen Verlust von 279 Millionen Franken, langfristig verspricht man sich davon erhebliche Zinseinsparungen. Hinzu kommen die Wertminderung von immateriellem Vermögen, die um 1,1 Milliarden Franken stiegen. Außerdem zu nennen sind noch Restrukturierungsprogramme, die mit 252 Millionen Franken zu Buche schlugen. Ohne diese außerordentlichen Positionen hätte laut Roche ein Plus beim Unternehmensgewinn von sechs Prozent gestanden.

Die Nettoverschuldung bezogen auf die Bilanzsumme stieg außerderm angesichts von milliardenschweren Akquisitionen zwar von elf auf 19 Prozent. Die 14 Milliarden Franken sind laut dem Finanz-Chef aber „keine Größenordnung, die schwierig ist“.

Insgesamt leicht gestiegen sind die Konzernverkäufe, die ein Prozent im Plus lagen. Fünf Prozent sind es, wenn konstante Wechselkurse zu Grunde gelegt werden. Hauptwachstumsträger ist das Onkologieportfolio, also der Verkauf von Medikamenten gegen Krebs.

Die dafür zuständige Division Pharma legte um ein Prozent zu (bei konstanten Wechselkursen vier Prozent). Leiter Daniel O’Day konnte für Perjeta und Kadcyla sogar ein Plus von 189 beziehungsweise 135 Prozent verweisen, womit er von einer „starken Aufnahme“ der neuen Krebsbekämpfungsmedikamente sprach. Das meiste Geld spülten aber mit Abstand die Medikamente MabThera/Rituxan mit 6,9 Milliarden Franken, Avastin (6,42 Milliarden) und Herceptin (6,28 Milliarden) in die Kasse. 36,7 Milliarden Franken an Einnahmen standen insgesamt zu Buche.

Die vom Umsatz her deutlich kleinere Sparte Diagnostics landete bei 10,77 Milliarden Franken, was ein Plus von drei Prozent (bei konstantem Wechselkurs sechs Prozent) bedeutet. Dessen Leiter, Roland Diggelmann, sieht als Wachstumstreiber vor allem die professionelle Labordiagnostik an.

Insgesamt beschrieb Schwan die vergangenen zwölf Monte als „ein gutes Jahr“. Das Augenmerk der Weltpresse wollte er gestern unter anderem auf Immuntherapien gegen Krebs lenken. „Das ist ein Bereich, in dem wir als Roche sehr viel investieren.“ So soll das körpereigene Immunsystem aktiviert werden, um gegen die Krankheit anzukämpfen. Schon sechs neue Wirkstoffe von Roche seien in die klinische Phase übergetreten. In Forschung und Entwicklung investierte Roche im Jahr 2014 knapp neun Milliarden Franken.

Für dieses Jahr rechnet Roche insgesamt mit einem Verkaufswachstum im tiefen bis mittleren einstelligen Bereich – bei konstanten Wechselkursen.

Mit der Entscheidung der Schweizerischen Notenbank (SNB), den Frankenkurs nicht mehr zu stützen, kann Roche leben. Als „nachvollziehbar und richtig“ bezeichnete Severin Schwan die Entscheidung sogar. Für den Basler Pharmakonzern sei der Wechselkurs zum Dollar wesentlich wichtiger. Dieser liege auf Vorjahresniveau. Auch gebe es in den USA, Europa, Japan und China vollständige Wertschöpfungsketten. Dass nur 18 Prozent der betrieblichen Ausgaben in der Schweiz anfallen, wurde ebenso betont. Am Bestand des Standorts Basel wird daher nicht gerüttelt. Auch die geplanten Investitionen von drei Milliarden Franken haben laut Schwan Bestand. „Nur Funktionen mit hoher Wertschöpfung können in der Schweiz angesiedelt werden“, setzt er aber auf die Innovationskraft am Rheinknie.

Dass die Dividende von acht Franken (plus drei Prozent) in der Schweizer Währung ausgezahlt wird, wurde laut dem Finanzchef schon vor der SNB-Entscheidung festgezurrt. „Wir haben vorsichtig gehandelt.“ Ein bisschen Glück sei natürlich nun auch dabei gewesen, erklärte Alan Hippe gestern.

(Die Oberbadische, Lörrach, 28.1.15, Marco Fraune)

 

 

Warum es vielleicht bald ein Mittel gegen Krebs gibt

In der Behandlung schwerer Krankheiten sehen Pharmakonzerne ihre Zukunft und investieren deshalb Milliarden.

Die Hoffnung vieler Menschen mit Leukämie hat einen Namen – und er lautet Emily Whitehead. 2010 wurde bei dem Mädchen aus Philisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania akute lymphatische Leukämie diagnostiziert. Die Ärzte rechneten damit, dass die damals Fünfjährige nur noch kurze Zeit leben wird. Heute, vier Jahre später, gilt Emily Whitehead als geheilt.

Gerettet hat sie eine neuartige Behandlungsmethode des Schweizer Pharmakonzerns Novartis. Für den Laien vereinfacht ausgedrückt funktioniert die Cart-Therapie so: „Aus dem Blut des Krebspatienten werden weiße Blutkörperchen, T-Zellen, gefiltert“, erklärt Wolfgang Bonitz, Medical Director von Novartis Österreich. Diesen Zellen wird ein spezielles Gen hinzugefügt, damit sie dann, wenn sie dem Patienten wieder verabreicht werden, gezielt Krebszellen angreifen.

In speziellen US-amerikanischen Kliniken laufen derzeit Tests mit Prostata- und Lungenkrebspatienten. Sie seien vielversprechend. Das Behandlungsprinzip könne aber „auf alle Krebsarten angewendet werden“, meint Bonitz.

Sein Chef, Novartis-CEO Joseph Jimenez, verwettet darauf mehr oder weniger die Firma. Der US-Amerikaner baut derzeit das laut „Forbes“ drittgrößte (nach anderen Rechnungen das größte) Pharmaunternehmen der Welt mit einem Umsatz von 54 Mrd. Dollar grundlegend um. So wird zum Beispiel der Bereich Impfstoffe weitgehend abgestoßen. Zuletzt machte Novartis damit einen Umsatz von zwei Mrd. Dollar, am Ende blieben aber aber nur 65Millionen Dollar Betriebsgewinn übrig.

Dafür kaufte das Schweizer Unternehmen um 14,5 Milliarden Dollar das Krebsmittel-Geschäft des britischen Konkurrenten Glaxo-Smith-Kline. Damit wird Novartis seinen Umsatz im Onkologie-Geschäft bis 2018 um knapp 40 Prozent auf 11,2 Milliarden Dollar steigern. CEO Jimenez gibt sich zuversichtlich: „Wir wollen Krebs nicht behandeln, wir wollen ihn besiegen.“

Ein solcher Umbau eines börsenotierten Unternehmens erfolgt natürlich nicht aus altruistischen Gründen. Ebenso wenig wie das Angebot von 118 Milliarden Dollar, die der US-Pharmakonzern Pfizer für das – vergleichsweise kleine – Unternehmen Astra-Zeneca aus Großbritannien zahlen wollte. Die Briten sind bei der Entwicklung eines Krebsmedikaments weit fortgeschritten. Deshalb wehrten sie sich auch erfolgreich gegen die Übernahme.

Krebs wird nach aktuellen Prognosen bald den Herzinfarkt als Todesursache Nummer eins ablösen. Schon jetzt werden weltweit 91 Milliarden Dollar (2013) für die Behandlung der Krankheit ausgegeben, dreimal so viel, wie noch 2003.

Hinter der Ausrichtung und der Konzentration der Pharmaunternehmen auf diese Krankheit steckt die kühle Kalkulation, dass damit viel Geld zu verdienen ist – im Gegensatz zu herkömmlichen Medikamenten, für die meist schon günstigere Nachahmerprodukte (Generika) zur Verfügung stehen.

Deshalb wird es möglicherweise bald ein Mittel gegen Krebs geben, aber nicht unbedingt eines gegen Ebola. Pharmaunternehmen seien „keine Kirche“, meinte der deutsche Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Die horrenden Entwicklungskosten würden sich bei Ebola schlicht nicht rentieren.

Seit dem ersten Auftreten von Ebola 1976 und vor dem aktuellen Ausbruch gab es weltweit gerade einmal 6060 Erkrankte und 3634 Todesfälle. Zum Vergleich: An Grippe erkranken jährlich Millionen von Menschen, zwischen 300.000 und 500.000 sterben jedes Jahr an der Krankheit. Auch und vor allem in reichen Ländern. Ebola dagegen trat bisher nur im finanziell schwachen Afrika auf.

Pharmaunternehmen verweisen als Antwort auf die hohen Entwicklungskosten für ein Medikament. Etwa 1,5 Milliarden Dollar müssten bis zur Zulassung ausgegeben werden – und nicht jedes Medikament, an dem man forsche, sei erfolgreich. Von 10.000 potenziellen Medikamenten schaffe am Ende nur eines die Marktreife, rechnet das InnoThink Center for Research in Biomedical Innovation vor. Deshalb seien die Entwicklungskosten eigentlich näher bei 4,6 Milliarden Dollar.

Acht Jahre zum Geldverdienen. Ein Patent für ein Medikament gilt 20 Jahre, die Uhr läuft ab der Anmeldung, bis zur Zulassung vergehen aber noch viele Jahre. Üblicherweise bleiben dem Unternehmen am Ende acht bis zehn Jahr, um Geld zu verdienen, bevor die Patente auslaufen und billige Generika hergestellt werden können.

Die Folge sind hohe Preise. Laut dem New Yorker Memorial Sloan Kettering Krebsforschungszentrum kamen in den vergangenen fünf Jahren 15 Krebsmedikamente auf den Markt, die pro Monate mehr als 10.000 Dollar kosten. Branchenexperten rechnen damit, dass wirksame Krebsmedikamente mehr als eine Million Dollar pro Jahr kosten könnten.

Doch der öffentliche Druck auf die Pharmaunternehmen ist groß. In Indien haben Gerichte Novartis das Patent für das Leukämiemedikament Glivec aberkannt. Eine Behandlung kostete damit in Indien 3125 Euro pro Monat. Mit der nun genehmigten Generikaversion sinkt der Preis auf 60 Euro.

("Die Presse", Wien, Print-Ausgabe, 14.09.2014, Norbert Rief)

 

 

Neue Immunmittel

Start-Ups wecken Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs

Mit neuen Medikamenten wecken Start-Ups Hoffnung im Kampf gegen die oft tödliche Krankheit Krebs. Gerade wurde ein weiteres, in Deutschland entwickeltes Präparat zugelassen. Ein Thriller.

Als Kommissar Felix Murot den Olymp des deutschen Fernsehkrimis – den Tatort – erklimmt, ist er todkrank. Ein haselnussgroßer Krebstumor sitzt in seinem Gehirn. Weil der von Ulrich Tukur gespielte Ermittler Angst vor einer Operation hat, ermittelt er zwei Folgen lang mit der Wucherung im Kopf. Doch Murot – die Buchstaben seines Namens ergeben neu gemischt das Wort Tumor – hat Glück im Unglück: Die lebensgefährliche Geschwulst verhilft ihm zu geradezu hellseherischen Einsichten, mit deren Hilfe er die Täter zur Strecke bringt.

Genau solche Erfolge wünschen sich auch die Mediziner im Kampf gegen einen der gefährlichsten Übeltäter im Körper, den Krebs. Denn die Zahl der Betroffenen wächst weltweit ungebremst. Laut einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Zahl der Krebsneuerkrankungen von 14 Millionen im Jahr 2012 auf 21,6 Millionen im Jahr 2030 steigen, die Zahl der Todesfälle von 8,2 auf 13 Millionen.

Krebs wird somit laut WHO in den Industrieländern weiterhin der Killer Nummer zwei bleiben. Nur Herz-Kreislauferkrankungen fordern mehr Todesopfer.

Zwar sind in den vergangenen Jahren viele neue, teure Medikamente auf den Markt gekommen, die klassische Chemotherapie, Bestrahlung und das chirurgische Entfernen von Tumoren ergänzen. Doch sie haben zu keiner Trendwende geführt.

Tumorzellen fallen durchs Muster

Das soll sich nun radikal ändern. Frei nach Sherlock Holmes stärken die Pharmaforscher die kriminalistischen Fähigkeiten der körpereigenen Abwehr, des Immunsystems. Denn die sonst bestens gerüstete Polizei des Körpers ist meist machtlos gegenüber der Mörderbande namens Krebs.

Fast jeden anderen Kriminellen – etwa Viren oder krank machende Bakterien – spürt sie auf, sobald diese den Körper entern. Doch die todbringenden Tumorzellen fallen meist durchs Fahndungsraster.

Der Grund: Sie stammen aus dem Körper selbst. Keine Immunzelle verfolgt und tötet sie, stattdessen treiben sie oft jahrelang ihr Unwesen. Die Übeltäter teilen sich endlos, wuchern zu riesigen Geschwulsten heran und breiten sich im gesamten Körper aus.

Und selbst wenn die Körper-Kommissare Murot, Schimanski oder Bienzle Verdacht schöpfen, verstehen es die Krebs-Mafiosi, sich virtuos zu tarnen. Doch die Pharmaentwickler haben es jetzt endlich geschafft, diese Strategie zu durchkreuzen.

Ganz vorne mischen dabei deutsche Biotech-Unternehmen mit. Hierzulande haben mehrere hochkarätige Wissenschaftler an den Universitäten in München, Tübingen und Mainz im Detail erforscht, wie sich die Immunkräfte doch gegen den Krebs richten lassen. Einige der von ihnen gegründeten Biotech-Unternehmen stehen mit ihren innovativen Therapien nun kurz vor der Zulassung.

Die Hoffnung: „Damit könnte der Massenmörder Krebs endlich beherrschbar und zu einer chronischen Erkrankung wie Diabetes werden“, sagt Harpreet Singh, der Forschungschef der Tübinger Krebs-Impfungs-Firma Immatics Biotechnologies.

Und auch die großen Pharmakonzerne stecken immense Summen in diese Forschung. Gerade sicherte sich US-Gigant Pfizer für 850 Millionen US-Dollar Vorauszahlung und potenziell weitere zwei Milliarden Dollar Erfolgsprämie ein solches Therapiekonzept des deutschen Pharmaunternehmens Merck aus Darmstadt.

Es geht um Hoffnung für Millionen Krebskranke, aber auch um ein Milliardengeschäft. Den potenziellen Gesamtmarkt der Immuntherapeutika gegen Krebs taxieren Analystenteams in zehn Jahren auf 35 Milliarden Dollar. Ein Paradebeispiel ist Yervoy. Der US-Konzern Bristol-Myers Squibb (BMS) brachte den Immunverstärker gegen Hautkrebs 2011 auf den Markt und setzte im vorigen Jahr damit 960 Millionen Dollar um.

Kein Wunder: Die Behandlung eines Patienten kostet im Schnitt 120.000 Dollar. Dem ähnlich wirkenden Krebsmittel Opdivo gegen Haut- und Lungenkrebs, das BMS gerade in Japan auf den Markt bringt, sagen Marktforscher 2,5 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2018 voraus.

Viele Start-ups und Konzerne setzen auf eine von derzeit vier besonders vielversprechenden Methoden, um die sonst so gewieften Ermittler des Immunsystems doch noch auf die mafiösen Krebszellen zu hetzen und diese zur Strecke zu bringen.

Weiße Blutkörperchen sind die Scharfschützen des Immunsystems

Wer den Täter vor lauter Verdächtigen nicht sieht, braucht Hilfe. Das dachten jedenfalls Patrick Baeuerleund Gert Riethmüller, der mittlerweile emeritierten Chef des Instituts für Immunologie der Universität München. Riethmüller gründete 1993 das Biotechnikunternehmen Micromet, sein Schüler Bauerle stieß 1998 dazu. Ihre gemeinsam entwickelte Idee: der Körperpolizei mit einer Meute gut ausgebildeter Spürhunde zu helfen – speziell designten Antikörpern.

Natürlicherweise bildet das menschliche Immunsystem solche Megamoleküle selbst, um Krankheitserreger oder Giftstoffe zu erkennen. Die y-förmigen Proteine wittern eigentlich jeden Eindringling. Haben sie etwas entdeckt, schlagen sie an und rufen so Hilfe herbei, etwa die T-Zellen. Diese spezialisierten weißen Blutkörperchen sind die Scharfschützen des Immunsystems.

Wenn allerdings Krebsgeschwüre den Menschen befallen, verschlafen die T-Zellen ihren Einsatz. Sie wandern zwar in das Tumorgewebe ein. Doch statt die Krebszellen zu zerstören, hebt das Spezialkommando nicht einmal die Waffen.

Den Grund kennt Baeuerle ganz genau: „Krebszellen schütten Stoffe aus, die T-Zellen außer Gefecht setzen.“ Der Forscher hat deshalb ein Verfahren entwickelt, mit dem er die T-Zellen mit im Labor hergestellten Antikörpern wieder alarmieren kann, sodass sie die Krebszellen mit gezielten Schüssen niederstrecken.

Der Trick: Die Micromet-Wissenschaftler gaben ihren Antikörpern eine besondere Struktur, die Killer- und Tumorzellen so nahe aneinander bringt, „dass es wieder funkt“, wie es Baeuerle beschreibt. Die Spürhunde stoßen die trägen Ermittler quasi mit der Nase auf die bisher übersehenen Indizien und Beweise, sodass die ihre Scharfschützen endlich wachrütteln.

Erfolg gegen Blutkrebs

Weil diese Technik weltweit nahezu einzigartig ist, sicherte sich der kalifornische Biotech-Konzern Amgen vor knapp drei Jahren den Zugriff auf die Patente und kaufte Micromet für 1,2 Milliarden Dollar. Baeuerle blieb Chef der in Amgen Research umbenannten, weiterhin gut 200 Wissenschaftler großen Forschungseinheit in München.

Mithilfe des finanzstarken Biotech-Konzerns durchlief ein erster speziell designter Antikörper aus München inzwischen alle Studienphasen am Menschen – mit großem Erfolg. Bei drei Viertel der Patienten bildete sich eine besonders aggressive Blutkrebsart zurück: Es waren keinerlei Krebszellen mehr nachweisbar.

Vor wenigen Wochen beantragte Amgen die Zulassung für diesen Blinatumomab genannten Spürhund gegen Blutkrebs bei der EU-Medizinagentur EMA und ihrem US-amerikanischen Pendant FDA. Zumindest die stufte die neue Immuntherapie als bahnbrechend ein und erteilte gerade in einem besonders beschleunigten Verfahren die Zulassung. „Wir hoffen auch in Europa auf eine Zulassung innerhalb der kommenden Monate“, sagt Baeuerle.

Ganz so weit ist die Mainzer Krebsforscherin Özlem Türeci noch nicht. Sie gründete 2001 die Biotech-Firma Ganymed Pharmaceuticals zusammen mit Christoph Huber, dem ebenfalls mittlerweile emeritierten Krebsimmunologen und Direktor einer der Mainzer Universitätskliniken. Auch sie will speziell abgerichtete Spürhunde in den Körper schicken, um die Körperpolizei zu unterstützen.

Türeci hat ein ganzes Set neuer Erkennungsregionen ausfindig gemacht, die ausschließlich auf Krebszellen vorkommen, aber auf keiner einzigen gesunden Zelle. Auf diese Erkennungsmuster trainiert sie ihre Antikörper-Spürhunde. Das 90 Mitarbeiter starke Unternehmen erprobt seine Fahndungs-Helfer gerade in einer zweiten klinischen Phase an 210 Menschen mit Magen- und Speiseröhrenkrebs.

(WirtschaftsWoche, 5.12.14, Susanne Kutter)

 

 

 

Wie riesige Datenmengen den Krebs besiegen sollen

Das Biotech-Start-up von Friedrich von Bohlen nutzt riesige Datenmengen, um individuelle Therapien zu entwickeln. In den USA ist es schon am Markt, für Deutschland hat Bohlen einen besonderen Plan.

Eine etwas antiquierte Suchmaschine führte Friedrich von Bohlen in seinen heute wichtigsten Markt: Die "Gelben Seiten der Onkologie". Darin fand der Gründer aus Deutschland vor zehn Jahren das MD Anderson Cancer Center in Texas, das größte Krebszentrum der USA – seinen Klinikpartner. Heute nutzen die Mediziner dort das Produkt seines Biotech-Start-ups Molecular Health: Eine Suchmaschine.

Allerdings eine sehr spezielle. Die inzwischen 70 Mitarbeiter von Molecular Health in Heidelberg und Houston setzen Algorithmen ein, um Krebserkrankungen zu vermessen, zu kartografieren und zu kontrollieren. Dazu führen sie zwei Trends zusammen: personalisierte Medizin und Informationsmanagement. Das funktioniert wie eine Art verfeinertes Google für die Krebsbekämpfung.

Die Krankengeschichte und die Genomdaten des Patienten werden mit Millionen medizinischer Fachbeiträge und Tausenden von Medikamenten abgeglichen. Am Ende steht eine auf den Patienten individuell zugeschnittene Behandlungsempfehlung für den Arzt. Der könnte die Flut an Informationen ohne IT gar nicht verarbeiten.

Diese Hilfe bietet eine Software, die Molecular Health entwickelt hat: "Treatment Map". "Medizin ist längst zu einem Big-Data-Thema geworden", sagt von Bohlen. "Wir brauchen Expertensysteme, die die Daten lesen, analysieren und interpretieren." Damit soll in Zukunft die Behandlung von Krebs nicht nur präziser werden, sondern auch billiger.

Neffe des legendären Alfried Krupp

Friedrich von Bohlen – drahtig, hochgewachsen, jungenhafte Erscheinung – denkt groß, aber unprätentiös. Sein kompletter Name: Friedrich von Bohlen und Halbach. Nachkomme der legendären Krupp-Dynastie, Enkel der Matriarchin Bertha Krupp, Neffe des letzten Firmeninhabers Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. "Ich versuche das auszublenden, so weit es geht", sagt von Bohlen.

Er verleugnet seine schillernde Herkunft nicht, lässt aber, wenn er sich vorstellt, häufig das "von" weg, und den Doktortitel sowieso. Der Bürgersohn, in Essen geboren, machte nach dem Abitur bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Fallschirmjäger, studierte in Zürich Biochemie und Neurobiologie – von Beginn an mit dem Ziel, Unternehmer in der aufsteigenden Biotech-Branche zu werden.

So gründete er 1997 Lion Bioscience, das sich auf IT-gestützte Arzneimittelentwicklung konzentrierte und 2003 mit der Dotcom-Blase unterging. "Lion war zehn Jahre zu früh", sagt von Bohlen heute. "Außerdem sind wir zu schnell gewachsen. Und ich war wohl auch zu ungeduldig." Nur ein Jahr später schickte er Molecular Health an den Start; dort ist er bis heute Beiratsvorsitzender.

Das Unternehmen ist zu mehr als 90 Prozent mit dem Privatkapital von SAP-Gründer Dietmar Hopp finanziert. Mit Hopp arbeitet von Bohlen über die Beteiligungsfirma Dievini zusammen.

Zu den Konkurrenten zählt auch Google

Heute teilt von Bohlen sein Leben zwischen Deutschland und den USA. "Ein Biotechnologie-Unternehmen kann nur wirklich erfolgreich sein, wenn es auch in Amerika erfolgreich ist", sagt der 52-jährige. In Amerika zähle sein Name nicht, "da zählt nur, was ich mache." Das Interesse der Amerikaner an Europa schätzt er realistisch ein. "Amerikaner sind ziemlich selbstgenügsam. Die brauchen uns Europäer eigentlich nicht, und bestimmt nicht in der Biotech-Branche."

Deshalb hat er das Team von Molecular Health in Houston auch nur mit Amerikanern besetzt. Er selbst verbringt viel Zeit damit, in den USA neue Partner und Kunden zu suchen. "Auch in Amerika lernt man die Leute nicht am Telefon kennen. Man muss auch mal ein Bier mit ihnen trinken gehen." Der Unternehmer gibt sich gern bodenständig; in seiner gepflegten Sprache schwingt eine leise Spur von Ruhrpottsound.

In der risikoaffinen Branche verfolgen viele Unternehmen ähnliche Ideen wie Molecular Health, wollen personalisierte und molekulare Medizin miteinander verbinden. In den USA sind das zum Beispiel Caris Life Sciences und Foundation Medicine. Letzteres wird von Investoren wie Bill Gates und Google Ventures, dem Risikokapital-Ableger der Suchmaschine, finanziert.

Google hat in den vergangenen Jahren immer wieder Genom-Projekte angeschoben. Seit März gibt es Google Genomics in der Beta-Version; Patienten, Krankenhäuser und Universitäten können DNA-Datensätze auf die Server von Google laden.

Bereits 2006 hatte Google mehr als zehn Millionen Dollar in das Start-up 23andMe investiert, das Privatpersonen für 99 Dollar (80 Euro) Erbgutanalysen anbot, bis 2013 die US-Pharmaaufsicht einen Teil des Geschäfts stoppte. Auch andere IT-Giganten wie Amazon, IBM und Microsoft bringen sich bereits für den Wettbewerb um die digitale Lagerung medizinischer Daten in Stellung.

Molecular Health gilt als technologische Avantgarde

In Deutschland gilt vor allem das Biotech-Unternehmen Cegat (Center for Genomics and Transcriptomics) als Vorreiter der Branche; es untersucht gezielt Gendefekte und erstellt Diagnostik-Panels. "Derzeit mögen amerikanische Biotech-Unternehmen noch weltweit führend sein", sagt John Kimberly, Professor an der renommierten Wharton School, der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Pennsylvania. "Auf Sicht werden jedoch immer mehr Firmen aus anderen Ländern aufholen."

Molecular Health wird unter Branchenexperten in den USA als technologische Avantgarde gehandelt. Grund ist das hochkomplexe Expertensystem. "Treatment Map" liest nicht nur Diagnose, Krankengeschichte und sequenzierte Genomdaten des Patienten ein, sondern gleicht sie auch mit 23 Millionen Beiträgen aus der Fachliteratur ab, mit 22.000 zugelassenen und 15.000 in der Entwicklung befindlichen Medikamenten, mit möglichen Wechselwirkungen und Kontraindikationen.

Zehn Jahre arbeitete das Team von Molecular Health an dem Programm, bevor es im Frühjahr an den Markt ging.Das ist eine ausgedehnte Entwicklungszeit in der atemlosen Biotech-Branche. Von Bohlen, der in seiner knappen Freizeit Langstrecke läuft, hat mittlerweile den Tempowechsel zu seinem Unternehmensstil gemacht.

"Stimmt, das hat gedauert, aber dafür kann auch niemand das System mal eben in ein paar Monaten nachbauen." "Treatment Map" sei auf Krebs trainiert, sagt von Bohlen, könne aber für jede andere molekulare Erkrankung eingesetzt werden, von Diabetes bis Demenz. Statistisch erkranken etwa 50 Prozent aller Männer und 43 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens an Krebs.

Trefferquote von Chemotherapien bei 30 Prozent

Neben der menschlichen Tragödie hat das auch volkswirtschaftliche Auswirkungen. Nach Studien des US-Gesundheitsministeriums und der Universität Oxford liegen die Kosten für Krebsbehandlungen in den USA bei jährlich knapp 200 Milliarden Dollar, in Deutschland bei 35 Milliarden Euro. Tendenz: steigend.

Einer der Gründe ist die niedrige medikamentöse Trefferquote, vor allem bei Chemotherapien, die bei nur etwa 30 Prozent liegt. "Bei durchschnittlichen jährlichen Behandlungskosten von 70.000 Euro pro Patient heißt das, dass 49.000 Euro fehlinvestiert sind", sagt von Bohlen.

IT-basierte molekulare Krebsdiagnostik und Therapieunterstützung mit Systemen wie "Treatment Map" sollen die Behandlung zielgenauer machen und könnten damit die Trefferquote deutlich erhöhen – ersten US-Studien zufolge auf 75 Prozent. Das würde die Überlebenschancen von Krebspatienten verbessern, die Nebenwirkungen überflüssiger Chemotherapien vermeiden, den Produktivitätsausfall verringern und die Behandlungskosten senken.

Ein Heilungsversprechen für Krebs werde es vorerst zwar nicht geben, sagt von Bohlen. "Aber man muss kein Hellseher sein, um zu sagen: Krebs wird in Zukunft so umfassend und präzise kartiert sein, dass man ihn sehr viel wirksamer behandeln kann." Selbst fortgeschrittene Krebsleiden könnten von einer tödlichen in eine chronische Erkrankung überführt werden – "mit maßgeschneiderten Therapien, bei denen der Arzt ständig nachjustieren kann."

7.500 bis 15.000 Dollar Kosten pro Patient

Ärzte und Gesundheitsökonomen sind sich einig, dass die Zukunft der Krebstherapie in der personalisierten Medizin liegt, vorangetrieben von IT-Systemen. Allerdings würden die Behandlungskosten zunächst ansteigen, sagt Kimberly. "Längerfristig, in zehn Jahren, wenn noch mehr Know-how verfügbar ist und sich mehr Techniken und Technologien auf dem Markt etabliert haben, dürften die Kosten dann sinken."

Friedrich von Bohlen, bei all seiner mühsam antrainierten Geduld, will keine zehn Jahre warten. Er geht davon aus, dass "Treatment Map" in wenigen Jahren profitabel sein wird. In Europa wird das System als Medizinprodukt vertrieben; mit dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg läuft eine Studie, und ein Dutzend Kliniken in Deutschland setzen bereits auf den Einsatz IT-gestützter Krebstherapien.

Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen steht allerdings noch aus. In den USA werden die Kosten für die digitale Krebs-Kartografierung – zwischen 7500 und 15.000 Dollar pro Fall, je nach Anzahl der sequenzierten Gene – von einigen Versicherungen teilerstattet. Mehr als 200 Amerikaner wurden bislang mit Unterstützung der Software behandelt, in Krebszentren wie MD Anderson und von niedergelassenen Onkologen.

Einer dieser Ärzte ist Fadi Braiteh. Der gebürtige Libanese arbeitet in einer Praxisgemeinschaft in Las Vegas. Zwar gehöre IT-gestützte molekulare Diagnostik für ihn und viele Kollegen mittlerweile zum Standard, sagt er. Schließlich sei jeder Krebs anders und müsse anders behandelt werden. "Was ,Treatment Map' aber von anderen Systemen unterscheidet, ist die umfassende Analytik", sagt Braiteh, "die Tatsache, dass das System eine Masse an Informationen sammelt, abgleicht, interpretiert und für den Arzt alltags- und praxistauglich macht."

Dax-Unternehmen sollen Mitarbeitern die Analyse bezahlen

Allerdings ist der Arzt die potenzielle Schwachstelle im System, da sind sich Braiteh und von Bohlen einig. "Der gleiche Behandlungsplan wird von verschiedenen Ärzten möglicherweise ganz unterschiedlich umgesetzt", sagt Braiteh. "Da gibt es keine absolute Wahrheit." Der Behandlungsplan sei ein Werkzeug, das der Arzt je nach Erfahrung, Kompetenz und Urteilsfähigkeit anwende.

Von Bohlen hat bei der Einführung von "Treatment Map" drei Grundtypen von Ärzten kennengelernt: "Die Vorreiter, die Vorsichtigen und die Bedenkenträger, die uns in einem Fall sogar schon Hausverbot erteilt haben." Doch selbst ein gelegentliches Hausverbot könne den Fortschritt nicht aufhalten, meint von Bohlen. Als Unternehmer sei er eben optimistisch, aber er weiß auch, dass er ständig die Trommel rühren und das Tempo anpassen muss, wie beim Langstreckenlauf.

In Deutschland will Molecular Health nun eine Initiative mit Dax-Unternehmen starten. Einen schnittigen Namen hat das Programm bereits: Cope (Corporate Oncology Program for Employees). Im Rahmen von Cope bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern, die an Krebs erkrankt sind, eine Genomsequenzierung und die Analyse ihrer Daten durch "Treatment Map" an.

Eine Investition, die sich lohnt, meint von Bohlen: "Mitarbeiter sind das Kostbarste, was ein Unternehmen hat. Ausfälle durch Krebs bedeuten neben der persönlichen Krise auch immer einen Produktivitätsverlust." Der Softwarekonzern SAP bietet seinen 65.000 Angestellten bereits die Diagnostik an; weitere Unternehmen wollen bald folgen.

(Die Welt, 5.12.14, Katja Ridderbusch)

 

 

 

Biotechfirma Mologen will körpereigene Abwehr gegen Krebs rüsten

Berlin - Das Berliner Biotechunternehmen Mologen treibt mit großen Schritten die Entwicklung seines wichtigsten experimentellen Wirkstoffs gegen Krebs voran. Das Mittel MGN1703 soll die körpereigene Abwehr dazu anregen, Tumorzellen zu bekämpfen. "Eine zulassungsrelevante Darmkrebsstudie ist gestartet - der erste Patient wurde bereits im September aufgenommen", sagte Mologen-Chef Matthias Schroff.

Das Unternehmen finanziert die Studie der Phase III - der letzte Großtest eines neuen Medikaments vor einer Zulassung - zunächst in Eigenregie. 540 Patienten in Europa mit fortgeschrittenem Darmkrebs sollen daran teilnehmen. Die Suche nach einem finanzstarken Pharma-Partner läuft aber bereits. "Wir sind in Gesprächen", sagte der promovierte Biochemiker, der Mologen seit 2008 leitet.

Rezeptor TLR9 liefert Immunantwort auf Tumorzellen

Die Immuntherapie gilt als eines der heißesten Felder in der modernen Krebsmedizin. Experten zufolge könnten solche Arzneien künftig bei mehr als der Hälfte aller Krebspatienten zum Einsatz kommen. Mologen traut seiner Substanz Milliardenumsätze zu. "MGN1703 hat Blockbuster-Potenzial", so Schroff. Aktuell haben in der Immuntherapie die US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb und Merck&Co sowie der Schweizer Pharmariese Roche und die britisch-schwedische AstraZeneca die Nase vorn. Aber auch deutsche Firmen wie der Darmstädter Pharmakonzern Merck oder die Biotechfirma Medigene arbeiten an solchen Substanzen. Mologen konzentriert sich mit seinem Wirkstoff MGN1703 auf den Rezeptor TLR9 in der Immunabwehr, dessen Aktivierung eine starke Immunantwort auf Tumorzellen auslösen soll.

Schroff erwartet, dass die Darmkrebsstudie Ende 2017 oder Anfang 2018 ausgewertet werden kann. Genau lasse sich das aber nicht festlegen. Eine Zwischenauswertung sei nicht geplant. In den bisherigen Tests konnte MGN1703 Mologen zufolge nach einer Chemotherapie das Leben einiger Patienten deutlich verlängern. "Wir haben jetzt auch Patienten, die seit fast vier Jahren unter Therapie sind", sagte Schroff. Bis Anfang 2016 kann Mologen nach eigener Einschätzung die Phase-III-Studie aus eigenen Mitteln finanzieren. Danach soll entweder ein Pharmapartner einspringen, auch die Aufnahme neuer Mittel über einen Kapitalschritt ist möglich. "Das sind die beiden Wege, die denkbar sind", so der Mologen-Chef. Die Strategie sei mit den Großaktionären abgesprochen. Mit einem kleineren Kapitalschritt hatte die 1998 gegründete Firma im vergangenen Jahr rund 16 Mio. Euro eingesammelt.

Kleinzelliger Lungenkrebs gilt als agressive Krebsart

Die Biotechfirma testet ihren Immuntherapie-Wirkstoff auch im Einsatz gegen Lungenkrebs, ist dabei allerdings erst in der Phase II der klinischen Entwicklung. Das im Prime Standard an der Börse gelistete Unternehmen rechnet damit, im Laufe dieses Jahres alle Patienten für die Studie zusammen zu haben. 2016 soll dann die Auswertung erfolgen. "Wenn wir die Daten, die wir bisher bei Darmkrebs gesehen haben, bei Lungenkrebs bestätigen können, haben wir ein riesiges Potenzial", glaubt Schroff. Kleinzelliger Lungenkrebs gilt als besonders aggressive Krebsart und als schwer behandelbar. Entsprechend groß wären für die Berliner Firma die Geschäftschancen bei einem Studienerfolg.

(Der Standard/Wien, APA/Reuters, 8.1.2015)

 

 

Pharma

AstraZeneca holt sich Krebs-Kandidaten

LONDON. Zu Wochenbeginn war es noch Spekulation, jetzt ist es Gewissheit: AstraZeneca stärkt seine Onkologie-Pipeline durch die Übernahme des niederländischen Start-ups Acerta Pharma.

Für zunächst 2,5 Milliarden Dollar erwirbt der Konzern 55 Prozent an Acerta. Bis Ende 2018 sollen weitere 1,5 Milliarden Dollar gezahlt werden, möglicherweise auch früher, wenn die erste Zulassung des Acerta-Kandidaten Acalabrutinib in den USA erfolgt.

Der Bruton-Tyrosinkinasehemmer wird derzeit in Phase III gegen Blutkrebs und in Phase I/II gegen verschiedene solide Tumoren klinisch getestet.

Außerdem kann AstraZeneca bei Zulassung von Acalabrutinib eine Option zur Übernahme auch der restlichen 45 Prozent an Acerta ausüben.

(Ärzte Zeitung, 18.12.15, cw)

 

 

Daten aus Off-Label-Nutzung auswerten

Zwei Projekte in den USA wollen aus der Off-Label-Nutzung von Medikamenten in der Krebstherapie Daten gewinnen, um mögliche Einsatzgebiete und ihre Erfolgsaussichten besser voraussagen zu können. Nach Angaben des Fachmagazins «Nature» werden mehr als 60 Prozent der Verschreibungen für Krebsmedikamente in den USA off Label, also außerhalb ihres Zulassungsbereichs eingesetzt – häufig bei Patienten, bei denen die zugelassenen Medikamente versagt haben. Beispielsweise sind die Arzneistoffe Vemurafenib und Dabrafenib für Melanom-Patienten mit bestimmten BRAF-Mutationen bestimmt, werden aber auch bei Schilddrüsen- oder Lungenkrebs mit den gleichen Mutationen eingesetzt. Das Problem ist, dass die Patientenzahlen zu klein sind oder das Geld fehlt, um randomisierte klinische Studien für verschiedene Krebsarten durchzuführen.

Da der Off-Label-Einsatz unsystematisch in vielen Einzelfällen erfolgt, werden bislang keine Daten erhoben, wie erfolgreich die Therapie anschlägt. Die Projekte TAPUR (Targeted Agent and Profiling Utilization Registry) und MED-C (Molecular Evidence Development Consortium), die beide 2015 starten sollen, wollen dieses Potenzial nutzen, berichtet «Nature» von einer Konferenz für klinische Krebsforschung in Washington Ende November. Die öffentliche Forschung will dabei mit Pharmafirmen kooperieren. Diese sollen ihre Medikamente kostenlos zur Verfügung stellen und bekommen im Gegenzug die Daten.

Im MED-C-Programm soll bei allen teilnehmenden Krebspatienten ein genetischer Test durchgeführt werden, um Mutationen des Tumors zu bestimmen. So will man auch mehr über die Pathophysiologie der Krankheit erfahren, denn Krebs ist nicht gleich Krebs. Auch neu diagnostizierte Patienten ohne Vorbehandlung können teilnehmen. In der TAPUR-Studie sollen unter anderem die Ergebnisse der Behandlungsversuche und ebenfalls Mutationen dokumentiert werden. Die neuen Datenbanken sollen helfen zu verstehen, wieso individuelle Krebserkrankungen auf manche Medikamente ansprechen oder aber resistent sind.

«Off-Label-Gebrauch wird praktiziert und wir finden besser einen Weg, um die Daten zu bekommen und sinnvoll zu nutzen», sagte Ellen Signal, die Vorsitzende und Gründer der Stiftung «Friends of Cancer Research», die die Konferenz mitorganisiert hat. (dh)

(Pharmazeutische Zeitung, 17.12.14, DOI: 10.1038/516021a)

 


 

Krebs-Impfstoffe erleben Renaissance

Washington/Tübingen/Ingelheim - US-Biotechnologiekonzern Amgen hat Vakzin gegen Melanom zur Zulassung eingereicht. Boehringer Ingelheim geht Kooperation mit Tübinger Impfstoffentwickler ein.

Washington/Tübingen/Ingelheim Nach ersten Hoffnungen, die Mitte der 1990er-Jahre einem Hype glichen, hat es viele Jahre bei Krebsvakzinen einen Stillstand gegeben. Jetzt könnte eine Renaissance bevorstehen. Konzerne wie Amgen (USA) oder Boehringer Ingelheim (Deutschland) setzen wieder auch auf diese Strategie der Krebstherapie.

So gab der US-Biotechnologiekonzern Amgen vor einigen Tagen die Einreichung eines Zulassungsantrags bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) für den Wirkstoff Talimogen laherparepvec (T-VEC) zur Behandlung von Erwachsenen mit regional oder fernmetastasiertem Melanom bekannt. Die Vakzine basiert auf einem genetisch veränderten Fieberblasenvirus (Herpes Virus 1). Die Vakzine mit den Viren soll direkt in Krebstumoren injiziert werden. Die veränderten HSV1-Erreger vermehren sich ausschließlich in Krebszellen. Das bringt diese einerseits zum Platzen, andererseits führt das zu einer Freisetzung des Immunbotenstoffs GM-CSF und von Tumorbestandteilen. GM-CSF lockt Immunzellen (dendritische Zellen) an, welche dem körpereigenen Abwehrsystem Tumor-Bestandteile (Antigene) so präsentierten sollen, dass eine Abwehrreaktion in Gang kommt.

In einer Studie zur Wirksamkeit der Vakzine an mehr als 400 Patienten mit fortgeschrittener Melanomerkrankung zeigten sich positive Effekte: Unter den mit dem Impfstoff immunisierten Probanden kam es bei 16 Prozent zu einem mehr als sechs Monate andauernden sehr gutem oder teilweisem Ansprechen auf die Behandlung. Objektiv war ein Ansprechen mit Zurückbildung des Tumors bei 26 Prozent der Therapierten zu beobachten. Die Vergleichszahlen bei Probanden, die nur den Immunbotenstoff GM-CSF erhielten, waren dazu zwei bzw. sechs Prozent (für sehr gutes und teilweises Ansprechen bzw. lang andauernden Effekt). Diese Ergebnisse wurden im Jahr 2013 beim Jahreskongress der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie vorgestellt.

Amgen steht bei dieser Entwicklung nicht allein da. Erst vor wenigen Tagen hat der Onkologie-Forschungsleiter des deutschen Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, Eric Haaksma, gegenüber der APA erklärt, dass man für die Zukunft aus unterschiedlichen Ansätzen einen "Therapie-Teppich" gegen bösartige Erkrankungen "weben" wolle. Da werde man sich therapeutische Krebsvakzine wieder ansehen. Boehringer Ingelheim hat in den 1990er-Jahren gemeinsam mit Wissenschaftern der Universitäts-Hautklinik in Wien (AKH) und dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP) einen Patienten-individuellen Melanomimpfstoff erprobt. Das Projekt wurde schließlich beendet.

Jetzt hat der deutsche Pharmakonzern allerdings eine Kooperation mit dem Tübinger Unternehmen CureVac bei der Entwicklung eines zukünftigen Lungenkarzinomimpfstoffes bekannt gegeben. CureVac setzt auf seine RNActive-Vakzine. Sie besteht aus sechs RNA-Erbgutanteilen, welche nach einer Impfung zur Produktion von sechs Tumorproteinen von Lungenkarzinomen führen soll. Auf diese soll dann das Immunsystem der Patienten mit einer Abwehr reagieren. Bisher gibt es aber dazu noch keine Wirksamkeitsdaten aus einer groß angelegten Phase-III-Studie.

(Format.at, 22.09.14, APA - Austria Presse Agentur)

 

 

 

Merck stellt klinische Entwicklung mit Krebstimpfstoff endgültig ein

Der Darmstädter Pharmakonzern Merck gibt seinen einstigen Hoffnungsträger, den Krebsimpfstoff Tecemotide, endgültig auf. Ergebnisse einer jüngsten klinischen Studie in Japan hätten die Wirksamkeit des Mittels nicht bestätigt, hieß es zur Begründung.

Vor knapp einem Jahr hatte Merck eine neue klinische Studie mit dem Wirkstoff zur Krebsimmuntherapie angekündigt, nachdem der Wirkstoff Ende 2012 in der letzten klinischen Phase vor der möglichen Zulassung gefloppt war. In der damaligen, so genannten START-Studie mit Lungenkrebspatienten hatte das Mittel das Ziel eines deutlich längeren Überlebens von Patienten verfehlt. Es war an Patienten getestet worden, die an einem inoperablen, nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom erkrankt waren. Die Krebspatienten waren mit dem Wirkstoff geimpft worden, um ihr eigenen Immunsystem gegen den Krebs zu aktivieren.

Bei einer Untergruppe von Patienten, die Tecemotide nach kombinierter Radiochemotherapie verabreicht bekommen hatten, war allerdings ein verlängertes Überleben festgestellt worden. An dieser Zielgruppe hatte sich die neue Studie orientiert, die jetzt nicht den gewünschten Erfolg zeigte.

Die neue Phase-III-Studie sollte eigentlich an 250 Studienzentren in über 20 Ländern getestet werden. Sie hatte auf den Ergebnissen der START-Studie aufgebaut. Nach dem Fehlschlag in Japan will Merck jetzt aber alle Studien mit Tecemotide zur Behandlung von Lungenkrebs einstellen.

Die Merck-Aktie gab nach der Ankündigung nur leicht um 0,6 Prozent nach. Der Markt sei offenbar nicht sonderlich überrascht von dem Scheitern, sagte Analyst Timo Kürschner von der LBBW. Viele hätten bereits damit gerechnet, meinte er. Möglicherweise habe aber der ein oder andere Marktbeobachter noch Hoffnung gehabt und müsse diese jetzt begraben. Kürschner selbst war bislang bereits sehr skeptisch bezüglich der Erfolgsaussichten für das Mittel und sieht daher bei seinen Schätzungen auch keinen Anpassungsbedarf.

Die Entwicklung von so genannten therapeutischen Impfstoffen zur Bekämpfung von Krebs ist weltweit noch nicht sehr weit fortgeschritten und gilt als risikoreich. Anders als bei einer vorbeugenden Impfung werden die Impfstoffe dabei erst im Laufe einer Erkrankung verabreicht, um den Heilungsprozess einzuleiten.

(Heide Oberhauser-Aslan, heide.oberhauser@wsj.com, DJG/hoa/jhe, Dow Jones Newswires, 12.09.14)

 

 

Merck und Pfizer kämpfen gemeinsam gegen Krebs

Der deutsche Pharmakonzern Merck und der US-amerikanische Medikamentenhersteller Pfizer wollen gemeinsam Krebsmittel entwickeln und vermarkten. Entwicklung und Markteinführung sind sehr teuer, daher planen die Konzerne, durch die Allianz ihre Kosten zu senken. Die späteren Umsätze werden geteilt. Laut der entsprechenden Vereinbarung erhielt Merck eine Vorabzahlung von umgerechnet 680 Millionen Euro. Später sollen noch mal Zahlungen von bis zu 1,6 Milliarden Euro folgen. Wegen der Vorauszahlung senkte Pfizer seine Gewinnprognose für das laufende Jahr, die Merck-Aktie legte zu. 

(euronews, 17.11.14)

 

 

 

Merck & Co setzt auf Lungenkrebs-Medikament Keytruda

Ein Krebs-Medikament rückt bei Merck & Co ins Scheinwerferlicht: Der US-Pharmakonzern will sein zentrales Produkt Keytruda aggressiver vermarkten, damit es als Mittel zur Therapie von mehr Arten von Krebs verwendet wird. Außerdem will Merck noch in diesem Jahr bei den Behörden die Genehmigung für ein Medikament gegen Hepatitis C beantragen.

Das gab der Konzern vor einem Vortrag bei einer US-Branchenveranstaltung bekannt. Die beiden Neuerungen sind Teil des Umbaus der Entwicklungseinheit, den die Führungsspitze seit Oktober 2013 vorantreibt. Merck baut internationale Forschungszentren etwa in Boston und Schanghai auf, gleichzeitig stutzt der Konzern sein Forschungsportfolio zusammen. Auch der Verkauf des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten an den deutschen Konzern Bayer war Teil der Strategie - ebenso wie diverse kleinere Abverkäufe. Mit der Strategie will Merck bis Ende 2015 pro Jahr 2,5 Milliarden US-Dollar einsparen.

Ins Zentrum der Aktivitäten des Konzerns kommen stattdessen die Krebsforschung, Medikamente gegen Hepatitis C, gegen Stoffwechselstörungen und gegen Alzheimer. Dabei ist das Management weniger an großen Übernahmen und mehr an kleineren Deals interessiert, um dem Unternehmen zu neuen Produkten zu verhelfen.

Keytruda ist für die neue Strategie essentiell. Das Krebsmedikament schaltet ein körpereigenes Protein namens PD-1 aus. Dieses Eiweiß hält das Immunsystem davon ab, Tumore zu bekämpfen. Keytruda wurde im September als erstes Medikament mit dieser Wirkungsweise von der US-Behörde FDA genehmigt. Jetzt will Merck sich die nötigen Lizenzen beschaffen, um das Medikament gegen weitere Arten von Lungenkrebs benutzen zu können.

(Dow Jones Newswire Web, 12.01.2015, Angela Chen)

 

 

Krebs-Immuntherapie

Merck bläst zur Aufholjagd

Das Krebsmittel Avelumab ist Mercks größter Hoffnungsträger: Dank des Produkts sieht sich der Pharma- und Chemiekonzern gut im Rennen im Markt der Immuntherapie von Krebs. Die nächsten Jahre werden entscheidende sein.

(Frankfurt) Der Pharma- und Chemiekonzern Merck sieht sich gut im Rennen im heiß umkämpften Markt der Immuntherapie von Krebs. „Wir holen sehr schnell auf“, sagte die Chefin der Merck-Gesundheitssparte, Belen Garijo, der Nachrichtenagentur Reuters am Montag anlässlich des Krebskongresses ASCO in den USA. „Im vergangenen Jahr haben wir deutliche Fortschritte gemacht. Unsere Pipeline entwickelt sich schnell.“

Mit Mercks größtem Hoffnungsträger auf diesem Gebiet, dem Krebsmittel Avelumab, rechnet Garijo frühestens 2017 mit ersten Umsätzen. „2016, 2017 werden sehr entscheidende Jahre für uns, wo wir klar stellen müssen, dass wir unsere ersten Medikamente auf den Markt bringen.“

Avelumab ist Kern der Ende 2014 vereinbarten Allianz zwischen Merck und dem US-Pharmakonzern Pfizer. Beide wollen zusammen Medikamente auf den Markt bringen, die das körpereigene Abwehrsystem dazu bringen sollen, bösartige Tumore zu bekämpfen.

Die Immuntherapie gilt derzeit als eines der vielversprechendsten Felder der Krebsmedizin - ein Milliardenmarkt für die Pharmabranche. Auch andere Pharmafirmen setzen deshalb auf den Trend. Aktuell haben in der Immuntherapie die US-Konzerne Bristol-Myers Squibb, Merck&Co sowie die Schweizer Roche und die britisch-schwedische AstraZeneca die Nase vorn. Bristol-Myers und Merck&Co haben bereits erste Zulassungen erhalten.

Bis zu 20 klinische Studien will Merck im Rahmen der Kooperation mit Pfizer allein in diesem Jahr starten, wie Garijo bekräftigte. Sie zeigte sich zuversichtlich, dass Merck bei Krebsarten wie etwa Eierstockkrebs, Merkel-Zell-Karzinom, Kopf-Hals-Tumoren, Blasen- und Nierenkrebs zu den ersten Unternehmen mit Zulassungen in der Immuntherapie gehören könnte.

Avelumab befindet sich derzeit in der dritten und damit letzten Phase der klinischen Erprobung zur Behandlung des nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms. Merck testet das Mittel zudem in der zweiten Phase zur Behandlung des Merkel-Zell-Karzinom, ein besonders bösartiger und seltener Hautkrebs, sowie in der ersten Phase zur Behandlung verschiedener Tumorarten wie Eierstockkrebs, Nieren- und Blasenkrebs.

Im Pharmageschäft will Merck in den nächsten Jahren vor allem aus eigener Kraft wachsen. Entscheidend für ein höheres organisches Wachstumstempo soll die Pharma-Pipeline sein. „Wir konzentrieren uns sehr stark auf Forschung und Entwicklung“, sagte Garijo. Größere Übernahmen seien nicht geplant. „Wir würden uns aber Plattformen und Technologien anschauen, um unsere Pipeline im frühen Stadium zu stärken.“

(Handelsblatt, 02.06.2015, reuters)

 

 

Enttäuschung für Darmstädter Merck

Medikamenten-Kandidat gegen Krebs floppt

DARMSTADT - Der Darmstädter Pharmakonzern Merck <MRK.ETR> muss einen Rückschlag verdauen. Merck werde für den Medikamenten-Kandidaten Evofosfamide bei Bauchspeicheldrüsen- und Weichteilkrebs kein Zulassungsgesuch einreichen, teilte der Pharmakonzern am Montag mit. Trotz positiver Anzeichen hätten zwei Phase-III-Studien ihre primären Endpunkte verfehlt. Ein Sprecher wollte sich zu möglichen finanziellen Folgen nicht äußern. 2012 hatte sich Merck mit der US-Firma Threshold Pharmaceuticals Inc zusammengetan, um Evofosfamide (TH302) zu entwickeln. Es wäre für das Mittel der erste Zulassungsantrag gewesen.

Medikamenten-Kandidaten durchlaufen in der Regel drei Studien von Phase I über II bis III, die alle erfolgreich auch mit Tests an Patienten abgeschlossen werden müssen, bevor das Unternehmen einen Zulassungsantrag bei den Gesundheitsbehörden stellen kann./stk/fbr

(faz.net, 7.12.15, dpa-AFX)

 

 

Novartis erhält US-Zulassung für Krebs-Medikament

Am Montagabend erfreute die US-Gesundheitsbehörde den Basler Pharma-Konzern Novartis: Das Medikament Farydak zur Behandlung von Knochenmark-Krebs wird zugelassen.
Der Pharmakonzern Novartis erhält von der US-Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung für das Medikament Farydak (Panobinostat; ehemals bekannt als LBH589) für die Behandlung von Patienten mit bereits behandeltem Knochenmark-Krebs (multiples Myelom). Dies teilten die Behörde und Novartis am Montagabend mit.
Farydak verfüge über eine neue Wirksamkeit und unterscheide sich dabei von früher zugelassenen Medikamenten zur Behandlung von multiplem Myelom, lässt sich ein FDA-Vertreter in der Mitteilung zitieren. Gemäss der Mitteilung der FDA sterben allein in den USA jährlich 10'700 Menschen an der Krankheit.
Die Zulassung war zunächst alles andere als sicher gewesen. So hatte der vorberatende Ausschuss der Behörde (ODAC) im vergangenen November den Wirkstoff mit 5 zu 2 Stimmen nicht zur Zulassung empfohlen. Kurze Zeit später wurde die Beurteilungsperiode für eine Marktzulassung um drei Monate verlängert.
Der Zulassungsantrag für LBH589 war im März 2014 erfolgt. Im Mai gewährte die FDA dem Kandidaten einen sogenannten "priority review status", womit sich die üblicherweise zwölf Monate dauernde Zulassungsperiode auf acht Monate verkürzte. Analysten schätzen für das Medikament ein Spitzen-Umsatzpotenzial von knapp 400 Mio USD. Laut Novartis laufen Zulassungsgesuche für das Medikament unter anderem in der EU und in Japan.

(finanzen.ch, 24.2.15, rw/awp)

 

 

Krebs-Sparte gegen Impfstoffgeschäft

Novartis-GSK-Deals abgeschlossen

Berlin - Der großangelegte Umbau spült dem weltgrößten Pharmakonzern Novartis reichlich Geld in die Kasse. Das Schweizer Unternehmen werde im ersten Quartal 2015 „einen erheblichen außerordentlichen Gewinn verzeichnen“, teilte es am Montag in Basel mit. Mehrere milliardenschwere Deals mit dem britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline (GSK) seien nun abgeschlossen.

Dabei übernahmen die Schweizer den Krebsmedikamente-Bereich der Briten für 16 Milliarden US-Dollar. Novartis Oncology führt damit nach eigenen Angaben ein Portfolio von 22 Medikamenten aus den Fachgebieten Onkologie und Hämatologie zur Behandlung von 25 Krankheiten weltweit. Darüber hinaus habe Novartis eine Option auf die gegenwärtige und zukünftige onkologische F&E-Pipeline von GSK (ohne onkologische Impfstoffe). Für bis zu 7,1 Milliarden US-Dollar plus Lizenzgebühren übernahm GSK wiederum von Novartis die Impfstoffsparte (ausgenommen Grippe-Impfstoffe).

Novartis OTC und GSK Consumer Healthcare gründeten zudem gemeinsam ein Joint Venture für rezeptfreie Gesundheitsprodukte. Die Unternehmen erwarten, dass „GSK Consumer Healthcare“ führende Positionen in vier Schlüsselkategorien des OTC-Geschäfts besetzen wird: Wellness, Oral Health, Nutrition und Skin Health. Das Gemeinschaftsunternehmen besitze Reichweite und Marktpräsenz in Industrieländern wie auch in wichtigen Schwellenmärkten, so Novartis.

(DAZ.online, 02.03.2015, dpa)

 

 

Sanofi und Regeneron investieren massiv in Krebs-Immuntherapie

PARIS (Dow Jones)--Sanofi setzt auf die Immuntherapie bei der Behandlung von Krebs. Gemeinsam mit dem US-Kooperationpartner Regeneron will das französischen Unternehmen auf dem Gebiet verstärkt forschen und entwickeln. Die Sanofi SA will sich das nach eigenen Angaben bis zu 2,17 Milliarden US-Dollar kosten lassen.

Regeneron erhalte im Rahmen der neuen Kooperation eine Vorabzahlung von 640 Millionen Dollar. Sanofi und Regeneron würden 750 Millionen bzw 250 Millionen Dollar in die Entwicklung neuer Mittel investieren, hieß es weiter. Zudem stecke jedes Unternehmen weitere 325 Millionen Dollar in die Entwicklung der Immuntherapie REGN2810.

Je nach Erfolg und Umsatzentwicklung bestimmter Produkte würde Sanofi dem Partner einmalig 375 Millionen Dollar zahlen.

Ärzte und Patienten setzen große Hoffnungen auf Immuntherapien bei Krebs. Sie sollen das körpereigene Abwehrsystem stärken und mobilisieren.

(Finanztreff, 28.7.15, Noemie Bisserbe, Quelle: Dow Jones Newswire Web)

 

 

Neue Studie erregt Aufsehen

Mit Aspirin gegen Krebs - diesen Patienten könnte die Pille helfen

Aspirin ist die einfachste Vorsorge gegen Tumore - neben dem Rauchverzicht und einem gesunden Gewicht. Das haben britische Forscher herausgefunden. Ihr Versprechen, bald müsse niemand unter 80 mehr an Krebs sterben, ist aber übertrieben.

Jeden Tag eine Aspirintablette und der Krebs kann einem nichts mehr anhaben? Was klingt wie ein Wunschtraum, haben Wissenschaftler jetzt offenbar tatsächlich belegt.

Eine Studie des University College London kommt zu dem Ergebnis, dass eine tägliche Dosis Acetylsalicylsäure (ASS), der Wirkstoff in Aspirin, die beste Krebsprävention ist. Der Leiter der Studie, Jack Cuzick, rät dazu, im Alter zwischen 50 und 65 zehn Jahre lang mindestens 75 Milligramm Aspirin pro Tag einzunehmen. Dann sei der Effekt zu bemerken.

Medikament senkt Sterberisiko

Cuzick hat sich für seine Studie unterschiedliche Untersuchungen anderer Forscher angesehen und ausgewertet. Er fand heraus: Aspirin kann die Gefahr um sieben (Frauen) bis neun Prozent (Männer) verringern, an Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfall zu sterben. Die Ergebnisse seiner Untersuchung sind in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Annals of Oncology“ veröffentlicht.

Studienleiter Cuzick erklärt: „Täglich eine Aspirintablette einzunehmen ist - nach dem Nichtrauchen und einem gesunden Gewicht - die wichtigste Vorsorge, die wir treffen können, um das Krebsrisiko zu reduzieren.“

Forscherin lobt die Studie

Epidemiologin Cornelia Ulrich forscht am Huntsman Cancer Institute (HCI) der University of Utah ebenfalls auf diesem Gebiet und war lange Leiterin der Abteilung Präventive Onkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum. Sie bewertet die Studie gegenüber FOCUS Online positiv, sie sei „sehr gründlich und gut durchgeführt“.

Ulrich bestätigt: „Für Menschen, die 50 bis 65 Jahre alt sind und die keine Unverträglichkeit gegenüber ASS haben, scheint die Einnahme einer geringen Dosis täglich einen erheblichen Nutzen in der Prävention mehrerer chronischer Erkrankungen zu haben.“ Besonders relevant sei dabei die Vorsorge vor Darmkrebs.

Entzündungen fördern Tumorentwicklung

Der Grund ist bereits durch mehrere Studien gut belegt: Chronische Entzündungen, wie sie häufig im Magen-Darm-Trakt auftreten, können die Tumorentwicklung fördern.

Aspirin kann diese entzündlichen Prozesse hemmen und so vor allem Tumore verhindern, die hier entstehen. Aber auch für andere Tumorarten, wie etwa Magen- oder Speiseröhrenkrebs, zeigte sich die Wirkung.

Vorteile überwiegen die Nebenwirkungen

Diese Art der Vorsorge ist jedoch nicht für alle Menschen geeignet. Vor allem ältere Menschen leiden häufig unter den schweren Nebenwirkungen von Aspirin. Das Medikament kann Magenblutungen verursachen und das Risiko für Geschwüre erhöhen. Studienleiter Cuzick wiegelt ab: "Die Nebenwirkungen von Aspirin sind für Menschen unter 70 Jahren gering." Die Vorteile würden überwiegen.

Die Studie zeige, „in welcher Altersgruppe der größte Nutzen einer ASS Anwendung mit den geringsten Risiken“ zu erwarten sei, erklärt Krebsforscherin Ulrich. Nämlich im Alter zwischen 50 und 65 Jahre.

Studie über Krebs im 21. Jahrhundert

Cuzicks Studie ist Teil einer gerade erschienenen, zusammenfassenden Untersuchung des University College London, die den Krebs im 21. Jahrhundert thematisiert.

Die Autoren gehen noch einen Schritt weiter als Cuzick: Sie behaupten, dass es im „Jahr 2050 kaum noch Todesfälle durch Krebs vor Erreichen eines hohen Alters geben wird“.

Geeignete Präventionsmaßnahmen, ein gesünderer Lebensstil und die immer bessere Behandlung von Krankheiten könne die Zahl der Sterbefälle extrem reduzieren, schreiben die Studienautoren. Schon heute seien mehr als die Hälfte der Krebsopfer in Großbritannien älter als 75 Jahre.

Kinder werden weiterhin erkranken

Nicht beachtet haben die Forscher in ihre Studie allerdings diejenigen Tumorarten, die vor allem Kinder betreffen.

Ihre These basiert zum Großteil auf einer statistischen Hochrechnung und auf der Hoffnung, dass sich in den kommenden Jahren sowohl die Krebsvorsorgemaßnahmen wie auch die medikamentösen, chirurgischen und radiologischen Behandlungen immer weiter verbessern:

Die Sterberaten seien seit 1990 bereits um mehr als 20 Prozent zurückgegangen, schreiben die Autoren. Und die vier häufigsten Krebsarten - Brust-, Lungen, Darm- und Prostatakrebs - forderten immer weniger Todesfälle: Seit 1993 seien die Zahlen schon um 30 Prozent gesunken.

Kinder erkranken jedoch am häufigsten an Leukämie, Lymphomen oder Gehirntumoren. Zwar haben sich auch ihre Überlebenschancen in den vergangenen 30 Jahren deutlich verbessert. Doch auf Null wird die Rate sicher nie sinken. Das Versprechen, dass 2050 niemand unter 80 mehr an Krebs sterben wird, ist daher utopisch.

Verbindung zu Bayer

Allerdings hinterlassen die Lobeshymnen auf das Medikament auch einen schalen Beigeschmack: Vier der Autoren arbeiten mit dem Aspirin-Produzenten Bayer zusammen. Und wer, wenn nicht Bayer hat ein Interesse daran, eine Langzeit-Aspirin-Versorgung zu empfehlen und dadurch Hunderttausende Tabletten zu verkaufen?

Studienleiter Cuzick etwa sitzt im Beratungsausschuss des Konzerns. Ein anderer Autor arbeitet für die Unternehmensberatung der Firma. Immerhin sind alle Nebentätigkeiten der Autoren in der Veröffentlichung unter dem Punkt „Bekanntgabe“ aufgeführt - und die Studienergebnisse statistisch signifikant.

(Focus online, 23.1.15, Sybille Möckl)

 

 

Monoklonale Antikörper stehen im Fokus der Aufmerksamkeit, repräsentieren aber derzeit nur 10% aller Moleküle auf dem Krebsmarkt

Krebs ist nach wie vor eine der häufigsten und schwerwiegendsten Erkrankungen und die Zahl der Neuerkrankungen bleibt weiter steigend. Folglich ist die Krebstherapie einer der wichtigsten und zugleich komplexesten Märkte in der Pharmaindustrie.

138 derzeit zugelassene Wirkstoffe lassen sich hinsichtlich ihrer Wirkungsmechanismen in vier Haupt- und 15 Unter-Kategorien einteilen. Analysen der Entwicklungspipelines bei großen Pharmaherstellern zeigten einen klaren Trend in Richtung zweier Untergruppen.

In einer aktuellen Übersichtsstudie stellt das Strategieberatungs- und Advisory-Unternehmen für die Pharma- und Medizintechnikindustrie NOVUMED® die neuen Trends auf dem Markt vor.

Rückläufige Verkaufszahlen für die Antihormontherapie

Antihormontherapien werden bis 2017 Umsatz-Rückgänge von 4% erfahren, wobei der jährliche Umsatz dieser Produkte derzeit unter 10 Mrd. US$ beträgt. Auch die Anzahl der aktuell in klinischen Studien untersuchten Pipelineprodukte ist gering, mit einem Anteil von nur 4% bei 20 führenden Unternehmen.

Deutlicher Trend zur gezielten Krebstherapie

Gezielte Therapien erfahren einen starken Zuwachs. Das Hauptinteresse großer Pharmakonzerne gilt den Proteinkinase-Inhibitoren, welche 35% der Pipelineprodukte ausmachen, mit einem prognostizierten Wachstum von 5%.

Die monoklonalen Antikörper stehen auch weiterhin im Fokus der Entwicklung. Mit einem Wachstum um 2% pro Jahr auf 18,8 Mrd. US$ in 2017 bleiben sie auch zukünftig das größte Marktsegment. Auch in der firmeninternen Entwicklung bleiben sie von großem Interesse mit einem Pipelineanteil von 24%.

Positive Prognose, aber geringe Pipelinepräsenz für Antineoplastics

Die antineoplastischen Wirkstoffe sind mit 72 Substanzen vertreten. Hier wird ein Wachstum von 3% prognostiziert. In den Firmenpipelines beträgt der Anteil dieser Klasse 22%.

Immuntherapien: Newcomer mit Potential?

Neue Wege in der onkologischen Immuntherapie setzen auf Entwicklungen im Bereich der passiven und aktiven Immunisierung. Beide Bereiche stehen jedoch derzeit noch am Anfang ihrer kommerziellen Nutzung.

(NOVUMED Life Science Consulting & Advisory, 02.09.14, claudia.blattner@novumed.com)

 

 

Unseriöse Medikamentenwerbung

Wie Pharmafirmen die Patienten austricksen

Wer in das Büro von Wolf-Dieter Ludwig will, geht vorbei an vielen Patienten, die Schlimmes durchmachen: Krebs. Ludwig ist Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie im Helios-Klinikum Berlin-Buch. Gleichzeitig schaut er als Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft der Pharmaindustrie seit 2007 genau auf die Finger. Die Unternehmen, so sein Vorwurf, sorgen sich oft mehr um ihre Gewinne als um die Heilung von Menschen.

Herr Professor Ludwig, wann hat Sie die Pharmaindustrie zuletzt wieder einmal richtig erbost?

Wir wissen aus vielen Beispielen, dass Pharmaunternehmen Publikationen zu ihren Arzneimitteln schönen oder Ergebnisse selektiv veröffentlichen. Günstige Ergebnisse zur Wirksamkeit werden herausgestellt, Nebenwirkungen verheimlicht. Jetzt kam anhand firmeninterner Unterlagen in den USA heraus, dass Boehringer Ingelheim beim Medikament Pradaxa zur Verhütung von Schlaganfällen, das mit schweren, teilweise tödlich verlaufenen Blutungen in Verbindung gebracht wird, wichtige Ergebnisse verschwiegen hat.

Wie wurde getrickst?

Geworben hat der Hersteller damit, dass mit Pradaxa anders als bei bewährten Wirkstoffen zur Hemmung der Blutgerinnung eine kontinuierliche Überwachung der Patienten nicht mehr notwendig ist. In internen Analysen kamen Mitarbeiter des Unternehmens aber zu dem Schluss, dass das Blutungsrisiko auch bei Pradaxa durch regelmäßige Laborkontrollen gesenkt werden kann. Damit wäre aber der beworbene Wettbewerbsvorteil dahin gewesen. Aus Marketinggründen unterschlug Boehringer daher wichtige Daten. Das zeigt wieder einmal, wie kommerzielle Interessen über das Interesse der Patienten und Ärzte gestellt wird.

Haben die Marketing-Aktivitäten der Industrie zugenommen?

Eindeutig ja. Sie werden vor allem immer unseriöser. Als Onkologe erhalte ich pro Monat unentgeltlich bis zu zehn Zeitschriften, in denen finanziell unterstützt von der Pharmaindustrie sogenannte Experten neue Krebsmedikamente anhand entsprechender Studien beurteilen. Diese Veröffentlichungen dienen eher dem Marketing als der Vermittlung unabhängiger, kritischer Informationen zu neuen Wirkstoffen.

Hat die Industrie so etwas nötig?

Die Innovationskraft der Pharmaunternehmen hat erheblich nachgelassen. Die Entwicklung von Arzneimitteln, die einen echten therapeutischen Fortschritt bringen, ist ins Stocken gekommen. Nur etwa ein bis zwei von zehn neuen Medikamenten wirken deutlich besser oder sind sicherer als bereits vorhandene Arzneimittel. Diese Innovationskrise bei der Pharmaindustrie führt dazu, dass neue Arzneimittel ohne belegten Zusatznutzen von der Industrie immer stärker beworben werden.

Verständlich. Die Pharmafirmen wollen ja dennoch etwas verdienen.

Das tun sie. Denn obwohl sie für die Patienten keinen oder nur einen geringen Nutzen haben, kosten die Medikamente mitunter deutlich mehr als die schon auf dem Markt befindlichen Arzneimittel. Im Übrigen zeigt das massive Marketing, dass die Hersteller selbst nicht an den therapeutischen Fortschritt durch viele ihrer Produkte glauben. Bei wirklich innovativen Produkten wäre diese massive Werbung, für die Pharmafirmen inzwischen deutlich mehr Geld ausgeben als für Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe, gar nicht nötig.

Die Entwicklung von Medikamenten ist teuer. Muss man der Industrie da nicht Zugeständnisse machen?

Grundsätzlich stimmt das. Nur etwa fünf Prozent aller Arzneimittel aus der präklinischen Prüfung, beispielsweise für Krebserkrankungen, werden am Ende tatsächlich für die Behandlung am Menschen zugelassen. Dass diese Rate so gering ist, liegt aber vor allem an der Industrie selbst. Sie investiert zu wenig in die Grundlagenforschung. Daraus resultiert sehr häufig ein Scheitern der Wirkstoffe vor der Zulassung – infolge unzureichender Wirksamkeit oder Sicherheit.

Die Gewinne werden also mitnichten zur Entwicklung echter Innovationen verwendet?

Bleiben wir bei der Onkologie, einem Bereich, für den derzeit etwa ein Drittel aller neuen Arzneimittel zugelassen wird: Die Industrie konzentriert sich auf Arzneimittel, die relativ einfach und kostengünstig entwickelt werden können. Die Herstellung von Wirkstoffen, die den Krebs an der Wurzel packen und damit ein echter Fortschritt wären, wird dagegen aus Kostengründen viel zu selten angegangen – auch weil deren Entwicklung deutlich mehr Zeit und Geld kostet.

Aber ein Durchbruch zum Beispiel bei Krebs wäre doch eine Lizenz zum Gelddrucken für ein Unternehmen?

Sicher. Aber dafür braucht es einen langen Atem, Risikobereitschaft und qualitativ hochwertige klinische Studien. Statt für Patienten tatsächlich neue, besser wirksame Arzneimittel zu entwickeln, verfolgen Pharmaunternehmen leider zu häufig das Ziel der Profitabilität. Allein in der Onkologie befinden sich rund 800 neue Wirkstoffe in der Forschungs-Pipeline. Wir wissen aber schon jetzt, dass viele, die davon auf den Markt kommen werden, gar keinen oder nur einen geringen Fortschritt bieten werden.

Das muss Sie doch als Arzt verzweifeln lassen?

Für Verzweiflung besteht für mich kein Grund. Als Onkologe wünsche ich mir aber sehr, dass wir in Zukunft weniger auf die Werbung der Pharmaindustrie vertrauen. Stattdessen brauchen wir aussagekräftige Daten aus klinischen Studien, die unabhängig von kommerziellen Interessen geplant und durchgeführt wurden.

So pharmakritisch wie Sie ist die Mehrheit Ihrer Kollegen offenbar nicht. Denn beim Verkauf neuer Medikamente sind die Pharmahersteller regelmäßig sehr erfolgreich.

Leider denken immer noch viele meiner Kollegen, dass bei Arzneimitteln neu auch gleichzeitig besser bedeutet. Das ist jedoch meistens nicht der Fall. Die Kollegen würden das auch erfahren, wenn sie statt der von Pharmafirmen gesponserten Magazine häufiger unabhängige Arzneimittel-Informationsblätter lesen würden. Es ist allerdings nicht ganz leicht, sich dem Einfluss der Industrie zu entziehen. Pharmamarketing und der Schutz davor ist nichts, was man im Studium lernt. Das muss sich dringend ändern.

Wie beeinflusst die Industrie das Verschreibungsverhalten der Ärzte?

Sie nutzen oft Patientenorganisationen, um neue Arzneien in den Markt zu drücken. Glücklicherweise gibt es immer mehr Selbsthilfegruppen, die versuchen, unabhängig zu sein und Patienten kritisch zu informieren. Sehr problematisch sind außerdem die vielen Fortbildungsveranstaltungen, die Ärzte regelmäßig besuchen müssen. Wir gehen davon aus, dass 70 bis 80 Prozent dieser Veranstaltungen von der Industrie gesponsert werden.

Wie sieht das konkret aus?

Die Veranstaltungen sind umsonst, die mitunter sehr gute Bewirtung auch. Und dann treten hier und auf Satellitensymposien großer Kongresse häufig Kollegen auf, die enge Kontakte zur Industrie haben und in ihren Vorträgen kein objektives Bild vom Nutzen und Schaden neuer Medikamente vermitteln.

Warum gibt es keine neutrale Fortbildung?

Dies muss durch die Berufs- und Fortbildungsordnungen der Landesärztekammern besser geregelt werden. Mit der Ärztekammer Berlin veranstaltet die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft beispielsweise seit zwei Jahren einen unabhängigen Fortbildungskongress. Er ist stets restlos ausgebucht. Gerade jüngere Ärzte sind sich der Probleme bei Industrie-gesponserten Veranstaltungen zunehmend bewusst.

Wo gibt es noch Möglichkeiten der Beeinflussung?

Die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften sind leider auch heute noch ein Einfallstor für die Industrie. Als ich mir zum Beispiel die Liste der Ärzte mit Interessenkonflikten bei der aktuellen Leitlinie zur Multiplen Sklerose angeschaut habe, war ich wirklich erschrocken über Zahl und Umfang der Industriekontakte. Ich erwarte zumindest von dem federführenden Autor einer Leitlinie und der Mehrheit der beteiligten Experten, dass sie von der Industrie unabhängig sind.

Ärzte behaupten, sie seien trotz einer Zusammenarbeit mit der Industrie durch Beratungen, Vorträge oder klinischen Studien weiter objektiv.

Leider gibt es immer noch zahlreiche Ärzte, die sich, aber nicht ihre Kollegen, für immun gegenüber der Beeinflussung durch die Industrie halten. Doch inzwischen wissen wir, dass Entscheidungsprozesse auch unbewusst beeinflusst werden. Es reicht also nicht, nur seine Interessenkonflikte anzugeben. Es muss darum gehen, mit diesen richtig umzugehen und generell die Berührungspunkte zu reduzieren.

Das ist doch illusorisch, denn klinische Studien der Industrie unter Mithilfe der Ärzte sind notwendig für die Zulassung eines Medikamentes.

Eine Zusammenarbeit von Ärzten und Pharmaindustrie bei der Entwicklung und klinischen Forschung zu neuen Arzneimitteln ist notwendig und auch grundsätzlich im Interesse einer guten Gesundheitsversorgung. Insofern wird es immer Interessenkonflikte geben. Wer als Arzt enge, finanzielle oder intellektuelle Beziehungen zur Industrie hat, kann auf seinem Fachgebiet natürlich trotzdem seine Expertise einbringen. Aber er darf beispielsweise nicht bei Leitlinien an maßgeblichen Entscheidungen beteiligt sein, die am Ende das Verschreibungsverhalten der Ärzte beeinflussen sollen.

Ab 2016 will die Pharmaindustrie alle Zahlungen an Ärzte offen legen. Reicht diese Selbstverpflichtung?

Ich bin da eher skeptisch. Die Ärzte müssen nämlich der öffentlich zugänglichen Dokumentation aller finanziellen Zuwendungen und Sachleistungen zustimmen. Und da bin ich mir nicht sicher, wie sich viele Kollegen verhalten werden. Wir wissen schon heute, dass selbst die Deklaration von Interessenkonflikten häufig sehr lückenhaft ist. Es könnte also sein, dass letztlich doch eine gesetzliche Regelung nach dem Vorbild der USA nötig ist. Dort gilt seit diesem Jahr der „Sunshine-Act“, nach dem alle Zuwendungen veröffentlicht werden müssen, egal, ob der Arzt zustimmt. Jetzt wissen wir, dass einzelne Mediziner in den USA sechsstellige Summen von der Industrie für Vorträge oder Beratungen bekommen.

Ist die Ärzteschaft also doch korrupt?

Nein, bis auf einige wenige schwarze Schafe sicher nicht. Korrupt ist etwa, wer für Geld bestimmte Medikamente verschreibt. Das ist etwas ganz anderes als eine wissenschaftliche Kooperation mit Pharmaunternehmen, auch gegen Geld. Sie kann durchaus für die Patienten sinnvoll sein, wenn dadurch etwa bessere Medikamente entwickelt werden. Jedem Arzt muss aber klar sein, dass sein Urteilsvermögen durch die Zusammenarbeit verzerrt werden kann. Deshalb ist Transparenz so wichtig. Aber generell ist klar: Der Grat, auf dem wir uns hier bewegen, ist sehr schmal.

(Berliner Zeitung, 7.9.14. Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi. Auch abgedruckt in der Frankfurter Rundschau, 11.9.14)

 

 

Neuer Arzneiverordnungs-Report

Kassen könnten Milliarden sparen

Überzogene Preise und eine Lücke im System: Die gesetzlichen Krankenkassen geben laut dem neuen Arzneiverordnungs-Report pro Jahr fünf Milliarden Euro zu viel für Medikamente aus. 2013 kletterten die Ausgaben auf einen neuen Höchststand. Auch für dieses Jahr rechnen Experten mit einer Kostenexplosion.

Seit nunmehr 30 Jahren gibt es den Arznei-Verordnungsreport. Für Ärzte, Krankenkassen und Wissenschaftler ist er so etwas wie die Bibel der Versorgungsforschung. Aus Sicht der Pharma-Industrie ist er ein Werk der Ketzerei. 1997 ließ die Branche per einstweiliger Verfügung einen Teil des Buches schwärzen - und machte es damit erst Recht populär.

Von Anfang an mit dabei war Ulrich Schwabe, Pharmakologe aus Heidelberg: "Wir hatten uns damals vorgenommen, dass wir Umfang uns Struktur der kassenärztlichen Arznei-Verordnungen analysieren und damit einen Beitrag zur Transparenz des Arzneimittelmarktes leisten wollen."

Report: Fünf Milliarden Euro könnten eingespart werden

Damals, 1985, ging es hauptsächlich um Medikamente, die von den Ärzten zwar kräftig verordnet wurden, aber keinen gesicherten Nutzen hatten. Dieser Markt ist inzwischen - auch durch die die jährlichen Reporte - kräftig geschrumpft.

Trotzdem sieht Schwabe auch heute eine Menge Einsparpotenzial: "Jeder, der mal im Ausland Arzneimittel eingekauft hat, der weiß, dass im Ausland die meisten patentgeschützten Mittel billiger sind als in Deutschland." Auch wenn das sogenannte AMNOG - eine Art Preisbremse für neue Arzneimittel - inzwischen Wirkung zeigt: Noch immer könnten seiner Ansicht nach rund fünfeinhalb Milliarden Euro für Arzneimittel eingespart werden.

Neuer Höchststand bei Arzneimittelausgaben

Dass es mit den Ausgaben für Pillen, Tropfen und Pasten wieder kräftig nach oben geht, beklagen auch die Kassen: "Wir erreichen im Jahr 2013 32,1 Milliarden - das ist eine Steigerung um 3,2 Prozent - entsprechend etwa einer Zunahme von einer Milliarde Euro", sagt Jürgen Klauber vom Wissenschaftlichen Institut der AOK. Und das, obwohl im vergangenen Jahr noch ein erhöhter Herstellerabschlag galt. Der ist inzwischen ausgelaufen, weshalb Klauber für dieses Jahr mit noch dramatischeren Zahlen rechnet: "Im ersten Halbjahr 2014 erleben wir eine Zunahme um 9,1 Prozent bei den Ausgaben - rund anderthalb Milliarden auf ein Niveau von 17,5 Milliarden Euro."

Pharma-Industrie nutzt Lücke im System

Auch ein Grund dafür: Die Pharmahersteller nutzen inzwischen eine Lücke im AMNOG. Im ersten Jahr nach der Zulassung eines neuen Präparats können sie den Preis frei festlegen - die Kassen müssen zahlen. Erst ab dem zweiten Jahr wird über den Preis verhandelt.

Das nutzt mancher Hersteller aus. So sorgte etwa kürzlich das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi für Schlagzeilen. "Es werden hier für eine 24-Wochen-Therapie 113.000 Euro aufgerufen. Wir bekommen im Hepatitis-C-Bereich weitere neue Präparate, die gerade auf den Markt kommen. Dort werden für 24-Wochen-Therapien 205.000 Euro aufgerufen. Es werden Schwellen überschritten, die wir bisher nicht kannten", sagt Uwe Deh vom AOK-Bundesverband. Er fordert die Politik auf, zu handeln: "Ich gehe mal davon aus, dass sich das andere Hersteller sehr genau angucken. Und wer die Branche kennt, weiß, dass es relativ schnell Nachahmer auf den Plan rufen wird."

Pharmahersteller können ein Jahr lang den Preis selbst diktieren - erst ab dem zweiten Jahr wird verhandelt.

Diese Befürchtung teilt auch Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Er ist selbst Onkologe und beobachtet vor allem bei den Krebs-Medikamenten rasante Kostensteigerungen: "Ich freue mich sehr darüber, dass Kollegen weltweit - besonders in den USA - inzwischen ihre Stimme erheben gegen die Preisentwicklung in der Onkologie." Häufig werde viel Geld bezahlt für Medikamente, die ihre Wirksamkeit noch nicht einmal unter Beweis gestellt hätten.

(23.09.14, Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio)

 

 

Rhön-Klinikum

Neue Tumortherapie in Marburg

Die Partikelanlage an der Uniklinik Marburg soll 2015 in Betrieb gehen. Bis zu 1000 Patienten sollen pro Jahr mit der Partikeltherapie zur Behandlung von Krebs versorgt werden können.

Eines der ambitioniertesten medizinischen Vorhaben in Hessen könnte doch noch funktionieren: die Partikeltherapie zur Behandlung von Krebskranken an der Uniklinik Marburg. Die ersten Patienten sollten im vierten Quartal 2015 behandelt werden, wie Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) am Mittwoch in Wiesbaden ankündigte. Ursprünglich hatte die Firma Rhön-Klinikum, der das Universitätsklinikum Gießen-Marburg gehört, die Inbetriebnahme schon für Ende 2012 zugesagt, sich aber nicht daran gehalten.

Rhein sprach von einem "sehr erfreulichen Anlass", als er gemeinsam mit der Marburger Unipräsidentin Katharina Krause und mit Martin Menger vom Rhön-Vorstand vor die Presse trat. Menger bezeichnete den Vertrag zwischen seinem Unternehmen und dem Land sogar als "Meilenstein". Bis Montag waren nach seinen Angaben 28 Verträge zwischen allen Beteiligten geschlossen worden, darunter auch der Herstellerfirma Siemens und der Uniklinik Heidelberg. Sie ist mit 75,1 Prozent Mehrheitseigentümerin der Partikeltherapie-Anlage in Marburg, Rhön hält 24,9 Prozent.

Mit der Partikeltherapie, die bisher nur in Heidelberg und Schanghai betrieben wird, können möglicherweise Tumore behandelt werden, die mit herkömmlichen Bestrahlungsverfahren nicht erreichbar sind. Man stehe damit aber noch am Anfang, bremste Unipräsidentin Krause zu hohe Erwartungen. In Marburg werde es auch darum gehen, "die Technik selbst weiterzuentwickeln".

Regierung verteidigt die Klinik

Rhön hatte bei der Privatisierung der Uniklinik im Jahr 2006 vertraglich vereinbart, dass es 107 Millionen Euro zurückzahle, falls die Großanlage nicht in Betrieb gehe. Als der vereinbarte Zeitpunkt verstrich, gab es daher Forderungen der Opposition, das Land solle das Geld einklagen. "Davon hätte kein Patient etwas gehabt", kommentierte der Grünen-Abgeordnete Daniel May.

Sowohl die damalige schwarz-gelbe als auch die heutige schwarz-grüne Landesregierung betonten, für sie sei vorrangig, dass die Anlage überhaupt in Betrieb gehe. So antwortete Minister Rhein auch am Mittwoch, als er auf mögliche Schadenersatzforderungen angesprochen wurde: "Für uns ist wichtig, dass Menschen behandelt werden."

Rhön hatte bisher 3,75 Millionen Euro an Strafe ans Land gezahlt. Das berichtete Vorstandsmitglied Menger.

Zu Zahlen aus den aktuellen Verträgen wollten sich die Beteiligten nicht äußern. Es sei Stillschweigen vereinbart worden, hieß es. "Rhön hat eine Menge Geld investiert und legt Wert darauf, dass es angerechnet wird", sagte Minister Rhein lediglich.

Verabredet ist nach Angaben der Vertragspartner, dass mit der Anlage bei "Vollauslastung" 1000 Patienten im Jahr behandelt werden. Dafür sollen laut Rhön 70 bis 80 Beschäftigte angestellt werden; derzeit seien es zwei Mitarbeiter. In Heidelberg würden mit etwa 100 Beschäftigten etwa 750 Patienten im Jahr versorgt.

Sieben Jahre Klagefrist

Das Land Hessen behält sich vor, innerhalb der nächsten sieben Jahre zu klagen, falls der Betrieb der Partikelanlage erneut nicht anläuft. Danach soll das Klagerecht verfallen.

Der SPD-Abgeordnete Thomas Spies sagte, es sei kein Grund zu übertriebenem Jubel, wenn Rhön nun endlich den Vertrag einhalten wolle. Auch er freue sich, wenn Patienten behandelt würden. Man dürfe den Krebskranken aber auch keine zu großen Hoffnungen machen, da die Therapie noch nicht ausreichend erprobt sei.

 (Frankfurter Rundschau, 24.09.14, Pitt v. Bebenburg)

 

 

Onkologie

Fortschritt und Vergütung nicht im Gleichklang

In der Onkologie hat der medizinische Fortschritt zur Folge, dass inzwischen etwa ein Drittel der neuen Zytostatika nicht mehr als Infusion, sondern als subkutane Injektion oder als Tablette verabreicht wird.

Fehlende Abrechnungsmöglichkeiten führen nach Angaben des Münchner Onkologen Dr. Wolfgang Abenhardt jedoch dazu, dass die neuen Therapieoptionen von einzelnen Praxen aus betriebswirtschaftlichen Gründen den Patienten erst gar nicht angeboten werden.

Die "Oralisierung der Onkologie" schlage sich in der Vergütungsstruktur der niedergelassenen Onkologen in keiner Weise nieder, teilte Abenhardt mit, der auch stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung ist.

Dieser systematische Mangel müsse angesichts der nun anstehenden Einführung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) in der Onkologie rasch beseitigt werden, forderte Abenhardt. Auch orale Zytostatika seien nebenwirkungsreich und bedürften mehr denn je einer ausführlichen Beratung und ärztlichen Betreuung des Patienten durch den behandelnden Arzt.

Im Falle einer oralen oder subkutanen Therapie können die bisherigen Gebührenordnungspositionen jedoch nicht abgerechnet werden, sodass es zu einer "grotesken Unterbewertung dieser zeitintensiven Tätigkeit" kommt, sagte Abenhardt.

Nachdem die Selbstverwaltung bislang nicht in der Lage gewesen sei diesen "Missstand", so Abenhardt, zu beseitigen, sei jetzt die Politik gefragt. Um eine qualitativ hochwertige Tumortherapie auch in der ASV zu ermöglichen, müssten die erforderlichen zeit- und personalintensiven Tätigkeiten angemessen vergütet werden, forderte Abenhardt.

Wegen der Begrenzung entsprechender Leistungen auf die Fachgruppe und der Pflicht zur Dokumentation seien unkalkulierbare Kostensteigerungen ausgeschlossen.

(Ärzte-Zeitung, München, 1.8.2014, sto)

 

 

Psychotherapie hilft Krebspatienten mit Depressionen kosteneffektiv

Oxford – Britische Psychiater haben eine spezielle Psychotherapie für Krebspatienten entwickelt. Die von einer Fachpflegekraft beim Onkologen durchgeführte Therapie hat sich in zwei Studien bei Krebskranken mit guter und ungünstiger Prognose als wirksam erwiesen.

Depressionen sind bei Krebspatienten häufig. In einer aktuellen Untersuchung aus Schottland litten nicht weniger als 13,1 Prozent aller Patienten mit Lungenkrebs an einer Major-Depression. Bei gynäkologischen Krebserkrankungen betrug die Prävalenz 10,9 Prozent, bei Brustkrebs 9,3 Prozent, bei Darmkrebs 7,0 Prozent und bei Malignomen des Harn- und Geschlechtsapparats waren es noch 5,6 Prozent.

Nach der Studie, die Jane Walker von der Universität Oxford jetzt in Lancet Psychiatry (2014; doi: 10.1016/S2215-0366(14)70313-X) publiziert hat, erhielten drei Viertel aller Patienten keine psychiatrische Behandlung. Um diese Versorgungslücke zu schließen, hat die Psychiaterin eine für Krebspatienten entwickelte Psychotherapie „behavioral activation and problem-solving therapy“ auf die Verhältnisse des britischen Gesundheitssystems angepasst.

An den einzelnen Zentren wurde eine Onkologie-Pflegekraft in einem dreimonatigen Kurs geschult, um eine Kurztherapie der Major-Depression bei Krebspatienten durchzuführen, deren Vertrauen sie erworben hat. Sie wird dabei konsularisch von einem ausgebildeten Psychiater begleitet. Die Pflegekraft besucht den Patienten zunächst zuhause und hält später telefonisch Kontakt zu ihm. Sie kann neben der Psychotherapie auch eine medikamentöse Therapie einleiten, wobei sie (oder er) gelernt hat, die Symptome des Patienten mit einem Patient Health Questionnaire zu erfassen und entsprechend zu reagieren.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Pilotstudie „SMaRT Oncology-1“ (publiziert im Lancet 2008; 372: 40-48) wurde die „Depression Care for People with Cancer“ (DCPC) jetzt in zwei größeren randomisierten klinischen Studien evaluiert. An „SMaRT Oncology-2“ nahmen 500 Patienten teil, die an einer Krebserkrankung mit guter Prognose litten und eine Major-Depression entwickelt hatten. Zu drei Viertel waren dies frauenheilkundliche Krebserkrankungen und 90 Prozent der Teilnehmer waren weiblich.

Nach den von Michael Sharpe, Universität Oxford, und Mitarbeitern im Lancet (2014: doi: 10.1016/S0140-6736(14)61231-9) vorgestellten Ergebnisse, sprachen 62 Prozent der Patienten gut auf die Therapie an. Bei ihnen war es nach 6 Monaten zu einer Reduktion der Symptome um mindestens 50 Prozent gekommen. Dieses Ergebnis erzielten nur 17 Prozent der Teilnehmer in der Vergleichsgruppe.

Auch in einer kleineren Studie an Lungenkrebspatienten, die in der Regel eine schlechtere Prognose haben, war die DCPC erfolgreich. Die Patienten litten dank der Psychotherapie und der Medikamente weniger unter ihren Existenzängsten und erzielten in den letzten Wochen ihres Lebens noch einen Gewinn an Lebensqualität, wie Walker in Lancet Oncology (2014; 15: 1168-76) versichert. An „SMaRT Oncology-3“ hatten insgesamt 142 Patienten teilgenommen, die auf die DCPC oder eine konventionelle Therapie randomisiert wurden, in der es dem Onkologen überlassen blieb, seinen Patienten Antidepressiva zu verschreiben oder nicht.

Die DCPC kostet laut Walker nur 162 britische Pfund pro Patient und ist damit deutlich günstiger als die (eigentlich notwendige, aber häufig unterlassene) Überweisung an einen Psychiater.

(© rme/aerzteblatt.de, 28. August 2014)

 

 

 

Krankschreibung

Wenn Krebs zur Chefsache wird

Von den rund 500.000 Bundesbürgern, die pro Jahr die Diagnose Krebs erhalten, sind knapp 45 Prozent noch im erwerbsfähigen Alter unter 67 Jahre. Sie kämpfen meist nicht nur mit der Angst um die eigene Gesundheit, sondern auch mit Zukunftssorgen: Was wird mit meiner Arbeit, kann ich weiter für meine Familie sorgen?

Stuttgart - Von einem Tag auf den anderen bleibt der Schreibtisch leer. Der Kollege sei bis auf Weiteres krankgeschrieben, heißt es. Er habe Krebs.

Es ist ein Szenario, das sich statistisch gesehen in jedem zweiten Unternehmen in Deutschland abspielen könnte: Demnach sind von den rund 500.000 Bundesbürgern, die pro Jahr die Diagnose Krebs erhalten, knapp 45 Prozent noch im erwerbsfähigen Alter unter 67 Jahre. Sie kämpfen meist nicht nur mit der Angst um die eigene Gesundheit, sondern auch mit Zukunftssorgen: Was wird mit meiner Arbeit, kann ich weiter für meine Familie sorgen?

Jürgen Walther, Leiter des Sozialdienstes am Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg, ein den Beratungen, unter welchen Druck Betroffene geraten können: „Studien zeigen, dass die beruflich-finanziellen Sorgen den Patienten häufig ähnlich belasten wie Tumorangst und körperliche Belastungen.“

Krebskranke Mitarbeiter des Konzerns bekommen eine kostenlose Genanalyse

Es gibt noch nicht viele Unternehmen, die aktiv dagegen angehen: In Stuttgart hat nun die Robert Bosch GmbH ein „Bündnis gegen Krebs“ gegründet – mit der Bosch Stiftung und dem Robert-Bosch-Krankenhaus, in Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). In Folge dieses Zusammenschlusses bekommen krebskranke Mitarbeiter des Konzerns nun eine kostenlose Genanalyse. Das als „OncoCure“ bezeichnete Programm umfasst zunächst die Analyse des Erbguts des Tumors und gesunder Zellen. Deren Ergebnisse werden nicht nur bewertet, sondern „OncoCure“ berücksichtigt neben Standardtherapien auch aktuelle Ergebnisse klinischer Studien. Der behandelnde Arzt bekommt so eine Therapieempfehlung an die Hand. Dafür stellt das Unternehmen jährlich eine Million Euro bereit. Eine solche Tumoranalyse wird nicht immer von Krankenkassen übernommen. „Über die Präzisionsdiagnostik wollen wir die Chance für eine erfolgreiche Krebstherapie verbessern“, sagt Volkmar Denner, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung. Das helfe den betroffenen Mitarbeitern, ihren Familien und den Kollegen am Arbeitsplatz. Tatsächlich gibt es bereits einige Mitarbeiter, die „OncoCure“ in Anspruch nehmen.

Die Bosch-Gruppe gehört zu den Vorreitern auf diesem Feld – wie auch SAP, das schon 2014 ein Programm ins Leben gerufen hat. Dieses bietet in Zusammenarbeit mit der Firma Molecular Health SAP-Mitarbeitern in Deutschland und den USA eine kostenfreie Tumordatenanalyse und -interpretation. Dies tut auch das US-amerikanische IT-Unternehmen EMC, das Speichersysteme für Firmen herstellt. Der Laserspezialist Trumpf aus Ditzingen wiederum ist hierbei die Kooperation mit den Unternehmen CeGat eingegangen. „Wir bieten jedem Mitarbeiter, der an Krebs erkrankt ist, die Möglichkeit zur Tumoranalyse“, sagt Heidi-Melanie Maier, Sprecherin bei Trumpf.

Mit der Krankheit Krebs müssen sich Unternehmen künftig stärker auseinandersetzen

„Das Thema Krebs wird seitens der Arbeitsmedizin immer wichtiger“, sagt Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin. Aufgrund des demografischen Wandels und der Tatsache, dass Krebs im Alter häufiger auftritt, werden sich Unternehmen verstärkt mit der Erkrankung von Angestellten auseinandersetzen müssen. „Das ist emotional belastend – und jeder Mitarbeiter, der aufgrund einer chronischen Erkrankung fehlt, bringt auch einen wirtschaftlichen Schaden“, sagt der Sozia- und Arbeitsmediziner Drexler.

Welch hohe Kosten auf die Unternehmen dabei zukommen können, wenn Angestellte aufgrund einer Krebserkrankung ausfallen, verdeutlicht die betriebliche Gesundheitsfürsorge des Chemiekonzerns BASF, der seine Mitarbeiter am Standort Ludwigshafen jährlich zur internen Darmkrebsfrüherkennung einlädt – und das seit 2003. Ziel der Aktion ist es, dass eventuelle Vorstufen entdeckt und sogleich entfernt werden können, bevor sich ein Krebs entwickelt. Sabrina van der Puetten von BASF spricht von einem Return on Investment von 1:10. „Dieser ergibt sich aus der Rechnung, bei der wir den Kostenaufwand gegen die ersparten Arbeitsausfalltage rechnen.“

Die betriebliche Gesundheitsfürsorge bietet auch einen Wettbewerbsvorteil

Eine „Win-Win“-Situation nennt dies der Sozialmediziner Hans Drexler. So behalten die Unternehmen langjährige und spezialisierte Fachleute, denn die Suche nach gleichwertig qualifizierten Mitarbeitern werde immer schwerer. Gleichzeitig bietet eine solche betriebliche Gesundheitsförderung auch Imagevorteile auf der Suche nach neuen Kräften. So argumentiert Thomas Olbrecht, Leiter der Markt- und Sozialforschung bei EuPD, das alljährlich das Corporate Health Jahrbuch veröffentlicht. Das Werk gibt einen Überblick über das betriebliche Gesundheitsmanagement in Deutschland. Fazit: Für die Unternehmen, die sich in diesem Bereich stark engagieren, steht der Wettbewerb um gute Mitarbeiter im Vordergrund.

Bislang leisten sich vor allem Großkonzerne diesen Vorsprung. Der Sozialdienst am NCT in Heidelberg startet gerade ein Beratungsprojekt für Patienten, die im Erwerbsleben stehen. Ziel dieses Projektes ist unter anderem die Zusammenarbeit mit Leistungsträgern wie Krankenkassen und Rentenversicherungen sowie Arbeitgebern zu verbessern. So soll Krebspatienten auch bei eingeschränktem Leistungsvermögen einen längeren Verbleib im Arbeitsleben ermöglicht werden. „Die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebserkrankungen und die Arbeitswelt haben sich verändert, darauf müssen Arbeitgeber und Leistungsträger reagieren und auch neue Modelle der Beschäftigung in Kombination mit dem Bezug von Sozialleistungen anbieten“, sagt der Heidelberger Experte Jürgen Walther. Denn die Unternehmen und der Staat würden es sich nicht mehr lange leisten können, chronisch Kranke in Frührente zu schicken und vorhandenes Leistungspotenzial brach liegen zu lassen.

(Stuttgarter Nachrichten, 7.8.16, Matthias Buehner)

 

 

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