Onkologisches Forum Celle e. V.

Presseschau

An dieser Stelle verweisen wir auf aktuelle Artikel zum Thema Krebs, die MitarbeiterInnen für bemerkenswert halten. Damit verbinden wir keine Aussage über die Verlässlichkeit, Vollständigkeit oder den Wahrheitsgehalt der Informationen.

Die Sammlung ist nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet und wird laufend ergänzt. Wenn Artikel zu mehreren Themen passen, finden sie sie ggf. mehrfach.

Bitte nutzen Sie die Rubriken links zur Orientierung und scrollen Sie dann über die Hauptüberschriften.

Im Folgenden haben wir einleitend einige Grundsatzartikel zusammengestellt.

09.12.13: Ärztliche Zweitmeinung gibt mehr Sicherheit
24.02.16: Zweitmeinung hat Auswirkung auf jede 6. Therapie
19.08.15: Was ist Krebs und wie entsteht er?
03.11.14: Krebs verstehen
29.11.16: Fast doppelt so viele Krebserkrankungen wie 1970
10.02.15: Jeder Vierte starb 2014 an Krebs
01.06.16: Drei Prozent der Niedersachsen leben mit Krebs
24.08.15: US-Amerikanerin überlebte 8 Mal Krebs
05.05.17: Hoffnung, wenn nichts mehr geht

 

Ärztliche Zweitmeinung –
mehr Sicherheit für schwierige Entscheidungen

„Sie haben Krebs!“ – Wenn die schlimmsten Befürchtungen wahr werden, folgen auf den ersten Schock oft Ratlosigkeit, Zweifel und Verunsicherung: Ist es tatsächlich Krebs? Wie lange kann ich mit der Operation warten? Muss es wirklich eine Chemotherapie sein? Wie kann ich meinen Körper jetzt unterstützen? Und kennt mein Arzt auch alle Therapien, die für mich infrage kommen? In dieser Situation empfiehlt es sich, eine fundierte ärztliche Zweitmeinung („Second Opinion“) einzuholen, da es sich bei Krebs um eine ernsthafte Erkrankung mit weitreichenden Konsequenzen handelt. Dafür geeignete Mediziner sollten in jedem Fall Erfahrung haben – sowohl mit der betreffenden Krebserkrankung als auch beim Umgang mit der onkologischen Zweitmeinung.

Wer braucht eine Zweitmeinung?

„Gute Beratung gibt den Patienten Sicherheit für anstehende Behandlungen. Die Folgen einer Operation, Chemo- oder Strahlentherapie verkraften aufgeklärte Patienten deutlich besser“, weiß Prof. Hans Helge Bartsch, Onkologe und Ärztlicher Direktor der Freiburger Universitätsklinik für Tumorbiologie. Insbesondere wenn durch eine Behandlung dauerhafte körperliche Veränderungen zu befürchten sind (z.B. bei Brust- oder Prostatakrebs), kann eine weitere Meinung bei der Abwägung von Nutzen und Risiko für den Patienten sehr hilfreich sein. Auch falls es mehrere therapeutische Strategien gibt oder der Wunsch nach einer Therapie besteht, mit der der behandelnde Arzt nicht vertraut oder einverstanden ist, kann das Hinzuziehen weiterer Experten Orientierung geben. Ziel ist es, das Selbstvertrauen des Patienten und seine Therapiebereitschaft zu stärken, damit die Behandlung optimal anschlägt.

Einen geeigneten Arzt finden

Im günstigsten Fall kann ein Patient mit seinem behandelnden Arzt offen über seine Verunsicherung sprechen. Der Arzt wird ihm dann möglicherweise selber genauere Erklärungen und Begründungen für die vorgeschlagene Therapiewahl liefern oder bei der Suche nach einem geeigneten Kollegen für die „Second Opinion“ behilflich sein. Sinnvoller als die Suche auf eigene Faust, so Andrea Fabris von der Unabhängigen Patientenberatung Potsdam, sei in vielen Fällen ein Anruf bei der Krankenkasse. Denn seitens der Versicherer werde das Einholen einer Zweitmeinung mittlerweile befürwortet und teilweise tatkräftig unterstützt. Manche Kassen übernehmen z.B. Arztsuche, Zusammenstellung der benötigten Unterlagen und Terminvereinbarung.
Patienten, die eine umfassende Beratung wünschen, können sich zudem an eine Universitätsklinik wenden. Hier kann z.B. über den Internetauftritt der Klinik und Eingabe des Suchbegriffs „Zweitmeinung“ direkt Kontakt zu den beratenden Zentren und Ärzten aufgenommen werden. In der Regel beleuchten interdisziplinäre Expertenteams („Tumorkonferenzen“ oder „Tumorboards“) jeden Fall aus verschiedenen Blickwinkeln und formulieren gemeinsam eine Bewertung.

Wie läuft die Zweitbefundung ab?

Der zweite Arzt benötigt zunächst alle Unterlagen, die zur Erstdiagnose geführt haben. Dazu zählen u.a. Laborbefunde, Röntgenbilder und möglichst auch eine kurze Zusammenfassung der Diagnose und der geplanten Maßnahmen (Arztbrief). In die so genannte Patientenakte muss der behandelnde Arzt seinem Patienten Einsicht gewähren. Statt der Originalbefunde darf er allerdings Kopien herausgeben, wofür er eine geringe Gebühr erheben kann. Nach eingehender Prüfung der Unterlagen wird der konsultierte Zweitarzt seine Einschätzung der Situation mit dem Patienten besprechen und ihm eine schriftliche Zusammenfassung für den Erstbehandler mitgeben. Weitere Schritte legt dieser dann gemeinsam mit dem Patienten fest. Bei starken Abweichungen sollten die Mediziner miteinander in Kontakt treten. Generell ist es ratsam, zum Gespräch mit dem Arzt eine Vertrauensperson mitzunehmen. Denn einem Betroffenen fällt es in der belastenden Situation verständlicherweise oft schwer, genau hinzuhören und Rückfragen zu stellen.

Wer trägt die Kosten?

Rein rechtlich dürfen Patienten neben der Zweit- auch eine Drittmeinung bei einem weiteren Facharzt einholen. Die Kassen übernehmen hierfür in der Regel die Kosten. Möchte ein Patient allerdings ein interdisziplinäres Ärzteteam zu Rate ziehen, kann es teuer werden. Für privat Versicherte lohnt sich der Blick in den abgeschlossenen Versicherungsvertrag. In jedem Fall ist es ratsam, sich mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen, bevor man aktiv wird.
Bei kostenpflichtigen Angeboten im Internet, die mit unkomplizierter Abwicklung per E-Mail, kompetenten Experten und günstigen Preisen werben, ist jedoch Vorsicht geboten – nicht zuletzt, weil hier in der Regel kein persönliches Gespräch stattfindet.

(sm; Quellen: www.bundesgesundheitsministerium.de/praevention/patientenrechte/patientenrechtegesetz.html, www.krebsinformationsdienst.de, Bartsch HH, et al. Gemeinsame Entscheidung in der Krebstherapie – Arzt und Patient im Spannungsfeld der Shared Decision. Karger 2004, Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms (AWMF), Langversion 3.0, Aktualisierung 2012, Aktualisiert am 9.12.13)

 

 

Zweitmeinung

Auswirkung auf jede sechste Krebs-Therapie

Eine Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung ist in der Onkologie nicht selten: Laut Zweitmeinungsplattformen gibt es in 40 Prozent der Fälle Differenzen. Bei jedem Sechsten wirkt sich das auch auf die Therapie aus.

BERLIN. Die Einholung einer Zweitmeinung sichert Patienten eine leitliniengerechte Therapie. Darauf deuten Erfahrungen von Zweitmeinungsplattformen in der Onkologie hin: Nach der Überprüfung durch Kollegen wird demnach jede sechste Behandlung geändert.

Seit zehn Jahren gibt es das Internetportal "Zweitmeinung Hodentumor" der Deutschen Hodentumor Studiengruppe. Entstanden ist das Projekt aus der Erkenntnis heraus, dass in Deutschland in vielen Krankenhäusern der "Erfahrungsschatz fehlt, den man braucht, um Patienten mit Hodentumor zu behandeln", sagte Professor Mark Schrader, Projektleiter der Studiengruppe, am Mittwoch auf dem Deutschen Krebskongress.

Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung in 40 Prozent

Zudem zeigte schon das "Zweitmeinungsprojekt Keimzelltumoren", dass eine gemeinsam mit Zweitmeinungszentren vorgenommene Therapieplanung zu einer signifikanten Verbesserung der Behandlung führt.

4500 Zweitmeinungen wurden bis dato auf der Internetplattform eingeholt. Ärzte können über diese klinischen Primärdaten und auch ihre Therapieempfehlungen an die beteiligten Zweitmeinungszentren melden, diese geben daraufhin eine Behandlungsempfehlung ab. In 40 Prozent der Fälle, so Schrader, gebe es zwischen der Erst- und Zweitmeinung eine Diskrepanz.

"Jede sechste Zweitmeinung führt zu einer relevanten Therapieänderung", berichtete Schrader. Das liege daran, dass die Erstmeinung nicht leitlinienkonform war.

Ähnliche Ergebnisse präsentierte Udo Beckenbauer von der Health Management Online AG (HMO), die seit zwei Jahren für Krankenkassen und private Krankenversicherer eine Zweitmeinungsplattform anbietet, über die Versicherte die empfohlene Krebs-Therapie überprüfen lassen können. Das Portal arbeitet mit 32 Tumorzentren zusammen, 23 davon seien zertifiziert, so Beckenbauer.

Auswertungen zufolge bestätigten 57 Prozent der bisher 1400 eingeholten Zweitmeinungen die eingeschlageneTherapie. In 17 Prozent der Fälle weiche die eingeholte Expertise aber von der Erstmeinung ab, sagte Beckenbauer.

Wichtig für Bewältigung des "Lebensschocks"

Eine Zweitmeinung einzuholen, sei für die meisten Krebspatienten bei der Bewältigung des "Lebensschocks" wichtig. 63 Prozent der HMO-Portalnutzer wollten eine weitere Expertise, weil sie unsicher seien, ob die ihnen angebotene Therapie optimal ist. "20 Prozent der Patienten benötigen einfach eine Entscheidungshilfe", so Beckenbauer.

Auf den Nutzen von Zweitmeinungsverfahren, Patienten bei der Therapieentscheidung zu unter-stützten, wies Professorin Rita Katharina Schmutzler vom Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Universität Köln hin.

 Bei der prophylaktischen Mastektomie sei die Einholung einer Zweitmeinung "wirklich wichtig". "Wir müssen Frauen helfen bei der Frage, ob und wann eine prophylaktische Op vorgenommen wird."

Professor Peter Albers, Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft, verwies auf die über 900 zertifizierten Organkrebszentren in Deutschland. Würden diese intensiver und stärker als bisher genutzt, sei im Bereich Onkologie kein Zweitmeinungsverfahren nötig.

(Ärzte Zeitung, 24.02.2016, Julia Frisch)

 

 

Was ist Krebs und wie entsteht er?

Wenn entartete Zellen frühzeitig erkannt werden, bestehen gute Heilungschancen. Wissenschafter arbeiten an personalisierten Behandlungsmethoden.

Nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems ist Krebs Todesursache Nr. 2 in Deutschland. Jeder vierte im Jahr 2013 verstorbene Patient, so errechnete das Statistische Bundesamt, erlag einem Krebsleiden.

Zurzeit kennt die Wissenschaft rund dreihundert verschiedene Krebserkrankungen, die sich aber kaum miteinander vergleichen lassen. Klar scheint nur, dass mit zunehmendem Alter das Risiko wächst. So liegt das mittlere Alter bei Krebserkrankungen nach Angaben der Statistiker bei rund 70 Jahren.

Metastasen – tödliche Gefahr

Als Auslöser kämen vor allem äußere Faktoren wie Lebensstil und Umwelteinflüsse in Betracht, sagt die Deutsche Krebsgesellschaft. Nur bei einem geringen Prozentsatz stecke tatsächlich eine angeborene Veranlagung dahinter. Gibt es innerhalb einer Familie ein, zwei oder auch drei Krebsfälle, so bedeute dies nicht zwangsläufig, dass die Erkrankung vererbt wurde und weitere Angehörige mit der Diagnose rechnen müssten. Sind hingegen ganz junge Menschen und Kinder betroffen, so liege der Gedanke an eine genetische Komponente nahe.

Krebs ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Leiden, bei denen Körperzellen unkontrolliert wachsen, sich teilen und gesundes Gewebe zerstören oder verdrängen. Und so vielfältig wie die Krankheit können auch die Faktoren sein, die die Krebsentstehung fördern. UV-Strahlen, Tabakrauch, Chemikalien, Infektionen, ein erhöhter Alkoholgenuss und eine ungesunde Lebensweise mit wenig Obst, Gemüse und Bewegung spielen dabei laut deutscher Krebshilfe wahrscheinlich eine Rolle.

Das Gefährliche an den Krebszellen ist, dass sie sich selber zur Teilung stimulieren und wachstumshemmende Signale aus der Zell-Umgebung ignorieren. Sie können sich unendlich oft teilen, heißt es bei der Deutschen Krebshilfe, und sind potenziell unsterblich. Besonders gefährlich aber sind sie, weil sie in benachbartes Gewebe eindringen und sich im Körper so immer weiter ausbreiten können. Gerade diese Tochtergeschwülste, die sogenannten Metastasen, machten einen bösartigen Tumor zur lebensbedrohlichen Gefahr.

Deshalb sei es wichtig, einen Tumor so früh wie möglich zu erkennen. Denn damit steigen laut Deutscher Krebshilfe die Heilungschancen. Dies gelte insbesondere für Krebserkrankungen der Haut, der Brust, des Darms, des Gebärmutterhalses und der Prostata. Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung gehören daher zu den Standardleistungen der Krankenkassen.

Kritische Stimmen

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, was die Früherkennungs-Programme betrifft. So zitiert beispielsweise das dem Max-Planck Institut für Bildungsforschung angegliederte Harding-Zentrum für Risikokompetenz eine Zehn-Jahres Studie, an der 2000 Frauen beteiligt waren. Die Hälfte von ihnen nahm regelmäßig an einem Brustkrebs-Screening teil. Ergebnis: Die Zahl der insgesamt an Krebs verstorbenen Frauen war in den Gruppen mit und ohne Mammografie identisch.

Personalisierte Krebsmedizin

Operation, Strahlen- und Chemotherapie sind in der Schulmedizin nach wie vor die klassischen Verfahren bei der Behandlung von Krebs. Laut Deutscher Krebsgesellschaft sind sie zwar in vielen Fällen wirksam, bleiben aber insbesondere bei fortgeschrittener Erkrankung in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Große Hoffnung setzen die Wissenschaftler deshalb auf die Entwicklung einer personalisierten Krebsmedizin, die genau auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten ist. Dabei wird die Genstruktur seines speziellen Tumors entschlüsselt und eine Art Impfstoff entwickelt, der das Immunsystem befähigt, das Tumorwachstum zu begrenzen und bösartige Zellen zu zerstören. Wissenschaftler der Mainzer Universitätsmedizin sind auf diesem Forschungsgebiet sehr erfolgreich, und haben ihre Ergebnisse in der renommierten Zeitschrift „Nature“ (Ausgabe April 2015) veröffentlicht.

Umstrittene Geheilt-Bilanzen

Übrigens: In der Regel wird in der Onkologie ein Patient als geheilt bezeichnet, der mindestens fünf Jahre lang symptomfrei überlebt hat – eine umstrittene Definition, weil viele Rückfälle erst danach erfolgen. Statistisch tauchen daher viele Krebskranke in Geheilt-Bilanzen auf, die schließlich doch an Krebs starben.

(Lampertheimer Zeitung, 19.8.15, mawi)

 

 

Krebs verstehen

Die Grundlagenforschung unterstützt die Klinik in der Wahl der Behandlungsmethode.

Krebs ist nicht gleich Krebs. Wie vielfältig dessen Zellen, aber auch die Behandlungsmethoden sein können, zeigt sich in neuen Wegen, die die Krebsmedizin seit einiger Zeit geht. Hand in Hand versuchen Grundlagenforscher und Kliniker, den Zelleigenschaften und den dahintersteckenden Mechanismen auf die Spur zu kommen.

"Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass fehlgeleitete Funktionen dazu führen, dass Tumorzellen nicht nur unkontrolliert wachsen, sondern auch Substanzen bilden, die sie am Leben erhalten und es ihnen erlauben, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren", erklärte Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC) der Meduni Wien und Vorstand der Uniklinik für Innere Medizin I, im Rahmen eines Hintergrundgesprächs. Krebszellen beeinflussen nämlich sowohl das gesunde Gewebe um sich herum als auch die Zellen des Immunsystems, um überleben und sich vermehren zu können, so die neuesten Erkenntnisse der Forschung. Wobei jede Tumorzelle ihrem eigenen Signalweg folgt.

Und genau diese Signalwege sind es, nach denen die Tumore künftig zu gliedern sind, erklärte Zielinski. Bei einer Vielzahl von Tumoren sei es nämlich Zufall, dass sie an derselben Stelle im Körper auftreten. "Gleichzeitig gehorchen aber sehr viele Tumorzellen einem einzigen Mechanismus der Fortpflanzung und des Wachstums, obwohl sie an unterschiedlichen Stellen sind." Künftig werde für die Therapien nicht mehr die anatomische Lokalisation, also die Lage im Körper (etwa in der Brust oder im Darm), sondern vielmehr deren Kommunikationsart in Form von Signalwegen von großer Bedeutung sein.

Die Mediziner haben bereits Medikamente in der Hand, die gewisse deregulierte Signalwege unterdrücken können. Dabei komme es immer wieder zu Erfolgen bei Patienten, berichtete Zielinski.

"Die Grundlagenforschung versucht zu verstehen, was diese Signalwege bedeuten und warum manche Therapien wirken, andere aber nicht", erklärte die Leiterin des Instituts für Krebsforschung der Meduni Wien, Maria Sibilia. Dies sei für die Optimierung der Therapie des Patienten immens wichtig. Die Wissenschafterin untersucht ebenso Mechanismen, die zu Therapieresistenz oder auch zu bestimmten Nebenwirkungen führen.

Tumorboard

Das Team rund um Sibilia arbeitet sehr eng mit den Abteilungen der Meduni Wien und des AKH Wien zusammen. In einem eigenen interdisziplinären Tumorboard (Mondti) setzen sich Wissenschafter und Mediziner aus Grundlagenforschung, Diagnostik und Klinik mit onkologischen Fragestellungen auseinander, um für einzelne Patienten die beste Therapie zu finden.

Die Möglichkeiten dieser personalisierten Medizin werden am CCC im Rahmen der Exact-Studie geprüft. Das Ziel ist es, Krebspatienten, die an einem nicht operierbaren metastasierenden Tumor leiden und für die - nach derzeitigen Richtlinien - keine Behandlungsmöglichkeiten mehr bestehen, individuelle Therapien anbieten zu können. Dabei werden mit Hilfe eines molekularbiologischen Screenings 49 Krebs verursachende Gene auf 750 Mutation hin untersucht.

"Die Bemühungen gehen dorthin, dass wir den Krebs so verstehen, dass wir mit hintereinander geschalteten Therapien ein Leben mit Krebs möglich machen können", erklärte Zielinski. Bei manchen Brustkrebsarten im fortgeschrittenen Stadium könnte dies bereits erreicht werden, betonte der Mediziner. Beim Lungen-, Eierstock- sowie Bauchspeicheldrüsenkarzinom hingegen "verstehen wir es nicht".

Derzeit stünden etwa 1000 neue Medikamente in Entwicklung. Für damit verbundene Studien sei eine exakte Selektion mit Hilfe der Grundlagenforschung unabdingbar.

(Wiener Zeitung, 3.11.14, Alexandra Grass)

 

 

Bericht des Robert-Koch-Instituts

Fast doppelt so viele Krebs-Neuerkrankungen wie 1970

Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen in Deutschland hat sich seit 1970 fast verdoppelt: 2013 erkrankten etwa 482 500 Menschen an Krebs. Das geht aus dem ersten Bericht zum Krebsgeschehen hervor, den das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesgesundheitsministerium heute in Berlin vorstellen.

Auch sterben heute insgesamt mehr Menschen an Krebs. Gab es 1980 etwa 193 000 Todesfälle, waren es 2014 etwa 224 000. Wesentliche Ursache dafür ist nach Angaben der Experten, dass die Menschen immer älter werden. Für fast alle Krebsarten steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Lebensalter. Wird dieser Effekt herausgerechnet, gehen die Erkrankungsraten seit einigen Jahren insgesamt zurück.

Zugleich leben Krebspatienten aufgrund neuer Therapien länger als früher. Menschen, die an Krebs sterben, werden heute im Schnitt 74 Jahre alt - vier Jahre älter als noch 1980. Auch die Zahl derer, die mit Krebs oder nach überstandener Krebserkrankung leben, steigt. In Deutschland leben derzeit etwa vier Millionen Menschen, die in ihrem Leben schon einmal an Krebs erkrankt sind.

Verbessert hat sich die Situation etwa bei Prostatakrebs und Lungenkrebs bei Männern, was vermutlich mit dem Rückgang des Rauchens zu tun hat. Die geringeren Raucherquoten bei Frauen und Jugendlichen schlagen sich indes noch nicht in der Krebsstatistik nieder. Bei Frauen steigen die Lungenkrebsraten nach wie vor an. Vor allem die Krebserkrankungen des Magens und des Darms sind rückläufig. Langfristig gibt es auch einen starken Rückgang beim Gebärmutterhalskrebs.

Weniger Lungenkrebs bei Männern - aber mehr Bauchspeicheldrüsenkrebs

Dagegen steigen die Erkrankungsraten beim Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei bösartigen Lebertumoren. Da sich die Behandlungsergebnisse in den vergangenen Jahrzehnten nicht entscheidend verbessert haben, führen die meisten dieser Erkrankungen zum Tode.

Fünf Jahre nach der Einführung des Hautkrebs-Screenings gibt es beim Malignen Melanom, dem gefährlichsten Hautkrebs, zwar einen Anstieg der frühen Stadien. Ein Rückgang der fortgeschrittenen Tumore ist bislang aber nicht erkennbar. Bei der Brustkrebsfrüherkennung sieht der Bericht einen ersten Hinweis "für einen positiven Effekt": Demnach ist die Rate der entdeckten fortgeschrittenen Tumore bei älteren Frauen heute niedriger als noch vor einigen Jahren. Die Mammografie ist allerdings umstritten. Kritikern zufolge wird bei einem Teil der Frauen Brustkrebs diagnostiziert, der ohne Früherkennungsuntersuchung nie behandlungsbedürftig geworden wäre.

Bericht soll künftig alle fünf Jahre erscheinen

Grundlage des Berichts sind die Daten aus den epidemiologischen Krebsregistern der Bundesländer, die seit 2009 am RKI zusammenlaufen und ausgewertet werden. Er soll künftig alle fünf Jahre erscheinen. Diese Register sind nicht zu verwechseln mit den sogenannten klinischen Krebsregistern, die künftig Aufschluss über den Ablauf von Behandlungen geben sollen.

Mindestens 30 Prozent aller Krebserkrankungen gelten weltweit als vermeidbar, vor allem durch den Verzicht auf das Rauchen, die Vermeidung von starkem Übergewicht, ausreichend Bewegung, keinen oder maßvollen Alkoholkonsum sowie die Vorbeugung etwa von Hepatitis-B durch Schutzimpfungen.

(SZ, 29. 11.16)

 

 

Jeder Vierte starb 2014 an Krebs

Jeder vierte Deutsche, der 2013 sein Leben verlor, starb an einem Krebsleiden (bösartige Neubildung). Nach den Herz-Kreislauferkrankungen bleibt damit Krebs die zweithäufigste Todesursache mit 223.842 Sterbefällen. Das teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) anlässlich des Weltkrebstages am 4. Februar 2015 mit.

Seit Jahren steigt das durchschnittliche Sterbealter bei Krebserkrankten an. Mit 73,4 Jahren erreichte das durchschnittliche Sterbealter im Jahr 2013 den bislang höchsten gemessenen Wert. Krebs tritt zunehmend im fortgeschrittenen Alter auf. 85 Jahre und älter waren 2013 insgesamt 17 Prozent aller an Krebs gestorbener Menschen. Dieser Anteil lag im Jahr 1983 noch bei etwas über 8 Prozent.

Erkrankungen der Verdauungsorgane häufigste Krebsart mit Todesfolge

Bei Männern waren Erkrankungen der Verdauungsorgane mit 38.987 Verstorbenen die häufigste Krebsart mit Todesfolge. Das Sterbealter lag durchschnittlich bei 72,5 Jahren. Lungen- und Bronchialkrebs folgen mit 30.962 Sterbefällen und einem durchschnittlichen Sterbealter von 70,9 Jahren.

Krebserkrankungen der Verdauungsorgane dominieren mit 31.012 Verstorbenen auch bei den Frauen. Im Vergleich zu den Männern liegt aber das durchschnittliche Sterbealter der Frauen um mehr als vier Jahre höher bei 76,8 Jahren. Mit 17.853 Sterbefällen stehen Brustkrebserkrankungen bei Frauen an zweiter Stelle. Das durchschnittliche Sterbealter liegt bei Brustkrebs bei 72,6 Jahren.

Die Anzahl der Sterbefälle aufgrund von Lungen- und Bronchialkrebs stieg bei den Frauen von 5.491 auf 15.370 um 180 Prozent in den letzten 30 Jahren. Lungen- und Bronchialkrebs nahm damit am stärkstem zu, er steht mit dem Rauchen in engem Zusammenhang. Im selben Zeitraum verzeichnete Leber- und Gallenkrebs die höchste Zuwachsrate bei den Männern. Der Anteil dieser Krebsart stieg von 1.981 auf 5.000 Sterbefälle und damit um 152 Prozent.

(Versicherungsbote, 10.2.15)

 

 

 

Drei Prozent der Niedersachsen leben mit Krebs

Osnabrück. Im Jahr 2013 sind in Niedersachsen 21.964 Menschen an Krebs gestorben. Das geht aus einem Bericht des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) hervor, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

Neu an einem bösartigen Tumor seien landesweit 49.234 Menschen erkrankt, davon 26.079 Männer und 23.155 Frauen. Die häufigsten Krebsneuerkrankungen sind laut dem Bericht bei den Männern nach wie vor Prostatakrebs (6481 Neuerkrankungen im Jahr 2013), Lungenkrebs (3568) und Darmkrebs (3373). Frauen sind am häufigsten von bösartigen Tumoren der Brustdrüse (7464), des Darms (2949) und der Lunge (1873) betroffen.

240.000 Menschen leben mit Krebs

Erstmalig stellt der Bericht auch Daten zur Krebsprävalenz vor, die beschreibt, wie viele Menschen mit einer Krebserkrankung leben. Am Jahresende 2013 lebten demnach 120.711 Männer und 119.502 Frauen in Niedersachsen, bei denen in den vorangegangenen zehn Jahren eine bösartige Tumorerkrankung festgestellt wurde. Das entspricht bei den Männern einem Anteil von 3,2 Prozent der Einwohner Niedersachsens und bei den Frauen drei Prozent. Bei Männern im Alter von über 64 Jahren betrage der Anteil sogar 11,7 Prozent der Einwohner, bei Frauen 7,2 Prozent. Laut EKN entsprechen die Neuerkrankungsraten in Niedersachsen bei Männern den Raten in Deutschland, für Frauen liegen sie geringfügig darüber.

Auffälligkeiten werden untersucht

Das Land Niedersachsen hat das EKN beauftragt, die Häufigkeit von Krebserkrankungen systematisch zu beobachten. Seit 2014 führt das EKN eine Pilotphase zu einem gemeindebezogenen Krebs-Monitoring durch. Das Land möchte damit erreichen, dass mögliche Häufungen von Krebserkrankungen frühzeitig entdeckt werden. In der Pilotphase werden drei Krebsdiagnosen beobachtet und die tatsächlichen Erkrankungsfälle mit der jeweiligen erwarteten Erkrankungshäufigkeit in den Gemeinden verglichen. Einer ersten Auffälligkeit bezüglich der Häufigkeit von Mesotheliomen werde derzeit zusammen mit den Gesundheitsbehörden vor Ort nachgegangen. Eine mögliche Erklärung sei beispielsweise Umgang mit Asbest im Beruf.

Erkrankungen werden registriert

Neben der epidemiologischen Krebsregistrierung wird in Niedersachsen eine flächendeckende klinische Krebsregistrierung entsprechend dem Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) aufgebaut. Ziel ist es, auch klinische Daten zur Behandlung und zum Verlauf von Krebserkrankungen zu erfassen und die Qualität der Versorgung für Menschen mit bösartigen Tumoren zu verbessern. Die Planung erfolgt in enger Abstimmung mit dem EKN, damit die meldenden Ärztinnen und Ärzte keine Doppelmeldungen durchführen müssen.

(NOZ, 1.6.16)

 

 

Seltener Fall

US-Amerikanerin überlebte achtmal Krebs

Die Diagnose Krebs ist ein Schock, das Leben gerät aus den Fugen. Doch es gibt Menschen, die einen solchen Moment sogar mehrfach erleben müssen. Die US-Amerikanerin Judith Bernstein erkrankte achtmal an Krebs - und wurde achtmal erfolgreich behandelt.

"Es gab eine Zeit, in der ich eine Krebsdiagnose nach der anderen erhielt", sagte Bernstein der Nachrichtenagentur ap. Innerhalb von 20 Jahren bekam die 72-Jährige zwei unterschiedliche Arten von Lungenkrebs, außerdem Tumore in der Brust, der Schilddrüse und der Speiseröhre sowie an Haut und Lymphknoten. Die achte Diagnose erhielt sie erst vor kurzem: Am Augenlid hatte sich ein Tumor gebildet.

Manche Menschen erkranken zweimal an Krebs

Dass ein Mensch mehrfach Krebs bekommt, ist keine Seltenheit. In den USA sprechen Ärzte von "second cancers". Diese bezeichnen nicht das Wiederkehren des ursprünglichen Tumors, sondern das Auftreten eines neuen Karzinoms. Einem Bericht der "The News Tribune" zufolge ist in den USA jede fünfte Krebserkrankung eine wiederholte Diagnose.

Die Ursachen dafür sind nicht völlig geklärt. Allerdings scheint eines klar: Je älter die Menschen werden und je häufiger Patienten eine Krebserkrankung überleben, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie mehrfach erkranken.

Die zweite Diagnose ist härter als die erste

Die zweite Diagnose ist oft noch härter als die erste. Judith Bernstein suchte irgendwann Hilfe beim Psychologen. Auch nach der letzten Diagnose sei sie sehr durcheinander gewesen, berichtet die News Tribune. Unterstützung fand sie auch bei Freunden und ihrer Familie. Zudem habe der Amerikanerin regelmäßiger Sport geholfen, die Behandlungen durchzustehen.

Eine wiederholte Krebsdiagnose stellt auch die Ärzte vor eine größere Herausforderung. Die Behandlungsmöglichkeiten sind eingeschränkt, da einige Medikamente eine maximale Dosis für die Lebenszeit haben, um Schäden an Herz oder Nerven zu vermeiden. Sie können daher nicht mehrfach eingesetzt werden. Auch eine Bestrahlung wird für eine bestimmte Körperregion oft nur einmalig empfohlen.

Judith Bernstein lässt sich trotz allem nicht unterkriegen - auch wenn die Zukunft ungewiss ist. Zuletzt erhielt die 72-Jährige im August am Fox Chase Cancer Center in Philadelphia eine Chemotherapie. "Sie ist so optimistisch", sagte die behandelnde Krankenschwester, Barbara Rogers.

(t-online.de, 24.08.2015, cme)

 

 

Krebspatienten: Hoffnung, wenn nichts mehr geht

Eine in Wien durchgeführte Studie zeigt: Eine genaue Tumor-Analyse kann das Leben mancher Patienten verlängern.

Es ist eine Situation, die alle fürchten: Ein Patient mit einer Krebserkrankung hat alle Therapien ausgeschöpft, die bei seiner Erkrankung Standard sind – und auf keine spricht er mehr an.

Jetzt zeigt eine Studie des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien und des AKH Wien, dass es in bestimmten Fällen dann doch noch Möglichkeiten gibt – wenn alle Merkmale des Tumors bestimmt werden, die man heutzutage im Labor schon analysieren kann. Zwar noch nicht routinemäßig, aber im Rahmen einer solchen Studie. Unter anderem wurden dafür 750 genetische Merkmale (Mutationen) auf 49 Genen untersucht.

"Wir hatten ein anspruchsvolles Ziel", sagt der Studienleiter und Onkologe Gerald Prager: "Der Zeitraum, in dem die Krankheit nicht voranschreitet (der Tumor also nicht wächst, Anm.), sollte bei der experimentellen Therapie länger sein als bei der zuletzt durchgeführten Standardtherapie." 55 Patienten wurden in die Studie aufgenommen. Bei 36 davon konnte das Ziel erreicht werden: Der Behandlungserfolg war länger als bei der zuvor verwendeten Therapie. Bei 60 Prozent konnte die Krankheit vorübergehend stabilisiert werden. Durchschnittlich überlebten die Patienten 209 Tage – einzelne trotz der weit fortgeschrittener Erkrankung bis zu 1000 Tage.

Erfolgsbeispiel

Prager bringt ein Beispiel: Eine Patientin mit einem sehr aggressiven Schilddrüsenkrebs hatte eine ganz schlechte Prognose – häufig führt diese Form innerhalb weniger Wochen zum Tod. Die Mediziner fanden aber in ihrem Tumor eine genetische Veränderung, die auch bei bestimmten Melanomen (schwarzer Hautkrebs) vorkommt. Die Frau erhielt das Melanom-Medikament – und konnte noch mehr als ein Jahr lang leben. "Das zeigt, dass so eine genaue Tumor-Analyse bei einzelnen Patienten erhebliche Vorteile bringt."

Der Onkologe betont aber: "Nicht jeder Patient, dessen Tumor man so genau charakterisiert, hat einen unmittelbaren Nutzen davon." Und: "Noch ist es zu früh, um eine solche Analyse des Tumors jedem Patienten routinemäßig anzubieten." Prager rät deshalb auch davon ab, sich privat solche Tests anbieten zu lassen: "Es gibt zwar seriöse Anbieter solcher molekularbiologischer Profile. Aber was tut der Patient dann damit?" Es sollte auch kein einzelner Arzt über eine Therapie entscheiden: "Für unsere Studie wurden die Patienten von einem Expertenteam ausgewählt und auch die Therapien gemeinsam festgelegt. Das sollte keine One-Man-Show sein."

"Noch sehr viel mehr dazulernen"

Möglich werden solche Erfolge nur durch die Grundlagenforschung, betont Maria Sibilia, Leiterin des Instituts für Krebsforschung. Durch diese weiß man nicht nur, dass jeder Krebs genetisch völlig unterschiedlich ist: "Wir wissen heute auch, dass es je nach Tumorregion genetisch unterschiedliche Zellen geben kann." Das aber heißt: Je nachdem, an welcher Stelle die Biopsie gemacht wird, kann ein anderes Ergebnis herauskommen – und das kann wiederum die Therapie beeinflussen. Prager: "Wir haben schon viel gelernt – aber wir müssen noch sehr viel mehr dazulernen, wer wirklich von diesem Ansatz der genauen Tumor-Analyse einen Nutzen hat."

(kurier/Wien, 5.5.17, Ernst Mauritz)

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