Onkologisches Forum Celle e. V.

01.12.16: Können Hamburger Forscher bald Krebs heilen?
16.11.16: Krebsforschungszentrum: Revolution bei Diagnostik?
29.09.16: TheSocialMedwork gibt Übersicht
19.09.16: Stammzellenforschung verspricht neue Erkenntnisse
12.09.16: Algorithmen für Arzeneimittel
23.08.16: Neue Wege zum Stopp von Melanomen?
06.07.16: Deutsche spenden Rekordsumme für die Forschung
08.08.16: Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag
02.07.16: Gentechnik im Einsatz gegen Krebs
18.07.16: Google, Bing & Co
07.06.16: Rechnerleistung gegen Krebs
12.05.16: Nanotechnik gegen Krebs
07.05.16: Meilenstein in der Ursachenforschung?
29.04.16: Tumorzellen stellen Energiezufuhr um
27.04.16: Darmbakterium als Auslöser für Krebs
27.02.16: Enzym verantwortlich für Resistenz bei Bauchspeicheldrüsenkrebs
26.02.16: Neuer Therapieansatz: Krebs kontrollieren statt töten
28.02.16: Metabolismus des Tumors gehemmt?
24.02.16: Zweitmeinung hat Auswirkungen auf jede 6. Tehrapie
19.02.16: "Präszisionsmedizin" gegen Krebs
10.02.16: Mit Viren gegen Krebs
19.01.16: Neue Internetzeitschrift zur Forschung
14.01.16: USA im Krieg gegen Krebs
18.01.16: Bessere Medikamenten-Transportwege
17.12.15: Doch kein Zufall?
12.01.16: Neue Wege in Lübeck
14.12.15: Können Bakterien Krebs heilen?
07.12.15: Down-Syndrom gibt Krebs keine Chance
28.09.15: Licht gegen Krebs
14.09.15: Resistenzen - die Ausweichrouten von Krebs erkennen
05.09.15: Milliarden für ein Molekül
26.08.15: Forscher programmieren Tumorzellen um
26.08.15: Gentherapie gegen Krebs
14.08.15: Endoskopische Krebserkennung in Echtzeit
28.07.15: Proteinungleichgewicht macht Krebs tödlich
05.08.15: Neue Ansätze für zielgerichtete Immuntherapien
07.07.15: Nobelpreisträger im Kampf gegen Krebs
18.05.15: Gesunde Knochen trotz Brustkrebs
18.05.15: 5000 neue Studien
16.08.15: Mein Avatar, die Maus
03.05.15: Der Krebs ist ein gerissenes Biest
13.05.15: Krebsmedikamente zweimal unter die Lupe nehmen!
30.04.15: Kieler Forscher melden Durchbruch in der Grundlagenforschung
18.03.15: Die Zukunft der Krebsbehandlung
20.04.15: Personalisierte Medizin in der Fläche
02.04.15: Wie das Polio-Virus Krebs heilen kann
16.03.15: Mit Mathe-Formeln den Krebs besiegen
06.03.15: Gates und Hopp mit Curevac gegen Krebs
26.02.15: Wiener Biotech-Unternehmen testet Krebs-Therapie
25.02.15: Spezielles Krebs-Gen untersucht
29.01.15: Krebs-Heilmittel durch 8-jährige entdeckt?
12.01.15: Aargauer Forscherin bekämpft Krebs mit radioaktiver Folsäure
28.11.14: Meyenburg-Preis an DKFZ-Mitarbeiter
26.12.14: Cannabis-Wirkstoffe bringen Tumorzellen zum Platzen
09.12.14: Gezielte Krebstherapie: Pfeil kommt noch nicht an
06.03.15: Nanobomben könnten Krebs bekämpfen
28.04.15: Armband gegen Krebs?
27.10.14: Neuerscheinung: Handbuch gegen Krebs
24.06.14: Forscher: "Krebs lässt sich nicht ausrotten"
18.10.14: Immuntherapie bleibt Hoffnungsträger
28.10.14: Immuntherapie im Kommen
23.12.14: Neue Ära in der Krebstherapie?
12.10.14: Personalisierte Medizin: Wettlauf gegen den Krebs
18.09.14: Forscher finden Mittel, das Tumorwachstum bremsen kann
19.12.14: Antikörper gegen Krebs
31.10.14: Natürlich gegen Krebs
20.01.15: Zitrusduft hemmt Leberkrebs

09.10.14: Die Früchte des Blushwood Trees können die Krebstherapie unterstützen
17.08.15: Krebszellen sterben rasend schnell: Blushwood Tree
24.08.16: Stoff aus Tropenfrucht zeigt auch beim Menschen erstaunliche Wirkung

11.09.14: Auf der Suche nach der Achillesferse der Tumoren
04.09.14: Piloten und Flugbegleiter haben erhöhtes Hautkrebsrisiko
21.08.14: Autoimmunkrankheiten: Fatale Verwechslung
25.08.14: Bakterien lassen Tumoren schrumpfen
08.08.14: Mit der Kraft des Immunsystems gegen Krebs
09.09.14: Selbstverteidigung gegen Krebs
07.09.15: Wespengift gegen Krebs
21.09.15: Enzym könnte helfen
01.08.16: Krebs gab es schon vor 2 Mio. Jahren 

 

 

 

Hamburger Forscher

Können sie bald Aids und Krebs heilen?

Sind HIV und Krebs bald besser therapier- oder sogar heilbar? Forschungsergebnisse einer Gruppe von Wissenschaftlern der Uni Hamburg lassen hoffen. Sie haben neue Wege gefunden, Virus- und Krebserkrankungen zu bekämpfen. Der Clou: Man „überlistet“ die kranken Zellen, indem man „maskierte“ Wirkstoffe einschleust – wie ein Trojanisches Pferd.

Dem Hamburger Chemiker Chris Meier (54) und seiner Forschungsgruppe ist etwas Bahnbrechendes gelungen. Sie haben einen Weg gefunden, Wirkstoffe, die bei der Behandlung von Krebs und Aids helfen, direkt in die kranken Zellen zu bekommen. Noch vor 15 Jahren wurde das für unmöglich gehalten.

Schon damals wusste man zwar, dass Triphosphate eine bessere Therapie ermöglichen würden – doch die Stoffe galten als zu instabil, um sie zu synthetisieren. Das heißt: Man konnte keine Medikamente daraus herstellen. Doch Chris Meier und sein Team haben es  im Labor geschafft, einen Weg in die Zellen zu finden: durch sogenannte Triphosphat-Prodrugs.

Damit wären die Medikamente viel wirksamer als herkömmliche Mittel, da sie  direkt in den kranken Zellen aktiv wirken können. „Triphosphate von strukturell modifizierten DNA- oder RNA-Bausteinen sind die biologisch aktive, das heißt wirksame Form“, sagt Chris Meier. 

Viele Doktoranden forschten mit ihm, es gab kleine Teil-Erfolge. Das vorerst letzte Puzzlestück lieferte nun die Doktorarbeit von Tristan Gollnest (31). Zwei Jahre brauchte er – dann gelang es ihm, solche Triphosphate als Trojanische Pferde zu „maskieren“. Schon vorhandene Wirkstoffe, die bisher nicht oder nur ineffektiv wirken, können so aktiviert und optimiert werden.

Das Resultat: geringere Dosierungen, weniger Nebenwirkungen und dadurch eine höhere Lebensqualität der Erkrankten. Die „Maske“ ist eine chemische Modifikation. Ohne sie würde der Wirkstoff nutzlos im Blut schwimmen und gar nicht erst durch die Zellmembran gelangen. Der Wirkstoff wird also verpackt – wie die Krieger im Trojanischen Pferd. „Durch cleveres Design wird das Drumherum, die Maske, erst in der Zelle gelöst“, erklärt Meier. „Ein Zellenzym beißt einen Teil der Maske ab, der Rest platzt dann spontan weg, so dass nur der Wirkstoff übrig bleibt.“

Erste In-vivo-Experimente lassen Großes hoffen. So sind die „Trojaner“ sogar in sogenannte solide Tumore hineingekommen. Solche galten bislang als chemotherapeutisch nicht angreifbar. Auf Fachtagungen zeigen sich Mediziner begeistert. „Es scheint wirklich revolutionär zu sein“, sagt Meier. „Wir sind weltweit die Einzigen, die daran  forschen.“

Entsprechend der Enzyme, die in der Zelle aktiv sind, wird die Maske gebaut. „Der Wirkstoff hat ein bestimmtes Ziel“, sagt  Meier. Sein  Ziel ist, dass sich das Konzept nicht auf Krebs und HIV beschränkt, sondern universell einsetzbar ist. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Es müssen weitere Experimente und Studien durchgeführt werden.  
Auch die Forschung im Chemie-Labor der Uni-Hamburg ist noch lange nicht am Ende. Tristan Gollnest würde gern weiterforschen, braucht dafür aber Geldgeber, die seine Stelle finanzieren.

(Hamburger Morgenpost, 1.12.16, Janina Heinemann)

 

 

Heidelberger Krebsforscher sieht Revolution bei Diagnostik und Behandlung

Heilung bei jedem zweiten Patienten und hohe Lebensqualität bei anderer Hälfte

Der neue Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, Michael Baumann, erwartet eine Revolution bei der Krebsbehandlung. Mehr und mehr könnten Ärzte auf die individuelle biologische Situation der jeweiligen Tumoren eingehen und patientenangepasste Therapien einsetzen, sagte Baumann der "Augsburger Allgemeinen" vom Mittwoch. "Wir sehen in dieser personalisierten Onkologie eine wirkliche Revolution in der Krebsdiagnostik und der Krebsbehandlung."

(Welt 24, 16.11.16, afp)

 

 

Krebs kennt kein Vaterland:

Launch von TheSocialMedwork.com in Deutschland

Amsterdam. Revolutionäre pharmazeutische Plattform TheSocialMedwork bietet Informationen über neu zugelassene Medikamente aus dem Ausland zur Behandlung lebensbedrohlicher Krankheiten - und schafft Zugang für Betroffene.

TheSocialMedwork hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schwerkranke beim Kampf um ihr Leben und ihre Gesundheit zu unterstützen. Der im November 2014 in Delaware, USA ins Leben gerufene globale Online Informations- und Beschaffungsdienst überwindet nationale Grenzen der medizinischen Versorgung undermöglicht den Zugang zu neuesten, potenziell lebensrettenden Medikamenten. Bereits aus 48 Ländern erreichen TheSocialMedwork Anfragen von Ärzten und Patienten.

Gesundheit ist der Kern des Lebens. Jeder Kranke das Recht, um sein Leben zu kämpfen. Und jeder Patient hat die Freiheit zwischen allen zur Verfügung stehenden Medikamenten wählen zu können - egal, wo er wohnt.

TheSocialMedwork.com (http://www.thesocialmedwork.com) recherchiert weltweit alle Neuzulassungen von Arzneimitteln gegen schwere Krankheiten wie z.B. Krebs und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Die Plattform stellt diese Informationen Ärzten, Betroffenen und Interessierten vollumfänglich und kostenlos zur Verfügung und liefert damit einen neuartigen Service. In einem weiteren Schritt macht TheSocialMedwork diese Medikamente zugänglich, soweit sie in Deutschland noch nicht zugelassen sind. Dies ist umso relevanter, da allein zwei Drittel aller innovativen Arzneimittel zuerst in den USA und nicht in Europa zugelassen werden. Insbesondere zielgerichtete Krebstherapien werden fast ausschließlich zuerst durch die FDA (U.S. Drug and Food Association) zugelassen. Es dauert im Durchschnitt über zwei Jahre bis die Medikamente auch in Deutschland zugelassen und erhältlich sind.

Unter strikter Befolgung aller medizinischen und rechtlichen Rahmenbedingungen und unter strengen Qualitätskontrollen zur Vermeidung von Fälschungen am Markt stellt TheSocialMedwork Schwerkranken zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung- und zwar unabhängig davon, wo der Patient wohnt. Dabei handelt es sich ausschließlich um Arzneimittel der Schulmedizin, die in modernen und hochregulierten Märkten wie z.B. den USA oder Japan zugelassen wurden. Damit schafft die pharmazeutische Plattform die Grundlage für Patienten, zusammen mit dem behandelnden Arzt, die bestmögliche Entscheidung über die eigene Therapie zu treffen. Denn beim Kampf ums eigene Leben und für die Gesundheit verdient jeder die besten Chancen.

Sjaak Vink, Gründer und CEO von TheSocialMedwork: "Früher fehlten das Wissen und die Möglichkeit an diese neuen, potenziell lebensrettenden Medikamente zu gelangen. Die Gesetzeslage ist eindeutig, faktisch war es jedoch bislang kaum möglich als Patient oder einzelner Arzt/in, solch ein Medikament zu erhalten. Oft fehlt zudem das Bewusstsein, dass die Beschaffung von nicht zugelassenen Medikamenten aus dem Ausland in Deutschland und ganz Europa sowohl legitim als auch legal ist, wenn die nationalen medizinischen Mittel ausgeschöpft sind."

Da ausländische Neuzulassungen in keinem zentralen Register wie bspw. dem des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet sind, müssen schwerkranke Patienten eigeninitiativ über die Existenz von geeigneten Medikamenten recherchieren. Ärzte müssen sich durch Forschungskongresse, Fachliteratur oder Studienregister informieren, das Medikament für die individuelle Behandlung identifizieren und schließlich die Belieferung organisieren. Für Arzt/in und Patient ist das ein komplexer und zeitintensiver Prozess.

TheSocialMedwork beschäftigt ein Team von internationalen Ärzten, Apothekern, Wissenschaftlern und Juristen, und arbeitet mit Experten und Verbänden auf dem Gebiet lebensbedrohlicher Krankheiten zusammen, um die neuesten zugelassenen Medikamente zu identifizieren, zu prüfen und preiseffizient zu sourcen. Ärzte und Patienten werden somit in die Lage versetzt, alle weltweit verfügbaren medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Mit der Verschreibung des Arztes kann dieses Medikament dann in jedes Land weltweit, nun auch nach Deutschland, verschickt werden. Geliefert wird ausschließlich an eine lokale Apotheke oder eine Krankenhausapotheke, immer unter Berücksichtigung der jeweiligen Importregulierungen. Die eigentliche Behandlung erfolgt durch den verschreibenden Arzt vor Ort.

TheSocialMedwork liefert bereits Medikamente in fünf Kontinente. Ab dem 1. Oktober wird der Service auch für deutsche Patienten und Ärzte zur Verfügung stehen - somit werden nun auch in Deutschland vorhandene Strukturen genutzt und nationale Grenzen bei der Versorgung Schwerkranker zum Teil überwunden. Jedes Leben zählt.

Pressekontakt: Katrin Schepp, LL.M. Tel: +31-619-438-957 Mail: press@TheSocialMedwork.com

(Finanzen.net, 29.9.16)

 

 

Stammzellforschung verspricht neue Erkenntnisse

Stammzellforschung ist zu einem unverzichtbaren Teil der Krebsforschung geworden. Viel versprechen sich Forscher von sogenannten Organoiden. In diesen kleinen Gewebestückchen können sie Krebserkrankungen nachahmen.

Die Stammzellforschung boomt - auch für Krebsforscher wird sie immer wichtiger. Die Mediziner erhoffen sich neue Erkenntnisse zur Entstehung von Tumoren und neue Lösungsansätze für deren Heilung. „Stammzellen und Krebs“ ist darum das zentrale Thema beim Internationalen Heinrich Behr Symposium in Heidelberg.

„Wir verwenden die Stammzellen, um mehr über den Tumor und seine Metastasen herauszufinden und neue Therapien zu entwickeln, die ihn gezielt vernichten“, sagt einer der Gastgeber des Symposiums, Wissenschaftler Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das DKFZ richtet die Konferenz alle zwei Jahre aus.

„Ein Tumor entsteht, wenn sich in einer Zelle viele verschiedene Genveränderungen anhäufen, sogenannte Mutationen“, erläutert Trumpp. Kürzlich sei nachgewiesen worden, dass die erste Mutation oft in Stammzellen auftrete. „Der Ursprung von Krebs liegt damit oft in unseren Stammzellen.“ Die Krebsforschung versuche, Möglichkeiten zu finden, nicht nur den vollausgewachsenen Tumor zu zerstören, sondern auch Zellen, die bereits diese ersten Mutationen aufwiesen.

Forscher können auch immer mehr sagen über den Aufbau von Tumoren. „Der Tumor ist hierarchisch organisiert“, erläutert Trumpp. „Ganz oben sitzt die Krebsstammzelle, die viele nachfolgende, weniger aggressive Krebszellen produziert.“ Das Tückische daran sei, dass diese Krebsstammzellen sehr viel resistenter seien gegen Chemotherapien und andere Behandlungen. „Während man den Großteil der Tumorzellen vernichten kann, bleiben oft die Krebsstammzellen im Körper zurück.“

Nach einer Therapie könnten sie wieder einen neuen Tumor bilden, sagt der Krebsforscher. „Deshalb ist es so wichtig, diese Krebsstammzellen aktiv zu bekämpfen, um die Wiederkehr des Tumors oder auch die Bildung von Metastasen zu verhindern.“

Stammzellexperte Tobias Cantz von der Medizinischen Hochschule Hannover sagt: „Vor einigen Jahren haben sich viele gefragt, was Stammzellforschung denn mit Krebsforschung zu tun haben soll. Eine Krebserkrankung ist ja ein zu viel an Zellen - was soll man da mit noch mehr Zellen, die man aus der Stammzellenforschung generiert hat?“ Aber man habe inzwischen verstanden, wie ähnlich sich Krebszellen und Stammzellen strukturell seien.

Organoide ersetzen Tierversuche

Wissenschaftler können mittlerweile aus Stammzellen sogenannte Organoide züchten. Das sind kleine Gewebestückchen, die aus verschiedenen Zelltypen bestehen. „Das funktioniert, indem man die Stammzellen aus einem Gewebe isoliert und sie unter bestimmten Bedingungen zum Beispiel zu Mini-Därmen oder Mini-Gehirnen auswachsen lässt“, erläutert Trumpp. „Aus Gewebe vom Menschen gelingt das mittlerweile auch - dieses Verfahren wird jetzt immer häufiger eingesetzt, auch in Deutschland.“

Organoide spielten in der Krebsforschung eine immer wichtigere Rolle, sagt Trumpp. „Wir Krebsforscher haben oft das Problem, dass wir nicht genügend Material von einem Patiententumor bekommen: Die Tumoren sind klein oder die Proben sind bereits größtenteils abgestorben, da gibt es vielerlei Gründe.“

Auch Experten vom Paul-Ehrlich-Institut setzen Hoffnungen in die Forschung mit Organoiden. „Substanzen zum Beispiel aus der Biomedizin oder Chemotherapie können in Organoiden vorgetestet werden hinsichtlich ihrer möglichen Verträglichkeit“, sagt Institutspräsident Klaus Cichutek. „So gehen hoffentlich die momentan notwendigen Tierversuche zurück und werden durch Organoide ersetzt.“

Dem Molekularbiologen Jürgen Knoblich zufolge braucht die Forschung Organoide, weil sich viele Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen. An Organoiden könnten Forscher Medikamente testen und Krankheitsmechanismen erkennen. „Das Ganze ist besonders wichtig für das menschliche Gehirn als das Organ, das uns am meisten von Tieren unterscheidet.“

Knoblich züchtet aus menschlichen Hirnstammzellen sogenannte Hirn-Organoide - Gewebestrukturen, die in vielen Aspekten einem Gehirn ähneln. „Unsere Hoffnung ist, dass es uns gelingen wird, Tumore in diesen Organoiden nachzubauen. Wenn wir das schaffen würden, dann hätten wir auch die Möglichkeit, hier direkt Medikamente zu testen - das wäre ein großer Durchbruch.“

Laut Trumpp vom DKFZ hoffen Wissenschaftler, in Zukunft das Tumormaterial für jeden Patienten spezifisch züchten und daran erste Tests ausführen zu können. Das Ziel: vorab herausfinden, auf welche Medikamente oder welche Kombination von Wirkstoffen der Tumor ansprechen dürfte. „Irgendwann werden wir so viel Wissen angesammelt haben, dass wir zum Beispiel eine Kombination von Mutationen bei einem Patienten X finden, die wir ein Jahr vorher schon einmal bei einem anderen Patienten gefunden hatten. Durch das Wissen, welche Kombination hier schon gewirkt hat, kann man eine Menge Zeit sparen.“

(Wirtschaftswoche, 19.9.16, dpa)

 

 

Krebstherapien

Algorithmen für Arzneimittel

Berlin - Die Krebstherapie steht nach Einschätzung von Wissenschaftlern, Ärzten und Herstellern in den kommenden Jahren vor einer Revolution. Neue Diagnoseverfahren und darauf basierende Therapien versprechen einen Durchbruch, der sogar die Heilung von Krebs zur Realität oder den Krebs zumindest zu einer beherrschbaren Volkskrankheit machen könnte. Gentechnik und Big Data spielen dabei die entscheidende Rolle.

Rund um das Heidelberger Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) haben sich Firmen angesiedelt, die sich schon ein gutes Stück auf dem Weg in die Zukunft vorangearbeitet haben: Dazu gehört der Softwarekonzern SAP ebenso wie das Europäische Labor für Molekularbiologie (EMBL) und die Firma Molecular Health (MH). In absehbarer Zeit wird die Zukunft voraussichtlich bereits in einen Kassenvertrag gegossen: Als erstes sollen leukämiekranke Kinder mit den neuen Methoden therapiert werden. Die Techniker Krankenkasse sitzt mit im Zukunftsboot.

Im EMBL sitzen junge Wissenschaftler in abgedunkelten Arbeitsecken vor modernen Elektronenmikroskopen. Sie beobachten genmanipulierte Fische in Echtzeit beim Wachstum. Im Gehirn kämpfen rot und blau gekennzeichnete Eiweißmoleküle um die Vorherrschaft. Schaffen es die „guten“ Moleküle (blau) nicht, die „bösen“ Konkurrenten (rot) zu vernichten, hat der Fisch später ein Problem – möglicherweise droht ihm Demenz. Nach Ansicht der Forscher lassen sich diese Erkenntnisse bald auf den Menschen übertragen.

Eine Tür weiter beobachtet eine junge Wissenschaftlerin unter dem Elektronenmikroskop das Eiweißmolekül eines Brusttumors im fortgeschrittenen Stadium. Sie will erkennen, warum dieser Tumor anders als viele andere Varianten sein Wachstum wieder aufgenommen hat. Das Molekül ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Auch hier erwarten die Forscher demnächst einen Durchbruch.

Einige Kilometer weiter hat sich MH zum Ziel gesetzt, die Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die Anwendung zu transportieren, mit Hilfe von Big Data am Ende vielleicht sogar den Krebs zu besiegen. Grundlage dafür ist ebenfalls Gentechnik.

Die Spezialisten von MH sequenzieren, analysieren und verarbeiten die DNA von Krebstumoren. Die rasante Entwicklung der Speichertechnik macht das möglich. Ist der Tumor nach zwei bis drei Tagen entschlüsselt, beginnt die eigentliche Arbeit. Die sequenzierte Tumor-DNA wird in eine Cloud geschickt und dort mit den Daten und den Therapieerfolgen tausender ähnlicher Tumoren verglichen – Brustkrebs mit Brustkrebs, Prostatakrebs mit Prostatakrebs, Leukämie mit Leukämie.

Hier kommt SAP ins Spiel. DNA-Analyse und Auswertung laufen auf der Software Hana. Die 2012 gestartete Plattform bündelt Behandlungserfahrungen von derzeit 750.000 Patienten mit Millionen von Datensätzen. Mittlerweile haben sich 7100 Gesundheitseinrichtungen in 88 Ländern dem SAP-System angeschlossen. Heraus kommt eine Statistik. Dort können Kohorten gebildet werden nach Alter, Geschlecht, Alter, Gewicht und anderen Merkmalen.

Am Ende erfährt der Arzt, welche Therapie in der Vergangenheit den größten Erfolg gebracht hat. Er hat mehrere Optionen und kann den Patienten Empfehlungen geben. Mehr noch: Die DNA-Analyse des Tumors ermöglicht die passgenaue Verabreichung von Arzneimitteln. Die Forscher gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit sogar kurzfristig spezielle Arzneimittel entwickelt werden können.

Dass die durch Big Data unterstütze Therapie wirkt, belegen die Forscher mit einem Beispiel: 2007 wurde bei einer 41-jährigen Frau inoperabler Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Sie erhielt viele Medikamente und Chemotherapien nach den Vorgaben der Leitlinienmedizin. 2013 wurden Metastasen in der Brust und Lunge entdeckt. Neue Chemotherapien und Medikationen folgten.

Aber die Nebenwirkungen wurden unerträglich und der Tumor wuchs weiter. Dann folgte die Analyse mit der MH-Technik. Das Tumormaterial wurde sequenziert und mit der Datenbank verglichen. Heraus kamen neue Therapieoptionen. Die neue Therapie schlug an, der Tumor schrumpfte und die Lebensqualität der Frau verbesserte sich deutlich.

In der Abrechnungsbürokratie des deutschen Gesundheitswesens gibt es für diese Art der Herangehensweise noch keine Ziffer. Auch fehlt es für einen flächendeckenden Einsatz noch an den Kapazitäten und der notwendigen Evidenz. Bis das zur Regelversorgung wird, wird es noch eine Weile dauern. Den Anfang machen jetzt MH, die Berliner Charité und die TK. Sie sprechen über einen Selektivvertrag zur Behandlung von Kindern mit Leukämie.

Die Kosten sind hoch, teurer als die der Leitlinienmedizin. Durchschnittliche Kosten lassen sich nicht beziffern, weil jeder Fall andere Ausgaben mit sich bringt. Die Hoffnung von Wissenschaftler, Ärzten und Pharmafirmen ist allerdings, dass sich mit Hilfe der genbasierten Therapie an anderer Stelle Kosten für nicht wirksame Behandlungen einsparen lassen.

Nicht nur die Kostenfrage erfordert gesundheitspolitische Diskussion. Wie geht die Gesellschaft mit den Genom-Daten um, wenn demnächst jeder Bürger über seine Daten verfügen kann? Was bedeutet es für das solidarische Versicherungssystem, wenn man die Versicherten spielend leicht nach genetischen Krankheitswahrscheinlichkeiten einteilen kann?

Auch die Rolle von Arzt und Apotheker werden sich vermutlich verändern. Der Arzt verliert zumindest teilweise die Hoheit über die Diagnose in der sogenannten Präzisionsmedizin, wird mehr und mehr zum Berater auf Basis der Computerdaten. Das tangiert das bisherige Selbstverständnis des Berufsstandes.

Für die Apotheker ergeben sich neue Chancen, wenn sie sich stärker in die genbasierte Arzneimitteltherapie einbringen können. Vieles ist noch Zukunftsmusik, aber man kann sie in Heidelberg schon hören. Die Beteiligten jedenfalls haben keine Zweifel, dass die Medizin vor einer Revolution steht.  

(apotheke-adhoc.de, 12.9.16, Lothar Klein)

  

 

Forscher finden Wege für Stopp der Ausbreitung von Melanomen auf andere Organe

Alle 52 Minuten stirbt ein Mensch aufgrund bösartger Melanome. Israelische Krebsforscher haben nun in Kooperation mit Heidelberger Wissenschaftlern aufgedeckt, wie diese aggressivste Form des Hautkrebs' andere Organe befällt. Das könnte die Behandlung dieser oft lebensbedrohlichen Erkrankung revolutionieren, teilte die Universität Tel Aviv am Dienstag mit.

Die Forscher fanden heraus, dass maligne Melanome winzige Bläschen, sogenannte Vesikel, aussenden, um andere Organe auf den Empfang von Metastasen vorzubereiten. Zugleich fanden sie chemische Substanzen, die diesen Prozess unterbinden "und damit aussichtsreiche Elemente künftiger Medikamente werden können", hieß es in der Mitteilung der Universität.

Am Montag hatten die israelischen Forscher gemeinsam mit ihren Kollegen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Nature Cell Biology" erstmals publiziert. "Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse helfen werden, Melanome zu einer leicht heilbaren Erkrankung zu machen", erklärte die Leiterin des Forscherteams in Tel Aviv, Carmit Levy, dazu am Dienstag.

Das Lebensbedrohliche an den Melanomen sei nämlich nicht der ursprüngliche Tumor, der auf der Haut sichtbar wird. "Die Gefahr geht von den Metastasen aus, welche die Tumorzellen zur Besiedlung lebenswichtiger Organe aussenden, wie Gehirn, Lungen oder Leber", erklärte Levy. Die nun veröffentlichte Studie sei "ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum endgültigen Heilmittel".

Wenn bösartige Melanome bei einer Vorsorgeuntersuchung frühzeitig entdeckt werden, sind die Behandlungschancen sehr hoch. Hat die Streuung von Metastasen dagegen bereits begonnen, verläuft die Erkrankung bisher meist tödlich. Weltweit steigt die Zahl von Neuerkrankungen mit malignen Melanomen, auch schwarzer Hautkrebs genannt, stark an.

(AFP, 23.8.16)

 

 

Krebsforschung

Deutsche spenden Rekordsumme

Rund 500.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Jeder zweite könne geheilt werden, heißt es bei der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

BERLIN. Die Deutsche Krebshilfe blickt auf ein Rekordjahr zurück. Mit knapp 109 Millionen Euro haben die Spenden im Jahr 2015 den höchsten Wert seit der Gründung vor 42 Jahren erreicht. Auf der Ausgabenseite hat sich die Stiftung mit mehr als 36 Millionen Euro als bedeutendster privater Drittmittelgeber im Hochschulbereich etabliert. "Die wissenschaftliche Landschaft sähe anders aus ohne die Krebshilfe", sagte Vorstandsmitglied Dr. Franz Kohlhuber bei der Vorstellung des Jahresberichts 2015 am Mittwoch in Berlin.

Ein Förderschwerpunkt ist die Entwicklung von innovativen onkologischen Therapien. So hat ein Projekt an der Universität Stuttgart 328.000 Euro erhalten, in dem zwei Forscherinnen einem zellulären Signalweg bei einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs (TNBC) auf die Spur kommen wollen. Sie suchen nach neuen Wirkstoffen, um diesen Signalweg zu unterdrücken, der für ein rasches Ausbreiten des Krebses verantwortlich ist.

An Hautkrebs erkranken jährlich rund 30.000 Menschen in Deutschland. Forscher der Universität Regensburg suchen ein Medikament, das gezielt die Ansiedlung von gestreuten Zellen eines malignen Melanoms verhindern soll. Die Krebshilfe unterstützte das Vorhaben im Jahr 2015 mit 383.000 Euro.

Insgesamt hat die Krebshilfe im Berichtsjahr 128 neue Projekte in der Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der Versorgungsforschung aufgelegt. Mit 6,6 Millionen Euro unterstütze sie die Krebs-Selbsthilfe. Dieser Betrag hat sich im Vergleich zu 2014 nahezu verdoppelt.

Die Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland ist ungebrochen. 356.000 Einzelspender trugen zum Rekordergebnis 2015 bei. Fast 13 Millionen Euro mehr als 2014 hatte die Krebshilfe 2015 zur Verfügung. Auffällig ist der Aufwuchs der Summe aus Erbschaften. 61,7 Millionen Euro wurden der Krebshilfe hinterlassen, 15 Millionen Euro mehr als ein Jahr zuvor. Viele Erbschaften würden auf Wunsch der Erblasser direkt an bestimmte Forschungsprojekte gebunden, berichtete Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

Politisch sei die Krebshilfe bei zwei Projekten besonders beteiligt gewesen. So habe das Gesundheitsministerium bei der Formulierung des Hospiz- und Palliativgesetzes stark auf die Expertise der Krebshilfe gesetzt. Die Deutsche Krebshilfem, damals noch ein Verein, hat 1983 in Köln die erste Palliativstation in Deutschland überhaupt gefördert und finanziert.

Auch beim Präventionsgesetz habe die Krebshilfe mitgewirkt, berichtete Nettekoven. Jede zweite Krebserkrankung sei lebensstilbedingt. Das Risiko für Brustkrebs, Dickdarmkrebs und Endometriumkrebs könne durch 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche um mehr als ein Fünftel gesenkt werden, sagte Dr. Freerk Baumann von der Sporthochschule Köln. Gut belegt sei dies unter anderem durch die 1700 Krebssportgruppen in Deutschland, ein Angebot, das weltweit einmalig sei.

(Ärzte-Zeitung, 6.7.16, Anno Fricke)

 

 

Kampf gegen Krebs

Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag

Ein heftiger Rückschlag im Kampf gegen Lungenkrebs hat am Freitag 35 Milliarden Dollar Börsenwert bewegt. In der hochgelobten Krebsimmuntherapie schlummern kommerzielle Risiken – auch für Anbieter wie die deutsche Merck.

(Frankfurt) Seit gut vier Jahren sorgt die Krebsimmuntherapie für Furore in der Pharmabranche. Wirkstoffe, die das Immunsystem gegen Tumorzellen aktivieren, lieferten überraschende gute Ergebnisse in diversen klinischen Studien, und heizten damit sowohl die Investitionen der Pharmafirmen als auch die Erwartungen der Analysten an.

Nun jedoch erlebte das Konzept seinen ersten großen Rückschlag: Eine große Studie des US-Konzerns Bristol-Myers Squibb (BMS) mit seinem Wirkstoff Opdivo verfehlte bei der Behandlung von Patienten mit Lungenkrebs das Ziel, den Krankheitsfortschritt stärker zu verzögern als die Standardtherapie. Das Ergebnis wirkte auf Investoren wie ein Schock, die BMS-Aktie verlor am Freitag knapp 16 Prozent. Das entspricht rund 20 Milliarden Dollar Verlust an Börsenwert.

Hintergrund sind die bislang enormen Erwartungen für das Umsatzpotenzial des Wirkstoffs. BMS gilt als Pionier und bisher führendes Unternehmen im Bereich der Krebsimmuntherapie und Opdivo als Top-Wirkstoff in dieser Produktklasse. Das Mittel ist bereits gegen Hautkrebs sowie in der so genannten Zweitlinientherapie gegen Lungen- und Nierenkrebs und gegen bestimmte Formen von Lymphdrüsenkrebs zugelassen. Das heißt, es darf dort eingesetzt werden, soweit andere Therapien nicht wirken.

Große Hoffnungen ruhten indessen darauf, dass Opdivo auch zum Mittel der ersten Wahl bei Lungenkrebs werden könnte. Das sollte die so genannte Checkmate-Studie belegen, die nun aber scheiterte.

(Handelsblatt, 8.8.16, Siegfried Hofmann)

 

 

Gentechnik

Crispr bringt Krebskranken neue Hoffnung

Vier Jahre nach ihrer Entdeckung soll die Gentechnik-Methode Crispr bereits an ersten Patienten getestet werden. Eine amerikanische Kommission hat grünes Licht dafür gegeben.

Seit Monaten gibt die neue Gentechnik-Methode namens Crispr zu reden, sie erzeugt gleichermassen Euphorie und Alarmismus. Für heisse Köpfe sorgt ihr Einsatz zur genetischen Manipulation von menschlichen Embryonen. Gleichzeitig sind weltweit aber unzählige Forscher daran, die Technik weiterzuentwickeln. Und so kommt es, dass in den USA die erste klinische Studie mit Patienten bereits vier Jahre nach ihrer Entdeckung grünes Licht bekam, wie die Wissenschaftszeitschrift «Science» letzte Woche berichtete. Mit dem positiven Entscheid der Kommission, die bei den National Institutes of Health die Sicherheit und Ethik von Gentechnik-Studien überprüft, ist die grösste Hürde im Bewilligungsverfahren genommen.

Die ersten Probanden für Crispr werden 18 schwerkranke Patienten mit verschiedenen Tumorarten sein. Da alle anderen Therapieversuche bei ihnen gescheitert sind, wird Crispr ihre letzte Hoffnung sein.

Scharf gemachte Immunzellen

Der Leiter der Studie, Carl June von der University of Pennsylvania, ist einer der Pioniere in der Entwicklung von gentechnisch veränderten Immunzellen, sogenannten CAR-T-Zellen. Seit mehr als zwanzig Jahren wird diese Art der Gentherapie erforscht. Dabei werden Immunzellen, sogenannte T-Zellen, aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen oder Viren wie etwa HIV besser erkennen und vernichten. Die veränderten Immunzellen tragen einen Rezeptor, der spezifisch an ein Molekül auf den Krebszellen oder dem Virus bindet. Zurück im Blut der Patienten, gehen sie gegen diese vor.

Bis anhin verwendeten Forscher für den gentechnischen Eingriff die «konventionelle Gentechnik»: Mithilfe eines Virus wird dabei das Gen für den Rezeptor irgendwo ins Genom der T-Zelle integriert. Bei Krebserkrankungen, bei denen Immunzellen (B-Zellen) bösartig geworden sind, hat man damit vielversprechende Erfahrungen gemacht, besonders bei der akuten lymphatischen Leukämie. Bei bis zu 90 Prozent der schwerkranken Patienten in verschiedenen klinischen Studien waren nach dem Eingriff alle Krankheitszeichen verschwunden. Das sei ein unglaubliches Ergebnis, sagt Toni Cathomen vom Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau. Experten vermuten, dass in den nächsten fünf Jahren ein entsprechendes Verfahren kommerziell erhältlich wird.

Schwieriger gestaltet sich die Behandlung von soliden Tumoren. Diese hätten ganz andere Abwehrmechanismen, sagt Ulf Petrausch vom Onkozentrum in Zürich. Er ist selbst an einer Studie des Universitätsspitals Zürich beteiligt, in der Krebspatienten mit veränderten T-Zellen behandelt werden. Crispr eröffnet neue Möglichkeiten, weil damit mehrere Gene gleichzeitig und gezielt verändert werden können.

Vier genetische Eingriffe

Der Pionier June will die T-Zellen der Patienten an vier Stellen verändern, damit diese effizient gegen verschiedene solide Tumore vorgehen können. Mit einer bewährten viralen Genfähre, also auf konventionellem Weg, schleusen die Forscher den Immunzellen im Labor das Gen für den Rezeptor ein, der die Krebszelle erkennt.

Dann kommt Crispr ins Spiel. Die molekulare Schere kann so programmiert werden, dass sie die DNA im Zellkern an einer ganz bestimmten Stelle zerschneidet. Deshalb wird sie oft dazu verwendet, Gene zu zerstören. Die Forscher wollen insgesamt drei Gene in den Immunzellen ausschalten. Dadurch verschwindet einerseits der Rezeptor, der das Ziel ausmacht, auf das die T-Zelle ursprünglich spezialisiert war (irgendein Krankheitserreger) – so konzentrieren sich die veränderten T-Zellen ausschliesslich auf den Krebs. Andererseits wollen die Forscher eine Bremse der T-Zellen ausschalten, das Protein PD-1. Dieses verhindert normalerweise, dass die Immunantwort überschiesst, und wird bei Bedarf vom Körper selbst betätigt. Doch haben auch Krebszellen in soliden Tumoren gelernt, die Bremse zu bedienen, um der drohenden Vernichtung zu entgehen.

Fehlt den veränderten T-Zellen das PD-1-Gen, sollten sie schlagkräftiger gegen den Krebs vorgehen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sie nach getaner Arbeit, wenn der Krebs vernichtet ist, nicht mehr kontrollierbar sind und sich womöglich gegen gesunde Zellen richten. Das ist eine der Befürchtungen, die es im Zusammenhang mit CAR-T-Zellen gibt. Um dieses Risiko zu minimieren, habe man in dieser Studie für die veränderten T-Zellen mit NY-ESO-1 ein sehr tumorspezifisches Ziel gewählt, sagt Ulf Petrausch aus Zürich. Das Molekül wird sonst nur in der embryonalen Entwicklung produziert.

June und seine Kollegen wollen mögliche Schwachstellen und Nebenwirkungen der Crispr-Therapie genau überwachen. Zum Beispiel, ob die molekulare Schere das Genom der Immunzellen auch ungewollt an anderen Stellen schneidet. Solche sogenannten Off-Target-Aktionen können mit der Technik nicht verhindert werden. In Vorversuchen zeigten die Forscher aber, dass bei ihrem Ansatz keine kritischen Stellen, wie etwa Gene, betroffen waren.

Der Weg ist geebnet

June rechnet damit, Ende dieses Jahres mit der Studie zu beginnen. Es fehlen noch weitere Bewilligungen von den Ethikkommissionen der beteiligten Universitäten und von der Behörde für Lebensmittel- und Medikamenten-Sicherheit (FDA). Da June und die University of Pennsylvania Patente an dem eingesetzten Verfahren besitzen und deshalb ein Interessenkonflikt besteht, werden sie zudem ausweisen müssen, bei welchen Aufgaben sie in den Ausstand treten.

Vier Jahre zwischen der Entdeckung von Crispr und dem ersten Einsatz an Patienten ist eine kurze Zeit. Doch haben die Forscher mit der konventionellen Gentechnik und mit zwei anderen Werkzeugen, die wie Crispr Gene gezielt verändern, bereits viele Erfahrungen gemacht und den Weg für die neue Technik geebnet.

(NZZ, 2.7.16,  Lena Stallmach)

 

 

 

Google, Bing & Co.

Kann eine Internet-Suchmaschine gefährlichen Krebs früherkennen?

Sag mir, wonach Du googelst - und ich sage Dir, ob Du an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt bist. Händeringend suchen Forscher nach einer Methoden zur Früherkennung von Pankreaskarzinomen. Offenbar kann das Internet dabei helfe.

NEW YORK. Drei von vier Patienten mit einem Pankreaskarzinom, die nicht operiert werden können, sterben binnen eines Jahres. Nur sieben von 100 Frauen und acht von 100 Männern, die an Krebs der Bauchspeicheldrüse erkranken, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

 Ein Grund für diese niederschmetternde Situation: Der Tumor ist zum Zeitpunkt der Diagnose meist nicht mehr lokal begrenzt. Die Beschwerden, die der Diagnose vorausgehen, sind in der Regel unspezifisch, der Tumor wächst rasch und metastasiert früh. Das macht es so schwer, die Erkrankung in einem Stadium mit noch guter Prognose zu erkennen.

Ein US-Forscher-Team um John Paparrizos von der Columbia University in New York hat nun einen unorthodoxen Weg zur möglichen Früherkennung von Pankreaskarzinomen gewählt.

Die Frage, die sie sich vorlegten, lautete: Kann man anhand des Protokolls der Suchwörter, die jemand in eine Suchmaschine im Internet eingibt, spätere Pankreaskrebspatienten noch vor der Diagnose identifizieren? Unterstützung erhielten die Wissenschaftler von der Forschungsabteilung von Microsoft (J Oncol Pract 2016, online 7. Juni).

Fragen nach Symptomen analysiert

Laut den Ergebnissen von Paparrizos und Kollegen ist das möglich. Für ihre Machbarkeitsstudie haben sie zwei Gruppen definiert: Zum einen die Gruppe der Positiven, die eine Pankreaskrebsdiagnose erhalten hatten.

 Diese Gruppe bestand aus (anonymen) Menschen, die in der Suchmaschine Bing gezielt nach dem Begriff "Bauchspeicheldrüsenkrebs" oder einem Synonym gesucht hatten und zudem erkennen ließen, dass sie eine entsprechende Diagnose erhalten hatten (etwa indem sie dies explizit in der Suchanfrage formulierten).

Die Gruppe der Negativen bestand aus Menschen, die nach Symptomen von Pankreaskrebs gesucht hatten - mit Begriffen wie "gelbe Augen", "dunkler Urin", "fettiger Stuhl", "Verdauungsstörung", "Bauchschmerzen", "Gewichtsverlust" und vielen anderen.

Diese hatten aber nie konkret Auskunft über Pankreaskrebs selbst haben wollen. Positive und Negative zusammen bildeten die untersuchte Gesamtheit von Personen, bei denen es sinnvoll wäre, anhand einer passenden Suchhistorie nach Krebspatienten Ausschau zu halten.

Obwohl die Suche in Bing anonymisiert verläuft, lässt sich doch für jede Anfrage das Protokoll der vorhergehenden Suchbegriffe auffinden. Das geschah mit Blick auf die Gruppe der Positiven. Ein lernender Algorithmus filterte die Suchhistorie nach Begriffsmustern, die eine künftige Diagnose von Pankreaskrebs wahrscheinlich machen.

Diese Muster wurden schließlich an der Gesamtheit getestet. Wegen der geringen Prävalenz der Erkrankung kam es den Forschern um Paparrizos darauf an, die Muster so zu gestalten, dass es zu möglichst wenigen falsch-positiven Ergebnissen kam.

System zur Beobachtung

Mit Falsch-positiv-Raten zwischen 0,001 und 1 Prozent gelang es, anhand der Suchhistorie zwischen 5 und 30 Prozent der späteren Positiven ausfindig zu machen, und zwar etwa fünf Monate vor der tatsächlichen Diagnose.

 Bei der niedrigsten Rate an falsch-positiven Ergebnissen würde nur einer von 100.000 aus der Gruppe der Negativen fälschlich als positiv diagnostiziert werden. Die Prävalenz eingerechnet hieße das: Von drei positiven Befunden wären zwei richtig und einer falsch.

Den Nutzen ihres Ansatzes sehen die Forscher nicht im aktiven Screening als vielmehr in der passiven Beobachtung. Die Analyse ihrer einschlägigen Suchprofile könnte dabei für Internetnutzer womöglich in dem Rat resultieren, bei den Symptomen einen Arzt aufzusuchen.

(Ärztezeitung, 18.7.16, Robert Bublak)

 

 

 

Krebs: Wirkung der Diagnose berechnen

In der Medizin spielt Rechenleistung eine wichtige Rolle – Liquid Biopsy ist ein biomedizinisches Verfahren zum Nachweis von Krebszellen im Blut "And now there is one more thing." So kündigte Steve Jobs, der 2011 verstorbene Apple-Chef, stets große Revolutionen an. Etwa als er 2007 das Internet ins Handy brachte. Das iPhone werde die Welt verändern, prophezeite er und behielt recht. Nun verkündeten Jeff Bezos, Chef von Amazon, und Microsoft-Gründer Bill Gates einen vergleichbaren Coup. Mit dem Diagnostikhersteller Illumina wollen sie einen Bluttest für sämtliche Krebsarten entwickeln. Mit Wucht drängen derzeit die großen IT-Konzerne in das Gesundheitswesen. Denn: "There are so many more things." Google mischt bei unzähligen Biomedizin-Start-ups, Kliniken und Krankenversicherern mit; die Gates-Familie sitzt über Stiftungen längst im Boot. Auch Amazon-Chef Bezos hat das neue Geschäftsfeld entdeckt. Der Grund dafür: Seit Jahren produziert die Medizin Daten um Daten, vor allem die Krebsmedizin. Es ist eine schier gewaltige Informationsmasse, die auf ihre Auswertung wartet. Und wer könnte besser dafür geeignet sein als die ausgeklügelten Rechenformeln der IT-Industrie. Google hat es vorgemacht. Ihre Algorithmen, mittels deren Google-Gründer Sergej Brin und Larry Page "alles Wissen der Welt allen zugänglich machen" wollten, bieten sie nun auch Medizinern und Krankenhäusern an. Algorithmus in Genen Google Genomics will Erbgutinformationen speichern, systematisieren und auswerten. Ärzte hätten jederzeit Zugriff auf Daten, bewerben die Datengiganten. Zeitgleich beteiligt sich Google an etlichen auf Krebs spezialisierten Firmen. Deren Ziel gleicht sich im Prinzip: die gefährlichen Veränderungen in den Tumorzellen entdecken und möglichst gleich die passende Therapie anbieten können. Das Werkzeug dafür sind komplexe Algorithmen. Obwohl seit Jahren wahlweise von individueller, personalisierter, zielgerichteter oder Präzisionsmedizin gesprochen wird, ist die Onkologie bisher nicht weit über diese Buzzwords hinausgekommen. Bisher führt die gezielte Suche nach genetischen Mutationen in einzelnen Krebsformen nur selten zu großen Erfolgen. Etwa das Paradebeispiel ist der Wirkstoff Imatinib, der seit seiner Zulassung im Jahr 2001 fast 90 Prozent der damit behandelten Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie das Leben rettete. Er blockiert ein Protein, das bei dieser Art Blutkrebs aus dem Ruder läuft. Oder BRAF-Hemmer: Sie befreien Menschen, die an Schwarzem Hautkrebs erkrankt sind und BRAF mit einer bestimmten Veränderung tragen, gänzlich von ihren Beschwerden – eine Zeitlang. Ein weiterer aufsehenerregender Wirkstoff ist Alectinib bei nichtkleinzelligem Lungenkrebs. Er hemmt einen Wachstumspfad selbst dann noch, wenn andere ALK-Hemmer versagt haben. Mutationen erkennen Doch die Beispiele zu Haut- und Lungenkrebs lassen erahnen, wo die Tücke der zielgerichteten Therapien liegt. Die Tumore lernen, sie zu umgehen. Wenn der Angriff nicht in kurzer Zeit sämtliche Krebszellen ausschalten kann, wächst das Geschwür nach einiger Zeit weiter. Tumore tragen nicht nur eine einzige Veränderung, sie weisen etliche Tausend Mutationen auf. Von diesen müssen Mediziner jene suchen, die den Krebs besonders gefährlich machen. Zwischen fünf und fünfzehn solcher Treibermutationen trägt eine durchschnittliche Tumorzelle. Sie alle zu finden ist schwierig. Zudem ist ein Tumor ein höchst heterogenes Gebilde. "Selbst wenn 80 Prozent eines Tumors die gleichen gefährlichen Veränderungen tragen, die restlichen 20 Prozent werden die zielgerichtete Therapie verfehlen", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Hämatologie am Klinikum Berlin-Buch. Ein weiteres Problem ist die Zeit: Nach einer globalen Studie werden zwar mehr als zwei Drittel aller Lungenkrebspatienten auf eine wachstumstreibende Mutation im EGFR-Gen getestet, aber bei einem Drittel kommen die Testergebnisse nicht rechtzeitig, um den Arzt bei der Therapieentscheidung zu beeinflussen. Ins Plasma schauen Doch es bahnt sich eine Lösung an: Seit wenigen Jahren hat sich eine ganz neue Art von Unternehmen gegründet: Es sind Firmen, die Biomedizin mit komplexer Datenanalyse verbinden. Diese Kombination könnte schon in naher Zukunft einen Paradigmenwechsel in der Medizin einläuten. Die Methode heißt "next generation sequencing": Sie macht das Ablesen der Erbgutinformation schnell und preiswert möglich – und das aus Blutproben. "Der Krebs hinterlässt Spuren im Blut", sagt Lukas Heukamp, Medical Director von NEO New Oncology AG. Das Unternehmen bietet Bluttests an, um gefährliche Treibermutationen zu identifizieren. Mehr als 30 Veränderungen kann der Test bereits detektieren. Der Vorteil diese Methode: "Oftmals reicht das Tumormaterial selbst für die Analyse ja gar nicht aus – oder der Zustand des Patienten lässt eine herkömmliche Biopsie nicht zu", sagt Heukamp. Das neue Verfahren heißt Liquid Biopsy und ist ein Hoffnungsfeld der Krebsmedizin – vor allem für Verlaufskontrollen. Erfolg oder Versagen einer Therapie lassen sich mit dieser Methode viel rascher als bisher nachweisen. Die NEO New Oncology AG ist längst nicht das einzige Unternehmen, das auf die Spuren im Blut setzt. Astra Zeneca hat gemeinsam mit Quiagen bereits eine Zulassung für den deutschen Markt. Roche arbeitet mit Foundation Medicine an einem vergleichbaren Test. Der aktuell mit 70 riskanten Krebsgenen umfassendste Test ist vom kalifornischen Unternehmen Guardant. Werte interpretieren Wenn Bill Gates und Jeff Bezos also von einem Test für alle Krebsarten sprechen, dann meinen sie nichts anderes, als dass sie einen Gentest entwickeln wollen, der alle 400 Treibermutationen bestimmen kann. Ist das möglich? "Noch stehen solchen Verfahren viele Unsicherheiten gegenüber", sagt Edgar Dahl, Leiter der Molekularpathologischen Diagnostik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Denn Tumorerbgut ist nicht bei allen Krebserkrankungen gleichermaßen im Blut nachweisbar. Während sich fast alle fortgeschrittenen Darm- oder Eierstockkarzinome per Blutanalyse feststellen lassen, gelingt dies bei Prostata- und Nierenkrebs in weniger als der Hälfte der Fälle. Bei Hirntumoren sei der Nachweis über das Blut noch ungeeigneter. "Bislang kaum erklärbar ist, warum auch innerhalb einer Krebsart die Menge an nachweisbaren Erbgutfragmenten um den Faktor 10.000 und mehr schwanken kann", so Dahl. Erst der Anfang "Wir wissen einfach noch zu wenig über die Pathobiologie der Tumor-DNA im Blut, nicht nur über ihre Herkunft, sondern auch, was eine aufgefundene Treibermutation tatsächlich klinisch für den Patienten bedeutet." Dahl weiter: "Es ist zu hoffen, dass sich sinnvolle Muster oder Grenzwerte für Treibermutationen definieren lassen, sodass solche Früherkennungstests nicht zu Überdiagnosen und Verunsicherung führen." Illumina, Gates und Bezos haben also vor allem eines geschafft: Sie haben Aufmerksamkeit geschürt. Selbst wenn es gelingt, sämtliche Treibermutationen für alle Krebsformen zu bestimmen: "Sie gleichzeitig auszuschalten ist kaum möglich", sagt Wolf-Dieter Ludwig. Doch hinter dem ehrgeizigen Plan der Amerikaner könnte genau dies stecken: Wer das Erbgutprofil seiner Patienten kennt und mit bisherigen medizinischen Forschungen vergleicht, kann womöglich schneller Therapien anbieten – oder nach neuen Ansätzen suchen. Algorithmen werden alle Möglichkeiten kalkulieren. Google, Gates und Amazon haben das längst erkannt

(derstandard.at, 7.6.16, Edda Grabar)




Geister gegen Krebs

Forscher aus Israel und den USA wollen mit Nanotechnik Tumore besiegen

Zwei völlig unterschiedliche Tumorarten, ein neuer Therapieansatz – auf diese Formel lässt sich ein neues transatlantisches Forschungsprojekt bringen, das Wissenschaftler des renommierten Technion in Haifa gemeinsam mit ihren Kollegen des New York University Langone Medical Center nun auf den Weg gebracht haben. Im Visier: maligne Melanome, die wohl bösartigste Form von Hautkrebs, sowie Mesotheliome, eher seltene Tumore, die vor allem das Schutzgewebe innerer Organe angreifen und durch den Kontakt mit Asbest oder anderen toxischen Materialien hervorgerufen werden.
Das Ziel der Wissenschaftler: die Nanotechnologie zu einer wirksamen Waffe im Kampf gegen diese tödlichen Krankheiten zu machen. Winzige Partikel sollen ganz gezielt Wirkstoffe in Tumore einschleusen, Krebszellen den Garaus bereiten und dabei gesundes Gewebe schonen. Auf diese Weise will man weg von der klassischen Chemotherapie, die aufgrund ihrer schweren Nebenwirkungen von allen Patienten zu Recht gefürchtet wird.
Die Nanoteilchen selbst bestehen nur aus ein paar Atomen und sind etwa 1000-mal kleiner als ein rotes Blutkörperchen, weshalb sie sich als Wirkstoffträger geradezu anbieten. Sie heißen in der Fachsprache daher auch Nanofrachter oder, wie die Wissenschaftler aus Israel und den Vereinigten Staaten ihre Entwicklung nennen, »Nanogeister«, weil sie für das Immunsystem nahezu unsichtbar sind.
»In einer ersten Versuchsreihe haben wir Stammzellen von ihren eigentlichen Inhalten gereinigt und einen Teil der äußeren Membran in eine Art Vehikel umgeformt, sodass sie in der Lage waren, Medikamente zu transportieren«, erläutert Marcelle Machluf, Leiterin des »Laboratory for Cancer Drug Delivery & Cell Based Technologies« am Technion, das Prinzip dahinter. »Wir leihen uns diese quasi aus, um einen direkten Zugang zu den Krebszellen zu erhalten.« Als Membranfragment der ursprünglichen Stammzelle schaffen es die eifrigen Nanogeister sogar, die berüchtigte Blut-Hirn-Schranke zu passieren, an der die meisten Wirkstoffe üblicherweise scheitern. »Dadurch wird die Behandlung von Gehirntumoren einfacher und sicherer als mit vielen konventionellen Verfahren.«
Ihre Fracht ist dabei eine sogenannte microRNA, also eine nichtkodierende Ribonukleinsäure, die eine wichtige Rolle in dem komplexen Netzwerk der Genregulation spielt und sozusagen das Feintuning übernimmt, wenn es darum geht, die Umwandlung der Gene in Proteine zu blockieren. Damit hatten die New Yorker bereits Erfahrungen gesammelt, und zwar beim Ausbremsen genau der Gene, die für das Wachstum maligner Melanome verantwortlich sind. Die Wissenschaftler aus Haifa hingegen können auf Grundlagenforschung im Bereich Mesotheliome schon aus dem Jahr 2004 aufbauen. »Damals identifizierten wir das Enzym Heparanase«, erinnert sich Israel Vlodavsky von der »Ruth and Bruce Rappaport Faculty of Medicine« am Technion. »Dieses Enzym ist mitverantwortlich für zahlreiche biologische Prozesse wie zum Beispiel die Bildung von Metastasen.«
Theorie Nun will man die Erfahrungen der israelischen und amerikanischen Teams bündeln. Eine erste Theorie wurde bereits gemeinsam entwickelt, und zwar die, dass das von den Krebszellen produzierte Enzym Heparanase wohl eine Art Teufelskreis auslöst, in dem sich Entzündung und Tumorwachstum gegenseitig hochschaukeln. »In der Vergangenheit konnten wir beobachten, dass Patienten mit einem hohen Heparanase-Level nach chirurgischen Eingriffen eine deutlich geringere Überlebensrate aufwiesen als andere.« Dieses Problem wollen die Mediziner angehen. In ersten Experimenten an Mäusen möchte man jetzt herausfinden, was die kleinen Nanogeister noch so alles transportieren können, um den bösartigen Tumoren das Handwerk zu legen.
Möglich wurde die Forschungskollaboration durch Spenden in Höhe von neun Millionen Dollar, die der amerikanisch-israelische Geschäftsmann Isaac Perlmutter, Herrscher über das Marvel-Comic-Imperium sowie Eigentümer der Remington-Rasierer, gemeinsam mit seiner Frau Laura den beiden Forschungseinrichtungen zur Verfügung gestellt hat. »Unsere Zusammenarbeit ist wohl der erste Versuch, Heparanase als Risikofaktor bei den Tumoren im Schutzgewebe der Organe in den Mittelpunkt zu rücken und auf Basis von Nanotechnologie neue und vielversprechende Therapieansätze bei der Behandlung von Mesotheliomen zu entwickeln«, bringt es Israel Vlodavsky auf den Punkt.
Asbest Dass diese Krebsform im jüdischen Staat häufiger vorkommt als anderswo, belegen einige erschreckende Statistiken. In der Region rund um Naharija im Norden des Landes stiegen die Zahlen in jüngster Vergangenheit massiv an. Zählte man Anfang des neuen Jahrtausends noch 3,6 Tote auf 100.000 Einwohner, so waren es 2009 bereits 5,9 daran Verstorbene – eine der höchsten Quoten weltweit, Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: In Tel Aviv sind es nur 0,6 Personen auf 100.000 Einwohner. »Offensichtlich existiert ein Zusammenhang mit einer 1997 geschlossenen Asbestfabrik bei Naharija«, glaubt Micha Bar-Hana, verantwortlich für die Erfassung von Krebsfällen im Gesundheitsministerium. »Diese Karzinom-Variante ist deshalb so heimtückisch, weil sie bei den Betroffenen mitunter erst Jahrzehnte nach dem Kontakt mit dem giftigen Asbest auftritt.«
Viele der registrierten Fälle seien als Arbeiter genau in jener Produktionsanlage beschäftigt gewesen. Und Avi Weiner, Fachmann für berufsbedingte Erkrankungen am Rambam-Krankenhaus in Haifa, ist überzeugt, dass sogar einige Frauen durch die Berührung mit der asbestverseuchten Kleidung ihrer Männer erkrankten. Für sie dürften die Ergebnisse der israelischen und amerikanischen Forscher daher wohl besonders wichtig werden.

(Jüdische Allgemeine, 12.5.16, Ralf Balke)

 

 

Meilenstein in der Krebs-Ursachen-Forschung durch CTK-Tumor-Chirurgen

Dem Tumor-Chirurgen und -Forscher Professor Dr. Björn Brücher aus der Chirurgischen Klinik des Carl-Thiem-Klinikums Cottbus ist gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Dr. Ijaz Jamall aus Sacramento, Kalifornien, ein Meilenstein in der Krebs-Ursachen-Forschung gelungen.

Beide Tumorforscher erarbeiteten 2014 in den USA wegweisende Arbeiten in der Tumor-Forschung mit einer neuen revolutionären Krebs-Hypothese. Jetzt legten Brücher und Jamall eine Arbeit nach, die nach unabhängiger Begutachtung (sogenannter Peer-Review-Prozess) in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Cellular Physiology and Biochemistry“ erschien.

Zum Inhalt:

Die Krebs-Ursache ist vorwiegend unbekannt. Nur etwa 20 Prozent wurden bisher ursächlich bewiesen:

1. Fünf bis zehn Prozent entstehen durch Veränderungen des Erbgutes (Mutationen).

2. In ca. 15 Prozent entsteht Krebs durch Infektionen.

3. Aber: Die Mehrheit von Tumoren (80 Prozent) sind sporadisch – und dies bedeutet „unbekannte Ursache“.

Dazu erklärt Prof. Brücher: „Wesentlich war uns das Verstehen – nicht das Verfassen – einer neuen Krebs-Theorie. Richtige Beobachtungen zu Mutationen wurden jahrzehntelang in der Hinsicht falsch interpretiert, als wären diese für die Entstehung des Krebses hauptverantwortlich. Das wäre vergleichbar, als wenn jemand einen Apfel in einem Auto findet und fälschlicherweise annehmen würde, Äpfel wachsen in Autos. Krebs entsteht durch mehrere Schritte und Mutationen treten vorwiegend auf, nachdem die eigentliche Krebszelle entstanden ist. Die jetzige Arbeit untermauert dies und erklärt damit die Krebs-Hypothese für diese 80 Prozent sporadischen Krebsformen.“

Die jetzt erschienene wissenschaftliche Arbeit vereint in sich Physiologie und Biochemie der Biologie, Humanmedizin und Botanik – zusammen Zell-Kommunikations-Forschung, wie auch Labor-Experimente und klinische Studien. Sie liefert eine hohe Evidenz der aus sechs Sequenzen bestehenden neuen Krebs-Hypothese.

Beide Tumorforscher arbeiten eng zusammen in der international ausgerichteten Theodor-Billroth-Akademie, die neue Wege in Aus- und Weiterbildung und vor allem auch in der Forschung geht.

(7.5.16, Brücher BLDM, Jamall JS (2016): Somatic Mutation Theory: Why it’s Wrong for Most Cancers. Cell Physiol Biochem 38: 1-18)

 


Neue Entdeckung im Kampf gegen Krebs:
Tumorzellen stellen Betrieb um

Tumorzellen, denen mit Medikamenten der Sauerstoff abgedreht wird, stellen ihren Stoffwechsel mittelfristig um – sie wechseln auf eine Energiegewinnung ohne Sauerstoff. Diese Beobachtung von Biomedizinern von Universität und Universitätsspital Basel lässt sich für Therapien nutzbar machen, die das Tumorwachstum langfristig hemmen können, wie die Forscher in der neusten Ausgabe des Fachblatts «Cell Reports» berichten.

Neue Wege im Kampf gegen Krebs sind daher gefragt. Es ist heute allgemein bekannt, dass sich die Krankheit in einer Reihe von Stufen entwickelt. Eine davon, die Tumorangiogenese, besteht in der Bildung neuer Blutgefässe zur Versorgung des wachsenden Tumors mit Sauerstoff und Nährstoffen.

Das Verständnis der Grundlagen der Krebsentstehung hat dazu geführt, dass immer gezieltere Angriffstechniken entwickelt wurden: Medikamente können heute gleichzeitig mehrere Signalwege hemmen, welche die Tumorangiogenese regulieren.

Deren molekulare Aufklärung hat die routinemässige Anwendung bestimmter Therapien in der Klinik möglich gemacht: So kann die Blutgefässversorgung der Tumore mit der sogenannten anti-angiogenen Therapie gezielt verhindert werden.

Diese zeigt zwar meist einen vorübergehenden Erfolg, indem das Tumorwachstum für eine gewisse Zeit gebremst oder sogar ganz unterbunden wird. Die Tumore werden aber im Lauf der Behandlung resistent gegen diese Therapien – und sie beginnen wieder zu wachsen.

«Unerwartete Beobachtung»

Nun hat die Forschungsgruppe um Prof. Gerhard Christofori vom Departement Biomedizin der Universität und des Universitätsspitals Basel gezeigt, dass die neuesten Medikamente die Blutgefässbildung zwar effizient verhindern. Aber die Tumore können auch ohne neue Blutgefässversorgung weiter wachsen – eine unerwartete Beobachtung, wie die Forscher schreiben.

Die biochemische und molekulargenetische Aufarbeitung des Befunds zeigte, dass die Tumorzellen ihren Stoffwechsel umstellen: Sie verwenden zur Energiegewinnung nicht mehr den Sauerstoff, der über die Blutgefässe geliefert wird – sondern sie wechseln zu einer sauerstofffreien Energiegewinnung, der Glykolyse. Die dabei entstehende Milchsäure wird an die Zellen abgegeben, die noch genügend Sauerstoff erhalten und die Milchsäure mit dem Sauerstoff zur Energiegewinnung nutzen können.

Neue Therapien möglich

Die Arbeitsgruppe zeigte weiter, dass diese bestimmte Art des Stoffwechsels – und damit das Tumorwachstum – unterbrochen werden kann: nämlich indem die sauerstofffreie Energiegewinnung oder der Transport der Milchsäure gehemmt wird. «Unsere Erkenntnisse öffnen neue Wege, anti-angiogene Therapien zu optimieren und das Tumorwachstum effizient und langfristig zu hemmen», kommentiert Mitautor Christofori die Ergebnisse der Gruppe.

Originalbeitrag: Laura Pisarsky, Ruben Bill, Ernesta Fagiani, Sarah Dimeloe, Ryan William Goosen, Jörg Hagmann, Christoph Hess, and Gerhard Christofori

Targeting Metabolic Symbiosis to Overcome Resistance to Anti-angiogenic Therapy

Cell Reports (2016)

Weitere Auskünfte: Prof. Dr. Gerhard Christofori, Departement Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel, Tel. +41 61 267 35 62, E-Mail : gerhard.christofori@unibas.ch

(innovations-report.de, 29.4.16)

 

 

 

Darmbakterium als Auslöser von Krebs

Innsbrucker Forschern ist es gelungen, ein Darmbakterium als Auslöser von Krebs zu entlarven. Der Keim „Alistipes“ könne Dickdarmkrebs verursachen. Außerdem konnten sie zeigen, dass ein bestimmtes Protein vor der Entstehung von Darmtumoren schützt.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat Gastroenterologen Herbert Tilg von der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen können, dass Mäuse, denen das antientzündliche Zytokin IL-10 sowie auch das Protein LCN2 fehle, eine schwerwiegendere Entzündung und nach einer gewissen Zeit auch Tumoren entwickeln würden. Mit der Gabe von Antibiotika hätten die Tiere jedoch keine Tumoren und nur eine milde Entzündung entwickelt.

„Die Sequenzierung der Darmmikroorganismen und die Schaffung einer Bakterienkultur führte uns zu einem Keim namens ‚Alistipes‘, der sich in unseren Versuchen als Auslöser von Dickdarmkrebs enttarnen ließ“, erklärte Gerner. Nachdem in ersten klinischen Untersuchungen bei Dickdarmkrebspatienten bereits eine überdurchschnittliche Anhäufung von Alistipes-Bakterien nachgewiesen worden wäre, würden diese Ergebnisse nun auch den molekularbiologischen Zusammenhang belegen, hieß es seitens der Mediziner.

Neue Therapien

Zudem hätten die Forscher auch dem antimikrobiellen Protein LCN2 eine zentrale Rolle nachweisen können. Das von weißen Blutkörperchen gebildete Protein sei in der Lage, mit den Keimen des Darms zu kommunizieren. „Indem es eisenbindende Moleküle, sogenannte Siderophore, bindet, entzieht LCN2 den Bakterien das für ihr Wachstum nötige Eisen und dämmt so die krebsfördernde Entzündung ein“, sagte Moschen.

LCN2 habe also eine schützende Funktion in der Entstehung von intestinalen Entzündungen und Darmtumoren, die mit einer veränderten Mikrobiota in Zusammenhang stehen. Diese Erkenntnis könnte für die Entwicklung innovativer Therapien bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und damit assoziierten Dickdarmkrebs von besonderer Bedeutung sein.

(ORF 27.4.16, science.ORF.at/APA)

 

 

Ein Enzym macht Bauchspeicheldrüsenkrebs resistent gegen Therapie

Ein Enzym, das von Bauchspeicheldrüsenkrebs produziert wird, macht ihn resistent. Deshalb wirkt die Chemotherapie oft nicht. Dabei ist Bauchspeicheldrüsenkrebs besonders aggressiv.

Krebs in der Bauchspeicheldrüse führt oft sehr schnell zum Tod. Und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders gefährlich. Häufig liegt das daran, dass der Tumor spät entdeckt wurde und schon Metastasen gebildet hat. In so einem Fall kann der Krebs schlecht operiert werden. Außerdem spricht Bauchspeicheldrüsenkrebs häufig sehr schlecht auf die Behandlung mit einer Chemotherapie an, da die Tumore resistent sind.

Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und des Stammzellinstitut HI-STEM in Heidelberg haben nun herausgefunden, woran diese Medikamentenresistenz liegen könnte.

Enzym macht Bauchspiecheldrüsenkrebs reistent gegen Medikamente

In einer aktuellen Studie, die die Wissenschaftler im der Zeitschrift "Nature medicine" veröffentlichten, weisen die Forscher nach, dass die Tumore das Enzym CYP3A5 produzieren. Es macht sie gegen Chemotherapien resistent. "Die Pankreas-Tumorzellen machen sich diese Enzymkaskade zunutze und bauen damit Medikamente ab, bevor sie überhaupt wirken können", sagt die Erstautorin der Studie Elisa Noll. "So sind sie gegen viele derzeit verwendete Krebsmedikamente resistent."

In ihrer Forschung blockierten die Wissenschaftler das Enzym bei Mäusen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs - mit guten Ergebnissen: "Es ist uns bereits gelungen, das Enzym in den Tumorzellen und sogar in tumortragenden Mäusen gezielt zu blockieren, und die Zellen dadurch für die Medikamente wieder empfindlich zu machen. Wir hoffen nun, Substanzen zu finden, die wir auch beim Patienten einsetzen können", sagte Martin Sprick.

Enzym CYP3A5 macht Chemotherapie wirkungslos

Etwa 20 Prozent der Bauchspeicheldrüsentumore sind von Anfang an resistent gegen Chemotherapie. Bei vielen anderen könne eine Resistenz erst im Laufe der Zeit hinzukommen, vermuten die Heidelberger Forscher. Darauf deuten verschiedene Untersuchungsergebnisse hin.  Auch andere Krebsarten wie etwa ein Magenkarzinom oder Leberkrebs bilden anscheinend das Enzym und machen sie gegen Chemotherapien resistent. Mit den neuen Erkenntnissen können die Therapie von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs vereinfacht werden.

(Augsburger Allgemeine, 27.2.16, hhc)

 


Neuer Therapieansatz: Krebs kontrollieren statt töten

Ein neuer und ungewöhnlicher Ansatz von Krebsforschern aus den USA könnte den Kampf gegen Krebs verändern. Ihnen zufolge könnte es erfolgversprechender sein, das Krebswachstum zu kontrollieren, statt sich die vollständige Entfernung des Tumors als Ziel zu setzten.

Bei der konventionellen Chemotherapie würden Krebspatienten häufig der höchstmöglichen Dosis ausgesetzt, um die größtmögliche Zahl an Krebszellen zu vernichten, erläutert Pedro Enriquez-Navas vom H. Lee Moffitt Cancer Center and Research Institute in Tampa. Mit dieser Herangehensweise zerstöre man alle gegen den Wirkstoff empfindlichen Tumorzellen. Übrig blieben nur die resistenten, die dann zu unkontrolliertem Tumorwachstum führten. Der neue Behandlungsansatz setzt dagegen auf häufige, dafür niedrigere Dosen. Ziel dieser Therapie ist es, den Tumor zu stabilisieren: Nicht alle Tumorzellen werden ausgelöscht, sondern bewusst eine kleine Menge übrig gelassen, die auf das entsprechende Medikament reagieren. Damit lasse sich das Wachstum resistenter Zellen unterdrücken, so die Forscher im Fachblatt Science Translational Medicine.

In einem Versuch mit Mäusen testeten die Forscher ihren Ansatz im Hinblick auf Brustkrebs. Mit Erfolg: Unter einer Standard-Chemotherapie schrumpfte der Brusttumor zwar. Er kam jedoch zurück, sobald die Therapie abgesetzt wurde. Im Gegensatz dazu ließ sich das Tumorwachstum durch die neue Therapie erfolgreicher kontrollieren. Diese startete mit einer hohen Dosis des Krebsmedikaments, die dann nach und nach reduziert wurde, wenn der Tumor schrumpfte. Tatsächlich hätten sogar zwischen 60 und 80 Prozent der Mäuse nach einer Zeit vollständig ohne das Medikament auskommen können, ohne dass es über einen längeren Zeitraum zu einem erneuten Auftreten der Krankheit gekommen sei, so die Forscher.

(aponet, 26.2.16, HH)

 

 

Doktorarbeit

Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Krebs

Die Doktorandin Maria Bräutigam könnte die Basis für weitere Fortschritte in der Krebstherapie gelegt haben.

Leverkusen. Es gäbe noch viel zu tun. „Eine weitere Doktorarbeit gibt das Thema locker her“, sagt Nicole Teusch. Sodann müssten in Labors weitere Erkenntnisse gesammelt werden. Doch dann stehen die Chancen gar nicht so schlecht, dass ihre Doktorandin Maria Bräutigam die Basis gelegt hat für Fortschritte in der Krebstherapie. Auch wenn es längst nicht so weit ist.

Jetzt sitzt Teusch, Professorin für Bio-Pharmazeutische Chemie an der Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften, mit ihrer frisch gekürten Frau Doktor an einem Tisch in der Cafeteria der Hochschul-Heimstatt im Chempark. Der Raum ist eher ein Saal, liegt im fünften Stock, ist hell, die Aussicht weit. Zumindest nicht schlecht dürften auch die Aussichten sein, dass Maria Bräutigams Erkenntnisse im Kampf gegen Krebs weiterhelfen. Weniger der Krebsforschung als der Krebstherapie. Die leidet bei allen Fortschritten in den vergangenen Jahrzehnten unter einem unschönen Phänomen: Einige Medikamente, die klassischerweise in der Chemotherapie bei Brust- oder Lungenkrebs eingesetzt werden, entfalten ihre Wirkung nicht oder kaum. Der Grund: Die Tumore werden resistent. Dieser Widerstand gegen die Arzneien äußert sich in einem erhöhten Stoffwechsel des Tumors – die Wirkstoffe werden schnell wieder abgestoßen, wirken also nur kurz.

Warum ist das so? Diese Frage stand am Anfang der Versuche von Maria Bräutigam. Dreieinhalb Jahre konnte die Pharmazeutin im Rahmen eines Graduierten-Kollegs am Campus Leverkusen, an der Uni und der Uniklinik in Köln die Ursache forschen. Bezahlt wurde das von Bayer In dieser Zeit fand sie ein Gegenmittel. Genauer: „Ich habe versucht, den Metabolismus des Tumors zu hemmen.“

Dafür musste sie zunächst wissen, warum der Wirkstoff so schnell wieder abgestoßen wird. Die Antwort: „Es liegt an körpereigenen Enzymen“, berichtet Bräutigam: der Familie der Gluthation-S-Transferasen, kurz GST. Aus dieser Gruppe hat sie sich einen Typ ausgesucht und unters Mikroskop genommen – GSTP1.

Spätestens ab da wurde es richtig spannend. Als Hemmer für den Tumor-Stoffwechsel wählte sie einen Naturstoff: Artemisinin findet man im einjährigen Beifuß. Die Substanz wird sonst „gegen Malaria eingesetzt“, erklärt sie. Bräutigam brauchte das Artemisinin als Ausgangssubstanz, um einen Hemmstoff zu bauen: gegen die Wirkung des natürlichen „Tumor-Entgiftungsförderers“ GSTP1. Sie fand ihn in 1,2, 4-Trioxanen.

Ob er wirkt, testete die Doktorandin in den Leverkusener Laboren, die nach ihren Erfahrungen „super ausgestattet“ sind. Ihre Betreuerin hört's gerne: „Wir streben Industrie-Standard an“, sagt Nicole Teusch. Wo der liegt, weiß die Professorin genau. Bevor sie 2011 an die Hochschule kam, hat sie unter anderem in Bayers Pharmaforschung gearbeitet. Die neuen Geräte halfen Maria Bräutigam bei ihren aufwendigen Tests. An 15 Arten von Krebszellen beobachtete sie, ob ihr 1,2,4-Trioxan-Typ so gut als Hemmstoff wirkt, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Nachdem das bei zehn Krebszellarten so war, ging die Doktorandin weiter. An einem gängigen Brustkrebs-Zelltyp und einer aggressiven Lungenkrebs-Zelllinie testete sie die Wirkung. Das Ergebnis: Ihr Hemmstoff wirkt viel zielgenauer auf die Krebszelle ein. Der Effekt liegt auf der Hand: weniger Nebenwirkungen.

P.S.: Maria Bräutigams Note ist summa cum laude.

(Leverkusener Anzeiger, 28.2.16, Thomas Käding)

 

 

Zweitmeinung

Auswirkung auf jede sechste Krebs-Therapie

Eine Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung ist in der Onkologie nicht selten: Laut Zweitmeinungsplattformen gibt es in 40 Prozent der Fälle Differenzen. Bei jedem Sechsten wirkt sich das auch auf die Therapie aus.

BERLIN. Die Einholung einer Zweitmeinung sichert Patienten eine leitliniengerechte Therapie. Darauf deuten Erfahrungen von Zweitmeinungsplattformen in der Onkologie hin: Nach der Überprüfung durch Kollegen wird demnach jede sechste Behandlung geändert.

Seit zehn Jahren gibt es das Internetportal "Zweitmeinung Hodentumor" der Deutschen Hodentumor Studiengruppe. Entstanden ist das Projekt aus der Erkenntnis heraus, dass in Deutschland in vielen Krankenhäusern der "Erfahrungsschatz fehlt, den man braucht, um Patienten mit Hodentumor zu behandeln", sagte Professor Mark Schrader, Projektleiter der Studiengruppe, am Mittwoch auf dem Deutschen Krebskongress.

Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung in 40 Prozent

 Zudem zeigte schon das "Zweitmeinungsprojekt Keimzelltumoren", dass eine gemeinsam mit Zweitmeinungszentren vorgenommene Therapieplanung zu einer signifikanten Verbesserung der Behandlung führt.

4500 Zweitmeinungen wurden bis dato auf der Internetplattform eingeholt. Ärzte können über diese klinischen Primärdaten und auch ihre Therapieempfehlungen an die beteiligten Zweitmeinungszentren melden, diese geben daraufhin eine Behandlungsempfehlung ab. In 40 Prozent der Fälle, so Schrader, gebe es zwischen der Erst- und Zweitmeinung eine Diskrepanz.

"Jede sechste Zweitmeinung führt zu einer relevanten Therapieänderung", berichtete Schrader. Das liege daran, dass die Erstmeinung nicht leitlinienkonform war.

Ähnliche Ergebnisse präsentierte Udo Beckenbauer von der Health Management Online AG (HMO), die seit zwei Jahren für Krankenkassen und private Krankenversicherer eine Zweitmeinungsplattform anbietet, über die Versicherte die empfohlene Krebs-Therapie überprüfen lassen können. Das Portal arbeitet mit 32 Tumorzentren zusammen, 23 davon seien zertifiziert, so Beckenbauer.

Auswertungen zufolge bestätigten 57 Prozent der bisher 1400 eingeholten Zweitmeinungen die eingeschlageneTherapie. In 17 Prozent der Fälle weiche die eingeholte Expertise aber von der Erstmeinung ab, sagte Beckenbauer.

Wichtig für Bewältigung des "Lebensschocks"

Eine Zweitmeinung einzuholen, sei für die meisten Krebspatienten bei der Bewältigung des "Lebensschocks" wichtig. 63 Prozent der HMO-Portalnutzer wollten eine weitere Expertise, weil sie unsicher seien, ob die ihnen angebotene Therapie optimal ist. "20 Prozent der Patienten benötigen einfach eine Entscheidungshilfe", so Beckenbauer.

Auf den Nutzen von Zweitmeinungsverfahren, Patienten bei der Therapieentscheidung zu unter-stützten, wies Professorin Rita Katharina Schmutzler vom Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Universität Köln hin.

 Bei der prophylaktischen Mastektomie sei die Einholung einer Zweitmeinung "wirklich wichtig". "Wir müssen Frauen helfen bei der Frage, ob und wann eine prophylaktische Op vorgenommen wird."

Professor Peter Albers, Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft, verwies auf die über 900 zertifizierten Organkrebszentren in Deutschland. Würden diese intensiver und stärker als bisher genutzt, sei im Bereich Onkologie kein Zweitmeinungsverfahren nötig.

(Ärzte Zeitung, 24.02.2016, Julia Frisch)

 

 

Experte: Präzisionsmedizin eröffnet neue Wege in Krebs-Behandlung

Mit Hilfe der sogenannten Präzisionsmedizin schlagen Krebsforscher neue Wege bei der Bekämpfung der Krankheit ein. In der am 20.2. erschienenen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Focus" verspricht der US-Forscher Todd Golub, Leiter des Krebsprogramms am Broad-Institut, wichtige Schritte auf dem Weg zur "kompletten" Heilung durch die Molekularmedizin.

Grundlage sei die fortschreitende Entschlüsselung jener Gene, die die Entwicklung von Tumoren bestimmen. Auf deren Basis "werden wir eine neue Einteilung von Tumoren erstellen", so Golub in dem Interview. Man werde Krebs "nicht mehr nach Organen klassifizieren", stattdessen sei "der molekulare Mechanismus der Tumorbildung entscheidend". Für schwarzen Hautkrebs beispielsweise liege bereits ein Medikament vor, das auf jene Krebs-Mutation, die bei der Hälfte der Melanome eine Rolle spielen, ziele und "bei den meisten Patienten den Tumor dramatisch zum Schrumpfen brachte".

Heutige Chemotherapeutika seien nach Golubs Ansicht eher "Cocktails voller Gift". Es sei "erstaunlich, dass sie überhaupt wirken", so der Forscher, dessen Institut sowohl der Harvard-Universität als auch dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston angegliedert ist. Auch auf dem Gebiet der Ursachen-Forschung und damit der Früherkennung von Krebs spielt die Genetik eine wachsende Rolle, berichtet der "Focus". Derzeit seien etwa 120 Krebs-Gene bekannt, zitiert das Magazin den Humangenetiker Stefan Aretz, Leiter des Zentrums für erbliche Tumorerkrankungen der Universität Bonn.

Die Medizin nehme an, dass "drei bis fünf Prozent der Tumor-Erkrankungen durch erblich bedingte Mutationen ausgelöst werden", so Aretz.

(dts Nachrichtenagentur, 19.2.16)

 

 

Mit Viren gegen Krebs

Das menschliche Erbgut besteht aus einer Vielzahl von Genen. Darunter befinden sich auch Fremdgene: So wurden im Laufe der Evolution Gene von Viren integriert, von denen die meisten aber inaktiv sind. Werden sie jedoch aktiviert, können sie das menschliche Immunsystem stimulieren – und so bei der Behandlung gegen Krebs helfen. Das haben Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) zusammen mit Kollegen aus den USA nachgewiesen, berichtet die FAU.

Eine wichtige Rolle spielen dabei sog. DNA-Methylierungs-Hemmstoffe (DMI), die in Tumorzellen eine Vielzahl von Genen des Immunsystems stimulieren und so zur Bekämpfung des Tumors beitragen. In ihrem Projekt haben die Forscher Eierstockkrebszellen mit DMI behandelt und festgestellt: Durch die DMI wurden Gene aktiviert, die zur Bildung von Proteinen mit antitumoraler Wirkung – sog. Interferone – führten und damit schließlich zum Tod der Krebszellen. Die Viren stimulieren also die Immunabwehr. Diese Funktionsweise konnten die Wissenschaftler auch in anderen Krebserkrankungen der Lunge, Haut und Brust nachweisen, so die FAU.

(Quelle: Befund Krebs 5/2015, curado, 10.02.16)

 

  

Neues Krebsjournal erscheint als Open-Access-Publikation

Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie gibt "ESMO Open – Cancer Horizons" heraus

Wien/Lugano – Mit "ESMO Open – Cancer Horizons" ist am Dienstag erstmals das neue Open-Access-Journal der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) im Internet erschienen. Chefredakteur ist der Wiener Onkologe Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center in Wien (Med-Uni/AKH).

Das wissenschaftliche Journal soll hochwertige medizinische Forschungs- und Lehrinhalte aus allen Onkologie-Disziplinen veröffentlichen, mit dem Schwerpunkt innovativer klinischer Studien und von Forschungsprojekten, die sich auf die schnelle Umsetzung von theoretischen Erkenntnissen zu Krebserkrankungen in die Behandlung von Patienten konzentrieren. Das Online-Fachmagazin in Kooperation mit dem "Britisch Medical Journal" soll die herkömmliche ESMO-Fachzeitschrift "Annals of Oncology" ergänzen und folgt deren Qualitätskriterien.

"Es handelt sich um ein frei zugängliches wissenschaftliches Journal, das nur online publiziert wird. Es bietet alle Möglichkeiten des Internet, wie zum Beispiel auch Podcasts und Video-Konferenzen", sagte Zielinski zum Start des Projekts. Die besten Experten der ESMO würden mitarbeiten. Besonderen Raum wolle man den Arbeiten junger Onkologen bieten.

(derStandard/Wien, 19.1.16, APA)

 
 

 

Warum sich Krebs so schnell nicht besiegen lässt

In den USA rufen Politiker wieder einmal den Kampf gegen den Krebs aus. Realistisch sind ihre Versprechungen kaum - sie verkennen das Wesen bösartiger Tumore.

Anfangs litt er nur unter Kopfschmerzen und Benommenheit. Die Ärzte vermuteten einen leichten Schlaganfall. Ungewöhnlich für einen 41-Jährigen, kommt aber vor. Drei Jahre später musste der Mann mit ähnlichen Beschwerden wieder ins Krankenhaus. Diesmal diagnostizierten die Ärzte einen bösartigen Hirntumor. Im Mai 2015 ist Beau Biden seinem Krebsleiden erlegen, er wurde gerade mal 46 Jahre alt.

Die Trauer und der Schmerz über den Verlust seines Sohnes mögen dazu beigetragen haben, dass Joe Biden dem Krebs entschiedener denn je den Kampf angesagt hat. Der Vizepräsident der USA forderte kürzlich "eine nationale Anstrengung, um den Krebs, so wie wir ihn kennen, zu besiegen". In Verhandlungen mit den Kongressführern der Republikaner hat Biden durchgesetzt, dass der Etat für das National Cancer Institute, das zentrale Krebsforschungsinstitut der USA, um 264 Millionen Dollar erhöht wird. "Das ist die größte Unterstützung, die unsere Krebsforscher innerhalb der letzten Dekade bekommen haben", sagte Präsident Obama gerade in seiner Rede zur Lage der Nation.

Das rhetorische Arsenal im Kampf gegen den Krebs wird gewaltig aufgerüstet. Wieder mal. Joe Biden sagt, dass "Amerika Krebs heilen kann", wenn es einen "neuen Raketenstart" (new moonshot) hinlegt. Die Leitung des Kontrollzentrums übertrug Obama in seiner State-of-the-Union-Rede Joe Biden. Und unter großem Applaus fügte der Präsident hinzu: "Für unsere Liebsten, die wir verloren haben, und für die Familien, die wir retten können - lasst uns Amerika zu dem Land machen, das den Krebs ein für allemal besiegt."

Starke Worte und wirkmächtige Bilder aus Kriegsrhetorik und Raumfahrt - schon steigt der Etat

Starke Worte statt Demut. Für große Ankündigungen braucht es gute Geschichten und wirkmächtige Bilder. Das war schon beim "Krieg gegen den Krebs" so, den Richard Nixon im Jahre 1971 unter Anspielung auf die Eroberung des Weltraums und den Ausbau von Kernenergie und Nuklearstreitkräften ausrief. Innerhalb von 25 Jahren sollte ein Heilmittel gegen Krebs gefunden werden, so die Ankündigung des Präsidenten damals. Ähnliche Anstrengungen wie "zur Spaltung des Atoms und zur Landung auf dem Mond" forderte Nixon von den Krebsforschern, auf dass die USA "nicht nur die reichste, sondern auch die gesündeste Nation der Welt" würden.

Sogleich wurde das Budget für das National Cancer Institute um 100 Millionen Dollar erhöht, doch bekanntlich ist das Vorhaben einer kompletten Heilung von Krebs gescheitert, auch wenn viele kleine Erfolge dazu beigetragen haben, dass sich die Überlebenszeit mit etlichen Tumoren verlängert hat und besonders kindliche Leukämien und Hodenkrebs erfreuliche Heilungsraten aufweisen. Aber insgesamt, man kann das so deutlich sagen, ist Krebs längst nicht besiegt. Man wünscht den Appellen von Obama und Biden zwar schnellsten Erfolg. Realistisch sind sie aber nicht. Im Gegenteil, derartige Ankündigungen führen in die Irre. Sie verkennen schlicht das Wesen des Krebses.

Krebs ist nicht eine Krankheit, Krebs ist ganz viele. Klar, auch Diabetes und Herzinfarkt können sich bei jedem Menschen auf unterschiedliche Weise äußern. Aber das ist hier nicht gemeint. Krebs ist strukturell bei jedem anders. Bösartige Tumore können in all den Hunderten Geweben und Organbestandteilen wuchern, aus denen der Körper besteht. Jede Zelle kann entarten und ist damit potenzieller Ausgangspunkt für einen Tumor.

Wie oft wurde dem Krebs schon das Ende prophezeit? Demut wäre angebrachter als Kraftmeierei

Auf Basis dieser unterschiedlichen zellulären Grundlagen entwickelt sich jeder Krebs zudem anders im Körper. Der eine Krebsherd wächst, die Tumorzellen entdifferenzieren sich immer weiter, und bald bildet er Absiedlungen überall im Körper. Der andere Krebs stellt sein Wachstum ein, bleibt differenziert und lokal begrenzt. Die Ursachen für diesen eigenwilligen Verlauf haben Forscher längst noch nicht verstanden, und es gibt sie sogar bei Krebsformen vom gleichen Gewebetyp.

Aus diesem Grund kann auch kein Arzt seriöserweise sagen, wie lange ein Mensch mit Magen-, Darm- oder Brustkrebs noch leben wird. Der eine wird geheilt oder der Tumor zumindest so weit zurückgedrängt, dass der Tod erst mit 85 Jahren - und dann zumeist aus anderen Gründen - eintritt. Der andere lebt nach der Diagnose keine zwei Jahre und muss mit Ende 30 von dieser Welt abtreten.

Vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, die Heilung von Krebs insgesamt auch nur in Aussicht zu stellen. "Krebs ist weitaus komplexer, als wir uns das in den 1970er-Jahren vorstellen konnten", sagt José Baselga, Präsident der Amerikanischen Gesellschaft für Krebsforschung. "Auch wenn wir jetzt einen Plan haben und in einer Situation sind, in der wir wirklich etwas ändern können."

Seit wenigen Jahren versuchen Ärzte, Krebs gezielter zu attackieren, als es mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft möglich war. Mutationen werden unschädlich gemacht, Krebszellen mithilfe von Immuntherapien als Zielscheibe für das körpereigene Abwehrsystem markiert und vernichtet. In der Theorie sind diese Behandlungsformen bestechend, im Labor zeitigen sie Erfolge - in der Praxis folgt jedoch oft Ernüchterung.

Die überteuerten Therapien, bei denen ein Zyklus bis zu 50 000 Euro kosten kann, werden von vielen Patienten nicht vertragen. Bei anderen verlängert sich die Überlebenszeit um vier oder sechs Wochen, aber auf Kosten schwerster Nebenwirkungen. "Das sind spannende Zeiten mit interessanten Neuentwicklungen", sagt der erfahrene Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. "Aber ob daraus wirklich ein Nutzen für die Patienten erwächst, können wir frühestens in fünf bis zehn Jahren erahnen."

Wie wichtig Krebsvorsorge ist

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 500.000 Menschen neu an Krebs. Bedingt durch die Überalterung der Gesellschaft wird diese Zahl in Zukunft noch steigen. Wie sinnvoll Vorsorge-Untersuchungen sind und warum die Zahl der Todesfälle rückläufig ist.

Zeitangaben mit der Aussicht auf Heilung sind daher heikel. 2003 erklärte der damalige Leiter des National Cancer Institute, Andrew von Eschenbach, dass es sein Ziel sei, "Leiden und Tod durch Krebs bis zum Jahr 2015 zu eliminieren". In einer Anhörung fragte ihn der Politiker Arlen Specter, was es brauche, um den Zeitpunkt der Heilung früher zu erreichen. 600 Millionen Dollar im Jahr, antwortete Eschenbach. "Mit 600 Millionen im Jahr können Sie das Datum von 2015 auf 2010 vorverlegen?", fragte Specter. "Ja, Sir", antwortete Eschenbach. Specter starb 2012 an Krebs.

(SZ, 14.1.16, Werner Bartens)

 

 

Forscher entwickeln revolutionäre Krebs-Behandlung, die Tumore automatisch aufspürt

Manchmal kommt es einfach auf die richtige Verpackung an. Nanotechnologen der University of North Carolina at Chapel Hill wollen nun die Krebstherapie revolutioniert haben, indem sie Medikamente in Behälter steckten, welche die Arznei direkt zum Tumor transportieren. Somit kann die Medikation einer starken Chemotherapie bis zu 50 mal geringer ausfallen.

Bei dem Medikament handelt es sich um Taxol, welches als Arzneistoff in der Chemotherapie eingesetzt wird, um verschiedene Krebsarten zu behandeln. Während einer normalen Chemotherapie hat der Patient in der Regel unter enormen Nebenwirkungen zu leiden, da durch die abwehrenden Reaktionen des Immunsystem gegen das Medikament oft der Einsatz hoher Dosierungen erforderlich ist. Übelkeit, Erbrechen, Erschöpfung, Schleimhautentzündungen, Blutbildveränderungen oder der typische Haarausfall treten auf.

Mit dem neuen „Transportsytem“, dessen Wirkstoffbehälter aus Stoffen, die aus dem eigenen Immunsystem des Patienten hergestellt werden, bestehen, sollen diese unangenehmen Nebeneffekte eingedämmt und die Krankheit gleichzeitig effizienter geheilt werden können.

Die neue Methode nennt sich exoPXT, und die Forscher der UNC Eshelman School of Pharmacy's Center for Nanotechnology in Drug Delivery wollen nun mit dem Einsatz von einer 50 mal geringeren Chemo-Medikation den Lungenkrebs besiegen. „Damit können wir Patienten nun vielleicht mit kleineren und gezielteren Dosierungen der starken Chemotherapie-Medikamente behandeln und trotzdem effektiver vorgehen, bei gleichzeitig schwächeren Nebenwirkungen“, so die Chemikerin Elena Batrakova in der Presseerklärung zur Studie.

Das Revolutionäre an der Therapie ist der Transport der Arzneimittel, bei dem die Chemiker sich winziger Exosome bedienen— Bläschen, welche aus dem Material der Zellmembran bestehen. Diese werden von lebenden Zellen nach außen entsorgt und treten in besonders großer Menge bei Blutplättchen und Tumorzellen auf. Da sie schädliche Zellen selbständig „diagnostizieren“ und diese bekämpfen können, lassen sich Exosome auch als Biomarker, also biologische Indikatoren für Krankheiten, nutzen.

„Indem wir die Exosome weißer Blutkörperchen verwenden, versehen wir die Medizin mit einem Tarnumhang, der sie vor dem Immunsystem verbirgt“, erklärt Batrakova. „Wir wissen nicht genau, wie das geschieht, aber die Exosome schwärmen zu den Krebszellen aus und umgehen dabei jeglichen Widerstand, der ihnen beim Transport der Arznei in die Quere kommen könnte.“

Bisher wurde diese Methode noch nicht am Menschen ausprobiert. Die Wissenschaftler begannen ihre Versuche, indem sie Exosome von Mäusen mit Taxol befüllten und diese zellulären Frachtcontainer in einer Petrischale mit Krebszellen aussetzten. Wie geplant spürten die Exosome dabei die Krebszellen automatisch auf und setzten die Medikation somit gezielt frei.

Nach dem Erfolg dieses Laborversuchs, testeten die Nanotechnologen exoPXT auch in Mäusen mit Lungenkrebs, der sich resistent gegen andere Medikamente entwickelt hatte. Dafür färbten sie die Exosome ein, um den Weg des Wirkstoffes genau verfolgen zu können—und siehe da, erstaunlicherweise, begaben sich die Exosome auf direktem Weg zu den Tumorzellen.

„Die exakte Vermessung des gesamten Tumors in den Lungen ist eine der größten Herausforderungen bei der Behandlung von Lungenkrebspatienten“, so Batrakova. „Unsere Ergebnisse zeigen wie wirkungsvoll Exosome für die Therapie und Diagnose eingesetzt werden können.“

(motherboard.vice.com, 18.1.16, Christine Kewitz)
 

 

Krebsentstehung:
Doch überschätzte Rolle des Zufalls bei Krebs?

Die Rolle unvermeidbarer Zufälle bei der Entstehung von Krebs bleibt umstritten. Und wie entscheidend ist der fatale Einfluss von Krebs auslösenden Schadstoffen wirklich?

Anfang dieses Jahres machten die Krebsforscher Bert Vogelstein und Cristian Tomasetti von der Johns Hopkins University mit einer Studie Schlagzeilen, mit der sie eine unterschätzte Ursache für die Entstehung von Krebs thematisierten: Pech. Ihrer Analyse zufolge spielen zufällige negative Mutationen rein quantitativ – bezogen auf alle Krebsarten – eine bedeutendere Rolle als etwa Risikofaktoren im Lebenswandel. Und dies auch, wenn der Einzelne natürlich mit einem ungesunden Lebenswandel – etwa Rauchen – und durch andere äußere schädliche Einflüssen sein Risiko für das Entstehen dieser Mutationen insgesamt deutlich erhöhen kann.

Nur diese letzte Schlussfolgerung unterstreichen nun Forscher um den Krebsforscher Yusuf Hannun von der Stony Brook University in New York. Sie hatten versucht zu berechnen, wie stark äußere Einflüsse tatsächlich einwirken – etwa der Umzug eines Patienten von einer gesunden Umgebung in eine, in der bekannte Krebs auslösende Umwelteinflüsse stärker wirken; oder eine stärkere oder schwächere durchschnittliche UV-Einstrahlung. Dabei beobachteten sie einen unerwarteten Effekt: Tatsächlich scheinen unterschiedliche Störeinflüsse in verschiedenen Geweben doch unterschiedlich schwer zu wirken – was einige der Schlussfolgerungen von Vogelstein und Tomasetti zum Teil entkräftet.

Denn diese hatten den Zufall als eine Hauptursache postuliert, weil sie eine auffällige Korrelation der Teilungs- und Krebsraten in 31 Geweben feststellen konnten. Sie vermuteten daher, dass sich die Stammzellen in den unterschiedlichen Organen nur unterschiedlich schnell teilen, aber eben nicht per se unterschiedlich häufig entarten, sondern statistisch gleich oft und zufällig. Dies muss angesichts der Daten von Hannun und Kollegen nun modifiziert werden: Tatsächlich scheinen unterschiedliche Krebs auslösende Faktoren doch auf unterschiedliche Stammzellen unterschiedlich schädlich zu wirken. Dies müsse einkalkuliert werden, meint Hannun: Der Einfluss des Zufalls ist daher doch geringer, der von mutagenen Umwelteinflüssen größer als gedacht.

Beide Forschergruppen streiten noch um Details ihrer Studien, berichtet "Nature News" – beide weisen aber immerhin übereinstimmend darauf hin, dass Prävention und das Vermeiden bekannter Krebsauslöser wichtig bleiben. Wie wichtig genau, wird wohl weiter diskutiert werden.

(Spektrum der Wissenschaft, 17.12.15, Jan Osterkamp © Spektrum.de)

 

 

UKSH geht neue Wege im Kampf gegen Krebs

Schnell, nebenwirkungsarm und spezifisch Tumore bekämpfen, um so die Therapie für die Tumorpatienten zu verbessern - daran arbeiten derzeit Ärzte und Forscher der Pathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck und des Leibniz-Forschungszentrums Borstel.

"Bisher hatte man bei Tumorerkrankungen meist nur sehr unspezifische Möglichkeiten: entweder wurde versucht den Tumor operativ zu entfernen, ihn zu bestrahlen oder eine Chemotherapie zu geben. Die Entscheidung, für diese Therapien beruhte im Wesentlichen auf dem Ergebnis der histologischen Untersuchung mit Hilfe des Mikroskops durch den Pathologen. Heutzutage untersuchen Pathologen Tumore nicht nur ausschließlich auf Basis ihres histologischen Erscheinungsbildes, sondern mittels modernster Labormethoden auch hinsichtlich ihrer genetischen Veränderungen. Mit dem Nachweis spezifischer Genveränderungen können im Idealfall neue zielgerichtete Therapien zum Einsatz kommen, die wesentlich nebenwirkungsärmer und nur gegen den Tumor gerichtet sind", sagt Prof. Dr. Sven Perner, Direktor der Pathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Lübeck.

Generell befasst sich die Molekularpathologie mit der DNA – also den Bausteinen der Gene - aus Tumorproben des Patienten und kann so einen wichtigen Beitrag zu prädiktiven Diagnostik leisten. "Es geht darum, Genveränderungen zu detektieren, die das Ansprechen auf eine moderne zielgerichtete Therapie vorhersagen können" sagt Dr. Helen Pasternack, Leiterin der neu aufgebauten Molekularpathologie.

Laut Prof. Perner und Dr. Pasternack liegen die Schwerpunkte der Molekularpathologie bisher auf dem Lungenkrebs, schwarzen Hautkrebs, Dickdarm-, Burst- und Eierstockkrebs sowie den Tumoren des Knochenmarks und der Lymphknoten. Durch das enge Zusammenspiel zwischen molekularer Tumorforschung in nationalen und internationalen Forschungsverbünden und diagnostischer Molekularpathologie, soll in den kommenden Jahren das Spektrum dieser Untersuchungen auf alle Tumorerkrankungen ausgedehnt werden. "Wir wollen molekulargenetische Veränderungen finden, die eine Therapie erlauben, an die man bislang nicht gedacht hat, um so auch austherapierten Patienten noch eine Behandlungsmöglichkeit anbieten zu können", sagt Prof. Perner.

(HL-live, 12.1.16) 

 
 

Können Bakterien bald Krebs heilen?

Nutze den Feind: Forscher versuchen, Mikroben so zu verändern, dass sie Krankheiten diagnostizieren können. Sie lassen die Mikroorganismen im Kampf gegen Krebs antreten

Bakterien haben einen schlechten Ruf, anders als Kühe und Schafe. Dabei sind einige von ihnen mindestens ebenso wichtige Nutztiere – oder besser Nutzorganismen. Sie produzieren Zutaten für Lebensmittel und medizinische Wirkstoffe. Und bald diagnostizieren und heilen sie womöglich sogar Krankheiten. Zumindest, wenn es nach Jérôme Bonnet vom Zentrum für Struktur-Biochemie der Universität Montpellier (Frankreich) geht. Er tüftelt an Bakterien, die Biomarker aufspüren, also Stoffe, die Krankheiten anzeigen. Mit Kollegen aus den USA konnte er nun einen ersten großen Erfolg feiern: den „Baktosensor“.

Bakterium mit künstlichem Spürsinn

Das ist ein gewöhnliches Darmbakterium, das mit einem künstlichen Spürsinn ausgestattet wurde: Trifft es auf einen Biomarker, wird automatisch ein kleiner Baustein in der Bakterien-DNA verändert. Das führt dazu, dass das Bakterium große Mengen eines Eiweißes herstellt. Und dieses Eiweiß beeinflusst die Farbe der Mikrobe: Der Baktosensor erstrahlt dann beispielsweise in Rosa.

„Als wir endlich den Prototyp gebaut hatten, wollten wir sehen, ob er wirklich klinisch relevante Fragen beantworten kann“, erklärt Bonnet. Die Forscher gestalteten die Bakterien deshalb so, dass sie auf Glukose reagieren, und gaben sie in glukosehaltige Urinproben von Diabetikern, die noch nicht medikamentös eingestellt waren. Und siehe da: Die Gelatinekügelchen, in denen die Mikroben verpackt worden waren, färbten sich rosa. Die Bakterien hatten also den Zucker im Urin erkannt.

Entdecken Bakterien bald Tumore und Metastasen?

Wie kleine Mini-Computer können die Bakterien sogar logische Fragen beantworten: Liegen zwei bestimmte Biomarker gleichzeitig vor? Oder nur der eine oder der andere? Das Ergebnis dieser Tests wird in den Mikroben gespeichert, ihre DNA verändert sich nachhaltig. „Und obwohl die Fragen sehr kompliziert sein können, ist das Ergebnis sehr einfach abzulesen: Die Kugeln werden farbig oder bleiben transparent“, erklärt Bonnet.

Zusätzlich können die Bakterien verdächtige Signale des Körpers verstärken. Bereits wenige Biomarker führen zu einer hohen Produktion von Leuchtstoffen. In Zukunft könnten die Baktosensoren etwa Tumore und Metastasen aufspüren. Im Laborversuch funktioniert das bereits: Ein Team vom Massachusetts Institute of Technology in Boston zeigte, dass sich bestimmte Bakterien in Lebermetastasen ansammeln und dort Biomarker spalten, die nur im Tumor vorliegen. Die Spaltprodukte lassen sich im Urin nachweisen.

Für die Diagnose müssten Menschen aber genetisch veränderte Bakterien schlucken. Es müsste geklärt sein, dass die Prozedur sicher ist. Ihr Vorteil liegt auf der Hand: Die Mikroorganismen könnten im hintersten Winkel unseres Körpers Diagnosen stellen.

Die Vision: Bakterien als Krebskiller

Die Vision mancher Forscher reicht noch weiter. Auf lange Sicht wollen sie Bakterien in den Körper schicken, die Krankheiten sogar heilen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten Wissenschaftler beobachtet, dass bakterielle Infektionen manchmal Tumore schrumpfen ließen. Der amerikanische Arzt Dr. William Coley behandelte daraufhin Patienten, die an Knochen- und Bindegewebskrebs litten, mit Bakterien, die er zuvor mit Hitze abgeschwächt hatte. Das Aufkommen von Strahlen- und Chemotherapie verdrängte diesen biologischen Ansatz, er geriet in Vergessenheit. Derzeit stößt er allerdings wieder auf großes Interesse bei Wissenschaftlern weltweit.

Einer der Pioniere auf diesem Gebiet in Deutschland ist Dr. Siegfried Weiß, der am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig arbeitet: „Bei großen oder schwer zugänglichen Tumoren stoßen die gängigen Behandlungsmethoden an ihre Grenzen“, sagt er. „Wir brauchen eine zusätzliche Option.“ Strahlen reichen zum Teil nicht bis ins Innerste von Tumoren, Medikamente kommen dort nicht an, weil das Gewebe schlecht durchblutet ist. Bakterien wiederum könnten eindringen. Einige Arten sind sogar spezialisiert auf sauerstoffarme Umgebungen wie diese und vermehren sich gerade dort.

Drei Angriffsarten im Kampf gegen Tumore

„Auf drei Weisen könnten sie den Körper im Kampf gegen den Tumor unterstützen“, ergänzt Professorin Maria Rescigno, die am European Institute of Oncology in Mailand forscht. Sie töten Krebszellen entweder direkt durch ihre Gifte. Oder sie werden wie kleine U-Boote mit Medikamenten beladen und setzen auf ein Signal hin ihre Fracht frei. Oder sie stacheln das Immunsystem des Patienten an. Im Labor zeigte Rescigno, dass Salmonellen in Melanome eindringen und diese daraufhin schrumpfen.

Bisher fehlen allerdings erfolgreiche Studien an größeren Patientengruppen. „Oft wurden offenbar zu schwache Bakterien verwendet“, sagt Experte Weiß. „Die Herausforderung ist es, solche zu finden, die stark genug sind, dem Tumor zu schaden oder die Körperabwehr anzuregen, aber schwach genug, damit Patienten die Behandlung unbeschadet überstehen.“ Noch ist viel Forschung nötig. Wie gut wir die Bakterien tatsächlich nutzen können, muss sich zeigen.

(Apotheken Umschau, 14.12.15, Franziska Draeger)

 

 

Down-Syndrom: Gibt Krebs keine Chance

Menschen mit Down-Syndrom erkranken seltener an soliden Tumoren als Menschen ohne überzähliges Chromosom 21. Forscher sind den zugrundeliegenden Mechanismen auf der Spur. Die Ergebnisse könnten das Tor zu neuen Krebstherapien öffnen.

Fast alle Zellen des menschlichen Körpers haben die Fähigkeit, schnell auf äußere Reize zu reagieren: Spezielle Rezeptoren auf der Zellmembran registrieren diese und wandeln sie in chemische Signale um. Über mehrstufige Reaktionsketten werden sie in den Zellkern weitergeleitet, wo sie die Expression von einem oder mehreren Genen anstoßen und so eine Antwort auf den Reiz auslösen. Meist ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Molekülen an der Signalübertragung beteiligt. Wichtige biologische Prozesse wie beispielsweise Gentranskription, Lichtwahrnehmung oder Muskelkontraktion werden auf diese Weise gesteuert. Einer der bekanntesten dieser Mechanismen ist der Hedgehog-Signalweg, der insbesondere bei der Embryonalentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Funktioniert dieser nicht richtig, kann es zu Fehlbildungen kommen.

Zu viel des Guten

Auch bei Menschen mit Down-Syndrom verdichten sich die Hinweise, dass dieser Signalweg nicht korrekt arbeitet und dafür verantwortlich ist, dass weniger Neuronen im Kleinhirn entstehen. Statt zwei besitzen die Erkrankten drei Kopien des Chromosoms 21, was dazu führt, dass die 231 Gene auf diesem überexprimiert werden. Das ruft nicht nur die charakteristischen Gesichtszüge der Betroffenen hervor, sondern verursacht auch kognitive Defizite, Herzerkrankungen und weitere gesundheitliche Probleme. Um herauszufinden, welchen Beitrag die einzelnen überexprimierten Gene zur Ausprägung des Down-Syndroms jeweils leisten und welche Signalwege daran beteiligt sind, haben Forscher mit gentechnischen Methoden Mäuse so verändert, dass diese ebenfalls eine zusätzliche Kopie der auf Chromosom 21 vorliegenden Gene besitzen.

Diese Tiere zeigen in der Tat ähnliche Entwicklungsverzögerungen und Einschränkungen beim Lernen und in der Gedächtnisfunktion wie Menschen mit Down-Syndrom. Vor zwei Jahren gelang es US-amerikanischen Wissenschaftlern mithilfe eines spezifischen Wirkstoffs die Störung der Hirnentwicklung bei einem Down-Syndrom-Mausmodell zu verhindern. Die Substanz wirkt als Agonist, greift zielgerichtet in den Hedgehog-Signalweg ein und verstärkt dessen Wirkung. Die einmalige Injektion kurz nach der Geburt der Versuchstiere reichte aus, um die Effekte zu erzielen. Nicht nur ihr Kleinhirn entwickelte sich nahezu normal. Die Tiere schnitten auch in Gedächtnistests genauso gut ab wie normale Mäuse.

Tumorzellen ohne Netz

Auch wenn Menschen mit Down-Syndrom mit vielerlei Einschränkungen leben müssen, scheint das zusätzliche Chromosom sie jedoch vor soliden Tumoren zu schützen: Sie erkranken an den meisten dieser Krebsarten deutlich seltener als andere Menschen. 2009 schlug ein Forscherteam aus Boston einen möglichen Mechanismus für dieses Phänomen vor: Das auf Chromosom 21 sitzende Gen DSCR1 codiert für ein Protein, dass die Aktivität des Enzyms Calcineurin erniedrigt und wodurch kaum neue Blutgefäße gebildet werden. Die Konsequenz: Aufgrund der fehlenden Nährstoffversorgung stellen Tumorzellen ihr Wachstum ein.

Wie die US-amerikanischen Forscher schon damals vermuteten, ist DSCR1 nicht der einzige Faktor, der das Voranschreiten von Krebserkrankungen verhindert. Deutsche Wissenschaftler um Matthias Lauth am Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung der Universität Marburg haben einen molekularen Baustein des Hedgehog-Signalwegs aufgespürt, der vermutlich ebenfalls zum Schutz vor Krebs beiträgt. Lauth und sein Team untersuchten [Paywall] die Rolle des Gens DYRK1A. Es befindet sich ebenfalls auf Chromosom 21, kommt also beim Down-Syndrom in überzähligen Kopien vor. Das gleichnamige Genprodukt ist Teil des Hedgehog-Signalwegs und sorgt normalerweise dafür, dass der Transkriptionsfaktor GLI1 aktiviert wird. Dieses Molekül wiederum stößt die Expression von weiteren Genen an, die die Zellteilung und somit das Tumorwachstum vorantreiben.

Molekül mit paradoxer Wirkung

Da DYRK1A bei Menschen mit Trisomie 21 aufgrund der zusätzlichen Genkopie überaktiviert ist, sollte der Hedgehog-Signalweg in seiner Wirkung verstärkt werden und das Krebsrisiko steigen. „Eigentlich müssten Down-Syndrom-Patienten viel mehr Tumoren bekommen, was jedoch nicht der Fall ist“, so Lauth. Er und seine Mitarbeiter vermuteten daher, dass DYRK1A auch in gegensinniger Richtung wirken könnte und so die vom Hedgehog-Signalweg angestoßene Zellteilung hemmt. Um weiteren Reaktionspartnern von DYRK1A auf die Schliche zu kommen, analysierten die Forscher die Wechselwirkung von DYRK1A mit 9.500 anderen Proteinen. Dabei entdeckten sie, dass unter anderem die Proteine ABLIM1 und ABLIM2 durch DYRK1A inaktiviert werden.

Beide Proteine verstärken den Aufbau des Zytoskeletts. „Werden ABLIM1 und ABLIM2 durch DYRK1A inaktiviert, führt das zu einer Destabilisierung des Zytoskeletts“, erklärt Lauth. „Das hat zur Folge, dass das Signal des Hedgehog-Signalwegs nicht mehr effektiv zum Zellkern transportiert werden kann.“ Bei gesunden Menschen, so der Forscher, sei der hemmende Einfluss von DYRK1A eher von untergeordneter Bedeutung. Nur wenn die Konzentration des Proteins ansteige, wie es bei Menschen mit Down-Syndrom der Fall sei, komme seine schützende Rolle zum Tragen. Da der Hedgehog-Signalweg beim Fortschreiten von Krebserkrankungen eine wichtige Funktion hat, gelten seine molekularen Bestandteile als potenzielle Angriffsziele für eine medikamentöse Therapie.

Therapieansatz mit großem Potenzial

Die Blockade von DYRK1A eignet sich Lauth zufolge allerdings weniger für einen solchen Behandlungsansatz: „Das Protein beeinflusst nicht nur den Hedgehog-Signalweg sondern auch andere Reaktionswege in der Zelle. Deren Hemmung hätte wahrscheinlich unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge.“ Die Forscher setzen daher auf ein anderes Protein als Angriffsziel: JMJD1A ist ebenfalls Teil des Hedgehog-Signalwegs, lässt sich aber so steuern, dass es nur die Zellteilung aufhält. Hier erbrachte die Anwendung einer Substanz, die JMJD1A spezifisch blockiert, erste Erfolge: In Zellkultur-Versuchen mit verschiedenen Krebszellen [Paywall] ließ sich auf diese Weise der Signalweg unterbrechen und das Wachstum der Krebszellen verzögern. Doch noch, so Lauth, seien solche Wirkstoffe weit von einer Anwendung bei Krebspatienten entfernt. Sie müssten zuerst in einer Reihe von Experimenten weiter charakterisiert und optimiert werden, ehe man sie in klinischen Studien testen könne.

(doccheck.com, 7.12.15, Thorsten Braun)

 

 

Photopharmakologie: Licht gegen Krebs

Viele Wissenschaftler benutzen Licht als ein Instrument: So zum Beispiel in der Photopharmakologie, einer noch recht jungen Disziplin. Sie beschäftigt sich damit, Medikamente im menschlichen Körper gezielt zu aktivieren - mithilfe von Licht.

Es ist Mittag. Dirk Trauner hat sein Büro verlassen. Er steht auf der Straße, blickt zum hellblauen Himmel hoch, zur Sonne. Licht spielt für die Forschung des Biochemikers eine wichtige Rolle.

"Wir versuchen, mithilfe von fotoschaltbaren Molekülen das Licht auszunützen, um damit Biologie zu betreiben, um damit biologische Prozesse sehr präzise steuern zu können."

Der Professor für chemische Biologie und Genetik entwickelt an der Ludwig-Maximilians-Universität München Arzneistoffe, die sich mithilfe von Licht aktivieren lassen. Dirk Trauner macht sozusagen blinde Moleküle sehend, indem er eine Art photochemischen Schalter in sie einbaut. Dessen Gestalt lässt sich durch Licht einer bestimmten Wellenlänge ändern. Blaues Licht klappt den lang gestreckten Schalter um zu einer angewinkelten Form, und grünes Licht kehrt den Vorgang wieder um. Und damit ahmt der Forscher ein Prinzip nach, das so ähnlich auch in der Natur vorkommt.

"Zum Beispiel im Sehprozess, im natürlichen, menschlichen Sehprozess. Es gibt aber auch synthetische Moleküle, die genau dasselbe machen."

Solche synthetischen Molekülschalter bauen Dirk Trauner und seine Mitarbeiter in Moleküle ein, die im menschlichen Körper eine bestimmte Funktion erfüllen.

"Zum Beispiel die Proteine, die für das Feuern von Nervenzellen verantwortlich sind. Oder die Proteine, die für die Bewegung von Zellen verantwortlich sind, für die Teilung von Zellen. Die können wir jetzt lichtempfindlich machen und mit Licht an- und ausschalten. Und das eröffnet natürlich große Möglichkeiten in der Neurobiologie und in der Zellbiologie und möglicherweise sogar in der Krebstherapie."

Für die Krebstherapie hat der Biochemiker sogenannte Photostatine entwickelt. Chemisch ähneln sie dem Colchicin. Das ist das Pflanzengift aus der Herbstzeitlosen. In der Vergangenheit wurde bereits versucht, mit dieser Substanz Tumorzellen zu bekämpfen, denn sie behindert die Zellteilung – die Versuche blieben jedoch erfolglos.

"Obwohl es  ein sehr wirksames Molekül ist, kann es in der Krebstherapie nicht eingesetzt werden, da es zu toxisch ist."

Colchicin verhindert, dass sich bei der Zellteilung die sogenannten Spindelfasern bilden. Die teilen das Erbgut der Zelle gleichmäßig auf die beiden Tochterzellen auf. Wird dieser Prozess durch das Zellgift gestört, dann sterben die Tochterzellen ab. Im Tumorgewebe ist das natürlich erwünscht.

"Aber eben nur in Krebs und nicht sonst wo. Und Sie wollen das nicht machen zum Beispiel irgendwo im Darmepithel, an ihren Haarzellen. Diese Nebenwirkungen haben Sie ja, wenn Sie gewisse Krebsmedikamente nehmen. Und unser Ziel ist jetzt, dieses Zellgift so umzubauen, dass es nur dort giftig wird, wo es beleuchtet wird. Das ist uns gelungen mit den Photostatinen."

Das synthetische Molekül wird mit blauem Licht im Tumorgewebe aktiviert. Das Besondere an der Substanz: Der Molekülschalter klappt von alleine wieder zurück, wenn er nicht mehr bestrahlt wird.

"Sobald die Verbindung aus dem Licht raus diffundiert oder raus geschwemmt wird, würde sie in eine inaktive, nicht toxische Dunkelform wiederum umklappen."

Damit ließen sich Krebsarten bekämpfen, die zum Beispiel mit LEDs gut zu erreichen sind. Der Münchner Forscher denkt etwa an Karzinome im Darm oder der Blase. Dirk Trauner gibt jedoch auch zu bedenken, dass solch eine Therapie noch etwas auf sich warten lassen dürfte.

"Bisher ist das alles nur auf Zellebene, auf der Ebene von einfachen Versuchstieren wie zum Beispiel C. Elegans, Wurmembryos, gelungen. Der Sprung zum Mensch ist sicher ein sehr großer und wird viele Jahre dauern. Aber wir glauben daran, dass dieses Konzept im Prinzip schlüssig ist und dass es hoffentlich eines Tages auch im Menschen angewendet wird."

(Deutschlandfunk, 28.9.15, Arndt Reuning)

 

 

Krebs-Therapie

Milliarden für ein Molekül

Kann man den Krebs mit einer Impfung bezwingen? Ingmar Hoerr glaubt daran schon lange. Jetzt hat der Biotech-Gründer aus Tübingen sogar Bill Gates von seiner Idee überzeugt.

Woran erkennt man, ob eine ungewöhnliche Idee das Zeug zum wirtschaftlichen Erfolg hat oder nicht? Womöglich daran, dass ein alteingesessener Konzern ihr Vertrauen schenkt. Vielleicht auch an den akribisch gesammelten Daten eines wissenschaftlichen Tests. Ganz bestimmt aber dann, wenn diese Idee – und der Kopf dahinter – den reichsten Mann der Welt dazu bringen, einen Batzen Geld in sie zu investieren.

Als Ingmar Hoerr vor gut einem Jahr zum ersten Mal Bill Gates traf, war genau das die Folge. Die Technik, mit der Hoerrs Firma Curevac eine neue Generation von Impfstoffen entwickeln will, hat den Microsoft-Gründer überzeugt. Mit umgerechnet 46 Millionen Euro hat sich die Stiftung, die Gates und seine Frau Melinda vor allem zur Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt ins Leben gerufen haben, danach an Curevac beteiligt. Es ist ihr bislang einziges Investment in Deutschland. Und ihre größte Unternehmensbeteiligung überhaupt.

Eine Dreiviertelstunde war für das Gespräch mit Gates angesetzt; zu Inhalt und Absicht war die Einladung im Ungefähren geblieben. Aber welcher Nachwuchsunternehmer hätte diese Gelegenheit verstreichen lassen? Wenn Bill Gates ruft, dann reist man an, egal wohin.

Bloß keine Powerpoint-Präsentation

Die Szenerie für die Zusammenkunft, wie Hoerr sie im Nachhinein beschreibt, war filmreif: Ein fensterloser Kellerraum in einem Pariser Hotel, die Wände unverputzt, Heizungsrohre unter der Decke. Und mitten im Raum ein Tisch, an dem sie sich nun gegenüber sitzen sollten: Auf der einen Seite der Milliardär aus Amerika, der mit seinem Vermögen die größte private Stiftung der Welt aufgebaut hat. Auf der anderen Seite der Biotech-Unternehmer aus Tübingen, dessen Firma anderthalb Jahrzehnte nach ihrer Gründung noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht hat.

Klar, wer die Spielregeln diktierte. Bloß keine Powerpoint-Präsentation, legte Gates kurz vorher fest. In letzter Minute fand Hoerr einen Drucker, um seine Folien aus dem Laptop auf Papier zu bringen. Doch dann übersprang Gates ungeduldig Seite um Seite, eine Einführung ins Thema hatte er nicht nötig.

Die Frage, die ihn umtrieb, war: Wie unterscheidet sich Curevac von den Wettbewerbern, die an ähnlichen Projekten arbeiten? Hoerrs Antwort, leicht gekürzt: „Wir glauben nicht, dass wir es besser machen können als die Natur. Deshalb wollen wir keine künstlichen Moleküle bauen, sondern in der Natur genau diejenigen finden, die wir für unsere Zwecke nutzen können.“ Volltreffer.

Bill Gates und Gottvertrauen

Natürlich hätte die Sache, die Hoerr und Curevac zu Stars der deutschen Biotechbranche gemacht hat, auch daneben gehen können. Hoerr hatte Gates bis zu dem Rendezvous in Paris noch nie persönlich getroffen. Kurz vorher war die Gates-Stiftung aber schon zum Kooperationspartner von Curevac geworden – mit dem Ziel, eine neue Impfung gegen das Rotavirus zu entwickeln.

An dieser hierzulande harmlosen Durchfallerkrankung sterben in Afrika und Asien fast eine Million Kinder im Jahr. Sollte sich Gates die Sache anders überlegt haben? An dem Start-up aus Baden-Württemberg zweifeln? Dem Chef die Leviten lesen wollen? „Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht“, beteuert Hoerr. „Ich glaube fest an den roten Faden im Leben. Deshalb hatte ich nie richtig Angst vor Rückschlägen.“

Gottvertrauen würde man das nennen, wenn der Begriff sich besser mit dem gängigen Bild von den Naturwissenschaften vertragen würde. Aber Hoerr hat so turbulente Monate mit glücklichem Ausgang hinter sich, dass es schwerfällt, all das nur dem Zufall zuzuschreiben. Er scheut sich nicht, von Demut zu sprechen. Nicht nur, dass Curevac dank Gates buchstäblich über Nacht für Investoren aus der ganzen Welt interessant geworden ist.

Biologie statt Chemie

Kurz zuvor hatte sich der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim die Lizenzrechte an einem Lungenkrebsmittel, an dem Curevac arbeitet, gesichert – für eine Vorabzahlung von 35 Millionen Euro, aus denen im besten Fall 430 Millionen Euro werden. Das war schon ein Ritterschlag. Aber nichts gegen das, was Bill Gates nach dem Gespräch in dem Pariser Hotelkeller entscheiden sollte.

Und als dann die Nachricht vom Einstieg der Stiftung publik wurde, war Hoerr auch noch gerade zum ersten Mal Vater geworden. Zwei Tage vorher hatte seine Frau Zwillinge zur Welt gebracht. An Elternzeit war nicht zu denken, aber immerhin drei Wochen Sommerferien am Rand der Lüneburger Heide hat Hoerr sich nun mit der Familie gegönnt, Telefonkonferenzen manchmal mit einer Hand am Kinderwagen geleitet.

Hoerr hat Biologie studiert, als das Fach in den Karriereranglisten noch weit unten stand. Museumswärter oder Tierpfleger, sagt er, seien damals die üblichen spöttischen Prognosen für seine berufliche Zukunft gewesen. Wo sollte die wirtschaftliche Relevanz des Fachs auch liegen? Arzneimittel waren schließlich Chemie, nicht Biologie.

Unternehmensgründung beim Segeln

Die Erkenntnis, dass sich viele Krankheiten erst dann besiegen lassen, wenn der Mensch bis in seine kleinsten biologischen Bestandteile hinein erforscht ist, hat dieses Verhältnis in den beiden vergangenen Jahrzehnten umgedreht. Die Biotechnologie macht sich die Funktionsweise dieser kleinsten Teile, der Moleküle, zunutze, um eine neue Generation von Medikamenten zu entwickeln. Mit ihnen machen die Pharmakonzerne inzwischen mehr Umsatz als mit den althergebrachten Mitteln.

Als Hoerrs Studium in Tübingen sich dem Ende neigte, bahnte sich diese Entwicklung gerade an. Hinter dem angemessen sperrigen Titel seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1999, „RNA-Vakzine zur Induktion von spezifischen Antikörpern“, steckt die Beobachtung, dass Ribonukleinsäure, kurz RNA, ein verblüffendes Potential hat: Die weniger bekannte Schwestersubstanz der das Erbgut tragenden Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA, findet ihr Ziel im menschlichen Körper mit erstaunlicher Treffsicherheit.

Sie könnte also Impfstoffe genau dorthin bringen, wo sie am besten ihre Wirkung entfalten können. Und sie könnte, so Hoerrs kühne Überlegung, die körpereigenen Abwehrkräfte gegen verschiedene Krebserkrankungen aktivieren, also eine Art Impfung dagegen ermöglichen. „Wir haben damals etwas Großes gesehen“, sagt Hoerr. Auf einem Segeltörn, den er zusammen mit anderen frisch Promovierten von Stralsund nach Bornholm machte, sei dann der Impuls zur Unternehmensgründung gekommen. „Diese Idee musste einfach jemand weiterverfolgen.“

Bewährungsprobe Prostatakrebs

Die eigene Doktorarbeit als Blaupause für die Unternehmensgründung, so fangen nicht nur Erfolgsgeschichten an, erst recht nicht in der Biotechbranche. In Deutschland schienen sich unternehmerischer Erfolg und Biotechnologie gegenseitig sogar geradezu auszuschließen. Anfang des Jahrtausends mit großen Erwartungen – und überzogenen Börsenkursen – gestartet, sind eine ganze Reihe von Unternehmen mit ähnlichem Hintergrund wie Curevac längst in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Entweder, weil die Investoren die Geduld verloren haben. Oder weil sich das vermeintliche Wundermittel aus dem Labor im Test an wirklichen Patienten als unwirksam oder sogar gesundheitsschädlich erwiesen hat.

Ingmar Hoerr und seine beiden Mitgründer, von denen einer bis heute mit ihm zur Unternehmensspitze gehört, hatten einerseits das Glück, auf den richtigen Kandidaten gesetzt zu haben. „Bisher hat die RNA alles eingehalten, was wir uns von ihr versprochen haben“, sagt Hoerr dazu. Konkret heißt das: Ein neues Mittel zur Bekämpfung von Prostatakrebs hat sich in einem ersten Test an Patienten bewährt, zwei weitere solche Tests gilt es noch zu absolvieren. Dann könnte – Anfang des kommenden Jahrzehnts – die Marktzulassung folgen.

Keine Biotechnologie ohne Hopp

Es ist andererseits aber bestimmt nicht nur dieses Glück, das Curevac von den vielen verblassten Hoffnungsträgern der deutschen Biotechnologie unterscheidet. Hoerr strahlt mit jeder Faser den unkomplizierten, zupackenden Pragmatismus aus, den Gründer brauchen. Das gefällt potentiellen Geschäftspartnern offenbar. Im Elfenbeinturm dagegen würde er sich nicht wohl fühlen, das sieht und hört man ihm an, beim Erbsenzählen auch nicht. „Zum reinen Wissenschaftler im Labor hätte ich auf Dauer nicht getaugt“, sagt er.

Der Umgang mit Milliardären liegt ihm besser. Das Treffen mit Bill Gates hatte jedenfalls einen Vorläufer, vor zehn Jahren schon. Nicht in einem Kellerraum, sondern auf einem Golfplatz – Gründer müssen da flexibel sein. Damals war es Dietmar Hopp, mit dem Softwarekonzern SAP zu einem der vermögendsten Deutschen geworden, der Hoerr einigermaßen überraschend eingeladen hatte – und sich, ähnlich wie Gates, von ihm überzeugen ließ.

Eine Reihe von Debakeln

Dazu muss man wissen, dass es die Biotech-Branche hierzulande ohne Hopp und sein Geld wohl überhaupt nicht mehr gäbe. Hopp hat nach eigener Aussage mehr als eine Milliarde Euro in ein Dutzend verschiedene Firmen der Branche gesteckt. Eine Zeitlang sah es so aus, als habe er sich damit kolossal verzockt. Debakel reihte sich an Debakel.

Agennix aus Heidelberg war eine dieser Firmen, sie ist inzwischen liquidiert. Wilex aus München eine andere, sie hat sich nach Jahren kostspieliger Entwicklungsarbeit ein neues Geschäftsmodell suchen müssen. An Curevac hielt Hopp trotzdem fest. 166 Millionen Euro hat er bis heute in das Unternehmen investiert, so viel wie kein anderer.

Zum Wachsen verdammt

An Nummer zwei aber steht nun die Gates-Stiftung. Sie baut außerdem, im Vorgriff auf die zu erwartenden Mengen an Impfstoffen gegen eine ganze Reihe von Infektionskrankheiten, die sie in Zukunft von Curevac fertigen lassen will, gleich eine nagelneue Produktionsanlage in Tübingen.

Noch entscheidender für die Außenwirkung: Die Beteiligungssumme von 46 Millionen Euro steht für gerade einmal 4 Prozent der Anteile. Insgesamt schreibt das Curevac einen Wert von gut einer Milliarde Euro zu. Das ist so ungewöhnlich viel für ein Startup, dass sich in Amerika dafür eine märchenhafte Bezeichnung eingebürgert hat: „Einhörner“ heißen solche Unternehmen dort im Jargon der Investoren.

Das heizt die Spekulationen über den nächsten möglichen Schritt an, ein Märchen will schließlich niemand verpassen. Noch eine Finanzierungsrunde für noch mehr Kapital? Oder sogar ein Börsengang? Ingmar Hoerr ist Profi genug, um sich dazu nichts entlocken zu lassen. Nur eins sei sicher, sagt er. „Wir sind jetzt zum Wachsen verdammt.“

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5.9.2015, Sebastian Balzter)

 

 

Fortschritt im Kampf gegen Krebs

Von bösartig zu harmlos:
Forscher programmieren Tumorzellen um

Krebsforscher arbeiten seit Jahren daran, Tumorzellen zu verstehen, um ihr Wachstum bremsen zu können. Jetzt sind Wissenschaftler der Mayo Clinic in Florida einen großen Schritt weiter gekommen. Im Labor konnten sie den Wachstumsstopp künstlich wiederherstellen.

* Tumorzellen wachsen ungehemmt.

* Gesunde Zellen des menschlichen Körpers schaffen es nicht, den Krebszellen Einhalt zu gebieten.

* Warum das so ist, darüber rätseln Krebsforscher seit Jahren.

Krebsforschern aus Florida ist es gelungen, aggressive Tumorzellen im Labor derart umzuprogrammieren, dass sie sich wieder wie normale Zellen teilen.

Tumorzellen fehlt der Wachstumsstopp

Das Wachstum von Krebszellen ist mit einem Softwareprogramm vergleichbar, das außer Kontrolle geraten ist: Die Tumorzellen teilen sich ungebremst.

Die meisten Zellen unseres Körpers werden nach und nach durch neue ersetzt. Während dieses Prozesses, müssen Hunderte Einzelschritte richtig funktionieren. Am Ende steht eine Etappe, die der Zelle sagt, dass sie aufhören soll, sich zu teilen – etwa, wenn sie umliegende Zellen berührt. In Tumorzellen fehlt diese Bremse.

Wachstumsbremse entdeckt

Die US-Forscher haben jetzt diese Bremse identifiziert: Sie untersuchten im Labor menschliche Brustkrebs,- Lungenkrebs- und Blasenkrebszellen.

Dort fanden sie bestimmte Mikroprozessoren (sogenannte  microRNA), die gesunde Zellen anweisen, sich nicht mehr zu teilen: Dafür produzieren sie ein wichtiges Protein (PLEKHA7), dass die Zellbindungen auflöst.

In Tumorzellen funktioniert dieser Prozess nicht, weil das PLEKHA 7- Level nicht stimmt. Die Zellen wissen also gar nicht, wann sie sich oft genug geteilt haben.

Stoppsignal künstlich wiederhergestellt

Die Forscher konnten dieses Level künstlich wiederherstellen. Dazu injizierten sie microRNA in Test-Tumorzellen. Und siehe da: Die Tumorzellen hörten auf, sich zu teilen.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichten die Forscher um Panos Anastasiadis jetzt im Fachjournal „Nature Cell Biology“.

Krebsforscher warnen jedoch vor zu großer Euphorie: „Es wird noch lange dauern, bis wir wissen, ob diese Untersuchungsergebnisse mit Laborzellen tatsächlich auch Krebspatienten helfen können“, sagte etwa Henry Scowcroft vom Britischen Krebsforschungszentrum.

Aber es sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu der Erkenntnis, wie der Körper das Zellwachstum kontrolliert.

(Focus online, 26.08.2015, Sybille Möckl) 

 

 

 

Juno Therapeutics: Gentherapie gegen Krebs

Das US-Unternehmen will Krebs mit modifizierten Immunzellen bekämpfen. Wenn es klappt, könnte eine einzige Behandlung helfen. Doch die ist nicht nur wirksam, sondern auch riskant.

Als bei Milton Wright III. zum dritten Mal Krebs diagnostiziert wurde, weinte er, bis er lachen musste. Er war 20 Jahre alt und hatte schon zweimal eine akute lymphatische Leukämie (ALL) überlebt; erst im Alter von acht und dann mit zehn Jahren. Beide Male hatte er jahrelang sehr belastende Chemotherapien ertragen müssen. Jetzt hatte er sich selbst im Children’s Hospital in Seattle eingewiesen. Das aufstrebende Model war bei einem Foto-Shooting gestürzt und wurde den Schmerz in seinen Rippen nicht mehr los. Als die Ärzte eine Lumbalpunktion vorbereiteten, um das Nervenwasser des Rückenmarkkanals auf Leukämiezellen zu untersuchen, ahnte er, dass der Krebs zurückgekehrt war. „Ich dachte: ‚Oh Mann, sie werden mir noch sechs Monate geben‘“, erinnert er sich. Er hatte genügend kranke Kinder gesehen, um zu wissen, dass eine Chemotherapie bei einem derartigen Rückfall meist nichts mehr ausrichten kann.

Doch Wright überlebte. 2013 besiegten die Ärzte seinen Krebs mit einer neuen Therapie: Zuerst entnahmen sie seinem Blut sogenannte T-Zellen, veränderten die Immunzellen dann genetisch und injizierten sie ihm wieder. Im Children’s Hospital war Wright erst der Zweite, der diese Behandlung erhielt. Doch frühere Ergebnisse aus Philadelphia und New York waren geradezu wundersam: Bei 90 Prozent der etwa 150 Patienten mit ALL, bei denen die Krankheit zurückgekehrt und gegen die üblichen Medikamente resistent geworden war, verschwand der Krebs erneut. Normalerweise liegt die Chance für eine solche Remission bei lediglich zehn Prozent.

Diese Zahlen könnten die Erklärung dafür sein, warum Juno Therapeutics, das Unternehmen hinter der neuartigen Therapie, nur 16 Monate nach seiner Gründung an die Börse gehen und dabei 304 Millionen Dollar aufnehmen konnte. Der Börsengang gehörte zu den größten in der Geschichte der Biotechbranche. Dabei lagen zu dieser Zeit erst Daten über 61 Patienten mit den Blutkrebsarten Leukämie und Lymphom vor.

Juno Therapeutics wurde im August 2013 gegründet. Das Unternehmen hat verschiedene experimentelle T-Zell-Therapien von Forschungseinrichtungen aus Seattle, New York und Memphis lizenziert und will sie auf den Markt bringen. Diese sind der radikalste Ansatz, das Immunsystem auf Krebszellen anzusetzen. Die Idee ist nicht ganz neu und sah schon einmal wie eine Sackgasse aus. In den letzten vier Jahren hat sie sich aber mit überwältigenden Ergebnissen zurückgemeldet. Solche Therapien läuten für Juno-Geschäftsführer Hans Bishop derzeit eine neue, dritte Phase der Medizin ein: Patienteneigene lebendige Zellen werden zu Medikamenten. Die erste Phase gehörte den chemisch synthetisierten Medikamenten. In der zweiten folgte die Revolution der Proteinmedikamente, nachdem Genentech 1978 erstmals Insulin von Bakterien produzieren ließ.

Insgesamt haben mehr als 30 Unternehmen klinische Studien mit T-Zellen begonnen oder bereiten sie vor. Eines davon ist Novartis, das nach eigenen Angaben 2016 eine konkurrierende Leukämie-Therapie zur Zulassung anmelden möchte. Die US-Gesundheitsbehörde FDA gab im vergangenen Sommer sowohl Juno als auch Novartis den sogenannten „Breakthrough“-Status, sodass ihre Leukämie-Therapien nach nur einer einzigen größeren klinischen Studie zugelassen werden könnten – falls sich die ersten Ergebnisse bestätigen. Dadurch könnte die behördliche Genehmigung in beiden Fällen schon nach sieben Jahren vorliegen, während bei normalen Medikamenten im Durchschnitt eher vierzehn Jahre vergehen.

Junos T-Zellen-Technologie ist allerdings noch in einem experimentellen Stadium. Die von seinen universitären Kooperationspartnern angestoßenen Studien haben wenige Teilnehmer und keine Kontrollgruppen. Aber es gibt bisher eben auch keine andere Erklärung für das Verschwinden des Krebses. Fälle wie der von Wright belegten die grundsätzliche Machbarkeit, so Juno-Geschäftsführer Hans Bishop: „Die T-Zelle ist das Medikament.“

(heise.de, 26.08.2015, Antonio Regalado/vsz)

 

 

 

Endoskopische Krebserkennung in Echtzeit

Charakteristische Massenspektren identifizieren Gewebe des Verdauungstrakts in vivo

Krebs oder kein Krebs? Dies ist üblicherweise erst nach einer mehrere Tage dauernden histologischen Untersuchung zu klären. Mit einer massenspektrometrischen Methode könnte die Frage bald in Echtzeit entschieden werden.

Ein britisch-ungarisches Team stellt in der Zeitschrift Angewandte Chemie ein endoskopisches System vor, das anhand charakteristischer Massenspektren zwischen verschiedenen Gewebeschichten, bösartigen Tumoren und gutartigen Polypen des Magen-Darm-Traktes differenzieren kann.

Neue Methode

Endoskopie spielt nicht nur eine wichtige Rolle bei der Früherkennung von Tumorerkrankungen des Magen-Darm-Trakts, oft lassen sich Tumore auch endoskopisch entfernen. Eine Drahtschlinge, die durch hochfrequenten elektrischen Strom erhitzt wird, kann dabei als Skalpell dienen. Oft ist jedoch ein weiterer Eingriff notwendig, da nicht alles entartete Gewebe entfernt wurde.

Um gesundes von krankem Gewebe direkt während eines Eingriffs unterscheiden zu können, hatten Zoltan Takats und Kollegen eine auf Massenspektrometrie basierende Methode entwickelt: die sogenannte REIMS-Technik (Rapid Evaporation Ionisation Mass Spectrometry; schnelle Verdunstungs-Ionisations-Massenspektrometrie).

Während der Elektrochirurgie wird das Gewebe sehr heiß und verdampft zum Teil. Der elektrische Strom lädt zudem freigesetzte Moleküle elektrisch auf. Die Forscher statteten ein Elektroskalpell mit kleinen Öffnungen sowie einer speziellen Pumpe aus, über die verdampfte Moleküle und Partikel abgesaugt und zum Massenspektrometer geleitet werden, das mit einem speziellen modifizierten Einlasssystem ausgestattet wurde.

Die Moleküle und Molekül-Bruchstücke werden dann masseabhängig getrennt und detektiert. Takats und ein Team aus Wissenschaftlern vom Imperial College London (Großbritannien) sowie der Universität von Debrecen (Ungarn) optimierten das System jetzt anhand von Versuchen an Schweinemägen und führten Tests an menschlichen Gewebeproben des Dickdarms durch.

Auch in vivo bewährt

Die Forscher konnten so belegen, dass sich gesunde Magen- beziehungsweise Darmschleimhaut, Tumorgewebe des Magens und Darms sowie das unter der Schleimhaut befindliche Bindegewebe anhand der erhaltenen Massenspektren zuverlässig identifizieren lassen. Zudem lassen sich bösartig veränderte Gewebe von gutartigen Polypen unterscheiden.

Die neue Methode konnte sich dann noch in vivo bewähren: Drei Patienten, die sich einer Darmspiegelung unterziehen mussten, wurden untersucht. Bei zweien wurden gutartige Polypen diagnostiziert. Zukünftige endoskopische Biopsien und Operationen könnten von dem neuen Verfahren deutlich profitieren.

So ließen sich die Ränder eines Tumors schon während der OP in Echtzeit verlässlich identifizieren, sodass weniger Nachoperationen notwendig würden. Da auch zwischen Schleimhaut und darunter liegendem Gewebe unterschieden wird, könnte ein elektrisches Skalpell mit integriertem Warnsystem entwickelt werden: Sobald das Bindegewebe verletzt wird, könnte das Skalpell automatisch gestoppt werden. Auf diese Weise ließe sich das gefürchtete Risiko einer Perforation deutlich reduzieren.

(Der Standard/Wien, 14.8.15, red)

 

 

Krebs: Protein-Ungleichgewicht macht Krebs tödlich

Nicht nur genetische Einflüsse bestimmen den Verlauf von Krebs - zwei Proteine, die aus dem Gleichgewicht geraten, machen Eierstockkrebs besonders tödlich.

Ein Ungleichgewicht zwischen regulatorischen Proteinen kann die Ursache dafür sein, dass Tumoren besonders viele Tochtergeschwulste aussenden. Diesen nicht genetisch bedingten Krebs-Effekt entdeckte ein Forscherteam um John Ladbury von der University of Leeds bei einer Studie über den Akt-Signalweg, der die Fortpflanzung von Zellen steuert. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass Elemente der Signalkette selbst diese dauerhaft aktivieren können, wenn ihre jeweiligen Konzentrationen in der Zelle aus dem Gleichgewicht geraten. Dazu brauchen sie – anders als die allermeisten Krebsarten – keine genetische Veränderung an den Komponenten der Signalkette. Das Ergebnis ist eines von mehreren Indizien dafür, dass Aggressivität und Verlauf von Krebs nicht allein von Veränderungen im Erbgut abhängen.

Ladbury und sein Team untersuchten FGFR2, einen Rezeptor, der Wachstumsfaktoren außerhalb der Zelle aufspürt und dann den Akt-Signalweg in Gang setzt – dadurch vermehrt sich die Zelle. Wie sich in ihrer Studie an isolierten Eierstocktumorzellen allerdings zeigte, reagiert die Wirkungskette auch auf zwei Moleküle im Inneren der Zelle, und zwar Plc?1 und Grb2. Diese beiden Proteine konkurrieren um eine Bindungsstelle an FGFR2, allerdings an seinem inneren Ende. Wer von beiden gewinnt, hängt allein von den jeweiligen Konzentrationen ab. Wie die Arbeitsgruppe fand, aktiviert gebundenes Plc?1 den Rezeptor und löst damit Zellwachstum aus – und da liegt das Problem. Meist nämlich legt ihm Grb2 schnell das Handwerk. Ist aber zu wenig Grb2 da, wie in einigen der untersuchten Zellen, läuft die Vermehrung der Zelle aus dem Ruder.

In Untersuchungen an Mäusen zeigte sich denn auch der Effekt: In der Nähe von Tumoren mit mehr Plc?1 fand die Arbeitsgruppe deutlich mehr Metastasen. Dass das klinische Relevanz hat, darauf deuten Analysen von Krebsdatenbanken hin: Demnach haben Eierstockkrebs-Patientinnen mit viel Grb2 im Tumorgewebe eine deutlich bessere Prognose, was den Langzeitverlauf der Krankheit angeht. Der Befund ist nicht das einzige Beispiel für so eine gleichgewichtsabhängige Steuerung: Ein ähnlicher Mechanismus verhilft Bakterien zu einer Art Winterschlaf, in dem sie Antibiotika überleben.

(Spektrum.de, 28.7.15, Lars Fischer)

 

  

Neue Ansatzpunkte für zielgerichtete Tumortherapie

Wissenschaftler aus Köln haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt.

KÖLN. Wissenschaftler um Professor Christian Reinhardt von der Uniklinik Köln und des Exzellenzclusters CECAD haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt. Das teilt die Universität zu Köln mit.

"Diese neuen Erkenntnisse bieten einen neuartigen molekularen Ansatzpunkt, um genetisch definierte Tumore in der Zukunft effektiver zu behandeln" wird Studienleiter Reinhardt in der Mitteilung zitiert. An der Studie haben Forscher aus Deutschland, Dänemark und England mitgearbeitet.

Reinhardt leitet an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln eine Arbeitsgruppe, deren Forschung maßgeblich durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung gefördert wird.

Beschleunigte Zellvermehrung

Das Wissenschaftlerteam hat mit Hilfe eines neuen Screening-Verfahrens die Effektivität verschiedener Substanzen, insbesondere neuer Substanzkombinationen getestet (Cell 2015; 162(1): 146-159). Die Ergebnisanalyse ergab, dass vor allem Tumorzellen und Tumore mit einer Mutation im sogenannten KRAS-Gen eine Abhängigkeit von zwei bestimmten Enzymen (Chk1 und MK2) zeigen.

Das KRAS-Gen ist eines der am häufigsten mutierten Gene in menschlichen Tumorerkrankungen. So ist KRAS in fast allen Tumoren der Bauchspeicheldrüse, sowie in zirka einem Drittel aller Bronchial- und Dickdarmtumoren mutiert.

Eine detaillierte Analyse ergab, dass KRAS-Mutationen zu einem massiv gesteigerten Zellwachstum führen. Diese beschleunigte Zellvermehrung der Tumorzellen führt zu Problemen: So ist die Verdopplung der DNA, die Tumorzellen vor einer jeden Zellteilung durchführen müssen, unter den beschleunigten Wachstumsbedingungen nur erschwert möglich.

Die neuen Daten der Kölner Forscher zeigen, dass KRAS-mutierte Tumorzellen zur fehlerfreien Verdopplung ihrer DNA auf die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 angewiesen sind, heißt es in der Mitteilung. Diese Abhängigkeit unterscheidet KRAS-mutierte Tumorzellen von gesundem Gewebe, das weitestgehend ohne die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 auskommt.

Genau an diesem Unterschied zwischen Tumorzellen und normalen Zellen setzt die neue Therapiestrategie an. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Tumorzellen und Tumore mit KRAS-Mutationen sehr gut auf eine Kombinationstherapie mit Chk1- und MK2-Hemmstoffen ansprachen. Die Kombinationstherapie wurde vom Normalgewebe nebenwirkungsarm toleriert.

Konzept bei KRAS-Mutation

Genauer betrachtet sind die Chk1- und MK2-Enzyme Proteinkinasen. Diese spezifische Enzymgruppe sei in den letzten zehn Jahren vermehrt in den Fokus von großen Pharmafirmen gerückt, so die Uni Köln. Enzyme sind pharmakologisch potenziell hemmbar und bieten daher Optionen für die Entwicklung neuer Therapeutika.

Eine kombinierte pharmakologische Hemmung von Chk1 und MK2 ist eine therapeutische Strategie, mit der speziell KRAS-mutierte Tumoren behandeln werden könnten.

"Diese Chk1/MK2 Hemmung kann speziell gegen KRAS-mutierte Krebszellen wirken, während normales Gewebe geschont bleibt, da in den gesunden Zellen das KRAS-Gen nicht mutiert ist", beschreibt Dr. Felix Dietlein, Erstautor der Publikation, das therapeutische Konzept.

Professor Michael Hallek, Leiter der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, hält das neue therapeutische Konzept für sehr vielversprechend: "MK2 ist eine Proteinkinase, die schon seit längerer Zeit genau untersucht wird, denn die Funktion dieses Proteins scheint ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung rheumatischer Erkrankungen zu spielen.

Auch die Proteinkinase Chk1 wurde in den letzten Jahren intensiv betrachtet, und es finden aktuell bereits erste klinische Untersuchungen mit verschiedenen Chk1-Inhibitoren statt.

Diese faszinierenden neuen Daten geben den behandelnden Ärzten in naher Zukunft möglicherweise ein Werkzeug an die Hand, mit dessen Hilfe KRAS-mutierte Tumoren effektiv behandelt werden können", so Hallek. Aktuell liegt noch keine Zulassung der MK2-Hemmer vor, aber es wird schon seit einiger Zeit an der Entwicklung solcher Medikamente geforscht.

Die Arbeiten an diesem Projekt wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung maßgeblich gefördert.

(Ärzte-Zeitung online, 5.8.15, eb)

 

Lindau-Gespräche am Bodensee

Nobelpreisträger im Kampf gegen Krebs

Den Krebs zu besiegen, haben viele Nobelpreisträger auf ihre Fahne geschrieben. In Lindau, wo einige von ihnen jährlich zusammenkommen, haben sie sich zu den besten Strategien geäussert.

Der Anstieg der Lebenserwartung bringt es mit sich, dass altersbedingte Krankheiten häufiger werden. Einige davon lassen sich mittlerweile gut angehen. Viele andere haben hingegen nichts von ihrem Schrecken verloren. Das gilt insbesondere für den Krebs. Zwar haben sich die Überlebensaussichten für die Betroffenen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Manche Tumorleiden stellen aber auch heute noch ein Todesurteil dar. In diese Kategorie fallen etwa bösartige Wucherungen der Bauchspeicheldrüse, des Darms und des Gehirns.

Krebstreibende Mutationen

Dazu kommt, dass die gängige Behandlung oft schwere Nebenwirkungen hervorruft. Denn sie zerstört nicht nur entartete, sondern auch gesunde Zellen. Begrenzen lassen sich solche Kollateralschäden nur, wenn Mediziner dem Feind im Innern statt mit «Schrotschüssen» mit massgeschneiderten Waffen zu Leibe rücken können. Diesem Ziel haben sich auch viele Nobelpreisträger verschrieben – eine Tatsache, die hoffen lässt. Was heute noch wie ein Traum klingen mag, könnte in nicht allzu ferner Zukunft wahr werden. Denn dank der rasanten Entwicklung im Bereich der Bioinformatik gelingt es immer besser, die krebstreibenden Mutationen zu identifizieren und dagegen vorzugehen.

Die Entdeckung, dass Krebs auf mutierte körpereigene Gene zurückgeht, hat den amerikanischen Forschern Michael Bishop und Harold Varmus 1989 den Nobelpreis eingebracht. Wie Bishop in Lindau sagte, entsteht Krebs immer dann, «wenn das Gaspedal klemmt oder die Bremsen nicht funktionieren». Das fest sitzende Gaspedal sind dabei die Onkogene: Erbanlagen mit der Bauanleitung von Proteinen, die auf unterschiedliche Weise die Zellteilung fördern. Im nichtentarteten Zustand Proto-Onkogene genannt, besitzen diese Gene normalerweise wichtige Funktionen. Das Gleiche gilt für ihre Gegenspieler, die als «Bremsen» fungierenden Tumorsuppressorgene. Auch diese stellen nur dann eine Gefahr dar, wenn sie nicht ordnungsgemäss funktionieren.

«Die Bremsen zu reparieren, hat sich als ausgesprochen schwierig herausgestellt», erklärte Bishop im persönlichen Gespräch. Sehr viel leichter sei es, das Gaspedal zu lockern. Ansätze, den Onkogenen das Handwerk zu legen, gibt es mittlerweile zuhauf. Nur selten sind sie aber so erfolgreich wie jene gegen die chronisch-myeloische Leukämie, eine seltene Form von Blutkrebs. Denn das dafür ursächliche Onkogen lässt sich mit den sogenannten Tyrosinkinasehemmern wirkungsvoll zum Schweigen bringen. Diese Medikamente unterdrücken ein Tyrosinkinase genanntes Enzym, das bei den Betroffenen übermässig aktiv ist.

Die Tyrosinkinasehemmer seien die ersten Krebsmittel gewesen, die aus den Erkenntnissen der Genforschung hervorgegangen seien, sagte Bishop. «Die Patienten lagen schon im Sterben. Zwei Wochen nach Behandlungsbeginn standen sie wieder auf, als ob nichts gewesen wäre.» Wie der Chemiker und Mediziner einräumte, besitzen die Wundermittel aber auch Schönheitsfehler. So verlieren sie mit der Zeit ihre Wirkung, weil die Krebszellen dagegen resistent werden. Spricht der Patient auf einen Tyrosinkinasehemmer nicht mehr an, muss er den nächsten einnehmen, bis auch dieser nicht mehr anschlägt und so weiter. «Das ist wie im Hamsterrad.»

In seltenen Fällen könnten diese Medikamente den Patienten auch heilen. Laut Bishop liesse sich dieses Ziel möglicherweise häufiger erreichen, wenn man den Betroffenen von Anfang an mehrere Tyrosinkinasehemmer verabreichte und nicht, wie derzeit üblich, nur einen. Den Nutzen einer solchen Vorgehensweise müsse man aber erst untersuchen. An solchen Studien bestehe derzeit aber wenig Interesse.

Personalisierte Medizin

Zu den Gründen dafür zählt laut dem Molekularbiologen Richard Roberts, dass die Pharmaunternehmen, die solche Studien normalerweise finanzieren, viel besser verdienen, wenn die Patienten ein Leben lang Tabletten einnehmen müssen. «Sicherlich, chronisch krank zu sein, ist besser, als zu sterben», sagte der britische Nobelpreisträger, der mitentdeckt hat, dass Gene mosaikförmig angeordnet sind. Um Krebs zu heilen, gebe es nur einen Weg: eine im echten Sinne des Wortes personalisierte Medizin. Denn wie man heute wisse, gleiche kein Krebs dem anderen. Daher benötige jeder Patient eine eigene Therapie. Solche Ansätze gebe es schon.

Ein solches Verfahren haben Forscher der St. Louis University in Washington, DC, kürzlich bei drei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom getestet.¹ Auf der Oberfläche des Tumors suchten sie zunächst nach Eiweissstrukturen, die sich deutlich von jenen gesunder Zellen unterschieden. Danach präsentierten sie diese Peptide einer bestimmten Gruppe von Immunzellen, die sie den Patienten zuvor entnommen hatten. Dabei handelte es sich um dendritische Zellen: Immunwächter mit der Aufgabe, innere und äussere Feinde aufzuspüren und das Abwehrsystem gegen die Aggressoren zu mobilisieren.

Nachdem sie die dendritischen Zellen «abgerichtet» hatten, verwendeten die Forscher diese als Impfstoff. Wie sie berichten, nahm daraufhin die Zahl der tumorspezifischen Abwehrzellen bei allen Probanden merklich zu. Nebenwirkungen sollen keine aufgetreten sein. Ob und wie sehr die Behandlung den Patienten zugutekam, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Wie Roberts kritisierte, hat die personalisierte Medizin derzeit noch einen schweren Stand. Das liege auch an den Arzneimittelbehörden. Denn diese wüssten noch nicht, wie sie solche massgeschneiderten Therapien regulieren könnten. «Hier müssen wir eine Lösung finden, das ist absolut essenziell», sagte Roberts.

Auf einem anderen Weg versucht der US-Biochemiker Roger Tsien, die Heilungsaussichten von Krebskranken zu erhöhen. Er markiert den Tumor mit einem fluoreszierenden Farbstoff, der es den Chirurgen erlaubt, die Geschwulst besser zu erkennen. Ziel ist es, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen und das gesunde Gewebe zugleich zu schonen. Tsien bleibt damit seiner Passion treu: 2008 teilte er sich den Chemienobelpreis mit anderen Forschern für die Entwicklung eines fluoreszierenden Farbstoffs, der es ermöglicht, zelluläre Prozesse in Echtzeit zu beobachten. Dass er sich inzwischen für die Onkologie interessiere, habe persönliche Gründe, sagte der Laureat in Lindau. Sein Vater sei an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Daher wolle er dazu beitragen, diese Krankheit zu besiegen.

Um Tumore gut sichtbar zu machen, verwendet Tsien enzymatisch aktivierbare Peptide. Bestehend aus einem positiv und einem negativ geladenen Arm, können diese Konstrukte nur dann in die Zellen eindringen und diese zum Leuchten bringen, wenn sie zuvor durchtrennt und damit angeschaltet wurden. Der Trick dabei: Bösartige Tumore enthalten grosse Mengen der dafür benötigten Enzyme, nicht hingegen gesundes Gewebe. Daher färben die Peptide lediglich die Krebsgeschwulst, die sich entsprechend deutlich vom Untergrund abhebt. Wie aus einer Untersuchung bei Mäusen hervorgeht, lässt sich der Tumor auf diese Weise gründlicher entfernen, wodurch sich die Überlebenschancen der Tiere verbessern. Ob das auch für den Menschen zutrifft, müssen zukünftige Studien zeigen.

Wie der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen einräumte, darf man ob der teilweise spektakulären neuen Verfahren eines nicht ausser acht lassen: die Prävention. Denn besser, als Krebs zu behandeln, sei es, diesen zu verhindern. Die Prävention spiele aber gemeinhin eine untergeordnete Rolle, sagte zur Hausen, der selbst zur Krebsverhütung beigetragen hat. Denn seine 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Entdeckung, dass das humane Papillomvirus Gebärmutterhalskrebs verursacht, hat zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen den verbreiteten Erreger geführt. Auch andere infektionsbedingte Krebsleiden, etwa Leberkarzinome infolge einer Ansteckung mit Hepatitis-B-Viren, lassen sich heute auf diese Weise verhindern.

Einfluss des Lebensstils

Erst unzureichend erforscht sei dagegen, wie sich die Lebensweise auf die Krebsentstehung auswirke, sagte der Amerikaner Bishop. Wenig Zweifel bestünden indes daran, dass sie dazu beitrage. Dafür gebe es viele Beispiele. So erkrankten Japaner in ihrem Heimatland viel eher an Magenkrebs, als wenn sie in den USA lebten; umgekehrt steige das Brustkrebsrisiko der Frauen. Auch hätten die Mitglieder von religiösen Gruppen, die sich strikt vegetarisch ernährten, nicht rauchten und keinen Alkohol konsumierten, ein phänomenal geringes Krebsrisiko. Dies sei teilweise wenig erstaunlich, zumal Tabak, Alkohol und vermutlich auch rotes Fleisch die Tumorentstehung begünstigten. Unklar sei demgegenüber, ob es auch Nahrungsstoffe gebe, die vor Krebs schützten. «Das wird zwar oft behauptet, doch ist die Datenlage nicht überzeugend.»

Zur Hausen verwies in dem Zusammenhang auf eine neue Studie, in der untersucht wurde, ob der Verzehr von Milchprodukten das Krebsrisiko beeinflusst.² Statt sich auf die notorisch ungenauen Ernährungsangaben von Probanden zu verlassen, verfolgten die Studienautoren das Schicksal von mehr als 22 000 Männern und Frauen mit Laktoseintoleranz. Diese Personen konsumieren in der Regel wenig milchhaltige Lebensmittel, da sie diese nicht vertragen. Wie Jianguang Ji von der Lund University in Malmö, Schweden, und Kollegen berichten, wiesen die Betroffenen ein um 20 bis 40 Prozent geringeres Krebsrisiko auf als der Durchschnitt.

Auf welche Weise der Verzicht auf Milchprodukte vor bösartigen Wucherungen schützen könnte, geht aus der Studie nicht hervor. Arbeiten von zur Hausen deuten allerdings darauf hin, dass tierische Lebensmittel teilweise erhebliche Mengen von «infektiösen Faktoren» enthalten: DNA-Bruchstücke, die möglicherweise von Viren stammen und daher in der Lage sein könnten, das menschliche Erbgut zu attackieren.

¹ Science 348, 803–807 (2015), ² British Journal of Cancer 112, 149–152 (2015).

(NZZ, 8.7.15, Nicola von Lutterotti)

 

Gesunde Knochen trotz Krebs – Österreichische Brustkrebsstudie mit wegweisendem Ergebnis

Wien - Die Studiengruppe ABCSG (Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group) beweist mit Österreichs größter Brustkrebsstudie ABCSG 18 unter der Leitung von Michael Gnant, Leiter der Universitätsklinik für Chirurgie an der MedUni Wien, dass Osteoporose als Langzeitfolge einer endokrinen Krebstherapie reduzierbar ist, und positioniert sich mit diesem Ergebnis wieder an der Weltspitze der Krebsforschung.

Weltweit gibt es nur zwei Studien zum Thema "Knochengesundheit und Krebs" - eine davon hat die seit 30 Jahren erfolgreiche österreichische Studiengruppe ABCSG nun nach über zehn Jahren Laufzeit mit einem hervorragenden Ergebnis abgeschlossen, das einen "practice-change" in der Brustkrebstherapie bewirken kann.

Insgesamt 3.425 Patientinnen mit hormonrezeptor-positivem Brustkrebs nahmen an dieser bislang größten Brustkrebsstudie in Österreich teil, die Rekrutierung lief von Dezember 2006 bis Juli 2013. Standardtherapie für postmenopausale Frauen mit hormonrezeptor-positivem Mammakarzinom sind heutzutage Aromatase-Inhibitoren, die allerdings auch negative Auswirkungen auf die Knochendichte haben und somit das Osteoporoserisiko deutlich erhöhen. Das wiederum geht mit Frakturen und einer beträchtlichen Einschränkung der Lebensqualität einher.

Die placebo-kontrollierte doppelblinde Adjuvans-Studie ABCSG 18 konnte nun zeigen, dass diese therapie-induzierte Langzeitfolge um 50 Prozent reduziert werden kann, wenn der humane monoklonale Antikörper Denosumab zusätzlich zur endokrinen Therapie verabreicht wird (92 Frakturen versus 176 im Placebo-Arm, HR=0.50). Ohne zusätzliche Toxizität halbiert die Gabe von 60 mg Denosumab zweimal pro Jahr subkutan klinische Frakturen, außerdem erhöhte sich die Knochendichte in der Wirbelsäule um zehn Prozent, in der Hüfte um rund acht Prozent und im Oberschenkelhals um sechs Prozent.

"Unsere Daten müssen jedenfalls Einfluss auf die tägliche Praxis haben, denn wir können unseren Patientinnen jetzt sehr einfach mit nur zwei Injektionen pro Jahr und ohne zusätzliche Belastungen eine schwerwiegende Langzeitfolge der Krebstherapie ersparen", bringt Michael Gnant, ABCSG-Präsident, Leiter der Universitätsklinik für Chirurgie der MedUni Wien, stellvertretender Leiter des Comprehensive Cancer Center (CCC) Vienna und Leiter der Studie ABCSG 18, die Relevanz der Ergebnisse auf den Punkt.

Die Daten werden beim Annual Meeting der American Society of Clinical Oncolocgy (ASCO, 29.5.-2.6.) in Chicago präsentiert, zu dem Tausende Onkologie-Expertinnen und -Experten erwartet werden. "Es ist ein bahnbrechendes Ergebnis, und die Eindeutigkeit hat sogar uns überrascht", so Gnant. "Die onkologische Welt wird wieder einmal gespannt auf Österreich blicken."

ABCSG 18: Knochenarbeit für Österreich

Fast alle österreichischen Krebs-Zentren sowie einige Zentren aus Schweden engagierten sich in diesem Projekt, zusätzlich zu zahlreichen niedergelassenen Radiologinnen und Radiologen, die regelmäßig Knochendichtemessungen bei den Studienteilnehmerinnen vornahmen. Insgesamt waren 65 Zentren mit mehreren Hundert Ärztinnen und Ärzten in der Studie aktiv, um die gefürchtete Nebenwirkung Osteoporose aus der Krebstherapie zu eliminieren. Finanziert wurde ABCSG 18 von dem global agierenden Pharmaunternehmen Amgen.

Studien zeigen, dass 16 Prozent aller postmenopausalen Brustkrebspatientinnen fünf Jahre nach einer Aromatase-Inhibitor-Therapie an Osteoporose und einer deutlichen Abnahme der Knochendichte leiden. Bei diesen Frauen treten vermehrt Frakturen auf, die schlecht heilen, und neben den gesundheitsökonomischen Aspekten ist natürlich auch ihre Lebensqualität beträchtlich eingeschränkt. ABCSG 18 beweist eindeutig, dass adjuvant verabreichtes Denosumab ohne zusätzliche Toxizität die Knochengesundheit postmenopausaler Brustkrebspatientinnen erhöht und das Frakturrisiko halbiert.

Knochengesundheit und Krebs - kein Widerspruch mehr

Der IgG2-anti-RANKL-Antikörper Denosumab hat eine ähnliche Wirkung wie Bisphosphonate, die zur Behandlung von Osteoporose eingesetzt werden. ABCSG 18 hat untersucht, ob der positive Effekt auf die Knochendichte auch eintritt, wenn hier noch keine Veränderungen vorliegen, man es also auch gesunden Patientinnen zur Verringerung des therapie-induzierten Osteoporoserisikos verabreicht. Postmenopausale Patientinnen mit hormonrezeptor-positivem Brustkrebs wurden 1:1 in die Studie randomisiert, der primäre Endpunkt war die Zeitspanne von der Randomisierung bis zur ersten klinischen Fraktur (ausgenommen waren Brüche von Schädel, Gesicht, Fingern und Zehen, da diese selten mit Osteoporose assoziiert sind). Sekundäre Endpunkte waren unter anderem Veränderungen der Knochendichte und vertebrale Frakturen.

Denosumab imitiert im Knochenstoffwechsel die Effekte von Osteoprotegerin, einem Protein zur Erhöhung der Knochendichte sowie einem Fangrezeptor für RANKL (Receptor Activator of Nuclear Factor-kappaB Ligand). Dieses Protein wandelt Präosteoklasten, also Vorläuferzellen, in Osteoklasten und erhöht damit die Aktivität dieser für den Knochenabbau verantwortlichen Zellen, was zu Osteoporose führt.

Rückfragen & Kontakt:

Medizinische Universität Wien

Ing. Klaus Dietl

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

+431 40160 - 11 503; Mobil: +43 664 800 16 11 503

klaus.dietl@meduniwien.ac.at

http://www.meduniwien.ac.at

(OTS, 18.5.15)

 

Kongress: Onkologie und 5.000 neue Studien

Beim weltweit größten Onkologie-Kongress in Chicago wird der thematische Schwerpunkt auf Krebs-Immuntherapie, Biomarker und neue Arzneimittel liegen

Wien/Chicago (Illinois) – Die sprichwörtliche Kongress-Karawane der Krebsspezialisten setzt sich wieder in Bewegung. Vom 29. Mai bis 2. Juni findet in Chicago die 51. Jahrestagung der Amerikanischen Onkologiegesellschaft (ASCO) statt. Für Forscher und Pharmaindustrie handelt es sich um die wichtigste Großveranstaltung auf dem Gebiet der Krebsforschung. Die Veranstalter rechnen mit rund 25.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Präsentiert werden die Ergebnisse von insgesamt etwa 5.000 neuen Studien.

Ein Fokus wird auf die relativ neue Krebs-Immuntherapie – also die Hemmung jener Mechanismen, mit denen Tumore die körpereigene Abwehrreaktion bremsen – liegen. Zudem werden die Erfahrungen mit zielgerichteten Arzneimitteln, die bösartige Zellen an ganz bestimmten Signalwegen angreifen, vorgestellt. Ein weiteres Thema werden Biomarker sein, mit denen jene Patienten erst gefunden werden können, die auf diese modernen medikamentösen Krebsbehandlungen am besten ansprechen.

Vitamin B3

Im Vorfeld des Kongresses gab es bereits Vorausveröffentlichtungen zu bestimmten Studien. "Solche wissenschaftliche Studien sind der Motor für den Fortschritt für Krebspatienten aller Altersgruppen", sagte ASCO-Präsident Paul Yu. So hat zum Beispiel eine große australische Studie gezeigt, dass die täglich Einnahme von Vitamin B3 (Nikotinamid) über einen Zeitraum von zwölf Monaten bei Hautkrebs-Hochrisikopatienten das Erkrankungsrisiko um 23 Prozent verringert.

In einer großen Wirksamkeitsstudie bei Patienten mit einem Rückfall bei einem Multiplen Myelom hat beispielsweise ein neuer monoklonaler Antikörper (Elotuzumab) eine Verlängerung des Zeitraums bis zum Wiederauftreten der Erkrankung nach Remission um fünf Monate gebracht. Fortschritte, so eine Aussendung, gibt es auch bei einer relativ häufigen Krebserkrankung bei Kindern, dem Wilms Tumor. Bestimmte Patienten profitieren hier von einer intensivierten Therapie.

Prostata- und Lungenkrebs

Schließlich werden auch Ergebnisse über die Kombination einer antihormonellen Therapie bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom plus einer Chemotherapie mit einem auch sonst in der Krebsbehandlung häufig verwenden Medikament (Docetaxel). Die Chemotherapie verlängert offenbar die durchschnittliche Überlebenszeit der Betroffenen um zehn Monate.

Internationale Pharmakonzerne weisen ebenfalls auf positive Studienergebnisse hin, die beim ASCO-Jahreskongress im Detail präsentiert werden. In zwei Untersuchungen von Roche, die zur Zulassung von Alectinib, einem oralen Arzneimittel der zielgerichteten Krebstherapie, führen sollen, zeigte sich bei Patienten mit sogenanntem ALK-positivem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom nach einer ersten Behandlung mit einem ALK-Inhibitor noch immer eine Ansprechrate bei rund 50 Prozent der Patienten.

Kranke mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom weisen zu etwa zweieinhalb Prozent eine Mutation im ALK-Gen auf. Hier lassen ALK-Inhibitoren gute Behandlungserfolge erhoffen. Schlägt die erste Therapie (z.B. mit dem ALK-Inhibitor Crozitinib) fehl, könnte hier in Zukunft eine weitere Möglichkeit mit Alectinib bestehen.

Monoklonale Antikörper

Bei dem Kongress werden aber auch mehrere Studien zur Krebs-Immuntherapie mit monoklonalen Antikörpern vorgestellt. Sie hemmen auf Immunzellen (T-Zellen) Rezeptoren (CTLA-4, PD1) oder deren Gegenstücke (Liganden, z.B. PD-L1), die zu einer Unterdrückung der Aggressivität der körpereigenen Abwehr oder zu deren Absterben führen.

Eine Blockade lässt die Immunantwort auf die Krebszellen wieder besser in Gang kommen. Diese Medikamente wirken laut bisherigen Resultaten offenbar breiter als die Medikamente der zielgerichteten Therapie bei Krebs. So zeigte sich in einer von Roche gesponserten wissenschaftlichen Studie mit dem Anti-PD-L1-Antikörper MPDL3280A, dass bei Patienten mit bereits vorbehandeltem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom im Beobachtungszeitraum die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten verdoppelt werden konnte.

Der deutsche Konzern Boehringer Ingelheim wird mehrere Studien mit den Tyrosin-Kinase-Hemmstoffen Afantinib und Nintedanib präsentieren. Letzteres ist auch bereits auf ganz anderem Gebiet zugelassen: zur Behandlung der Lungenfibrose.

(APA, 18.5.2015, red)

 

 

 

Kampf gegen Krebs

Mein Avatar, die Maus

Erfolge bekommt man in der Krebsforschung nicht geschenkt. Unzählige Substanzen werden mit viel Aufwand getestet und dennoch scheitern neun von zehn Wirkstoffen in der Klinik. Der Grund: Tumore sind individuell sehr unterschiedlich. Jetzt experimentieren Forscher mit Mäusen, denen Krebszellen ihrer Patienten implantiert werden.

Medikamente, die es bis in die Klinik schaffen, sind teuer und helfen nur bei einem Teil der Patienten. Oft wissen Ärzte nicht einmal, wem sie sie geben sollen - und wem nicht.

Die Krebsforschung sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob ihre Versuche wirklich etwas taugen - die machen sie nämlich mit Mäusen und der Mensch ist schließlich keine Maus. Jetzt schauen einige Forscher genauer hin. Und es zeigt sich, wer das tut, kann doch viel von Mäusen lernen.

Ein Mensch, der heute an Krebs erkrankt, hat eine Fülle an Medikamenten zur Auswahl. Doch das heißt nicht, dass er davon profitiert. Jens Hoffmann, Leiter der Firma EPO in Berlin-Buch.

"Da es ja mittlerweile sehr, sehr viele Substanzen gibt, und man den Patienten aber nicht mit all diesen Substanzen behandeln kann, sondern dann hat man meistens nur ein, zwei, drei Chancen, den Patienten zu therapieren. Und wenn der Patient da nicht anspricht, ist das meistens dann leider eine hoffnungslose Situation."

Eine bittere Realität. In der Forschung wird die Suche nach neuen Wirkstoffen weiter mit hohem Aufwand betrieben. Doch auch hier ist der Ertrag mager. Manuel Hidalgo, Forscher am nationalen Krebsforschungszentrum in Madrid.

"Von den letzten 30 klinischen Studien zu Bauchspeicheldrüsenkrebs brachten vielleicht zwei oder drei positive Ergebnisse. Das liegt vor allem daran, dass wir in die klinischen Studien an Patienten mit Substanzen gehen, über die wir viel zu wenig wissen."

Jetzt sollen Mäuse helfen, die Messlatte höher zu legen. Avatare, im Kampf gegen Krebs.

Das Centro Integral de Oncología Clara Campal, ein großes, modernes Krankenhaus im Norden von Madrid. Seit acht Wochen kommt Alberto de Frutos Nuñez regelmäßig zur Therapie in die onkologische Ambulanz.

"Ich bin gerade erst 50 Jahre alt geworden. Ich bin verheiratet, wir haben zwei Töchter, sie sind 16 und 14 Jahre alt. Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs, das weiß ich seit zwei Monaten. Er ist schon sehr weit, und hat schon Metastasen gebildet, in der Leber und der Lunge. Im Moment kann man mich deshalb nicht operieren."

Die Prognose in diesem Stadium ist düster. Fünf Jahre nach der Diagnose ist im Schnitt nur noch einer von hundert Patienten am Leben. Alberto de Frutos Nuñez bekommt eine kombinierte Chemotherapie. Doch allzu groß sind seine Chancen nicht.

"Wir haben viele Patienten wie ihn. Wir können sie mit der Standardtherapie nicht heilen."

Problem: Medikamente wirken nicht wirklich

Manuel Hidalgo forscht am Nationalen Krebsforschungszentrum in Madrid und ist Arzt an der Klinik. Es gibt nur wenige Medikamente, sagt er, die Patienten wie Alberto de Frutos Nuñez helfen. Und wenn sie wirken wird der Tumor häufig nach wenigen Monaten resistent und beginnt wieder zu wachsen. Bisher ist nur bruchstückhaft verstanden, wann und warum ein Medikament anschlägt. Versuch und Irrtum sind für die behandelnden Ärzte oft die einzige Option. Aber nicht für Manuel Hidalgo. Er nennt seine Studie "Avatar", nach den Computerspielen, in denen der Spieler sich selbst ein virtuelles Alter Ego schafft.

"Wir entnehmen ein Stück Tumor des Patienten gleich nach der Diagnose, und sequenzieren sein Genom. Wir durchkämmen es nach gut 500 genetischen Mustern, die wir schon kennen. Wenn wir da fündig werden, ist manchmal schon klar, welche Medikamente wirken könnten. Aber oft liefert uns das Genprofil nichts Aussagekräftiges. Mal bekommen wir jede Menge Information, die wir nicht verstehen. Oder wir klären zwar, welche Mutation den Tumor antreibt, haben aber kein passendes Medikament. Oder wir finden verschiedene Tumorkennzeichen, die sich gegenseitig widersprechen. Noch während der Patient die Standardtherapie bekommt, pflanzen wir seinen Tumor in Mäuse ein und vermehren ihn. So bekommen wir eine ganze Armee von Avataren. An ihnen probieren wir aus, welches von den Medikamenten, die dem Genprofil nach wirken müssten, tatsächlich wirkt. Sobald die erste Therapie nicht mehr hilft, setzen wir dieses Wissen ein."

Manuel Hidalgo will Wirkstoffe abseits der erprobten Standards finden. Noch wichtiger ist: Die Experimente an den Avataren ersparen dem Patienten vergebliche, aufreibende Fehlversuche. Und: Sie schenken ihm Zeit im Wettlauf gegen die Krankheit.

"Ich hab es im Gefühl, dass sie so wirklich einen rettenden Hinweis für mich finden werden. Meine Freunde sagen, was für ein Glück, dass du auf dieses Projekt gestoßen bist. Es ist, als würde ich mir ein Lotterielos kaufen, das mir das Leben retten kann."

In den 50er-Jahre erste Maus-Avatar-Versuche

Die Idee von Mäusen mit implantiertem Patientengewebe sorgte schon einmal für hohe Erwartungen. Schon in den 1950ern hatte man Mäuse mit einem Gendefekt entdeckt, der das Immunsystem so weit lahmlegt, dass sie menschliches Tumorgewebe tolerieren. Diese Mäuse sind nackt, denn der Gendefekt stört auch das Fellwachstum. Als sogenannte Nacktmäuse schafften sie es in den 1980er-Jahren auf die Titelseiten vieler Zeitungen. Der Freiburger Onkologe Heiner Fiebig war damals einer der Ersten, der die Mäuse nutzte. Die Vorteile, erzählt er, lagen auf der Hand.

"Wenn der Tumor in der Nacktmaus wächst, dann muss er ein Gefäßsystem bekommen. Und der Tumor wächst eben in drei Dimensionen. Und wenn er eine bestimmte Größe erreicht hat, gibt es auch nekrotische Abschnitte durch eine Minderdurchblutung, insofern ist das Wachstumsverhalten in der Nacktmaus dort ganz ähnlich, wie es beim Patienten auch der Fall ist."

Ein Stück Tumor von echten Patienten als Fremdkörper in der Maus - mit allem Drum und Dran: mit Blutgefäßen, toten Bereichen im Innern und einem wilden, zufälligen Mix aus verschiedensten Tumorzellen. Das war neu, aufregend und kein Vergleich zur bisherigen durch und durch künstlichen Situation. Bis dahin wuchsen Tumorzellen vor allem als dünne Schicht in Petrischalen. Fiebig schaffte es tatsächlich, 80 Mauslinien zu züchten, die Tumoren von 80 Patienten in sich trugen. Doch der große Erfolg blieb aus.

"Wir hatten dann Testergebnisse erhalten bei insgesamt 80 Vergleichen, und haben dann sehen können, dass wir ein Testergebnis nur in 32 von 80 Fällen hatten, bevor der Patient die Behandlung benötigte. Der praktische Nutzen war nur für einen kleinen Teil der Patienten gegeben."

Prozedur dauerte zu lange

In den meisten Fällen kamen die Ergebnisse zu spät, weil die Prozedur einfach zu lange dauerte und die Patienten inzwischen gestorben waren. In den 32 Fällen, bei denen alles klappte, lagen die Ergebnisse aus Maus und Mensch zwar tatsächlich nah beieinander, die Tests waren also aussagekräftig. Doch selbst dann konnte der Arzt oft keine Hilfe anbieten, weil es kein Medikament gab, das den Tumor wirksam bekämpft hätte. Heiner Fiebig entschied: Das macht in der Praxis keinen Sinn.

"Man erweckt Hoffnungen, die man dann bei der Mehrzahl der Patienten nicht erfüllen kann."

Nach den ersten Rückschlägen führten die Mäuse mit implantiertem Patiententumor lange ein Schattendasein. Doch genau das ändert sich gerade.

Das Istituto Oncologico Candiolo, ein Krebsforschungsinstitut gut 30 Kilometer südlich von Turin. Das Maushaus ist das Reich von Andrea Bertotti. Und es liegt direkt neben der Klinik des Instituts.

"Wenn in der Klinik ein Krebspatient operiert wird, bekommen wir ein Stück seines Tumors und pflanzen es ein direkt unter die Haut."

Das Resultat ist mit bloßem Auge zu erkennen: Unter dem weißen Fell zeichnet sich jeweils am Hinterschenkel der Mäuse eine Geschwulst ab. In den Tieren wächst menschliches Tumorgewebe, vergrößert sich und wird dann auf weitere Mäuse verteilt.

"Wenn wir das mehrere Male wiederholen, erhalten wir aus den ersten beiden Mäusen am Ende 30, 40 Mäuse, die alle den gleichen Tumor in sich tragen. In den Mäusen können wir dann Medikamente testen: Und zwar mehrere Medikamente parallel an ein und demselben Tumor."

Fortschritte im genetischen Wissen

Bertotti nutzt Mäuse, die fremdes Tumorgewebe noch besser tolerieren als die Nacktmäuse. Es sind sogenannte Nod-Skid-Mäuse, deren Immunsystem noch stärker unterdrückt ist. Ihm gelingt das Kunststück, den Tumor in der Maus zum Wachsen zu bringen, deshalb viel häufiger als Fiebig und seinen Kollegen vor 30 Jahren.

Seit den frühen Versuchen in den 1980ern hat sich noch etwas verändert: Die Menge an Wissen über die genetischen und biologischen Eigenheiten von Tumoren ist regelrecht explodiert.

"Tumour heterogeneity is in fact insurmountable."

Livio Trusolino leitet die Forschergruppe gemeinsam mit Andrea Bertotti. Die Heterogenität bei Tumoren sei unüberschaubar, sagt er. Und sie gehöre quasi zu ihrer Natur.

"Das hat mit ihrer Entstehung zu tun: Sie wachsen und wachsen und sammeln mit der Zeit immer mehr Veränderungen in ihrem Erbgut an. Manche Veränderungen machen sie noch aggressiver, andere lassen die Tumorzellen verkümmern. Das ist völlig chaotisch. Bei hundert Tumoren haben vielleicht zehn Mutation A, zwei dieser zehn haben noch Mutation B. Drei mit Mutation A haben auch Mutation C, aber eben nicht Mutation B, und so weiter. Es gibt unendlich viele Kombinationen."

Tumor ist also nicht gleich Tumor. Unterschiede gibt es sogar innerhalb ein und derselben Geschwulst.

"Which is the reason why first we collect so many samples."

Tumorsammlung für die Forschung

Andrea Bertotti und Livio Trusolino wurden also zu Tumorsammlern. Inzwischen haben sie die europaweit größte Sammlung von Dickdarm-Tumor-Proben aufgebaut, mehrere hundert Patientenproben liegen gut sortiert und etikettiert, tief gefroren in ihrer Biobank. Je nach Studienfrage etablieren sie daraus und aus frischen Proben direkt aus dem Operationssaal eine passende Armee von Mausavataren. Mit schierer Masse wollen sie der Unübersichtlichkeit Herr werden. Das hat immerhin schon einmal geklappt und konkrete Ergebnisse gebracht. Andrea Bertotti schiebt eines der Käfiggestelle zur Seite, sodass eine zweite Reihe mit Käfigen sichtbar wird.

"Die Mäuse hier behandeln wir mit einem Wirkstoff, der für Dickdarmkrebs offiziell zugelassen ist. Wir wissen, dass er längst nicht bei allen wirken wird. Dann machen wir weiter und probieren andere Wirkstoffkombinationen aus."

Der Wirkstoff gehört zur neuen Medikamentengeneration. Es ist ein Antikörper. Rein theoretisch müsste er bei viel mehr Patienten wirken, tut er aber nicht. Und keiner weiß so recht, warum. Im genetischen Profil einiger Tumoren, die nicht auf den Wirkstoff ansprachen, fiel Bertotti und Trusolino ein Merkmal auf, das eigentlich typisch für Brusttumoren ist, nämlich mehrere Kopien des Her2-Gens.

"Wir probierten deshalb aus, ob diese Dickdarmtumoren auf ein Brustkrebsmedikament ansprechen, das diese Her2-Anomalie ausnutzt. Und es hat geklappt. Die Ergebnisse haben wir an unsere Kollegen in der Klinik weitergegeben. Und die setzen sie jetzt in einer klinischen Studie mit Patienten um."

Innerhalb von sechs Monaten Ergebnisse

Vom Abschluss der Mausstudie bis zur Behandlung des ersten Patienten vergingen nur sechs Monate. Das ist für die Krebsforschung rasend schnell.

"Wir testen jetzt weitere Medikamente, die noch nie jemand systematisch bei Dickdarmkrebs eingesetzt hat. Wir prüfen eine Möglichkeit nach der anderen."

Die Turiner bleiben konsequent bei der Grundlagenforschung. Die Patienten, von denen die Tumorproben stammen, haben nichts davon. Erst die nächste oder übernächste Patientengeneration.

"Wir fangen gerade an, auch mit anderen Krebstypen zu arbeiten. Wir haben Proben von Kopf- und Halstumoren und einige Formen von Lungenkrebs. Wir sammeln jetzt erst einmal. Und wenn wir genug Tumorexemplare zusammen haben, werden wir entsprechende Studien angehen.

"The summer of 2009 my 46-year-old husband Alan was diagnosed with a very rare and aggressive cancer."

Robyn Stoller lebt mit ihren drei Kindern nahe Washington, D.C., in den USA. Im Sommer 2009 fand man bei ihrem Mann einen seltenen, aggressiven Knochentumor.

"Die Diagnose war ein Schock. Alan war 46 Jahre alt. Bis die Ärzte endlich herausfanden, was es war, bekamen wir viele falsche Diagnosen. Da hatte der Tumor schon gestreut, wie lauter kleine Sandkörner hatte er sich in Alans Lunge verteilt. Man sagte uns, er müsse sofort mit der Therapie beginnen."

Kommerzielle Anbieter von Maus-Avataren

Die beiden ersten Therapien nutzten kaum. Der Tumor wuchs weiter. Robyn Stoller suchte wie besessen nach Alternativen und stieß schließlich auf einen Mann namens David Sidransky, einen Onkologen an der Johns Hopkins Universität.

"Er war sehr ehrlich zu uns. Wir wussten, worauf wir uns einließen."

David Sidransky hatte zusammen mit Manuel Hidalgo die Firma Champions Oncology gegründet, die beiden hatten mehrere Jahre zusammen an der Johns Hopkins Universität gearbeitet. Champions Oncology bietet die Mausavatare kommerziell an. Wer Krebs hat und es sich leisten kann, kann sich die Mäuse kaufen.

"Die Avatare anzulegen, kostet bei uns etwa 2000 Dollar, in Europa sind das rund 2000 Euro. Die erste Runde Medikamententests, mit vier bis fünf Wirkstoffen, kostet etwa 10.000 Euro. Jeder muss für sich entscheiden, ob es das wert ist."

Die Stollers entschieden schnell und sagten zu. Alans Tumor wuchs rasch. Es ging ihm so schlecht, dass man ihn nicht einmal operieren konnte, um eine Tumorprobe zu nehmen. Aber Dr. Sidransky berief ein Team von Experten und die berieten sich. Sie schlugen eine Medikamentenkombination vor. Die empfohlene Therapie war die erste, die half, wenn auch nur wenig: Der Tumor wuchs langsamer. Kurz darauf konnte Alan Stoller doch noch operiert werden, die Avatare wurden angelegt. Doch ihm lief die Zeit davon. Er starb, wenige Tage bevor die Maustests Ergebnisse lieferten.

"Das Ergebnis war eindeutig: Es gab kein Medikament, das seinen Tumor hätte besiegen können. Sein Tumor war zu aggressiv, zu stark, wir haben ihn zu spät entdeckt. Wir konnten einfach nichts tun."

War das alles also umsonst, das viele Geld für nichts ausgegeben?

"Nein, ich finde, wir hatten großes Glück. Wir können nachts schlafen, weil wir wissen, dass wir wirklich alles versucht haben. Und wir haben dank der Mäuse bis zum Schluss eine Chance gesehen."

Nutzen ist nicht gesichert

In den USA hat die Firma ihre Mäuse bisher an etwa tausend Patienten verkauft, in Europa nur an eine Handvoll Patienten in Großbritannien. Sie wirbt mit dem Versprechen einer auf den Patienten zugeschnittenen Therapie. Dabei mache sie, sagt David Sidransky, nicht einmal Gewinn: Der Preis decke nur die Kosten. Geld verdiene die Firma, indem sie mit Erlaubnis der Betroffenen die etablierten Mausavatare für Medikamententests nutzt und in ihre wachsende Biobank aufnimmt.

"Es ist eine noch nicht etablierte, experimentelle Methode. Aber ihre Aussagekraft ist mit um die 90 Prozent Trefferquote unglaublich gut. Wir müssen herausfinden, wie wir sie am besten nutzen. Und wo sie den gegenwärtigen Klinikbetrieb am besten ergänzen können."

Ein experimentelle Methode, das heißt im Klartext, ihr Nutzen ist noch nicht einwandfrei in großen klinischen Studien nachgewiesen, wer sie nutzt, begibt sich auf unerforschtes Terrain. Gerade in den USA hat die Firma harsche Kritik auf sich gezogen, der Vorwurf: Eine Methode mit derart ungewissem Nutzen zu vermarkten, sei unverantwortlich. Sidransky verteidigt sich:

"Wir wollen diese Methode den Patienten jetzt zugänglich machen und sie nicht noch Jahre darauf warten lassen, bis alle Nachweise erbracht sind. Wir glauben, dass das die richtige Balance ist, für eine neue Technologie wie diese."

Auch in Deutschland gibt es eine Firma, die Mausavatare anbieten kann. Für die Experimental Pharmacology and Oncology, kurz EPO, in Berlin-Buch führt Jens Hoffmann die Geschäfte mit den Xeno-Patienten, wie er die Mäuse lieber nennt.

Auch in Deutschland Angebot von Maus-Avataren

"Das sind eigentlich im Moment sehr vielversprechende Ansätze, wir hatten uns deshalb auch entschlossen, diese Technologie anzubieten, man kann bei uns auf der Webseite Informationen dazu finden."

Hoffmann wirbt nicht offensiv für die neue Methode, die Kernkompetenz der Firma liegt in der Forschung. EPO verdiene Geld mit Auftragsforschung, erklärt er, dafür setze sie neben Zellkulturen auch Mäuse mit implantiertem Tumorgewebe ein. Doch dann sei eine ehemalige Mitarbeiterin an Darmkrebs erkrankt. Hoffmanns Laborteam etablierte Mauslinien für die Krebskranke und konnte daraus tatsächlich Empfehlungen für deren Therapie ableiten, die der Kranken vermutlich mehrere Jahre schenkten. Das Know-how für die therapeutische Nutzung wäre also da.

"Aber es ist erstaunlicherweise bisher nicht weiter nachgefragt worden, sodass es bei uns eigentlich eher dabei geblieben ist, dass wir das nur für vielleicht derzeit fünf bis sechs Patienten gemacht haben, die alle mehr oder weniger in irgendeinem Verhältnis zu Mitarbeitern stehen."

Kommerz und Hoffnung, teure Methoden und die Frage von Leben oder Tod. Keine harmlose Mischung. Viele Wissenschaftler halten es für vielsprechend und richtig, Mausavatare für die Grundlagenforschung zu nutzen, schrecken aber davor zurück, sie direkt in der Therapie zu verwenden. Zu wenig erprobt sei die Methode, zu fahrlässig werde da Hoffnung geschürt, womöglich Geld verschwendet. Manuel Hidalgo hat sich inzwischen aus der Firmenleitung von Champions Oncology zurückgezogen. Das Geschäftsmodell sieht er heute kritisch.

"Man muss vorsichtig sein, solche neuen Techniken Patienten direkt anzubieten. Das gilt für vieles, was gerade auf den Markt kommt. Wir müssen den Nutzen erst einmal nachweisen. Wenn wir aber zeigen können, dass die Avatare dem Patienten helfen, dann sind die hohen Kosten nicht der springende Punkt. Was man für die Avatare ausgeben muss, ist wenig im Vergleich zu den Preisen für Medikamente, die oft nicht helfen und nur Nebenwirkungen verursachen."

Groß angelegte Studie zu Maus-Avataren

Gerade hat Manuel Hidalgo vom European Research Council Fördergelder der EU bekommen, sodass er sein Forschungsprojekt ausweiten kann.

"Bisher lief die Studie in kleinerem Rahmen und nur dank der großen Unterstützung durch meine Kollegen hier. Jetzt haben wir das Geld, um eine größere klinische Studie zu starten. So können wir ganz solide die Frage klären: Helfen die Avatare den Patienten oder helfen sie nicht?"

Gemeinsam mit Forschern von 15 anderen Forschungszentren hat Hidalgo ein Netzwerk gegründet namens EuroPDX. Laura Soucek vom Vall D'Hebron Institute of Oncology in Barcelona kümmert sich im Netzwerk um die ethischen Fragen:

"Ein Grund, warum so viele potenzielle Krebsmedikamente im klinischen Versuch am Patienten gescheitert sind, war, dass die Vorversuche einfach nicht gut genug waren. Wir wollen Wissen, Erfahrung und Ressourcen austauschen. Das ist auch ethisch wichtig: Wenn wir schon Tierversuche machen, dann müssen sie so gut wie irgend möglich sein."

Die Forscher wollen verbindliche Kriterien für ihre Mausstudien festlegen und multizentrische Studien auflegen.

"Wir verstehen immer genauer, wann der Rückschluss von der Maus auf den Menschen funktioniert und wann nicht. Die Mäuse, so wie wir sie inzwischen handhaben, können wirklich viele Informationen liefern."

Manuel Hidalgo und alle anderen im Netzwerk arbeiten daran, die Mausavatare vielseitiger zu machen. Hormonabhängige Tumoren wie Brust- und Prostatakrebs zum Beispiel sind nur schwer in der Maus zu züchten, mit Hormongaben klappt auch das immer besser. Will man Immuntherapien testen, braucht es Mäuse mit menschlichem Immunsystem, auch das scheint machbar. All das ist Zukunftsmusik. Für Alberto de Frutos Nuñez zählt nur, was heute zur Verfügung steht.

"Es gibt viele Medikamente, die helfen können. Es kommt darauf an, dass sie das Richtige für mich finden. Es ist fast schon verrückt, was die Ärzte heute können, eine wirklich gute Idee mit diesen Mäusen, als wären sie meine virtuellen Co-Patienten. Ich muss optimistisch bleiben."

(Deutschlandfunk, 16.8.15, Katrin Zöfel)

 

 

US-Medizinerin:

"Der Krebs ist ein gerissenes Biest"

Die Wissenschafterin Laurie Glimcher will den Krebs von einer tödlichen in eine chronische Krankheit verwandeln

Laurie Glimcher ist Professorin am Weill Cornell Medical College in New York. Am 27.4.15 hielt sie im Rahmen der Karl-Landsteiner-Lecture des "Zentrums für Molekulare Medizin" der Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien einen Vortrag zum Thema "A Novel Approach to Cancer Immunotherapy". Die Lecture findet einmal jährlich zu Ehren des österreichischen Nobelpreisträgers Karl Landsteiner statt. Er war Entdecker der Blutgruppen. Die Sprecher sind stets wissenschaftliche Vorreiter, deren grundlegende Erkenntnisse nachweislich Einfluss auf die molekularmedizinische Forschung haben.

STANDARD: Als Richard Nixon 1971 den "Krieg gegen Krebs" ausrief, glaubten viele Wissenschafter, man würde den Krebs binnen zwei Jahrzehnten besiegen. Das war offenbar zu optimistisch. Warum?

Laurie Glimcher: Dieses Forschungsprogramm war eine Mondrakete, die noch nicht für den Start bereit war. Wie sich herausstellte, ist Krebs ein viel gerisseneres Biest, als man damals angenommen hatte. Die Chemotherapie hatte zwar einige Erfolge gebracht, aber die meisten Krebsarten blieben dennoch unheilbar. Man stirbt normalerweise nicht am Tumor, sondern an der Tatsache, dass er sich im Körper ausbreitet.

STANDARD: Anders gefragt: Was wissen wir nun über Krebs, was man damals nicht wusste?

Glimcher: Es gab in der Zwischenzeit auf zwei Gebieten große Fortschritte: die direkte Bekämpfung von Krebsgeweben und die Aktivierung des Immunsystems. Ersteres beruht auf der Erkenntnis, dass Tumore nicht nach den Organen klassifiziert und behandelt werden sollten, von denen sie stammen, sondern nach den DNA-Veränderungen, die sie zu bösartigen Wucherungen gemacht haben. Blasenkrebs kann beispielsweise von Mutationen ausgelöst werden, die für Brustkrebs typisch sind. Ohne das Humangenomprojekt wäre diese Einsicht unmöglich gewesen. Der zweite Fortschritt wurde vor über 100 Jahren angedacht - vom Onkologen William Coley. Er hatte erkannt, dass unser Immunsystem imstande ist, im Körper flottierende Krebszellen abzutöten. Es gab viele Versuche, das umzusetzen, aber sie sind alle gescheitert. Hier haben wir erst in den letzten Jahren Fortschritte gemacht.

STANDARD: Welche Entdeckungen führten dazu, dass Coleys Idee schließlich umgesetzt wurden?

Glimcher: Vor allem eine Entdeckung des Immunologen James Allison. Er hatte herausgefunden, dass es auf den sogenannten T-Lymphozyten Rezeptoren gibt, mit denen sich diese Immunzellen aktivieren lassen. Die T-Lymphzyten sind gewissermaßen die Gehirne des Immunsystems. Sie können Proteine auf den Krebszellen erkennen und diese abtöten.

STANDARD: Warum schaffen das die T-Lymphozyten nicht ohne Hilfe?

Glimcher: Weil sich der Tumor in einer Mikroumgebung verbirgt, die das Immunsystem hemmt. Allisons Beitrag bestand darin, jene Rezeptoren auf Immunzellen zu blockieren, die der Tumor für seinen Schutz verwendet. Moderne Wirkstoffe wie Yervoy und Keytruda tun genau das: Sie aktivieren die T-Zellen, indem sie die unerwünschte Hemmung verhindern. Diese Methode nennt man Checkpoint-Blockade. Sie hat in den letzten paar Jahren zu erstaunlichen Resultaten geführt.

STANDARD: Bei welchen Krebsarten wurde das schon angewandt?

Glimcher: Zum Beispiel bei Patienten mit einem metastasierenden Melanom, bei denen die Chemotherapie gescheitert war. Etwa 30 bis 40 Prozent der Patienten sprachen auf die Therapie an, bei manchen von ihnen verschwand der Krebs völlig. Es ist allerdings noch zu früh, um abschätzen zu können, wie lange dieser Rückzug anhält. Wir müssen auch noch herausfinden, welche Tumorarten für diese Therapie geeignet sind. Lymph- und Lungenkrebs sind aussichtsreiche Kandidaten. Natürlich ist auch das nicht die Antwort auf Krebs - aber ich würde sagen, das ist ein bedeutender Schritt vorwärts.

STANDARD: Angenommen, die Verteidigung des Immunsystems gegen Krebs - der ja Teil des Körpers ist - wäre perfekt: Könnten dann nicht Autoimmunreaktionen entstehen?

Glimcher: Absolut, das ist die andere Seite der Medaille: Man will, dass die T-Zellen aktiv werden, aber wenn sie überaktiv sind, wenden sie sich gegen das körpereigene Gewebe. Letztlich ist das eine Abwägung von Risiko und Nutzen. Wenn ein Krebspatient die Chance hat, seine Krankheit zu besiegen, betrachtet er eine Darmentzündung meist als das geringere Übel. Es ist sogar so, dass die Autoimmunreaktionen in manchen Fällen als Vorhersage für den Therapieerfolg dienen: Sind sie da, sprechen die Patienten in der Regel auch auf die Krebstherapie an.

STANDARD: Welches Ziel streben Sie in der Krebstherapie an?

Glimcher: Was wir anstreben, ist letztlich eine Therapie, die der modernen Behandlung von HIV nicht unähnlich ist. Die Kombinationstherapie verhindert, dass der HI-Virus mutiert, gegen ein Medikament resistent wird und sich wieder unkontrolliert vermehren kann. Das möchten wir mit Krebsmedikamenten und Immuntherapie auch erreichen: Wir wollen den Krebs von einer tödlichen in eine chronische Krankheit verwandeln.

(DER STANDARD/Wien, 29.4.2015, Robert Czepel)

 

 

Ärzte: Krebs-Medikamente zweimal unter die Lupe nehmen

Ein gemischtes Fazit ziehen Krebsspezialisten und andere Ärzte für die frühe Nutzenbewertung von Arzneimitteln. Mehr als 100 neue Medikamente sind inzwischen auf diese Weise bewertet worden. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) fordert nun zusätzlich eine späte Nutzenbewertung – vor allem für Arzneimittel zur Krebsbehandlung.

Etwa ein Viertel der jährlich neuzugelassenen Wirkstoffe sind für die Krebsbehandlung gedacht. Der Vorsitzende der AkdÄ Professor Wolf-Dieter Ludwig begrüßt, dass für die Patienten dadurch neue Therapieoptionen zur Verfügung stehen. „Allerdings lässt sich zum Zeitpunkt der Markteinführung der therapeutische Stellenwert von neuen onkologischen Arzneimitteln häufig nur begrenzt bestimmen“, so Ludwig. Als Gründe dafür nennt der Arzneimittelexperte Mängel in den für die Zulassung relevanten klinischen Studien, aber auch fehlende Erfahrung in der breiten Anwendung des neuen Arzneimittels im Versorgungsalltag. „Deshalb ist gerade in der Onkologie neben der frühen auch eine späte Nutzenbewertung – beispielsweise zwei bis drei Jahre nach Markteinführung – eine wichtige Voraussetzung für die Bewertung des Zusatznutzens“, so Ludwig.

Nutzenbewertung von Arzneimitteln ist etabliert

Bei der Frühen Nutzenbewertung entscheiden seit 2011 Ärzte, Kliniken und Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) über den Zusatznutzen von Arzneimitteln, die neu auf den Markt kommen. Grundlage ihrer Entscheidung ist ein Vergleich mit bereits verfügbaren Arzneimitteln und eine Analyse von Studien, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) für den GBA erarbeitet.

Bis Ende 2014 sind knapp 100 dieser Nutzenbewertungen durchgeführt worden. In etwa 60 Prozent der Verfahren wurde nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) kein Zusatznutzen festgestellt. Bei den positiv bewerteten Medikamenten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den medizinischen Fachgebieten. Drei Viertel der mit „beträchtlicher Zusatznutzen“ bewerteten Arzneimittel stammen laut DGHO aus der Krebs- und der Infektionsforschung.

Krebsmediziner fordern Fortentwicklung des Verfahrens

Die DGHO hat gemeinsam mit 19 anderen medizinischen Fachgesellschaften und der AkdÄ die bisher durchgeführten Nutzenbewertungen analysiert. Auf dieser Basis plädiert sie für eine Weiterentwicklung des Prozesses. Sie attestieren dem Verfahren Stringenz und eine zusätzliche Transparenz über neue Arzneimittel. Änderungsbedarf sehen die Onkologen jedoch unter anderem bei der Festlegung der zweckmäßigen Vergleichstherapie, der Bewertung patientenrelevanter Endpunkte und beim Umgang mit fehlenden Studiendaten. Zudem plädieren sie für eine engere Einbeziehung von medizinischen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen.

(gesundheitsstadt-berlin.de, 13.5.15, Angela Mißlbeck )

 

 

Durchbruch in Grundlagenforschung:

Kieler Forschende entdecken neues Mittel gegen Krebstumore

Forschende des Pharmazeutischen Instituts der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben chemische Verbindungen entwickelt, die starke Wirkungen gegen Tumore gezeigt haben. Außerdem sind die sogenannten „aromatischen Heterozyklen“ einfach und effizient herzustellen. Die Arbeitsgruppe rund um Professor Bernd Clement hat ihre Ergebnisse im Forschungsmagazin „Chemistry – A European Journal“ veröffentlicht.

Die Eigenschaften und Vorteile

Erste Tests mit einer der in Kiel entwickelten chemischen Strukturen wurden im US-amerikanischen National Cancer Institutes in Bethesda an 60 unterschiedlichen Tumorzelllinien durchgeführt. Dabei kam heraus, dass die Kieler Struktur ähnlich wirksam das Wachstum von Tumoren hemmt wie bereits zugelassene Krebsmedikamente – oder diese sogar noch in der Wirksamkeit übertrifft.

Im Vergleich mit anderen Methoden, die vergleichbare Stoffe erzeugen, hat die in Kiel entwickelte allerdings einen großen Vorteil, wie Pharmazie-Professor Bernd Clement erklärt: „Die Verbindungsklasse ist mit der von uns entwickelten ‚Clement und Weide Zyklisierung‘ extrem einfach herzustellen. Andere Methoden sind deutlich komplexer und umfassen viele Einzelschritte. Sollte der Stoff in Zukunft als Medikament genutzt werden, kann man daher auf eine viel kostengünstigere Produktion als heute hoffen.“

Ein weiterer Pluspunkt der gefundenen Methode bestehe in der hohen Veränderlichkeit der entstehenden chemischen Strukturen, sagt Doktorandin Tamara N. Steinhauer: „Es ist uns möglich, an einer bestimmten Position strukturelle Variationen durchzuführen, ohne dass dabei die Herstellung komplizierter wird.“ Aus der Entdeckung könnten daher in Zukunft noch viele weitere Strukturklassen entwickelt werden. Die Doktorandin Steinhauer: „Man benötigt lediglich zwei Komponenten, die man praktischerweise kommerziell und günstig erhalten kann, und setzt diese in einer chemischen Reaktion um.“

Die Herstellung

„Die Entdeckung basiert auf einer in unserem Arbeitskreis entwickelten und patentierten Methode zur Synthese von Heterozyklen“, sagt die Doktorandin Steinhauer. Heterozyklen sind chemische Verbindungen, die aus mindestens zwei verschiedenen Elementen bestehen und ringförmige Strukturen bilden. „Durch den Austausch einer der beiden Komponenten, die in der Synthese zur Reaktion gebracht werden, haben wir eine vollkommen neue Verbindungsklasse hergestellt, die bislang nicht in der Fachliteratur beschrieben war.“

Bei der chemischen Synthese werden zwei kleine und einfache Moleküle im Verhältnis 2:1 in einer Drei-Komponenten-Reaktion durch Zusatz einer Base zur Reaktion gebracht, wodurch das komplexe heterozyklische Gerüst aufgebaut werden kann. In der Praxis werden die Ausgangsstoffe zusammen mit einer Base in einem Lösungsmittel für eine Stunde bei 0° C und anschließend eine Stunde lang bei 8 °C gerührt. Das Produkt wird dann durch eine einfache Hydrolyse erhalten: Die Reaktionslösung wird also auf Eiswasser gegeben, wodurch das Produkt in Form eines Niederschlages ausfällt, und so isoliert werden kann.

Tests und Weiterentwicklung

Professor Clement will die Substanzen nun weiter untersuchen: „In unserer Publikation sind drei Derivate der neuen Verbindungsklasse beschrieben. Durch die flexible Methode können aber eine Vielzahl unterschiedlicher Derivate hergestellt und dann auf ihre antitumorale Wirksamkeit getestet werden. Diese Arbeiten werden Gegenstand einer weiteren Publikation sein. Vor einer Anwendung einer dieser Substanzen ist aber noch einiges in Hinblick auf die vorklinische Entwicklung zu tun.“

(www.curado.de, 30.4.15, Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

 

 

Die Zukunft der Krebsbehandlung

Warum Therapien künftig völlig umgekrempelt werden und wo es Hürden gibt.

"Es ist eine Mondlandung", sagt Univ.-Prof. Josef Penninger, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA), über die zielgerichtete Immuntherapie. "Die Ideen, wie man Krebs therapiert, sind über den Haufen geworfen. Dass das so funktioniert, hätten wir uns in den kühnsten Träumen nicht erwartet. Man therapiert nicht den Tumor, sondern das Immunsystem, das den Tumor besiegt."

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Science or Fiction: Grundlagenforschung trifft Klinik", organisiert von Novartis Pharma, diskutierte Penninger Montagabend mit dem Onkologen Univ.-Prof. Christoph Zielinski über die neuesten Ansätze in der Krebsforschung und -behandlung. Eines der Hauptthemen war dabei die zielgerichtete Immuntherapie. Statt die Krebszellen mit Giften oder Röntgenstrahlen zu attackieren, wird das Immunsystem in die Lage versetzt, selbst gegen den Krebs vorzugehen.

Pioniere

Erst vor wenigen Tagen wurden die Pioniere der Immuntherapie gegen Krebs – die US-Amerikaner James P. Allison und Carl H. June – mit dem Paul-Ehrlich-Preis ausgezeichnet, der auch als Indikator für den Nobelpreis gilt. Der Nobelpreisträger Harald zur Hausen sprach bei der Ehrung von einem "Ansatz, der uns in die Zukunft führt". Das Verfahren wird bereits in der klinischen Behandlung eingesetzt.

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu neuen Ansätzen und Therapien gelang schon 2003, als das menschliche Genom im Rahmen des Humangenomprojekts erstmals vollständig entschlüsselt wurde. Mehr als 1000 Mitarbeiter arbeiteten 13 Jahre lang daran – Kostenfaktor drei Milliarden Dollar. Heute gelingt so eine Sequenzierung innerhalb weniger Stunden.

"In China wollen sie ab dem nächsten Jahr kostenlos eine Million humane Sequenzierungen im Jahr machen. In London spricht man davon, dass in fünf Jahren jeder Arzt eine Sequenziermaschine in seiner Praxis haben könnte. Er macht einen Blutabstrich und schaut, welche Mutationen jemand hat", erzählte Penninger.

Das Ziel sei es, möglichst viele Daten zu sammeln, um nicht nur einzelne Mechanismen zu identifizieren, sondern auch herauszufinden, welche davon wirklich eine Funktion haben. Die Forscher wollen wissen, welche Gene die Treiber des Tumors sind, warum bestimmte Tumore gegen Medikamente resistent werden und welche Gene Resistenzen auslösen.

Biopsien

In der aktuellen Krebsbehandlung setzt man immer mehr auf personalisierte Medizin – durch "molekulares Profiling" werden Gen-Mutationen und Biomarker identifiziert, um zielgerichtete Therapien einzusetzen. Zielinski erklärte allerdings die Problematik: "Die moderne, molekularbiologische Analytik hat zu einem neuen Krankheitsverständnis und damit zu neuen Therapieansätzen geführt. Doch es zeichnet sich ab, dass wir erst am Anfang der Entwicklung adäquater Therapieansätze stehen." So sei es naiv zu glauben, ein Tumor sei homogen – keine Zelle sei wie die andere. "Bei einer Biopsie wird nur ein Teil sequenziert. Je mehr wir verstehen, was diesen Tumor antreibt, desto mehr Optionen haben wir. Oft verstehen wir aber nicht, was ihn antreibt."

Besonders bei der Therapie von Metastasen, die für die meisten krebsbedingten Todesfälle verantwortlich sind, sowie bei der Entwicklung von Resistenzen gebe es noch viele offene Fragen. Penninger: "An welcher Stelle eines Tumors und zu welchem Zeitpunkt Zellen entnommen werden, scheint das Ergebnis der molekularbiologischen Analyse maßgeblich zu beeinflussen." Das würde erklären, warum Metastasen oft andere Charakteristika zeigen, als der Primärtumor – diese Komplexität macht die Therapie von metastasiertem Krebs enorm schwierig.

Hürden zum Ziel

Hier ist die Forschung gefragt. "Es gibt wahnsinnig viel zu tun, aber es fehlt das Geld. Wir haben tolle Ärzte und Institutionen hier, aber wir hanteln uns von einem Projekt zum nächsten. Es ist oft frustrierend zu sehen, welche Mittel andere zur Verfügung haben", kritisierte Penninger die finanzielle Lage der Forschung in Österreich.

Ihn fasziniere dennoch zu sehen, wie Grundlagenforschung von Tests an kleinen Mäusen ihren Weg in Bücher und schließlich in die klinische Anwendung findet. Es gebe viele unterschiedliche und neue Ansätze. Manchmal komme heraus, dass man mit einem Medikament, das für etwas anderes entwickelt wurde, erstaunliche Ergebnisse in einem völlig anderen Einsatzgebiet erzielt.

"Am Ende des Tages ist es wichtig, dass jemand draufkommt, wie die Dinge funktionieren, die dann zum Wohl der Patienten umgesetzt werden – egal, ob jemand in Wien das tut oder jemand in Basel oder Cambridge."

(Kurier/Wien, 18.3.15, Laila Daneshmandi)

 

 

Personalisierte Medizin in der Fläche

Mit Netzwerk gegen Krebs

Das Beispiel "Fortgeschrittenes Bronchial-Karzinom" zeigt: So könnte die Krebsmedizin der Zukunft aussehen.

MANNHEIM. Das fortgeschrittene Bronchialkarzinom hat sich von einer kaum therapierbaren Krebsentität zu einem der dynamischsten Forschungs- und Behandlungsfelder in der Onkologie entwickelt.

Im zweiten Plenarvortrag des diesjährigen Internistenkongresses skizzierte Professor Reinhard Büttner vom Institut für Pathologie am Centrum für Integrierte Onkologie in Köln, wie die einst nur aus wenigen Subtypen bestehende Gruppe der Bronchialkarzinome in eine ständig größere werdende Gruppe genetisch definierter Erkrankungen zerfällt. "Der Lungenkrebs wird ganz schön komplex", so Büttner.

Im Rahmen des im Jahr 2012 gegründeten Network Genomic Medicine versuchen Pathologen und onkologisch tätige Ärzte aus ganz Deutschland, die Personalisierung der Krebsbehandlung in die Fläche zu bringen.

Allein im letzten Jahr wurden im Rahmen dieses Netzwerks, das mittlerweile 175 Partner umfasst, Mutationsanalysen bei 4500 Patienten mit Lungenkrebs durchgeführt, etwa zehn Prozent aller Patienten mit dieser Krebsform in Deutschland.

Berichte über den DGIM-Kongress

Medienpartner beim 121. Internistenkongress ist die "Ärzte Zeitung". Vor und während des Kongresses werden Sie aktuell über wichtige Ereignisse und Veranstaltungen informiert. Danach gibt es eine Kongress-Nachlese.

Zu den Berichten über den DGIM-Kongress

So zu tun, als müssten in der personalisierten Onkologie nur noch die Früchte geerntet werden, entspricht freilich nicht der Wahrheit.

Weitgehend unbeackert ist bisher das Feld der epigenetischen Veränderungen. Sie können für die Tumorprogression ähnlich bedeutsam sein wie klassische Mutationen.

Mehrere Ansatzpunkte für Strategien gegen Resistenz

Ein anderes, überwiegend ungelöstes Problem sind Patienten mit Resistenzen gegen gezielte Therapien. Hier muss es darum gehen, bei jedem einzelnen Patienten den Resistenzmechanismus zu identifizieren und dann erneut gezielt zu therapieren.

Anschauungsmaterial dafür liefert erneut der Lungenkrebs. Für mehrere häufige EGFR-Resistenzmutationen existieren mittlerweile Ansatzpunkte für Strategien, mit denen die jeweilige Resistenz gezielt unterlaufen werden kann. Studien dazu starten gerade oder laufen schon.

Funktioniert das alles nur bei Patienten mit Lungenkrebs? "Das Konzept trägt über die Lunge hinaus", gab sich Büttner in Mannheim überzeugt.

Nicht zuletzt die Pathologen müssen dafür freilich umdenken. Sie werden zu einem viel aktiveren Mitspieler im multidisziplinären Behandler-Team.

"Wir müssen genomische Läsionen identifizieren, die Therapie überwachen, Resistenzen detektieren und diese Patienten systematisch in Studien behandeln", betonte Büttner.

(Ärzte Zeitung online, 20.04.2015, Philipp Grätzel von Grätz)

 

 

Neues Verfahren aus den USA

Wie das Polio-Virus Krebs heilen kann

Polio ist eine gefährliche Krankheit, die Lähmungen auslösen und zum Tod führen kann. Amerikanische Forscher haben jetzt entdeckt: Werden die Viren genetisch verändert, können sie unter Umständen Krebstumore von innen zerstören. Erste erfolgreiche Tests an Menschen gelangen jetzt in den USA.

Krebs ist eine der am meisten gefürchteten Krankheiten. Nicht nur, weil sie tödlich verlaufen kann. Die Nebenwirkungen von Bestrahlung und Chemotherapie machen vielen stark zu schaffen - und die Lebenserwartung wird häufig dennoch nur um einige Monate verlängert. 

Die Ergebnisse der Wissenschaftler der angesehenen Duke Universität im US-Bundesstaat North Carolina könnten diese Prozeduren bald unnötig machen. In einer aktuellen Studie mit bislang 22 Krebspatienten haben sie erstmals veränderte Polio-Viren in aggressive Hirntumore gespritzt, um so eine gezielte Immunreaktion des Körpers auszulösen.

Polio - eine gefürchtete Kinderkrankheit

Eigentlich gilt Poliomyelitis ("Polio") als eine gefürchtete Kinderkrankheit. Die Viren greifen die muskelsteuernden Nervenzellen im Rückenmark an, sorgen so für Lähmungen und können sogar zum Tod führen. Die Verbreitung der Krankheit ist durch eine effektive Impfung stark zurückgegangen. Eine medikamentöse Behandlung gibt es jedoch bis heute nicht.

Die Idee, Viren im Kampf gegen Krebs einzusetzen, ist zwar alt, jedoch machten es erst die technologischen Fortschritte der vergangenen Jahre möglich, eine solche Therapie tatsächlich zu entwickeln. Nach jahrelangen Labor- und Tierversuchen gab die amerikanische Gesundheitsbehörde 2012 die Erlaubnis für erste Studien an Menschen. Eingesetzt werden soll die Behandlung zunächst nur gegen sogenannte Glioblastome. Dabei handelt es sich um die häufigste bösartige Form von Gehirntumoren bei Erwachsenen.

Bislang hat das Team um Annick Desjardins insgesamt 22 Erkrankte mit der experimentellen Methode behandelt. Alle Testpersonen befanden sich im Endstadium ihrer Erkrankung, und lebten nach der Therapie länger als prognostiziert.

Elf Patienten starben. Bei den anderen elf verbesserte sich das Krankheitsbild. Zwei sind inzwischen ganz vom Krebs geheilt, wie "cbsnews" berichtet. Keiner der Probanden prägte Symptome von Polio aus.

So wird das Polio-Virus zur Waffe gegen Krebs

Um das Polio-Virus zu einer Waffe gegen Tumorzellen zu verwandeln, veränderten die Forscher seine DNA so, dass es sich nur noch in Tumorzellen nicht aber in gesunden Zellen vermehren kann. Zudem tauschten sie die Geninformationen für Krankheitssymptome wie Lähmung gegen die harmlose Gensequenz einer Erkältung aus.

Da Tumore die Struktur gesunder Zellen nachahmen, greift das körpereigene Immunsystem sie nicht an. So kann das krankhafte Zellwachstum ungehindert voranschreiten. Direkt in den Tumor injiziert soll das veränderte Polio-Virus, mit dem Namen PVS-RIPO, diesen Immun-Mechanismus zum einen wieder "einschalten". Zum anderen soll es die Tumorzellen von innen zerstören.

Geheilt nach 21 Monaten

Eine der Patientinnen ist Stephanie Lipscomb. Wie "cbsnews" berichtet, war bei ihr 2011 im Alter von 20 Jahren ein tennisballgroßer Tumor hinter dem linken Auge entdeckt worden. Chemotherapie und Bestrahlung wirkten zwar zunächst, doch bereits nach einem Jahr kehrte das Glioblastom zurück.

Da ihr Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde, willigte die junge Frau ein, sich der experimentellen Therapie zu unterziehen. Im Mai des Jahres 2012 injizierten ihr die Ärzte den veränderten Polio-Virus direkt in das Gehirn. Garantien gab es keine. Bislang war das Verfahren nicht an Menschen getestet worden.

Die größte Hoffnung von Ärzten und Patientin: die Lebenszeit etwas zu verlängern. Doch es kam noch besser. Rund 21 Monate später war der Krebs komplett aus Lipscoms Kopf verschwunden. Bis heute gilt die junge Frau als geheilt.

Möglich wird das, weil "das modifizierte Polio-Virus sich zwar nicht mehr in normalen Zellen reproduzieren kann. Aber in Krebszellen schon und während dieses Prozesses, entlässt es Giftstoffe, die die Zelle vergiften", erklärt Dr. Henry Friedman im Interview mit "cbsnews". Die Anregung des Immunsystems gelingt dagegen, weil das Polio-Virus es schafft, das Schutzschild des Tumors zu umgehen. "Der Körper erkennt zwar nicht den Tumor, dafür aber die Infektion – und beginnt diese zu bekämpfen." Und damit bekämpft es auch den Krebs.

Die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) gab nun bekannt, dass die neue Methode wohl in einem Jahr den "Breakthrough Status" erhalten könnte. Damit werden Therapiemethoden ausgezeichnet, die bei lebensbedrohlichen Krankheiten aller Wahrscheinlichkeit nach eine drastische Verbesserung gegenüber den bisherigen Therapien bringen. Aus diesem Grund durchlaufen derartige Wirkstoffe auch ein verkürztes Zulassungsverfahren.

Die Wissenschaftler legen große Hoffnungen in ihre Therapie. In Zukunft wollen sie testen, wie wirksam die Behandlung mit dem modifizierten Polio-Virus gegen andere Krebsarten wie Brust-, Prostata-, Lungen-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist.

(Rheinische Post/Düsseldorf, 2.4.15, Susanne Hamann)

 

 

Forschung an der Universität Halle

Mit Mathe-Formeln den Krebs besiegen

Eine Software, die Nebenwirkungen bei Krebs-Therapien verringert? Genau daran tüftelt ein Wissenschaftler an der Universität Halle. Diese Software soll neben der Medizin in vielen Bereichen große Probleme lösen.

Halle (Saale). Wie lassen sich Produktionsprozesse so steuern, dass der Pfirsich-Joghurt nicht plötzlich nach Erdbeere schmeckt? An welchem Ort stört eine neue Müllverbrennungsanlage in ihrer Umgebung am wenigsten? Und auf welche Weise kann eine Firma hohe Gewinne erzielen und gleichzeitig zufriedene Mitarbeiter haben? Je komplexer die Welt wird, desto zahlreicher werden auch die mathematischen Rätsel, die auch mit dem Leben im Alltag zu tun haben.

Schwierig wird es vor allem dann, wenn die gestellten Anforderungen einander im Wege oder gar gegensätzlicher Art sind: Wenn etwa die eigenen Geldanlagen zwar viele Zinsen abwerfen sollen, man aber andererseits natürlich nicht auf die Sicherheit der Einlagen verzichten will.

Die Lösung - Bensolve

Wo auch immer solche Abwägungen so knifflig erscheinen, dass sie nur noch die Fragezeichen im Kopf schwirren lassen, hilft Wissenschaftlern aus aller Welt seit Februar eine neue Software des Instituts für Mathematik an der halleschen Martin-Luther-Universität weiter. In der Arbeitsgruppe Optimierung und Stochastik wurde dort das Programm Bensolve entwickelt.

Seit er vor zehn Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut zu arbeiten begann, hat Andreas Löhne neben seinen anderen Arbeiten an der Theorie für eine solche Software getüftelt. Mit Unterstützung des Doktoranden Benjamin Weißing hat der 42-jährige habilitierte Mathematiker Löhne vor einigen Wochen die vollständige Version veröffentlicht. Sie kann nun kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Ziel ist es, auf dem Gebiet der sogenannten Mehrzieloptimierung Lösungen für Probleme zu finden, bei denen gegensätzliche Kriterien gleichzeitig bearbeitet werden müssen. Dazu werden am Institut Theorien entwickelt, wie spezielle Fragestellungen gelöst werden können. Die Resultate werden dann durch die Software ausgewertet und in 3D-Grafiken dargestellt.

Kampf gegen Tumore

An seinem Bildschirm zeigt Andreas Löhne, wie aus langen Zahlenreihen ein solches Abbild entsteht, das dann dabei hilft, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kriterien zu verdeutlichen und somit die Auswahl eines Lösungswegs für ein bestimmtes Problem erleichtert.

Eins der verheißungsvollsten Anwendungsgebiete für das mathematische Programm des aus Querfurt stammenden Hallensers Andreas Löhne dürfte die Medizin werden, wo die durch Bensolve möglichen Visualisierungen helfen könnten, die Bestrahlung von Tumoren zu optimieren. Zwar soll das Tumorgewebe bei den Krebstherapien zerstört werden, aber genauso wichtig ist es, das umgebende gesunde Gewebe zu schützen. Bensolve und die zugrundeliegenden Berechnungen können Mediziner in Zukunft dabei unterstützen, wenn es gilt zu bestimmen, wie Strahlen bei der Therapie so gelenkt werden, dass für den Patienten möglichst wenige unerwünschte Nebenwirkungen entstehen. So ließen sich individuelle Bestrahlungspläne für die jeweiligen Patienten erstellen.

Uni Princeton testet Software

Eine „perfekte Lösung“ gibt es bei der Mehrzieloptimierung mit ihren gegensätzlichen Ansprüchen aber nicht. Möglich wäre das nur, wenn auf nur eins der konkurrierenden Ziele optimiert werden würde. Gesucht wird immer die beste Lösung unter den gegebenen Bedingungen. Um auch breitgefächerte Problemstellungen gebündelt angehen zu können, wurde in Halle das Programm entwickelt, das auch schon seine Anwendung findet. Bisher haben vor allem kooperierende Universitäten wie Princeton in den USA, Bozen in Italien und Lancaster in England die hallesche Software getestet. (mz)

(Mitteldeutsche Zeitung, 16.03., Sandy Schmied)

 

 

Gates und Hopp gegen Krebs

Bill Gates schmiedet Millionen-Deal in der Biotechnik

Bill Gates ist einer der weltweit wichtigsten Geldgeber bei der Bekämpfung von Kindersterblichkeit. Jetzt sollen seine Millionen eine Tübinger Firma von SAP-Gründer Hopp unterstützen, die Infektionskrankheiten in den ärmsten Ländern der Welt den Kampf angesagt hat.

Microsoft-Gründer Bill Gates investiert über seine Stiftung 46 Millionen Euro in den Tübinger Biotech-Konzern Curevac. Zudem werde die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung Programme des Unternehmens zur Entwicklung von Impfstoffen finanzieren, teilte Curevac am Donnerstag mit und bestätigte Informationen des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" (Freitag). Dabei geht es um Mittel gegen virale, bakterielle und parasitäre Infektionskrankheiten wie das Rotavirus und HIV. Im Fokus stünden Krankheiten, von denen überdurchschnittlich viele Menschen in den ärmsten Ländern der Welt betroffen sind. Die ersten gemeinsamen Programme dazu laufen schon.

Maßgeschneiderte Medizin gegen Krebs

Die Firma, die in Tübingen und einer Abteilung in Frankfurt/Main 160 Mitarbeiter beschäftigt, entwickelt auf Basis der sogenannten Boten-RNA (mRNA), einer DNA-Kopie, neue Ansätze zur Behandlung von und zum Schutz vor den Krankheiten. Die mRNA dient den Angaben zufolge als Informationsträger für die Bauanleitung von Proteinen. So könne der menschliche Körper "seine eigene maßgeschneiderte Medizin gegen eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten" herstellen.

"Wenn wir den Körper dazu anleiten können, seine eigene Abwehr zu bilden, können wir die Behandlung und Prävention von Krankheiten revolutionieren", sagt Gates laut Mitteilung. "Technologien wie mRNA geben unserer Stiftung die Zuversicht für große Investitionen in die Zukunft." Curevac leiste mit der Technologie Pionierarbeit. Das Geld der Stiftung soll vor allem in eine neue Produktionsanlage fließen.

Preis "für Entwicklungsländer angemessen"

SAP-Gründer Dietmar Hopp, der über die Beteiligungsgesellschaft dievini Hopp BioTech holding Hauptgesellschafter von Curevac ist, sagte: "mRNA ist vergleichbar mit einer Software, die dem Körper hilft sich selbst neu zu programmieren, um Krebs und Infektionskrankheiten zu bekämpfen." Bis heute sei ihm kein anderes Biomolekül mit einem derart vielseitigen Potenzial bekannt. Die Holding, als langjährige Investor von Curevac, erhöhe die Beteiligung an dem 2000 gegründeten Unternehmen um 21 Millionen Euro, hieß es.

Curevac kündigte an, jedes Produkt, das mit finanziellen Mitteln der Stiftung entwickelt wurde, zu einem für Entwicklungsländer angemessenen Preis zu produzieren. Außerhalb dieser Länder stehe es dem Unternehmen frei, die von der Gates-Stiftung finanzierten Produkte selbst oder über Auslizensierungen zu vermarkten. Über die Höhe der langfristigen Investitionen machte die Firma keine Angaben.

(Focus.online, 6.3.15)



Wiener Biotech-Unternehmen testet Krebs-Therapie

Das Wiener Biotech-Unternehmen Apeiron testet in den USA eine Krebstherapie auf der Basis stimulierter, körpereigener Immunzellen. Das gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Einer der Gründer von Apeiron ist Josef Penninger, auch Chef des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften in Wien.

Wiener Biotech-Unternehmen testet Krebs-Therapie

Der erste Patient sei im Rahmen der angelaufenen Phase-I-Studie mit der Zelltherapie APN401 behandelt worden. Die Studie am Wake Forest Baptist Medical Center (WFBMC) im US-Bundesstaat North Carolina wird von dem Internisten Pierre Triozzi geleitet. Sie soll die Sicherheit, Verträglichkeit und optimale Dosis von vom Patienten stammenden, peripheren Immunzellen, bei denen das Cbl-b Gen "abgeschaltet", also temporär inaktiviert wird, prüfen. "Dieser völlig neuartige Ansatz soll durch eine 'Checkpoint Blockade' die Fähigkeit des Immunsystems unterstützen, Krebs zu bekämpfen", hieß es in einer Aussendung.

"Es gibt Faktoren in Immunzellen, die deren Fähigkeit, Krebszellen zu zerstören, behindern. Mithilfe von intrazellulär wirkenden Substanzen (siRNA) erreichen wir eine sogenannte 'Checkpoint Blockade' in Immunzellen von Patienten. Die Immunzellen werden aus dem Patientenblut gewonnen und nach Inaktivierung des Cbl-b Gens wieder verabreicht. Diese Behandlung der Zellen hilft ihnen dabei, Krebszellen effizienter zu erkennen und zu zerstören", erklärte Triozzi.

Apeiron-Geschäftsführer Hans Loibner, seit vielen Jahren in der österreichischen Biotech-Szene tätig, betonte, dass man damit die Fähigkeit beweise, "spektakuläre Grundlagenwissenschaft in Richtung einer praxisnahen Anwendung zu übersetzen." Verwendet werden könnte das Behandlungsprinzip beispielsweise bei Melanom- oder Pankreaskarzinom-Erkrankungen. Phase-I-Studien sind allerdings nicht geeignet, eine Wirksamkeit zu beweisen.

2010 ist der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) bei dem von Penninger mitbegründeten Biotech-Unternehmen Apeiron eingestiegen. Dies erfolgte, um gentechnisch hergestelltes humanes Angiotensin-2-Enzym als Arzneimittel gegen akutes Lungenversagen als Medikament zu entwickeln.

(Salzburger Nachrichten, 26.2.15, APA)

 

Spezielles Krebs-Gen von Wissenschaftern untersucht

Genetische und epigenetische Veränderungen können die Entstehung von Krebs bewirken. Forschungsgruppen der MedUni Wien und des AKH Wien konnten in einer aktuellen Arbeit weltweit zum ersten Mal zeigen, dass ein bestimmtes Gen möglicherweise das Wachstum und die Abwanderung von Tumorzellen unterdrückt.

Wien – Wissenschafter der Universitätsklinik für Innere Medizin im AKH (MedUni Wien) haben mit dem Gen ZNF677 eine Erbanlage identifiziert, die offenbar nicht-kleinzellige Lungenkarzinome behindert. Dies teilte das Comprehensive Cancer Center (CCC) von MedUni Wien und AKH am Mittwoch in einer Aussendung mit.

Sabine Zöchbauer-Müller und Gerwin Heller untersuchten Tumorgewebe von 101 Patienten mit einem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom und verglichen sie mit Proben aus dem gesunden Lungengewebe der selben Personen. Dabei zeigte sich, dass das Gen im Tumorgewebe stillgelegt war, im gesunden Gewebe jedoch nicht. Die Ursache dafür ist eine DNA-Methylierung. Das bedeutet das Anhängen von Methylgruppen an einen Erbsubstanzabschnitt, wodurch die betroffenen Gene nicht mehr abgelesen werden können und „abgeschaltet“ sind.

Das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC - Non Small Cell Lung Cancer) ist eine Unterart von Lungenkrebs, und umfasst rund achtzig Prozent aller Lungenkrebsfälle. Das sind etwa 3500 Neuerkrankungen pro Jahr in Österreich.

(Tiroler Tageszeitung online, 25.2.15, APA)

 

 

Krebs-Heilmittel von Achtjähriger entdeckt?

Tests erfolgreich

Ein Schulmädchen hat ihre Eltern, beide Teil eines Krebsforschungsteams, auf eine neuartige Idee der Krebsbekämpfung gebracht. Als Michael P. Lisanti von der Universität Manchester seine achtjährige Tochter Camilla fragte, wie sie Krebs heilen würde, wunderte sich die nämlich, warum nicht einfach Antibiotika eingesetzt werden - "wie wenn ich eine Halsentzündung habe". Das brachte den Wissenschaftler zum Nachdenken und führte zu überraschenden Ergebnissen: Viele günstige und weit verbreitete Antibiotika eignen sich ersten Tests nach bestens dazu, Zellen verschiedener Krebsarten - darunter Brust- , Lungen- und Hautkrebs - zu töten.

Professor Lisanti ist einer der Leiter der Breakthrough Breast Cancer Research Unit, einer Abteilung zur Brustkrebsforschung der Universität Manchester in Großbritannien. Er sieht in den ersten Ergebnissen der Untersuchungen rund um Camillas Vorschlag gleich mehrere Vorteile: Zum einen sind die Antibiotika, die für die bisherigen Versuche eingesetzt wurden, günstig verfügbar, zum anderen werden sie seit Jahrzehnten eingesetzt und sind daher in ihrer Wirkung auf den Menschen und mögliche Nebenwirkungen gut erforscht.

Antibiotika töten Kraftwerke der Krebszellen

Eine davon ist allerdings erst durch Camillas Idee ans Licht gekommen: Wie sich herausgestellt hat, können die Antibiotika eingesetzt werden, um die Mitochondrien von Krebszellen abzutöten. Dabei handelt es sich quasi um die Kraftwerke von Zellen, die Energie produzieren, damit Stammzellen mutieren und sich in Tumore ausbilden können. Krebsstammzellen seien eng verknüpft mit dem Wachstum und wiederholten Auftreten aller Krebsarten, erklärt die Universität Manchester in einer Aussendung . Mit herkömmlichen Behandlungsmethoden sei ihnen nur schwer beizukommen, zudem entwickelten Tumore Resistenzen gegen gewisse Therapiearten.

"Ich wusste, dass Antibiotika Mitochondrien angreifen können, und ich habe kürzlich viel zum Thema gearbeitet, wie wichtig sie (die Mitochondrien; Anm.) für das Wachstum von Tumoren sind, aber diese Unterhaltung hat mir geholfen, eine direkte Verbindung herzustellen", erklärt Lisanti die erhellende Wirkung Camillas.

Hilfe gegen die häufigsten Krebsarten

Um die Theorie zu überprüfen, ließ das Ehepaar Lisanti mit Kollegen aus New York und Philadelphia fünf Arten von Antibiotika auf acht verschiedene Tumortypen los. Dabei stellte sich heraus, dass vier der Antibiotika die Krebsstammzellen bei jedem der Tests auslöschten. Dabei handelte es sich um Zellen von Lungen- , Prostata- , Brust- , Eierstock- , Bauchspeicheldrüsen- und Hautkrebs sowie des Glioblastoms, einem der aggressivsten Gehirntumore.

Dass die Antibiotika den ersten Tests zufolge so durchschlagenden Erfolg haben, könnte in der Entwicklungsgeschichte der Mitochondrien begründet sein: Sie stammen vermutlich von Bakterien ab, die sich früh in der Evolutionsgeschichte mit Zellen verbanden - und Bakterien werden bekanntermaßen mit Antibiotika erfolgreich bekämpft. Für gesunde Zellen des Menschen soll der Angriff auf die Krebszellen hingegen ungefährlich sein - im Labor seien keine gesundheitsschädlichen Effekte gefunden worden, so die Universität.

Gut erforscht und für gesunde Zellen ungefährlich

"Diese Forschung liefert starke Argumente dafür, neue Versuche am Menschen zu starten, um Antibiotika zum Kampf gegen Krebs einzusetzen. Viele der Medikamente, die wir verwendet haben, waren extrem effektiv, es gab kaum oder gar keine Schäden an normalen Zellen und diese Antibiotika werden seit Jahrzehnten verwendet und sind bereits zur Verwendung beim Menschen zugelassen", plädiert Lisanti. Die Forschung könnte demnach wesentlich schneller und kostengünstiger vorangehen als jene zu komplett neuen Krebsmedikamenten.

Ganz neu ist die Idee des Antibiotika- Einsatzes gegen Krebszellen nicht. Bisher wurde aber vor allem getestet, wie Antibiotika bei durch Krebs ausgelösten Infektionen wirkt. Bei Lungenkrebspatienten etwa zeigte sich mit dem Antibiotikum Azithromycin eine von 45 auf 75 Prozent erhöhte Überlebensrate über die Dauer eines Jahres. 2009 wurde zudem entdeckt, dass Salinomycin - ein Antibiotikum aus der Tiermast - Tumor- Stammzellen in den Selbstmord treibt. Ob das Mittel je für den Menschen auf den Markt kommt, ist aber immer noch unklar - im Gegensatz zu den nun getesteten Antibiotika wären extensive Tests zur Verträglichkeit beim Menschen nötig.

So hoffen die britischen Forscher nun darauf, dass an ihren Erkenntnissen breitflächig weitergeforscht wird - für rasche, günstige und überall auf der Welt verfügbare Anti- Krebs- Antibiotika. Sie haben ihre Erkenntnisse im Wissenschaftsjournal "Oncotarget" veröffentlicht.

(Kronen Zeitung/Wien, 29.1.15, bge)

   

  

Aargauer Forscherin bekämpft Krebs mit radioaktiver Folsäure

Die Aargauer Forscherin Christina Müller erhält für ihre Krebsforschung einen Nachwuchsförderpreis.

Cristina Müller aus Nussbaumen erhält den Ruzicka-Preis für eine bahnbrechende Methode in der Krebsdiagnose und -therapie. Die 39-jährige Pharmazeutin mit Doktortitel nutzt dafür einen ganz normalen biochemischen Vorgang.

Seit 1957 gilt der Ruzicka-Preis als einer der wichtigsten Nachwuchsförderungspreise in der Chemie für junge Forscherinnen und Forscher in der Schweiz. Die in Nussbaumen wohnhafte Cristina Müller ist nach der Solothurnerin Ursula Röthlisberger erst die zweite Frau, die nun damit ausgezeichnet wurde.

Radioaktive Teile gegen Krebs

Cristina Müller hat ihr Leben der Forschung verschrieben. «Viel Platz für anderes bleibt daneben nicht», sagt die Pharmazeutin mit Doktortitel bestimmt. Sie ist Gruppenleiterin am Zentrum für Radiopharmazeutische Wissenschaften des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und Mitarbeiterin der ETH. Die 39-Jährige trägt die Verantwortung für mehrere Doktoranden und Postdocs sowie Techniker und Lehrlinge.

«Forschungspublikationen und Forschungsanträge schreibe ich oft am Abend zu Hause», erklärt sie und findet das selbstverständlich. In intensiver Arbeit entstand auch ihre Doktorarbeit über Folsäure, die als Transportmittel verwendet wird, um besser an krebsbefallene Zellen heranzukommen. Zusammen mit einem Team von Chemikern, Biologen und Pharmazeuten forschte sie dafür zehn Jahre lang.

«Tumore teilen sich schneller als normales Gewebe. Für diesen Prozess beziehen sie vom Körper grosse Mengen an Folsäure», beschreibt Cristina Müller einen an und für sich ganz normalen biochemischen Vorgang. Dann kommt sie zum springenden Punkt: «Wir nutzen diese Tatsache aus und schleusen Folsäure-Moleküle intravenös in den Körper ein, die mit einem radioaktiv strahlenden Nuklid verbunden sind.» Weil Tumore diese Molekül-Nuklid-Verbindung aufnehmen, können sie von Aussen mittels spezieller Kameras sichtbar gemacht werden. Das gleiche Prinzip wurde von Müller auch für therapeutische Anwendungen untersucht. In diesem Fall verbindet man das Folsäure-Molekül mit einem anderen Nuklid, dessen Strahlung das Krebsgewebe zerstört. Ein wesentlicher Teil der Innovation war die Herstellung von neuen Nukliden am PSI.

Wie geht es weiter?

Zurzeit testen Cristina Müller und ihr Team die neuen bildgebenden und therapeutischen Methoden gegen Krebs an Mäusen, welche ähnliche Oberflächenproteine bilden wie der Mensch. «Die Resultate sind vielversprechend und wir streben einen baldigen Pilotversuch am Patienten an», freut Cristina Müller sich. Der Ruzicka-Preis ist für die 39-jährige Aargauerin eine schöne Würdigung ihres jahrelangen Engagements in der Krebsforschung. Wirklich wichtig ist ihr aber nur die Sache an sich. Die Wissenschafterin erläutert: «Es braucht bei meiner Arbeit viel Ausdauer, Geduld, Beharrlichkeit und eine hohe Frustrationsgrenze, um Resultate zu erzielen, die im Hinblick auf die Klinik relevant sind.»

(Aargauer Zeitung/Schweiz, 12.01.15, Ursula Burgherr)

 

 

Heidelberg – Das Krebs-Erbgut im Kreuzverhör:

Meyenburg-Preis 2014 geht an Peter Campbell

Der mit 50.000 Euro dotierte Meyenburg-Preis 2014 geht an den Arzt und Forscher Peter Campbell vom Sanger Institute in Cambridge, England. Er erhält die Auszeichnung für seine herausragende Leistung bei der Analyse von Erbgutveränderungen von Tumoren. Campbell ist Ko-Autor zahlreicher wegweisender Veröffentlichungen, die erstmals aufzeigten, welche klinisch relevanten Informationen das Krebsgenom enthält. Unter anderem konnte er zeigen, welche dramatischen Spuren der Tabakrauch im Erbgut von Lungenkrebszellen hinterlässt.

Der Meyenburg-Preis wurde am Donnerstag, 27. November 2014, im Rahmen eines Symposiums im Deutschen Krebsforschungszentrum verliehen.

“Personalisierte Krebsmedizin”, so bezeichnen Mediziner das Konzept, nicht mehr alle Patienten mit der gleichen Krebsart nach dem gleichen Schema zu behandeln, sondern die Therapie an die molekularen Eigenschaften des individuellen Tumors anzupassen. Das Tumorerbgut ist die wichtigste Informationsquelle für diesen neuen Behandlungsansatz. Nach dem “Lesen” des Erbguts müssen die Forscher herausfinden, welche unter den Tausenden von Bauplanänderungen im Krebsgenom tatsächlich verantwortlich dafür sind, dass Krebs entsteht und die Tumorzellen ungebremst wuchern. Dazu werden die bei der Sequenzierung anfallenden riesigen Datensätze mit maßgeschneiderter Analyse-Software durchforstet und mit dem Erbgut gesunder Zellen abgeglichen. Erst dadurch offenbaren die Daten den Ärzten Informationen über eventuell angreifbare Zielmoleküle des individuellen Tumors.

Auf diesem Gebiet hat Peter Campbell Pionierarbeit geleistet. Er war an der Entwicklung von Protokollen beteiligt, um im Krebserbgut durch so genannte “massiv-parallele Sequenzierung” zuverlässig Mutationen aufzuspüren, die im Laufe des Lebens aufgetaucht sind und möglicherweise mit der Krebsentstehung im Zusammenhang stehen.

Eine der weltweit am meisten beachteten Arbeiten von Peter Campbell war 2009 die erste vollständige Sequenzierung und Analyse eines kompletten Erbguts von Zellen des kleinzellige Lungenkrebs. Campbell und seine Kollegen entdeckten darin charakteristische Mutationen, die durch die Mischung von Giften im Tabakrauch ausgelöst wurden und konnten errechnen, dass um Durchschnitt nur 15 gerauchte Zigaretten ausreichen, um eine Mutation auszulösen.

Nach seiner Facharztausbildung zum Hämatologen wechselte der gebürtige Neuseeländer Peter Campbell 2002 an die Universität Cambridge. Dort promovierte er mit einer Arbeit über bösartige Erkrankungen des Knochenmarks. 2007 wechselte Campbell ans Sanger Institute und schloss sich dem Cancer Genome Project an. Seit 2010 leitet er eine durch den Wellcome Trust geförderte Arbeitsgruppe am Sanger Institute, seit 2012 leitet er gemeinsam mit Michael Stratton das Cancer Genome Project. Gleichzeitig praktiziert er als Hämatologe am Addenbrooke’s Hospital in Cambridge.

Dr. Marion Meyenburg, die Tochter des Stifterehepaars Wilhelm und Maria Meyenburg, wird den Preis zum Ende des Symposiums persönlich überreichen. Die Auszeichnung, die seit 1981 jährlich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Krebsforschung vergeben wird, gehört zu den am höchsten dotierten Wissenschaftspreisen in Deutschland. Der Stellenwert dieser Auszeichnung zeigt sich auch daran, dass bereits zahlreiche Meyenburg-Preisträger mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden: Andrew Fire, Meyenburg-Preisträger 2002, wurde im Jahr 2006 der Medizin-Nobelpreis verliehen. 2009 erhielt Elizabeth Blackburn, Meyenburg-Preisträgerin des Jahres 2006, den Nobelpreis für Medizin. Shinya Yamanaka, Meyenburg-Preisträger 2007, wurde 2012 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Und in wenigen Tagen wird Stefan Hell, Meyenburg-Preisträger 2011, den diesjährigen Nobelpreis für Chemie aus der Hand des schwedischen Königs entgegennehmen.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren

(Metropolregion Rhein-Neckar News/online, 28.11.14)

 

 

Cannabis-Wirkstoffe bringen Tumorzellen zum Platzen

In der Hanfpflanze gibt es viele interessante Wirkstoffe – nicht nur die, die als Rauschmittel bekannt sind. An der Universität Rostock experimentieren Forscher mit Cannabinoiden, die Krebszellen zerstören können. 

Rostocker Pharmakologen sind einer Wirkung von Inhaltsstoffen der Cannabis-Pflanze auf der Spur, die eines Tages in die Krebstherapie einfließen könnte: Bestimmte Substanzen der Kiffer-Pflanze bringen Tumorzellen zum Platzen.

Cannabis aktiviert zerstörerisches Protein

Die  Cannabinoide setzen eine Wirkkaskade in Gang, indem sie die Bildung eines bestimmten Proteins auf der Oberfläche von Krebszellen anregen. Dieses Protein namens ICAM-1 wiederum ermöglicht die Bindung von Killerzellen des Immunsystems, die letztlich die Tumorzellen zum Platzen bringen. Über ICAM-1 und einen nachgeschalteten Signalweg hemmen Cannabinoide auch die Fähigkeit von Zellen Blutgefäße zu bilden, die das Tumorwachstum begünstigen.

Bisher nur Labor-Ergebnisse

Das erklärt Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie an der Uniklinik Rostock. Hinz betont, dass es sich um Ergebnisse der Grundlagenforschung handele. „Wir sind noch weit davon entfernt, das in die klinische Therapie umzusetzen. Unsere Befunde sind jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass Cannabinoide eine ganze Reihe potenziell therapeutisch nutzbarer Wirkungen vermitteln.“

Cannabis-Erfolge in der Medizin

So wird Tetrahydrocannabinol (THC), ein Wirkstoff der Hanfpflanze, schon seit längerem klinisch zur Milderung von Erbrechen und Übelkeit  eingesetzt, einer typischen Nebenwirkung der Zytostaktika-Therapie. Der Inhaltsstoff Cannabidiol, der die Psyche im Gegensatz zu THC nicht beeinträchtigt, ist für die Behandlung spastischer Symptome bei Patienten mit Multipler Sklerose zugelassen. Seit den 1990er-Jahren ist zudem bekannt, dass menschliche Zellen Cannabinoide selbst bilden können. „Ihnen wird unter anderem eine schmerzhemmende und appetitanregend Wirkung zugesprochen“, sagt Burkhard Hinz.

Cannabinoide bremsen Krebszellen aus

Schon 2008 konnten Hinz und seine Arbeitsgruppe zeigen, dass Cannabinoide die Auswanderung von Tumorzellen in umliegendes Gewebe bremsen. Im Körper können durch diese Auswanderung Metastasen entstehen. Der Bericht über ihre jüngsten Erkenntnisse ist in der Fachzeitschrift „Biochemical Pharmacology“ erschienen.

(Focus online, 26.12.14, pap/dpa)




Gezielte Krebstherapie: Pfeil kommt noch nicht an

Molekularbiologische Analysen decken immer mehr Schwachstellen von Krebserkrankungen auf und ermöglichen eine gezielte Krebstherapie: „Targeted Therapies“ ersetzen zunehmend Chemotherapien. Aber die individuelle Therapie stößt im Klinikalltag noch auf Grenzen.

Vukasin S. traf die Krankheit gleich doppelt: Ärzte entdeckten bei ihm vor knapp zehn Jahren einen Tumor der Niere und Anomalien im Blutbild. Nach erfolgreicher OP rätselten Onkologen, wie sie die Leukämie therapieren könnten – eine Chemotherapie kam aufgrund der angegriffenen Niere nicht infrage. Doch Obinutuzumab führt letztlich zum Erfolg. Der humanisierte, monoklonale Antikörper richtet sich gezielt gegen CD20-positive B-Lymphozyten. Er kommt bei therapieresistenten chronisch-lymphatischen Leukämien oder bei Non-Hodgkin-Lymphomen zum Einsatz. Patienten leben länger als nach alleiniger Chemotherapie – bei geringeren Nebenwirkungen.

Klein und gemein

Mittlerweile haben kleine, innovative Moleküle („small molecules“) die Behandlung maligner Erkrankungen revolutioniert. Einige Beispiele: Tragen Krebszellen auf ihrer Oberfläche spezifische Rezeptoren, die auf anderen Zellen nicht vorkommen, lassen sich monoklonale Antikörper entwickeln. Dazu gehören unter anderem Cetuximab, Ipilimumab, Rituximab sowie Trastuzumab. Als weitere Strategie setzen Ärzte auf die Hemmung von Angiogenese-Mechanismen. Bevacizumab fängt den Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) ab – eine Option bei zahlreichen Krebserkrankungen. Darüber hinaus versuchen Forscher, Stoffwechselwege in entarteten Zellen zu stören. Als mögliche Targets fanden sie Inhibitoren der Tyrosinkinase (Erlotinib, Gefitinib sowie Imatinib). Patienten profitieren von geringeren Nebenwirkungen im Vergleich zur unspezifischen Chemotherapie. Professor Dr. Michael Hallek von der Kölner Uniklinik vermutet sogar, in einigen Jahren könnten „targeted therapies“ Chemotherapien bei den meisten Krebsarten ersetzen.

Auf dem Sprung zur personalisierten Medizin

Trotzdem bleiben Herausforderungen. Aufgabe von Ärzten ist, für einen individuellen Patienten zum richtigen Zeitpunkt das passende Pharmakon aus einer Vielzahl von Substanzen auszuwählen. Am Beispiel von Bronchialkarzinomen zeigen Forscher, dass bereits heute personalisierte Therapien möglich sind. Ihre Herangehensweise lässt sich auf viele maligne Erkrankungen übertragen. Gemäß des Prinzips „zentral testen, dezentral behandeln“ senden Ärzte Biopsien an das Netzwerk Genomische Medizin Lungenkrebs (NGML) am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln/Bonn. Nachdem entsprechende Proben molekularpathologisch untersucht wurden, folgt eine Empfehlung zur Therapie – sowohl mit zugelassenen als auch mit experimentellen Pharmaka. Die AOK Rheinland/Hamburg zahlt als Partner im Netzwerk 1.750 Euro für Untersuchung und Empfehlung – Zweitmeinungen schlagen mit 200 Euro zu Buche. Damit haben neue Pharmaka einen Weg in die Regelversorgung gefunden, wenn auch nur im Rahmen von Modellprojekten.

Ein Plus an Lebenszeit

Patienten profitieren von der neuen Herangehensweise deutlich. Professor Dr. Jürgen Wolf, ärztlicher Leiter des CIO, berichtet, bei mehr als 50 Prozent der Proben seien tumorrelevante Alterationen aufgetreten. Das betrifft Gene wie ALK, BRAF, EGFR, HER2 oder KRAS. Wissen dies Ärzte, können sie zum besten Medikament greifen. Laut Wolf beträgt die Lebenserwartung unter Chemotherapie bei Patienten mit Bronchialkarzinom zehn bis zwölf Monate – im Vergleich zu drei Jahren bei zielgerichteter Behandlung. Patienten mit bestimmten EGFR-Mutationen profitieren besonders stark von EGFR-Inhibitoren. Bei ihnen verlängerte sich das Gesamtüberleben um 20 Monate, verglichen mit klassischen Chemotherapien. Traten Rearrangements bei ALK auf, lag der Gewinn bei zwölf Monaten.

Daten, nichts als Daten

Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg haben Forscher ebenfalls das Erbgut im Visier. Sie setzen auf die Analyse ganzer Krebsgenome aus Biopsien. Bis 2015 wollen sie bei jedem der 10.000 Patienten pro Jahr eine Totalsequenzierung des Krebsgenoms vornehmen. „Individuelle Unterschiede im molekularen Profil von Tumoren werden zukünftig immer häufiger als Basis für Therapieentscheidungen herangezogen“, sagt Professor Christof von Kalle, Sprecher des NCT-Direktoriums. „Auf dieser Grundlage möchten wir nun die individualisierte Krebsmedizin am NCT systematisch weiterentwickeln und das NCT zu einem internationalen Spitzenzentrum der individualisierten Krebsmedizin ausbauen.“ Dank moderner Labors mit Next-Generation-Sequencing-Technologien gelingt es heute schnell und preiswert, hinter die Fassade maligner Erkrankungen zu blicken. Dazu ein paar Zahlen: Bei der Totalsequenzierung von Medulloblastomen traten mehr als 760 Mutationen in knapp 600 Genen zu Tage – eine gewaltige Informationsmenge. Hier spielen Computertechnologien eine zentrale Rolle, um Rohdaten auszuwerten. Bioinformatiker widmen sich auch der Frage, wie Resistenzen entstehen.

Neues aus dem Labor

Während das CIO und das NCT auf molekularbiologische Analysen setzen, schlägt Jeffrey Engelman vom Massachusetts General Hospital in Boston pragmatische Wege ein, um noch gezielter passende Moleküle zu finden. Mithilfe von Fütterzellen (feeder cells) gelang es ihm in vielen Fällen, aus Biopsien von Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom Zellkulturen anzulegen. Alle Personen litten nach anfänglichen Behandlungsversuchen mit Tyrosinkinase-Inhibitoren an Rezidiven. Engelman exponierte Zellen in vitro mit 76 Pharmaka, von denen sich noch 59 in der klinischen Erprobung befanden. Dabei kombinierte er auch Wirkstoffe. Beispielsweise führte ein MEK-Inhibitor zusammen mit einem ALK-Inhibitor zum gewünschten Erfolg. In anderen Fällen machten SRC-Inhibitoren die Resistenz von ALK-positiven Tumoren zunichte. Aufgabe von Onkologen ist es jetzt, Ergebnisse aus dem Labor in die Praxis zu übertragen.

(DocCheck News, 9.12.14, Michael van den Heuvel)

 

 

Buckminster-Fullerene:

Nanobomben auf kleinstem Niveau könnten Krebs bekämpfen

Wissenschaftler der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der brasilianischen Federal University of São Paulo ist es gelungen winzige Nanobomben zu entwickeln, die auf dem Niveau von Molekülgrößen ihre zerstörerische Kraft auf einem begrenzten Einsatzgebiet entwickeln können.

Dabei werden Buckminster-Fullerene, das sind Molekülkäfige die aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken von verdichtetem Kohlenstoff zusammengesetzt sind, mit einem Stickoxid-Molekül versetzt und mit einem Laser kurzzeitig erhitzt.

Die dabei entstehende Explosion löst für den 50 Billionsten Teil einer Sekunde eine Temperatur von 3.700 Grad Celsius aus. Anwendungen wären bei der gezielten Bekämpfung von Krebserkrankungen, Bakterien oder Viren denkbar.

(ShortNews.de, 6.3.15)

 

 

Kann man Krebs durch ein Armband bekämpfen?

Google will ein Armband auf den Markt bringen, das Krebs oder Parkinson nicht nur erkennen, sondern auch bekämpfen soll. Und das schon in fünf Jahren. Wie realistisch das ist - der Humangenetiker hat Zweifel.

Es ist das neueste „Baby“ aus Googles Zukunftslabor X: Ein Armband, das Krebszellen oder Anzeichen für Parkinson erkennen und in weiterer Folge auch zerstören können soll. Dafür hat der Suchmaschinen-Riese nun ein Patent angemeldet. Funktionieren soll das mithilfe eines magnetischen Feldes, das krankhaft veränderte Zellen bzw. Zellteile im Blut erkennt.

Als Vermittler zwischen Zellen und Armband werden Nanopartikel gehandelt: Sie sollen von Patienten aufgenommen werden, sich dann an die krankhaften Zellen im Blut – zum Beispiel Krebszellen – anheften und dem Armband „kommunizieren“, dass diese Zellen gefunden wurden. Das Armband soll dabei nicht nur auf Krebs abzielen:Auch andere Krankmacher wie zum Beispiel jene Proteine, die für die Parkinson-Krankheit verantwortlich sind, sollen aufgespürt und in der Folge zerstört werden – via Hochfrequenzen, Schallimpulsen oder Infrarotbestrahlung.

"Suche nach Nadel im Heuhaufen"

So weit die Zukunftsvision, die Krebs nicht nur frühzeitig erkennen, sondern auch gleich therapieren soll. Doch wie realistisch ist ein solches Vorhaben? Wir haben den Humangenetiker Michael Speicher von der MedUni Graz um eine Einschätzung gebeten. „Prinzipiell sind Krebszellen im Blut sogar bei weit fortgeschrittener Erkrankung selten“, zeigt Speicher ein erstes Problem auf. Tumorzellen im Blut zu finden sei jedes Mal eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

„Im Frühstadium ist die Zahl der zirkulierenden Zellen noch viel geringer und das Aufspüren damit noch schwieriger“, sagt Speicher. Ein weiteres Problem, das der Experte sieht, ist die Krebszellen überhaupt zu erkennen: „Die Unterscheidung zwischen gesunden und Krebszellen ist alles andere als einfach“, sagt Speicher. Krebszellen können extrem unterschiedlich aussehen – es gebe keine einheitlichen Zellcharakteristika, an denen sich eine Krebszelle zweifelsfrei erkennen lasse. So könne es leicht zu Fehldiagnosen kommen, die dem Armbandträger wiederum fälschlicherweise in die Angst versetzen würden, er hätte Krebs.

Ein Meter pro Sekunde

Nicht genug, dass potenzielle Krebszellen im Blut selten und auch noch schwer zu erkennen sind – sie flitzen mit dem Blutstrom auch noch mit einem Meter pro Sekunde dahin. „Das Armband müsste unter Millionen von Zellen, die mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbei sausen, die Nadel im Heuhaufen entdecken“, sagt Speicher. „Und das obwohl die Stecknadel keine eindeutigen Erkennungsmerkmale hat.“

Nur weil etwas nach heutigem Kenntnisstand als unmöglich erscheint, muss das ja nicht so bleiben. Michael Speicher, Humangenetiker

Experte Speicher beurteilt das Vorhaben also eher skeptisch und sieht vor allem den angegebenen Zeitrahmen von fünf Jahren, in denen ein marktreifes Produkt entstehen soll, als „sehr ambitioniert“. Dennoch: „Diese Forschung ist sehr wichtig und nur weil etwas nach heutigem Kenntnisstand als unmöglich erscheint, muss das ja nicht so bleiben“, sagt Speicher.

(Kleine Zeitung/Wien, 28.4.15)

 

Neu erschienen: Das Handbuch gegen Krebs

Was ist Krebs? Jeder zweite Mann und jede dritte Frau erkrankt im Laufe des Lebens an Krebs. Das Handbuch gegen Krebs soll Patienten und Angehörigen helfen, Krebs zu verstehen, und der Krankheit ihren Schrecken nehmen. Das Buch unterstützt Patienten bei der Suche nach Experten und formuliert die wichtigsten Fragen für den Arztbesuch. Dank der fachlichen Beratung von über 60 namhaften Experten der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe sowie einer verständlichen Sprache dient es als Wegweiser durch die komplexe Thematik und begleitet Patienten von der Vorsorge über Diagnose und  Therapie bis zur Nachsorge einer Krebserkrankung. Das Handbuch gegen Krebs bietet konkrete Behandlungsempfehlungen für 35 Krebsarten und fasst alle aktuellen Informationen zur Erkrankung verständlich zusammen. Auch die persönlichen Berichte von prominenten Krebspatienten aus Sport, Kultur und Politik geben den Betroffenen das Gefühl, nicht allein zu sein mit ihrer Krebserkrankung.

Sarah Majorczyk mit über 60 Experten der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe: Das Handbuch gegen Krebs - Neues Wissen. Neue Hoffnung. Neue Therapien.
384 Seiten | Format 17,9 x 24 cm, € 19,95, ISBN 978-3-89883-448-3

 

Forscher: "Krebs lässt sich nicht ausrotten"

Sie wollten den Ursprung einer Krankheit finden, an der in Deutschland jährlich rund 450.000 Menschen erkranken: Krebs. Wissenschaftler der Universität in Kiel haben nach sechs Jahren Forschung herausgefunden, dass es die Krankheit schon ewig gibt - sie sei ein Teil der Evolution und wird sich nie ganz ausrotten lassen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen basieren auf Tests mit Nesseltieren - einfach gebauten Organismen, die es seit mehr als 500 Millionen Jahren gibt.

Alle Prozesse, die im Immunsystem und den Stammzellen von Nesseltieren ablaufen, passieren auch im menschlichen Körper. Auch Nesseltiere können Tumore entwickeln - von selbst. Außerdem fand das internationale Wissenschaftler-Team heraus: Die Tatsache, dass bei einer Transplantation von Tumorzellen Krebs entsteht, ist uralt - Nesseltiere reagieren hierbei wie Menschen. Die Forscher haben inzwischen ein Gen im Erbgut der Nesseltiere entdeckt, das den natürlichen Zelltod von kranken Zellen verhindert - auch das ist eine Parallele zum Krebs beim Menschen.

Wissenschaftler wollen weiterforschen

Für eine Heilung von Krebs, sagt Evolutionsbiologe Thomas Bosch, sei diese Forschung ein wichtiger Schritt: "Wir müssen verstehen, was bei der Krankheit konkret passiert. Wie wandern Zellen plötzlich aus? Und welchen Einfluss hat gesundes Gewebe auf die Krebszelle?" Um diese Fragen zu beantworten, wollen sie weiterforschen.

(NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 24.06.2014 | 19:30 Uhr)

 

 

Onkologen-Kongress:

Immuntherapie bleibt Hoffnungsträger

Die Krebs-Immuntherapie wurde 2013 zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres erklärt. Auch deutsche Onkologen sehen die Krebsmedizin an der Schwelle zu einer neuen Ära. Wichtige Hoffnungsträger sind so genannte Checkpoint-Inhibitoren.

Lange wurde an Immuntherapien gegen Krebs geforscht. Den ersten Meilenstein konnten Krebsforscher aber erst in den letzten zwei Jahren erreichen. Inzwischen gilt die Tumor-Immuntherapie als Therapieansatz mit großem Potenzial. Onkologen und Hämatologen rechnen damit, dass sich die Krebsbehandlung in den kommenden Jahren deutlich verändern wird. Das Wissenschaftsmagazin Science hatte den immuntherapeutischen Ansatz bei der Behandlung von Krebs sogar zum Durchbruch des Jahres 2013 erklärt. „Es spricht in der Tat einiges dafür, dass wir am Beginn einer neuen Ära in der Tumortherapie stehen“, erklärte Professor Carsten Bokemeyer auf der DGHO-Jahrestagung 2014 am 12. Oktober in Hamburg. „Wir sind optimistisch, dass wir bald zahlreichen Patienten neue, effektive Behandlungen anbieten können.“

Checkpoint-Inhibitoren haben die Therapie des Melanoms verändert

Grund zum Optimismus liefert die so genannte Checkpoint-Hemmung. Dieses neue Therapiekonzept hebt eine Blockade auf, die das Immunsystem daran hindert, gegen Krebszellen vorzugehen. Mediziner nennen die neuen Medikamente Checkpoint-Inhibitoren, weil sie wichtige Schaltstellen der Immuntoleranz hemmen. Zu dieser neuen Gruppe von Medikamenten gehören Antikörper wie Ipilimumab, der gegen das cytotoxische T-Lymphozyten assoziierte Antigen CTLA-4 gerichtet ist. Bei Patienten mit metastasiertem Melanom haben die CTLA-4-Blocker bereits zu großen Erfolgen geführt. „Eine CTLA-4-Blockade unterdrückt in der frühen Phase der T-Zellaktivierung im Lymphknoten die Immuntoleranz und löst so antitumorale Effekte aus“, erläuterte Professor Dr. Andreas Mackensen vom Universitätsklinikum Erlangen auf dem Jahreskongress der Onkologen und Hämatologen.

PD-1-Antikörper kurz vor der europäischen Zulassung

Darüber hinaus gelten sogenannte PD-1-Antikörper als neue Hoffnungsträger in der Immuntherapie. Anders als CTLA-4-Blocker wirken diese Checkpoint-Inhibitoren in der Effektorphase des Immunsystems im peripheren Gewebe und damit an der Kontaktstelle zwischen Tumorzelle und T-Zelle. Im Juli 2014 wurde in Japan mit Nivolumab der erste PD-1-Blocker für den Einsatz beim nichtoperablen malignen Melanom offiziell zugelassen. Im September des gleichen Jahres folgte in den USA dann die Zulassung von Pembrolizumab, ebenfalls für den Einsatz beim Melanom. Europa dürfte in Kürze folgen. Unklar ist noch, wie die unterschiedlichen Therapieansätze am besten gemeinsam eingesetzt werden sollten: „Sequenzielle Therapien sind genauso denkbar wie Kombinationsbehandlungen“, betonte Professor Mackensen. Allerdings seien dringend weitere Studien zu unterschiedlichen Therapieregimes nötig.

Die Krebsmediziner hoffen, dass die Erfolge der Checkpoint-Inhibitoren auch auf weitere Krebsarten übertragbar sind. DGHO-Chef Professor Mathias Freund: „Es wird sich zeigen, ob die Checkpoint-Inhibitoren das Potenzial haben, auch bei anderen Krebserkrankungen als dem malignen Melanom zu einer wichtigen Säule in der Krebstherapie zu werden.” Trotz dieses Fragezeichens zeigte sich Freund überzeugt, dass die Immuntherapie die Krebsbehandlung in den kommenden Jahren deutlich verändern wird. Denn neben der Checkpoint-Hemmung befindet sich derzeit noch eine ganze Reihe weiterer immuntherapeutischer Ansätze in der klinischen Prüfung. In Kürze wird etwa eine Impfung gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs europaweit zugelassen. Die Impfung wird ab November an vier Zentren in Deutschland verfügbar sein.

(http://www.gesundheitsstadt-berlin.de, 18.10.14, Beatrice Hamberger)

 

Immuntherapie im Kommen

Abwehr gegen Krebs wird scharfgemacht

Im Kampf gegen Krebs setzen Onkologen nicht mehr nur auf Chemo und Bestrahlung - zunehmend versuchen sie, die gezügelte Immunabwehr wieder flottzumachen. Der Weg ist erfolgsversprechend.

Den Krebs mit eigenen Mitteln schlagen

NEU-ISENBURG. Immer stärker rückt in der Onkologie die Immuntherapie in den Fokus von Wissenschaftlern und Ärzten. Das wird unter anderem in der Fortbildung deutlich, zum Beispiel bei aktuellen Veranstaltungen wie "Die Renaissance der Immuntherapie" oder in Mitteilungen von Fachgesellschaften mit der Überschrift "Immuntherapie: Auf dem Weg in eine neue Ära?"

Tatsächlich wurde der Immuntherapie von Tumoren einer der beiden Schwerpunkte bei derdiesjährigen DGHO-Jahrestagung in Hamburg zugewiesen - zu Recht.
Oder wie es ein Sitzungsmoderator plakativ formulierte: "Die Veranstaltung zur Immuntherapie bei Krebs ist die wohl interessanteste des gesamten Krebskongresses."
Die am längsten genutzte Immuntherapie im Zusammenhang mit Krebs ist die Mitte der 1970er-Jahre erstmals erfolgreich angewandte BCG-Immuntherapie mit dem Bacillus-Calmette-Guérin-Impfstoff beim oberflächlichen Harnblasenkarzinom.
Viel bekannter und breiter einsetzbar ist aber inzwischen die Behandlung mit monoklonalen Antikörpern, allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie. Viele neue Entwicklungen werden vor allem in der Lymphomtherapie und beim Mammakarzinom bereits erfolgreich genutzt.
"Aber die Immuntherapie hat sich weiterentwickelt zu Eingriffen in die spezifische Regulation des Immunsystems, vor allem in die Aktivität der Abwehr-T-Zellen", betonte Kongresspräsident Professor Carsten Bokemeyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Checkpoint-Inhibitoren lösen Bremsen

Zum Schlagwort geworden sind hier die "Checkpoint-Inhibitoren", mit denen es gelingt, gewissermaßen die Bremsen, die dem Immunsystem bei der Abwehr von Tumoren auferlegt sind, zu lösen.
Erstmals ist das beim Melanom gelungen, und zwar mit dem bereits im Dezember 2013 zugelassenen Antikörper Ipilimumab, der an das Antigen CTLA-4 auf der Oberfläche von T-Lymphozyten bindet und es blockiert.
Ein zweiter Hemmstoff dieser Klasse ist Nivolumab. Bokemeyer: "Es setzt an einem etwas anderen Kontrollpunkt an, dem PD1-/PD1-Liganden-System, und ist vielleicht sogar noch vielversprechender."
Mitte 2014 ist der Antikörper in Japan - ebenfalls beim Melanom - zugelassen worden. Zwei Beispiele dafür, wie rasch immunpathologische Erkenntnisse in pharmazeutische Innovationen umgesetzt werden.
Und diese beiden Präparate sind erst der Anfang. Außer beim Melanom gibt es auch zu anderen Krebsentitäten wie Lungen- und Brustkrebs ermutigende erste Studienergebnisse.
Noch spannender sind die Studienergebnisse zur zellulären Immuntherapie, denn mit ihr lassen sich Patienten erfolgreich behandeln, bei denen bisherige Therapieoptionen, etwa mit Chemotherapeutika, versagt hatten.
Am meisten Aufsehen erregt hat dabei die Behandlung von Patienten mit hämatologischen Malignomen, die ihre eigenen T-Lymphozyten reinfundiert bekommen haben. Die Zellen werden dabei außerhalb des Körpers mithilfe der Gentechnik so verändert, dass sie die Fähigkeit erlangen, Krebszellen ganz spezifisch zu attackieren - ganz nach dem Willen desjenigen, der die T-Zellen manipuliert hat.
Solche ersten Erfolge leben natürlich von Fallbeispielen, bei denen die Therapie ganz besonders gut gelungen ist. Eindrucksvoll ist die Behandlung der US-Amerikanerin Emily Whitehead: Im Alter von sechs Jahren hatte sie die zelluläre Immuntherapie an der Klinik in Philadelphia wegen einer therapierefraktären akuten lymphatischen Leukämie erhalten.
Heute ist sie acht Jahre alt und seit zwei Jahren ohne weitere Behandlung krebsfrei.

Kampf mit den eigenen veränderten Abwehrzellen

Aber nicht bei jedem Patienten verläuft die Behandlung problemlos. Zu kämpfen haben viele, die mit ihren eigenen veränderten Abwehrzellen behandelt werden, zum Beispiel mit einer massenhaften Freisetzung von Zytokinen, dem "cytokine-release"- Syndrom.
Zwar ist das meist selbstlimitierend und Zeichen der erfolgreichen zellulären Attacke. Doch einer aktuellen Studie zufolge sind die Nebenwirkungen bei fast jedem dritten Patienten so schwerwiegend, dass sie etwa wegen Hypotonie oder Atemwegsinsuffizienz intensivmedizinisch versorgt werden müssen.
Doch man kann zuversichtlich sein, dass die Forscher auf dem Gebiet der Immunpathologie schon bald auch dagegen ein passendes Rezept finden werden.
Die modernen Therapien gegen Krebs auf der Grundlage der immunologischen Erkenntnisse werden nicht einfacher werden. Es zeichnet sich aber ab, dass sich eine personalisierte Immuntherapie entwickeln wird, die helfen kann, wo die Standardtherapien versagen.
Fortschritte, die zuvor undenkbar schienen. Die grundlegenden Erkenntnisse vor allem zur zellulären Immuntherapie gegen Krebs, die zu dieser Entwicklung geführt haben, wären durchaus den Medizinnobelpreis wert.

(Ärzte Zeitung, 28.10.2014, Peter Leiner)


 

Neue Ära in der Krebstherapie?

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, das Immunsystem gegen Tumore zu mobilisieren. In den USA haben Krebsmediziner mit neuen Antikörpern sichtbare Erfolge erzielt.

Es gibt Menschen, denen man ihre Wichtigkeit nicht ansieht. So verhält es sich auch mit der Krebsmedizinerin Suzanne Topalian von der Johns Hopkins University in Baltimore, einer feinen, leisen Amerikanerin, deren freundliches Gesicht alterslos wirkt - und die bis vor kurzem wohl wenigen Menschen außerhalb der Forschung bekannt war. Doch jetzt hat das Wissenschaftsjournal Nature sie zu eine der zehn wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2014 gekürt.

Wer sie einmal erlebt hat, im November etwa, als sie auf einer Konferenz in Berlin einen Vortrag hielt, weiß warum. Im bis dahin eher heiteren Publikum erzeugte Topalian binnen 15 Minuten eine Mischung aus Betretenheit - und fassungslosem Staunen. Die Forscherin stellte neue Ergebnisse der Immuntherapie gegen Krebs vor, zeigte Fotos und Röntgenaufnahmen von Studienteilnehmern. Und so schockierend die Bilder waren, so klar zeigten sie, wie Tumore und Metastasen von Todgeweihten dahinschmolzen und sogar ganz verschwanden. Es wirkte auf die Zuschauer wie eine Vision. Schwer zu glauben war es dennoch.

Denn der Krebs hat seinen Schrecken nicht verloren: Jeder vierte Todesfall in Deutschland ist einer bösartigen Neubildung zuzuschreiben, mehr als 1,5 Millionen Menschen leben hier mit einer Krebsdiagnose, und noch immer heißt das übliche Therapieschema: Operation. Chemotherapie. Bestrahlung. Zwar haben neue Arzneien Fortschritte gegen vereinzelte Krebsarten erzielt. Von "Durchbrüchen" wollen viele Ärzte und Patienten aber schon lange nichts mehr hören. Und trotzdem, seit einiger Zeit fällt der Begriff wieder häufiger. Immuntherapien sollen dem Krebs auf neue Weise und in vielen Geweben entgegentreten. Demnach können vor allem Antikörper, wie sie der Körper sonst gegen Bakterien oder Viren herstellt, das Immunsystem von Patienten in die Lage versetzen, den Krebs aus eigener Kraft zu zerstören.

Es ist ein heikles Versprechen. Als das Wissenschaftsjournal Science die Immuntherapie schon im vergangenen Jahr zur "Errungenschaft des Jahres 2013" kürte, betonte die Redaktion deshalb, es sei keine leichtfertige Wahl gewesen. Man wolle keinesfalls falsche Hoffnungen schüren. Doch der neue Ansatz gegen Krebs stützt sich auf ein zunehmend solides Fundament. Patientenstudien in zahlreichen anerkannten Fachjournalen haben auf den Onkologie-Konferenzen dieses Jahres weiter Aufsehen erregt. Und im laufenden Jahr wurden immer neue klinische Prüfungen veröffentlicht. Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ im September einen immuntherapeutischen Antikörper im beschleunigten Verfahren für die Behandlung von Melanomen zu, schon im Juni hatte sie einem ähnlichen Präparat einen Sonderstatus verliehen, der die Zulassung erleichtert. Es wird immer deutlicher, dass die Immuntherapie die Krebsmedizin grundlegend verändern könnte - für manche Patienten vielleicht sogar drastisch.

Die Therapie zeigt bei verschiedenen Krebsarten Effekte

"Was sehr wichtig ist: Es geht nicht nur um eine Krebsart, es geht nicht allein um das Melanom. Es laufen jetzt Studien mit immuntherapeutischen Antikörpern gegen Blasenkrebs, Nierenzellkarzinom, Lungenkrebs - und bei all diesen Tumorarten zeigt die Therapie Effekte", sagt der Dermatologe und Hautkrebsexperte Thomas Tüting von der Universitätsklinik in Bonn.

So wie viele Kollegen seines Feldes hält Tüting Antikörper für die aussichtsreichsten Vertreter unter den verschiedenen Ansätzen der Immuntherapie. Dabei ist die Idee nicht grundsätzlich neu. Schon in den Achtzigern hofften Forscher, dem Körper mit Krebsimpfungen einprägen zu können, wie sein Feind, der Tumor, aussieht, auf dass er den Krebs aus eigener Kraft bekämpfe. "Diese Vorstellung hat mich gepackt", erinnert sich Topalian. Man habe gar gehofft, dass der Schutz von Dauer sein würde, also Krebszellen für den Rest eines Menschenlebens erkennen und ausschalten könnte. Also wurden Tumore entfernt, in Zellen zerlegt, bestrahlt, Eiweiße extrahiert, mit stimulierenden Botenstoffen frisiert, mit präparierten Immunzellen aufgerüstet. Operierte Patienten, die meisten von ihnen schon ohne jede Hoffnung, bekamen die vielfältigen Präparationen schließlich als Therapeutikum verabreicht. Doch so einleuchtend das Prinzip war: Es brachte den Patienten nur wenig.

"Wir haben damals nicht in derselben Tiefe wie heute verstanden, was Immunreaktionen auslöst - und viel wichtiger noch, was sie blockiert", sagt Topalian. Erst später erkannten Forscher, dass Krebszellen dem Immunsystem nicht einfach qua Masse entgegentreten, sondern dass sie sich aktiv abschirmen - indem sie Kontrollpunkte oder Checkpoints blockieren, die eigentlich Teil der körpereigenen Abwehr sind. Einer dieser Checkpoints wurde 1991 beschrieben, ein zufällig entdeckter Rezeptor auf T-Zellen, den Killern des Immunsystems: das Molekül CTLA-4. Es erwies sich als "Aus"-Schalter für die potenten Killerzellen. Bindet es an ein passendes Partnermolekül auf einer anderen Zelle, wird die Abwehrreaktion unterdrückt. Der Schalter ist zentral für die Toleranz gegenüber dem eigenen Gewebe. Und diese Selbstregulation ist überlebenswichtig: Mäuse, denen der Schalter fehlt, sterben binnen Wochen an einer überschäumenden Autoimmunreaktion. Blockiert man den Schalter allerdings in normalen Mäusen, die Krebs haben, verschwindet zuerst eines: der Tumor.

Es zeigte sich, dass zahlreiche Krebsarten den CTLA-4-Schalter nutzen, um der körpereigenen Überwachung zu entgehen. Die bösartigen Zellen bieten dem Immunsystem einfach das passende Partnermolekül an. Sobald dieser Partner an den Rezeptor bindet, ist die Immunzelle entmachtet. Das erklärte auch, warum sich selbst ein Tumor wie das Melanom, der vom Immunsystem recht oft erkannt wird, so hartnäckig der Abstoßung entzieht. Binnen weniger Jahre entwickelte Bristol-Myers Squibb einen menschlichen Antikörper namens Ipilimumab, unter Forschern auch weniger zungenbrecherisch "Ippy" genannt. Er blockiert die Blockade des Checkpoints, bindet also an den CTLA-4-Rezeptor, ohne dabei den Schalter umzulegen.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Antikörpern und Medikamenten gegen Krebs ist also, dass "Ippy" gar nicht auf den Krebs zielt, sondern auf die gehemmte Abwehr des Patienten. "Wenn wir dann sehen, dass der Tumor schrumpft in den Behandelten, wissen wir: Es ist ihr eigenes Immunsystem, welches das bewerkstelligt - nichts anderes", sagt Topalian. Eine art personalisierte Therapie also, nur in einem anderen Sinne als bislang bekannt.

Nur ein Teil der Patienten spricht auf die Behandlung an

Ipilimumab wurde 2011 für die Behandlung von Melanomen zugelassen, auch in Deutschland. Er gilt als Prototyp der Immuntherapie, bei der Antikörper die Checkpoints im Immunsystem blockieren und damit auch den Schutzschild des Tumors aufheben. Doch wenn die körpereigene Abwehr derart entfesselt wird, geht das nicht ohne Nebenwirkungen ab. CTLA-4 kommt auf Zellen im ganzen Körper vor, die Mehrheit der behandelten Patienten leidet deshalb unter schweren autoimmunen Reaktionen. Viele müssen die Therapie deshalb abbrechen. Inzwischen allerdings haben Forscher weitere Checkpoints gefunden, die weniger universell im Körper verbreitet sind. Mehrere neue Antikörper etwa greifen in einen Mechanismus ein, der Programmed Death 1 heißt, kurz PD-1. Viele Krebszellen besitzen auch für diesen Checkpoint den Schlüssel. Der Rezeptor wiederum findet sich vor allem auf T-Zellen im Umfeld von Tumoren. Antikörper, die sich gegen diesen Rezeptor oder seinen Partner richten, aktivieren das Immunsystem gezielter als Ipilimumab, und wie klinische Studien in diesem Jahr gezeigt haben, wirken manche von ihnen ähnlich gut, bei deutlich milderen Nebenwirkungen.

Und dabei soll es längst nicht bleiben "Wir stehen noch am Anfang dieser Geschichte", sagt Suzanne Topalian. Es bleibe viel über die Signale zwischen Krebszellen und Immunsystem zu lernen. Noch immer spreche nur ein Teil der Patienten auf die verfügbaren Immuntherapien an. "Es sind weniger als 50 Prozent", sagt die Ärztin. "Und wir wollen so nahe wie möglich an die 100 Prozent herankommen." Ein Weg, der derzeit schon für eine Reihe von Tumorarten beschritten wird, ist die Kombination von Antikörpern wie "Ippy" mit anderen Ansätzen aus der Immuntherapie, auch mit den Impfstoffen, die am Schutzschild des Tumors allein meist scheitern. Biomarker im Krebs, wieder Partner des PD-Rezeptors, sollen zudem helfen, Patienten auszuwählen, die besonders empfänglich für die Checkpoint-Blockade sind.

Leider teilen die neuen Immuntherapien einige Nachteile mit anderen modernen Medikamenten. Da ist zum einen der Preis. Schon eine Behandlung mit Ipilimumab, dem nebenwirkungsträchtigen Prototypen, kostet rund 100 000 Euro. Der neuere Antikörper Nivolumab wird etwa genauso teuer sein, und eine Therapie mit dem bereits zugelassenen Pembrolizumab kostete jährlich sogar 120 000 Euro. Wie soziale Gesundheitssysteme diese Summen stemmen sollen, bleibt offen.

Der Preis hängt unmittelbar mit einem zweiten Problem zusammen: der Finanzierung klinischer Studien durch die Hersteller. Suzanne Topalian sagt, eine Prüfung der neuen Therapeutika am Menschen sei ohne das Geld der großen Konzerne unmöglich gewesen, aus den Forschungsinstitutionen heraus ließen sich solche Studien kaum realisieren. Ob das so bleiben muss, darüber wird seit Jahren gestritten. Eine Einflussnahme der Pharmafirmen kann nicht ausgeschlossen werde und erschwert die Bewertung der Studien.

Hinzu kommt, dass gerade Krebsstudien ohnehin selten alle Kriterien der guten Studienpraxis erfüllen. So fehlen in einigen der bislang vorgelegten Studien Kontrollgruppen, die zum Vergleich nur eine Standardtherapie erhalten. Aus Gründen der Menschlichkeit möchte man den meist austherapierten Teilnehmern solcher Studien nicht die letzte Chance nehmen. Doch zugleich eröffnen sich so mehr Möglichkeiten, die Daten in einem besonders guten Licht zu präsentieren, um die Zulassung zu erleichtern.

Dem Optimismus der Mediziner allerdings tun solche Misstöne noch keinen Abbruch. Thomas Tüting etwa ist fest davon überzeugt, dass die schnelle Zulassung weiterer neuer Antikörper zur Immuntherapie auch von anderen Tumorarten eine Frage der Ethik ist. "Es wäre nicht zu verantworten, wenn man einem Sterbenden einen Antikörper verweigert, der ihm möglicherweise das Leben rettet". Dabei seien diese Behandlungen gewiss keine Allheilmittel, die immer wirken, sondern eine Chance, die todkranken Menschen vorbehalten bliebe. Doch der Bonner Dermatologe sieht sein Feld an einem Wendepunkt. "Das dauert alles seine Zeit, aber ich arbeite seit 25 Jahren auf diesem Gebiet und die Immuntherapie gegen Krebs - sie ist gekommen, um zu bleiben."

(Südeutsche Zeitung, 23.12.14, Kathrin Zinkant)

 

 

Personalisierte Medizin: Wettlauf gegen den Krebs

Lungenkrebs! Die Diagnose traf Monika M. wie ein Schlag. Die 32-Jährige glaubte ihr ganzes Leben noch vor sich; sie wollte ihre beiden Kinder aufwachsen sehen, als Malerin Karriere machen, viel reisen. Sie dachte an einen langsamen Tod mit Erstickungsanfällen und künstlicher Beatmung. Die Ärzte hatten bei Monika M. drei verschiedene Gendefekte festgestellt. Doch dank der superschnellen Datenbank HANA erhielt ihr Arzt Hinweise zu Patientendaten aus aller Welt zu genau dieser Krebsform. Er konnte sie daraufhin gezielt behandeln.

„Big Data kann Leben retten. Wofür früher Stunden, Wochen oder sogar Monate benötigt wurden, geht heute in Echtzeit über den Bildschirm“, sagt Dr. Matthieu Schapranow (31) vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. „Das funktioniert deshalb so schnell, weil wir bis zu 1000 Rechenkerne, das heißt Multiprozessoren, zur gleichen Zeit laufen lassen. Weltweit sind wir die einzige Uni mit solch einem 1000-Kerne-Rechencluster.“

Ursprünglich für blitzschnelle Analysen von Wirtschaftsunternehmen gedacht, wird die In-Memory-Technik jetzt auch im Medizinbereich angewandt. Der „Oncolyzer“, in Zusammenarbeit mit der Charité entwickelt, stellt eine Plattform für Onkologen bereit, um mit mobilen Geräten wie iPads medizinische Daten zu analysieren. Jeder Arzt kann in Sekundenschnelle die Patientendaten mit anderen Fällen weltweit vergleichen und auswerten.

Dr. Matthieu Schapranow ist ein Mann, der mehr denkt als spricht. Doch wenn es um den Oncolyzer geht, kommt er schnell ins Schwärmen. „Aus riesigen Datenmengen sucht unsere Maschine die relevanten Fakten heraus. Schon bei der Visite am Krankenbett kann der Arzt entscheiden, welche Behandlung am besten ist. Wir wissen, dass drei Viertel der Chemotherapien nicht optimal sind und das Testen von verschiedenen Medikamenten kostet unnötig Zeit. Die ist bei einem Krebskranken oft sehr knapp.“

Die Forscher sind überzeugt: Die Zukunft gehört der personalisierten Medizin. Menschen mit derselben Krankheit reagieren oft sehr unterschiedlich auf dieselbe Behandlung. Mit zunehmenden Kenntnissen individueller Unterschiede werden bessere Behandlungsmethoden mit weniger Nebenwirkungen möglich sein.

Die Erfolgsgeschichte des Oncolyzers beginnt im Sommer 2006. Ein Stück Papier, ein Stift, ein Glas Rotwein. Hasso Plattner, kurz vor dem offiziellen Rentenalter, will es noch einmal wissen. „Ich fragte mich, was hätte ich 1972 mit meinem heutigen Wissen anders gemacht.“ 1972, dass war die Zeit der langen Haare, das Abschneiden alter Zöpfe, spleeniger Ideen und dem Mut zum Versagen. Es war die Zeit der großen Träume. Damals hatte er als junger Nachrichtentechniker die Softwarefirma SAP mitgegründet, heute ist sie Europas größtes Unternehmen der Branche.

(Berliner Kurier, Ratgeber  Gesundheit, 12.10.2014, Rolf Kremming)

 

 

Krebs-Therapie

Forscher finden Mittel, das Tumorwachstum bremsen kann

Ein Stoff in unserem Körper beschleunigt das Wachstum von Tumoren. Bislang gibt es dagegen keine Medikamente. Doch US-Forscher haben nun einen wichtigen Schritt geschafft.

"Wenn ein Alligator Sie beißen will, können Sie ihm das Maul zubinden. Wir haben einen anderen Ansatz gefunden: Wir stecken ihm einen Stock ins Maul, damit er es nicht mehr schließen kann." So erklärt Dan Theodorescu vom Krebsforschungszentrum der Universität von Colorado seine Forschung. Er und sein Team fanden einen neuen Ansatz, um bestimmte Krebsformen in ihrem Wachstum zu verlangsamen.

Dabei geht es um das sogenannte Ral-Protein. Es handelt sich um ein Enzym, das dafür bekannt ist, eine wichtige Rolle in der Signalweiterleitung in und zwischen Zellen zu spielen. So erklärt es Nikolas Gunkel, Leiter der Wirkstoffforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg.

Enzyme sind Katalysatoren für chemische Prozesse, die vielfältige Stoffwechselvorgänge in unserem Körper beschleunigen oder überhaupt erst ermöglichen. Ral kommt zwar auch im gesunden Körper vor. Ist es jedoch übermäßig aktiv, gilt es als sogenanntes prototypisches Onkogen. Darunter versteht man den Inbegriff eines Krebs-Gens. Das sind Teile unseres Erbguts, die den Übergang von einem normalen Zellwachstum zu ungebremstem Tumorwachstum fördern.

Übermäßig aktives Ral kann also das Wachstum von verschiedenen menschlichen Krebs-Erkrankungen beschleunigen. Experten sprechen dabei von einem "Treiber". Darunter sind etwa Bauchspeicheldrüsen-, Prostata-, Lungen-, Darm- und Blasenkrebs. Bislang gibt es keine Medikamente, die dazu in der Lage sind, das schädliche Ral-Protein zu blockieren.

Die Studie der Forscher um Theodorescu, die im Magazin "Nature" veröffentlicht wurde, zeigt nun einen neuen Therapieansatz: Die Wissenschaftler untersuchten das Ral-Protein zunächst im Computermodell. Ist es inaktiv, zeigt sich eine Aushöhlung in seiner Struktur - das Maul des Alligators, wie Theodorescu es umschreibt. Wird Ral aktiviert, verschwindet diese Einkerbung - das Maul schließt sich. Dahinter steckt eine Strukturänderung des Moleküls.

So kamen die Forscher auf die Idee, nach einem "Stock" zu suchen, um das Maul des Alligators offen zu halten - und so die Aktivierung des Proteins zu verhindern. Nach hunderttausenden Versuchen fanden sie 88 scheinbar geeignete Substanzen. Mit dieser Erkenntnis gingen sie zu Laborversuchen an menschlichen Krebszellen über. In mehreren Versuchsreihen reduzierten die Wissenschaftler die Auswahl schließlich auf eine Handvoll von Substanzen, die die Aktivierung von Ral in Lungenkrebs-Zellen verhindern konnte.

Tumore wachsen deutlich langsamer

Doch was im Reagenzglas funktioniert, muss nicht unbedingt im Körper mit seiner Vielzahl sich gegenseitig bedingender Stoffwechselprozesse funktionieren. Und während im Reagenzglas Stoffe unmittelbar an und in die simplen Zellklumpen gegeben werden können, sieht das bei komplexen Tumoren, die sich im Körper gegen seine Abwehr durchgesetzt haben, anders aus.

In einem nächsten Schritt erforschten die Wissenschaftler die vielversprechendste Substanz mit dem Namen BQU57 an Mäusen. Den Tieren wurden menschliche Lungenkrebszellen eingepflanzt, um zu testen, ob die neue Substanz auch in ein Tumorgewebe eindringen kann.

Bereits nach einigen Stunden konnten die Forscher feststellen, dass BQU57 es tatsächlich schaffte, in das Gewebe einzudringen. Beobachtungen in den folgenden Tagen zeigten, dass die Tumore deutlich langsamer wuchsen als in einer unbehandelten Vergleichsgruppe von Mäusen.

Die Wissenschaftler hoffen, aus dieser Erkenntnis ein neues Medikament für die Krebstherapie entwickeln zu können: Einen spezifischen Wirkstoff, der das Tumor- und Metastasen-befeuernde Ral-Molekül daran hindern kann, aktiv zu werden. Im Vergleich etwa zu einer Chemotherapie, die nicht nur speziell die Krebszellen angreift und zahlreiche Nebenwirkungen haben kann, wäre das für den kranken Körper ungleich schonender.

Bei diesem Ansatz, spezifische Wirkstoffe für ein ganz bestimmtes Ziel im Stoffwechsel zu finden, sprechen Wissenschaftler von sogenannten allosterischen Inhibitoren. Ein Inhibitor ist ein Stoff, der etwa ein Enzym hemmen kann. Dazu muss man wissen, dass grundsätzlich zwischen kompetitiven und allosterischen Inhibitoren unterschieden wird. Ein kompetitiver Inhibitor kann im aktiven Zentrum des Enzyms binden. Er nimmt so dem Stoff, der dort eigentlich umgesetzt werden soll, den Platz weg.

Das Problem: Die Wirkung ist oft unspezifisch. Das ist eine generelle Schwierigkeit in der Wirkstoffforschung: Inhibitoren hemmen nicht nur das eine, gewünschte Enzym, sondern können auch mehrere verwandte Mitglieder einer Enzymklasse blockieren.

"Wir packen das Enzym am Genick"

Allosterisch bedeutet nun soviel wie "an anderer Stelle". Dabei lagert sich ein Inhibitor nicht am aktiven Zentrum des Enzyms sondern an einer anderen Position an. Er verändert dadurch die räumliche Struktur des Enzyms und verhindert so, dass es wie gewohnt funktionieren kann. Der Vorteil: "Allosterische Inhibitoren packen das Enzym bildlich gesprochen am Genick", erläutert Gunkel. "Diese Angriffspunkte außerhalb seines aktiven Zentrums sind in der Regel einzigartig."

Allosterische Inhibitoren sind zwar per se nichts Neues. Derzeit werde aber in der Krebsforschung verstärkt nach diesen Stoffen gesucht, erklärt Gunkel weiter. Die Klasse, zu der das nun von der US-Forschergruppe geknackte Ral-Protein gehört, ist in der Krebsforschung hochinteressant. "Das ist toll, ein guter Anfang", sagt Gunkel. "Man muss allerdings auch sagen, dass es noch ein weiter Weg hin zu einem einsatzfähigen Medikament ist - sowohl, was die Zeit als auch was das finanzielle Investment betrifft", schränkte er ein. "Hier steht keine neue Behandlungs- oder Heilungsmöglichkeit unmittelbar vor der Tür, sondern ein interessanter Ansatz, den es zu beobachten gilt".

Bis zu einem einsatzfähigen Medikament könnten also noch Jahre vergehen. Auch Theodorescu sagte, dass noch viel Forschungsarbeit und Tests nötig seien. Unter anderem müsse eine mögliche Giftigkeit der Substanz BQU57 überprüft und ausgeschlossen werden. Auch die beste Art der Gabe von BQU57 - etwa oral oder intravenös - müsse noch erforscht werden.

"Dennoch ist diese Studie ein wertvoller erster Schritt in Richtung einer Entwicklung einer neuen Klasse therapeutischer Mittel, die Ral ins Visier nehmen", betont Theodorescu.

(Wirtschafts Woche, 18.09.2014, Jana Reiblein)

 

 

Antikörper gegen Krebs – Neue Wege verbessern Wirksamkeit von Antikörpertherapien

Antikörper sind Eiweißstoffe der körpereigenen Immunabwehr, die bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von Bakterien, aber auch kranker oder gesunder Zellen markieren und somit deren Zerstörung durch das Immunsystem einleiten. Heute können sogenannte monoklonale Antikörper durch gentechnologische Verfahren zum Einsatz bei der Behandlung von Krankheiten zielgenau hergestellt werden. Sie werden dadurch von dem eigenen Immunsystem des Patienten nicht als fremd erkannt und können somit mehrfach mit relativ geringen Nebenwirkungen verabreicht werden. Dieser medizinische Fortschritt hat die Behandlung von Patienten mit verschiedenen Tumorerkrankungen, wie Lungen-, Brust-, Darmkrebs oder malignen Lymphomen, wirksamer und verträglicher gemacht.
Leider spricht eine große Gruppe von Krebspatienten nicht auf die Behandlung mit Antikörpern an. Die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Martin Schuler am Westdeutschen Tumorzentrum des Universitätsklinikums Essen hat mehrere Ursachen gefunden, warum Antikörpertherapien bei Krebserkrankungen wie beispielsweise Darmkrebs, Tumoren des Kopf-Hals-Bereiches oder malignen Lymphomen nicht wirken. Durch die gesteigerte Ausprägung oder durch Mutationen bestimmter Gene ist die Aktivierung von Apoptose (programmierter Zelltod) durch Antikörpertherapien gestört. Die Kenntnis dieser Mechanismen erlaubte es den Essener Forschern, gezielte Behandlungen zur Überwindung dieser Resistenz zu entwickeln und im Laborexperiment zu testen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Pathologie des Universitätsklinikums Essen prüften die Forscher anhand vorhandener Tumorproben zusätzlich, ob durch Untersuchung dieser Resistenzgene der Erfolg von Antikörpertherapien bei Patienten besser vorhergesagt werden kann.
Mittelfristig hoffen Professor Schuler und sein Team, diese Ergebnisse in die Behandlung von Patienten am Westdeutschen Tumorzentrum einfließen zu lassen, um den Erfolg von Antikörpertherapien von Krebserkrankungen zu verbessern.
Kontakt (Projektleitung):
Prof. Dr. Martin Schuler, Westdeutsches Tumorzentrum, Innere Klinik (Tumorforschung),
Universitätsklinikum Essen, E-Mail: Martin.Schuler@uk-essen.de
Die Wilhelm Sander-Stiftung förderte die Fortsetzung dieses Forschungsprojektes mit rund 200.000 Euro, nachdem bislang bereits über 320.000 Euro Fördermittel geflossen sind. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.
Weitere Informationen zur Stiftung: http://www.wilhelm-sander-stiftung.de/

(medizin-aspekte.de, Worms, 19.12.14, idw 2014/12)

 

 

 

Natürlich gegen Krebs:

Mit Pflanzen-Wirkstoffen lassen sich Tumore bekämpfen

Seit Jahrzehnten suchen Forscher in den Regenwäldern nach neuen Wirkstoffen gegen Krebsleiden. In Immergrün, Eibe und Glücksbaum wurden sie fündig. Weitere Arten gilt es zu erforschen.

Ob tropische Stachelannone, Goji-Beere (zu deutsch: Gemeiner Bocksdorn) oder Löwenzahnwurzel, japanischer Shiitake-Pilz, Cannabis oder Traubenkern - die Liste der angeblichen Heilmittel aus der Natur gegen Krebs ist lang. Das Internet ist voll von "Wunderfrüchten" und "-pflanzen", die bösartigem Zellwachstum mit natürlichen Substanzen zu Leibe rücken sollen. Und in Büchern erklären Wissenschaftler, welche Biowaffen aus der Küche das Tumorrisiko senken können: So sollen Tomate vor Prostatakrebs und Hering vor Brustkrebs schützen und Vollkornbrot Krebszellen abtöten.

Allen diesen Mitteln ist eines gemeinsam: Sie haben bislang keinen wissenschaftlichen Nachweis über Verträglichkeit und Wirksamkeit erbracht und sind nicht als Arzneimittel anerkannt.

Trotzdem: Mit jeder Heilungsgeschichte eines Krebskranken durch spezielle Ernährung oder gar durch eine "Wunderfrucht" aus dem Regenwald wächst neue Hoffnung. Die hegen nicht nur Patienten. Auch die Krebsforschung hofft letztlich mit jedem neuen Wirkstoff, den Durchbruch zu schaffen.

Doch bis aus einer Substanz, die wie im Fall des aus dem australischen Blushwood Tree gewonnenen EBC-46, das bei Tierversuchen Erfolge erzielt hat, ein für Menschen zugelassenes Medikament wird, ist es ein langer Weg. Die klinische Arzneimittelprüfung, in der vier Studienphasen durchlaufen werden müssen, dauert neun Jahre.

Seit Jahrzehnten durchforsten Wissenschaftler die Vegetation des Regenwalds auf der Suche nach wirksamen Arzneistoffen. Denn tatsächlich können Inhaltsstoffe vieler tropischer Arten Bakterien vernichten oder das Wachstum von Krebszellen verhindern. Bereits in den 80er Jahren wurden in der Rosafarbenen Catharanthe auf Madagaskar Alkaloide entdeckt, die eine krebshemmende Wirkung entfalten. Pharmaunternehmen entwickelten sie zu einer Gruppe von Medikamenten weiter, die heute bei einer Vielzahl von Tumorerkrankungen in Kombination mit anderen Präparaten in der Chemotherapie zum Einsatz kommt.

Ähnlich verhält es sich mit Taxanen, die unter anderem zur Therapie von Eierstockkrebs, Brustkrebs, Lungenkrebs, Prostatakrebs oder Magenkrebs zugelassen sind. "Der Prototyp, Paclitaxel, kommt in der Rinde der pazifischen Eibe natürlich vor", sagt Dr. Susanne Weg-Remers, die Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. "Da der Bedarf aus dem natürlichen Vorkommen nicht gedeckt werden kann, wird Paclitaxel mittlerweile aus einem Naturstoff europäischer Eibenarten teilweise synthetisch hergestellt."

Amerikanische Forscher haben bereits im Jahr 1958 begonnen, rund 35 000 Pflanzenarten auf ihre Wirksamkeit gegen Krebs zu untersuchen. Nach Jahrzehnten der Forschung und Hunderten Millionen Dollar war das Produkt Taxol 2002 das meistverkaufte Krebsmedikament weltweit.

Aus Rinde, Holz und Samen des chinesischen Straßenbaums, der auch Glücksbaum genannt wird, lässt sich die Substanz Camptothecin gewinnen, die die Grundlage für ein Medikament liefert, das beispielsweise zur Kombinationsbehandlung bei fortgeschrittenem Darmkrebs oder Lungenkrebs eingesetzt wird.

Nicht alles, was aus der Natur kommt, kann man als sanfte Medizin bezeichnen. Die Wirkung dieser aus dem madagassischen Immergrün, einem nordamerikanischen Nadelbaum und einem asiatischen Glücksbaum gewonnenen Medikamente ist - wie bei anderen Chemotherapeutika - nicht auf Krebszellen beschränkt. Auch andere, sich schnell teilende Zellen werden geschädigt. Daher ist auch bei aus der Natur abgeleiteten Präparaten eine Wirkung auf gesundes Gewebe nicht auszuschließen.

"Es mag durchaus sein, dass sich in der Schatzschatulle der Naturapotheke die eine oder andere Substanz befindet, die weiter entwickelt und eines Tages erfolgreich in der Krebstherapie eingesetzt wird", meint Weg-Remers. Die ersten Ergebnisse der australischen Forscher mit EBC-46 in Tierversuchen findet die Medizinerin jedenfalls "vielversprechend". Die Studienphase I, in der das Mittel in niedriger Dosierung erstmals an Patienten getestet werden soll, ist bereits in Planung. Es bleibt abzuwarten, wie sich die australische "Wunderfrucht" in den weiteren Studienphasen behauptet. Hoffnung besteht allemal.

Und für alle, die nicht so lange warten wollen, gilt: Eine gesunde Ernährung mit Lebensmitteln, denen eine krebshemmende Wirkung nachgesagt wird, schadet sicher nicht.

(Südwest Presse, 31.10.14, Christine Hofmann)

 

 

Zitrusduft hemmt Leberkrebs

Forscher weisen Duftrezeptor in Leberkrebszellen nach

Duft gegen Krebs? Forscher haben herausgefunden, warum einige ätherische Öle das Wachstum von Krebszellen hemmen können: Die entarteten Zellen tragen eine Art chemische Nase auf ihrer Zellhülle. Dadurch reagieren Leberkrebszellen auf das Terpen (-)-Citronellal und stellen ihr Wachstum ein. Der jetzt identifizierte Duftrezeptor an den Krebszellen könnte bei der Entwicklung neuer und schonenderer Krebstherapien helfen.

Dass ätherische Öle einige gesundheitsfördernde Wirkungen haben, ist schon länger bekannt. Denn diese intensiv duftenden Pflanzenstoffe haben antibakterielle, antivirale und pilztötende Eigenschaften. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Terpene, die Hauptbestandteile dieser Öle, auch verschiedene Krebszellen am Wachsen hindern können, darunter auch bei Leberkrebs. Was genau dabei passiert, war aber bislang unklar.

Citronellal hemmt Wachstum

Um dieser Wirkung auf die Spur zu kommen, führten Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum und seine Kollegen Experimente mit Zellen des hepatozellulären Karzinoms durch, einem häufigen Lebertumor. Sie setzten die in Kultur gehaltenen Zellen verschieden hohen Konzentrationen mehrerer Terpene aus und beobachteten ihre Reaktion.

Es zeigte sich, dass zwei der insgesamt elf getesteten Terpene zu einem deutlichen Anstieg der Kalziumkonzentration in den Zellen führten: (-)-Citronellal und Citronellol. Das deutet darauf hin, dass die Zelle diese Duftstoffe irgendwie registrieren und dass sich dies negativ auf ihren Zellstoffwechsel auswirkt. Aber wie? Um das herauszufinden, konzentrierten sich die Forscher auf das (-)-Citronellal und suchten nach einem Rezeptor – einer Andockstelle, auf die das Terpen passen muss wie ein Schlüssel in ein Schloss.

Nase in der Zellhülle

Wie sich zeigte, besitzen die Leberkrebszellen tatsächlich einen solchen Duftrezeptor in ihrer Zellhülle – quasi eine zelluläre Nase. Nahmen die Forscher den Zellen die Möglichkeit, diesen Rezeptor herzustellen, reagierten sie nicht mehr auf das Terpen. Es gelang den Forschern außerdem, den Signalweg nachzuvollziehen, auf dem das Terpen dazu führt, dass sich die Kalziumkonzentration im Zellinnern erhöht und damit das Zellwachstum reduziert.

„Diese Ergebnisse stellen ein weiteres Beispiel für die Bedeutung der Duftrezeptoren außerhalb der Nase dar", konstatiert Hatt. "Sie geben Hoffnung, für die Krebstherapie neue Medikamente mit geringeren Nebenwirkungen entwickeln zu können." (Arch. Biochem. Biophys., 2014; doi: 10.1016/j.abb.2014.12.00)

(Ruhr-Universität Bochum, 19.01.2015 - NPO)

 

 

Die Früchte des Blushwood Trees können die Krebstherapie unterstützen

Vielversprechend nennen die Forscher um Glen Boyle vom QIMR Berghofer Medical Research Institute in Australien das Ergebnis ihrer Studie. Sie hatten untersucht, wie effektiv der Wirkstoff EBC-46 aus den Beeren des Blushwood Trees (siehe Box) gegen Krebs wirkt.

Die Pflanze kommt nur in bestimmten Regionen der Atherton Tabelands im tropischen Norden von Queensland in Australien vor. 

Ihre dicken, roten Beeren enthalten den krebszerstörenden Wirkstoff EBC-46. Auf seiner Basis entwickelt die Firma QBiotics nun ein Medikament. Um künftig über ausreichend EBC-46 zu verfügen, wird nun geprüft, ob der Blushwood Tree auch angebaut werden kann.

Dafür injizierten sie ein daraus gewonnenes Medikament rund erkrankten 300 Tieren – darunter Katzen, Pferde und Hunde – direkt in die von Krebs befallenen Stellen. «Bereits innerhalb von vier Stunden begannen die Krebszellen abzusterben», sagt Boyle in einer Mitteilung.

Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass das EBC-46 eine Zellreaktion auslöst, die die Blutversorgung zum Tumor unterbricht. So würde der Tumor nach und nach zerstört. 70 Prozent der tierischen Probanden wurden so langfristig geheilt, berichtet das Team im Fachjournal «PLOS One».

Boyle zufolge gibt es aber keine Hinweise darauf, dass das Medikament auch für die Behandlung von Krebserkrankungen, die sich bereits in andere Körperteile ausgebreitet haben, geeignet ist. Er geht auch nicht davon aus, dass das neue Präparat dereinst herkömmliche Medikamente in der Chemotherapie ersetzen kann.

Jedoch kann er sich einen Einsatz von EBC-46 bei Patienten vorstellen, bei denen die Chemo nicht greift oder auch bei älteren Patienten, deren Körper eine weitere Behandlung nicht mehr verkraftet.

(20min.ch, Zürich, 9.10.14, fee)

 

 

 

Krebszellen sterben rasend schnell

Blushwood Tree: Diese australische Beere könnte Krebs den Garaus machen

Natürliche „Wundermittel“ gegen Krebs gibt es immer wieder. Meist ist nichts dran und die Enttäuschung ist groß. Die Beeren des australischen Blushwood Tree  sind anders. Und trotzdem dürfen sich Krebspatienten keine Hoffnung machen. Der Grund ist ganz einfach.

 „Wundermittel gegen Krebs entdeckt!“, besser noch: „Wunder-Lebensmittel gegen Krebs entdeckt“ – Schlagzeilen wie diese geistern immer wieder durch die Medien. Gerade hat die Seite „Heftig.co“ das Thema aufgegriffen: „Wahnsinn! Diese Beeren töten Krebs. Und das schon nach Minuten“. Da wollen nicht nur verzweifelte Krebspatienten wissen: Wo gibt es diese Beeren? Können sie tatsächlich den Krebs besiegen? Oder was steckt dahinter?

Das heilende Gift steckt in den Beerenkernen

Die pflaumengroßen roten Beeren wachsen im tropischen Norden Australiens, im Regenwald von Queensland. Aus ihren Kernen haben Wissenschaftler vom Berghofer Forschungsinstitut in Brisbane eine Substanz extrahiert, die sie EBC-46 nennen. Diese Substanz hat im Tierversuch Tumore schrumpfen und verschwinden lassen. Und hier endet die Erfolgsstory der Beeren gegen Krebs momentan auch schon.  

Die seit 2006 laufende Erforschung des Pflanzengifts aus dem Blushwood Tree reiht sich in eine Serie von Experimenten ein, die bestimmten Substanzen eine sensationelle Wirkung gegen Tumorzellen zuschreiben. Schnell bekommen sie dann das Label „vielversprechende Therapie-Option“.  In Wirklichkeit beginnt und endet der Erfolg von Pflanzen- oder Lebensmittel-Bestandteilen im Labor und seinen künstlichen Bedingungen.

Vom ersten Test zur Studie – ein weiter Weg

Von 5000 bis 10.000 Substanzen, die auf Wirksamkeit getestet werden, schafft es nur eine bis zum Medikament. Das Paradebeispiel für den Erfolg einer Pflanze in der Krebstherapie ist die Pazifische Eibe. Daraus stammt die ganze Gruppe der Taxane, Zellgifte für die Chemotherapie verschiedener Krebsarten. Daher ist diese Karriere ein Einzelfall.

Saubere Studie weist Wirksamkeit nach

Tatsächlich hat der Extrakt aus den Beerenkernen eine erstaunliche Wirksamkeit als Tumorkiller. Und die Forscher, die seit zehn Jahren damit arbeiten, gehen mit wissenschaftlicher Akribie an die langwierige Aufgabe, einen neuen Krebswirkstoff auf den Markt zu bringen.  

Erste Ergebnisse aus Versuchen an Labormäusen veröffentlichte die Forschergruppe um Peter Parsons im Oktober 2014 auf den Seiten von PLOS One, der Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science. Die Open-Access-Plattform genießt unter Wissenschaftlern einen guten Ruf. Die Studie erklärt auch den Wirkmechanismus von EBC-46 auf das Zellwachstum.

Die Substanz wird direkt in den Tumor gespritzt

Die Forschergruppe um Peter Parsons beschreibt darin, wie die Injektion direkt in Hauttumore dort zunächst eine Entzündung hervorrief, die Blutversorgung unterbrach und das Melanom absterben ließ. An der behandelten Stelle bildete sich neue, gesunde Haut. Die Wirkung setzte sofort ein, was die Wissenschaftler selbst überraschte.Inzwischen haben sie  die experimentelle Therapie an rund 300 krebskranken Haus- und Nutztieren durchgeführt. Bei 70 Prozent davon verschwand der Tumor dauerhaft.

Für die Beeren des australischen Blushwood Tree ist momentan völlig offen, ob der daraus gewonnene Extrakt EBC-46 jemals in klinischen Studien, also an Menschen getestet wird. Die Forscher am Berghofer Institute glauben fest daran. Eine erste Studie mit Patienten ist in der Genehmigungsphase.

Eine Therapie nicht für jeden

Die australischen Wissenschaftler glauben nicht, dass ihr EBC-46 für jede Krebsart geeignet oder gar ein Wundermittel ist. Die Spritze sei vor allem eine Option, wenn eine klassische Chemotherapie nicht greift oder ein geschwächter Patient sie nicht verkraftet. Gegen metastasierenden Krebs wirkt sie nicht.

Noch etwas spricht gegen einen großflächigen Einsatz des Beeren-Wirkstoffs: Es gibt im australischen Regenwald einfach zu wenige Blushwood Trees.

(Focus online, 17.8.15, Petra Apfel)

 

 

 

Stoff aus Tropenfrucht zeigt auch beim Menschen erstaunliche Wirkung

Der Krebs fällt einfach ab

2014 machte eine Tropenfrucht Schlagzeilen, die im Tierversuch Krebs abtötete. Nun zeigen Experimente an Menschen ebenfalls positive Effekte.
Sydney. Immer wieder hoffen Ärzte auf ein Wundermittel gegen Krebs: Eine Spritze, und der Tumor fällt ab. Eine australische Regenwaldfrucht scheint genau solch einen Wirkstoff zu besitzen. Nachdem erste Tierversuche bereits erstaunliche Erfolge gezeigt und für erste Schlagzeilen gesorgt hatten, starteten australische Wissenschaftler im vergangenen Jahr erste klinische Studien mit Menschen.
Die ersten Phasen, die untersuchen sollten, wie sicher der Wirkstoff ist, verliefen dabei erfolgreich. Alle acht Patienten, die bisher teilnahmen, vertrugen den neuen Wirkstoff EBC-46 gut, der von der australischen Regenwaldfrucht Fontainea picrosperma, auch Fountains Blushwood genannt, stammt. Alle behandelten Tumore sprachen auf den Wirkstoff an, indem sie sich verfärbten und die behandelten Stellen abstarben.
Einer der acht Versuchspatienten war die Australierin Denise Powell. Die Frau hatte einen Tumor im Arm, und die Ärzte gaben ihr nur wenig Hoffnung, ohne eine Amputation zu überleben. Denise Powell entschied sich jedoch, EBC-46 in den Tumor injizieren zu lassen. „Innerhalb von weniger als 20 Minuten wurde der Tumor lila und dann schwarz und innerhalb weniger Tage verschrumpelte er und starb ab“, berichtete die Patientin dem australischen Fernsehsender Channel 7.
„Es ist noch zu früh, substanzielle Rückschlüsse über das Potenzial von EBC-46 in der erfolgreichen Behandlung von Menschen zu ziehen“, warnte Victoria Gordon, Geschäftsführerin von QBiotics, einer Pharmafirma in Brisbane, die das neue Krebspräparat testet. Die anfänglichen Ergebnisse während der ersten beiden Studienphasen seien aber durchaus ermutigend, vor allem, da sich positive Effekte in verschiedenen Tumortypen zeigten. Behandelt wurden bisher Hautkrebsarten wie Melanome, Plattenepithelkarzinome, Basalzellkarzinome sowie Brust-Adenokarzinomzellen (Krebs, der aus Drüsengewebe hervorgeht).
Bei Tierversuchen hatte der Wirkstoff der Regenwaldfrucht 75 Prozent aller Tumore abgetötet. Während einer achtjährigen Studie war EBC-46 insgesamt 300 Tieren, darunter Mäusen, Katzen, Hunden und Pferden, gespritzt worden. Drei Viertel aller injizierten Tumore verschwanden. „Sobald wir die Tumore damit injiziert haben, haben sie sich innerhalb von nur fünf Minuten lila gefärbt, innerhalb von zwei Stunden waren sie noch dunkler und am folgenden Tag schwarz“, berichtete Glen Boyle, der die Tierstudie am QIMR Berghofer Medical Research Institute in Brisbane geleitet hatte.
Schon damals hatten die Wissenschaftler jedoch betont, dass sich das Präparat nicht auf alle Krebsarten anwenden lässt und vor allem nicht auf eine Krebserkrankung mit Metastasen. Da das Mittel lokal gespritzt wird, eignet es sich vermutlich für Krebsarten wie Brust-, Darm-, Prostata- und Hautkrebs sowie Tumore im Kopf- und Halsbereich. Eine EBC-46-Injektion soll Tumorzellen abtöten, die Blutversorgung zum Tumor abschneiden und helfen, das Immunsystem zu aktivieren.
Obwohl die Regenwaldfrucht nach allen bisherigen Erkenntnissen das Zeug zur „Wunderfrucht“ hat – Chemotherapien oder Operationen wird sie aufgrund ihrer lokalen Wirkung nicht ersetzen. Eher könnte sie als zusätzliche Behandlungsmethode zum Einsatz kommen – bei Menschen, bei denen andere Therapien nicht geholfen haben oder bei älteren Menschen, die zu schwach für eine weitere Runde Chemotherapie sind.
Obwohl die ersten Ergebnisse so vielversprechend sind, wird es noch dauern, bis EBC-46 als Arzneimittel zugelassen wird. Die klinische Arzneimittelprüfung dauert mehrere Jahre. Nach der Studienphase I und II, in der die Dosierung und Verträglichkeit einer neuen Substanz getestet werden sowie die Definition der Krankheitsbilder, folgen in der Phase-III Studien über die Wirksamkeit der Therapie bei bestimmten Erkrankungen. In der Regel wird die Standardtherapie mit einem Scheinmedikament (Placebo) verglichen. Ein zufällig ausgewählter Teil der Patienten erhält die neue Therapie, der andere Teil die bereits etablierte oder das Placebo. Unter Phase IV der klinischen Prüfung versteht man die Studien nach der Einführung des Mittels im klinischen Alltag.

(Neckar-Chronik.de, 24.8.16, Barbara Barkhausen)

 

 

 

Onkologische Forschung:

Auf der Suche nach der Achillesferse der Tumoren

Viele früher tödliche Krebserkrankungen lassen sich mittlerweile heilen oder in chronische Verläufe überführen. Die Fünfjahresüberlebensraten nach Diagnose haben sich bis 2009 in den letzten 30 Jahren in Industrieländern von unter 50 auf 68 Prozent erhöht. Für 2014 wird ein weiterer Abfall der Krebsmortalität erwartet (1).

Clifford A. Hudis, Leiter des Brustkrebszentrums am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, hätte also bei der 50. Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) eine Erfolgsgeschichte erzählen können. Aber der Kongresspräsident hat sich anders entschieden. „Wir stehen vor enormen Herausforderungen“, sagte Hudis Ende Mai in Chicago. „Die Ausgaben für Krebspatienten steigen in vielen Ländern ähnlich wie in den USA überproportional im Vergleich zu den übrigen Kosten in den Gesundheitssystemen.“ Bis 2030 werde sich der Anteil der Überlebenden mit Krebs vermutlich um weitere 45 Prozent (relativ) erhöhen und im selben Zeitraum eine Zunahme der Inzidenz um 42 Prozent erwartet. „Die brennenden Fragen sind nicht nur, was ist uns die Versorgung von Krebskranken wert, sondern auch, wie können wir Malignome besser vermeiden?“

Viele Malignome unauffällig

Im Verlauf eines längeren Lebens treten vermutlich bei fast jedem Menschen maligne entartete Zellen auf: als Folge von Fehlern bei der DNA-Replikation, bei den Reparaturmechanismen, einer verminderten Induktion von Apoptose oder nicht effektiven Immunreaktionen. Dennoch betrifft die Diagnose Krebs nur circa jeden Dritten bis zum 90. Lebensjahr (2). Viele Tumoren werden nicht auffällig, sie ruhen, bleiben klein und beginnen möglicherweise erst dann zu wachsen, wenn die Mikroumgebung (microenvironment) dafür günstig ist. Dasselbe gilt für sekundäre Tumoren, also Metastasen, die sich bezüglich ihrer genetischen und anderen biologischen Eigenschaften oft von den Primärtumoren unterscheiden. Bei im Mittel neun von zehn Menschen sind Metastasen Ursache für den krebsbedingten Tod, nicht der Primärtumor. „Klinisch relevante Tumore und Metastasen entwickeln sich nicht im Vakuum, sondern in einer tumorfördernden Umgebung“, sagte Hudis. Auf dieses „Ökosystem Tumor“, die Nachbarschaft von prämalignen oder malignen Zellen mit nicht krankhaft veränderten Stroma- und Immunzellen, konzentrieren sich onkologische Wissenschaft, Klinik und pharmazeutische Forschung.

Es geht um die Frage, in welcher Mikroumgebung die genetische und epigenetische Entstehung eines Tumors, sein Wachstum und die Metastasierung nicht unterdrückt oder sogar gefördert wird, wie sich der Zellmetabolismus beim gesunden und beim krebskranken Menschen in der Umgebung des Tumors unterscheiden, welchen Einfluss intrinsische und extrinsische Faktoren wie Virusinfektionen oder UV-Strahlung haben und ob sich ein für Prävention und Therapie günstiges Mikromilieu erzeugen lässt (3–5). „Immunzellen und ihre Botenstoffe sind dabei besonders interessant“, sagte Hudis: Sie könnten das Tumorwachstum fördern oder hemmen, hätten also – paradoxerweise – mal eine Pro-, mal eine Antitumorwirkung.

Direkt belegen lässt sich dies nicht, es gibt nur Hinweise. So haben chronisch immunsupprimierte Menschen ein deutlich höheres Tumorrisiko als die Allgemeinbevölkerung. Dies gilt aber auch für Patienten mit chronischen Entzündungszuständen. Eine Auswertung der Daten von 19 486 Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) ergab, dass das Risiko für Kolorektalkarzinome um den Faktor 2,2 bis 7,0 erhöht war: je länger die CED bestand, desto höher das Risiko (6).

Das Immunsystem spielt also eine wichtige Rolle, es könnte sogar entscheidend sein, um Tumoren in fortgeschrittenen Stadien zu kontrollieren. Bei einigen Entitäten wie dem malignen Melanom lassen sich in fortgeschrittenen Stadien bei Patienten mit mehreren Vorbehandlungen durch neue immunologische Therapien so gute Ergebnisse erzielen, wie man es in der Vergangenheit nicht zu hoffen gewagt hatte.

Tumorfördernde Umgebung

Andererseits bereitet den Onkologen die Überernährung zunehmend Sorge. „Bei Übergewicht und Adipositas entsteht eine tumorfördernde Mikroumgebung“, sagte Hudis. Das Problem werde in seiner sozioökonomischen und epidemiologischen Bedeutung für Krebserkrankungen völlig unterschätzt: „Adipositas verdrängt den Tabakkonsum als wichtigsten vermeidbaren Risikofaktor für Malignome“.

Assoziationen zwischen Adipositas und einem erhöhten Risiko für Tumoren oder für die Verschlechterung der Prognose sind zum Beispiel für Karzinome der Mamma, des Gastrointestinalbereichs, der Nieren und des Endometriums gefunden worden, allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt (7). Die quantitative und qualitative Bandbreite der Assoziationen wird interpretiert als Hinweis darauf, dass für den Zusammenhang von Körpergewicht und Malignomen verschiedene Mechanismen bei verschiedenen Organmanifestationen und unterschiedlichen Patientensubgruppen relevant sind. Zur prognostischen Bedeutung bei Brustkrebs wurden bei der ASCO-Tagung die Daten der für diese Fragestellung größten Metaanalyse aus 70 europäischen Studien vorgestellt mit 80 000 Patientinnen, davon waren 20 000 vor der Menopause (8). Bei prä- oder perimenopausalen Frauen mit Estrogenrezeptorpositiven (ER+)-Tumoren war das Risiko für tumorbedingte Mortalität bei Übergewicht statistisch signifikant um 34 Prozent erhöht. Für die tumorbedingte Zehnjahressterblichkeit bedeutet dies eine Erhöhung von 16,6 Prozent (Body Mass Index (BMI) maximal 25 kg/m2) auf 21,5 Prozent (BMI mindestens 30). Adipositas erwies sich als unabhängiger Risikofaktor für erhöhte Brustkrebsmortalität (relatives Risiko für krebsbedingten Tod bei einem BMI ? 30 kg/m2 versus ? 25 kg/m2 1,34; 95-%-Konfidenzintervall: 1,22–1,47; 2 p < 0,00001).

Unter Chemotherapie allein war das Sterblichkeitsrisiko bei Adipositas um 28 Prozent im Vergleich zu Normalgewichtigen erhöht, bei endokriner Therapie allein um 41 und bei der Kombination um 38 Prozent. In der Postmenopause war das Risiko für ER+-Mammakarzinome ab einem BMI von ? 40 kg/m2 erhöht, ebenso das für ER--Erkrankungen. Kleinere Kohortenstudien (18 967 Patientinnen aus Dänemark) hatten ähnliche Ergebnisse (9). Hier war außerdem das Risiko für Fernmetastasierung ab einem BMI ? 30 versus ? 25 kg/m2 um 46 Prozent erhöht (p < 0,001).

Weltweit nimmt der Anteil der Übergewichtigen an der Bevölkerung seit 1980 stetig zu (10). Danach waren Schätzungen bis 2013 zufolge 36,9 Prozent der Männer und 38,0 Prozent der Frauen übergewichtig (BMI ? 25 kg/m2). In Deutschland sind 67,1 Prozent der Männer und 53,0 Prozent der Frauen übergewichtig (11). Insgesamt gebe es für jeden fünften tumorbedingten Tod vermutlich einen Zusammenhang mit erhöhtem Körpergewicht, hieß es beim ASCO.

Bei Brustkrebs könnten diesen Zusammenhang drei wesentliche Mechanismen erklären:

* Bei Adipositas sind häufig die Plasmaspiegel des Hormons Insulin erhöht. Dieses hat antiapoptotische, wachstums- und angiogenesefördernde Wirkung und stimuliert die Synthese von Insulin-like growth Faktor 1, der mit Tumorwachstum und Mestastasierung assoziiert ist,

* Adipozyten haben direkte und indirekte Effekte auf andere wachstumsregulierende Faktoren wie den mTOR-Signalweg und die AMP-aktivierte Proteinkinase,

* bei Adipösen bestehen häufig subakute chronische Entzündungen. In diesem Zusammenhang könnten Gene oder Signalwege aktiviert oder supprimiert werden, die tumorwachstumsfördernd wirken.

Die vermehrte Produktion proinflammatorischer Zytokine erhöhe zum Beispiel die Transkriptionsrate des CYP19-Gens, erläuterte Prof. PhD Andrew Dannenberg vom Weill Cornell Medical College in New York (12, 13). Das Gen kodiert für das Enzym Aromatase, das für die Syntheserate des wachstumsanregenden Estradiol aus Cholesterolmetaboliten maßgeblich ist.

Adipositas und Aromatase

„Die Verbindung ,Adipositas-Entzündung-Aromatase? ist eine plausible Erklärung für das erhöhte Risiko adipöser Frauen nach der Menopause, an ER+-Mammakarzinomen zu erkranken“, so Dannenberg.

„Das Problem ‚Adipositas und Krebs? wird auch von deutschen Onkologen als „äußerst praxisrelevant“ eingeschätzt. Lifestylekomponenten müssten stärker in die Betreuung von Krebspatienten einbezogen werden als Teil einer individualisierten Medizin, sagte Prof. Dr. med. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie der Universitätsklinik Köln, bei einer Pressekonferenz. Lebensstiländerungen wie verstärkte körperliche Aktivität und Reduktion des Körpergewichts könnten für die Prognose von Krebspatienten so bedeutsam sein wie Medikamente.

Bei der Entwicklung neuer zielgerichteter Substanzen, aber auch bei Diagnostik und Verlaufsbeobachtung von Krebserkrankungen rückt die biologische Heterogenität der Tumoren – zwischen verschiedenen Individuen und innerhalb eines Patienten – zunehmend in den Fokus. Bei Brustkrebs zum Beispiel könnte schon der Primärherd aus einer Mischung von Zellen unterschiedlicher Subtypen bestehen. Tierexperimente ergaben, dass Klone vom Basal- und vom Luminaltyp des Mammakarzinoms in enger Nachbarschaft liegen müssen, um sich vermehren zu können (klonale Kooperation durch parakrine Stimulation; [14]).

Wie repräsentativ sind also Gewebe, die für Entwicklungen neuer Medikamente verwendet werden, oder Biopsate bei der individuellen Diagnostik? Wie lässt sich die biologische Dynamik berücksichtigen, auch bei der Verlaufsbeobachtung? Denn Tumoren bleiben nicht, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt sind. Gene, Genexpressionen und Aktivierungsmuster von Signalwegen ändern sich unter dem Selektionsdruck und der Wirkung von Faktoren der Mikroumgebung. Dazu gehören auch Medikamente.

Erst die Kombination klassischer pathologischer, immunhisto- und zytochemischer Verfahren mit neuen molekularbiologischen Techniken macht die Erweiterung der Perspektive vom Malignom selbst auf dessen Umgebung möglich. Hocheffektive Untersuchungen großer DNA-Abschnitte oder Genexpressionsmuster ermöglichen neue oder die bisherigen phänotypischen Charakterisierungen ergänzende Klassifikationen (interindividuell). Und sie sollen intraindividuell Änderungen des Tumors hin zu aggressiverem Wachstum oder Disseminierung binnen klinisch relevanter Zeiträume erfassen, um Therapien anzupassen.

Außer Brustkrebs gehören zum Beispiel Bronchial-, Pankreas-, Magen-, Nieren- oder Kolorektalkarzinome zu den Tumoren mit großer klonaler und subklonaler Diversität: Je höher, desto größer das Risiko für ein Nichtansprechen auf Therapien und für Rezidive. Die Dynamik der klonalen Evolution verdeutlicht – beispielhaft – eine klinische Studie auf Basis von DNA-Sequenzierungen einzelner Brustkrebszellen von Frauen mit ER+- und mit triplenegativen Tumoren (ER-, Progesteronrezeptor- und HER2-): In der frühen Phase der genetischen Evolution der Tumore gab es zeitliche Häufungen von strukturellen Änderungen der Erbsubstanz mit Amplifikationen (Aneuploidie) und Deletionen größerer DNA-Abschnitte. Dagegen akkumulierten Punktmutationen allmählich (15, 16). Triplenegative Tumorzellen hatten eine höhere Mutationsrate als ER+, im Vergleich zu normalen Zellen war sie sogar um den Faktor 13,3 erhöht. Insgesamt ergab sich nicht nur eine große klonale Diversität; die hohe Rate an de-novo-Punktmutationen führte auch dazu, dass es von einer Patientin nicht zwei genetisch identische Tumorzellen gab.

Neue Subtypen beschrieben

Inzwischen werden bei immer mehr soliden Tumoren molekulare Subtypen beschrieben – mit häufig noch unklarer oder kontrovers diskutierter klinischer Relevanz. Erst kürzlich hat das Total-Cancer-Genome-Atlas-(TCGA-)Netzwerk für das gastrale Adenokarzinom vier molekulare Subtypen identifiziert, die sich von den histologischen unterscheiden und teilweise neue Zielstrukturen für Immuntherapien beschreiben (17). Ein Charakteristikum von Subtyp 1 zum Beispiel ist die Überexpression der Gene PD-L1 und PD-L2, Zielstrukturen für neue Medikamente. Die entsprechenden Proteine sind Liganden für PD-1, das auf aktivierten T-Lymphozyten exprimiert wird. Interaktionen von PD-L1 und PD-L2 mit PD1 vermindern Aktivität und Beweglichkeit der T-Zellen. Anti-PD1-Antikörper wie Nivolumab und Pembrolizumab oder Anti-PD-L1-Antikörper wie RG-7446 wirken der tumorinduzierten Immunsuppression entgegen. Sie lösen Bremsen des Immunsystems und werden klinisch geprüft. Immuntherapien etablieren sich als weitere neue Behandlungssäule zusätzlich zu den „zielgerichteten“ Substanzen.

Für das Mammakarzinom hatte das TCGA-Netzwerk 2012 eine umfassende Analyse genetischer Veränderungen in Brusttumoren veröffentlicht (18). Danach werden sechs molekulargenetische intrinsische Subtypen unterschieden, die teilweise von der immunhistochemischen Charakterisierung abweichen: Luminal (Lum) A, Lum B, HER2-enriched (HER2-E, entspricht HER2+), basal-like, Claudin-low und normal-like. Luminale Subtypen machen den Großteil der hormonrezeptorpositiven (HR+) Mammakarzinome aus. Bei beiden luminalen Subtypen – je circa 30 Prozent – gibt es zahlreiche Amplifikationen, Deletionen und Punktmutationen, die auch Zielstrukturen für Medikamente betreffen wie die EGF-Rezeptorfamilie und den PIK3-Signalweg.

Das Ansprechen auf Chemo- und Anti-HER2-Therapien variiert bei den Subtypen des Mammakarzinoms. Beim ASCO hat Prof. PhD Lisa Carey vom Breast Cancer Center UNC-Chapel Hill, North Dakota, eine viel beachtete Studie vorgestellt: zur Frage der prädiktiven Bedeutung von Genexpressionssignaturen für das Ansprechen auf neoadjuvante Therapien (19). In der CALGB-40601-Studie haben 305 Frauen mit HER2+-Tumoren in der Immunhistochemie (Stadium II/III) präoperativ das Taxan (T) Paclitaxel plus Trastuzumab (H), Paclitaxel plus Lapatinib (T + L) oder die Dreierkombination (THL) erhalten. Die Frage war, was die neoadjuvanten Therapien bei welchen Subtypen bringen, ob die systemischen Behandlungen einen Wechsel der Subtypen hervorrufen und welcher Subtyp bei der residualen Resterkrankung dominiert. HER2-E und LumA und B machten vor Behandlung 91 Prozent der Subtypen aus (31, 30, 30 Prozent). Beim HER2-E-Subtyp war das komplette pathologische Ansprechen in der Brust (pCR) auf die präoperative Behandlung mit insgesamt 70 Prozent am besten: 80 Prozent betrug die pCR-Rate bei Dreierkombination, 71 Prozent mit TH und 52 Prozent mit TL. Für LumA- und Lum-B-Tumoren lagen die pCR-Raten bei THL und TH zwischen 37 und 41 Prozent, bei TL-Kombination bei neun Prozent. Der LumA-Typ hatte sich bei Residualtumoren angereichert: Ein Anteilwechsel von LumB zu LumA und von HER2-E zu LumA war am häufigsten.

Prädiktive Relevanz

Für die Behandlung von Frauen mit Tumoren vom HER2-E-Subtyp in den Stadien II/III sei präoperativ vermutlich ein Taxan plus Trastuzumab ausreichend, also keine duale HER2-Blockade und auch keine intensivere Chemotherapie erforderlich, kommentiert Prof. Dr. med. Wolfgang Janni von der Universitätsklinik Ulm. „Ein weiteres Ergebnis: Der molekularbiologische Subtyp ist prädiktiv für ein Ansprechen auf eine Anti-HER2-Therapie, und zwar besser als die HER2-Immunhistochemie.“ Für Janni setzt sich die Ära der molekularen Subklassifikation fort. „Bei Brustkrebs können wir sagen, dass uns das Wissen um molekularbiologische Signaturen bei der Therapieentscheidung hilft, beim Ovarialkarzinom zum Beispiel sind wir ebenfalls auf einem guten Weg dorthin.“

Ein weiterer möglicher Fortschritt wird in der Erfassung von Immunparametern beim einzelnen Krebskranken gesehen. Dabei wird nach Zeichen möglichst tumorspezifischer Immunreaktionen gefahndet (20, 21). Prof. Jérôme Galon, INSERM Paris, untersucht zum Beispiel, ob eine lokale Immunantwort mit Anreicherung von T-Zellen (CD3+/CD8+) im Tumor eine bessere Prognose erwarten lässt. Für Kolonkarzinome hätten sich Daten positiver Assoziationen (22) bestätigt: Eine höhere Zahl zytotoxischer T-Zellen im Tumor korreliere mit besserem Therapieergebnis, sagte Galon. In der CALGB-40601-Studie korrelierten vor allem B-Zell-assoziierte Immunsignaturen signifikant mit pCR-Raten: 59 Prozent pCR bei starker Immunsignatur, 32 Prozent bei niedriger (19).

Prof. Dr. med. Carsten Denkert, Charité Berlin, präsentierte beim ASCO Daten zur prädiktiven Bedeutung von tumorinfiltrierenden Lymphozyten (TIL) und immunologischen Markern (mRNA) aus der neoadjuvanten GeparSixto-Studie (23). 595 therapienaive Frauen mit nicht metastasiertem, triplenegativem oder HER2+-Brustkrebs wurden eingeschlossen mit der Frage, ob das Hinzufügen von Carboplatin zu einer neoadjuvanten Chemotherapie (Taxan, Anthrazyklin) und zielgerichteten Medikamenten (Bevacizumab oder Anti-HER2) die Rate der Frauen mit pCR erhöht. pCR war hier definiert als kein Tumor in Brust und Lymphknoten und kein duktales Karzinom in situ.

Bei Patientinnen mit triplenegativen Karzinomen war dies der Fall, nicht aber bei HER2+-Karzinomen: Bei Frauen mit triplenegativen Tumoren und vermehrten TIL im Tumorstroma lag die pCR unter Carboplatin mit 74 Prozent signifikant höher als bei Tumoren ohne vermehrte TIL im Stroma (43 Prozent). „Lymphozytenreiche Tumoren sprechen also in dieser Studie besonders gut auf eine Carboplatintherapie an“, resümierte Denkert. „Die Anreicherung von TIL im Tumor und die Expression von Immungenen korrelieren mit einem besseren Ansprechen und könnten nach weiterer Validierung prädiktiv relevant sein.“

Bei soliden Tumoren aber sind keine regelmäßigen Biopsien möglich, außerdem können sie Tumorzellen mit therapierelevanten Änderungen verfehlen. Zunehmend Bedeutung erlangen deshalb serielle Untersuchungen auf zirkulierende Tumorzellen oder auf zirkulierende Tumor-DNA oder RNA (ctDNA/RNA) in Plasma oder Urin („liquid biopsy“). Bei Brust-, Ovarial-, Bronchial- oder kolorektalen Karzinomen zum Beispiel haben sich malignomspezifische genetische Aberrationen in ctDNA nachweisen lassen (24, 25). Beim ASCO wurden unter anderem Daten zum Bronchial- und Kolonkarzinom präsentiert, nach denen Resistenzentwicklung und Rezidivrisiken frühzeitig auf Basis von ctDNA erkennbar waren (26, 27). „Technisch scheinen die Möglichkeiten immens“, erläuterte Prof. Daniel F. Hayes vom Comprehensive Cancer Center der University of Michigan. „Entscheidend für die Übernahme in die klinische Routine aber sind Korrektheit, Reproduzierbarkeit und Zuverlässigkeit der Tests unter Alltagsbedingungen und ein hoher Evidenzgrad für den Nutzen: Wie bei Medikamenten sollte möglichst in prospektiven Studien nachgewiesen werden, dass klinisch bedeutsame Ergebnisse mit Test signifikant häufiger erreicht werden können als ohne.“ Je krebsspezifischer das molekularbiologische Verfahren, desto größer die Chance, dass sich das Ergebnis im therapierelevanten Zeitfenster kosteneffektiv nutzen lasse.

„Zirkulierende Tumorzellen haben beim Mammakarzinom Bedeutung für die Prognose, aber wir wissen noch nicht präzise genug, welche“, erläutert Janni. Sein Team beteiligt sich am deutschen, prospektiven DETECT-Programm (28).

Dynamische HER2-Expression

Dabei geht es auch um die biologische Dynamik der Tumoren. Untersucht wird, ob Frauen mit Primärtumor ohne HER2-Überexpression (metastasiertes Stadium), aber mit HER2+ zirkulierenden Tumorzellen (serielle Blutproben) einen Vorteil von einer Anti-HER2-Therapie mit Lapatinib haben und wie das Outcome bei ER+/HER2--Primärtumoren und zirkulierenden HER2--Tumorzellen unter Kombination einer endokrinen Therapie mit dem mTOR-Inhibitor Everolimus ist. Janni: „Wir möchten die Relevanz zirkulierender Tumorzellen bei metastasiertem Brustkrebs anhand biologischer Phänotypen spezifizieren und verwenden ein standardisiertes Nachweisverfahren. Wir erwarten prognoserelevante Hinweise für die Therapie.“

Jedes Malignom, so die Hoffnung, hat eine „Achillesferse“: Veränderungen von Genen oder Genaktivierungen, ohne die der Tumor nicht wachstums- oder überlebensfähig ist und die zugleich Angriffspunkte für Medikamente sind. Dabei lassen umfassende DNA- und mRNA-Analysen an Patienten erkennen, dass die intraindividuelle Heterogentität vieler Tumoren eine in der Häufigkeit vermutlich unterschätzte Ursache für unzureichendes Ansprechen auf zielgerichtete Substanzen oder Rezidive ist (29). Die Perspektive bei fortgeschrittenen Malignomen ist, die Rezidivwahrscheinlichkeit zu senken und die Progression soweit zu verzögern, dass sie der Patient nicht erlebt.

1. Malvezzi M, Bertuccio P, Levi F, et al.: European cancer mortality predictions for the year 2014. Annals of Oncology 2014; 25: 1650–6.
2. Bissell MJ, Hines WC: Why don’t we get more cancer? A proposed role of the microenvironment in restraining cancer progression. Nature Med 2011; 17: 320–9.
3. Ghesquiere B, Wong BW, Kuchnio A, et al.: Metabolism of stromal and immune cells in health and disease. Nature 2014; 511: 167–76.
4. Quail DF, Joyce JA: Microenvironmental regulation of tumor progression and metastasis. Nature Med 2013; 19: 1423–37.
5. Barcellos-Hoff, MH, Leyden D, Wang TC: The evolution of the cancer niche during multistage carcinogenesis. Nature Rev Cancer 2013; 13: 511–8.
6. Beaugerie L, et al.: Risk of colorectal high-grade dysplasia and cancer in a prospective observational cohort of patients with inflammatory bowel disease. Gastroenterology 2013; 145: 166-75.
7. Bhaskaran K, Douglas I, Forbes H, et al.: Body-mass index and risk of 22 specific cancers: a population-based cohort study of 5,24 million UK adults. Lancet 2014; http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60892-8.
8. Pan H, Gray RG, et al.: Effect of obesity in premenopausal ER+ early breast cancer: EBCTCG data on 80 000 patients in 70 trials. ASCO 1. Juni 2014, Chicago, Abstract # 503.
9. Ewertz M, Jensen MJ, et al.: Effect of obesity on prognosis after early-stagebreast cancer. JCO 2010; 29: 25–31.
10. Ng M, Fleming T, Robinson M, et al.: Global, regional, and national prevalence of overweight and obesity in children and adults during 1980–2013: a systematic analysis for the global burden of disease Study 2013; Lancet 2014 DOI: 10.1016/S0140–6736(14)60460–8.
11. Mensink GBM, Schienkiewitz A, Haftenberger, et al.: Übergewicht und Adipositas in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 2013; 56: 786–94.
12. Dannenberg AJ: Stromal inflammation and solid tumors. ASCO 31. Mai 2014, Chicago, oral presentation.
13. Sinicrope FA, Dannenberg AJ: Obesity and breast cancer prognosis: weight of the evidence. JCO 2010; 29: 4–7.
14. Cleary AS, Leonard TL, Gestl SA, Gunther EJ: Tumour cell heterogeneity maintained by cooperating subclones in Wnt-driven mammary cancers. Nature 2014; 508: 113–7.
15. Wang Y, Waters J, Leung ML, et al.: Clonal evolution in breast cancer revealed by single nucleus genome sequencing. Nature 2014; 512: 155–60.
16. Fox EJ, Loeb LA: One cell at a time. Nature 2014; 512: 143–4.
17. The Cancer Genome Atlas Network. Comprehensive molecular characterization of gastric adenocarcinoma. Nature 2014; DOI: 10.1038/nature13480.
18. The Cancer Genome Atlas Network. Comprehensive molecular portraits of human breast tumors. Nature 2012; 490: 61–71.
19. Carey L, Barry WT, Pitcher B, et al.: Gene expression signatures pre- and post-therapy in CALGB 40601, a neoadjuvant phase III trial of paclitaxel and trastuzumab with or without lapatinib for Her2-positive breast cancer. ASCO 31. Mai 2014, Chicago, oral presentation.
20. Emens LA, Silverstein SC, Khleil S, et al.: Toward integrative cancer immunotherapy: targeting the tumor microenvironment. Journal of Translational Medicine 2012; 10: 70.
21. Perez EA, Thompson, EA, Anderson S, et al: Association of genomic analysis of immune function genes and clinical outcome in the NCCTG (Alliance) N9831 adjuvant trastuzumab trial. ASCO 31. Mai 2014, Chicago, oral presentation, Abstr. # 509.
22. Galon J: Immunoscore and cancer. ASCO 31. Mai 2014, Chicago, oral presentation.
23. Denkert C, et al.: Expression of immunologic genes in triple-negative and Her2-positive breast cancer in the neoadjuvant GeparSixto trial: Prediction of response to carboplatin-based chemotherapy. ASCO 31. Mai 2014, Chicago, oral presentation, Abstr. # 510.
24. Crowley E, Di Nicolantonio F, Loupakis F, et al.: Liquid biopsy: monitoring cancer genetics in the blood. Nature Rev 2013; 10: 472–84.
25. Yong E: Written in the blood. DNA circulating in the bloodstream could guide cancer treatment – if researchers can work out how best to use it. Nature 2014; 511: 524–6.
26. Sueoka-Aragane N: Monitoring EGFR T790M with plasma DNA in lung cancer treated with EGFR tyrosine kinase inhibitor in a prospective observational study. ASCO 3. Juni 2014, Chicago, Abstr. # 11014.
27. Tie J, et al.: Circulating tumor DNA (ctDNA) as a marker of recurrence risk in stage II colon cancer (CC) ASCO 3. Juni 2014, Chicago, Abstr. # 11015.
28. Albrecht S, Schochter F, Melcher CA, et al.: DETECT III/IV: Two combined clinical trials based on the phenotype of circulating tumor cells (CTCs). ASCO 3. Juni 2014, Chicago, Abstr. # TPS11132.
29. Gerlinger M, Rowan AJ, Horswell S et al.: Intratumor heterogeneity and branched evolution revealed by multiregion sequencing. NEJM 2012; 366: 883-92.

(Dtsch Arztebl 11.9.2014; 111(37): A-1512 / B-1304 / C-1239, Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze)

 

 

Krebs-Studie

Piloten und Flugbegleiter haben erhöhtes Hautkrebsrisiko

Eine Studie zeigt: Die Gefahr an Hautkrebs zu erkranken ist für Piloten und Flugbegleiter mehr als doppelt so hoch wie bei der Gesamtgesellschaft. Grund dafür sind unter anderem die Wolken, die UV-Strahlen reflektieren.

Piloten und Bordpersonal sind laut einer Studie durch ihren Beruf einem deutlich erhöhten Hautkrebsrisiko ausgesetzt. Die Auswertung von 19 Einzelstudien mit Einbeziehung von 226.000 Personen habe ergeben, dass das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, bei Piloten und Flugbegleitern gegenüber der Gesamtgesellschaft mehr als doppelt so hoch ausfalle.

So heißt es in einer am Mittwoch von der Fachzeitschrift "Journal of the American Medical Association Dermatology" veröffentlichten Vergleichsstudie. Ultraviolette Strahlen treten demnach in einem größeren Umfang in die Flugzeuge ein als bislang bekannt.

Wolken reflektieren UV-Strahlen

UV-Strahlen gelangen nicht nur über die direkte Bestrahlung durch die Sonne in die Flugzeuge, sondern auch durch die Reflexionswirkung von Wolken. Rund 85 Prozent der schädlichen Strahlen könnten von dichten Wolkendecken nach oben reflektiert werden, heißt es in der Studie. Die Strahlenbelastung der Piloten liegt mit einem Faktor von gut 2,2 noch höher als die des Flugpersonals. Dieses liegt geringfügig niedriger bei knapp 2,1.

In den USA wurden 2014 insgesamt 76.000 Fälle von Hautkrebs diagnostiziert. Nach den Erfahrungswerten muss damit gerechnet werden, dass gut 9.700 der Betroffenen an der Erkrankung sterben.

(Focus online, Donnerstag, 04.09.2014, Quelle: dpa)

 

 

Autoimmunkrankheiten

Fatale Verwechslung

Sind Diabetes, multiple Sklerose oder Morbus Crohn Folge einer Krebsbekämpfung?

Wenn der menschliche Körper den Kampf gegen sich selbst eröffnet, entstehen manchmal sehr schwere Krankheiten. Multiple Sklerose etwa, bei der das Immunsystem Gehirn und Rückenmark angreift. Oder Morbus Crohn, eine schmerzhafte Dauerentzündung des Darms. Nur starke Medikamente können das marodierende Abwehrsystem dann noch zügeln. Und manche Patienten trifft es sogar doppelt: wegen des erhöhten Risikos, auch an Krebs zu erkranken.

Seit vielen Jahren suchen Mediziner den Grund für diese merkwürdige Koppelung. Lässt die Entzündung unter Morbus-Crohn-Patienten die Darmkrebsraten hochschnellen? Eine neue Theorie stellt die umgekehrte Frage: Bekämpft das Immunsystem einen Tumor und löst dabei die Autoimmunerkrankung aus – ist also womöglich der Krebs zuerst da? Im Fachmagazin Science haben Forscher der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität vor Kurzem erste Belege dafür veröffentlicht.

Die Wissenschaftler um die Pathologin Christine Joseph hatten sich Patienten näher angesehen, die unter Sklerodermie leiden. Bei dieser seltenen Krankheit verhärtet sich das Bindegewebe im Körper, die Haut wird ledrig, und Blutgefäße sowie Organe verlieren mitunter ihre Funktion. Die 16 untersuchten Patienten waren zudem an Krebs erkrankt, etwa an bösartigen Tumoren der Brust oder der Lunge.

Wie bei anderen Autoimmunkrankheiten unterläuft dem körpereigenen Abwehrsystem auch im Fall der Sklerodermie eine fatale Verwechslung. Immunzellen produzieren fälschlicherweise Antikörper, die nicht nur fremde Eindringlinge als Feind markieren, sondern auch körpereigene Strukturen. Diese sogenannten Autoantikörper lassen dann die Immunabwehr gegen den eigenen Körper losschlagen.

In den Blutproben der Sklerodermie-Patienten fanden die Ärzte Autoantikörper. Bei einigen waren sie gegen das Protein RPC1 gerichtet, das in praktisch allen Körperzellen vorkommt. Im Krebsgewebe dieser Patienten machten die Forscher eine erstaunliche Entdeckung: In den Tumorzellen mancher Betroffener war das Erbgut ausgerechnet an der Stelle fehlerhaft, wo die genetische Bauanleitung für das Protein RPC1 liegt.

Die Hypothese, die sie daraufhin aufstellten, ist bestechend logisch: Eine fehlerhafte Bauanleitung führt in den Tumorzellen zur Synthese eines ebenfalls fehlerhaften Proteins RPC1. Dieses leicht abgewandelte Protein sieht der gesunden Form zwar noch sehr ähnlich, wird vom Immunsystem aber trotzdem als bekämpfenswert identifiziert: Die Antikörperproduktion gegen das "falsche" RPC1 läuft an. Weil es dem Original jedoch so ähnelt, erkennen und markieren die maßgeschneiderten Antikörper auch das normale RPC1, das überall im Körper vorkommt. Von nun an bekämpft das Abwehrsystem auch gesunde Zellen, die das intakte Protein herstellen. Die Autoimmunerkrankung startet.

"Die Schlussfolgerung dieser Gruppe ist hochinteressant", erklärt Kari Hemminki vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Sie ist natürlich mit Vorsicht zu genießen, weil in der Studie nur wenige Patienten untersucht wurden." Mit der Untersuchung der US-Kollegen stelle sich nun eine heikle Frage, sagt der Leiter der Abteilung Molekulargenetische Epidemiologie: Was war zuerst da – die Autoimmunkrankheit oder der Krebs? Bei den Untersuchten dürfte es der Krebs gewesen sein.

Gut belegt war bisher nur der umgekehrte Weg: dass Krebs auf der Grundlage eines geschwächten Abwehrsystems entsteht. Wenn man beispielsweise nach einer Organtransplantation die Immunfunktionen mit Medikamenten unterdrücken müsse, sagt Hemminki, explodiere das Risiko für bösartige Tumoren geradezu. Womöglich sind Ursache und Wirkung bei verschiedenen Krebsarten auch unterschiedlich gelagert. Sicher ist, dass die Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Tumorzellen entscheidend sind für unser Wohlergehen.

Denn Mutationen unseres Erbguts sind nichts Besonderes, sie treten im Körper immer wieder auf. Forscher gehen davon aus, dass sich im Laufe des Lebens bei jedem Menschen durch Mutationen Krebszellen bilden – meist ohne Folgen, weil das zelleigene Reparatursystem eingreift, bevor ein Tumor entsteht. Haben Krebszellen es allerdings einmal durch dieses Sicherheitsnetz geschafft, fallen die Reparaturmechanismen aus. In einem bösartigen Tumor mutiert das Erbgut so unkontrolliert, dass dort zwei einzelne Zellen unterschiedliche Gendefekte besitzen können.

Diese Tatsache verleiht der Hypothese von Josephs Team zusätzliche Brisanz. Es ist nämlich denkbar, dass der Defekt des Bauplans für RPC1 ursprünglich nicht nur bei einigen, sondern bei allen Sklerodermie-Patienten vorkam, die den RPC1-Antikörper im Blut hatten. Allerdings nicht in sämtlichen Krebszellen, sondern nur bei einem Teil. Weil das Abwehrsystem das fehlerhafte Protein aber als fremd erkenne und die zugehörigen Zellen mithilfe der Antikörper attackiere, spekulieren die Forscher, überlebten bevorzugt die Tumoranteile, deren Erbgut von der RPC1-Mutation nicht betroffen ist.

Die Beweislage ist noch dünn

Dieses Versteckspiel des Tumors tauften die Krebsforscher "Immuno-Editing", weil so das kaputte RPC1-Gen im Tumor irgendwann nicht mehr als ursprünglicher Auslöser der Sklerodermie nachweisbar wäre. Die einzige bleibende Spur des Defekts wären die Autoantikörper – welche die Attacke gegen gesundes RPC1 aufrechterhalten.

Wenn man aber annimmt, dass im menschlichen Körper immer wieder Zellen mutieren: Könnte es dann nicht sein, dass noch viele andere Autoimmunerkrankungen diesen Ursprung haben? Krebszellen also, die das Immunsystem längst beseitigt hat, wenn das Autoimmunleiden diagnostiziert wird?

Hemminki ist skeptisch: Die Beweislage sei ihm noch zu dünn. Trotzdem hält er Josephs Studie für wertvoll, weil sie Licht in die vertrackte Beziehung zwischen Krebs und Autoimmunkrankheit bringe.

Hemminki ist dieser unheimlichen Verbindung selbst auf der Spur. Er hat eine Gruppe von Kindern untersucht, die an Diabetes vom Typ 1 leiden, einer Autoimmunerkrankung der Bauchspeicheldrüse: "Diese Kinder haben im ersten Jahr nach der Diagnose ein mehr als 30-fach erhöhtes Risiko für Leukämie." Leukämie ist ein Krebs der Zellen des Immunsystems, der weißen Blutzellen. "Da sind exakt die gleichen Zellen betroffen, die beim Diabetes die Bauchspeicheldrüse angreifen", sagt Hemminki. "Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall ist."

(Josephina Maier, DIE ZEIT Nº 33/2014, 21. August 2014)

 

 

Experimentelle Krebstherapie

Bakterien lassen Tumoren schrumpfen

Die Idee, Bakterien könnten Krebszellen zerstören, war lange in Vergessenheit geraten. Nun ließen Forscher den Therapieansatz wieder aufleben - und erzielten erste Erfolge. Folgetests laufen bereits.

Bestimmte Bakterien können Tumoren von innen heraus zerstören. Forscher haben diese potenzielle Möglichkeit der Krebsbekämpfung an Ratten, Hunden und einer Krebspatientin getestet. Die Ergebnisse seien ermutigend, auch wenn noch weitere Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit des Verfahrens nötig seien, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science Translational Medicine".

Erste Versuche, Krebs mit Hilfe von Bakterien zu bekämpfen, gab es bereits vor mehr als 100 Jahren. Ein Arzt hatte in den 1890er Jahren beobachtet, dass einige seiner Krebspatienten sich erholten oder gar völlig gesund wurden, wenn sie nach einer Krebsoperation eine Infektion bekamen. Seine darauffolgenden Versuche, eine auf diesen Beobachtungen basierende Behandlung zu entwickeln, waren jedoch wenig erfolgreich, so dass die Methode bis heute nicht weiter intensiv erforscht wurde.

Das Team um Nicholas Roberts vom Johns Hopkins Sidney Kimmel Comprehensive Cancer Center in Baltimore, im US-Staat Maryland, griff die Idee nun wieder auf. Sie nutzten Clostridium novyi-Bakterien. Diese sind anaerob, das heißt, sie vermehren sich nur unter sauerstoffarmen Bedingungen - wie etwa im Zentrum von Tumoren.

Therapie für krebskranke Hunde

Zunächst veränderten die Forscher die Bakterien gentechnisch so, dass sie einen bestimmten Giftstoff nicht bilden. Dann testeten sie die Bakterien-Therapie an Ratten. Sie injizierten Sporen - ein bakterielles Entwicklungsstadium, in dem die Bakterien sich nicht teilen - direkt in zuvor gezielt hervorgerufene Hirntumoren der Tiere. Dort verwandelten sich die Sporen wieder in teilungsfähige Bakterien und ließen den Tumor von innen heraus schrumpfen. Gesunde Zellen, die nur wenige Mikrometer von den Tumorzellen entfernt lagen, blieben unberührt.

Als nächstes testeten die Forscher ihr Verfahren an Hunden, und zwar nicht an Versuchstieren, sondern an solchen, die als Haustiere gehalten wurden und an Krebs erkrankt waren. Tumoren von Hunden ähneln menschlichen Tumoren, erläutern die Forscher. Bei sechs von 16 Hunden zeigte die Therapie innerhalb von drei Wochen Wirkung: Bei drei Tieren verschwanden die Tumoren ganz, bei drei weiteren schrumpften sie mindestens um ein Drittel. Die meisten Hunde reagierten auf die Behandlung wie auf eine typische bakterielle Infektion mit Fieber und Entzündungsreaktionen.

Schließlich wagten sich die Wissenschaftler mit ihrem Verfahren an einen Menschen. Die Frau litt an einem bösartigen Tumor der Muskulatur, der sich trotz mehrerer Operationen und zahlreicher Runden Chemo- und Strahlentherapie immer weiter ausbreitete. Die Forscher injizierten die Bakteriensporen in eine Metastase an der Schulter. Auch die Frau bekam Fieber und eine starke Entzündung und der Tumor schrumpfte erheblich.

Wirkmechanismus unklar

Die Studie werde derzeit weitergeführt, weitere Krebspatienten würden behandelt. "Wir erwarten, dass einige Patienten stärker auf die Behandlung reagieren als andere - aber das gilt für andere Therapien auch", erläutert Studienleiter Shibin Zhou. "Wir wollen jetzt erst mal herausfinden, wie gut die Patienten die Therapie vertragen."

Wie die Bakterien den Tumor zerstören, ist nicht ganz klar. Vermutlich töten sie die Krebszellen direkt ab und rufen zudem eine Abwehrreaktion des Immunsystems gegen den Tumor hervor, vermuten die Wissenschaftler.

Denkbar sei, die "Bio-OP" künftig mit anderen Therapien zu kombinieren. Die Bakterien-Therapie habe den Vorteil, dass sie vor allem im sauerstoffarmen Zentrum des Tumors wirksam sei. Chemotherapeutika werden über die Blutgefäße im Körper verteilt - gelangen meist aber nicht ins Innere der Tumoren, was die Wirksamkeit solcher Therapien einschränkt. Ähnliches gilt für Strahlentherapien, da auch dabei Sauerstoff zur Zerstörung der Tumoren benötigt wird.

(jme/dpa, Spiegel online, 16.8.14, auch: Frankfurter Rundschau 25.8.14) 

 

 

 

Mit der Kraft des Immunsystems gegen Krebs

Zwanzig Jahre lang haben Mediziner daran geforscht, eine Immunreaktion gegen Krebs zu stimulieren. Die ersten solcher Medikamente werden bereits eingesetzt. Doch es gibt unerwartete Nebenwirkungen.

Pharmaforscher haben entschlüsselt, wie sie die von Tumoren in Schlaf versetzte körpereigene Immunabwehr wecken können. Die neuen Immuntherapeutika werden bereits zur Therapie von Hautkrebs eingesetzt. Ähnliche Wirkstoffe gegen Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs stehen vor der Zulassung.

Schon bald wird Krebs den Herz-Kreislauferkrankungen den Rang als Todesursache Nummer 1 den Rang ablaufen. Das prognostiziert jedenfalls die Weltgesundheitsorganisation WHO. Verglichen mit dem Jahr 2008 soll sich bis 2030 die Zahl der Krebserkrankungen weltweit verdreifachen.

In Deutschland sieht die Genfer Gesundheitsbehörde im gleichen Zeitraum einen Anstieg der Neuerkrankungen von 30 Prozent. An der tückischen Krankheit erkrankten im vergangenen Jahr in Deutschland eine halbe Million Menschen.

Angesichts der bedrückenden Prognose kommen Nachrichten vom weltgrößten Krebskongress der Amerikanischen Krebsgesellschaft ASCO in Chicago gerade recht.

Mehr als 20 Jahre wurde daran geforscht

Pharmaforschern ist es mit einer neuen Klasse von Arzneien gelungen, die Tarnkappenmoleküle auszuschalten, mit denen Tumore bisher einen wirksamen und dauerhaften Angriff körpereigener Immunzellen vereiteln konnten. Die neuen Medikamente lassen dem Krebs nur wenig Spielraum. Sie setzen an den Wurzeln der Immunresistenz des Tumors an.

"Die Kraft des Immunsystems war bekannt. Nur fehlten uns bislang die Hebel, um es gegen den Tumor zu richten", erklärt Dirk Schadendorf, einer der führenden Hautkrebsexperten Deutschlands von der Universitätsklinik Essen.

"Mehr als 20 Jahre haben wir daran geforscht, wie wir eine Immunreaktion gegen den Krebs stimulieren können", ergänzt Ulrich Keilholz, Chef des Charité Comprehensive Cancer Center in Berlin.

"Doch nach einer starken Stimulation passierte immer das gleiche: Das Immunsystem schaltete seine Bremsen an. Jetzt kennen wir einige dieser Bremsen und haben Wirkstoffe, die sie gezielt ausschalten."

Die Therapie zeigt zunehmend Erfolge

Die Bremsen, die Keilholz meint, sind Teil eines natürlichen Regulationsmechanismus. Dieser verhindert, dass die Immunreaktion zu stark ausfällt oder zu lange anhält und sogenannte T-Killerzellen eigenes Gewebe schädigen.

Die Zelloberfläche der T-Zellen dient dabei als eine Art Schaltpult. Auf ihr befinden sich Moleküle, die wie Antennen aktivierende und hemmende Signale anderer Zellen empfangen. Die Summe der Signale entscheidet darüber, ob die T-Zellen zu Angreifern oder Schläfern werden.

Eiweißmoleküle auf der Oberfläche von Krebszellen und von ihnen ausgeschüttete Botenstoffe binden sich an die hemmenden T-Zell-Schalter. Überwiegen aber die Bremssignale, während die T-Zelle im Lymphknoten heranreift oder in den Tumor eindringt, greift sie nicht an.

Erhält sie dagegen mehr Weck- als Narkosesignale, geht sie zur Attacke über (vgl. Bildkasten). In diese Richtung verschieben Arzneimittelentwickler und Ärzte jetzt die Balance. Mit Antikörperwirkstoffen blockieren sie die Signale, mit denen der Tumor die T-Zellen in die Passivität zwingt – mit zunehmendem therapeutischen Erfolg.

Knapp ein Viertel der Patienten überlebt länger als fünf Jahre

Der erste Vertreter der neuen Immuncheckpoint-Hemmstoffe, der Antikörper Ipilimumab, wird bereits seit drei Jahren zur Behandlung von Patienten mit inoperablen schwarzem Hautkrebs (malignes Melanom) eingesetzt. Gegenüber der Standardchemotherapie mit Dacarbazine verlängert der Antikörper, der zur Aktivierung von T-Zellen im Lymphknoten führt, die Überlebenszeit um zwei auf gut elf Monate.

Allerdings: knapp ein Viertel der Patienten überlebt damit länger als fünf Jahre. Noch besser sehen auf der ASCO-Tagung präsentierte Daten mit noch nicht so lange erprobten Antikörpern wie Nivolumab und Pembrolizumab aus, die die Hemmung der T-Zellaktivierung durch Krebszellen direkt im Tumor unterbinden.

"Hier sehen wir ein mittleres Gesamtüberleben von zwei Jahren und mehr", so Schadendorf. In Japan ist Nivolumab bereits zugelassen. In Deutschland ist der Antikörper, der verhindert, dass Krebszellen die T-Zellen durch Bindung an ihr Oberflächeneiweiß PD-1 in den Tiefschlaf schicken, bereits über ein Härtefallprogramm verfügbar, weiß der Hautkrebsexperte.

Die Ergebnisse bei Hautkrebs haben eine regelrechte Welle klinischer Studien mit den PD-1-Antikörpern sowie mit Antikörpern ausgelöst, die gegen dessen Bindungspartner PD-L1 auf Krebszellen gerichtet sind (vgl Abb.).

"Derzeit werden PD1- und PD-L1-Antikörper mit Patienten mit Melanom, Lungenzellkarzinom, Nierenzellkarzinom, Blasenkarzinom und dreißig weiteren Tumorarten untersucht", so Schadendorf. "Daneben sind zahlreiche Hemmstoffe in Entwicklung, die an anderen Immunkontrollpunkten ("Checkpoints") ansetzen."

Die Nebenwirkungen im Blick behalten

Noch formulieren Experten wie Schadendorf oder Niko Andre, Leiter Medical Affairs Onkologie bei der Baseler Roche AG vorsichtig, was niemand beweisen kann. "Es ist wichtig, keine falschen Hoffnungen zu wecken. Die vorliegenden Daten stimmen uns aber optimistisch, eine neue Therapiemöglichkeit gegen Krebs in den Händen zu halten", so Andre.

Deutlicher sagt es Schadendorf: "Da, wo wir schon klinische Daten haben, sehen wir, dass es einen deutlichen Fortschritt gibt. Angesichts der bisherigen Erfahrungen, glaube ich, dass sich die Immun-Checkpoint-Kontrolle bei vielen Tumoren als eine neue Säule der Krebstherapie etablieren wird."

Zugleich mahnt der Onkologe, etwaige Nebenwirkungen im Blick zu behalten, die durch das Ausschalten der Immunkontrolle auftreten können.

"Die neue Generation der PD1/PD-L1-Hemmstoffe sind hochwirksame Medikamente, die überwiegend gut vertragen werden – aber eben nicht von allen. Im gleichen Patienten sehen wir etwa ein Schmelzen des Tumors wie Schnee in der Sonne, aber auch das gleichzeitige Auftreten von vier verschiedenen Autoimmunkrankheiten", fasst der Experte zusammen.

Bei Kombinationstherapien kann es zudem zu völlig unerwarteten Nebenwirkungen kommen, zum Beispiel, wenn eine zuvor kaum wahrgenommene medikamentenassoziierte Entzündungsreaktion durch die Hemmung der Immunbremse über Gebühr verstärkt wird. Kombinationstherapien, auch einzeln zugelassener Therapeutika sollten deshalb derzeit ausschließlich im Rahmen klinischer Studien erfolgen.

Ein Protein lässt Patienten besonders profitieren

Verglichen mit anderen Therapieformen wie der Chemo- oder Strahlentherapie sowie gezielt wirkenden Krebsarzneien scheinen die Nebenwirkungen der PD1/PD-L1-Hemmstoffe insgesamt moderat. Dazu kommt, dass die bisher getesteten Immuntherapeutika lange wirksam blieben, ohne dass Therapieresistenzen auftraten.

Ein Problem bleibt indes beim Einsatz der aktuellen PD1- und PD-L1-Hemmstoffe. "Uns Ärzten fehlen Tests, um den Patienten sagen zu können, ob sie langfristig von der Therapie profitieren werden", sagt Schadendorf. Denn nur 40 bis 60 Prozent der Tumore tragen das PD-L1-Eiweiß.

Laut Andre profitieren Patienten, in deren Tumoren sich eine größere Menge des PD-L1-Proteins nachweisen lässt, mehr von einer Therapie mit PD1- oder PD-L1-Antikörpern als solche, die das Molekül nur wenig oder gar nicht bilden.

Unklar ist, wer auf die Immuntherapie anspricht

Allerdings seien die Tests momentan nicht ausreichend, um Patienten zu bestimmen, bei denen die Behandlung anschlägt. Denn jeder zehnte Patient spricht auf die Immuntherapie an, obgleich er den Marker nicht bildet. Alle vier Pharmafirmen, deren PD-L1- und PD1-Hemmstoffe auf der Zielgeraden zur Marktzulassung sind, nutzen unterschiedliche Tests.

"Wichtig ist zunächst, dass keinem Patienten, bei dem die neuen Immuntherapien wirken, die Therapie aufgrund eines Vortests vorenthalten wird", so Andre. Zugleich arbeitet Roche an weiteren Tests, um besser bestimmen zu können, wer von der Blockade der Immunkontrollpunkte profitieren kann.

"Wir leben in einer aufregenden Zeit, in der wir Fortschritte sehen", fasst Schadendorf die Aufregung zusammen, von der die neue Entwicklung begleitet wird. "Aber wir sind noch weit von einer Heilung entfernt und brauchen dringend Investitionen in Forschungsprogramme, um Marker zu finden, die anzeigen, ob die Patienten von einer Immuntherapie profitieren."

(von Thomas Gabrielczyk, Die Welt, 8.8.14, © Axel Springer SE 2014)

 

 

Selbstverteidigung gegen Krebs

Immuntherapien werden immer raffinierter. Sie richten sich nicht mehr direkt gegen die Tumorzellen, sondern helfen dem körpereigenen Abwehrsystem, die Geschwulste zu bekämpfen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.

Halina Malutko hat Blutkrebs. Auf die Idee käme niemand, wenn die 63-Jährige, die locker für Mitte 50 durchginge, begeistert von den Blumen und Kräutern bei sich zu Hause erzählt, sonnengebräunt von der Gartenarbeit, dezent geschminkt und modisch frisiert.

2005 diagnostizierten die Ärzte bei ihr eine akute myeloische Leukämie, wie es im Fachjargon heißt. Daraufhin erhielt sie in Abständen immer wieder Chemotherapie – mit den bekannten Nebenwirkungen: Haarausfall, Übelkeit, Erbrechen, entzündete Mundschleimhaut und Hautausschläge. 25 Kilogramm verlor sie in jener Zeit. Nach fünf Jahren intensiver Behandlung meinten die Ärzte, sie vertrage womöglich keine weitere Chemotherapie.

Doch Halina Malutko hatte Glück. Eine Bekannte las in der Zeitung, dass die Charité Leukämiepatienten suchte, die sich im Rahmen einer klinischen Studie mit einem Impfstoff gegen diese Art von Krebs behandeln lassen wollten. Seit fast sechs Jahren kommt Halina regelmäßig zum interdisziplinären Krebszentrum am Steglitzer Campus Benjamin Franklin der Charité, um sich den Impfstoff spritzen zu lassen. „Das Blut zeigt kaum noch Erkrankungszeichen“, sagt die behandelnde Oberärztin Anne Letsch, die diese Studie begleitet.

Zielgerichtete Wirkstoffe

Halina Malutko gehört zu jenen Krebskranken, die davon profitieren, dass die Grundlagenforschung immer besser versteht, wie die körpereigene Abwehr funktioniert. Das Wissen hat die Entwicklung vielversprechender Behandlungsmethoden ermöglicht. Die sogenannten Immuntherapien zielen nicht direkt auf den Tumor, sondern machen sich die natürlichen Eigenschaften des Immunsystems (siehe Kasten) zunutze, um Krebs zu bekämpfen. 2013 erklärte das Science-Journal sie zu einem der wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres.

Im Blut gibt es Helfer und Killer

Wenn Merkmale an der Oberfläche von Zellen als körperfremd erkannt werden, rufen biochemische Signale die erste Verteidigungslinie herbei: Fresszellen vernichten Krankheitserreger, natürliche Killerzellen zerstören Körperzellen, wenn diese durch Viren oder Tumore verändert sind.

Dendritische Zellen schnappen sich typische Fremdmerkmale und präsentieren diese einer intelligenteren, aber etwas langsameren Abteilung des Immunsystems: B-Zellen produzieren gezielt Antikörper, die die Fremdlinge direkt vernichten oder für die Vernichtung markieren.

T-Zellen unterstützen: Einige werden zu T-Killerzellen, die Zellen mit dem Fremdmerkmal aufspüren und töten. T-Helferzellen entsenden Stoffe, die weitere T-Zellen herbeilotsen oder B-Zellen anregen. Regulatorische T-Zellen balancieren aktivierende und dämpfende Signale aus.

Operieren, „Chemo“ und Bestrahlen waren lange Zeit die einzigen Möglichkeiten, gegen Krebs vorzugehen. Das änderte sich Ende der 90er-Jahre, als die zielgerichteten Therapien aufkamen: Biotechnologisch hergestellte Botenstoffe und Antikörper, die jenen des Immunsystems nachgebildet sind. Als eine Art molekulare Spürhunde sind sie jeweils auf ein bestimmtes Protein abgerichtet, das bei kranken Zellen aktiver ist als bei gesunden oder verstärkt gebildet wird. Haben sie das passende Protein aufgespürt, heften sie sich daran. So hindern manche dieser Mittel die Krebszellen daran, neue Blutgefäße zu bilden und drehen dem Tumor die Sauerstoff- und Nahrungszufuhr ab. Andere unterdrücken Wachstumsreize oder lassen die Krebszellen direkt absterben.

Nicht alle zielgerichteten Wirkstoffe zeigten die erhofften Erfolge, und sie richten sich meist auch nicht nur gegen Tumorziele. „Das ist erst möglich, wenn man genau weiß, welche Mutationen des Erbguts zu einer Krebserkrankung geführt haben“, sagt Antonio Pezzutto, Ärztlicher Leiter der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité in Steglitz und Leiter einer Immuntherapie-Forschungsgruppe.

Nach Pezzuttos Einschätzung haben vor allem zwei Antikörper-Arzneien durchschlagende Verbesserungen gebracht: Rituximab, 1998 als erster Antikörper gegen Krebs überhaupt zugelassen, hat die Überlebensprognose für Menschen mit Lymphdrüsenkrebs um 10 bis 20 Prozent erhöht. Die zweite Erfolgsgeschichte liefert Trastuzumab, ein Antikörper gegen das Oberflächenprotein HER2, das bei etwa jeder vierten Brustkrebspatientin verstärkt gebildet wird. Frauen, die positiv auf HER2 getestet wurden, hatten früher deutlich schlechtere Prognosen als HER2-negative, inzwischen haben beide Gruppen fast gleiche Überlebenszeiten.

Die meisten der neu entwickelten Antikörper mobilisieren durch das Andocken zusätzlich das Immunsystem. Doch jetzt geht die Entwicklung einen Schritt weiter: Immuntherapien versetzen die körpereigene Abwehr in die Lage, die Tumorzellen allein zu erledigen.

Normalerweise hält unser Immunsystem nicht nur Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger in Schach, die von außen eindringen, sondern auch den inneren Feind: körpereigene Zellen, bei denen sich die Erbsubstanz spontan verändert hat oder deren Chromosomen bei der Zellteilung fehlerhaft aufgeteilt wurden. Diese Zellen bilden veränderte Proteine, von denen einige auch an der Zelloberfläche sitzen. Diese verraten dem Immunsystem, dass die betreffende Zelle fremd und somit wie ein Eindringling von außen zu behandeln ist.

Wenn aber das Immunsystem solche Abweichler ausschaltet – warum kann dann trotzdem Krebs entstehen? Weil Tumore raffinierte Mechanismen entwickelt haben, sich dem Angriff des Immunsystems zu entziehen.

Dabei nutzen sie etwa das Protein CTLA-4, das von bestimmten Immunzellen, den regulatorischen und Helfer-T-Zellen, gebildet wird, um die T-Killerzellen an der Leine zu halten. So wird verhindert, dass ein überreagierendes Immunsystem eigenes, gesundes Gewebe angreift. Erst seit Mitte der 90er-Jahre weiß man von CTLA-4. Es stellte sich zudem heraus, dass Krebszellen große Mengen dieses Proteins bilden. 2011 wurde die erste Arznei zugelassen, die sich diese Erkenntnis zunutze macht: Ipilimumab ist ein biotechnologisch hergestellter Antikörper, der CTLA-4 blockiert und so die Abwehr von der Leine lässt.

Ipilimumab bietet zumindest einigen Patienten mit vormals nicht heilbarem Hautkrebs die Chance, langfristig zu überleben. Wie es aussieht, könnte das Mittel auch bei anderen Krebsarten die Behandlungsmöglichkeiten verbessern.

Antikörper gegen andere Kontrollpunkt-Proteine des Immunsystems, die von Krebszellen zweckentfremdet werden, befinden sich in Entwicklung. Große Hoffnungen richten sich auf Antikörper gegen das Oberflächenprotein PD-L1: Es entschärft T-Zellen, indem es aktivierende Signale hemmt. Tumorzellen vermögen sich mit Hilfe von PD-L1 gleichsam zu tarnen. Die Forschung arbeitet an Antikörpern, die sich an PD-L1 binden und so den T-Zellen das Signal zum Angriff geben.

Ein weiterer immuntherapeutischer Ansatz besteht darin, die T-Zellen des Patienten direkt scharf zu stellen. Dazu werden T-Zellen entnommen und so verändert, dass sie wie ein Antikörper ein bestimmtes tumortypisches Merkmal aufspüren können. Im Labor lässt man diese manipulierten Zellen sich vermehren und bringt sie dann in die Blutbahn des Patienten. In ersten Tests hat sich diese lebende Arznei bei Leukämien und Lymphdrüsenkrebs als hoch wirksam erwiesen.

Ein Impfstoff im Test

Die Studie, an der Halina Malutko teilnimmt, prüft noch einen anderen neuen Ansatz: eine Impfung gegen Krebs. Als Impfstoff, der dem Immunsystem zeigt, gegen welche Antigene die T-Zellen vorgehen sollen, dient ein synthetisch hergestelltes Proteinbruchstück. Es ist dem Protein WT-1 nachgebildet, das auch in gesundem Gewebe vorkommt, aber von den Leukämiezellen verstärkt hergestellt wird. Sie benötigen es, um sich zu vermehren.

Zu Beginn der Behandlung musste Halina Malutko alle zwei bis vier Wochen zum Impfen kommen, inzwischen genügt ein Abstand von sechs bis zwölf Wochen. Studienärztin Anne Letsch: „Es wird immer noch kontrovers diskutiert, ob Impfstoffe gegen Krebs eine Zukunft haben. Aber wir haben hier ermutigende Erfolge. Unsere Daten rechtfertigen eine Prüfung in größeren Studien, am ehesten in Kombination mit anderen Therapien.“

(09.09.14, Berliner Zeitung, Sabine Sütterlin)

 

 

 

Kampf gegen Tumorzellen

Wespengift soll gegen Krebs helfen

Wespen werden von vielen Menschen als Plage empfunden. Das könnte sich jetzt ändern, denn möglicherweise könnte ihr Gift im Kampf gegen Krebs helfen.

Britische und brasilianische Wissenschaftler (Natália Bueno Leite, Anders Aufderhorst-Roberts, Mario Sergio Palma, Simon D. Connell, João Ruggiero Neto, Paul A. Beales: “PE and PS Lipids Synergistically Enhance Membrane Poration by a Peptide with Anticancer Properties” in Biophysical Journal 109/5, 936-947, 1.9.15) haben jetzt festgestellt, dass ein bestimmtes Wespengift Tumorzellen angreift und dabei die gesunden Zellen unbehelligt lässt, heißt es in Medienberichten. Die giftige Substanz mit dem Namen "MP1" könnte möglicherweise die Grundlage für neue Krebsmedikamente bilden, hoffen die Forscher. Denn bisher können die Medikamente nicht zwischen Krebszellen und gesunden Zellen unterscheiden.

Wespengift greift nur Tumorzellen an

Untersucht wurde die Wespenart "Polybia paulista". Sie ist vor allem in Brasilien zu Hause. Ihr Gift, dem die Wissenschaftler den Namen "MP1" gegeben haben, regiert mit der Fettschicht der Flüssigkeit, die Tumorzellen umgibt. Die Fettmoleküle sind bei Tumorzellen an der Oberfläche anders verteilt als bei gesunden Zellen. Durch die Reaktion wurden Tumorzellen geschädigt, während gesunde Zellen nicht angegriffen wurden.

Die Wissenschaftler sind fasziniert von ihrer Entdeckung, räumen aber ein, dass die Forschung hier noch am Anfang stehe. Nun müssen weitere Studien klären, ob mit dem Wespengift auch Menschen behandelt werden können. Erfahrungsgemäß dauert es noch Jahre, ehe dann wirklich ein Medikament mit Wespengift in den Handel kommt.

(Augsburger Allgemeine u.a., 7.9.15)

 

 

Enzym könnte im Kampf gegen Krebs und Autoimmunerkrankungen helfen

Wissenschaftler am Scripps Research Institute haben eine Entdeckung gemacht, die im Kampf gegen Krebs und Autoimmunerkrankungen helfen könnte. Sie haben festgestellt, dass die Enzym Rezeptor-Interaktion Serin-Threonin-Kinase-3 (RIPK3) eine Rolle spielt, die bisher nicht in Betracht gezogen wurde: Das Senden von Nachrichten zwischen den Mitochondrien Zellen und dem Immunsystem.

Es scheint, dass die Kommunikation, die durch RIPK3 geführt wird, zwei Funktionen hat: Erstens, um Immunantworten gegen Tumoren zu starten, und die Zweite, die zu Entzündungsreaktionen, die bei Autoimmunerkrankungen führen zu regulieren. Bei RIPK3 war bereits bekannt, dass die Induktion von Nekroptose, die eine Form des programmierten Zelltods ist, gesteuert wird. Nekroptose schützt den Körper vor schädlichen Mutationen und Infektionen. Allerdings ist seine Rolle im Immunsystem jetzt erst ans Licht getreten. Um das besser zu verstehen, untersuchten die Forscher RIPK3 an RIPK3-defizienten Mäusen.

RIPK3 regelt Aktivität der T-Killerzellen

Sie fanden heraus, dass RIPK3 die Aktivierung von natürlichen Killer-T-Zellen (NKTs) zu regulieren scheint. NKTs sind Immunzellen, die sowohl in der Entwicklung von Autoimmunkrankheiten als auch bei der Zerstörung von Krebs eine Rolle spielen.

Es scheint, dass RIPK3 die Aktivität eines mitochondrialen Enzyms, das als PGAM5 bekannt ist reguliert und dieses wiederum löst die Expression von inflammatorischen Cytokinen in NKTs aus. Es ist nun zu hoffen,dies zu einer besseren Möglichkeiten führt, um NKTs die Tumore angreifen besser unterstützen zu können.

The Scripps Research Institute (TSRI) Assistant Professor für Immunologie Young Jun Kang, die an der Studie des TSRI Institut mit Professor Richard A. Lerner zusammengearbeitet hat sagt: "Diese Feststellung könnte hilfreich sein für die Entwicklung von Strategien, um Krebs und Entzündungskrankheiten zu heilen."

Der nächste Schritt wird es sein, auf das Verständnis der Einzelheiten dieses neuen Forschungsweges zu setzen. Dies kann den Weg für neue Therapien ebnen und dabei ihre krebszerstörende Rolle oder reduzierende Rolle bei der Entzündung erweitern und intensivieren.

(MedizinAktuell.info, 21.9.15)

 

 

Knochenfund: Krebs gab es schon vor 2 Millionen Jahren

Forscher haben in einem rund 1,7 Millionen Jahre alten Fußknochen einen bösartigen Tumor nachgewiesen. Es sei die bei weitem älteste belegte Krebserkrankung eines menschlichen Vorfahren, teilte die Witwatersrand Universität in Johannesburg mit. «Die moderne Medizin neigt dazu, Krebs und Tumore bei Menschen für Krankheiten zu halten, die von den modernen Lebensweisen und der Umwelt verursacht werden», sagte Edward Odes, leitender Autor der Studie.

Eine zweite Studie, ebenfalls veröffentlicht im «South African Journal of Science», dokumentiert einen gutartigen Tumor in einem Rückenwirbel eines jugendlichen Australopithecus sediba, der vor rund zwei Millionen Jahren gelebt haben soll. «Die Geschichte dieser Arten von Tumoren und Krebserkrankungen ist eindeutig komplexer als zuvor angenommen», sagte Lee Berger, der an beiden Studien beteiligt war.

Bisher reichte der älteste Nachweis einer menschlichen Tumorerkrankung bei einem Neandertaler rund 120.000 Jahre zurück. Beide Forschergruppen verwendeten modernste Computer-Tomographie-Technologien, um die Erkrankung zu rekonstruieren.

(Pharmazeutische Zeitung, 1.8.16, dpa)

 

 

Onkologisches Forum Celle e. V. | Telefon 05141-217766 / E-Mail: info@onko-forum-celle.de