Onkologisches Forum Celle e. V.

01.06.17: Ich dachte, ich sterbe binnen Wochen
29.05.17: Prostata-Krebs: Zur Risikoeinschätzung gehört mehr als der PSA-Wert
18.01.17: Wann wächst Prostatakrebs aggressiv?
13.01.17: PSA erhöht, Biopsie negativ: Was nun ?
28.12.16: Bronchialkarzinom besser behandelbar?
25.11.16: Tumore im Intimbereich des Mannes
31.10.16: Liquid Biopsy: Im Blut Krebs erkennen
01.09.16: Epigenetischer Test für Krebs unbekannten Ursprungs
01.07.16: Microsofts Suchmaschine erhöht Überlebensrate bei Bauchspeicheldrüsenkrebs
01.06.16: 3% der Niedersachsen leben mit Krebs
12.04.16: Blutfette sagen Krebs voraus
10.04.16: Bluttest "zu 98% zuverlässig"
26.03.16: Langzeitüberlebender: Die Ärzte gaben ihm noch zwei Jahre ...
19.02.16: "Familiensache" Krebs
21.12.15: Neue Möglichkeiten in Osnabrück
04.12.15: Weniger Krebserkrankungen?
30.11.15: Wie erklärt ein Arzt seinem Patienten, dass er Krebs hat?
02.07.15: Mit Big Data gegen Krebs
15.06.15: Zur Diagnose reicht bald ein Blutstropfen
27.05.15: Urinprobe genügt
13.02.16: Gerät erkennt Prostatakrebs am Urin
07.07.15: Fluorid-Substanz bringt Tumore ans Licht
16.06.15: Der Einfluss der Gene
17.04.15: "Krebs ist kein Todesurteil"
27.05.15: Warum der Tumor zurückkommt
07.06.15: Der Krebs ist geheilt - und doch nicht weg
16.03.15: Alternative Methode bei Prostata-Krebs
06.06.15: Künstliche Bakterien zeigen Krebs an
18.08.14: Krebs-Biomarker: Im Blut geschrieben
26.04.14: Krebsspuren im Blut
12.08.14: Molekulare Betrachtung von Tumoren
01.10.14: Die fatalen Tricks der Krebsstammzellen
30.07.14: Neues Leukämie-Medikament bald verfügbar
12.09.14: Kann Gift Krebs heilen?
26.09.14: Milzbrand-Gift gegen Krebs?
12.01.15: Toxine: Skorpion tötet Krebs
12.09.14: Neue Therapien gegen schwarzen Hautkrebs
29.09.14: Brustkrebs: Fortschritt "ohne Beispiel"
17.10.14: Mit gen-manipulierten Zellen gegen Krebs
17.10.14: Chinesische Wissenschaftler entdecken mögliches Krebs-Killer-Virus
10.10.14: Bei Gehirntumoren steht Therapie-Revolution noch aus
29.09.14: Krebs im Visier
29.09.14: Bionik: Krebs steht Pate für Tumorkamera
09.03.15: Mit Infrarot dem Krebs auf der Spur
18.03.15: Mit dem Smartphone Krebs entdecken
20.01.15: Mikrofluidik knackt Immunzellen
28.10.14: Dresdner Analytiker entwickeln Krebs-Schnelltester
29.10.15: Google-Armband soll Krebs frühzeitig erkennen
07.11.14: Tübinger Forscher optimiert Impfviren
14.11.14: Killerzellen - Novartis erzielt Durchbruch
24.11.14: Spucke von Zecken könnte gegen Krebs helfen
17.12.14: Off-Label Daten auswerten

 

Krebs-Überlebende zum Cancer Survivors Day:

„Ich dachte, ich sterbe binnen weniger Wochen“

Es war der Tag vor dem Kreta-Urlaub. Rita Feuge-Reuforth hatte sich gerade von der Kindereinrichtung verabschiedet, in der sie lange als Erzieherin gearbeitet hat. Sie war etwas vorfristig in Rente gegangen, weil sie mehr Zeit für ihre Hobbys haben wollte. Und dann das! Die Berlinerin erinnert sich noch genau an diesen Tag vor knapp drei Jahren, der ihr Leben verändert hat.

Die 66-Jährige sitzt in der Küche ihrer Altbauwohnung in Wilmersdorf. Im Holzregal hinter ihr steht dunkelblau-weiß lasiertes Töpfergeschirr. Vor ihr auf dem Tisch sitzt Lilly, eine schwarz-weiße Katze, die sehr streng schaut und scheinbar aufmerksam zuhört. An jenem Septembertag 2014 also klingelte das Telefon. Es meldete sich die Arztpraxis, bei der Rita Feuge-Reuforth kurz zuvor wegen unklarer Schmerzen in der Nierengegend in Behandlung war. „Es ist besser, wenn Sie nicht in das Flugzeug nach Kreta steigen“, teilte man ihr mit.

Zwei Tumore an der Wirbelsäule

Stattdessen möge sie sich möglichst rasch ins Krankenhaus begeben. Eine MRT-Aufnahme hatte offenbart, woher die Schmerzen rühren, die der Frau seit Monaten zu schaffen machten. „Zwei eklige Tumore an der Wirbelsäule“, sagt Rita Feuge-Reuforth. „Das war ein Schock. Ich dachte, jetzt sterbe ich binnen weniger Wochen.“

German Cancer Survivors Day

14 Überlebende einer Krebserkrankung werden am Donnerstag, 1. Juni, von 12 bis 16 Uhr im  Sony Center Berlin berichten, wie sie mit der Diagnose umgingen und  woher sie Kraft zum Kampf gegen den Krebs nahmen. Auch Ärzte und Abgeordnete nehmen an der von der Deutschen Krebsstiftung organisierten Runde teil.

Hilfe und Beistand können  Betroffene  beispielsweise auch bei der Krebsberatung Berlin in Friedenau erhalten oder bei der Berliner Krebsgesellschaft.

So wie der Berlinerin geht es jedes Jahr 500.000 Menschen in Deutschland. So viele Männer, Frauen und Kinder erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Die allermeisten werden die niederschmetternde Nachricht wie ein Todesurteil empfinden. „Krebs ist unangefochten die Krankheit, die uns die meiste Angst macht“, heißt es bei der Deutschen Krebsstiftung.

Sie will Krebspatienten Mut machen, mit der Krankheit selbstbewusst umzugehen, und ihnen helfen, trotz oder nach überstandener Erkrankung einen Weg zurück in den Alltag zu finden. „Zurück im Leben“ lautet ein Slogan des German Cancer Survivors Day, also des Tags der Langzeit-Überlebenden mit Krebs. Und Ex-Krebspatienten gibt es mehr, als man vielleicht vermutet: Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge leben aktuell etwa vier Millionen Menschen in Deutschland, die schon einmal in ihrem Leben an Krebs erkrankt sind. Der Tag derjenigen, die den Krebs überlebt haben, wird in den USA seit 1987 immer am 1. Juni begangen. In Deutschland gibt es ihn seit 2015, organisiert von der Deutschen Krebsstiftung.

Rita Feuge-Reuforth wollte dieses Jahr eine Protagonistin dieses Tages sein, wollte am 1. Juni – wie ein Dutzend anderer akuter oder geheilter Krebspatienten – im Berliner Sony Center öffentlich über ihre Erkrankung sprechen, um anderen Betroffenen zu zeigen, dass das Leben trotz der deprimierenden Diagnose weitergeht.

Auf ihrem Plan stand, davon zu erzählen, dass sie zwischenzeitlich wieder jede Woche mindestens dreimal zum Tanzen ging – mal Standard, mal Line-Dance, mal Folklore. Dass sie mittlerweile auf Kreta in Urlaub war, wenn auch mit zwei Jahren Verspätung. Und vermutlich wäre die Strahlentherapie, die ihr arg zugesetzt hat, ein Thema gewesen, und die Nebenwirkungen der Chemotherapie.

„Dank der Fortschritte bei der onkologischen Therapie haben sich die Überlebensaussichten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert“, sagt Johannes Bruns, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Krebsstiftung. 220.000 Menschen sterben hierzulande gegenwärtig pro Jahr an Krebs. Das sind nur geringfügig mehr Todesfälle als Anfang der 1970er-Jahre, damals aber waren nur halb so viele Menschen an Krebs erkrankt. „Von den Betroffenen haben gegenwärtig etwa 10 bis 20 Prozent eine Chance auf Heilung“, sagt Johannes Bruns. Wie gut oder schlecht die Überlebensaussichten sind, hinge stark von der Art des Krebses und dem Zeitpunkt der Diagnose ab. Gleichzeitig lebten viele Menschen chronifiziert mit der Erkrankung. Etwa 1,7 bis 1,8 Millionen Krebspatienten gebe es hierzulande gegenwärtig, sagt das Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsstiftung.

Und ab wann ist man ein Langzeitüberlebender, dessen Geschichte zum Mutmachen beim Cancer Survivors Day taugt? Eine genaue Definition gibt es nicht. Früher war der Maßstab eine Überlebenszeit von fünf Jahren nach der ersten Therapie. Inzwischen wählt man eine vagere Definition, wonach all jene als Cancer Survivors zählen, die seit mehreren Jahren als geheilt gelten oder seit mehreren Jahren mit der Krankheit leben. „Man könnte auch sagen, wenn die Patienten aus der Akutphase heraus sind und wieder in die Dimensionen ihres alten Lebens zurückfinden“, erklärt Bruns.

Er weiß aber auch, dass es viele Hürden und Schwierigkeiten gibt, nach Monaten der Chemo- oder Strahlentherapie in das frühere Leben zurückzukehren. Das beginnt etwa bei der Finanzierung des Lebensunterhalts, wenn die Krankenkasse die Lohnfortzahlung einstellt, oder bei der Rückkehr in den Beruf. Die Deutsche Krebsstiftung habe es sich auch auf die Fahnen geschrieben, auf politischer Ebene auf die Schwierigkeiten der Langzeitüberlebenden hinzuweisen, sagt Bruns.

Kommt der Krebs zurück?

Die Betroffenen müssen zudem mit der Gefahr leben, dass die Krankheit sie wieder einholt, dass sich Metastasen bilden oder dass die Medikamente, die den Tumor bisher in Schach hielten, nicht mehr anschlagen. So waren die Tumore an Rita Feuge-Reuforths Wirbelsäule Metastasen eines vor langer Zeit vermeintlich auskurierten Brustkrebses. Durch eine Strahlentherapie war es im Herbst/Winter 2014 gelungen, die Karzinome zu reduzieren. Weil ein Tumor vor einiger Zeit wieder etwas größer wurde, macht sie gerade eine ambulante Chemotherapie. „Im Moment“, sagt Rita Feuge-Reuforth an jenem Tag in ihrer Küche, „befinde ich mich in einer Schwebesituation.“

Wenige Tage nach unserem Gespräch bekommt sie ein neues Medikament für die Chemotherapie. Es schwächt sie so, dass sie nun doch nicht beim Cancer Survivors Day auftreten kann. „Vielleicht beim nächsten Mal“, sagt sie zum Abschied.

(Berliner Zeitung, 1.6.17, Susanne Rost)

 

 

Screening auf Prostatakrebs

Zur Risikoschätzung gehört mehr als der PSA-Wert

Für die Berechnung des Risikos für Prostatakrebs lohnt es sich, auf algorithmische Hilfe zurückzugreifen und sich nicht allein auf die klinischen Befunde zu verlassen.

ROTTERDAM. In der "European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC)", deren 13-Jahres-Ergebnisse im Jahr 2014 veröffentlicht worden sind, hat sich gezeigt, dass ein PSA-Screening die durch Prostatakrebs bedingte Mortalität um gut ein Fünftel senken kann (Lancet 2014; 384: 2027–35). Allerdings hat sie auch die Nachteile demonstriert: Den 12 bis 13 von 10.000 Männern, die vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt werden, stehen mehr als 340 je 10.000 Männer gegenüber, bei denen durch das Screening Krebs entdeckt wurde, der ohne das Screening unbemerkt geblieben wäre.

Die hohe Zahl unnötiger Biopsien sowie das Maß an Überdiagnose und -therapie haben Urologen der Rotterdamer Erasmus-Universität veranlasst zu prüfen, ob sich die Gefahr solcher überschießender Maßnahmen reduzieren ließe (BJU Int 2017; online 12. Mai). Als Instrument bedienten sie sich dafür der algorithmengestützten, internetbasierten Risikorechner RC3 und RC4, die aus den ERSPC-Ergebnissen entwickelt worden sind (www.prostatecancer-riskcalculator. com/seven-prostate-cancer-risk-calculators).

Die Risikokalkulationen beruhen dabei neben dem PSA-Wert auch auf den Ergebnissen früherer Biopsien sowie von Tast- und Ultraschalluntersuchungen. Als Schwellenwerte zur Biopsie gelten ein allgemeines Prostatakrebsrisiko von mindestens 12,5 Prozent und ein Risiko für höhergradige Karzinome von 3 Prozent oder mehr.

Zunächst nahmen sich Peter Chiu und Kollegen die Daten von 10.747 Patienten vor, die sich in Rotterdam im Zuge der ERSPC-Studie zwischen 1993 und 2015 einer Prostatabiopsie unterzogen hatten. Als Indikation zur Biopsie hatte ein PSA-Wert von ≥ 3,0 ng/ml gegolten. Es waren insgesamt bei 67,9 Prozent der Beteiligten Komplikationen aufgetreten, wie Schmerzen, Hämaturie und Hämatospermie. 3,9 Prozent der Patienten hatten Fieber entwickelt, 0,9 Prozent mussten stationär behandelt werden.

Auf 7704 Biopsien ließen sich die Kriterien der Risikorechner anwenden. Hätte man die mit dieser Hilfe erzielten Schätzungen für das Krebsrisiko zugrunde gelegt, wären 35,8 Prozent der Biopsien, 37,4 Prozent aller Komplikationen, 39,4 Prozent der Fälle von Fieber und 42,3 Prozent der stationären Aufnahmen vermieden worden.

Jährlich werden in den USA und Europa mehr als zwei Millionen Männer einer Prostatabiopsie unterzogen, und es existieren Berichte, wonach bestimmte Komplikationen wie etwa Sepsis in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Durch den Einsatz der Risikorechner statt des alleinigen Blicks auf den PSA-Wert ließen sich Zwischenfälle und Kosten vermeiden, betonen Chiu und Mitarbeiter, besonders bei Männern mit Biopsien beziehungsweise Screeningteilnahmen in der Anamnese. Ihre Lehre: "Der beste Weg, Biopsiekomplikationen zu reduzieren, ist es, die Zahl unnötiger Biopsien zu senken."

(Ärzte-Zeitung online, 29.5.17, Robert Bublak)

 

 

Wann Prostatakrebs aggressiv wächst

Ein genetischer Fingerabdruck legt offenbar fest, wie aggressiv lokal begrenzter Prostatakrebs im Einzelfall wachsen wird.

Erkrankungen an Prostatakrebs können sehr unterschiedlich verlaufen: Bei einigen Patienten wächst der Tumor aggressiv und breitet sich rasch in andere Organe aus, bei anderen wächst er so langsam, dass sie durch ihn kaum beeinträchtigt werden. Genetische Merkmale, also Merkmale auf den Erbanlagen der Krebszellen, spielen dafür eine entscheidende Rolle, wie aus einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift Nature hervorgeht. In dieser Studie identifizierten Forscher einen „genetischen Fingerabdruck“, der darüber entscheidet, wie aggressiv und schnell die Tumoren wachsen.

Für die Entscheidung, welche Therapiestrategie angewandt werden soll, wenn die Diagnose Prostatakrebs gestellt wurde, ist die Vorhersage des Tumorverhaltens ausschlaggebend: Wenn beispielsweise absehbar ist, dass der Tumor so langsam wachsen wird, dass er die Lebenserwartung eines bereits betagten Patienten nicht gefährdet, kann womöglich auf aggressive Therapien verzichtet werden. Umgekehrt ist bei absehbar aggressiven Tumoren eine sofortige Operation mit Entfernung der Prostata oder eine Strahlentherapie notwendig, um das Leben zu erhalten – trotz der damit verbundenen Nebenwirkungen.

Anhand von mehreren hundert bösartigen Prostatatumoren entschlüsselte ein Forscherteam aus Kanada das Erbgut der Krebszellen und identifizierte einen genetischen Fingerabdruck aus 40 Merkmalen für die Aggressivität der Tumoren. Diese zeigen etwa an, dass ein Tumor, obwohl er bei der Diagnose noch lokal begrenzt ist, trotz frühzeitiger Operation oder Bestrahlung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zurückkehren wird. Ergibt ein Gentest einen solchen Befund, kann rechtzeitig über weitere Therapiemaßnahmen nachgedacht werden, um das Rückfall- oder Ausbreitungsrisiko zu senken.

Die Forscher entwickelten einen dazu passenden Gentest, dessen Aussagekraft und Nutzen nun in weiteren Studien überprüft werden müssen.

Quelle: Fraser, M. et al.: Genomic hallmarks of localized, non-indolent prostate cancer. Nature, Onlinevorabveröffentlichung am 9. Januar 2017, doi:10.1038/nature20788

(ONKO Internetportal, 18.1.17)

 

 

Verdacht auf Prostata-Ca

PSA erhöht, Biopsie negativ: Was tun?

Männer mit erhöhtem PSA, deren Biopsie negativ ausfällt, sterben nur selten an Prostatakrebs. Ob ihnen mit weiteren Untersuchungen gedient ist, halten US-Forscher daher für fraglich.

NEW YORK. PSA erhöht, Biopsie negativ: Wie mit Männern mit diesen häufigen Befunden weiter zu verfahren ist, darüber herrscht keine Einigkeit. Möglich wäre es, weitere Biomarker wie PCA3 und das TMPRSS2-ERG-Fusionsgen zu bestimmen oder aber eine MRT zu veranlassen. Allerdings ist nicht klar, ob sich die Überlebenschancen der Betroffenen dadurch verbessern ließen oder ob dies nicht zu Übertherapie beitrüge.

Forscher aus New York haben sich die Überlebensdaten der Teilnehmer des "Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian (PLCO) Cancer Screening Trial" noch einmal angesehen und geprüft, wie sich positive und negative Biopsieergebnisse in der Screeninggruppe im Vergleich untereinander und zur Kontrollgruppe prognostisch ausgewirkt haben (J Urol 2016, online 8. November). Von den mehr als 32.000 gescreenten Männern hatten rund 4000 ein positives Screeningergebnis: Ihr PSA-Wert überschritt die Marke von 4,0 ng / ml, der Prostatatastbefund war verdächtig oder es gab sonst eine Anomalie, die einen Krebsverdacht begründete. Bei rund 1200 dieser Männer wurde eine Biopsie vorgenommen, die bei 38 Prozent der Fälle ein Karzinom enthüllte und bei 62 Prozent negativ ausfiel.

In der knapp 13-jährigen Nachbeobachtungszeit der PLCO-Studie starben 1,1 Prozent der Männer nach negativer Biopsie an einem Prostata-Ca. Nach positiver Biopsie waren es 7,2 und in der Kontrollgruppe 0,4 Prozent. Für die Gesamtmortalität ergaben sich Anteile von 18,5 Prozent, 28 und 20 Prozent. Negative Biopsien nach positivem Screening steigerten die prostatakrebsspezifische Mortalität im Vergleich zur Kontrollgruppe um den Faktor 2,9. Positive Biopsien ließen diesen Wert auf 18,8 schnellen. Die Gesamtsterblichkeit war nach einer negativen Gewebeprobe nicht verändert, nach einer positiven Biopsie war sie um 61 Prozent erhöht. Die absolute Differenz in der prostatakrebsspezifischen Mortalität zwischen der Gruppe mit negativen Biopsien und den Kontrollen betrug 0,734 je 1000 Personenjahre. Der Unterschied zwischen der Gruppe mit negativen und jener mit positiven Biopsien lag bei 6,059 je 1000 Personenjahren. Die Inzidenzrate für Prostatakrebs erreichte bei den Männern mit negativer Biopsie einen Wert von 25,2 je 1000 Personenjahre, in der Kontrollgruppe lag die Inzidenz bei 9,6 je 1000 Personenjahre. Die Raten für klinisch signifikanten Krebs betrugen 9,2 und 5,0 je 1000 Personenjahre. "Nach einer negativen Biopsie laufen Männer, die mit traditionellen Markern und Biopsietechniken nachuntersucht werden, relativ geringe Gefahr, an Prostatakrebs zu sterben", so das Fazit von Patrick Lewicki und Kollegen vom Weill Cornell Medical College. Dies lasse vermuten, dass neuere diagnostische Interventionen nur ein begrenztes Potenzial besäßen, die Überlebensraten dieser Patientengruppe zu verbessern.

(Ärzte Zeitung, 13.01.2017, rb)

 


Molekulare Diagnostik für viel mehr Krebskranke

Vernetzung macht's möglich

Bei einem Teil der Patienten mit Bronchialkarzinom können zielgerichtete Medikamente die Prognose verbessern helfen. Die dafür erforderlichen molekularpathologischen Untersuchungen lassen sich auch über Netzwerke in die Fläche bringen.

Die Präzisionsmedizin, bei der die systemische Behandlung von Malignomen auf Basis des Nachweises bestimmter Biomarker erfolgt, kann die Prognose von Patienten mit nicht operablen Lungentumoren verbessern, erfordert aber zuverlässige und möglichst sensitive Untersuchungsmethoden.

Therapie erfolgt in Wohnortnähe

"Das Rüstzeug für solche Untersuchungen gibt es, vor allem in den an Hochschulen angesiedelten Instituten für Pathologie", erinnerte Professor Dietmar Schmidt aus Viersen beim gemeinsamen Kongress der International Academy of Pathology (IAP) und der European Society of Pathology in Köln.

Ziel der Deutschen Abteilung der IAP und der Deutschen Gesellschaft für Pathologie sei es, durch Fortbildung und Ringversuche auch kleineren pathologischen Instituten zu ermöglichen, neue Methoden qualitätsgesichert anbieten zu können, erläuterte Schmidt, einer der beiden Kongresspräsidenten.

Um Patienten an Zentren, denen bestimmte molekularpathologische Verfahren nicht zur Verfügung stehen, ebenfalls die bestmögliche Diagnostik zukommen zu lassen, gebe es die Möglichkeit, sich Verbünden anzuschließen: Die behandelnden Ärzte senden Tumormaterial an ein zertifiziertes Institut für Pathologie, die Therapie erfolgt dezentral in Wohnortnähe des Patienten.

Biopsien von etwa 20.000 Lungenkrebspatienten

Dass dieses Prinzip rasch zum Erfolg führen kann, belegen Ergebnisse des interdisziplinären Netzwerks Genomische Medizin (NGM) am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) der Universität Köln (www.ngm-cancer.com).

Seit der Gründung des NGM im Jahr 2010 seien dort Biopsien von circa 20.000 Lungenkrebspatienten molekularpathologisch untersucht worden, berichtete Professor Reinhard Büttner, Direktor des Instituts für Pathologie an der Universitätsklinik Köln.

Von diesen Patienten hatten circa 60 Prozent ein Adenokarzinom. "Bei elf Prozent dieser Karzinome fanden sich EGFR-Mutationen, für die – theoretisch – eine Therapie mit EGFR-Inhibitoren in Frage kommt", erläuterte Büttner.

Im Verlauf der Kooperation von NGM und den behandelnden Ärzten habe sich das mediane Gesamtüberleben von Patienten mit inoperablen Adenokarzinomen der Lunge und aktivierenden EGFR-Mutationen sukzessive verbessert: von median 9,6 Monaten unter Chemotherapie im Jahr 2005 auf median 31,5 Monate bei EGFR-Hemmung im Jahr 2013, sagte Büttner.

Dies habe eine vor drei Jahren publizierte Subkohortenanalyse ergeben (Science Translational Medicine 2013; 5,209, pp. 209ra153).

Einer Auswertung aus dem Jahr 2015 zufolge habe das mediane Gesamtüberleben bei 55 Monaten gelegen, sofern Patienten dieser Subgruppe in klinische Studien hätten vermittelt werden können, so Büttner bei einer Institutsführung während des Kongresses.

Der mögliche Zugewinn an Lebenszeit liege für diese Patientengruppe also bei median knapp vier Jahren (p<0,001). Bei Lungenkarzinompatienten mit ALK-Genrearrangements habe die Differenz des Gesamtüberlebens in der Subgruppenanalyse von 2013 bei einem Jahr gelegen (median 23 Monate unter Crizotinibtherapie versus 11 Monate bei Chemotherapie; p=0,024).

Projekt wird jetzt erweitert

Büttner hat das Netzwerk Genomische Medizin gemeinsam mit Professor Jürgen Wolf von der Medizinischen Klinik I der Universität Köln und Dr. rer. nat. Roman Thomas vom Institut für Translational Cancer Genomics Köln gegründet, um wissenschaftlichen Fortschritt möglichst rasch in die Phase klinischer Entwicklungen von zielgerichteten Medikamenten überführen zu können: Zunächst als Projekt für Patienten mit einem Lungenkarzinom (NGML), nun wird es auf gastrointestinale Malignome und Brust- und Prostatakrebs erweitert.

Das NGM arbeitet bundesweit mit mehr als 200 klinischen Onkologen zusammen und ist die deutschlandweit größte Initiative für die genomische Charakterisierung von Malignomen.

Jeder Arzt kann sich an das NGM wenden

Jeder Arzt könne sich mit der Bitte um molekulare Charakterisierung von Tumormaterial an das NGM wenden, sagte Büttner.

Die molekularpathologischen Untersuchungen für das Lungenkarzinom seien in den vergangenen Jahren auch für die Routinediagnostik optimiert worden, berichtete Büttner in Köln. Bei Patienten, für die eine genbasierte Analyse auf Treibermutationen sinnvoll sei, werde DNA aus dem Biopsat zunächst per Multiplex-PCR amplifiziert.

Dafür würden nur 10-50 Nanogramm genomischer DNA benötigt, eine Menge, die bei 80 Prozent der DNA-Extrakte erreicht werde. Dann wird die Probe für die Next-Generation-Sequenzierung (NGS) vorbereitet, bei der Tausende von DNA-Fragmenten parallel in einem Sequenziervorgang analysiert werden.

Tests sind kosteneffektiv

Die am NGML gut validierte Methode sei hoch sensitiv, erfordere – je nach Umfang der Analyse (Exons von 4 bis 18 Genen) – vier bis zehn Werktage und sei inzwischen kosteneffektiv sagte Büttner. Viele große gesetzliche, private und Betriebskrankenkassen finanzierten ihren Versicherten NGS-basierte Tests.

Durch einen Vertrag zur integrierten Versorgung im SGB V (§140a) seien solche Analysen für circa 35 Prozent der mit einem inoperablen Lungenkarzinom diagnostizierten Patienten abgedeckt.

Bei zwei Dritteln der jährlich circa 55.300 neu entdeckten Lungenkarzinome in Deutschland ist der Tumor nicht mehr resezierbar. Für 2016 werden insgesamt circa 500.000 Malignomdiagnosen erwartet.

(Ärzte-Zeitung, 28.12.16, Nicola Siegmund-Schultze)

 




Tumore an Penis, Hoden, Prostata

Diese Symptome für Krebs sollten Männer nicht ignorieren

Männer nehmen Gesundheitsprobleme oft nicht ernst, gerade wenn es um den Genitalbereich geht. Dabei hat Krebs der männlichen Geschlechtsorgane oft typische Anzeichen. Manche jedoch sind eher ungewöhnlich. FOCUS Online erklärt, welche das sind.

Ziehen in den Brüsten kann Anzeichen für Hodenkrebs sein.

Ausfluss ist eines der Symptome in Zusammenhang mit Peniskrebs.

Schmerzen beim Wasserlassen können nicht nur von einer Geschlechtskrankheit (STD) kommen, sondern auch von Krebs.

Männer gehen seltener zum Arzt als Frauen, das zeigen zahlreiche Statistiken und Studien. Vermutlich liegt das daran, dass viele Männer immer noch „old school“ keine Schwächen zugeben möchten. So erklärt diese Phänomen wenigstens eine aktuelle Untersuchung der Rutgers University.

Besonders fatal wirkt sich die männliche Ärztescheu aus, wenn so wichtige Symptome wie die von Krebs abgeklärt werden. Vor allem Anzeichen, die im Genitalbereich auftreten und Penis, Hoden sowie Prostata betreffen, werden oft vom Mann ignoriert und deshalb nicht rechtzeitig medizinisch abgeklärt. Achten Sie deshalb auf folgende Anzeichen, jeder der Männerkrebsformen hat typische.

Symptome für Penis-Krebs

Veränderungen der Vorhaut oder Eichel – hier tritt Peniskrebs besonders häufig auf

Verhärtungen an Eichel oder Vorhaut

Schwellungen an der Eichel

Verfärbungen am Penis

kleine Wucherungen auf der Haut des Geschlechtsorgans

Ausfluss, manchmal übelriechend

geschwollene Lymphknoten in den Leisten

Schwellungen in den Beinen

Peniskrebs gehört mit rund 600 Neuerkrankungen pro Jahr zwar zu den extrem seltenen Karzinomen, ist jedoch noch eines der größten Tabuthemen und wird deshalb oft erst spät diagnostiziert.

Symptome für Hodenkrebs

Tastbare Verhärtung und Knoten in den Hoden, die nicht schmerzen

Schwellung im Bereich der Hoden, vergrößerte Hoden

Schmerzen in dieser Region

Schweregefühl in den Hoden

Ziehen in den Hoden oder der Leiste

Ziehen in der Brust, die Brüste können sich vergrößern

Manche Hodentumore beeinflussen die Produktion weiblicher Hormone beim Mann. So steigen etwa die Östrogenwerte an. Als Folge wächst das Brustgewebe.

Hodenkrebs ist zwar relativ selten, pro Jahr werden etwas mehr als 4000 Neuerkrankungen registriert. Doch betroffen sind vor allem junge Männer, die das Thema Krebs meist gar nicht beachten.

Symptome für Prostatakrebs

häufiges Wasserlassen

abgeschwächter Urinstrahl

häufiger Harndrang auch in der Nacht

Schmerzen beim Wasserlassen

Schmerzen in der Prostata

Erektionsstörungen und schmerzhafte Erektion

Prostatakrebs ist mit mehr als 63.000 Neuerkrankungen pro Jahr der häufigste Krebs bei Männern. Allerdings ist die Prognose dabei gut, wenn der Krebs früh erkannt wird – ein Tatsache, die bei jeder Krebserkrankung wichtig ist. Männer sollten deshalb jede körperliche Veränderung beachten und von einem Arzt ihres Vertrauens abklären lassen – die Betonung liegt dabei auf „Arzt“. Denn Männer, auch das zeigt die eingangs erwähnte Studie, vertrauen einem Mann als Arzt eher als einer Frau. Viele halten den Arzt für kompetenter als die Ärztin.

(Focus online, 25.11.16, Monika Preuk)


 

Liquid Biopsy

Im Blut Krebs erkennen

Irgendwo im Körper eines Menschen kann es jederzeit losgehen: Eine Zelle ändert ihr Programm, teilt sich unaufhörlich, ein Tumor entsteht. Wenn der Krebs sich bemerkbar macht, ist es oft schon zu spät. Man müsste ihn früher aufspüren, am besten mit einer Blutprobe, die kaum belastet. Die Methode existiert tatsächlich und erobert gerade die Krebsmedizin.

Bisher klären Ärzte Verdachtsfälle durch eine Gewebeprobe, eine sogenannte Biopsie. Dabei ist bekannt: Fast von Beginn an hinterlässt der Krebs Spuren im Blut. Bruchstücke seiner DNA schwimmen durch die Gefäße, zusammen mit Zellen, die sich vom Tumor absiedeln.

DNA und verdächtige Zellen - genau der Rohstoff, den Ärzte sich wünschen. Die Vision heißt Flüssigbiopsie. Eine einfache Blutabnahme statt Abtasten, Ultraschall, Röntgenbilder. Ein kleiner Pieks statt einer unangenehmen Entnahme von Gewebe mittels Biopsie. Eine Revolution.

Doch ist die neue Fahndungsmethode nach der gefürchtetsten aller Krankheiten auch zuverlässig? Erst dann dürfen wir am Ende damit reihenweise auf Krebs screenen, warnen Fachleute. Andernfalls wäre der Schaden am Ende größer als der Nutzen.

Nicht alle Unternehmen wollen so lange warten. Erste Tests, die auf der Liquid Biopsy basieren, werden bereits vermarktet.

(Deutschlandfunk, 31.10. - Sendung am 6.11.16 -, Thomas Liesen)

 

 

Epigenetischer Test findet Krebs unbekannten Ursprungs

Ein neuer Test kann bei Krebspatienten, deren Primärtumor nicht bekannt ist, dessen Lokalisation anzeigen. Er nutzt dazu Unterschiede im DNA-Methylierungsmuster, das für bestimmte Krebsarten spezifisch ist. Indem das DNA-Methylierungsprofil einer Metastase bestimmt wird, lassen sich so Rückschlüsse darauf ziehen, in welchem Organ des Körpers der Primärtumor sitzt. Forscher um Sebastian Moran vom Bellvitge Biomedical Research Institute (IDIBELL) in Barcelona stellen den von ihnen entwickelten und bereits unter dem Namen Epicup® vermarkteten Test im Fachjournal «The Lancet Oncology» vor.

Bei etwa 5 Prozent der Krebspatienten finden Ärzte nicht zuerst den Primärtumor, sondern Metastasen. Man spricht in diesem Fall von Krebs unbekannten Ursprungs (Cancer of unknown Primary, CUP). Die Ungewissheit der Krebsart erlaubt in diesem Fall keine spezifische Therapie, sodass die Prognose für diese Patienten meist schlecht ist.

Anhand der DNA-Methylierung, die Teil des epigenetischen Codes einer Zelle ist, lässt sich der Ursprung einer Metastase allerdings mit relativ hoher Treffsicherheit bestimmen. Das konnten die Autoren im Rahmen einer Studie zeigen. Ausgehend von 2790 Gewebeproben aus 38 Krebsarten entwickelten sie zunächst eine Klassifikation der verschiedenen Tumortypen nach DNA-Methylierung. Diese nutzten sie nach einem Validierungsschritt zur Bestimmung des Primärtumors bei 216 CUP-Patienten.

Hier hatte der Test eine 99,6-prozentige Spezifität und eine 97,7-prozentige Sensitivität. Der positive Vorhersagewert betrug 88,6 Prozent, der negative 99,9 Prozent. Zeigte der Test also beispielsweise, einen Primärtumor im Darm an, stimmte das in 88,6 Prozent der Fälle. Andersherum bedeutete ein negatives Ergebnis für eine bestimmte Lokalisation, dass der Krebs mit 99,9-prozentiger Sicherheit auch wirklich nicht von dort ausging. Die Testergebnisse hatten direkte Konsequenzen für die Therapie: Patienten, die in der Folge Krebsart-spezifisch behandelt wurden, hatten verglichen mit denjenigen, die eine empirische Therapie erhielten, ein deutlich verbessertes Gesamtüberleben (Hazard Ratio 3,24).

(Pharmazeutische Zeitung, 01.09.2016, am)

 

 

Unstatistik des Monats:

Microsofts Suchmaschine erhöht Überlebensrate bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

Die Unstatistik des Monats Juni 2016 ist die Meldung, dass Microsoft-Wissenschaftler mittels der Suchmaschine „Bing“ Bauchspeicheldrüsenkrebs erkennen können und dies Leben rettet. Diese Früherkennung kann „die 5-Jahres-Überlebensrate der Patienten von 3% auf 5 bis 7% erhöhen“, schreibt die New York Times. Die Microsoft-Wissenschaftler (Journal of Oncology Practice) hatten die Suchanfragen von 6,4 Millionen Nutzern nach Symptomen wie unerklärlichem Gewichtsverlust und nach Risikofaktoren wie Alkoholabhängigkeit durchsucht. Aus dem Muster der Anfragen versuchte man dann jene Nutzer vorherzusagen, die später anscheinend Krebs bekamen, was man aus Anfragen wie „Warum bekam ich Bauchspeicheldrüsenkrebs?“ erschloss. Die Süddeutsche Zeitung berichtete in ihrer Online-Ausgabe am 9. Juni unter dem Titel „Krebsdiagnose aus der Suchmaschine“: „In 5 bis 15 Prozent der Fälle gelang ihnen die Früherkennung. Beeindruckender ist die sehr niedrige Zahl von Fehlalarmen. Von 10.000 Nutzern wurde weniger als einer fälschlicherweise als krebskrank eingestuft.“

Die Menschen wurden – wie inzwischen üblich – nicht gefragt, ob ihre persönlichen Daten analysiert werden dürfen. Aber was soll’s, wenn sich die Überlebensrate verdoppelt? Schließlich ist gezeigt worden, dass Bing Leben rettet. Wirklich?

Nein. Denn ein Anstieg von 5-Jahres-Überlebensraten sagt nichts darüber aus, ob Früherkennung Leben rettet. Das ist nicht schwer zu verstehen. Denken Sie an 100 Menschen, die alle im Alter von 70 Jahren an invasivem Krebs sterben. Wenn diese nicht zum Screening gehen, dann wird der Krebs spät entdeckt und die 5-Jahres-Überlebensrate ist klein. Gehen sie zum Screening, wird der Krebs früher entdeckt und die 5-Jahres-Überlebensrate steigt an. In diesem Beispiel lebt also niemand länger, sondern nur länger mit der Diagnose. Studien zeigen entsprechend, dass höhere Überlebensraten nach einem Screening nicht mit niedrigerer Sterblichkeit einhergehen. Der Trick mit den Überlebensraten ist nicht neu. In der Unstatistik vom Oktober 2014 haben wir gezeigt, wie man Frauen damit über den Nutzen des Brustkrebs-Screenings hinters Licht führt. Jetzt versucht man uns damit vom Nutzen von Big Data zu überzeugen.

Aber was ist mit der von den Medien hervorgehobenen kleinen Falsch-Positiv-Rate von 1 in 10.000? Heißt das, dass unter den Nutzern, welche der Algorithmus als positiv einschätzt, Fehler so gut wie nie vorkommen? Nein. Auch das kann man einfach erklären. Nehmen wir 100.000 Nutzer von denen 10 unerkannt Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Bei einer Erkennungsrate von 10% (das Mittel aus 5 und 15%) erwarten wir, dass von diesen 10 nur einer als positiv klassifiziert wird, die anderen 9 Krebse werden übersehen. Von den 99.990 Nutzern, die keinen Krebs haben, erwarten wir, dass 10 dennoch positiv eingeschätzt werden (die Falsch-Positiv-Rate von 1 in 10.000). Das heißt, von den insgesamt 11 Personen mit positivem Ergebnis hat einer Bauchspeicheldrüsenkrebs und 10 haben keinen. Die meisten, die positiv getestet werden, werden also fälschlicherweise als krebskrank eingestuft. Also, selbst wenn die Falsch-Positiv-Rate klein ist, kann bei seltenen Erkrankungen wie dem Bauchspeicheldrüsenkrebs der Anteil der Falsch-Positiven an allen Positiven dennoch hoch sein.

Erinnern Sie sich noch an Google Flu Trends? Dieses Programm sollte, ganz ähnlich wie Bing, aufgrund von Suchanfragen die Verbreitung von Influenza vorhersagen. Es wurde 2009 mit Fanfare als Paradebeispiel für den Erfolg von Big Data verkündet. Inzwischen hat man es ohne Fanfare beerdigt, nachdem es über Jahre hinweg zu hohe Vorhersagen lieferte. Ob Dr. Google oder Dr. Bing: Big Data ist in erster Linie Big Business und nicht notwendigerweise bessere medizinische Versorgung.

(Medizin-Aspekte.de, Juli 2016, Ansprechpartner: Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Tel.: 030/82406-0)

 

Drei Prozent der Niedersachsen leben mit Krebs

Osnabrück. Im Jahr 2013 sind in Niedersachsen 21.964 Menschen an Krebs gestorben. Das geht aus einem Bericht des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) hervor, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

Neu an einem bösartigen Tumor seien landesweit 49.234 Menschen erkrankt, davon 26.079 Männer und 23.155 Frauen. Die häufigsten Krebsneuerkrankungen sind laut dem Bericht bei den Männern nach wie vor Prostatakrebs (6481 Neuerkrankungen im Jahr 2013), Lungenkrebs (3568) und Darmkrebs (3373). Frauen sind am häufigsten von bösartigen Tumoren der Brustdrüse (7464), des Darms (2949) und der Lunge (1873) betroffen.

240.000 Menschen leben mit Krebs

Erstmalig stellt der Bericht auch Daten zur Krebsprävalenz vor, die beschreibt, wie viele Menschen mit einer Krebserkrankung leben. Am Jahresende 2013 lebten demnach 120.711 Männer und 119.502 Frauen in Niedersachsen, bei denen in den vorangegangenen zehn Jahren eine bösartige Tumorerkrankung festgestellt wurde. Das entspricht bei den Männern einem Anteil von 3,2 Prozent der Einwohner Niedersachsens und bei den Frauen drei Prozent. Bei Männern im Alter von über 64 Jahren betrage der Anteil sogar 11,7 Prozent der Einwohner, bei Frauen 7,2 Prozent. Laut EKN entsprechen die Neuerkrankungsraten in Niedersachsen bei Männern den Raten in Deutschland, für Frauen liegen sie geringfügig darüber.

Auffälligkeiten werden untersucht

Das Land Niedersachsen hat das EKN beauftragt, die Häufigkeit von Krebserkrankungen systematisch zu beobachten. Seit 2014 führt das EKN eine Pilotphase zu einem gemeindebezogenen Krebs-Monitoring durch. Das Land möchte damit erreichen, dass mögliche Häufungen von Krebserkrankungen frühzeitig entdeckt werden. In der Pilotphase werden drei Krebsdiagnosen beobachtet und die tatsächlichen Erkrankungsfälle mit der jeweiligen erwarteten Erkrankungshäufigkeit in den Gemeinden verglichen. Einer ersten Auffälligkeit bezüglich der Häufigkeit von Mesotheliomen werde derzeit zusammen mit den Gesundheitsbehörden vor Ort nachgegangen. Eine mögliche Erklärung sei beispielsweise Umgang mit Asbest im Beruf.

Erkrankungen werden registriert

Neben der epidemiologischen Krebsregistrierung wird in Niedersachsen eine flächendeckende klinische Krebsregistrierung entsprechend dem Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) aufgebaut. Ziel ist es, auch klinische Daten zur Behandlung und zum Verlauf von Krebserkrankungen zu erfassen und die Qualität der Versorgung für Menschen mit bösartigen Tumoren zu verbessern. Die Planung erfolgt in enger Abstimmung mit dem EKN, damit die meldenden Ärztinnen und Ärzte keine Doppelmeldungen durchführen müssen.

(NOZ, 1.6.16)

 

 

DKFZ-Studie

Blutfette sagen Krebs voraus

Warum bekommen manche Menschen Krebs und andere nicht? Um den Einfluss der Ernährung zu untersuchen, wurde vor über 20 Jahren eine Langzeitstudie gestartet, die bis 2006 lief. Diese Blutproben haben Krebsforscher mit modernsten Methoden erneut untersucht und Erstaunliches entdeckt.

Seit 1994 beteiligt sich Heidelberg an EPIC. Das ist eine europäische Langzeit-Studie über Krebs und Ernährung. Warum gerade Heidelberg? Weil dort das DKFZ sitzt, das Deutsche Krebsforschungszentrum. Dort arbeitet auch der Mediziner und Epidemiologe Tilman Kühn:

"Die EPIC-Studie in Heidelberg ging los mit 25.000 Heidelbergern. Erwachsene im Alter von 35 bis 65 Jahren, die zu dem Zeitpunkt gesund waren, also keine chronische Erkrankung hatten."

Das blieb aber nicht so. Mehr als 1000 Studienteilnehmer erkrankten in den Folgejahren an Krebs:

"Wenn wir die häufigsten Krebserkrankungen anschauen - Brustkrebs bei Frauen, Prostatakrebs bei Männern - dann kann man sagen: Mitte der 90er-Jahre bis Ende 2006 waren das dann etwa 400 Fälle von Brustkrebs und 400 Fälle von Prostatakrebs."

Bis heute sind Blutproben der EPIC-Teilnehmer vorhanden. Sie wurden damals eingefroren. Diese Proben haben DKFZ-Wissenschaftler jetzt noch einmal genauer untersucht.

Vom Ergebnis war selbst Tilman Kühn überrascht, wie er sagt. Die Forscher entdeckten bemerkenswerte Unterschiede in der Konzentration bestimmter Fettmoleküle im Blut, Lyso-Phosphatidylcholine genannt:

"Der Befund war, dass bei Personen, die gesund geblieben sind, in den Blutproben die Lyso-Phosphatidylcholine und insbesondere der am stärksten im menschlichen Blut vertretene Metabolit höher konzentriert vorlagen als bei Personen, die später Krebs entwickelt haben. Höhere Konzentrationen bei Menschen, die gesund geblieben sind, und niedrigere Konzentrationen bei Menschen, die an Krebs erkrankt sind."

Das gelte übereinstimmend für alle drei untersuchten Krebsarten. Neben Brust- und Prostata- waren das auch noch über 200 Darmkrebs-Fälle aus der EPIC-Studie.

Kühn und seine Kollegen könnten also auf einen Biomarker gestoßen sein, der Hinweise auf eine spätere Krebserkrankung liefert - lange, bevor sie überhaupt ausgebrochen ist:

"Der Abstand zwischen Blutproben-Entnahme und Krankheitsentstehung lag in unserer Studie im Durchschnitt bei etwa sechs bis sieben Jahren."

Die Methode, die die Epidemiologen nutzten, nennt sich Metabolomik. Oder englisch: metabolomics. Dabei versucht man, möglichst viele Stoffwechselprodukte in einer Probe Blut, Urin oder Gewebe zu bestimmen. Es ist eine Art Schrotschuss-Technik. Sie liefert unzählige Treffer. Mit manchen Analyse-Sets lassen sich die Konzentrationen von weit über tausend einzelnen Substanzen ermitteln.

Mögliche Erkenntnisse für die Krebs-Früherkennung

Doch was sagen einem die ganzen Daten? Kritiker monieren, die Metabolomik liefere vor allem eines: Zufallsbefunde! Tilman Kühn kennt diese Einwände, sagt aber mit Blick auf seine Studie:

"Dass wir eigentlich nicht davon ausgehen, dass das Zufall ist. Wir müssen zugeben, dass uns die biologischen Erklärungen für das, was wir da finden, zum Teil noch fehlen, dass da weiter geforscht werden muss. Aber allein die Tatsache, dass das bei drei Krebsarten so stark präsent ist und dass diese Zusammenhänge auch unabhängig sind von anderen Krebsrisikofaktoren, hat uns hier eigentlich sehr positiv gestimmt, dahingehend dass wir denken: Wir sind hier vielleicht wirklich einem biologischen Phänomen auf der Spur, das in der Krebsentwicklung eine Rolle spielt."

Niedrige Konzentrationen der Choline kennt man schon länger im Fall von Krebs - aber erst nach Ausbruch der Erkrankung.

"Wenn der Krebs da ist, wissen wir, dass diese Lyso-Phosphatidylcholine wahrscheinlich eine Rolle spielen in dem Ankurbeln des Wachstums von Tumoren. Was wir noch nicht so ganz verstehen, ist, warum diese Veränderungen schon in einem gesunden Zustand eine Rolle spielen sollten als Risikofaktor für spätere Erkrankungen. Das gilt es sicher in der Zukunft besser aufzuklären."

Sollten die DKFZ-Forscher auf der richtigen Fährte sein, könnte man sich vorstellen, dass die Choline eines Tages bei ganz normalen Blut-Untersuchungen miterfasst werden. Und dass Patienten mit auffälligen Befunden dann regelmäßig zur Krebs-Früherkennung gehen. So weit, sagt Kühn, sei es aber noch lange nicht:

"Man muss fairerweise und ehrlicherweise sagen, dass unsere Analysen alleine auf keinen Fall ausreichen, um die Krebsfrüherkennung zu verbessern. Das wird sich in den nächsten Jahren nur in einer Vielzahl weiterer Studien - wenn überhaupt - ermöglichen lassen. Und das ist noch ein weiter Weg."

(Deutschlandfunk, 12.4., Volker Mrasek)

 

 

Neuer Krebs-Bluttest zu 98 Prozent zuverlässig und kostengünstig

Tumore per Bluttest zu identifizieren ist keine neue Idee, doch ein äußerst wichtiger Sektor der Krebsbekämpfung. Nachdem an der schwedischen Umeå University zuletzt beachtliche Erfolge erzielt wurden, kommt nun auch aus Hamburg eine Erfolgsmeldung: Die effektive Krebs-Früherkennung nimmt Fahrt auf!

Einfacher Bluttest für 500 Euro statt Biopsie

Um einen Tumor genau zu identifizieren und die folgende Behandlung genau darauf abzustimmen, ist bislang eine Biopsie vonnöten. Dies erfordert wiederum einen operativen Eingriff zu Gewebeentnahme. Haben sich bereits mehrere Metastasen gebildet, kann natürlich nicht jeder einzelne Tumor untersucht werden. Manche Krebsgeschwüre lassen auch gar keine Biopsie zu, zum Beispiel weil eine Gewebeentnahme aufgrund der komplizierten Lage unmöglich ist. Diese Umstände können eine frühe und möglichst zielgerichtete Behandlung ausbremsen und bringen damit oftmals Menschenleben in Gefahr. Der einfache Bluttest eines Hamburger Forscherteams schafft endlich Abhilfe, er soll etwa 500 Euro kosten und der lebensrettenden Früherkennung dienen.

Minimal-invasives Verfahren, das bisherigen Methoden überlegen ist

Die neue Entwicklung stammt aus dem Institut für Tumorbiologie in Hamburg, leitender Wissenschaftler ist Professor Klaus Pantel. Der Bluttest macht es sich zunutze, dass in der Blutbahn von erkrankten Menschen Krebszellen zu finden sind, die aus den jeweiligen Tumoren stammen. In diesen kranken Zellen sind eigentlich alle wichtigen Informationen über die Krebsart enthalten, man muss sie nur extrahieren und analysieren. Mit der neuen Flüssigbiopsie lassen sich die veränderten Erbanlagen sehr exakt auswerten, die Zuverlässigkeit liegt bei sensationellen 98 Prozent. Auch der vergleichsweise geringe Preis dieser Untersuchungsmethode spricht für sich: Es handelt sich also um ein ganz konkret einsetzbares, minimal-invasives medizinisches Verfahren, das bisherigen Methoden überlegen ist.

So funktioniert die neue Flüssigpiopsie

Die neue Flüssigbiopsie funktioniert auf folgende Weise: Die Wissenschaftler binden die Krebszellen mit Antikörpern und extrahieren diese so aus dem Blut. Danach erfolgt eine Einfärbung mit fluoreszierenden Stoffen, um die einzelnen Elemente nach einem Scannvorgang auf dem Monitor unterscheidbar zu machen. In der folgenden genauen Analyse bestimmen die Mediziner die Krebsart – und wählen gleichzeitig die passende Behandlung.

(trendsderzukunft.de, 10.4.16, Yvonne Salmen, Quelle: pnas.org)

 

 

 

2004 erhielt Fritz Maier eine Krebsdiagnose. Heute ist er einer von 300.000 Überlebenden in der Schweiz

«Die Ärzte gaben mir noch 2 Jahre»

Krebs ist nicht immer tödlich. Dank der Fortschritte in der Medizin überleben immer mehr Menschen eine Tumorerkrankung. Inzwischen leben fast 300'000 «Survivors» in der Schweiz.

Alles begann mit einem starken Schmerz im linken Oberschenkel. «Ich dachte zuerst, ich hätte mich beim Training übernommen», erinnert sich Fritz Maier (75) aus Gümligen BE. Doch dann kam eine schwere Lungenentzündung hinzu. Der damals noch selbständige Geschäftsmann erhielt nach zahlreichen Tests von seinem Hausarzt die niederschmetternde Diagnose: Multiples Myelom. Eine seltene Krebsart, die zu Blutarmut führt, Knochen und Nieren angreift. «Die Krankheit traf mich wie ein Hammerschlag – ich wollte nicht sterben», erinnert sich Maier, «auch für meine Familie und Freunde war die Diagnose sehr schwer.» Zwei Jahre habe er noch zu leben, hiess es damals.

12 Jahre leben mit Krebs

Die ersten Wochen während der Therapie waren hart. Mehrere Operationen und Chemotherapien waren nötig. Doch Maier überlebte.

Zwölf Jahre sind seither vergangen. «Mein Durchhaltewillen und ein Grundvertrauen in die Medizin gaben mir Kraft. Sonst wäre ich schon lange nicht mehr hier.» Was ihn bis heute am Leben hielt, davon ist Maier überzeugt, waren vor allem die Fortschritte in der Behandlung: Präzise Bestrahlungen halfen, die Krankheit zu bekämpfen. Maier gilt inzwischen als Überlebender – er ist ein sogenannter Survivor.

Einer von 300.000

300'000 Menschen in der Schweiz haben einen ähnlichen Schicksalsschlag hinter sich, wie ihn Fritz Maier erlebte: Sie alle gelten als Survivors, wie Zahlen des nationalen Instituts für Krebs-Epidemiologie und Registrierung (NICER) zeigen. In den letzten 20 Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt. Und sie wird weiter steigen: In den nächsten zehn Jahren erwarten Fachleute nochmals eine Zunahme von 30 Prozent – dann werden es fast 400'000 Sur­vivors sein. «Bei Therapien und in der Forschung wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt», sagt dazu Jakob Passweg (56) von der Schweizer Krebsliga.

Bloss: «Medizinisch gelten Krebsbetroffene heute nach erfolgreicher Therapie nicht als geheilt, sondern als chronisch krank», erklärt Passweg.

«Die Sterblichkeit sinkt»

Der wissenschaftliche Direktor des nationalen Krebsinstituts NICER, Volker Arndt, bestätigt den Trend: «Die Zahl von Krebs-Neuerkrankungen in der ganzen Schweiz nimmt zwar zu, die Sterblichkeit aber sinkt», sagt er. Krebsbehandlungen seien heute auch erfolgreicher, weil die Krankheit in einem immer früheren Stadium entdeckt werde.

Für Jakob Passweg von der Krebsliga ist deshalb klar: Die wachsende Zahl von Survivors wird in den kommenden Jahren zu einer He­rausforderung für die Schweiz. «Wir setzen uns dafür ein, dass Angebote für die Langzeitüberlebenden deren Bedürfnissen gerecht werden.» Die Krebsliga biete zwar schon heute psychoonkologische Beratung und Begleitung an. «Doch es braucht mehr», fordert Passweg.

Es mangelt an Fachleuten

An vielen Spitälern fehlen heute ausgebildete Fachleute und die Mittel für die Langzeitbetreuung von Krebsüberlebenden, wie die Psychologin Brigitta Wössmer (60) vom Universitätsspital Basel sagt. Wössmer stand lange der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoonkologie vor und bildet selbst Fachleute aus. Die sind gefragt: «Bloss etwa 20 Prozent der Patienten, die heute eine Betreuung möchten, erhalten diese auch», so Wössmer.

Dass diese Spezialisten dringend nötig sind, zeigen Erhebungen des nationalen Krebsinstituts NICER: «Beziehungen und Freundschaften werden durch eine Krebserkrankung eingeschränkt – das wirkt sich auf die Lebensqualität der Betroffenen aus», sagt Volker Arndt.

Weil eine Betreuung durch Fachleute oft fehlt, haben sich Betroffene wie Fritz Maier selbst organisiert. Er engagiert sich seit Jahren in der Myelom-Kontaktgruppe Bern. Hier treffen sich Patienten mit derselben Diagnose, tauschen sich aus, geben ­einander Halt. «Noch heute ist Krebs ein Tabu», weiss Maier aus eigener Erfahrung, «darunter leiden die Betroffenen sehr».

Regelmäßige Tests

Dass die Entdeckung ­eines Tumors aber längst kein Todesurteil mehr sein muss, sei «in den Köpfen der Menschen noch nicht angekommen», so Maier.

Alle zwei Monate geht er zum Screening. Dabei werden seine Blutwerte getestet und geprüft, ob sich der Krebs weiterentwickelt. Trotz seiner Erkrankung ist er aktiv, wird von seiner Partnerin und der Familie gestützt. Der begeisterte Pistolenschütze nahm im letzten Sommer gar am Eidgenössischen Schützenfest im Wallis teil. Er sagt: «Ich lebe heute. Was morgen ist, werden wir sehen.»

«Angehörige brauchen oft mehr Unterstützung»

Bricht der Krebs aus, leiden nicht nur die Patienten, sondern auch ihre Angehörigen – das weiss Isabella Schmid (45) aus eigener Erfahrung. Die Schweizer Schauspielerin erkrankte mit 29 an Krebs, überwand die Krankheit. Heute lebt sie wieder wie vor der Diagnose und engagiert sich für Kranke und deren Familien und Freunde.

Sie rief die Charity-Aktion «Cinema for Life» ins Leben, holte Filmschaffende, Musiker und Künstler an Bord.  2005 verlor Schmid eine gute Freundin an Krebs. Sie weiss: «Oft brauchen die Menschen im Umfeld mehr Betreuung als die Erkrankten selbst.» Sie kämpfe deshalb schon seit 15 Jahren für eine Psychoonkologie für Angehörige.

Krankenkassen reagierten viel zu langsam auf Veränderungen, kritisiert sie. «Heute werden Chemotherapien oft ambulant durchgeführt, die Angehörigen kümmern sich dann zu Hause um ihre Liebsten. Aber sie sind oft überfordert – in jeder Hinsicht.» Neben der Pflege der Kranken müssen Kinder betreut, der Haushalt erledigt werden. «Daran gehen Familien und Freunde kaputt.» In solchen Fällen brauche es deshalb eine Anlaufstelle, wo unkompliziert Hilfe angeboten werde.

Wie belastend eine Krebsdiagnose sein kann, muss derzeit Sänger Piero Esteriore (38) erfahren. Im letzten August erhielt er zusammen mit seinem Bruder Gabriele (20) die Diagnose Hodenkrebs. Während bei Piero der Tumor durch eine Operation entfernt wurde, muss Gabriele nun schon die dritte Chemo über sich ergehen lassen.

«Ihm geht es elend», sagt Piero. «Die Familie ist rund um die Uhr bei ihm im Spital, Freunde schreiben ihm – das hilft. Aber: «Besonders meine Mutter leidet sehr.»

(Blick am Abend, 25.3.16, Cyrill Pinto)

 

 

Familiensache Krebs

Gene sind nicht nur ein Thema der Grundlagenforschung. Krebs, die Krankheit, die etwa jeden zweiten Bundesbürger irgendwann trifft, wird durch die Entschlüsselung der Erbsubstanz und ihrer eingebauten Fehler besser vorhersagbar - und leichter zu beherrschen. Auch für häufige Tumoren, wie Brust- und Darmkrebs, sind mittlerweile mehrere Risiko-Gene bekannt. Fachleute schätzen, dass insgesamt jede zwanzigste Erkrankung durch eine bekannte Gen-Mutation ausgelöst wird - und bei bis zu einem Drittel aller Fälle eine familiäre Ursache mitspielt.

Ärzte raten, sich bei Gelegenheit – unter Umständen im Kreis der Verwandtschaft – zu überlegen, ob in der Familie bestimmte Krebserkrankungen gehäuft vorkommen. Auch die eigenen Kinder können von diesem Wissen profitieren. Ein Verdacht auf eine familiäre Belastung lässt sich abklären. Darauf aufbauend, können intensivere und engmaschigere Untersuchungen viel Leid ersparen.

Doch auch jenen, bei denen eine Krebserkrankung bereits ausgebrochen ist, hilft Gen-Entschlüsselung immer öfter. Schon setzen Mediziner neuartige Medikamente ein, die über die herkömmliche Chemotherapie hinausgehen. Diese Mittel bekämpfen den Tumor auf der molekularen Ebene, aufgrund seines genetischen Profils.

(Focus online, 19.2.16)

 

 

Osnabrücker Strahlenklinik verbessert Diagnostik bei Krebs

Das Klinikum Osnabrück hat als erstes Krankenhaus in der Region ein fest installiertes PET-CT in Betrieb genommen. Das in einem Container-Anbau des Gebäudeflügels der Röntgen- und Strahlenklinik aufgestellte Großgerät ermöglicht dreidimensionale Aufnahmen aus dem Inneren des Körpers, auf denen Tumore und entzündliche Erkrankungen sowie auch eine Veranlagung für die Alzheimer-Erkrankung deutlich besser als mit anderen bildgebenden Verfahren erkannt werden können.

Nach den Worten von Prof. Dr. Bernd Tombach, dem Chefarzt der Röntgen- und Strahlenklinik, vereint die Untersuchung in einem PET-CT das Beste aus zwei Welten – nämlich der Radiologie und der Nuklearmedizin, wie es in einer Pressemitteilung des Klinikums heißt.

Das Verfahren kombiniert die Computer-Tomografie (CT), bei der die inneren Körperstrukturen mit Röntgenstrahlen hochaufgelöst sichtbar gemacht werden, mit der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), die durch schwach radioaktive Substanzen, so genannte Tracer, die Aktivität von Tumoren oder Entzündungen anzeigt. Aus dieser Kombination beider Untersuchungstechniken zu einem sogenannten Hybridverfahren resultiert eine maximale Genauigkeit und Empfindlichkeit.

Kleinste Tumoren können erkannt werden

Aktive Tumorzellnester können mit dem PET-CT bereits ab einer Gro?ße von fünf bis sieben Millimeter erkannt und genau im Körper geortet werden. Wenn die PET- und CT-Untersuchungen einzeln gemacht werden, können wichtige Informationen verloren gehen. So sind auf alleinigen CT-Bildern kleinere Tumore nicht immer eindeutig als solche zu identifizieren und auf PET-Bildern ist dagegen keine genaue räumliche Zuordnung der Befunde im Körper möglich. Letztendlich ist jedoch die präzise Aussage über Ausdehnung und Aktivität einer Tumorerkrankung von entscheidender Bedeutung für die Wahl des individuellen Behandlungsverfahrens.

Da sich auf den PET-CT-Aufnahmen genau erkennen lässt, ob sich die Aktivität von Tumorzellen durch Therapiemaßnahmen verändert hat, sind sie auch zur Kontrolle gut geeignet. „Die Aufnahmen aus dem PET-CT ermöglichen es uns, die Therapien viel besser als bisher individuell auf die Patienten abstimmen zu können. So lässt sich mit solchen Aufnahmen zum Beispiel entscheiden, ob die Patienten bei einer Chemotherapie noch weitere Zyklen durchlaufen müssen beziehungsweise ob eine ergänzende Strahlentherapie noch nötig ist“, sagt Tombach.

Mediziner einig: Neue Technik ist die Zukunft

Wie die Nuklearmedizinerin Dr. Vika Müller-Kniefert und Privatdozent Dr. Hendrik Bolte von der Röntgen- und Strahlenklinik erklären, werden die Befunde immer gemeinsam von Radiologen und Nuklearmedizinern besprochen. Im Anschluss wird mit den behandelnden Ärzten aus weiteren Fachrichtungen im Rahmen wöchentlicher interdisziplinärer Tumorkonferenzen die jeweilige Therapie festgelegt. „In der gemeinsamen Befundung liegt ein entscheidender Vorteil gegenüber der Einzelauswertung beider Verfahren“, sind sich Müller-Kniefert, Bolte und Tombach einig. Alle drei sehen in der PET-CT „das bildgebende Untersuchungsverfahren der Zukunft“.

Seit 2008 wird die PET-Technologie bereits auf dem Finkenhügel genutzt – allerdings war das Gerät nur einmal wöchentlich für ambulante Untersuchungen auf einem Truck verfügbar. Wie Chefarzt Tombach verdeutlicht, soll den Patienten auf dem Finkenhügel die bestmögliche medizinische Versorgung geboten werden, deswegen habe sich die Geschäftsführung schnell für die Anschaffung eines PET-CT entscheiden. Die Untersuchungen im PET-CT können fast ohne Wartezeiten durchgeführt werden, sie werden ambulant gemacht und sind über die Nuklearmedizin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) am Klinikum Osnabrück auch für „externe“ Patienten per Überweisung vom Haus- oder Facharzt zugänglich.

Ablagerungen im Gehirn werden angezeigt

Vorteil: Die „Röhre“ im PET-CT hat einen größeren Durchmesser als andere derartige Geräte. „Darin ist es längst nicht so eng“, so Müller-Kniefert. Ähnlich wie bei anderen Tomografie-Verfahren werden die Patienten liegend durch eine Röhre gefahren und von einem rotierenden Scanner umrundet, der unzählige Schnittbilder aufnimmt, die vom Computer zu einem 3D-Modell des Körpers zusammengerechnet werden, in dem Knochen, Weichteile, Entzündungsherde und Krebsherde hochauflösend dargestellt sind. Durch die zeitgleiche Markierung mit dem Tracer können aktive Tumoren von Narbengewebe oder Entzündungen unterschieden werden. Auch in der Neurologie und in anderen medizinischen Disziplinen leisten die PET-CT-Aufnahmen gute Dienste. „Wir können zum Beispiel Ablagerungen im Gehirn, die auf eine Veranlagung für die Alzheimer-Krankheit hindeuten, viel früher und genauer – oft vor Ausbruch der eigentlichen Erkrankung- erkennen“, so Müller-Kniefert.

Problem bei PET-CT: Während die Untersuchungen in anderen europäischen Ländern ebenso wie in den USA bei einer Vielzahl von Krebsarten von den Krankenkassen getragen werden, müssen in Deutschland für alle Patienten einzelne Kostenübernahmeanträge gestellt werden. „Bei uns sind die Untersuchungen bisher nur bei Bronchialkarzinomen und eingeschränkt auch bei Lymphomen anerkannt. Die Kostenübernahme wird mittlerweile aber auch vielfach bei anderen Krebsarten bewilligt, wobei sie aber immer einzeln beantragt werden muss und Stellungnahmen vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) nötig sind. Das ist viel Aufwand, aber wir stellen diese Anträge natürlich gerne für unsere Patienten und wir setzen uns für eine Anerkennung des Verfahrens ein“, so Müller-Kniefert.

(Neue Osnabrücker Zeitung, 21.12.15)

 

 

Weniger Krebs?

Die gute Nachricht vorweg: Die Zahl neuer Krebsfälle ist im Zeitraum der vergangenen 20 Jahre kontinuierlich zurückgegangen - allerdings mit der Einschränkung, dass das nur altersbereinigt gilt. Es gibt also in der Gruppe jüngerer Bundesbürger deutlich weniger Neuerkrankungen als früher, insgesamt ist die Zahl der Krebspatienten wegen der weiteren Alterung der Gesellschaft aber gestiegen.

Fast eine halbe Million Menschen ist im Jahr 2011 an Krebs erkrankt, das sind etwa 65.000 mehr als um die Jahrtausendwende. Deutlich zugenommen, auch altersbereinigt, hat aber die Zahl der Brustkrebspatientinnen. Von 2001 bis 2011 stiegen die diagnostizierten Fälle um neun Prozent - wohl auch, weil sich die Erkennungsmethoden verbessert haben und mehr Frauen zur Vorsorgeuntersuchung gehen.

Und auch beim Lungenkrebs sind die Zahlen der weiblichen Patientinnen nicht rückläufig. 17.600 Erkrankungsfälle wurden 2011 gezählt, ein Anstieg gegenüber 2001 von knapp 38 Prozent. Zahlenmäßig liegen die Männer zwar mit gut 35.000 Fällen vorn, die Erkrankungsrate ging seit 2001 aber um knapp 15 Prozent zurück. Die Forscher nennen als Hauptgrund die gegenläufigen Bewegungen beim Rauchverhalten: Heute rauchen Frauen häufiger als Männer, die Zahlen der Krebsfälle nähern sich also einander an.

Bei Kindern unter 15 Jahren liegt die Zahl der Krebsfälle pro Jahr bei 1800, die Sterblichkeit ist jedoch in den vergangenen 30 Jahren stark zurückgegangen, schreibt das Robert-Koch-Institut.

(RP online, 4.12.15, Jan Drebes)

 

 

 

Wie erklärt ein Arzt seinem Patienten, dass er Krebs hat?

Das Überbringen schlechter Nachrichten ist für Ärzte eine heikle Aufgabe. In Rollenspielen sollen Mediziner dies üben. Manchmal fließen sogar Tränen.

Die Diagnose traf Marc Naumann wie ein Fausthieb. „Wir haben bei Ihnen einen Hirntumor entdeckt“, sagte der Arzt nach Auswertung einer Magnetresonanztomographie. „Er muss innerhalb von drei Wochen operiert werden. Lassen Sie sich dafür einen Termin geben.“ Das war alles. Auch heute, mehr als sechs Jahre danach, kann Naumann kaum glauben, dass ihm der Mediziner diese Nachricht einfach an den Kopf warf. „Es hat gewirkt, als hätte er kein Interesse.“ Naumann, damals Jura-Student, blieb bestürzt zurück. „Ich dachte nur: Das kann doch nicht wahr sein!“ Statt einen OP-Termin zu vereinbaren, ließ er sich zu einem anderen Experten überweisen. Und bekam eine andere Diagnose.

Für Ärzte ist das Überbringen einer schlechten Nachricht eine heikle Sache

Das Erlebnis Naumanns ist ein abschreckendes Beispiel für misslungene Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Der Fall ist extrem. Doch Judith Storf von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Bielefeld hat es öfters mit Patienten zu tun, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Es kommt immer wieder vor, dass Betroffene oder Angehörige berichten, ihnen sei eine schlimme Diagnose an den Kopf geworfen worden.“ Genau diese Redewendung sei es, die häufig falle. Oft fühlten sich die Patienten von der Diagnose dann so „überrumpelt“, dass sie nicht in der Lage seien, weitere Fragen zu stellen. Auch der Fachjargon erschwert die Kommunikation. „Typisch ist, dass Patienten berichten: Ich weiß gar nicht, was der gesagt hat“, sagt Storf.
Das Überbringen schlechter Nachrichten ist für Ärzte eine heikle Aufgabe. Sie wissen, dass die Botschaft Kummer bereiten wird und haben oft Angst vor dem Gespräch, das auch sie belastet. „Ärzte sind unterschiedlich kompetent darin, solche Nachrichten zu überbringen“, sagt der Internist und Medizinethiker PD Dr. Jan Schildmann von der Ruhr-Universität Bochum. „Man kann das aber üben und sich dadurch verbessern.“ Seit mehreren Jahren werden in Deutschland daher Seminare angeboten, in denen sich Medizinstudenten und Ärzte auf solche Situationen vorbereiten können.

In den Kursen sind oft Rollenspiele vorgesehen, bei denen Mediziner bestimmte

Gesprächsstrategien üben. Den Part der Patienten übernehmen in der Regel Schauspieler oder speziell geschulte Laien-Darsteller. Ärzte müssen ihrem Gegenüber dann etwa eine Krebs-Diagnose überbringen oder darüber aufklären, dass sein Kind schwer erkrankt ist. „Die Gesprächssimulationen sind sehr realitätsnah“, berichtet Schildmann, der solche Kurse leitet. So sehr, dass manchmal Tränen fließen.
Durch das Feedback der Gesprächspartner sowie der anderen Teilnehmer lernen die Mediziner, wie ihr Auftreten ankommt: „Es kann allerdings ganz unterschiedlich sein, wie das Gespräch empfunden wird“, sagt Schildmann. Allgemein könne man beobachten, dass Ärzten das Reden leichter falle als das Fragen, Zuhören und Innehalten. „Dabei berichten die Gesprächspartner oft, dass sie kurze Pausen als positiv empfinden“, sagt der Medizinethiker. „Patienten hilft es sehr, wenn Ärzte nachfragen, was sie bewegt, anstatt die ganze Zeit selbst zu reden.“

Jeder Patient hat andere Erwartungen und Bedürfnisse

Die Kommunikationstrainerin Isabel Schupp aus Icking bei München, die ebenfalls Seminare zum Thema anbietet, hat Ähnliches beobachtet. „Manche Ärzte halten die Situation selber kaum aus und ziehen sich deshalb auf ihr Fachwissen zurück“, berichtet die Schauspielerin und Trauerbegleiterin über die Rollenspiele. „Sie reden zu viel und geben dem Patienten keinen Raum.“ Außerdem wirkten manche Ärzte bei den Gesprächen kalt, „weil sie es nicht gelernt haben, durch Körpersprache und Stimmmodulation Empathie zu vermitteln“. Daher empfiehlt sie den Medizinern eine offene, dem Patienten zugewandte Körperhaltung und einen warmen Blickkontakt. Ansonsten brauche ein Arzt vor allem Zeit und Ruhe für ein gutes Gespräch. Doch gerade daran mangelt es oft. So berichtet die Patientenberaterin Storf: „Wir hören von Patienten häufig, dass allgemein zu wenig Zeit für Gespräche ist. Manche sagen: ‘Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, wenn ich dem Arzt noch eine Frage stelle.‘“
Die Gespräche sind auch deshalb schwierig, weil jeder Patient andere Erwartungen und Bedürfnisse hat. So ist es ganz unterschiedlich, wie detailliert Menschen aufgeklärt werden wollen. „Aus Umfragen wissen wir, dass neun von zehn Patienten grundsätzlich wissen wollen, wie es um sie steht“, sagt Schildmann. „Aber nur gut die Hälfte möchte bei der Entscheidungsfindung mitwirken, wenn es um weitere Therapien geht.“ Um Patienten nicht mit Dingen zu konfrontieren, die sie gar nicht wissen möchten, empfiehlt der Medizinethiker, sich durch Fragen abzusichern. So handhabt es auch der Palliativmediziner Professor Christoph Ostgathe vom Universitätsklinikum Erlangen. „Der Patient hat auch ein Recht auf Nichtwissen“, betont er.
Ein schwieriger Punkt ist für Ärzte auch, ob sie Patienten in aussichtslosen Fällen ganz die Hoffnung nehmen dürfen. Dieses Problem kennt Isabel Schupp: „Angehörige hadern oft damit, wenn Ärzte ihnen gar keine Hoffnung mehr machen. Sie klagen dann zum Beispiel: ‘Der hat ja schon die Schaufel mitgebracht, als er ins Zimmer kam.‘Aber natürlich ist es auch wichtig, dass Ärzte ehrlich sind.“ Das muss kein Widerspruch sein, findet Ostgathe: „Man sollte Patienten nicht die Hoffnung nehmen, wenn Genesung ausgeschlossen ist, sie aber in eine andere Richtung lenken.“ Zum Beispiel könne man Schmerzfreiheit oder schöne Stunden mit der Familie in Aussicht stellen. Hoffnung sei auch therapeutisch wichtig, sagt Ostgathe – weil sie etwa dazu beitrage, Schmerzen zu lindern.

Arzt: „Schlechte Nachrichten zu überbringen wird nie Routine“

Patienten nehmen oft gar nicht wahr, wie sehr ihr Schicksal auch die Ärzte bewegt. „Schlechte Nachrichten zu überbringen wird nie Routine“, sagt Palliativmediziner Ost-gathe. „Es bleibt immer etwas, das einen bewegt.“ Um sich psychisch zu stabilisieren, hilft es Ärzten, Gefühle gegenüber den Patienten zuzulassen, sich mit Kollegen auszutauschen oder im Extremfall auch mal einen Fall abzugeben. Immerhin tragen Kommunikationsstrategien dazu bei, schwierige Situationen gut zu bewältigen. So sagt Schildmann: „Wer in Sachen Kommunikation kompetent ist, für den sind schwierige Gespräche weniger belastend.“ So ist das Gefühl, eine schlimme Nachricht wenigstens einfühlsam überbracht zu haben, für Ärzte ein gewisser Trost.
Trotz mancher Klagen kommen der Patientenberaterin Storf auch immer wieder Beispiele für gelungene Kommunikation zu Ohren. „Wir hören auch von Patienten, dass sie sich bei ihren Ärzten gut aufgehoben und von ihnen gut aufgeklärt fühlen“, sagt sie. Marc Naumann machte später ebenfalls noch einige positive Erfahrungen mit Medizinern. Überhaupt ging seine Geschichte gut aus: Bei ihm wurde zwar tatsächlich ein Hirntumor diagnostiziert, aber eine gut behandelbare Form. Eine Bestrahlung sowie eine Chemotherapie hat er gut überstanden und daraufhin die gemeinnützige Organisation „Segelrebellen“ gegründet. Sie bietet krebskranken jungen Menschen Segelreisen an. Operiert worden ist Naumann bis heute nicht.

(Augsburger Allgemeine, 30.11.15, Angela Stoll)

 

 

 

Mit „Big Data“-Medizin gegen Krebs

Pille per Mausklick

Computerprogramme sollen Informationen über den Patienten und mögliche Wirkstoffe verknüpfen und den Arzt bei der Therapieentscheidung unterstützen.

Es ist ein modisches Schlagwort, „Big Data“, das heute vielen Menschen Angst macht. Die Möglichkeiten zum Erheben, Speichern und Verknüpfen von digitalen Daten wachsen und erlauben Rückschlüsse über den Gesundheitszustand von Bürgern. Dem Deutschen Ethikrat war der rasche Zuwachs solcher Informationen kürzlich eine eigene Jahrestagung wert. Datenschützer warnten davor, dass etwa Versicherungen und Arbeitgeber sie zu Ungunsten der betreffenden Person verwenden könnten.

Zugleich wurde aber auch deutlich: Für Menschen, die eine schwer zu behandelnde Krankheit haben, könnten die Daten lebensrettend sein – wenn Ärzte das gesamte verfügbare Wissen der Menschheit zu ihrem konkreten Problem mobilisieren können, um ihnen optimal helfen zu können.

Welche Pille passt zum Patienten?

Wie das funktionieren könnte, wurde auf der Tagung „Big Data in der Medizin“ am Hasso Plattner Institut (HPI) für Softwaresystemtechnik in Potsdam diskutiert. So soll der „Drug Response Analyzer“ Ärzten helfen, innerhalb von Minuten aus großen Datenbanken diejenige Chemotherapie auszuwählen, die bei ihrem individuellen Patienten die größte Chance hat, anzuschlagen. Das System, entwickelt vom Mathematiker, Computerwissenschaftler und HPI-Direktor Christoph Meinel und dem Leiter des HPI-Programms „E-Health“, Matthieu Schapranow, ist bereits im Einsatz. Im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Medizinischen Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité sucht der Computer nach passenden Behandlungsoptionen für Patienten, die wegen Tumorerkrankungen im Bereich der Mundhöhle, des Rachens, des Kehlkopfs, der Nase und des Halses eine Chemotherapie brauchen. Dafür kommen verschiedene Substanzen und Kombinationen von Zellgiften infrage, denn in den letzten Jahren haben sich die Therapieoptionen um Antikörper erweitert, die gezielt in Signalwege der Zellen eingreifen. Doch bei wem verspricht welches Mittel den meisten Erfolg?

Wenn Onkologen darüber bisher beraten, kommen die Anhaltspunkte aus verschiedenen Quellen, etwa aus der individuellen Krankengeschichte des Betroffenen oder genetischen Merkmalen des Tumors. Die Untersuchungs- und Testergebnisse des einzelnen Patienten werden dafür mit Ergebnissen internationaler Studien und mit Therapieplänen aus Leitlinien verknüpft. Mit ihrer „Höchstgeschwindigkeitsdatenbank“ wollen die HPI-Forscher diesen Prozess entscheidend beschleunigen. Sie enthält detaillierte Informationen aus verschiedenen „Datentöpfen“ – zu Genen und Proteinen des Tumors und zu Signalwegen der Zellen, aber auch zu seiner Reaktion auf die verschiedenen Medikamente. Um erste Informationen darüber zu bekommen, werden menschliche Tumorzellen in spezielle Mäuse verpflanzt und dann testweise mit verschiedenen Chemotherapien behandelt.

Daten effektiver vernetzen

Die so gewonnenen Daten, aber auch Informationen über Therapieentscheidungen und Erfolg der Behandlung von rund 40 Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, sind inzwischen im System gespeichert. Das sind noch nicht viele, aber über die wenigen gibt es dafür umfassende Informationen. Klassische Großdatensammlungen sind in der Medizin bisher die bevölkerungsbezogenen Studien. „Die Epidemiologie liefert immer Big Data“, sagt der Arzt und Public-Health-Experte Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin. In den neuen Technologien sieht er die Chance, sie noch effektiver zu vernetzen.

Dem Ziel, verfügbares Wissen zusammenzuführen, dienen prinzipiell auch Krebsregister und Krebsberichte. Sie sind wertvoll, „doch sie hinken Jahre hinterher“, gibt Schapranow zu bedenken. In die „Real Time“-Datenbank des HPI werden zudem fortlaufend alle verfügbaren wissenschaftlichen Publikationen zum Thema aufgenommen.

Auch wenn das mathematische Modell, das anschließend zur Bewertung der Daten eingesetzt wird, kaum jemals eine hundertprozentige Übereinstimmung mit früheren Patienten ergibt, kann es einen großen Beitrag zur Sicherheit der Prognose liefern: Es gibt den Ärzten im Idealfall mehr Rückhalt bei ihrer Entscheidung für ein bestimmtes Medikament.

Drei von vier Chemotherapien wirken nicht

Zwar kann auch der „Drug Response Analyzer“ keine Sicherheit, sondern nur eine verbesserte Wahrscheinlichkeit für den Erfolg geben. Der jedoch ist bitter nötig: Im Jahr 2012 bilanzierte die Amerikanische Krebsgesellschaft, dass drei von vier Chemotherapien bei Krebs nicht wie erwartet wirken.

Mathematiker Meinel hofft, dass die neuen Möglichkeiten zur schnellen Verknüpfung riesiger Datenmengen über die Therapie hinaus auch die Krebsforschung beflügeln werden. „Wir versetzen Krebsforscher in die Lage, Zusammenhänge zwischen Varianten in den Erbanlagen von Patienten und der Wirkung von Medikamenten bei diesen zu ermitteln.“ Neu entdeckte Biomarker, die Hinweise darauf geben könnten, ob eine Substanz beim einzelnen Krebskranken Erfolgschancen hat, müssen anschließend allerdings erst einmal in klinischen Studien auf ihre Nützlichkeit abgeklopft werden, ehe sie alltagstauglich sind: Mathematik kann Medizin nicht ersetzen. Befruchten können sich beide Disziplinen aber offensichtlich schon: „Wir mussten uns ein Grundgerüst an medizinischem Verständnis aneignen, sonst könnten wir uns ja nicht mit den Ärzten unterhalten“, sagt Schapranow.

(Der Tagesspiegel, 02.07.2015, Adelheid Müller-Lissner)

 

 

 

 

Medizin-Innovation:
Zur Krebsdiagnose reicht ein Blutstropfen

Krebszellen schnell und direkt im Blut nachweisen? Das verspricht eine neue Methode namens Liquid Biopsy. Sie könnte Diagnose und Therapie revolutionieren.

Zeige mir dein Blut, und ich sage dir, ob du Krebs hast. Das ist eines der großen Versprechen einer neuen Diagnosemethode, deren enormes Potenzial seit einigen Monaten unter Krebsmedizinern für Aufsehen sorgt. Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie) heißt die Technik. Sie ermöglicht es, winzige Abschnitte des mutierten Erbmaterials von Krebszellen im Blut nachzuweisen.

Es gibt eine einfache Erklärung dafür, warum solche DNA-Fragmente zirkulieren: "Bei einem wachsenden Tumor sterben immer auch Zellen ab und gelangen ins Blut, besonders dann, wenn er eigene Blutgefäße ausbildet oder bereits solche hat", sagt Ulrich Keilholz, Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center in Berlin. "Es finden sich bei den meisten Krebsarten sogar einzelne intakte Tumorzellen im Blut."

Bekannt ist das zwar schon lange und auch die Anfänge der Liquid Biopsy reichen in die Neunzigerjahre zurück. Aber erst moderne Analyseverfahren, die deutlich leistungsfähiger geworden sind, zeigen jetzt, wie weit Liquid Biopsy die Krebsmedizin voranbringen kann.

Statt Gewebe nur Blut entnehmen

Bislang profiliert sich das Verfahren vor allem bei der genaueren Diagnostik von Tumoren, von denen die Ärzte bereits wissen. "Bei manchen Lungenkrebsarten liegt der Tumor so, dass man nicht gefahrlos mit einer Nadel dorthin gelangen und eine Probe entnehmen kann", sagt Klaus Pantel, Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und Pionier auf dem Gebiet der Liquid Biopsy.

Solche Proben werden jedoch immer wichtiger, weil sich dadurch das Tumorgenom analysieren lässt. Es liefert wichtige Informationen für die individuell besten Behandlungsmöglichkeiten. Immer mehr Medikamente greifen den Tumor anhand seines genetischen Profils an: Das erlaubt eine wirksamere Therapie mit weniger Nebenwirkungen.

Die Diagnose per Liquid Biopsy ist so zuverlässig, dass bereits erste Tests auf dem Markt sind. So erhielt das deutsche Biotechnologie-Unternehmen Qiagen gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca weltweit die erste Zulassung für einen Bluttest, bei dem zirkulierende Tumor-DNA von Menschen mit Lungenkrebs auf bestimmte Mutationen hin untersucht wird. Die im Test untersuchten Erbgutveränderungen sind Ansatzpunkt eines Medikaments von AstraZeneca. Laut Qiagen sind zahlreiche weitere Tests per Liquid Biopsy für Krebstherapeutika in der Entwicklung.

In Zukunft könnte die Methode auch helfen, den Therapieverlauf zu kontrollieren. "Man kann einen Patienten nicht alle paar Tage mit einer Nadel stechen, um Proben aus Tumorgewebe zu entnehmen. Das ist bei vielen Tumorarten aus vielerlei Gründen zu risikoreich", sagt Keilholz. Anhand der Menge der Zellen und der DNA im Blut und ihrer Veränderung könne man aber womöglich sagen, ob und wie eine Therapie anschlägt. "Dadurch können wir Gründe für Therapieresistenz schnell erkennen und manchem Patienten wertvolle Zeit bringen", erklärt Keilholz.

Früher entdecken, besser behandeln

Und dann gibt es noch die große Vision eines Krebsscreenings: Ein Bluttest, den jeder ab einem gewissen Alter machen kann und der alle wichtigen Tumorarten beinhaltet. Wer Lungenkrebs oder Brustkrebs hat, erführe so frühzeitig davon und hätte dadurch deutlich bessere Heilungschancen.

In der Praxis seien aber wesentliche Hürden zu nehmen, bevor solche Tests sinnvoll eingesetzt werden können, sagt Pantel vom UKE: "Je älter wir werden, desto mehr Mutationen entwickeln wir alle in unseren Zellen. Die allermeisten aber sind harmlos und führen nicht zu Krebs, selbst wenn sie auch auf Tumorzellen zu finden sind." Dementsprechend oft würde es bei solchen Tests falsche positive Ergebnisse geben. Das heißt, es finden sich Hinweise auf Krebs, obwohl alles in Ordnung ist. Umgekehrt seien die Spuren im Blut bei manchen Tumorarten so gering, dass man sie nicht nachweisen könne.

Trotz solcher Hürden dürfte Liquid Biopsy auch in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt werden. Bereits heute gibt es einen Bluttest für Schwangere, bei dem anhand von im Blut der Mutter zirkulierender DNA-Fragmente des ungeborenen Kindes Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 diagnostiziert werden können.

Und von immer mehr Leiden werden die genetischen Ursachen zunehmend besser verstanden. Das wird neue Anwendungsfelder für Liquid Biopsy eröffnen - die immensen Fortschritte in der Genetik können auch Fortschritte in der Liquid Biopsy sein.

(Spiegel online, 15.6.15, Christian Heinrich)

 

 

 

 

Urinprobe genügt

Spannende Versuche: Künstliche Bakterien zeigen Krebs und Diabetes an

Mit Hilfe künstlich hergestellten Bakterien erhoffen sich Forscher Krebs oder Diabetes diagnostizieren zu können. Eine Urinprobe soll dabei ausreichen. Die sogenannten Biosensoren würden sich selbst vermehren und damit großflächige Einsätze möglich machen.

Künstlich hergestellte Bakterien können dazu genutzt werden, Krebs oder auch Diabetes anhand einer Urinprobe festzustellen. Dies zeigen zwei vielversprechende Ansätze mit solchen lebenden "Bactosensoren", die im Fachjournal "Science Translational Medicine" vorgestellt werden.

Bisher werden künstlich veränderte Lebewesen vor allem dazu genutzt, bestimmte Substanzen und Wirkstoffe herzustellen. Forscher hoffen auf die künftige Verwendung bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten.

Prozessdauer sei ein Nachteil

Ein französisches Team bettete genetisch veränderte Escherichia-coli-Bakterien so in ein technisches System ein, dass sich ähnliche Signale wie bei Diagnostik-Geräten ablesen ließen. Um sie besser handhaben zu können, wurden die Bakterien in Hydrogel-Kügelchen eingebettet, berichten die Wissenschaftler um Alexis Courbet vom Verbund Sys2Diag der französischen Forschungsorganisation CNRS und des Unternehmens Alcediag in Montpellier.

Bei einem erhöhten Glukose-Level in der Urinprobe von Diabetikern wurde eine Farbänderung ausgelöst, die auf ein rot fluoreszierendes Protein zurückging. Die Bactosensoren arbeiteten ähnlich akkurat und reproduzierbar wie herkömmliche Teststäbchen, schreiben die Forscher. Möglicherweise sei der Ansatz auch zur Erkennung typischer Biomarker anderer Krankheiten geeignet. Ein Nachteil sei derzeit noch die Prozessdauer: Ein Signal war mit dem Prototypen erst nach 18 Stunden messbar.

Biosensoren senken Kosten

"Biosensoren sind ein großes Forschungsfeld, in das viel investiert wird", sagt Torsten Waldminghaus vom Zentrum für Synthetische Mikrobiologie der Universität Marburg zu der Arbeit. Bei einem bestimmten Marker in der Probe eine von Bakterien herbeigeführte Farbänderung ablesen zu können, habe Potenzial für preiswerte, sensitive und einfache Systeme.

Das Ergebnis von Courbets Team sei als Test für die Methode zu sehen. "Wahnsinnig beeindruckend ist es noch nicht im Vergleich zu denen herkömmlicher Verfahren." Ein Hauptvorteil von Biosensoren sei, dass sie sehr sensitiv seien, ergänzt Waldminghaus. Sie zu konstruieren sei nicht einfach, die weitere Herstellung hingegen schon. "Sie vermehren sich ja selbst." Das senke die Kosten und mache großflächige Einsätze – etwa zum Aufspüren von Sprengstoff auf Minenfeldern – denkbar."

Bakterienarten vermehren sich in Krebsgeschwüren

Künstliche Bakterien zur Erkennung von Lebermetastasen anhand einer Urinprobe haben US-Forscher um Tal Danino vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge entwickelt. Auf Tumore in anderen Organen zurückgehende Metastasen in der Leber sind prinzipiell gut behandelbar, werden aber häufig zu spät entdeckt. Die Leber arbeitet vielfach noch längere Zeit weitgehend normal, und mit den herkömmlichen bildgebenden Mitteln lassen sich die Metastasen oft erst im fortgeschrittenen Stadium erkennen.

Auch das MIT-Team nutzte einen E. coli-Stamm als Ausgangsbakterium: das als Probiotikum verwendete E. coli Nissle 1917. Die Zellen wurden genetisch verändert und so dazu gebracht, das Enzym Beta-Galactosidase zu produzieren. Dieses spaltet eine zugefügte Substanz zu lichtemittierenden Molekülen, die sich in Urinproben leicht nachweisen lassen. Zunutze machten sich die Forscher zudem die Eigenheit mancher Bakterienarten, sich im Körper bevorzugt in Krebsgeschwüren zu vermehren, die ihnen Nahrung und Schutz vor dem Immunsystem bieten.

"Eine schöne Arbeit zu einem sinnvollen Ansatz"

Würden die künstlich veränderten E. coli-Bakterien an Mäuse verfüttert, passierten sie die Darmwand und besiedelten vorhandene Tumore in der Leber. Andere Organe oder gesundes Lebergewebe wurden nicht bewachsen. In den Metastasen setzten die Bakterien das Enzym frei, das wiederum eine injizierte Substanz spaltete. Ein licht-emittierendes Molekül entstand, das in der Urinprobe nachgewiesen werden konnte: Der Urin färbte sich rot.

Die Forscher testeten das System an verschiedenen Mäuselinien, deren Lebermetastasen auf Tumore von Darm, Lunge, Eierstöcken oder Bauchspeicheldrüse zurückgingen. In allen Fällen seien die Metastasen sicher nachzuweisen, schreibt Daninos Team. Ernste Nebenwirkungen der E. coli-Infektion habe es bei den Mäusen im Jahr nach dem Einsatz der Bakterien nicht gegeben. Möglicherweise lasse sich der Ansatz auch bei anderen Krebsarten des Magen-Darm-Traktes nutzen. Vor einem eventuellen klinischen Einsatz stünden aber noch zahlreiche weitere Tests zur Sicherheit des Verfahrens an, betonen die Forscher.

Daninos Team habe eine spannende Idee gut umgesetzt, lobt Waldminghaus. "Eine schöne Arbeit zu einem sinnvollen Ansatz." Für die Zukunft erhoffen sich Wissenschaftler von der Herstellung künstlicher Organismen die Lösung vieler aktueller Probleme: Sie könnten eines Tages etwa neuartige Biomaterialien produzieren, Medikamente herstellen, Giftstoffe in der Umwelt abbauen oder im Körper gezielt Tumore suchen und abtöten

(Focus online, 27.5.15)


 

Krebs-Diagnose

Gerät erkennt Prostatakrebs am Urin

Revolution in der Krebs-Diagnostik: Prostatakrebs soll zukünftig leichter festgestellt werden. Warum die regelmäßigen Untersuchungen beim Urologen bald entfallen könnten.

Prostatakrebs ist schwer festzustellen. Meist sind regelmäßige Untersuchungen beim Urologen notwendig. Ein neues Diagnosetool soll die Untersuchung nun erleichtern. Britische Forscher haben ein Gerät entwickelt, dass anhand des Urins erkennt, ob der Patient an Prostatakrebs leidet.

Prostatakrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Männern. In Deutschland sterben drei von Hundert Männern an Prostatakrebs. Das neue Diagnose-Gerät kann die Erkrankung förmlich "riechen".

So wurde Prostatakrebs bisher untersucht

Bisher war eine regemäßige Untersuchung beim Urologen notwendig, um die Krankheit zu diagnostizieren. Für die meisten Männer eine unangenehme Prozedur.Wissenschaftler der „University of Liverpool“ und der „University of the West of England“(UWE Bristol) entwickelten jetzt ein Gerät, dass in der Lage ist, Prostatakrebs im Urin zu „riechen“. Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Journal of Breath Research“.

Gerät stellt Krebs am Urin fest

Der sogenannte „Odoreader“ könnte Männern nutzen, die ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs haben. Das Gerät arbeite wie eine elektronische Nase. Es identifiziert Muster von Verbindungen der Krebserkrankungen im Urin. Es wird ein Algorithmus ermittelt, anhand der Positionierung der Prostata können die Ärzte dann festestellen, ob eine Krebserkrankung vorliegt, sagt Professor Norman Ratcliffe von der "UWE Bristol".

In der Studie wurden insgesamt 155 Männer getestet. Das Gerät soll Prostatakrebs mit einer Genauigkeit von 95 Prozent identifiziert haben.

(Augsburger Allgemeine, 13.2.16, sry)

 
 

 

Der Einfluss der Gene auf Krebs und seine Therapie

Wenn Mediziner bei einer Tumorerkrankung von einer "ungünstigen Prognose" sprechen, überbringen sie damit in der Regel eine schlimme Nachricht. Im Fall des Ovarialkarzinoms, wie im Ärztedeutsch eine Krebserkrankung der Eierstöcke bezeichnet wird, ist das leider oft der Fall. Weil sich ein Tumor der Eierstöcke zu Beginn kaum bemerkbar macht, werden drei von vier Ovarialkarzinomen erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Nur vier von zehn Patientinnen, zeigt die Statistik des Robert-Koch-Instituts, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

In diesem Sommer wird nun in Europa ein Medikament in den Handel kommen, das die Chancen eines Teils der Patientinnen deutlich verbessern soll. Wobei Professor Wolfram Henn, Leiter der genetischen Beratungsstelle der Universitätsklinik des Saarlands in Homburg, in diesem Satz zwei Vokabeln betont: "eines Teils". Profitieren können vom Olaparib genannten Wirkstoff allein Frauen, deren Tumorgewebe typische Veränderungen - Mediziner sprechen von Mutationen - in den Genen BRCA-1 oder -2 zeigt. Doch der Gentest, der das klären soll, kann, falls er für eine Patientin diese positive Nachricht bringt, in ihrer Verwandtschaft einen Schock auslösen. Der Arzt, der einer 60-jährigen Frau sagt, dass sie von der neuen Behandlung profitieren kann, unterrichtet sie damit auch darüber, dass in ihrer Familie das Risiko für erblichen Brust- und Eierstockkrebs erhöht ist. BRCA-1 und -2 sind die bekanntesten Hochrisiko-Gene der erblichen Form des Brust- und des Eierstockkrebses. Hat ein Elternteil eine mutierte Form eines BRCA-Gens in seinen Körperzellen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Kindes, diese Genveränderung zu erben, 50 Prozent.

Der Gentest weist auf diese Möglichkeit hin - nicht mehr und nicht weniger. Die Patientin kann die Mutation von ihren Eltern ererbt haben, dann ist sie erblich - sie kann aber auch erst in den Krebszellen entstanden sein, dann kann sie nicht weitergegeben werden. Diesen komplizierten Sachverhalt muss der Arzt vor dem Test erläutert haben, damit die Patientin und ihre Familie sein Ergebnis richtig interpretieren können und auch vorher wissen, was für sie dabei auf dem Spiel steht, so Wolfram Henn.

Das Beispiel zeigt, wie viel Sensibilität und Mitgefühl im Umgang mit den modernen Errungenschaften der Humangenetik vonnöten ist. Ein Thema, bei dem der optimistisch gestimmte Genetiker der Saar-Universität ("Wir können viel Gutes mit dieser Technologie tun") ins Grübeln gerät. Denn er sieht das Risiko eines "technologischen Dammbruchs" bei den Verfahren der Genanalyse und die Gefahr, dass schon in nächster Zukunft eine Flut missverständlicher genetischer Informationen über ein völlig unvorbereitetes Publikum hereinbricht.

Die erste Komplettanalyse des menschlichen Erbguts begann im Jahr 1990. Rund 1000 Forscher arbeiteten über eineinhalb Jahrzehnte an diesem Milliardenprojekt. Heute kostet ein Gentest, der auf Mutationen in den BRCA-Genen zielt, unter 5000 Euro. Das Ergebnis liegt binnen weniger Wochen vor, so Wolfram Henn. Dabei gehört dieser Test, der bei Risikopatienten von den Krankenkassen bezahlt wird, längst zum alten Eisen. Es gibt unter dem Stichwort "Next Generation Sequencing" mittlerweile Verfahren (Multi-Gen-Panels), die fürs gleiche Geld bis zu 100 Gene analysieren - häufig allerdings mit unklaren und damit beunruhigenden Ergebnissen. Technisch, so der Professor der Saar-Universität, ist es auch kein Problem mehr, das komplette Exom eines Menschen - das ist der kleine Teil des Erbguts, den die Körperzellen für die Produktion von Proteinen nutzen - auf einen Rutsch komplett zu analysieren. Den absehbaren Endpunkt der Entwicklung, so Henn, bilden Nano-Verfahren, die das vollständige Erbmaterial eines Menschen in einem Gerät von der Größe eines Smartphones für 100 Euro aufzeichnen. Gibt's Genanalysen demnächst vom Biotech-Discounter? Dem Humangenetiker graut es vor den rechtlichen Problemen mit der neuen Technik. "Der größte Anbieter von Multi-Gen-Panels sitzt heute in China. Wie sollen da die strengen Standards des deutschen Datenschutzes durchgesetzt werden", fragt der stellvertretende Vorsitzende der Ethikkommission der Bundesärztekammer.

Zusätzlich gibt es eine Reihe medizinischer Fragen, die Henn umtreiben. Die Forschung könne schon heute mit dem Tempo der technologischen Entwicklung kaum mehr Schritt halten. "Früher", so Henn, "hatten wir tausend Fragen, bekamen aber nur wenige Antworten. Heute bekommen wir tausende Antworten und müssen uns dazu die passenden Fragen überlegen." Allein bei den beiden wichtigsten BRCA-Genen seien mittlerweile mehrere tausend Veränderungen in medizinischen Datenbanken erfasst, von denen viele, aber eben längst nicht alle als mutmaßliches oder manifestes Krebsrisiko eingestuft seien. Bei einer ganzen Reihe sei noch nicht geklärt, ob es sich um eine harmlose genetische Abweichung oder um eine krankmachende Mutation handelt.

Und der Patient? Für ihn ist eine Gen-Analyse ohne kundigen Kommentar eines Fachmanns nichts wert, so Wolfram Henn, der zu den entschiedenen Kritikern von Internet-Anbietern gehört, die derartige Dienstleistungen offerieren. "Der Aufwand für die Interpretation genetischer Informationen wird immer größer." Das Ergebnis einer Analyse bestehe eben nicht aus der Auflistung klarer Fakten und einfacher Ratschläge - sondern aus medizinischer Mathematik, die individuell interpretiert werden muss. Es enthält die Beschreibung möglicher Gesundheitsprobleme, die einem Patienten drohen oder drohen könnten.

Der Ethikrat schlägt aus diesem Grund in einer Stellungnahme zur Gendiagnostikeinen speziellen medizinischen Tätigkeitsschwerpunkt vor. Gen-Berater sollten Patienten über Ergebnisse und mögliche Konsequenzen von Erbgut-Analysen informieren. Dies, so das Beratergremium von Bundesregierung und Bundestag, könne "von Haus- oder Fachärzten nicht mehr ohne Weiteres erwartet werden".

(RP online, 16.6.15)

 

 

 

Chefärztin Elke Jäger: „Krebs ist kein Todesurteil“

Jäger ist Vorstandsmitglied der Stiftung „Leben mit Krebs“. Obwohl sich bösartige Zellen ziemlich gut tarnen, erwartet die Chefärztin für Onkologie am Frankfurter Nordwestkrankenhaus ein „Feuerwerk“ an neuen Behandlungsmethoden.  Elke Jäger über rothaarige Tumorzellen und Sport als Therapie.

Wie reagiere ich richtig, wenn mir ein Freund berichtet, dass er Krebs hat?

Angemessen ist, das als sehr ernste Nachricht aufzunehmen. Wenn der Betroffene sehr mutlos ist, sollte man vermitteln, dass es zunächst darum geht, die Erkrankung richtig aufzuarbeiten und dass es sehr gute Behandlungsmöglichkeiten gibt, die den Schrecken der Chemotherapie verloren haben. Die Diagnose Krebs ist heute kein Todesurteil mehr.

Und der wiederkehrende Krebs?

Wenn Krebs nach einer Operation zurückkehrt und dann nicht mehr operabel ist, muss auch das kein zwingendes Todesurteil sein. Mit dem Arsenal der in den letzten Jahren neu entwickelten Medikamente sind heute Krankheiten gut behandelbar geworden, für die es noch vor fünf, sechs Jahren überhaupt keine Therapie-Option gab, zum Beispiel Nierenkrebs. Inzwischen haben wir etwa acht sehr gut wirkende Medikamente. Die Patienten werden in der Regel nicht geheilt, aber die Krankheit bleibt kontrollierbar, oft über viele Jahre.

Und wenn der Krebs schon metastasiert?

Das ist eine Variante des fortgeschrittenen Krankheitsstadiums, auch das ist eine Situation, die wir heute dank neu entwickelter Medikamente meist gut und langfristig behandeln können.

Wenn man schon Krebs kriegen muss, welcher ist der am wenigsten bösartige?

Die Auffassung dazu ändert sich. Vor zwanzig Jahren waren fast alle Krebsformen sehr schlimm, weil kaum Behandlungsmöglichkeiten für fortgeschrittene Stadien verfügbar waren. Heutzutage gibt es verfeinerte Operations- und Bestrahlungsverfahren und viele neue Medikamente. Gute Chancen haben zum Beispiel Patienten mit Prostatakrebs oder Brustkrebs, Krankheiten, die sich auch bei Vorliegen von Metastasen langfristig sehr gut behandeln lassen.

Was alle Männer interessiert: Was sagt der PSA-Wert?

Man denkt, der Wert zeige das Ausmaß der Krankheit an, das stimmt aber nicht. Zwar deutet ein sehr hoher PSA-Wert schon auf Prostatakrebs hin, aber ein Normalwert schließt die Erkrankung nicht aus.

In Deutschland bekommt jährlich eine halbe Million Menschen die Diagnose Krebs. Könnten es weniger sein, wenn die Vorsorge ernster genommen würde?

Ja. Vorsorge verhindert zwar nicht das Auftreten von Krebs, aber sie führt doch dazu, dass die Krankheit früher festgestellt wird und dann mit größerer Aussicht auf Heilung behandelbar ist. Das gilt besonders für Dickdarm-, für Brust- und für Lungenkrebs.

Ist irgendwann eine Impfung gegen Krebs vorstellbar?

Ja, mein Forschungsgebiet ist ja die Tumor-Immunologie. Das heißt, ich beschäftige mich seit zwanzig Jahren mit der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Immunsystem und Krebs. In internationalen Forschungsprojekten haben wir gelernt, dass es Krebszellen gibt, die vom Immunsystem erkannt und attackiert werden. Damit ist vorstellbar, dass man einen Menschen gegen diese Krebs-Merkmale impfen, also das Immunsystem speziell sensibilisieren kann.

Wie kamen Sie darauf?

Wir hatten Anfang der achtziger Jahre eine Patientin, die an Schwarzem Hautkrebs erkrankt war und die auf die damals verfügbaren Medikamente nicht mehr ansprach. Von operierten Tumor-Metastasen wurden Zellkulturen angelegt, und man konnte sehen, dass die Tumorzellen von einer bestimmten Sorte Abwehrzellen der Patientin, den sogenannten T-Lymphozyten, zerstört wurden. Daraus schlossen wir, dass die Abwehrzelle an der Tumorzelle etwas erkennt, das sie als attackierenswert erscheinen lässt. So wurde in enger Kooperation mit Forschungsinstituten in Mainz, Brüssel und New York das erste menschliche Tumor-Antigen identifiziert. In der Folge konnten wir zeigen, dass etliche Krebsarten auf eine Impftherapie ansprechen oder langfristig stabil gehalten werden können. Außer dem Schwarzen Hautkrebs sind das auch der Nieren- und der Eierstockskrebs und bestimmte Formen des Lungenkrebses.

Leider sind Krebszellen intelligent und tarnen sich.

Man muss sich das so vorstellen: Eine Tumorzelle trägt als Merkmal rote Haare. Dann teilt sie sich, der Tumor wird größer und bildet vielleicht Metastasen. Auf diesem Weg verändern sich viele Merkmale und Eigenschaften der ursprünglichen Tumorzelle, und die Kinder, Enkel und Urenkel haben nicht mehr nur rote Haare, sondern gelbe und blaue, und die ursprünglich Rothaarigen verlieren vielleicht ihre Haare. Wenn ich jetzt gegen Rot impfe, beginnt das Immunsystem alle Rothaarigen abzuräumen. Es bleiben aber die Gelben und die Blauen, und die bekommen womöglich sogar einen Wachstumsvorteil, weil die Roten weg sind.

Also alles für die Katz’?

Nein, im Gegenteil, wir haben aus den Impfstudien und der Entwicklung von Haarfarben viel über Flucht- und Resistenzmechanismen von Tumorzellen gelernt. So erscheint es heute günstig, gleichzeitig gegen mehrere Zellmerkmale, also gegen rot, gelb und blau, zu impfen. Damit soll die Entwicklung von bestimmten Krebszelllinien überhaupt verhindert werden. Wir haben Patienten, die wir über viele Jahre hinweg impfen. Das ist ungewöhnlich, weil in der Onkologie eine Behandlung vom Typ Chemotherapie normalerweise nur so kurz wie nötig gegeben wird, das liegt an ihren Nebenwirkungen. Eine Impfung hingegen büßt ihren Effekt ein, wenn sie nicht wiederholt wird, am besten alle vier Wochen. Die Impfung selbst ist frei von Nebenwirkungen. Es ist klar, dass eine Immunantwort nach Impfung nicht alle Krebszellen abräumt, aber sie kann ein stabiles Gleichgewicht herstellen zwischen Krankheitskontrolle und -wachstum. Das findet sich im Übrigen auch spontan im Körper, denn wir alle entwickeln jeden Tag Tumorzellen und sind froh, dass unser Immunsystem sie erkennt und beseitigt.

Was ist der Schwerpunkt Ihrer Arbeit: Ärztin, Forscherin, Dozentin, Krankenhausmanagerin, Stiftungsvorstand?

Ich bin in erster Linie Ärztin – mit kurzem Draht zur Wissenschaft – und jeden Tag auf der Station. Das Gespräch mit den Patienten ist mir wichtig, denn ich habe gelernt, dass Patienten mit ein- und derselben Krankheit ganz unterschiedlich darauf reagieren. Vielleicht lernt man das erst mit den Jahren, sich nicht nur auf die Therapie des Tumors zu konzentrieren, sondern die konkrete Person mit ihren Ängsten und Wünschen in den Blick zu nehmen. Es geht nicht nur darum, die Last der Krankheit zu verkleinern, sondern auf dem Weg dahin den Patienten so zu begleiten, dass er das aushält und nicht seinen Lebensmut verliert. Das rein Medizinische ist gar nicht so schwer, dafür gibt es Regeln und Medikamente.

Was empfinden Sie, wenn trotz aller ärztlichen Kunst ein Patient stirbt?

Der Tod eines Patienten wird oft als Niederlage empfunden – der Tod hat gesiegt. Ich sehe das anders, denn der Tod ist ein Teil jedes Lebens, in meinem Fachgebiet oft ein Endpunkt nach einer langen und in den letzten Jahren zunehmend befriedigenden Behandlungsgeschichte. Den Sterbeprozess versuche ich professionell zu begleiten, weil ich auch in dieser Phase nur dann dem Patienten als Ärztin helfen kann, wenn ich mich nicht auf die persönliche Ebene begebe. Natürlich berühren mich Schicksale auch persönlich, aber wenn ich meine Position als Ärztin verlasse, kann ich ihm nicht mehr helfen.

Wie stehen Sie zur Sterbehilfe?

Die ärztliche Betreuung hört nicht auf, wenn ich keine ursächliche Therapie mehr für den Patienten weiß. Er ist noch da, vielleicht sterbend, und es ist meine Aufgabe, ihm in jeder Lebensphase zu helfen und Symptome zu lindern. Ich bin eine starke Gegnerin der Sterbehilfe, weil die Möglichkeiten der Palliativmedizin so gut sind, dass ich in den 23 Jahren, in denen ich als Onkologin tätig bin, nur einen einzigen Patienten getroffen habe, der mich ganz explizit um Sterbehilfe bat. Nach einem relativ kurzen Gespräch über palliativmedizinische Behandlungsmöglichkeiten nahm er diese Bitte zurück.

Kann man sagen, dass heute niemand Schmerzen aushalten muss?

Ja, das kann man sagen. Es gibt Schmerzen, die schwer zu therapieren sind, aber es gibt Möglichkeiten, die Schmerzverarbeitung zu beeinflussen, so dass wirklich niemand Angst vor Schmerzen haben muss. Das gelingt übrigens auch zuhause zunehmend gut.

Manche empfinden die Diagnose Krebs als Makel, über den man am liebsten nicht spricht. Raten Sie Ihren Patienten grundsätzlich, darüber zu sprechen?

Das hängt sehr von der Einbindung und der Umgebung des Patienten ab, von seiner Persönlichkeit und tatsächlich auch von der Art des Krebses. Es fällt leichter, über Lungenkrebs zu sprechen als über Prostata- oder über Brustkrebs. Wer daran erkrankt, betrachtet sich möglicherweise nicht mehr als vollwertiger Mann oder als vollwertige Frau. In aller Regel ist es aber für einen Patienten eine große Erleichterung, wenn seine Umgebung von der Erkrankung weiß. Hier wirkt übrigens unser Sportprogramm Wunder.

Worauf zielt es?

Der Appell lautet: „Leute, bewegt euch, treibt Sport.“ Zunächst bieten wir Gruppentraining an, bei dem Patienten unter sich sind und ihre Leidensgeschichten austauschen können. So gewinnen sie Vertrauen, dass man darüber überhaupt reden kann. Bei unserer Ruderregatta, bei der ja hauptsächlich Nicht-Erkrankte starten, stellen die Patienten häufig fest, dass sie überhaupt nicht die Verlierer sind, sondern durchaus Gewinner, die mit Medaille in der Zeitung stehen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie nachweisen konnten, dass Sport eine therapeutische Wirkung hat?

Drei bis vier Jahre. Am Anfang hatten alle Patienten Angst, sich zu überfordern. Heute fragen Patienten, die zu uns kommen, ausdrücklich nach dem Sportprogramm. Acht von zehn Patienten, die Chemotherapie bekommen, haben das sonst übliche Müdigkeitssyndrom nicht, wenn sie Sport treiben. Es könnte sein, dass bei körperlich aktiven Patienten die Therapie konsequenter gegeben werden kann, weil die Nebenwirkungen geringer empfunden werden.

Gibt es besonders geeignete Sportarten?

Sicher zu raten ist zu moderatem Ausdauersport, weil der das Immunsystem stimuliert. Dabei kommt es auf die individuelle Ausgangslage an. Einem Patienten, der schon einmal einen Halbmarathon gelaufen ist, wird man raten können, mit Jogging wieder anzufangen. Für Patienten, die noch nie Sport getrieben haben, und das sind 65 Prozent, ist schon ein strammer Spaziergang ein sportliches Großereignis. Weniger geeignet sind Ballsportarten, in denen es zu plötzlichen Bewegungsmanövern und zu Rempeleien kommt. Besonders gute Erfahrungen haben wir mit dem Rudern gemacht, weil hier der Teamgedanke so wichtig ist.

A propos Team: Wie hierarchisch muss eigentlich eine Klinik sein?

Wenn es um ein komplexes Fach wie die Onkologie geht, braucht eine Klinik schon eine Führung, aber sie funktioniert immer nur so gut wie ihre Teammitglieder. Sie müssen gehört und gefördert werden. Der Teamgedanke hat die Kultur der „guten Onkologie“ in den letzten zehn Jahren stark geprägt. Wir haben früher ja so Einzelherrscher gehabt, die meinten, sie könnten für Patienten Einzelentscheidungen treffen und sagen: „Sie müssen operiert werden, dann sind Sie das Problem los.“ Wir wissen heute, dass das nicht stimmt. Wir brauchen eigentlich eine Rudermannschaft, die alle diagnostischen und therapeutischen Schritte für einen Patienten im Team entscheidet. Dazu muss sich die Rudermannschaft zum Training treffen, das ist unsere Tumorkonferenz. Da muss ehrlich für den Einzelfall alles auf den Tisch, und jeder muss darüber mitdiskutieren, was das Beste für diesen einzelnen Patienten ist.

Wie groß ist Ihre Klinik?

Wie sind 24 Ärzte, dazu kommen das Pflegepersonal, zwei Sportwissenschaftler und ein Trainer, das Ernährungsteam, die Seelsorger, dazu natürlich die ganze Personalstruktur des Krankenhauses mit Physiotherapeuten und Psychologen. In der Palliativmedizin sind wir besonders ausgestattet und haben zwei spezialisierte Ärzte für 22 stationäre Patienten. Ein Pflege- und Ärzteteam kümmert sich um die ambulante Palliativversorgung und betreut Patienten zu Hause.

Gibt es zu viele Vollversorgungskliniken im Rhein-Main-Gebiet?

Ich glaube, dass es zeitgemäß wäre, wenn mehr Zusammenschlüsse vollzogen würden. Leider werden die Diskussionen darüber häufig politisch geführt und weniger medizinisch-inhaltlich. Ich würde mir sehr wünschen, wenn in einem überschaubaren Gebiet wie Frankfurt wenigstens für die hochspezialisierten Fächer wie Onkologie oder Neurologie Versorgungskonzepte entwickelt würden, bevor politisch motivierte Fusionsmanöver ausbaldowert werden. Ein bisschen Unterstützung haben wir bekommen durch das hessische Onkologie-Konzept.

Was heißt das?

Früher fuhren Patienten zu vier oder fünf onkologischen Zentren, bekamen vier oder fünf unterschiedliche Meinungen zu hören und waren natürlich extrem verunsichert. Verbunden war das mit enormen Redundanzen: fünf CTs und teure Medikamente, die gar nicht nötig waren. Heute haben wir in Hessen sechs Versorgungsgebiete. In jeden Gebiet gibt es ein oder zwei koordinierende Krankenhäuser, in denen die volle Fachkompetenz vertreten sein muss. Andere Krankenhäuser können verbunden sein als sogenannte kooperierende Kliniken. Sie verpflichten sich zur individuellen Fallentscheidung per Tumorkonferenz und deren Dokumentation.

Was heißt das für Frankfurt?

Im Gebiet Frankfurt/Rhein-Main sind 20 kooperierende Krankenhäuser und seit kurzem auch eine Praxis mit den beiden koordinierenden Kliniken Nordwest und Uniklinik verbunden. Das hat dazu geführt, dass sich die onkologische Versorgung sehr verbessert hat, weil sich die Kliniken auf dem Weg der Tumorkonferenz austauschen. Das heißt, Patienten müssen nicht mehr fünf Einrichtungen ansteuern, weil sie sich darauf verlassen können, dass ihr Fall nach den geltenden Regeln der Kunst beratschlagt wird. Außerdem werden Patienten im Netzwerk neueste und experimentelle Therapieformen über eine übergreifende Studienzentrale zugänglich gemacht.

Würden Sie eine Prognose wagen, was die Onkologie heute in zwanzig Jahren zu leisten vermag?

Das läuft auf die Frage hinaus, ob Krebs irgendwann heilbar sein wird. Das ist deshalb so schwer zu beantworten, weil Krebs so unterschiedliche Formen umfasst. Ich bin sicher, dass man Krebs künftig weniger als eine mit einem Organ verbundene Erkrankung betrachten wird, sondern dass man Krebszellen nach ihren genetischen Merkmalen untersucht und daran die Therapie ausrichtet. Man wird also nicht mehr sagen, jemand habe Brustkrebs mit der Folge dieser oder jener Chemotherapie, sondern es geht um einen Krebs mit beispielsweise einer Mutation des EGF-Rezeptors. Das ist eine therapeutisch verwertbare Konstellation, für die es Medikamente gibt.

Laienhaft gesprochen: Krebs ist unerwünschte Zellvermehrung. Wird es dagegen ein Medikament geben?

Ich glaube nicht, dass es das eine Medikament geben wird. Im Gegenteil: In zwanzig Jahren werden wir ein zusätzliches Feuerwerk neuer Medikamente haben, die wir nacheinander oder auch in Kombination einsetzen können, um Krebserkrankungen langfristiger in Balance zu halten. Ich zweifle aber daran, dass wir die Mehrzahl der Krebserkrankungen in zwanzig Jahren werden heilen können.

Was sagen Sie Patienten, die der Schulmedizin misstrauen?

Viel Verständnis habe ich für das Misstrauen und wenn Sie so wollen, ist mein Forschungsbereich, die Tumor-Immunologie, ja auch etwas Nicht-Schulmedizinisches, weil chemotherapiefrei. Bei den sogenannten alternativen Therapien gibt es Medikamente, die nicht schädlich sind und die deshalb durchaus eingesetzt werden können. Und es gibt welche, die schädlich sind, davor muss man dann warnen. Eine Empfehlung fällt deshalb schwer, weil eigentlich keines dieser sogenannten alternativmedizinischen Medikamente auf Wirksamkeit geprüft ist. Dass diese Medikamente wirklich helfen, dieser Nachweis fehlt. Und das nehme ich schon als Kriterium, eine aktive Therapie-Empfehlung auszusprechen.

Wenn ich nicht privat versichert bin, bekomme ich die gleich gute Behandlung?

Ja. Sie sprechen in meiner Klinik genauso mit mir persönlich, bekommen die gleich gute Behandlung und müssen nicht länger warten.

Würden Sie diese Aussage für ganz Deutschland gelten lassen?

Nein. Ich setze voraus, dass die Behandlung überall gleich ist, aber der Kontakt zum Arzt wird sicher sehr unterschiedlich gehandhabt.

Halten Sie eigene Wartezimmer für Privatpatienten für einen Skandal?

Nicht unbedingt für einen Skandal, eher für eine Geschmackssache. Etwas, wofür ich kämpfe, aber unabhängig vom Versichertenstatus, ist eine möglichst große Zahl von Einzelzimmern. Jemand, der schwer krank ist, braucht diesen Schutzraum und die Möglichkeit, von seinen Nächsten begleitet werden zu können.

Haben Sie schon einmal etwas erlebt, das Sie als Wunder bezeichnen würden?

Ja. Natürlich sind das gemessen an der Gesamtzahl der Patienten Einzelfälle. Zum Beispiel ein Patient mit Prostatakrebs, der 2003 zu mir kam, mit maximal fortgeschrittener Erkrankung, Metastasen überall, PSA-Wert über 7000, normal ist bis fünf. Er kam eigentlich zu mir, um mich zu fragen, ob er noch ein bisschen Sport treiben könne. Ich sagte: „Ja, tun Sie das.“ Inzwischen läuft er Marathon und bekommt gar keine Therapie mehr. Der Krebs ist da, aber er wird nicht schlimmer. Die Metastasen sind weniger aktiv, die Krankheit ist in einem Gleichgewicht. Und ich kann nicht sagen, warum. Ich kann sagen, der Patient ist aktiv, vielleicht liegt es daran. Er zieht daraus eine enorme Lebensfreude, vielleicht liegt es daran.

(FAZ, 17.04.2015, Werner D’Inka und Peter Lückemeier)

 

 

 

 

Nach erfolgreicher Behandlung

Warum der Tumor zurückkommt

Warum kehrt ein Tumor zurück, obwohl er intensiv bekämpft wurde? Und wieso entstehen Metastasen in anderen Organen? Die Krebsforschung nutzt neue Erkenntnisse für die Entwicklung zielgerichteter Therapien.

Bekommt ein Mensch eine Krebsdiagnose, ändert sich sein Leben schlagartig - und nicht immer nur zum Alptraum. Es gibt viele Menschen, die unter einem onkologisch schwerwiegenden Befund ihr Leben radikal ändern, mit neuer Kraft den Krebs bekämpfen - und hinterher auf mehreren Ebenen sogar als Sieger hervorgehen.

Deshalb ist es in Krebskarrieren ein schmerzlicher Moment, wenn nach körperlich zehrendem Ringen, nach Chemotherapie, Operation, Bestrahlung oder Stammzelltherapie, nach Schwächephasen und glücklich erzielter Tumorfreiheit ein Kontrollbefund im CT unverkennbar signalisiert: Der Krebs ist an derselben Stelle oder an einer anderen wiedergekehrt - als das gefürchtete Rezidiv. Dann fragen die Patienten: Haben die Ärzte die Chemo falsch dosiert? Haben sie ungenau bestrahlt? Zu wenig herausgeschnitten? Hieß es nicht, der Krebs habe die Kapsel noch nicht durchdrungen? Wie kann es dann sein, dass er anderswo eine Aussaat deponiert hat, die nun hochgeht?

Unser Verständnis von Metastasen hat sich in jüngster Zeit verändert. Früher dachte man, ein Krebs wachse schnell oder langsam vor sich hin und beginne irgendwann Krebszellen abzusiedeln; je früher man also einen Tumor entdecke und mit allen Waffen behandle, desto wahrscheinlicher sei eine Heilung. Das ist so falsch nicht; jedoch bilden sich Metastasen häufig nach einem anderen Schema. "Schon deutlich früher hat mancher Tumor Satelliten gebildet", sagt Professor Norbert Gattermann vom Düsseldorfer Universitätstumorzentrum. "Diese Satelliten sind vorerst außer Funktion, sie schlafen nur - bis sie aktiv werden." Der Tumor kann also klein sein und doch früh streuen. Das sieht kein CT, weil diese Saat nur aus kleinen Tumorhäufchen oder Einzelzellen im Gewebe oder im Knochenmark besteht. "Diese Tumorzellen können tatsächlich über Jahre ruhen", weiß Gattermann, "bei Brustkrebs ist das Phänomen bekannt."

Bei Licht betrachtet, ist das Prinzip dahinter nicht neu. "Bei einigen Patienten findet man Metastasen im Körper, weil sie Schmerzen etwa im Skelett haben - aber den Tumor, von dem aus sie auf Reise gegangen sind, findet man nicht", sagt Gattermanns Kollege Professor Rainer Haas, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Klinische Immunologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Solche Fälle nennt man das "Cup-Syndrom" - die Abkürzung "Cup" bedeutet: "Cancer of unknown primary" - Krebs von unbekannter Herkunft. Haas: "Das ist so ein typischer Fall, dass sich ein Tumor in seinem eigenen Umfeld nicht behaupten konnte, aber seine Abkömmlinge umso potenter sind. Die Vorstellung, dass ein Tumor ein gewisses Volumen braucht, um zum Streukrebs zu werden, ist falsch." Schon früh kann ein noch kleiner Tumor bereits Tumorzellen aussenden. Diese Zellen können sich an anderen Organen niederlassen, dort aber vorerst in Ruhe verweilen und später anscheinend aus dem Nichts zur Metastase wachsen.

Wie ist die Tumorzelle überhaupt an diesen Ort gekommen? Nun, für sein Wachstum braucht ein Tumor Nährstoffe, Sauerstoff, Glukose. Um die Zufuhr zu sichern, bildet der Körper in und um den Tumor herum neue Gefäße. Das nennt man Neoangiogenese. "Und durch diese neugebildeten Gefäße hat die Tumorzelle Zugang zum System - und zum Kreislauf", sagt Haas. Sie wandert aus, fällt in einen Dornröschenschlaf und ist dort auch unzugänglich etwa für Chemotherapien. Eine Zelle, die sich nicht teilt, kann somit nicht in ihrer schwächsten Phase tödlich erwischt werden.

Ohnedies müssen sich auch verstreute Metastasen-Zellen ebenfalls des Immunsystems erwehren - und wenn zwischen Zellvermehrung (Proliferation) und Zelltod (Apoptose) Balance herrscht, bleibt jene Auswanderung folgenlos. Bei gewissen Tumortypen kommt es indes regelmäßig zu Metastasen. Die Schläferzellen sind sozusagen ausgeruht, durchbrechen die Wand des Blutgefäßes, nisten sich in Organen oder im Skelett ein - und wachsen.

Nun ist die Frage, warum eine Chemotherapie diese frei flottierenden Ableger oder auch überhaupt einige Tumorzellen nur schlecht erwischt. Das hat mit der "primären Resistenz" zu tun. Gattermann: "Es gibt auch bei Tumorzellen einige, die durch Mutationen unempfindlich für eine Chemotherapie geworden sind. Das ist wie bei resistenten Bakterien, die auch durch Mutationen gegenüber Medikamenten nur robuster werden." Fatale Folge: "Der Tumor kehrt nur scheinbar wieder, in Wirklichkeit waren die Tumorzellen immer schon da und wurden nie vernichtet." Resistenzen entstehen aber - das nennt man die "sekundäre Resistenz" - auch durch eine Chemotherapie: Unter deren giftigem Beschuss bildet sich ein Konkurrenzkampf der Tumorzellen, den nur die stärksten überleben - auch sie mit dem neuen Panzer einer Mutation.

Das mag deprimierend klingen, und in der Tat sind Brustkrebs-Patientinnen recht oft von Schläferzellen betroffen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später ihre neue Tätigkeit auszuüben beginnen - und auch dann erst durch bildgebende Verfahren nachweisbar sind. Oder die Metastasen melden sich von selbst, weil sie Schmerzen bereiten.

Die Tatsache, dass manche Krebserkrankung als Systemerkrankung zu begreifen ist, scheint den Kampf aussichtslos zu machen. Aber das ist er nicht. Die Medizin entwickelt ihrerseits Waffen, um den biologischen Trickreichtum der Tumorzellen in Schach zu halten. Beispielsweise ist Metastasen-Chirurgie zu einem neuen Fach geworden. Gattermann: "Früher hieß es: Ein Tumor hat gestreut, da hat der Operateur nichts mehr zu suchen. Heute ist das anders. Auch eine einzelne Hirn-Metastase sollte operiert werden, weil der Patient davon wirklich profitiert. Die kriegt man wegen der Blut-Hirn-Schranke mit einer Chemotherapie nicht weg."

In der Tat hat das Rezidiv nicht mehr diesen dramatischen, bitteren Beigeschmack wie noch vor zehn oder 15 Jahren. Neue medikamentöse Verfahren, zumal mit molekular zielgerichteten Therapien, sind zum Teil sehr wirkungsvoll, also keine Verzweiflungstaten mehr, sondern ein Neustart für die Behandlung. Manches Rezidiv können sie auch verhindern. Jedenfalls entwickelt sich in der Zeit, die nach der Entdeckung eines Rezidivs weiterbehandelt wird, auch die Medizin weiter - und "insofern spielt die Zeit", sagt Haas, "dann deutlich auch wieder für unsere Patienten."

(RP, 27.5.15, Wolfram Goertz)

 

 

Der Krebs ist geheilt – und ist doch nicht weg

Für Außenstehende ist es schwer nachvollziehbar. Gilt ein Krebspatient als «geheilt», erwartet die Umwelt, dass alles wieder so ist wie früher. Auch viele ehemalige Kranke haben diese Erwartungshaltung und hegen den Wunsch, der Alltag solle sich so schnell wie möglich normalisieren. Doch Fachleute warnen, dass die Folgen einer solchen Krankheit oft unterschätzt werden. Auch der Psychiater Josef Hättenschwiler vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ) hat diese Erfahrung gemacht: «Die Verarbeitung eines solchen Traumas kann dauern, weil es tiefe Verunsicherung und Depressionen auslösen kann.» Viele Patienten hätten durch eine Krebserkrankung das Urvertrauen ins Leben verloren, und damit auch eine gewisse Zuversicht.

Meret Schüller* war 43, als sie an Brustkrebs erkrankte. Für die Physiotherapeutin und Mutter eines siebenjährigen Buben war der Befund «ein Riesenschock, der mein Leben auf den Kopf stellte». Ihre pragmatische Art half ihr jedoch über die Diagnose hinweg: «Ich dachte immer, mein Leben ist jetzt ein langer, dunkler Tunnel, aber wenn ich da wieder rauskomme, fange ich neu an.»

Doch die Dunkelheit dauerte länger als gedacht. Nach einer Brustamputation streuten Metastasen ins Rückenmark. Es folgten mehrere Monate Bestrahlungen und drei Chemotherapien, die erfolgreich verliefen. Seit anderthalb Jahren hat Meret bei den dreimonatlichen Untersuchungen keinen krankhaften Befund mehr und gilt als gesund.

«Nach der Chemo begann ich schnell wieder zu arbeiten», erinnert sie sich. «Doch meine Leistungsfähigkeit war beeinträchtigt. Dinge, die mir früher spielend leicht gefallen waren, strengten mich an. Auch psychisch war ich total durcheinander. Ich sagte mir immer wieder: ‹Jetzt beginnt mein zweites Leben›, aber die Verunsicherung über das Erlebte war stärker als die Zuversicht.» Auch ihr nahes Umfeld konnte sie nicht trösten, obwohl ihre Freunde und ihre Eltern sie immer unterstützt hatten. «Ich fühlte mich total allein, hatte das Gefühl, niemand könne mir helfen.»

Für das nahe Umfeld sind die Nachwirkungen oft nur schwer nachzuvollziehen – denn äußerlich zu sehen sind sie ja nicht. «Es wird völlig unterschätzt, wie lange die Folgen einer Therapie nachwirken können», sagt auch Dirk Jäger, Professor und Direktor für Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, in der «Welt».

Auch bei der Arbeit fühlte sich Meret oft unverstanden. Sie hatte ihre Kolleginnen und ihren Chef immer über den Verlauf ihrer Krankheit informiert, «aber von dem Moment an, als ich krebsfrei war, hatten alle das Gefühl, ich müsse wieder 100-prozentig auf der Matte stehen und optimistisch in die Zukunft schauen».

Ihr Fazit über diese Zeit ist bitter: Das Umfeld vergisst schnell. «Ich fühlte mich durch die Krankheit stigmatisiert, hatte das Gefühl, für alle war ich nur noch ‹die mit dem Krebs›.»

Am Anfang ihrer Erkrankung hatte sich Meret von ihrem langjährigen Partner getrennt, der neue Mann an ihrer Seite unterstützte sie nach Kräften, aber auch er konnte nicht verhindern, dass sie Mühe hatte, ihren Körper zu akzeptieren. Auch der Wiederaufbau der Brust änderte das nicht. «Die Narben störten mich nicht wirklich, aber mein Selbstbewusstsein war dahin. Ich hatte den Krebs besiegt, sollte glücklich sein, aber über mir hing ein Damoklesschwert.» Würde sie gesund bleiben? Würde der Tumor zurückkommen?

Dank einer Freundin, der sie sich anvertraute, fasste sie nach langen Überlegungen den Mut, eine Psychotherapie zu beginnen. «Zuerst wollte ich in eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Krebspatienten, aber ich wurde nicht fündig. In der Tat gibt es für Krebskranke und ihre Angehörigen viele Selbsthilfegruppen in der Schweiz. Für Menschen, die den Krebs besiegt haben, gibt es aber nur wenige.» Darauf entschloss sich Meret zu einer Einzel-Gesprächstherapie bei einer Psychologin. «Hier konnte ich allen Frust und alle Ängste rauslassen. Etwas, das ich früher nie gemacht hatte.»

Ein guter Entscheid: Nach mehreren Monaten Therapie fühlt sich Meret heute «gut» und sogar «vitaler» als vor ihrer Krankheit. «Ich weiß, es tönt klischiert, aber ich genieße wirklich jeden Augenblick meines Lebens.» Das gelinge ihr natürlich nicht immer, aber «ich lebe viel bewusster als vor meiner Erkrankung». Sie ist überzeugt, dass ihr vor allem die Therapie geholfen habe, das Erlebte zu einem großen Teil zu verarbeiten. «In letzter Zeit spüre ich eine neue Kraft in mir, ich bin stolz auf mich, dass ich die Krankheit durchgestanden habe, nicht an ihr zerbrochen bin.»

Bedauern tut sie nur eines: dass sie so lange gebraucht hatte, bis sie Hilfe angenommen habe. Denn: «Manchmal schafft man das Leben nicht allein.»

*Name geändert

 (Tages-Anzeiger/Zürich, 7. Juni 2015, Silvia Aeschbach)  

 

 

Viele Prostata-OPs unnötig

Experte plädiert für alternative Methode bei Prostata-Krebs

Der Krebs der Vorsteherdrüse: Jährlich 62.000 deutsche Männer hören jene Diagnose von ihrem Urologen zum ersten Mal. Das Problem: Betroffene werden per Operation oder Bestrahlung oft übertherapiert. Was nur wenige wissen: Auch die schonende, so genannte "Aktive Überwachung" könnte als Therapie für sie interessant sein.

30 bis 40 Prozent aller diagnostizierten Prostatakrebsfälle müssen nicht sofort behandelt werden. Denn die Wucherungen sind noch auf das Organ begrenzt, wenig bösartig und damit nicht lebensbedrohlich. Doch in diese „Aktive Überwachung“ gelangen nur 14 Prozent jener Krebsfälle.

Prostata-Tumor oft nicht lebensbegrenzend

„Die Diagnose Prostatakrebs kann für die Patienten unterschiedliche Bedeutungen haben. Wichtig für Betroffene ist es, die Eigenschaften seines Krebses zu kennen. Nur so kann er als mündiger Patient mit seinem Arzt das Vorgehen festlegen. Denn dieser Krebs ist – auch ohne Therapie – für die Mehrzahl der Betroffenen nicht lebensbegrenzend“, sagt Professor Böcking, ehemaliger Leiter des Instituts für Cytopathologie am Düsseldorfer Universitätsklinikum.

Gleason Grad oft fehlerhaft

Ob eine „Aktive Überwachung“ oder eine sofortige Therapie mit OP oder Bestrahlung sinnvoll ist, entscheiden Ärzte bisher per „Gleason-Grad“. Der zeigt anhand einer Gewebeprobe, wie sehr sich Krebszellen bereits von gesunden Zellen unterscheiden. Mittels Aussehen wird der Befund in eine der fünf Kategorien eingeteilt. Gruppe 1 bedeutet: Sieht gesunden Zellen oder Gewebe noch weitgehend ähnlich. In Gruppe 5 ist das Aussehen dann sehr stark verändert. Seinen Namen erhielt der Index vom US-Mediziner Donald Gleason. Diese Diagnosemethode hält Professor Böcking jedoch für unzureichend: „Der oft fehlerhafte ´Gleason-Grad´ alleine reicht für eine so schwerwiegende Entscheidung nicht“, sagt Professor Böcking. 

DNA-Zytometrie hilft bei Tumor-Abschätzung

Sinnvoll sei, bei passendem Befund, eine „DNA-Zytometrie, so Böcking. Dort wird per Bildanalyse und PC der DNA-Gehalt, kurz für Desoxyribonukleinsäure, tausender Tumorzellkerne nach deren spezieller Färbung gemessen – und so die Bösartigkeit des Tumors ermittelt. Indirekt wird damit das Chaos der Chromosomen in den Tumorzellen bestimmt, welches ein Maß für deren Aggressivität ist.

„Wir machen mit der DNA-Zytometrie die Entscheidung für eine ´Aktive Überwachung´ für Arzt und Patienten leichter, weil wir das zukünftige Verhalten des Tumors wesentlich sicherer vorhersagen können“, sagt Böcking. Doch erst 2011 wurde diese Behandlung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Betroffenen können ihren Arzt nach der DNA-Zytometrie fragen, wenn ihm die noch relativ junge Methode nicht geläufig ist. Auch das Einholen einer zweiten Fachmeinung ist ratsam.

Mögliche Hilfe für je 48 Euro statt 7.000 Euro?

Pro DNA-Untersuchung gibt es von der Krankenkasse 48 Euro. Kommt es zur Operation, werden pro Eingriff in der Fallpauschale nach Aussage eines Mediziners gut 7.000 Euro überwiesen. Mögliche OP-Folgen: Neben starken Schmerzen und dem Krankenhausaufenthalt sind massive Schäden möglich. Inkontinenz, also der ungewollte Harnverlust oder Impotenz gehören dazu.

2012 schrieb die Barmer GEK in ihrem Krankenhaus Report: „Eine operative Entfernung der Prostata nach Krebsdiagnose will gut überlegt sein. Ein Jahr nach Krankenhausaufenthalt berichtet das Gros der Patienten von erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität.“ Weiter heißt es: „Durchwachsen sind die Zufriedenheitswerte: 52 Prozent der Befragten sind mit dem Behandlungsergebnis uneingeschränkt zufrieden, 41 Prozent eingeschränkt, sieben Prozent unzufrieden.“ Neuere Erhebungen der Krankenkasse zum Thema liegen nicht vor.

Sehr gute Form der Beobachtung

Am Universitätsklinikum des Saarlandes arbeitet Professor Dr. Stefan Siemer als stellvertretender Leiter an der Klinik für Urologie und Kinderurologie. Auch er sieht das Problem mit der derzeit gängigen Behandlung von Prostata-Tumoren: „Da zuverlässige Marker fehlen, die ein aggressives Karzinom von einem harmlosen unterscheiden, werden viele Patienten mittels Operation oder Bestrahlung übertherapiert“, so der Experte. Ohne aktive Überwachung würden gar 90 Prozent der betroffenen Männer umsonst behandelt.

Er verweist allerdings auch auf ein Problem mit der DNA-Untersuchung: „Die DNA-Zytometrie könnte von der Grundidee her sinnvoll sein. Das Problem ist jedoch, dass es dazu keine belastbaren Daten gibt, die belegen, dass eine Anwendung beim Prostatakarzinom (bösartiger Tumor) sinnvoll ist. Dies müsste jedoch nachgewiesen werden.“

Neue Studie vergleicht Therapiemethoden

Es sind die üblichen Probleme bei neuen Therapieformen, es gibt häufig noch zu wenige Studien zu deren Wirksamkeit und bis Ergebnisse vorliegen, kann es dauern. Seit 2012 läuft die PREFERE-Studie. Sie ist laut eigener Aussage die „weltweit größte Studie zum lokal begrenzten Prostatakarzinom. Erstmalig werden alle in Frage kommenden Therapieoptionen bei diesem Krebs miteinander verglichen.“ Beteiligt sind etwa 7.600 Patienten. Sie werden über einen Zeitraum von mindestens 13 Jahren bis zum Studienende beobachtet. Dann liegen Zahlen vor, die sämtliche Therapieoptionen, wie auch die DNA-Zytometrie, miteinander vergleichbar machen.

Neuer Standard festgelegt

Zumindest besteht Hoffnung, dass sich die Behandlung von Prostata-Tumoren schneller verbessert: Im November 2014 hatten sich 25 Pathologen unter der Schirmherrschaft der „Akademie für Fortbildung in der Morphologie“ in Frankfurt am Main auf eine Standardmethode bei der „Aktiven Überwachung“ geeinigt. Hintergrund dafür: Die Methode der DNA-Zytometrie soll weiter bekannt und verbreitet werden und Patienten so helfen, Operationen nur anzugehen, wenn diese nötig sind. Dafür sei neben der Aufklärung auch ein anerkannter Standard notwendig. Die Akademie wird vom „Bundesverband Deutscher Pathologen e. V.“ und der „Deutschen Gesellschaft für Pathologie e. V.“ getragen.

(t-online.de, 16.03.2015, Matthias Lauerer)

 

 

 

 

 

Künstliche Bakterien zeigen Krebs und Diabetes an

Künstlich hergestellte Bakterien können dazu genutzt werden, Krebs oder auch Diabetes anhand einer Urinprobe festzustellen. Dies zeigen zwei vielversprechende Ansätze mit solch lebenden „Bactosensoren“, die im Fachjournal „Science Translational Medicine“ vorgestellt werden.

(San Diego) Bisher werden künstlich veränderte Lebewesen vor allem dazu genutzt, bestimmte Substanzen und Wirkstoffe herzustellen. Forscher hoffen auf die künftige Verwendung bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten. Ein französisches Team bettete genetisch veränderte Escherichia-coli-Bakterien so in ein technisches System ein, dass sich ähnliche Signale wie bei Diagnostik-Geräten ablesen ließen. Um sie besser handhaben zu können, wurden die Bakterien in Hydrogel-Kügelchen eingebettet, berichten Forscher um Alexis Courbet vom Verbund „Sys2Diag“ der französischen Forschungsorganisation CNRS und des Unternehmens Alcediag in Montpellier.

Bei einem erhöhten Glukose-Level in der Urinprobe von Diabetikern wurde eine Farbänderung ausgelöst, die auf ein rot fluoreszierendes Protein zurückging. Die Bactosensoren arbeiteten ähnlich akkurat und reproduzierbar wie herkömmliche Teststäbchen, schreiben die Forscher. Möglicherweise sei der Ansatz auch zur Erkennung typischer Biomarker anderer Krankheiten geeignet. Ein Nachteil sei derzeit noch die Prozessdauer: Ein Signal war mit dem Prototypen erst nach 18 Stunden messbar.

Neues Frühwarnsystem

„Biosensoren sind ein großes Forschungsfeld, in das viel investiert wird“, sagt Torsten Waldminghaus vom Zentrum für Synthetische Mikrobiologie der Universität Marburg zu der Arbeit. Bei einem bestimmten Marker in der Probe eine von Bakterien herbeigeführte Farbänderung ablesen zu können, habe Potenzial für preiswerte, sensitive und einfache Systeme. Das Ergebnis von Courbets Team sei als Test für die Methode zu sehen. „Wahnsinnig beeindruckend ist es noch nicht im Vergleich zu denen herkömmlicher Verfahren.“ Ein Hauptvorteil von Biosensoren sei, dass sie sehr sensitiv seien, ergänzt Waldminghaus. Sie zu konstruieren sei nicht einfach, die weitere Herstellung hingegen schon. „Sie vermehren sich ja selbst.“ Das senke die Kosten und mache großflächige Einsätze – etwa zum Aufspüren von Sprengstoff auf Minenfeldern – denkbar.“

Künstliche Bakterien zur Erkennung von Lebermetastasen anhand einer Urinprobe haben US-Forscher um Tal Danino vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge entwickelt. Auf Tumore in anderen Organen zurückgehende Metastasen in der Leber sind prinzipiell gut behandelbar, werden aber häufig zu spät entdeckt. Die Leber arbeitet vielfach noch längere Zeit weitgehend normal, und mit den herkömmlichen bildgebenden Mitteln lassen sich die Metastasen oft erst im fortgeschrittenen Stadium erkennen.

Auch das MIT-Team nutzte einen E.-coli-Stamm als Ausgangsbakterium: das als Probiotikum verwendete E. coli Nissle 1917. Die Zellen wurden genetisch verändert und so dazu gebracht, das Enzym Beta-Galactosidase zu produzieren. Dieses spaltet eine zugefügte Substanz zu lichtemittierenden Molekülen, die sich in Urinproben leicht nachweisen lassen. Zunutze machten sich die Forscher zudem die Eigenheit mancher Bakterienarten, sich im Körper bevorzugt in Krebsgeschwüren zu vermehren, die ihnen Nahrung und Schutz vor dem Immunsystem bieten.

Bakterien heilten

Würden die künstlich veränderten E.-coli-Bakterien an Mäuse verfüttert, passierten sie die Darmwand und besiedelten vorhandene Tumore in der Leber. Andere Organe oder gesundes Lebergewebe wurden nicht bewachsen. In den Metastasen setzten die Bakterien das Enzym frei, das wiederum eine injizierte Substanz spaltete. Ein licht-emittierendes Molekül entstand, das in der Urinprobe nachgewiesen werden konnte: Der Urin färbte sich rot.

Die Forscher testeten das System an verschiedenen Mäuselinien, deren Lebermetastasen auf Tumore von Darm, Lunge, Eierstöcken oder Bauchspeicheldrüse zurückgingen. In allen Fällen seien die Metastasen sicher nachzuweisen, schreibt Daninos Team. Ernste Nebenwirkungen der E.-coli-Infektion habe es bei den Mäusen im Jahr nach dem Einsatz der Bakterien nicht gegeben. Möglicherweise lasse sich der Ansatz auch bei anderen Krebsarten des Magen-Darm-Traktes nutzen. Vor einem eventuellen klinischen Einsatz stünden aber noch weitere Tests zur Sicherheit des Verfahrens an, betonen die Forscher.

Daninos Team habe eine spannende Idee gut umgesetzt, lobt Waldminghaus. „Eine schöne Arbeit zu einem sinnvollen Ansatz.“ Für die Zukunft erhoffen sich Wissenschaftler von der Herstellung künstlicher Organismen die Lösung vieler aktueller Probleme: Sie könnten eines Tages etwa neuartige Biomaterialien produzieren, Medikamente herstellen, Giftstoffe in der Umwelt abbauen oder im Körper gezielt Tumore suchen und abtöten.

(dpa, 06.06.2015, Anett Stein)

 

 

Krebs-Biomarker

Im Blut geschrieben

Tumor-Fragmente im Blut könnten der Krebsforschung neue Impulse aufzeigen - falls ein Weg gefunden wird, die dabei gewonnenen Informationen richtig zu interpretieren.

Im Jahr 2012 konnte Charles Swanton die schmutzigsten Tricks einer Krebserkrankung nicht länger ignorieren. Er hatte sich gerade mit seinem Team vom britischen Cancer Research Institute in London daran gemacht, die DNA einiger verschiedener Nierentumore zu sequenzieren und durchaus erwartet, eine ganze Reihe unterschiedlichster Mutationen zu finden. Unvorbereitet waren die Forscher dann aber auf die schier unübersichtliche genetische Vielfalt, die allein schon einzelne Zellen eines einzigen Tumoren aufwiesen. Tatsächlich unterschieden sich die Zellen vom oberen, unteren, linken und rechten Rand des entarteten Gewebes genetisch und gerade mal ein Drittel aller Mutationen traten überall auf. Die Sequenzen der sekundären, in den Körper des Patienten gestreuten und dort angewachsenen Tumoren sahen dann noch einmal anders aus [1].

Mit diesem Ergebnis stand fest: Eine Gewebebiopsie – also die gängige Standard-Prognosemethode für Krebs  – ist offenkundig völlig unzureichend; sie dürfte kaum aussagekräftiger sein als eine Bundestagswahlprognose auf Basis von Zufallsbefragungen in einer beliebigen Dorfstraße. Denn die Standardbiopsie verpasst – wenn auch vielleicht nur haarscharf – sämtliche Mutationen in benachbarten Tumorzellen, und genau die könnten aber zufällig einen dramatischen Einfluss auf Überlebenschancen eines Patienten haben. Die Biopsie informiert durchaus über die spezifischen Mutationen, die einen Tumor anfällig für zielgerichtete Therapien machen – nur eben notgedrungen umso unzuverlässiger, je dynamischer der Tumor sich verändert. Die Forscher hatten ein schier überwältigende unübersichtliches Kuddelmuddel aufgedeckt. "Ehrlich gesagt", räumt Swanton ein, "das deprimiert mich noch immer. Dabei sähe es noch schlimmer aus, wenn wir Assays mit höherer Auflösung gefahren hätten".

Immerhin: Allmählich gelingt es Medizinern den Krebs immer präziser in den Blick zu bekommen und sogar zu verfolgen, wie er sich in ihren Patienten im Laufe der Zeit entwickelt. Immer, wenn eine Krebszelle stirbt und aufplatzt, kehrt sie dabei ihr Inneres nach Außen. Dabei werden dann unter anderem Genom-Fragmente frei, die als zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) in die Blutbahn gelangen. Der Körper beseitigt mit seiner Putztruppe, den Makrophagen, solche Bruchstücke ehemaliger Zellen im Normalfall dann rasch. Tumoren werden aber derart groß und wachsen so schnell, dass sie die Reinigungskräfte überfordern.

Deshalb erscheint die Blutprobe als eine Art "Flüssig-Biopsie" immer wertvoller, je ausgereifter und genauer die Techniken zur Sequenzierung minimaler Tumor-DNA-Spuren werden. Das Blut verrät deutlich mehr als früher die konventionelle Methode, dem notgedrungen eingeengten Blick per "Gewebe-Biopsie". Am Ende könnten Serie von Blutproben die Möglichkeiten noch erweitern – etwa um den Erfolg einer Behandlung zu überwachen oder um abschätzen zu können, wann Tumoren Resistenzen zu entwickeln beginnen.

Aber alles hat einen Haken. So variieren die Mengen an ctDNA individuell sehr stark, und fallen manchmal – gerade bei kleinen, noch jungen Tumoren – auch unter die Nachweisgrenze. Zudem sind in den bisherigen Studien gerade einmal eine Handvoll Patienten mit den häufigsten Krebsformen untersucht worden. Die Ergebnisse sehen bislang vielversprechend aus. Tiefer gehende Untersuchungen müssen sie aber bestätigen werden, um sicherzustellen, dass die ctDNA-Analyse ein Krankheitsbild wirklich exakt umreißen kann – und, viel entscheidender, dem Patienten am Ende das Leben rettet oder erleichtert. Ein "bloßes Tumor-Monitoring" reiche nicht aus, verdeutlicht der Onkologe Luis Diaz von der Johns Hopkins University in Baltimore: "Wir stehen vor der Herausforderung, eine praxistaugliche Anwendung zu suchen".

Wäre diese Hürde allerdings genommen, erklärt Diaz’ Kollege Victor Velculescu, so dürfte die Flüssig-Biopsie allen Klinikärzten bessere und situativ adaptierbare Behandlungsoptionen verschaffen. Nebenbei könnten sogar neue therapeutische Targets auffallen: "Die personalisierte Medizin würde Realität", hofft Velculescu, und "alles von Grund auf anders".

Verzögerte Aktion

Schon 1948 haben Forscher erstmals DNA im Blut nachgewiesen [2], 1977 dann auch direkt im Kreislauf von Krebskranken [3]. Es dauerte aber weitere 17 Jahre bis bewiesen war, dass diese DNA-Fragmente typische Krebsmutationen aufwies – also tatsächlich aus den Tumoren stammte [4, 5].

Zu einer praktischen Anwendung gelangte die zirkulierende DNA dann zunächst auf einem anderen Gebiet. Der Biochemiker und Pathologe Dennis Lo, der heute an der Chinese University in Hong Kong arbeitet, hatte vermutet, dass nicht nur Tumoren, sondern auch ungeborene Föten zirkulierende DNA ins Blut abgeben. 1997 gelang ihm dann der Nachweis, dass im Blut von Schwangeren mit männlichen Babys Bruchstücke von Y-Chromosomen zu finden sind [6]. Diese Entdeckung erlaubt Ärzten, das Geschlecht eines Babys schon früh in der Schwangerschaft zu bestimmen, ohne den Fötus dabei zu gefährden. Mittlerweile diagnostiziert man ganz ähnlich ohne invasive Tests etwa das Down-Syndrom beim Embryo. Überhaupt ist die pränatalen Diagnostik durch solche Verfahren revolutioniert worden.

Aber: "Krebs ist da schon schwerer zu fassen", sagt Nitzan Rosenfeld, ein Genom-Experte des Cancer Research UK Cambridge Institutes. Das liegt schon daran, dass Tumor-DNA deutlich schwieriger zu erkennen ist als fetale DNA: Die Menge im Blut ist im Normalfall viel geringer und schwankt stark. Zwar kann ein Tumor bei Menschen im stark fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit zur Hauptquelle aller zirkulierenden DNA werden, viel häufiger aber bringt es die ctDNA auf gerade einmal knapp ein Prozent des Gesamtgehaltes, manchmal auch nur auf 0,01 Prozent. Die ersten Generationen der Sequenzierungstechnologie waren schlicht nicht präzise genug, solche geringen Mengen zuverlässig und regelmäßig zu erfassen.

"Wir werden bisher ungelöste onkologische Fragestellungen beantworten können"

In den vergangenen zehn Jahren entwickelten Gentechniker aber immer sensitivere Techniken zur quantitativen Analyse geringer Mengen von DNA. Dazu zählt etwa die Amplifikationstechnik " BEAMing", bei der zirkulierende DNA an magnetischen Kügelchen haftet, die dann isoliert und gezählt werden. So wird die ctDNA sogar dann aufspürt, wenn das Blut 10 000fach mehr DNA aus gesunden Zellen enthält.

Entwickelt haben die Technik die Genonkologen Bert Vogelstein und Kenneth Kinzler von der Johns Hopkins University  [7]. Im Jahr 2007 konnten sie damit erfolgreich die ctDNA-Spur in 18 Unterleibskrebs-Patienten nachverfolgen. Nach einer Behandlung sank der ctDNA-Spiegel bei ihnen zwar um 99 Prozent, in vielen Fällen aber nicht ganz auf Null. Und in allen Patienten (bis auf einen), in deren Blutproben zunächst noch geringe Mengen von ctDNA-Spuren nachweisbar gewesen waren, kam der Tumor dann im Laufe der Zeit wieder zurück. Anders bei den wenigen, bei denen keine ct-DNA mehr gefunden worden war: Sie blieben sämtlich krebsfrei.

Die Ergebnisse legten nahe, dass am ctDNA-Spiegel des Patienten abgelesen werden kann, wie erfolgreich eine Operation verlaufen ist – und ob womöglich eine Chemotherapie im Anschluss nötig ist, um noch verbliebene Krebszellen zu eliminieren. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kamen Forscher bald auch bei anderen Krebsarten. Rosenfeld und seine Kollegen James Brenton und Carlos Caldas zeigten etwa, dass über ctDNA ein präzises Bild des Fortgangs von fortgeschrittenem Eierstock- und Brustkrebs gewonnen werden kann [8]. In der bis dato umfassensten Studie entdeckten Diaz und weitere Johns-Hopkins-Forscher ctDNA in mindestens 75 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren; und dies in so unterschiedlichen Organen wie Bauchspeicheldrüse, Blase, Haut, Magen, Speiseröhren und Leber sowie im Kopf- und Nackenbereich [9] . Eine Ausnahme bilden nur Gehirn-Tumoren: Die Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass Tumor-DNA aus dem Hirn in die Blutbahn gelangt.

Bessere Biomarker

Zirkulierende DNA könnte sich demnach tatsächlich als Fortschritt gegenüber den Protein-Biomarkern herausstellen, die Forscher seit Jahrzehnten suchen und verfeinern. In der klinischen Praxis werden diese Proteinmarker für die Diagnose und Erfolgskontrolle nach einer Behandlung herangezogen. Das wohl bekanntestes Beispiel ist das Prostata-spezifisches Antigen, einem Biomarker für Prostatakrebs. Durchaus aber kann ein erhöhter Antigenspiegel im Blut sich dann auch einmal als falscher Alarm herausstellen. Solche Fehlalarme sollten mit ctDNA seltener vorkommen: Die Genfragmente sind an ihren typischen Mutationen und andere genomische Veränderungen eindeutig als Krebsfolgeerscheinungen zu identifizieren. Zudem ist die kurze Halbwertszeit der ctDNA ein Vorteil: Während die meisten Protein-Biomarkern für Wochen im Blut bleiben, zerfällt ctDNA in weniger als zwei Stunden. Sie liefert darum einen nie überholten, sondern stets aktuellen Zustandsbericht der Tumoren. Sowohl in Cambridge als auch an der Johns Hopkins Universität stellte sich heraus, dass ctDNA sensitiver als Protein-Biomarker bei der Erfassung von Brust- und Darmkrebs ist [9, 10]. Zudem bildet sie genauer ab, wann Tumoren verschwinden, sich ausbreiten oder wiederauftreten.

Überdies, so zeigten beide Arbeitsgruppen, liefert ctDNA auch genauerer Ergebnisse als die Analyse intakter zirkulierender Tumorzellen – also den ebenfalls gerade im wissenschaftlichen Fokus stehenden ganzen Krebszellen, die im Blut zu finden sind. In einer kleineren Studie mit 16 Personen war Diaz’ Team aufgefallen, dass im Blut 50 mal mehr ctDNA Fragmente zu finden sind als intakte Tumorzellen – wenn diese überhaupt zu finden waren [9]. Stets war aber ctDNA nachweisbar, sobald intakte Tumorzellen im Blut entdeckt wurden; während sich umgekehrt bei 13 der Patienten ctDNA, aber keine Tumorzellen fanden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist vor allem spannend, Wachstum und Veränderungsprozesse der Tumore nun über eine Zeitraum hinweg beobachten zu können: "Das wird uns sehr dabei helfen bisher ungelöste Fragen der Tumormedizin zu beantworten".

Etwa die, warum eigentlich derart viele zielgerichtete Therapien am Ende doch scheitern. Gefitinib und Panitumumab sind zwei von mehreren Wirkstoffen, die den epidermalen Wachstumsfaktor -Rezeptor (EGFR) blockieren, ein Protein, das an Zellwachstum und -teilung beteiligt ist und bei einer Reihe von Krebsarten pathologisch überaktiv ist. Patienten helfen solche Medikamente immer recht gut – am Anfang. Nach ein paar Monaten aber werden die Tumoren fast immer resistent gegen die Wirkstoffe; häufig wegen Veränderungen anderer Gene wie KRAS, einem oft mutierten Tumorgen.

Im Normalfall müssen Ärzte daher ihre Patienten ständig überwachen, um auf neue Entwicklungen mit veränderten Behandlung reagieren zu können. Nötig sind dazu immer wieder Biopsien – und zwar, bei Patienten im fortgeschritten Stadium, oft gleich an mehreren Tumoren. Dazu kommt, dass verschiedene Abschnitte eines Tumor unterschiedlich resistent sein können. Jede Biopsie ist zudem ein riskanter Eingriff und nicht unkompliziert, wenn sie zum Beispiel im fragilen Lungengewebe durchgeführt werden muss. "Man kann nicht, immer wenn eine Behandlung fehlschlägt, einfach mal schnell fünf Biopsien am Patienten durchführen", erklärt Velculescu. Blut abzunehmen ist da deutlich weniger problematisch.

Im Jahr 2012 haben Diaz und Co die Ergebnisse einer durch ctDNA-Monitoring überwachten Behandlung mit EGFR-Inhibitoren publiziert [11]. Dabei listen sie 42 verschiedene KRAS-Mutationen auf, die eine Resistenz hervorgerufen hatten. Diese Mutationen zeigten sich im Mittelwert 5 Monate, bevor bildgebende Verfahren ein erneutes Wachstum der Tumoren belegten. Während Diaz’ Team gezielt nach KRAS-Mutationen Ausschau gehalten hatte, beschäftigten sich die Wissenschaftler um Rosenfelds Gruppe ohne irgendwelche Vorannahmen mit sämtlichen Resistenz verleihenden Mutationen in ctDNA. Im vergangenen Jahr hatten sie das komplette Exom – also das eine Prozent des Genoms, welches Bauanleitungen für Proteine enthält – aus Blutproben von sechs Patienten sequenziert, die alle wegen fortgeschrittener Tumorerkrankungen von Lunge, Brust oder Eierstöcken in Behandlung waren. In fünf Fällen konnten mit diesem offenen Ansatz bislang unbekannte Resistenzmechanismen aufgedeckt werden – etwa Mutationen, die Antikrebs-Wirkstoffe gegen ihre Zielproteine abschirmen [12].

"Wir hoffen, Krebs von einer tödlichen in eine chronische Krankheit zu verwandeln"

Resistenzen früh zu erkennen erlaubt Medizinern, ihren Patienten eine teure Behandlung mit toxischen Medikamenten ab dem Augenblick zu ersparen, in dem diese ohnehin nicht mehr wirksam wären. Es kommt auch der Entwicklung neuer Wirkstoffe oder effektiver Medikamentencocktails zugute, wenn die resistenzauslösenden Mutationen bekannt sind. "Wir hoffen, Krebs von einer tödlichen in eine chronische Krankheit zu verwandeln", erklärt Velculescu. "Sobald eine Behandlung nicht mehr anschlägt, schalten wir auf eine andere um – und zurück, je nachdem."

Klinischer Vorbehalt

Die ctDNA-Analyse hat großes Potenzial – für eine wirklich tragende Rolle in der Krebsdiagnostik ist es derzeit aber wohl noch zu früh. Die sensitivsten Nachweis-Methoden – etwa das BEAMing – arbeiten nur zuverlässig, wenn die mutierten Sequenzen einigermaßen bekannt sind. Dafür kann man schon sorgen, – man muss dazu aber bei jedem einzelnen Patienten ein aufwändiges Prozedere durchexerzieren: Die Biopsie und anschließende Sequenzanalyse aller Mutationen, die Produktion der auf patiententypische Mutationen maßgeschneiderten ctDNA-Sonden und dann ihren Einsatz in der Blutprobe. Alternativ könnte man auch vorgehen wie Rosenfelds Team, also das Exom in toto sequenzieren. Dafür benötigt man zunächst keine Details über den Krebs – allerdings dürfte es kostspielig sein, die Blutprobe so sorgfältig zu analysieren und sequenzieren wie nötig, um nicht seltene Mutationen in den Krebsgenomfragmenten zu übersehen.

Der Radiologe Maximilian Diehn von der Stanford University arbeitet daran, die Vorzüge beider Verfahren zu kombinieren. Sein Team hatte einen kurzen Ausschnitt des Genoms identifiziert – er macht gerade einmal 0,004 Prozent aus –, der in Lungenzellen sehr häufig mutiert [13]. Diese Abschnitte fischen die Wissenschaftler aus jeder Blutprobe und führen zehntausendfach wiederholte Sequenzanalysen durch, so dass sie selbst sehr seltene Mutationsereignisse erkennen. Dieser Fokus auf nur einen Genomabschnitt ist kostengünstig und zudem bei allen Lungenkrebs-Patienten praktikabel, eben weil sich bei ihnen in diesem Genabschnitt fast immer zumindest eine oder mehrere Mutationen finden lässt, erklärt Diehn. Sein Team ist derzeit dabei, typische Mutationsmuster auch für andere Krebsarten herauszuarbeiten, um die Methode auch dort verfügbar zu machen – eine Arbeit, die womöglich noch Jahre dauern wird, weil die Technik sich in klinischen Tests erst bewähren muss.

Wie praktisch alle ctDNA-Biopsietechniken ist auch Diehns Ansatz nicht gut geeignet, frühe Phasen einer Krebserkrankung zu erkennen. In einer kleineren Studie [13] haben die Forscher mit ihrer Methode zwar jede Form von Lungenkrebs der Stufe II oder höher nachgewiesen – es entgingen ihnen aber die Hälfte aller Stufe-I-Tumoren. Das ist eigentlich klar, denn fortgeschrittene Krebserkrankungen produzieren mehr ctDNA – das Früherkennungspotenzial der ctDNA ist damit aber in Frage gestellt.

Man könnte die Sensoren zwar im Prinzip noch empfindlicher machen, um das Problem zu lösen – Diaz hält das aber nicht für den richtigen Weg: "Der limitierende Faktor ist hier die Biologie: es zirkulieren einfach nicht genug Fragmente", erklärt er. Außerdem fehlen Handlunsgoptionen, sobald ctDNA die Anwesenheit eines noch nicht entdeckten Krebs signalisiert. Denn man habe dann zwar "ein mutiertes Fragment im Blut entdeckt – wo es herstammt, bleibt aber unklar", gibt Diaz zu bedenken.

Überhaupt ist noch einiges zu klären. Stimmt es zum Beispiel überhaupt, dass die ctDNA ein repräsentatives Porträt der Krebserkrankung zeigt? Setzen Tumoren, die sich in andere Organe ausgebreitet haben, ebenso viel DNA frei wie der Ursprungstumor? Und geben alle Zellen eines Tumors gleich viel ctDNA ab? Antworten können derzeit wohl nur "warme Autopsien" liefern, fürchtet Diaz – Blutproben, die von einem frisch Verstorbenen genommen werden, um alle Tumoren genau zu charakterisieren. Diese werden dann mit vorher im Leben des Patienten gesammelten cDNA-Proben verglichchen. "Eine Knochenarbeit, die im Medizineralltag wartet."

Auch die größte Frage ist unbeantwortet: Rettet es eigentlich Patienten, oder erhöht es zumindest ihre Lebensqualität, wenn Mediziner ein akkurates Abbild der Tumorlast und eine Echtzeitanalyse neu entstehender Mutationen bekommen? Schließlich nützt es keinem Arzt zu wissen, dass der Tumor ihres Patienten gerade eine Resistenz-Mutation entwickelt, die leider durch kein Medikament angegriffen werden kann. "An Grenzen stoßen wir durch den Mangel an zielgerichteten Therapiemöglichkeiten", meint Velculescu. "Da bekommt man alle diese Informationen – und dann? Unser Instrumentarium, Krebs zu verstehen, entwickelt sich schneller als die Heilungsoptionen."

Aber auch wenn ctDNA den Ausgang einer Krankheit bisher noch nicht beeinflusst: Wissenschaftler setzen sie schon als wertvolles Recherche-Tool ein, und Mediziner sammeln in den Kliniken schon routinemäßig Proben. Swanton leitet zum Beispiel eine mit fast 18 Millionen Euro geförderte Lungenkrebs-Studie namens TRACERx (Tracking Cancer Evolution Through Therapy), in der sowohl herkömmliche Biopsien als auch ctDNA alle drei Monate gesammelt und kombiniert werden. Vielleicht liefert die zirkulierende DNA Hinweise, die den Studienteilnehmer helfen werden – und vielleicht auch nicht. Zumindest werden Swanton und seine Kollegen anschließend deutlich besser über die Entwicklung von Lungenkrebs informiert sein – aber vielleicht auch darüber, wie man sie stoppen kann.

[1] N. Engl. J. Med. 366, S. 883–892, 2012.
[2] Séances Soc. Biol. Fil. 142, S. 241–243, 1948.
[3] Cancer Res. 37, S. 646–650, 1977.
[4] J. Haematol. 86, S. 774–779, 1994.
[5] Cancer Epidemiol. Biomarkers Prev. 3, S. 67–71, 1994.
[6] Lancet 350, S. 485–487, 1997.
[7] Nature Med. 14, S. 985–990, 2008.
[8] Sci. Transl. Med. 4, 136ra68, 2012.
[9] Sci. Transl. Med. 6, 224ra24, 2014.
[10] N. Engl. J. Med. 368, S. 1199–1209, 2013.
[11] Nature 486, 537–540 (2012).
[12] Nature 497, S. 108–112, 2013.
[13] Nature Med. 20, S. 548–554, 2014.

(Ed Yong, Spektrum der Wissenschaft, Hintergrund | 18.8.14, Übersetzung aus „nature“, © Spektrum.de)

 
 

Krebsspuren im Blut

Nicht der Primärtumor bringt die meisten Krebspatienten um, sondern die Ableger in anderen Organen. Krebszellen im Blut könnten vor einer drohenden Metastasierung warnen.
Nach dem Schock einer Krebsdiagnose folgt die Therapie, die in vielen Fällen den Tumor «kontrollieren» kann. Von «Heilung» sprechen die Onkologen nicht gern, auch nicht bei Frauen, deren Brustkrebs im Frühstadium entdeckt wurde und die nach der Behandlung keine Anzeichen mehr für einen Tumor haben. Die Vorsicht ist berechtigt, denn ein Viertel der Patientinnen wird einen Rückfall erleiden und am Krebs sterben. Wen es treffen wird, könnte möglicherweise frühzeitig erkannt werden, wenn man bei den Frauen regelmässig im Blut nach Krebszellen fahnden würde. Auf diese Möglichkeit weisen jedenfalls immer mehr Forschungsresultate hin.

Frühe Beobachtung

Die Idee dafür geht auf die Beobachtung zurück, dass viele Krebsgeschwüre im Verlauf ihrer Entwicklung Zellen ins Blut abgeben, die dann in fernen Organen Ableger (Metastasen) bilden. Der australische Arzt Thomas Ashworth hat dieses Phänomen bereits 1869 beschrieben. Während er das Blut eines verstorbenen Krebspatienten unter dem Mikroskop betrachtete, entdeckte er Zellen, die wie die Tumorzellen des Patienten aussahen. «Solche Zellen», schrieb Ashworth, «könnten Licht in die Frage nach dem Ursprung von verschiedenen Tumoren in derselben Person bringen.»
Zwanzig Jahre später berichtete der englische Chirurg Stephen Paget in der Fachzeitschrift «Lancet» über seine Beobachtung, dass Frauen mit Brustkrebs auffallend häufig Knochenmetastasen entwickeln. Er schloss daraus, dass sich die Krebszellen als «Samen» für Metastasen nicht wahllos in einem Organ niederlassen, sondern auf eine geeignete «Erde» angewiesen sind. Obwohl diese «Seed and Soil»-Hypothese längst bewiesen ist, hat sich die Forschung erst in den 1990er Jahren für die im Blut zirkulierenden Krebszellen (Circulating Tumor Cells, CTC) zu interessieren begonnen. Einer der Pioniere ist der deutsche Mediziner Klaus Pantel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
«Wir haben unsere Suche 1989 im Knochenmark begonnen, weil es damals noch kaum möglich war, Tumorzellen im Blut nachzuweisen», sagt Pantel. Im Knochenmark dagegen war das Erkennen bösartiger Zellen schon etabliert, etwa zum Nachweis einer Leukämie. «Wir machten die gleichen Tests bei Frauen mit Brustkrebs, später auch bei anderen soliden Tumoren», erklärt Pantel. Bei vielen Patienten wurden die Forscher fündig, auch wenn diese noch keine Knochenmetastasen hatten. Später stellte sich heraus, dass sich die Krebszellen im Knochenmark in einer Art Schlafzustand befinden.
Da diese Zellen aber jederzeit «aufwachen» und Metastasen bilden können, gilt ihr Nachweis als schlechtes Zeichen. Dasselbe gilt, wenn sich Krebszellen im Blut nachweisen lassen, wie Pantel und andere Forschergruppen für verschiedene Tumorerkrankungen zeigen konnten. Beim Brustkrebs stimmten die Befunde im Knochenmark und im Blut in drei Vierteln der Fälle überein, sagt Pantel. In den restlichen 25 Prozent findet man die Krebszellen nur im Blut oder nur im Knochenmark. Das habe damit zu tun, dass die Blut-Krebszellen auch andere Organe als das Knochenmark besiedeln und die Zellen im Knochenmark während Jahren vom Blutkreislauf abgeschnitten sein könnten. Noch wisse man allerdings wenig darüber, unter welchen Bedingungen sich Krebszellen vom Primärtumor ablösten und ins Blut überträten, räumt Pantel ein. Auch die Faktoren, die schlafende Krebszellen im Knochenmark zu neuem Leben erwecken würden, seien noch kaum erforscht.
Für die Wissenslücken gibt es einen einfachen Grund: Auch heute noch ist es kein Leichtes, Tumorzellen im Blut zu erkennen und auszuzählen. Die Probleme beginnen schon bei den Mengenverhältnissen. So kommen auf mehrere Milliarden Blutzellen, die in einem Milliliter Blut schwimmen, ein paar wenige Krebszellen. Diese mit der nötigen Sicherheit zu identifizieren, kommt der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen ziemlich nahe.

Erst ein zugelassenes System

Die Suche gelingt mit «CellSearch», dem bisher einzigen FDA-zugelassenen System zur Identifizierung und Zählung von Krebszellen im Blut. Für die Untersuchung werden dem Patienten 7,5 Milliliter Blut abgenommen. Die Separierung der Krebszellen erfolgt – vereinfacht dargestellt – mit Antikörpern, die gegen spezifische Strukturen auf den Tumorzellen gerichtet sind. Da diese Antikörper zusätzlich an kleinste Eisenpartikel gebunden sind, lassen sich die gewünschten Zellen mithilfe eines Magneten aus der Blutprobe isolieren.
Bei «CellSearch» erkennen die Antikörper in erster Linie das Glykoprotein EpCAM, das sich auf den Zellen bestimmter (epithelialer) Tumoren befindet. Zu diesen gehören unter anderem Brust-, Prostata- und Dickdarmkrebs, deren Zellen sich alle mit «CellSearch» nachweisen lassen. Wie gut das funktioniert, haben US-Forscher 2004 in einer Studie im «New England Journal of Medicine» demonstriert. Bei 177 Frauen mit metastasiertem Brustkrebs konnten sie zeigen, dass die Anzahl Krebszellen im Blut für die Prognose relevant ist. So lebten Patientinnen mit weniger als fünf Tumorzellen pro 7,5 Milliliter Blut im Durchschnitt noch 18 Monate, während die Überlebenszeit bei mehr Krebszellen nur noch 10 Monate betrug.
Trotz diesem Ergebnis hat «CellSearch» auch Unzulänglichkeiten. So können damit nur epitheliale Tumorzellen nachgewiesen werden. Andere Krebsarten wie Sarkome, die kein EpCAM exprimieren, bleiben dagegen unerkannt. Eine weitere Schwierigkeit: Nur ein sehr kleiner Teil der Blut-Krebszellen ist überhaupt in der Lage, Metastasen zu bilden. Diese Zellen zeichnen sich durch stammzellähnliche Eigenschaften aus. In diesem Zusammenhang wird auch von epithelial-mesenchymaler Transition gesprochen. Denn man hat festgestellt, dass besonders aggressive Krebszellen ihre epithelialen Eigenschaften abgelegt haben und sich durch neue, invasive Fähigkeiten auszeichnen. Dies drückt sich molekularbiologisch unter anderem dadurch aus, dass sie kein EpCAM mehr bilden – und so durchs «CellSearch»-Netz fallen.
Dass auch diese Zellen aus dem Blut «gefischt» werden können, haben Forscher mit unterschiedlichen Ansätzen demonstriert. Pantels Gruppe hat dazu «CellSearch» um einen zusätzlichen Antikörper erweitert, der sich an Krebszellen mit Stammzelleigenschaften heftet. Dass sich damit die gesuchten Alleskönner-Krebszellen isolieren lassen, konnte Pantel jüngst in einem entscheidenden Experiment in Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zeigen. Demnach führten die im Blut von Krebspatienten isolierten Tumorzellen bei Mäusen zur Bildung neuer Krebsgeschwüre.
Es geht aber auch einfacher. Statt nach ganzen Zellen Ausschau zu halten, konzentrieren sich viele Forschergruppen auf den Nachweis von im Blut zirkulierender Erbsubstanz («nackte» DNA). Dabei interessieren sie sich nur für jene Anteile, die von Krebszellen stammen. Diese können heute anhand von spezifischen Genveränderungen (Mutationen) identifiziert und quantifiziert werden. Die Idee zur DNA-Quantifizierung stammt übrigens aus der Infektiologie. So wie sich bei HIV-Infizierten die «Virus-Last» im Blut messen lässt, müsste sich bei Krebserkrankungen auch die «Tumor-Last» bestimmen lassen, so die Hoffnung der Forscher.
Dass dies tatsächlich funktioniert, belegt eine Studie im «New England Journal of Medicine» von Ende März. Die britischen Forscher schauten bei 52 Frauen mit metastasierendem Brustkrebs, wie gut sich der Krankheitsverlauf in drei Blut-Biomarkern widerspiegelt. Untersucht wurden Krebs-DNA und Krebszellen sowie ein in der Routine eingesetzter biochemischer Marker. Alle Parameter wurden regelmässig bestimmt und mit den Befunden der Computertomografie verglichen.
Wie sich zeigte, war die Krebs-DNA punkto Korrelation mit der Tumor-Last den anderen Biomarkern überlegen. Auch liess sich damit die biologische Antwort auf die Therapie schneller ablesen. Dennoch bleiben viele Forscher skeptisch, was den diagnostischen Wert der Krebs-DNA betrifft. Ein wichtiges Argument dagegen lautet, dass ein Grossteil des im Blut vorhandenen Erbguts aus zerstörten Tumorzellen stammen dürfte. Genau diese Zellen würden aber nicht interessieren, da sie auf die Behandlung angesprochen hätten. Relevanter wären vitale Krebszellen.
Hat man eine solche Zelle erst einmal in der Hand, lässt sie sich vollständig sequenzieren. Damit kann man auch Resistenzgene erkennen, die bei der Analyse des Primärtumors noch nicht vorhanden waren. So weiss man heute, dass viele Brustkrebspatientinnen mit sogenannt Her2-negativem Tumor (kein Ansprechen auf das Krebsmittel Herceptin) im Verlauf der Krankheit Her2-positiv werden und von Herceptin profitieren könnten. Eine solche Tumorevolution war bisher ohne Biopsie nicht nachzuweisen. Deshalb werden Blut-Krebszellen und -DNA auch gerne als «flüssige Biopsie» bezeichnet, die bei Fragen zum Ansprechen auf eine Therapie und zum Krankheitsverlauf helfen können.

Grosses Potenzial

«Die neuen Biomarker haben grosses Potenzial», darin sind sich die beiden Brustkrebsspezialisten Gregor Fürstenberger vom Tumorzentrum ZeTuP in Chur und Beat Thürlimann vom Brustzentrum St. Gallen einig. Dass sie vorderhand noch auf das Auszählen von Blut-Krebszellen verzichten, hat einen anderen Grund: Noch sei nicht bewiesen, dass das zusätzliche Wissen dem Patienten einen Nutzen bringe, sagen beide. Das wäre dann der Fall, wenn sich das Überleben oder die Lebensqualität der Patienten dank einer präziser steuerbaren Therapie verbessern liessen.
Die für einen solchen Beweis geforderten Therapiestudien laufen derzeit. Bis ihre Resultate vorliegen, wird offiziell noch davon abgeraten, Therapieentscheide aufgrund von Krebszellen oder Krebs-DNA im Blut zu machen. Dass das Leben nicht schwarz-weiss ist, zeigt die Entwicklung in Deutschland. Dort werden die Richtlinien laut Pantel gerade gelockert und die Analyse der Blut-Krebszellen im Einzelfall zugelassen. Das sei bei einem Test mit hoher prognostischer Aussagekraft sinnvoll, sagt der Krebsforscher.

(Neue Zürcher Zeitung 26.4.14, Alan Niederer)

  

 

Molekulare Betrachtung von Tumoren

Krebs lässt sich neu zuordnen

Brust-, Darm- oder Lungenkrebs: Bisher werden bösartige Tumore nach dem Ursprungsgewebe, in dem sie sich bilden, eingeordnet. Nach dieser Klassifizierung richtet sich dann auch die Therapie für die Patienten. Doch das soll nun anders werden.

Eine Neuklassifizierung von Tumoren könnte künftig die Behandlung vieler Krebspatienten verbessern. Jeder zehnte Betroffene könnte eine angemessenere Therapie erhalten, wenn die Diagnose sich weniger nach dem befallenen Organ oder Gewebe richten würde als vielmehr nach den molekularen und genetischen Eigenschaften des jeweiligen Tumors. Das schließt ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Cell" aus der umfassenden Analyse Tausender Proben von zwölf verschiedenen Krebsarten.

"Krebs wird typischerweise anhand pathologischer Kriterien klassifiziert, die sich vor allem nach dem Ursprungsgewebe richten", schreiben die Forscher um Christopher Benz vom Buck Institute for Research on Aging in Novato (US-Staat Kalifornien). "Inzwischen liefern großangelegte Genomprojekte jedoch detaillierte molekulare Charakterisierungen Tausender Tumore und ermöglichen damit eine molekular basierte Einordnung von Krebs."

Subtypen ausfindig gemacht

Im Rahmen des 2006 gestarteten Projektes The Cancer Genome Atlas (TCGA) analysierten die Wissenschaftler aus den USA, Kanada und Spanien nun Erbgut und Proteine in mehr als 3500 Proben von zwölf Krebsarten, darunter Tumoren von Lunge, Brust, Niere oder Gehirn. Teilweise waren die gefundenen Eigenschaften typisch für das befallene Organgewebe, doch manche Varianten, die sich durch eine veränderte Aktivität bestimmter Gene auszeichneten, passten gleich zu mehreren Krebstypen.

So identifizierten die Forscher bei Blasenkrebs mindestens drei Subtypen. Einer davon war quasi deckungsgleich mit Adenokarzinomen der Lunge, ein anderer ähnelte stark Plattenepitheltumoren des Kopf-Hals-Bereichs. Die könne erklären, warum Blasenkrebs-Patienten "oft sehr unterschiedlich auf dieselbe systemische Therapie für ihren anscheinend identischen Krebstyp reagieren", wird Benz in einer Pressemitteilung der University of California in San Francisco zitiert.

Neue Einordnung, neue Therapien

Auch bei bestimmten Brustkrebs-Arten fanden die Forscher Parallelen zu anderen häufigen Tumorvarianten. "Obwohl diese basalzellartigen Karzinome in der Brust entstehen, haben sie auf molekularer Ebene mehr mit Eierstocktumoren und Plattenepitheltumoren gemeinsam als mit anderen Brustkrebs-Subtypen", sagt Koautorin Christina Yau von der University of California in San Fransisco.

"Auf Grundlage dieser Studie würde einer von zehn Krebspatienten anhand dieser neuen Molekulargruppierung anders eingeordnet als mit dem gegenwärtigen System, das sich nach dem Ursprungsgewebe richtet", schreiben die Forscher. "Falls man therapeutische Entscheidungen danach ausrichtet, würde diese Neuklassifizierung eine bedeutende Zahl von Patienten betreffen, die für nicht-konventionelle Therapien infrage kämen."

"Das ist das erste Mal überhaupt, dass man wichtige molekulare Eigenschaften findet, die Basalzell-artigem Brustkrebs, Plattenepitheltumoren von Kopf und Hals und Lungenkrebs gemeinsam haben", sagt Benz’ Kollegin Denise Wolf.

Demnächst wollen die Forscher im Rahmen des Projektes mehr als 20 Tumorarten untersuchen. "Wir erfassen gerade die Spitze des Eisbergs, wenn wir das Potenzial dieser Art von Genom-Analysen betrachten", betont Benz. "Möglicherweise müssen 30 bis 50 Prozent der Tumore neu eingeordnet werden. Dies wird letztlich die biologische Grundlage für jene Ära der personalisierten Medizin liefern, die Patienten und Mediziner so sehnsüchtig erwarten."

(Quelle: n-tv.de , jze/dpa, 12. August 2014)

 

 

Mit Infrarot dem Krebs auf der Spur

Neue Wege in der Diagnostik und Therapieentwicklung bei Krebs und Erkrankungen des Gehirns hat das Projekt „EngCaBra“ aufgezeigt. Vier Jahre lang lief das Gesamtprojekt, an dem ein Konsortium aus acht Forschungsgruppen aus sieben Ländern, darunter zwei Unternehmen und ein Krankenhaus, abeteiligt waren. Das von der EU geförderte Projekt wurde von Professor Michael Vellekoop von der Universität Bremen geleitet. In vier Teilprojekten wurden ungewöhnliche Methoden zur Krebserkennung entwickelt. Besonders beeindruckend: Das Bremer Teilprojekt „Biopsy Analysis using an Infrared Quadruplewavelength Sensor“. Es könnte künftig aufwendige Krebsuntersuchungen und unerkannten Krebs vermeiden.

Die Abkürzung EngCaBra steht für „Biomedical engineering for cancer and brain disease diagnosis and therapy development". Die Kombination der Forschungsdisziplinen Elektronik, Mikrosensoren, Nanotechnologie und Biotechnologie hat zu völlig neuen Messtechniken geführt: Sie liefern Informationen über die Analyse und Behandlung von Melanomen, Leukämie und Schizophrenie. Der gemeinsame Nenner dieser Krankheiten ist eine Fehlfunktion von menschlichen Zellen. So wurde beispielsweise in Bremen ein Biopsiemeter entwickelt, das Experten, die Gewebeproben von einem Patienten genommen haben, bei der Analyse unterstützt.

Ergebnisse des Bremer Projekts

„Die Beurteilungen über einen positiven oder negativen Befund zu fällen ist nicht einfach und Fehler kommen vor“, erklärt Professor Michael Vellekoop. „Oftmals werden weitere teure Untersuchungen notwendig, weil die Diagnose nicht eindeutig ist. Untersuchungen zeigen, dass bei Melanom-Befunden rund sieben Prozent falsch sind. Das hört sich erst einmal nicht so viel an, aber konkret bekommen bei 100.000 Untersuchungen 6.600 Menschen fälschlicherweise die Diagnose „Krebs“ und werden weiter untersucht bzw. operiert. Knapp 400 Menschen mit Krebs sind in Gefahr – ihnen wird die falsche Diagnose „kein Krebs“ mitgeteilt.“

Jährlich werden einige Hunderttausend Menschen untersucht. Neue Wege in der Diagnostik sind also sehr gefragt. „In unserem Bremer Projekt arbeiten wir mit Infrarotlicht“, so der Bremer Projektleiter. „Das funktioniert folgendermaßen: In den Zellen gibt es sehr lange Ketten von CH2-Molekülen, die auf verschiedene Arten schwingen können – symetrisch oder antisymetrisch. Beide absorbieren unterschiedliche Wellenlängen von Infrarotlicht. Mit unserem neuen Instrument vermessen wir, wie viel Licht absorbiert wird. Wenn sich im Gewebe Krebs entwickelt, verschiebt sich der eine Wert zum anderen. An diesem Verhältnis können wir eine Gewebeveränderung und somit eine Erkrankung erkennen.“ Mit dem neuen Verfahren können die Wissenschaftler punktgenau die Proben untersuchen und innerhalb einer Gewebeprobe mehrere Abschnitte miteinander vergleichen. Mit einer speziellen Software werden die Schwingungen dann ausgewertet. Das Verfahren wurde zusammen mit einer Ärztin von der Medizinischen Universität Wien entwickelt.

Wann ist das neue Verfahren in der Praxis einsetzbar?

„Es ist uns wirklich gelungen hier einen Durchbuch zu erzielen“, freut sich Vellekoop. „Wir können künftig definitiv eine Menge Fehldiagnosen verhindern. Der nächste Schritt ist, mit dem Microsystems Center Bremen (MCB), unserer Organisation für den Kontakt zu Industrieunternehmen, eine Firma zu finden, mit der wir das Produkt weiterentwickeln. Ich glaube, es wird allen Krankenhäusern möglich sein, das Gerät zu beschaffen – es wird unter 20.000 Euro kosten, vielleicht sogar nur die Hälfte.“

Ein weiteres Projektergebnis

Ein weiteres Teilprojekt von „EngCaBra“ beschäftigte sich mit dem Schmelzverhalten von Proteinen im Blut, das die holländischen Partner des Projekts, die Firma Xensor Integration B.V., entwickelt haben. Mithilfe eines neuen physikalischen Verfahrens werden die Proteine im Blutserum in einem relativ einfachen Verfahren in einer sehr kleinen Versuchsanlage erhitzt. Durch unterschiedliche Schmelzpunkte lassen sich Indikatoren ableiten, wann eine Probe abweichende Werte zeigt, die auf eine Krebserkrankung hinweisen. Dieses Verfahren wurde auf der Basis neuer Chiptechnologien entwickelt.

Am europäischen Projekt „EngCaBra“ sind folgende Partner beteiligt:

•Department of Biosystems Science and Engineering, ETH Zürich, Schweiz
•Department of Micro- and Nanotechnology, Technical University Denmark, Lyngby, Dänemark

•Department of Molecular Medicine, Institute of Virology, Slovak Academy of Sciences, Bratislava, Slowakische Republik

•Institute of Pathophysiology and Allergy Research – Biotechnology, Medizinische Universität Wien, Österreich

•Department of Veterinary Disease Biology, University of Copenhagen, Kopenhagen, Dänemark

•Xensor Integration BV, Delft, Niederlande

•Hoffmann-La Roche Ltd, Basel, Schweiz

•Siemens Austria, Life Science Systems, Research & Technologies,Wien, Österreich
•Rigshospitalet (Copenhagen State Hospital), Kopenhagen, Dänemark

(Universität Bremen, 9.3.15, Angelika Rockel)

 

 

 

 

Mit dem Smartphone Krebs erkennen – und Leben retten

Auf der Schaukel, in der Badewanne, beim Spielen: Kinder sind beliebte Fotomotive. Stolz zeigen Eltern die Bilder anschließend der Familie und Freunden. So auch Tina Treadwell aus Großbritannien - und damit rettete sie ihrem Sohn das Leben.

Eigentlich wollte Tina Treadwell das Foto ihres damals 14 Monate alten Sohnes Taylor an eine Kindermodelagentur schicken. Doch vorher sendete sie es per E-Mail an ihre Schwester Geraldine. Die sah einen hellen Fleck in Taylors Pupille – und war alarmiert. Denn die Tante des kleinen Jungen hatte mal gelesen, dass solch ein Punkt ein Anzeichen für Krebs sein kann.

Frühzeitige Entdeckung rettet Leben

Treadwell sichtete daraufhin weitere Bilder von Taylor. Tatsächlich war der weiße Fleck in der Pupille kein einmaliger Fotofehler, sondern auch auf bereits sechs Monate alten Aufnahmen zu sehen. Die besorgte Mutter zeigte die Fotos daher einem Arzt, der den kleinen Jungen umgehend in ein Krankenhaus schickte.

Das schockierende Ergebnis: Taylor hatte Retinoblastome, bösartige Tumore in der Netzhaut beider Augen. Doch dank der frühzeitigen Entdeckung der Krankheit konnte Schlimmeres verhindert werden. Denn unbehandelt führt das Retinoblastom zum Tod.

Poster-Kampagne mit innovativer Tinte

Mit einer außergewöhnlichen Kampagne macht die Organisation "Childhood Eye Cancer Trust" jetzt in Großbritannien auf die Krankheit aufmerksam: Die Augen von Taylor und drei weiteren betroffenen Kindern sind auf den Plakaten abgebildet und zeigen die symptomatischen Flecken. Allerdings nur, wenn man sie fotografiert. Eine innovative, Licht reflektierende Tinte macht’s möglich. Die Poster hängen nun in Arztpraxen, Kindergärten und Krankenhäusern, um Eltern für eine Früherkennung zu sensibilisieren.

Der Fototest funktioniert ganz einfach mit einer Kamera oder einem Smartphone. Wichtig ist, dass das Bild mit Blitz gemacht wird. Helle Reflektionen in der Pupille können auf die bösartige Krankheit hinweisen. Auch der bekannte "Rote-Augen-Effekt" kann ein Merkmal für das Retinoblastom sein, wenn nur ein Auge auf dem Foto rot leuchtet.

Bei Zweifeln immer einen Arzt fragen

Am besten machen Eltern direkt mehrere Bilder, denn der Winkel und die Lichtverhältnisse können das Ergebnis manchmal verfälschen. Aber keine Panik! Reflektionen und Flecken in den Pupillen sind auch Merkmale für harmlose Augenkrankheiten.

Doch nur ein Arztbesuch schafft daher Gewissheit.

(t-online.de, 18.3.15)

 

 

Tumorforschung

Die fatalen Tricks der Krebsstammzellen

Forscher präsentieren in Heidelberg neue Erkenntnisse zur Entstehung und Ausbreitung bösartiger Tumore.

Sie sind die wohl gefährlichsten Zellen in einem Tumor. Nicht allein, dass sie ihn entstehen lassen – sie sorgen auch ständig dafür, dass neue Krebszellen „nachgeliefert“ werden und erhalten das bösartige Geschehen so am Laufen. Zudem entsenden sie wahrscheinlich direkte Abkömmlinge in den Körper, um dort andernorts Metastasen zu bilden; so zumindest vermuten es heute die meisten Experten. Und zu allem Übel sind sie oft auch besonders widerstandsfähig gegen herkömmliche Behandlungsmethoden: Krebsstammzellen spielen bei der Entwicklung und Ausbreitung der gefürchteten Krankheit eine fatale Rolle – mit welchen Mechanismen und in welchem Ausmaß sie genau agieren, das erforschen Wissenschaftler derzeit weltweit.

Auch beim Symposium „Stammzellen und Krebs“ in dieser Woche im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg diskutierten 400 internationale Experten dieses komplexe Themen. Sie hoffen, durch ein besseres Verständnis auch neue, wirksamere Therapie gegen Krebs finden zu können. „Nur wenn wir es schaffen, die Wurzel restlos zu entfernen, können wir auch den Krebs wirklich besiegen“, erklärt Professor Frederic de Sauvage aus San Francisco, Vizepräsident für den Bereich molekulare Onkologie des Biotechnologie-Unternehmens „Genentech“. Es sei aber sehr schwierig, diese Krebsstammzellen „anzugehen“, räumte Professor Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums, ein. So fand Professor Elaine Fuchs von der Rockefeller University New York heraus, dass einige Stammzellen bei Hautkrebs regelrecht vor der Therapie „flüchten“ und „sich verstecken“ können – um später wieder aktiv zu werden. Gleichwohl: Es gebe es „erste vielversprechende Ergebnisse“. im Bemühen, diese heimtückischen Zellen in Griff zu bekommen, erklärt Otmar Wiestler.

Veränderte Stammzellen auch bei Gesunden

Grundsätzlich sind Stammzellen eine Art „Urzellen“ unseres Körpers: Sie sind in der Lage, sich unbegrenzt zu vermehren und jeden Zelltyp des Körpers zu bilden; seien es Muskel-, Haut-, Nerven- oder Blutzellen. Über all diese an sich genialen Eigenschaften verfügen auch die Tumorstammzellen – nur, dass sie eben keine gesunden, sondern bösartige Zellen produzieren. Entwickeln können sie sich vermutlich auch aus normalen Stammzellen, die mutieren. erklärt Professor Andreas Trumpp, Leiter der Abteilung Stammzellen und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum. So fanden kanadische Forscher auch im Blut gesunder Menschen genetisch veränderte Stammzellen. Dass müsse nicht sofort zu Krebs führen, sagt Trumpp, berge aber sehr wohl die Gefahr, dass im Laufe des Lebens ein Tumor daraus entstehe. John Dick von der Universität Toronto, der als Entdecker der Krebsstammzellen gilt, vermutet, dass jeder solche Vorstufen in sich trägt.

(Frankfurter Rundschau, 1.10.14, Pamela Dörhöfer)

 

 

Uni Würzburg:

Neues Leukämie-Medikament bald verfügbar

Das Krebszentrum am Universitätsklinikum Würzburg hat einen Wirkstoff entwickelt, der die Heilungschance von Leukämiekranken erhöht. Laut der Uni Würzburg soll dieses Mittel bald als reguläres Medikament in den Handel kommen.

Wie die Pressestelle der Uniklinik Würzburg am Mittwoch (30.07.14) mitteilte, hilft der Wirkstoff "Blinatumomab" dem Immunsystem von Krebspatienten, Tumorzellen zu erkennen und zu vernichten. Der Wirkstoff wurde im Wesentlichen am Universitätsklinikum Würzburg entwickelt und getestet. "Blinatumomab" wurde mittlerweile insgesamt über 300 Studienpatienten verabreicht. "Bei der Mehrzahl war zumindest ein teilweiser, häufig auch ein kompletter Rückgang der Tumorzellen zu beobachten", berichtet Ralf Bargou vom Comprehensive Cancer Center, das am Universitätsklinikum Würzburg angesiedelt ist.

Arzneimittel steht kurz vor Markteinführung

Laut Bargou habe "Blinatumomab" im Juli 2014 von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration die so genannte Breakthrough Therapy Designation erhalten. "Dieser Status bringt unter anderem eine beschleunigtes Zulassungsverfahren mit sich, so dass wir damit rechnen können, dass schon im kommenden Jahr ein fertiges Blinatumomab-Medikament auf den Markt kommt", sagte Bargou.

(Bayerischer Rundfunk, 30.7.2014)

 

 

Kann Gift Krebs heilen?

Forscher nutzen eine Laune der Natur – die macht Darmkrebszellen für Gift anfällig

Darmkrebs gehört mit einer Sterblichkeitsrate von rund 90 Prozent zu den tödlichsten Krebsformen überhaupt. Behandlungen sind schwierig und oft sehr riskant. Forscher fanden nun einen völlig neuen Therapieweg – und dazu nutzen sie eine Laune der Natur. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

Eine aktuelle Studie der Thomas Jefferson University zeigt, dass Darmkrebs mit einer speziellen Gifttherapie heilbar ist. Mit sogenannten Immuntoxinen – z.B. Ricin – sind die Forscher demnach in der Lage, in die Krebszellen einzudringen und sie zu zerstören, ohne dabei gesunde Zellen zu verletzen.

Da lag bei bisherigen immuntoxikologischen Therapien das Problem. Wirkstoffe verletzten immer auch normale Zellen, da viele ihrer Moleküle mit denen der Krebszellen identisch sind. Diese Zielausrichtung der Immuntoxine konnte nun optimiert und direkt mit Darmkrebszellen verknüpft werden – dank einer Laune der Natur.

Verräterischer Rezeptor

Darmkrebszellen besitzen nach Aussagen der Forscher eine spezielle Eigenschaft, die sie zu perfekten Zielen für die Behandlung mit Immuntoxinen machen. Konkret verfügen sie über einen Schlüsselrezeptor (GUCY2C), der in gesunden Zellen nicht vorkommt und für die Immuntoxine als Zielmarker fungiert.

Das führt dazu, dass die Darmkrebszellen das Gift verschlingen, wenn es vorher auf die entsprechenden Schlüsselrezeptoren programmiert wurde. Die Forscher konnten auf diese Weise im Versuch mit Mäusen die Darmkrebszellen und Metastasen um bis zu 80 Prozent reduzieren – mit nur 6 Dosen der Immuntoxine.

Der in der Studie beschriebene Therapieansatz gilt als wegweisend für die grundsätzliche Möglichkeit der Behandlung von Krebs mit Gift. Neben Darmkrebs soll das Verfahren in Zukunft auch zur Bekämpfung von Magen-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs – einschließlich der schwer behandelbaren Metastasen dieser Krebsformen – eingesetzt werden. Zurzeit wird die Immuntoxikologie in einer klinischen Studie am Menschen getestet.

(Praxisvita / Bauer online, Hamburg, 10.09.14)

 

 

Milzbrand-Gift gegen Krebs?

Manipulierte Proteine des Milzbrand-Bakteriums sollen Medikamente in Krebszellen schleusen

Von der Biowaffe zum Krebsmedikament: Das Gift des Milzbrand-Erregers soll in Zukunft im Kampf gegen resistente Krebszellen helfen. US-Forscher haben dazu die tödlichen Teile der Proteine im Giftgemisch durch maßgeschneiderte Antikörper ersetzt, die in die Zelle eingeschleust werden. Was im Laborversuch bereits geglückt ist, könnte eine völlig neue Verabreichungsmethode für Krebsmedikamente bedeuten.

Das Bakterium Bacillus antracis ist berüchtigt: Der Erreger des Milzbrandes produziert ein derart tödliches Gift, dass er Einsatz in der biologischen Kriegführung und bei Terroranschlägen fand. Sporen des Bakteriums sind über Jahrzehnte lebensfähig und können auch dann noch Infektionen hervorrufen. Gerade die Effizienz des Bakteriengiftes soll nun jedoch der Medizin zugutekommen – gegen resistente Krebszellen.

Bei verschiedenen Krebsarten heben sich Antikörper als effektives Mittel bewiesen: Damit lassen sich spezifische Rezeptoren an der Oberfläche von Krebszellen blockieren, so beispielsweise der HER2-Rezeptor bei manchen Brustkrebs-Tumoren. Allerdings liegen viele andere Rezeptoren, die sich als Ziel anböten, im Inneren der Zelle und nicht an der Oberfläche – außer Reichweite der Antikörper. Krebsformen, in denen diese Rezeptoren außer Kontrolle geraten, sind resistent gegen die Antikörper-Therapie, denn die Zellmembran ist eine nur schwer zu überwindende Barriere.

Giftgemisch mit gezogenen Zähnen

Hier soll nun das Gift des Milzbrand-Bakteriums helfen: "Das Milzbrand-Toxin ist ein Profi darin, große Enzyme ins Zellinnere zu liefern", sagt Bradley Pentelute vom Massachusetts Institute of Technology. "Wir haben uns gefragt, wie wir das Milzbrand-Gift ungiftig machen können, um es als Plattform zum Verabreichen medizinischer Antikörper in Zellen zu nutzen."

Dazu entfernten Pentelute und seine Kollegen zunächst die tödlichen Teile des Milzbrand-Toxins. Das Gift ist ein Gemisch aus drei Proteinen – zwei davon, die LF- und die EF-Region, sind für die giftige Wirkung verantwortlich. Der übrigbleibende PA-Teil bindet dagegen an die Membran der Ziel-Zelle und schafft eine Art Einfallpforte für LF und EF, die letztendlich die Zelle töten. Diesen beiden Proteinen zogen die Forscher gewissermaßen die Giftzähne: Sie ersetzten die entscheidenden Regionen durch nachgebaute Antikörper. Diese sind kleiner als normale Antikörper, lassen sich aber maßgeschneidert auf bestimmte Ziel-Rezeptoren herstellen.

Erfolgreiche Attacke im Inneren der Krebszelle

Mit dem so entschärften und neu beladenen Toxin gelang es den Forschern im Laborversuch tatsächlich, das Leukämie-auslösende Protein Bcr-Abl zu attackieren: Krebszellen, in denen dieses Protein wucherte, starben durch programmierten Zelltod. Ein weiteres mögliches Ziel war das Protein hRaf-1, welches in vielen Krebsformen übermäßig aktiv ist.

"Diese Arbeit ist ein großer Fortschritt für die Verabreichung von Medikamenten", urteilt Jennifer Cochran von der Stanford University, und erwartet bald weiterreichende Studien über das Medikamente-einschleusende Proteingemisch. Pentelute und seine Kollegen arbeiten bereits daran, Tumoren in Mäusen zu behandeln. Außerdem wollen sie die Proteine so verändern, dass sie nur bestimmte Zelltypen attackieren.

(Scienexx.de, 27.09.14; ChemBioChem, 2014; doi: 10.1002/cbic.201402290, Massachusetts Institute of Technology, 26.09.2014 – AKR; ähnlich auch in Daniel Lingenhöhl in Spektrum der Wissenschaft, 26.09.14)

 

 

 

Toxine: Skorpion tötet Krebs

Proteine und Peptide aus dem Gift von Skorpionen und anderen giftigen Tieren sind potentiell wirksame Waffen gegen solide Tumoren. Was in der traditionellen Erfahrungsmedizin bereits länger bekannt ist, hält nun auf Nanopartikel-Basis Einzug in moderne Therapien.

Das Gift aus Bienen, Schlangen oder Skorpionen eignet sich grundsätzlich sehr gut, um Krebszellen an ihrem Wachstum zu hindern. Die tierischen Gifte haben eins gemeinsam: Sie enthalten Proteine und Peptide, die sich, wenn sie isoliert vorliegen, an Krebszellen anheften können. Allein dieser Prozess kann offenbar deren Proliferation blockieren und so die Ausbreitung maligner Zellen verhindern, berichteten kürzlich Wissenschaftler der University of Illinois. Doch einfach injizieren lassen sich die tierischen Gifte nicht – dazu sind die Nebenwirkungen zu groß: Herzmuskeln oder Nervenzellen könnten geschädigt werden, Gefäßverschlüsse oder innere Blutungen könnten die Folge sein. Denn in ihrer ursprünglichen Form wirken die tierischen Gifte auf gesunde Zellen genauso effizient wie auf Krebszellen.

Wissenschaftler haben daher einen Weg gesucht, um Tumorgifte zielgerichtet verabreichen zu können, wie sie auf dem 248th National Meeting of the American Chemical Society in San Francisco im August 2014 berichteten. Nanopartikel scheinen für diesen Weg gut geeignet zu sein. Sie schirmen die Toxine effektiv vor Reaktionen des Immunsystems ab und transportieren sie direkt zu ihrem Wirkungsort. Zunächst simulierten die Wissenschaftler mit Hilfe von Computermodellen, ob sich die Gifte effektiv in Nanopartikeln verpacken lassen – mit Erfolg. In der Praxis testeten die Wissenschaftler die Wirksamkeit von Bienengift. Eine Substanz namens Mellitin entpuppte sich in Laborversuchen als wirksamer Wirkstoff gegen Krebs. Doch Bienen produzieren derart geringe Mengen des Stoffes, dass es für die Wissenschaftler einfacher war, Mellitin im Labor synthetisch herzustellen, als den Stoff direkt zu gewinnen.

Nanopartikel als Fähren

Im nächsten Schritt verpackten die Forscher Mellitin in Nanopartikeln. „Die Peptid-Toxine, die wir hergestellt haben, sind in den Nanopartikeln so dicht verpackt, dass sie auf ihrer Wanderung durch den Körper den Blutstrom nicht verlassen und Nebenwirkungen verursachen können“, erklärt Studienleiter Dr. Dipanjan Pan. Die Nanopartikel binden an Rezeptoren, die ausschließlich auf Tumorzellen vorkommen und liefern den Wirkstoff zielgerichtet ab. In Zellkulturversuchen hat das Prinzip bereits bei Brustkrebs- und Melanomzellen funktioniert. Nun muss Pans Plan noch an Ratten und Schweinen getestet werden, bevor der Ansatz sein Potential in klinischen Studien unter Beweis stellen kann.

Skorpion-Gift: Bereits TCM-erprobt

Auch Skorpione rücken immer mehr in den Fokus der Wissenschaftler. Skorpiongift wird in der traditionellen Erfahrungsmedizin bereits seit vielen hundert Jahren als Heil- und Schmerzmittel eingesetzt. Auf den ersten Blick scheint Skorpiongift kein geeignetes Krebsmedikament zu sein, denn immerhin kann ein Skorpionstich je nach Art für einen Menschen lebensbedrohliche Folgen haben. Doch auch hierzu hat Dr. Pan mit seinem Forscherteam bereits Versuche mit vielversprechenden Resultaten durchgeführt: Die sphärischen Nanopartikel des Forscherteams enthielten TsAP-1, ein toxisches Protein aus dem Gift des gelben brasilianischen Skorpions. In Nanopartikeln verpackt wirkt Skorpiongift etwa 10-fach toxischer als unverpackt. Neben der Fähigkeit, sich ausschließlich an Tumorzellen zu binden, haben die Peptide aus Skorpiongift einen weiteren Vorteil: Sie können im Gegensatz zu vielen anderen Wirkstoffen die Blut-Hirn-Schranke überwinden.

Hohe Nachfrage führt zu Homöopathie

In Kuba macht der staatliche Pharmakonzern Labiofam seit einigen Jahren Schlagzeilen mit einem Medikament, das aus dem Gift des in Kuba heimischen, blauen Skorpions gewonnen wird und gegen solide Tumore wie das Prostatakarzinom und Hirntumoren wirken soll. Anfang des Jahrtausends produzierte die Firma das Medikament, nachdem einige Krebspatienten erfolgreich mit dem verdünnten Skorpiongift behandelt werden konnten. Berichten zufolge war der Andrang danach so groß, dass das Skorpiongift bald nicht mehr ausreichte. Mittlerweile produziert die Firma allerdings ein homöopathisches Mittel, dass gegen die negativen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung wie Schmerzen, Abgeschlagenheit und Appetitlosigkeit helfen soll. Laut Recherchen von „EuroNews“ wird auf den Zuchtfarmen von Labiofam pro Monat ein Liter Skorpiongift gewonnen. Daraus lassen sich 100.000 Portionen des homöopathischen Medikamentes herstellen. Das Mittel ist momentan in China und mehreren lateinamerikanischen Staaten zugelassen.

Das große Geschäft

Insgesamt erfreut sich Skorpiongift weltweit wachsender Beliebtheit: Wegen der hohen Nachfrage ist der Handel mit den Tieren in Pakistan bereits zu einem lukrativen Geschäft geworden. Nach Angaben von Al Jazeera werden schwarze Skorpione für mehr als 50.000 US-Dollar gehandelt. Bereits im Jahr 2007 berichtete das Wall Street Journal, dass für eine Gallone Skorpiongift etwa 39 Millionen US-Dollar gezahlt werden. Tierschützer befürchten bereits, dass die massive Jagd nach den Tieren viele Arten an den Rand des Aussterbens bringen könnte.

Erste Zulassungsstudie

Unabhängig von ökologischen Bedenken ist Professor Harald Sontheimer, Direktor des internationalen Forschungszentrums der Universität von Alabama in Birmingham fest davon überzeugt, dass Skorpiongift eine wirksame Waffe gegen Hirn- und andere Tumoren sein kann. Bereits in den 1990er Jahren hat der deutsche Forscher im Gift des israelischen Riesenskorpions ein Peptidmolekül entdeckt, das ausschließlich an bestimmte Krebszellen bindet. „Das Peptidmolekül Chlorotoxin wird im kommenden Jahr in einer Phase III Studie an Patienten getestet werden“, sagte er gegenüber DocCheck. Auf das Gift aus Tieren ist das Chlorotoxin-Projekt allerdings nicht angewiesen: „Wir synthetisieren das Peptid ausschließlich im Labor. Für unsere Anwendung wäre das Gift der Skorpione nicht rein genug.“

(DocCheck.com, 12.1.15, Sonja Schmitzer)

 

 

Neue Therapien gegen schwarzen Hautkrebs

«Revolution», «begeistert», «dankbar» - Begriffe, die man auf medizinischen Kongressen selten hört, schon gar nicht, wenn es um Tumore geht. Beim Deutschen Hautkrebskongress aber herrscht beinahe so etwas wie Euphorie.

Keine Krebserkrankung nimmt an Häufigkeit so stark zu wie Hautkrebs. Auf dem Deutschen Hautkrebskongress, der noch bis zum Wochenende in Frankfurt stattfindet, beraten 800 Experten über die neuesten Forschungsergebnisse - und die sind recht vielversprechend. Denn auch wenn die Fallzahlen steigen: Es gibt immer mehr und immer bessere Behandlungsmöglichkeiten, selbst für den tödlichen schwarzen Hautkrebs.

«Wir sind zurückhaltend mit dem Begriff Heilung», sagt Prof. Dirk Schadendorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (Essen). «Aber wir sehen viele Fortschritte, die das Langzeitüberleben sichern.» Die Entwicklung sei vergleichbar mit Aids, sagt Kongresspräsident Prof. Roland Kaufmann (Frankfurt), der Chef der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft: «Wir haben berechtigte Hoffnung, dass aus einer todbringenden Erkrankung eine chronische Krankheit wird - bei guter Lebensqualität.»

220 000 Patienten erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Hautkrebs, bei 20 000 ist es schwarzer Hautkrebs, der bisher im fortgeschrittenen Stadium - wenn er in die inneren Organe streut - fast immer tödlich verlief. 3000 Todesfälle pro Jahr verzeichnet das Krebsregister. Beunruhigend finden Experten die Zunahme der Fallzahlen von rund vier Prozent pro Jahr. Zwei Gründe nennen die Fachgesellschaften: mehr und längere Urlaube zu entfernteren Zielen und die älter werdende Bevölkerung. «Wenn die sonnenverwöhnte Generation alt wird, erlebt sie ihren Hautkrebs», sagt Kaufmann.

Daher pochen die Hautärzte auf dem Kongress so stark darauf, zu viel Sonne zu meiden und über 35 Jahre mindestens alle zwei Jahre zum - von den Kassen bezahlten - Hautkrebsscreening gehen, Risikogruppen wie Rothaarige, Immungeschwächte oder Draußen-Arbeiter besser öfter.

Heller Hautkrebs ist gut behandelbar: Die befallene Stelle wird weggeschnitten, bei großen Flächen wird Haut transplantiert. Seltener, aber weit gefährlicher ist schwarzer Hautkrebs: «Nur fünf Prozent der Patienten mit einem fortgeschrittenen malignen Melanom haben bisher länger als fünf Jahre überlebt», erklärt Peter Mohr von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (Buxtehude).

In den letzten fünf Jahren habe es aber gleich mehrere «Revolutionen» bei den Behandlungsmöglichkeiten gegeben, berichten die Vertreter aller Fachgesellschaften unisono. Weil die Therapien so neu sind, könne man über Langzeiterfolge bei bereits gestreutem schwarzen Hautkrebs noch nichts abschließend sagen, «aber wir gehen davon aus, dass die Überlebensrate bald bei 40 Prozent liegt», sagt Mohr.

Zwei neue Formen von Medikamenten gegen fortgeschrittene Stadien sind inzwischen in Deutschland zugelassen. Peter Mohr erklärt, wie sie funktionieren. Bei der einen neuen Behandlungsoption ist ein mutiertes Protein namens BRAF das Ziel. Die Hälfte der Patienten hat diese Mutation, ist also prinzipiell für diese Therapie empfänglich. Das Medikament unterbricht den Signalweg in den entarteten Zellen und hemmt so die Teilung der Tumorzellen.

Mit der anderen neuen Behandlungsmethode wird eigentlich nicht der Krebs behandelt, sondern das Immunsystem gestärkt. Das Gute: Wenn diese Behandlung bei Hautkrebs funktioniert, könnte sich auch für andere Tumore funktionieren, sagt Kaufmann. «Die Haut ist das Modellorgan für die Krebsforschung.»

Bei aller Euphorie dürfe man aber eines nicht verschweigen, sagt Mohr: «Das wird uns viel Geld kosten.» Bei der Immuntherapie fallen rund 100 000 Euro pro Patient an, bei dem Proteinhemmer 6000 bis 9000 pro Monat. Zudem müssen immer mehr Hautkrebs-Patieten in Krankenhäusern behandelt werden, wie das Statistische Bundesamt kürzlich berichtete. 2012 wurden 91 900 Menschen mit dieser Erkrankung stationär versorgt.

(dpa, Bernd Wüstneck, 12.9.14)

 

 

Brustkrebs: Fortschritt "ohne Beispiel"

Neues Medikament gegen HER2-positiven Brustkrebs zeigt gute Überlebensraten für Mammakarzinompatientinnen

Eine bisher bei neuen medikamentösen Therapien noch nie so erzielte Verlängerung des Gesamtüberlebens von Frauen mit fortgeschrittenem HER2-positiven Mammakarzinom ist jetzt mit einem zusätzlichen Biotech-Medikament beobachtet worden. Es erhöht die Lebenserwartung von 40,8 auf 56,5 Monate, berichteten die Autoren einer neuen Studie beim Europäischen Krebskongress (ESMO) am Sonntag in Madrid.
Etwa 15 Prozent der Mammakarzinom-Patientinnen leiden an HER2-positivem Brustkrebs. Das bedeutet, dass an der Oberfläche der Krebszellen vermehrt Rezeptoren für den Wachstumsfaktor EGF (EGFR) gebildet werden. Das lässt den Tumor schneller wachsen.
Vor allem bei fortgeschrittener Erkrankung hat in den vergangenen zehn Jahren eine Chemotherapie in Kombination mit dem monoklonalen EGRF-Antikörper Trastuzumab eine wesentliche Verbesserung der Überlebenschancen gebracht. Trastuzumab ("Herceptin"/Roche) dockt an dem Rezeptor an und verhindert eines der Wachstumssignale, die über ihn an den Kern der bösartigen Zellen gesendet werden.
Seither gehört dieser monoklonale Antikörper zum Standard einer Behandlung der HER2-positiven Mammakarzinomerkrankung und hat diese an sich aggressive Erkrankungsform deutlich besser therapierbar gemacht. Allerdings lässt der Effekt mit der Zeit nach. Seit kurzem gibt es hier mit einem weiteren monoklonale Antikörper, Pertuzumab, ("Perjeta"/Roche) eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit.

Auch gegen Metastasen

Der Biotech-Wirkstoff dockt an einer anderen Stelle des HER2-Rezeptormoleküls an und verhindert, dass sich dieser Rezeptor so mit anderen Typen des Moleküls (HER1, HER3) verbindet, dass er trotz einer Trastuzumab-Behandlung doch noch seine wachstumsfördernde Wirkung auf die Tumorzellen ausübt.
Die Ergebnisse einer groß angelegten Wirksamkeitsstudie mit 808 Patientinnen mit fortgeschrittenem HER2-positiven Brustkrebs unter Verwendung einer Chemotherapie plus der zwei monoklonalen Antikörper (im Vergleich zu Chemotherapie plus Trastuzumab allein) zeigte jetzt große Erfolge, wie Sandra Swain vom Washington Hospital Center (USA) berichtete. Mit der Dreifach-Kombinationstherapie überlebten die Patientinnen mit unheilbarem Mammakarzinom und Metastasen um 15,7 Monate länger als in der Vergleichsgruppe. Die durchschnittliche Überlebenszeit stieg von 40,8 auf 56,5 Monate.
"Diese Verbesserung der durchschnittlichen Gesamtüberlebensdauer um fast 16 Monate, die wir in der Studie beobachtet haben, ist bisher für solche Untersuchungen bei metastasiertem Brustkrebs ohne Beispiel", erklärte die US-Wissenschafterin. Vor etwa 15 Jahren hatte die durchschnittlich verbleibende Lebenserwartung solcher Patientinnen noch nur um die 20 Monate betragen. "Das ist einer der größten Fortschritte, diese Erkrankung zu einem chronischen Leiden zu machen", fügte der spanische Experte Javier Cortes (Vall D'Hebron Institut für Onkologie/Barcelona) hinzu.

(APA, derStandard.at, 29.9.2014)

 

 

Neue Therapie aus den USA:

Mit gen-manipulierten Zellen gegen Krebs

Hoffnung gegen Krebs: neue Therapie half 27 von 30 Patienten

Forscher aus Pennsylvania haben eine neue Form der Krebstherapie erprobt: mittels Gen-Manipulation. Mit Erfolg! Bei 27 von 30 behandelten Patienten ging die Zahl der Krebszellen zurück - Patienten, für die vorher keine Hoffnung mehr bestand.

Auf der Suche nach einem Mittel gegen Krebs sind Forscher aus Pennsylvania der Heilung vielleicht einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Das lassen zumindest aufsehenerregende Ergebnisse einer neuen Studie vermuten. Die ist in der Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ erschienen und beschäftigt sich mit einer neuen Gen-Therapie.

T-Zellen werden genetisch modifiziert

Während der Studie wurden Menschen mit akuter lymphatischer Leukämie behandelt, einer besonderen Form des Blutkrebs. Ihnen wurden T-Zellen entnommen – die sind Teil des Immunsystems und bekämpfen kranke Zellen, Viren und Bakterien.

Außerhalb des Körpers wurden die T-Zellen genetisch modifiziert und den Patienten wieder injiziert. Die umprogrammierten T-Zellen begannen danach auch die Zellen zu zerstören, die für die Leukämie verantwortlich sind.

27 von 30 Patienten zunächst geheilt

Die Ergebnisse der Studie sind beachtlich. Von 30 behandelten Patienten war bei 27 ein Rückgang der Krebszellen zu verzeichnen. Das ist eine Erfolgsquote von 90%. Umso beeintruckender ist diese Zahl, da es sich bei den Patienten um Menschen handelt, die bereits mehrere andere Behandlungen hinter sich hatten und rückfällig geworden sind – mit anderen Worten: die als “austherapiert” galten.

Wir wollten wissen, wie dieses neue Verfahren zur Krebstherapie genau funktioniert und welche Chancen oder auch Gefahren in der Gen-Therapie stecken – und haben Prof. Dr. Hans-Reimer Rodewald gefragt. Er ist Immunologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg: „Das Ergebnis ist beachtlich, da es sich um Patienten handelte, die schon Rückfälle hatten und für die es keine Alternative gab.“

(detektor.fm, Leipzig, 17.10.2014)

 

 

Chinesische Wissenschaftler entdecken mögliches Krebs-Killer-Virus

Das von den Forschern entdeckte M1 Virus könnte Krebszellen bekämpfen, ohne normale Zellen zu beschädigen und würde damit einen großen Hoffnungsschimmer im Kampf gegen Krebs bedeuten.

Das Forscherteam um Yan Guangmei, Professor an der "Zhongshan School of Medicine" der Sun Yat-Sen Universität in der Guangdong Provinz, hatte das Virus vor Kurzem entdeckt. Es stamme von einer bestimmten Moskito-Art in der tropischen Hainan Provinz und könne dem Wachstum von Krebszellen Einhalt gebieten, ohne gesunde Zellen dabei zu zerstören, hieß es.

Die Studie ist in der Oktober-Ausgabe der "Proceedings of the National Academy of Sciences" der Vereinigten Staaten von Amerika veröffentlicht worden.

Tierversuche hatten demnach ergeben, dass sich das M1 Virus positiv auf die Krebszellen von Leber, Blase, Dickdarm und des Rektums auswirkten.

Krebs ist eine ständig wachsende Bedrohung für die chinesische Bevölkerung. Als Gründe dafür werden unter anderem ein ungesunder Lebensstil sowie die fortschreitende Umweltverschmutzung genannt. China verzeichnet jährlich 3,5 Millionen neue Krebsfälle. 2,5 Millionen Menschen, was fast der Zahl der Gesamtbevölkerung von Kuwait entspricht, sterben jedes Jahr in China an Krebs.

(german.cina.org.cn, 16.10.14)

 

  

Bei Gehirntumoren steht Therapie-Revolution noch aus

Aufgrund der enormen Bandbreite und mühsamer Zulassungsstudien gibt es noch kaum wirksame Standard-Therapien

Bei Gehirntumoren gibt es zwar einen enormen Wissenszuwachs, doch signifikante Therapie-Durchbrüche stehen noch aus. Das erklärte der St. Pöltener Neuroonkologe Stefan Oberndorfer aus Anlass der Jahrestagung des europäischen Spezialistenverbandes auf diesem Fachgebiet (EANO) in Turin, die noch bis Sonntag (12.10.) läuft.

Große Vielfalt

"An der Spitze der Erkenntnispyramide steht unser zunehmendes Wissen über die Biologie der Gehirntumore. Vor 30 Jahren war eine Handvoll Formen bekannt, heute kennen wir rund 130", sagt der Experte. Jede davon sei individuell durch ein eigenes Wachstum charakterisiert, und jede sei anders therapierbar. Und weiter: "Gehirntumore und ihre Behandlung sind ein Paradebeispiel für individualisierte Medizin."

Leider, so Oberndorfer, konnte der rasante Zuwachs an Kenntnissen zum Beispiel über Genetik, Tumorimmunologie, Gefäßneubildung und Ausbreitung von Gehirntumoren "noch nicht in einen signifikanten therapeutischen Erfolg umgesetzt werden". Eine Ursache dafür liegt in der Vielfalt der Gehirntumoren. Das erschwert die Erforschung neuer Arzneimittel auf diesem Gebiet.

"In Zulassungsstudien wird die Wirkung eines Medikaments gegen Gehirntumor untersucht. Weil jeder Tumor individuell anders ist, wirkt das Medikament in manchen Fällen sehr gut, in manchen Fällen gar nicht, und im Durchschnitt gibt es kein signifikantes Ergebnis beim Gesamtüberleben", sagt Oberndorfer. Das stelle häufig auch die pharmazeutische Industrie vor Probleme: "Arzneimittelforschung ist teuer, und das Erforschen und Entwickeln von Arzneien, die schließlich nur bei eine sehr kleinen Patientengruppe individuell wirksam sind, ist wirtschaftlich nicht attraktiv."

Relativ selten

Gehirntumore zählen zu den eher seltenen Erkrankungen des Gehirns. Die häufigsten Tumore, die aus hirneigenem Gewebe hervorgehen, sind das in der Regel gutartige Meningeom und das aggressive, rasch wachsende Glioblastom, an dem in Österreich jährlich etwa 400 Menschen neu erkranken.

Mit rund 5.000 betroffenen Patienten sind Metastasen anderer Krebserkrankungen wie Lungen- oder Brustkrebs im Gehirn ("zerebrale Metastasierung") weit häufiger. Beim Glioblastom zeichnet sich gegenwärtig eine Entwicklung zu einer genaueren molekularbiologischen Charakterisierung mit potenziellen zielgerichteten Therapiekonsequenzen ab, erklärt Oberndorfer.

So lässt sich aus dem Aktivierungsstatus bestimmter Gene ableiten, ob ein bestimmtes Medikament wirken könnte oder nicht. Eine anderes Problem bedeuten Metastasen von Tumoren, die sich auch im Gehirn bilden können. Es ist durch die Blut-Hirnschranke abgeschirmt, wodurch viele Arzneimittel nicht greifen. Die Prognose von Patienten mit Gehirnmetastasen variiert sehr stark. So schwankt die mittlere Überlebensdauer von Menschen mit Brustkrebs bei günstigen prognostischen Faktoren von mehr als zwei Jahren bis hin zu Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs, denen statistisch nur mehr drei Monate bleiben.

(APA, derStandard.at, 10.10.2014)

 

 

Krebs im Visier

Highlights der Forschung: Neue Therapien, neuartige Strahlen und Früherkennung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs

Wien/Madrid. Fast täglich vermelden Fachmagazine neue Fortschritte, wenn es um das Thema Krebs geht. Weltweit bemühen sich Ärzte und Forscher intensiv darum, dieser immer mehr um sich greifenden Erkrankung Herr zu werden. Beim Europäischen Krebskongress (Esmo), der derzeit in Madrid stattfindet, traten nun besondere Highlights zu Tage, die Betroffenen Anlass zur Hoffnung geben.
Eine neue Arznei konnte bei Frauen mit einer bestimmten Art von Brustkrebs - dem fortgeschrittenen HER2-positiven Mammakarzinom - das Überleben um 16 Monate verlängern. An dieser Art leiden etwa 15 Prozent der Brustkrebspatientinnen. Dabei werden an der Oberfläche der Krebszelle vermehrt Rezeptoren gebildet, die den Tumor schneller wachsen lassen. Schon der bisher in Kombination mit einem Chemotherapeutikum verabreichte monoklonale Antikörper Trastuzumab, der die Wachstumssignale der Rezeptoren unterbricht, hatte eine wesentliche Verbesserung der Überlebenschancen gebracht. Der Effekt der Therapie lässt allerdings mit der Zeit nach.

16 Monate längeres Überleben

Das sogenannte Pertuzumab bietet nun eine zusätzliche Möglichkeit, die zu dem erfreulichen Fortschritt geführt hat. Mit dem neuen Wirkstoff, der gemeinsam mit dem Chemotherapeutikum und Trastuzumab verabreicht wird, überlebten die Patientinnen mit unheilbarem Mammakarzinom und Metastasen (Tochtergeschwüren) um 15,7 Monate länger als in der Vergleichsgruppe, wie Sandra Swain vom Washington Hospital Center beim Kongress berichtete. Die durchschnittliche Überlebenszeit stieg damit von 40,8 auf 56,6 Monate.
Auch beim besonders gefährlichen, weil zumeist zu spät erkannten Bauchspeicheldrüsenkrebs zeichnet sich ein Fortschritt ab. Forscher um Brian Wolpin vom Dana-Farber Krebsinstitut in Boston haben einen Marker im Blut identifiziert, der Grundlage für einen Früherkennungstest sein könnte. Die Diagnose von Pankreaskrebs ist nämlich keine einfache. Das Organ befindet sich tief im Körperinneren, sodass man für gewöhnlich keine Symptome verspürt. "Könnte die Erkrankung früher erkannt werden, wäre es möglich, sie erfolgreich zu heilen", betont Wolpin in "Nature Medicine".
Die Forscher fanden heraus, dass bei Patienten mit Pankreaskrebs der Spiegel verzweigtkettiger Aminosäuren (BCAAs) im Blut erhöht ist. BCAAs sind für den Zell- und Muskelaufbau notwendige essenzielle Aminosäuren, die der Mensch nicht produziert, sondern mit der Nahrung aufnimmt. Auch Studien an Mäusen zeigen, dass Tiere mit diesem Tumor einen höheren Spiegel aufweisen. Umgekehrt könnte dies ein Hinweis auf die Erkrankung sein.

Protonen statt Röntgen

Neuigkeiten auf dem Esmo-Kongress lenkten das Augenmerk auch auf die Möglichkeiten der Bestrahlungstherapien. Hier zeichnet sich mit den lasergestützten Protonenstrahlen eine vielversprechende Alternative zur herkömmlichen Radiotherapie ab.
Derzeit kommen in der Strahlentherapie Beta- (Elektronen), Röntgen oder Hoch-Energie-Photonen-Strahlen zum Einsatz. Erhebliche Vorteile erwartet man sich hingegen von den Protonenstrahlen. Sie erlauben hohe Strahlendosen bei gleichzeitiger optimaler Schonung des gesunden Gewebes.
Präsentiert wurde nun eine neue Technologie, die die Anwendung für deutlich mehr Zentren als bisher möglich macht. Derzeit sind die Anlagen noch extrem groß und sehr teuer. Anstelle eines Teilchenbeschleunigers könnten High Power Laser Systeme zur Erzeugung von Protonen eingesetzt werden. Diese Apparatur ist deutlich kleiner, beweglicher und um ein vielfaches kostengünstiger.

Zulassungen unterschiedlich

Obwohl es immer wieder zu Verbesserungen in der Krebstherapie kommt, profitieren nach wie vor nicht alle Patienten von diesen. So zeigen zwei neue Studien auf, dass der Zugang zu innovativen Arzneien zwischen Kanada, Europa und den USA, aber auch in der EU sehr unterschiedlich ist. Das liege nicht zuletzt an der ungleichen Zulassungsdauer. Die Forscher fanden heraus, dass die durchschnittliche Zulassungszeit bei der US-Behörde FDA sechs Monate kürzer war als in der EU (EMA) und 7,6 Monate kürzer als in Kanada. Die schnellste Zulassungszeit unter den untersuchten Substanzen hatte Cabazitaxel, das von der FDA für metastasierenden Prostatakrebs schon 17 Tage nach der Herstellerbewerbung zugelassen wurde. In Europa betrug die Zeit hingegen 11,03 Monate. Lang dauernde Prozesse haben aber massiven Einfluss auf die Behandlung von Krebspatienten, stellen die Studienautoren fest.

Therapietreue

Aber nicht nur die Zulassungszeit hat Einfluss auf den Behandlungserfolg, maßgeblich ist auch die Therapietreue der Patienten selbst. Mehr als 500 von knapp 8000 Krebspatienten beenden ihre Chemo- oder Hormontherapie wegen der Nebenwirkungen vorzeitig, wie eine britische Studie zeigt. Es gehe klar hervor, "dass die Verabreichung und Verschreibung von unterstützenden Therapien und ihre Befolgung durch Patienten essenziell sind", stellt der leitende Onkologe Christoph Zielinski von der Meduni Wien fest. Hier sollten Schritte zur Optimierung der Lebensqualität unter und nach einer Krebsbehandlung erfolgen, fordert der Mediziner.

(Wiener Zeitung, 29.9.14, Alexandra Grass)

 

  

Bionik

Krebs steht Pate für Tumorkamera

Türkis, pink, orange – Menschen sehen Farben in vielen Schattierungen. Manche Tiere jedoch nutzen polarisiertes Licht, um ihre Umwelt zu sehen. Forscher der Queensland-Universität in Brisbane haben herausgefunden, dass die Augen des Fangschreckenkrebses optimal auf polarisiertes Licht eingestellt sind und so verschiedene Arten von Gewebe unterscheiden können. Krebsgewebe reflektiert polarisiertes Licht anders als das umliegende gesunde Gewebe. „Menschen sehen das nicht, aber ein Fangschreckenkrebs könnte direkt auf den Tumor zulaufen und drauftippen“, erklärt Justin Marshall vom Queensland Brain Institute an der australischen Uni. Marshall und seine Kollegen ließen sich von der „eleganten und effizienten“ Sichtweise der Krebsart inspirieren und haben nun zusammen mit britischen und US-amerikanischen Forschern eine Kamera entwickelt, die das Gleiche vermag. Über den Bionik-Prototypen berichten sie im Fachjournal Proceedings of the IEEE.

„Die Kamera nimmt Videos auf und kann eine unmittelbare Rückmeldung über die erkannten Tumore und auch die Aktivität von freiliegenden Nervenzellen geben“, beschreibt Marshall. Die neue Kamera übersetzt die – für Menschen – unsichtbaren Nachrichten in sichtbare Farben. Zwar arbeiten gegenwärtige Bildgebungsverfahren bereits mit polarisiertem Licht, so Marshall. Aus Sicht der Forscher ist die Fangschreckenkrebs-inspirierte Technologie jedoch insgesamt besser und breiter anwendbar. Die Wissenschaftler hoffen, dass Ärzte so auf invasive Biopsien öfter verzichten und bei operativen Eingriffen zielgenauer vorgehen können. Die langfristige Vision: Eine Smartphone-Kamera, mit der ein Nutzer sich selbst auf Krebs untersuchen kann.

(laborwelt.de, 29.9.14)

 

 

 

Mikrofluidik knackt Immunzellen

Ein US-Start-up hat eine neue Methode entwickelt, mit der sich Wirkstoffe direkt in Körperzellen ausliefern lassen sollen.

Verschiedene neue und potenziell revolutionäre Behandlungsformen für schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs und HIV leiden an einem zentralen Problem: Es bleibt schwierig, die Wirkstoffe in die betroffenen Zellen zu bringen, da diese Fremdstoffe leicht abwehren können.

Ein sogenanntes Mikrofluidik-System, das von dem Start-up SQZ Biotech entwickelt wurde, soll Abhilfe schaffen: Die Technik bringt mikroskopisch kleine Moleküle vergleichsweise schnell und billig in Zellen, in dem deren Membran kurzfristig durchlässig gemacht wird.

Bislang ist das Verfahren zwar nur für die Forschung vorgesehen, doch könnte es in absehbarer Zeit helfen, neuen Therapien zum Erfolg zu verhelfen. Denkbar ist etwa eine Verwendung innerhalb der sogenannten Immunotherapie, bei der die menschlichen Abwehrzellen manipuliert werden, um gegen Krankheiten wie Krebs direkt vorzugehen. Hierzu müssen Proteine und genetisches Material direkt in die Immunzellen eingebracht werden. Das erfolgt zumeist durch eine Blutentnahme und die Bearbeitung der Zellen außerhalb des Körpers – anschließend werden sie wieder in den Körper injiziert.

SQZ zufolge könnte man mit dem Verfahren die Kosten der Immunotherapie deutlich senken und gleichzeitig deren Wirksamkeit erhöhen. Erst im November musste einer der Pioniere auf dem Forschungsgebiet, Dendreon, Insolvenz anmelden, technische Hilfen, die die hochpreisige Behandlung billiger machen, sind entsprechend begehrt.

"Das System von SQZ hat gezeigt, dass es viele Stoffe, darunter Proteine, kleine Moleküle und RNA, effizienter und mit geringerer Toxizität in die Immunzellen ausliefern kann als bestehende Verfahren", meint Robert Langer, Professor am MIT und Mitglied im Board of Directors der Firma.

Andere Optionen für die Immunotherapie nutzen elektrische Felder oder verwenden Viren, um genetisches Material in Zellen einzubringen, das dann wiederum die Produktion von Proteinen anregt, die das Immunsystem scharf schalten. Diese indirekten Verfahren sind aber noch langsam und ebenfalls teuer. Das neue Mikrofluidik-Gerät benötigt laut SQZ angeblich nur Sekunden und könnte direkt am Krankenbett eingesetzt werden.

Der Verarbeitungsprozess beginnt mit einer Blutentnahme und der Extraktion weißer Blutzellen, die dann in ein Reservoir gegeben werden – zusammen mit der in die Zellen einzubringenden Substanz. Eine Pumpe presst die Blutzellen dann durch 75 mikroskopische Kanäle. In der Mitte dieser Kanäle erreichen die Zellen eine Engstelle, die sie dann zusammendrückt und zwingt, sich zu drehen, was dann das Hereindrücken des Wirkstoffes erlaubt.

Das geht nur dann, wenn die Zellen schnell genug durch die Engstelle gepresst werden, damit die natürlichen Abwehrmechanismen nicht greifen, sagt Jonathan Gilbert, ein ehemaliger MIT-Forscher, der jetzt als Geschäftsentwicklungsleiter von SQZ arbeitet. Das macht die Zellmembranen kurzzeitig durchlässig, was es Proteinen und anderen Stoffen erlaubt, vorzustoßen.Die behandelten Zellen werden dann dem Patienten wieder injiziert – momentan ist das aber nur im Tierversuch getestet worden.

Die SQZ-Geräte werden aktuell von einigen Biologen untersucht, die Nutzung für experimentelle Behandlungsverfahren wird von der Firma derzeit vorbereitet. Ein Ansatz wäre, Krebs-relevante Proteine in Immunzellen einzuführen. Dies führt dann zu einer deutlich stärkeren Immunantwort, was Tumore schrumpfen lässt. (Kevin Bullis) / (bsc)

(Technology Review, 20.1.15, Kevin Bullis)

 

 

Dresdner Analytiker entwickeln Krebs-Schnelltester

Fraunhofer-Gerät diagnostiziert Prostata binnen 90 Sekunden

Dresden/Düsseldorf, 28. Oktober 2014: Ein Schnelltestgerät, das Prostata-Krebs viel schneller und zuverlässiger als bisherige Labormethoden erkennt, haben Materialdiagnostiker des Dresdner „Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme“ (IKTS-MD) entwickelt. Statt Tage braucht es nur anderthalb Minuten, um bösartige Wucherungen in der Prostata zuverlässig zu diagnostizieren, informierte die Fraunhofer-Gesellschaft. Die Forscher hoffen, den etwa mikroskop-großen Automaten künftig auch für andere Krebsarten anpassen zu können. Einen ersten Prototypen zeigen sie auf der Messe „COMPAMED“ vom 12. bis 14. November 2014 in Düsseldorf.

Analyse dauert bisher meist noch Tage

Bisher war es üblich, Patienten eine Gewebeprobe aus der Prostata (Sperma-Drüse beim Mann) zu entnehmen, sie mühselig aufzuspalten und dann von einem Pathologen unterm Mikroskop untersuchen zu lassen – wobei laut Fraunhofer selbst erfahrene Ärzte Mühe haben, gut- und bösartiges Gewebe immer sicher zu unterscheiden. Diese Analyse dauert insgesamt meist mehrere Tage, was für die betroffenen Patienten meist eine Zeit großer Sorge und psychischer Anspannung ist.

Laser lässt Krebs und gesunde Zellen unterschiedlich leuchten

Beim neuen Fraunhofer-Apparat, der etwa so groß ist wie ein Laserdrucker oder ein optisches Mikroskop, wird die Gewebeprobe direkt eingeschoben. Danach regt ein Laser die Zellen zu einem Eigenleuchten an, das sich je nach Zellenart unterscheidet. Dabei klingt diese Fluoreszenz bei gesunden und bei Krebs-Zellen unterschiedlich schnell ab – und dies macht sich das Gerät zunutze, um zu unterscheiden, ob ein Karzinom vorliegt oder nicht, wie IKTS-Entwickler Dr. Jörg Opitz erklärt. „Der Arzt erhält auf Knopfdruck innerhalb von eineinhalb Minuten eine zuverlässige Aussage, ob das Gewebe in der Probe gut- oder bösartig verändert ist“, versichert der Wissenschaftler. Wahrscheinlich werde es möglich sein, das Verfahren – mit dann anderen Fluoreszenz-Schwellenwerten – auch auf andere Krebsarten zu übertragen, möglicherweise durch bloße Software-Updates.

Bereits zwei klinische Studien absolviert

Die ersten zwei klinischen Studien habe das optische Diagnosegerät bereits erfolgreich hinter sich, informierte das Institut. Momentan laufe eine dritte Studie.

(Posted by Heiko Weckbrodt on 28. Oktober 2014)

 

Google-Armband soll Krebs frühzeitig erkennen

Google forscht an einer Methode, mit der sich Erkrankungen wie Krebs frühzeitig erkennen lassen. Die Idee: Nanopartikel werden in den Blutkreislauf eingeführt, ein Armband analysiert ihr Verhalten.

Ein Team aus Googles Forschungslabor X will es einfacher machen, Herzattacken und Erkrankungen wie Krebs frühzeitig zu erkennen. Laut einem Bericht der BBC arbeitet das Unternehmen an einem Armband, das im Zusammenspiel mit Nanopartikeln Veränderungen im Körper erkennen soll, die auf Gesundheitsprobleme hindeuten. Die Nanopartikel sollen durch das Schlucken einer Tablette in den Blutkreislauf gelangen.

Googles Forschung befindet sich noch in einer frühen Phase, entsprechend vorsichtig sollte man mit der Nachricht umgehen. Schon einige Silicon-Valley-Firmen haben sich vorgenommen, den Gesundheitssektor aufzumischen. Viele Projekte verschwanden aber in der Versenkung oder sehen sich wie die von Google unterstützte Gentest-Firma 23andMe heftiger Kritik ausgesetzt.

Mit seiner Armband-Idee prescht Google nun vor, um Partner zu finden. Das Unternehmen plant, die Technik an Unternehmen zu lizenzieren, damit diese sie auf den Markt bringen können - vermutlich erst in einigen Jahren.

"Es handelt es sich nicht um Verbrauchergeräte", sagt Andrew Conrad, der Leiter von Googles sogenanntem Life-Science-Team, zum Armband-Projekt. "Es sind Medizinprodukte, die verschrieben werden." Das Thema Datenschutz schneidet Conrad zumindest mit dem Satz an, Google solle durch das Armband "in keiner Form" Teil der Beziehung zwischen Patient und Arzt werden.

Nanopartikel, die sich an Krebszellen heften

Auf einer Konferenz des "Wall Street Journal" hat Conrad beschrieben, welchen Ansatz Google bei seinem Vorhaben verfolgt - die entsprechende Passage zeigt unser Video:

Googles Idee zielt darauf, dass sich die Nanopartikel dank beigefügter Antikörper oder Moleküle zum Beispiel an Krebszellen anheften - ein Verhalten, welches das Armband erkennen soll. Nach einem ähnlichen Prinzip soll das Armband auch auf drohende Herzattacken hinweisen können.

Gegenüber der BBC hat sich Paul Workman vom Londoner Institut für Krebsforschung zum Google-Konzept geäußert. "Im Grundsatz ist das toll", wird er zitiert. "Jeder Neueinsteiger mit frischen Ideen ist auf diesem Gebiet willkommen."

Das größte Problem sieht Workman in möglichen Fehldiagnosen, etwa wenn das Armband einem eigentlich Gesunden nahelegt, er habe Krebs. Eine "sehr vorsichtige und gründliche Auswertung" sei nötig, bevor eine solche Art Blutüberwachung in größerem Umfang zum Einsatz kommt.

Google hat im Bereich Gesundheit bereits mit einer Kontaktlinse speziell für Diabetiker auf sich aufmerksam gemacht. Mitte Juli wurde bekannt, dass das Biotechnologie-Unternehmen Novartis die "Smart Lens" genannte Technologie lizenziert hat. Novartis' auf Augenmedizin spezialisierte Tochterfirma Alcon werde damit eigene Produkte entwickeln und vermarkten.

(Spiegel online, 29.10.14, mbö)

 

 

Therapie - Tübinger Forscher optimiert Impfviren und bekämpft damit Tumorzellen

Kalkulierte Kettenreaktion im Kampf gegen Krebs

Eigentlich sind Viren etwas, das man tunlichst meidet. Wer möchte schon an einer Grippe erkranken, oder schlimmer noch – an SARS, Hepatitis oder gar Ebola? Doch Viren können auch nützlich sein. Als Impfviren verhindern sie gerade jene Krankheiten, die sie sonst auslösen. Doch es geht noch besser. Viren können Krebs bekämpfen.

Neu ist das nicht. Wie Professor Ulrich Lauer von der Medizinischen Klinik in Tübingen berichtet, wurde schon vor hundert Jahren beobachtet, dass sichtbare Tumore gelegentlich während eines Infekts wegschmelzen. Und in den fünfziger Jahren versuchten Forscher, Viren gegen Krebs einzusetzen. Doch erst die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten zehn bis 15 Jahre geben Anlass zur Hoffnung, Krebs bald in regulären Therapien mit Viren bekämpfen zu können.

Wie ist das Vorgehen bei einer Virotherapie? »Eigentlich ganz einfach«, meint der Tübinger Gastroenterologe. Der Patient bekommt präparierte Viren verabreicht. Oft sind es Impfviren. Von ihnen weiß man durch millionenfache Impferfahrung, dass sie sicher sind und für gesunde Körperzellen ungefährlich. Zudem wurde in Versuchen mit Zellkulturen und Tieren nachgewiesen, dass Impfviren sehr effizient Tumorzellen infizieren und zerstören. Für die Verabreichung der Viren kommen unterschiedlichste Wege infrage. Eine Möglichkeit ist, dass die Viren gezielt ins Tumorgewebe eingespritzt werden. Nur schlucken darf der Patient das Arzneimittel nicht. Sonst würden die Viren, noch bevor sie die Tumorzellen erreichen, im Verdauungstrakt abgetötet.

Die Virotherapie wirkt zweigleisig. »Sobald ein Virus in eine Krebszelle kommt, fängt es an Tausende Nachkommenviren zu produzieren. Die Krebszelle ist dann nur noch mit der Virusproduktion beschäftigt«, erklärt Lauer. Allerdings hält das ihr Stoffwechsel nur zwei Tage aus. Dann zerplatzt die Zelle regelrecht. Die bis dahin gereiften Viruspartikel werden ausgeschleust und befallen andere, noch nicht infizierte Krebszellen. So arbeitet sich das Virenmedikament durchs Tumorgewebe hindurch. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass die eingebrachten Viren das Immunsystem des Patienten anwerfen. Krebszellen haben normalerweise die Eigenschaft, sich wie hinter einer Tarnkappe vor dem Immunsystem zu verbergen. »Aber in dem Moment, in dem Viren ins Spiel kommen, fällt die Tarnkappe, der Tumor steht nackt da und wird auf einmal deutlich besser erkannt.« Die Virotherapie bekämpft also den Krebs in einer kalkulierten Kettenreaktion.

Noch nicht zugelassen

Doch noch ist das Therapieverfahren nicht so effektiv, dass ein Virotherapeutikum zugelassen werden konnte. »Das hängt damit zusammen, dass man noch nicht genau weiß, was für welche Tumorerkrankung das optimale Virotherapeutikum ist, wie man es optimal appliziert, was die optimale Dosis ist und wie man es mit den anderen Krebsmitteln kombiniert«, sagt der Forscher. Er ist aber zuversichtlich, dass es im kommenden Jahr eine Zulassung für eine Virotherapie gegen Hautkrebs geben wird. »Ich rechne damit, dass in den Folgejahren viele weitere dazukommen werden.«

An der Virotherapie wird weltweit geforscht. Mit führend sind nach Aussage von Lauer die USA und Großbritannien. Deutschland sei zwar von der Ausstattung, Infrastruktur und Ausbildung gut aufgestellt. Aber wenn Firmen hierzulande Arzneimittelstudien machen wollen, sprächen höhere Kosten, strengere Auflagen und längere Genehmigungsverfahren dagegen. Richtig gut sei man hier aber bei der Qualität der Studien. »So wie wir Autos bauen, so machen wir auch exzellente Studien. Dadurch können wir ein bisschen ausgleichen.« In Deutschland sind es Unikliniken, die sich aufs Neuland der Virotherapie eingelassen haben und ihr Ziel gemeinsam in einem Forschungsverbund verfolgen. Bislang wurden in Deutschland vierzig Patienten virotherapeutisch behandelt, davon mehr als die Hälfte in Baden-Württemberg (neun in Tübingen, die übrigen in Heidelberg).

Zu den Forschungsleistungen der Tübinger zählen präklinische Untersuchungen und die Entwicklung von optimierten Impfviren. So konnten etwa Masernimpfviren mit einem sogenannten Suizid-Gen ausgestattet werden. Dieses Gen zwingt die infizierten Krebszellen zum »biochemischen« Selbstmord und verstärkt somit zusätzlich den virusvermittelten Zelltod von Krebszellen, die sogenannte Onkolyse. Bei ihren experimentellen Virotherapien beschränken sich die Tübinger derzeit noch auf Bauchfellkrebs. In Heidelberg stehen Hirntumoren und an anderen deutschen Standorten der Leberkrebs im Fokus der Virotherapieforschung. Doch nach Lauer kommt Virotherapie für alle Krebsarten infrage. Dass in Deutschland zunächst an diesen drei Krebsarten geforscht wird, liegt daran, dass bei ihnen ein besonderer medizinischer Bedarf besteht.

(Reutlinger General-Anzeiger, 7.11.14, Martin Schreier)

 

  

Killerzellen gegen Krebs aktivieren

Novartis erzielt Durchbruch bei Krebstherapie

Der Basler Pharmakonzern Novartis will eine Gentherapie auf den Markt bringen, die Killerzellen gegen Krebs aktiviert und so todkranke Leukämiepatienten rettet.

Killerzellen: Jeder Mensch hat sie. Als sogenannte T-Lymphozyten oder T-Zellen sind sie Teil des Immunsystems und töten Eindringlinge ab. Wissenschafter diskutieren seit Jahrzehnten darüber, wie sie diese Killerzellen gegen Krebs aktivieren können, denn diese Bedrohung attackieren die T-Zellen nicht. Bis jetzt.

Mitte Oktober publizierte eine Forschergruppe der University of Pennsylvania in Philadelphia (Penn) neue Daten zu einer Studie mit 30 todkranken Leukämiepatienten, mehrheitlich Kindern. Sie alle hatten schon mehrere Therapien durchgestanden, mehr als die Hälfte als letzte Option eine Knochenmarktransplantation hinter sich – doch ihre aggressive Form von Blutkrebs kam zurück. Es gab für diese Kinder kaum mehr Hoffnung.

Nichts zu verlieren

Sie riskierten 2012 die Teilnahme an einer experimentellen Methode, bei welcher Ärzte einen Teil ihrer T-Zellen gentechnisch veränderten. Die Resultate dieses heiklen Eingriffs ins Immunsystem haben beträchtliches Aufsehen in der Fachwelt verursacht. Von den 30 Patienten waren 27 kurz nach der Behandlung krebsfrei, und 19 sind es auch heute noch. Prof. Markus Manz ist Direktor der Klinik für Hämatologie am Universitätsspital Zürich. Der Experte für Blutkrebs-Erkrankungen sagt zu den Studienergebnissen aus den USA: «Die klinischen Resultate muss man als hervorragend bezeichnen.»

Glücklich über die Resultate ist auch Novartis. Der Konzern hat 2011 eine Kooperation mit der US-Universität abgeschlossen. Novartis-Manager Usman Azam ist als Leiter der Zell- und Gentherapie-Abteilung beim Pharmakonzern für die Entwicklung der CAR-Therapie in Zusammenarbeit mit Penn verantwortlich. Für ihn sind die Erfolge ein enormer Ansporn: «Ich sage es mit aller Vorsicht, weil wir erst längerfristig sicher sein können, aber potenziell – hoffentlich – können wir hier wirklich von Heilung sprechen.»

Penn/Novartis haben sich mit den Resultaten an die Spitze eines neuen, breiten Forschungsfeldes namens Immun-Onkologie katapultiert. Die CAR-Technologie ist ein Ansatz unter mehreren. Alle versuchen auf die eine oder andere Art, das Immunsystem im Kampf gegen Krebserkrankungen einzuspannen. Der Pharma-Analyst der Citigroup schätzt, dass in 10 Jahren 60% der Krebsbehandlungen Immuntherapien sind und sie zusammen Jahresumsätze von 35 Mrd. $ erreichen können.

Entsprechend gross ist die Konkurrenz. Roche und andere Wettbewerber haben eine Vielzahl an Studien mit verschiedenen Antikörpern am Laufen. Dabei versuchen die meisten, die Patienten so gut wie möglich in Subgruppen auf ihre «Empfänglichkeit» für eine Therapie zu differenzieren, doch es bleiben sozusagen Angebote ab Stange. Bei CAR müssen Killerzellen individuell gesammelt, verändert, zurückgeführt werden – diese Prozedur galt und gilt bei vielen Fachleuten als zu aufwendig, zu fehleranfällig, zu teuer. Novartis schien in diesem Therapiefeld bis vor kurzem den Anschluss verloren zu haben.

Als deshalb 2011 die Forscher von Penn darüber berichteten, welche «Wunder»-Wirkung ihre CAR-Therapie bei drei Patienten hatte, klopfte neben einer Reihe von Venture-Investoren und Pharma-Vertretern auch Novartis an. Forschungschef Mark Fishman persönlich sprach bei den Wissenschaftern in Philadelphia vor. Die Basler wollten in die Immun-Onkologie einsteigen und packten die Chance.

Die Penn-Forscher überzeugte in den Verhandlungen vielleicht auch, dass Novartis bereits einmal ein wirtschaftlich scheinbar unrentables Krebsmedikament für eine ganz kleine Patientengruppe entwickelt hat. Glivec wandelte damals auf sensationelle Weise eine todbringende Form von Leukämie in eine chronische Krankheit um. Der medizinische Erfolg machte Glivec über die Jahre zum wichtigsten Produkt von Novartis mit Milliardenumsätzen. Kann das nochmals gelingen? Novartis-Manager Azam sagt zur Möglichkeit, die CAR-Technik zur breiteren Anwendung zu bringen: «Wir glauben, es ist eine Therapie, die man für die Patienten einfach entwickeln muss.» Aber es brauche «einen visionären Geist, um den Ansatz als zukünftigen Behandlungsstandard für diese Krankheit zu erkennen», lobt Azam seine Unternehmensführung. Klar ist schon, dass Novartis die Therapie bei anderen Blutkrebs-Arten, aber auch bei soliden Tumoren erproben will. «Wir sehen uns auch das Potenzial bei soliden Tumoren, zum Beispiel Pankreaskrebs, an», sagt Azam. Inzwischen hat Novartis für gut 40 Mio. $ eine zertifizierte Biotech-Fabrik für die Produktion gekauft. Grössere Studien stehen an. Novartis will schon 2016 bei der US-Prüfbehörde FDA den Antrag auf Zulassung stellen. Die steht dem Unterfangen aufgeschlossen gegenüber und hat dem Ansatz das Prädikat Durchbruchstherapie verliehen. Es verspricht eine schnellere Prüfung beim Zulassungsantrag.

Extrem potente, aber teure Waffe

Der Preis der Therapie, sollte sie auf den Markt kommen, steht laut Azam noch nicht fest. Er weist «als Referenzgrösse» auf die Kosten einer Knochenmarktransplantation hin. In den USA liegen diese für Leukämiepatienten «zwischen einer halben und einer Million Dollar pro Patient». In der Schweiz kommt die Behandlung auf 150 000 bis 300 000 Fr. zu stehen. Jährlich unterziehen sich ihr in der Schweiz gemäss Professor Markus Manz rund 170 Leukämiepatienten. Die Heilungschancen seien sehr unterschiedlich, lägen global aber nur bei rund 50%, sagt der Spezialist.

Unter Finanzanalysten herrscht trotz den jüngsten Ergebnissen eine gewisse Skepsis, ob die komplexe CAR-Methode je mehr werden kann als eine letzte Option für verzweifelte Leukämiefälle. Fabian Wenner, Pharma-Analyst des Finanzdienstleisters Kepler Cheuvreux, gibt zu bedenken, dass die Langzeiteffekte auf das Immunsystem der Patienten, die die veränderten T-Zellen erhalten hätten, noch unklar seien. «Novartis übernimmt mit dem Aufbau der entsprechenden Infrastruktur in einer noch frühen Phase der Studien ein gewisses Investitionsrisiko», sagt er.

Thilo Schroeder, Partner bei Nextech Invest, einem Private-Equity-Unternehmen, das sich nur an auf Krebstherapien spezialisierten Firmen beteiligt, glaubt an die Zukunft des Ansatzes. Neben dem Team von Penn/Novartis arbeiteten vier weitere Firmen an CAR-Therapien, unter anderem die US-Firma Juno. Das Biotechunternehmen wird auch von Amazon-Gründer Jeff Bezos mit Millionen versorgt. Anfang Oktober konnte Juno melden, dass eine der grössten Krebsforscher-Kapazitäten der Branche im Verwaltungsrat Einsitz nimmt. Der Name sollte auch bei Roche die Alarmglocken läuten lassen. Es handelt sich um den ehemaligen Genentech-Chefmediziner Hal Barron, der nach 17 Jahren bei der Roche-Tochter zu einem Startup gewechselt hat. Thilo Schroeder zweifelt nicht, dass eine der an CAR arbeitenden Firmen diese «extrem potente Waffe gegen einige Krebsarten» auf den Markt bringen wird.

Auch Klinikprofessor Markus Manz ist optimistisch: «Das Feld der Fachexperten ist überzeugt, dass wir hier einen Riesenfortschritt erwarten können».

(Neue Zürcher Zeitung, 15.11.2014, Birgit Voigt)

 

 

Forschung aus Brasilien

Spucke von Zecken könnte gegen Krebs helfen

Der Speichel von Zecken kann möglicherweise gegen Krebs helfen. Brasilianische Forscher kamen zu vielversprechenden Ergebnissen. Nach Ansicht der Forscher am Butantan Institut in São Paulo könnte der Speichel der Spinnentiere extrem wertvoll im Kampf gegen Krebs sein.

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.14)

 

 

Daten aus Off-Label-Nutzung auswerten

Zwei Projekte in den USA wollen aus der Off-Label-Nutzung von Medikamenten in der Krebstherapie Daten gewinnen, um mögliche Einsatzgebiete und ihre Erfolgsaussichten besser voraussagen zu können. Nach Angaben des Fachmagazins «Nature» werden mehr als 60 Prozent der Verschreibungen für Krebsmedikamente in den USA off Label, also außerhalb ihres Zulassungsbereichs eingesetzt – häufig bei Patienten, bei denen die zugelassenen Medikamente versagt haben. Beispielsweise sind die Arzneistoffe Vemurafenib und Dabrafenib für Melanom-Patienten mit bestimmten BRAF-Mutationen bestimmt, werden aber auch bei Schilddrüsen- oder Lungenkrebs mit den gleichen Mutationen eingesetzt. Das Problem ist, dass die Patientenzahlen zu klein sind oder das Geld fehlt, um randomisierte klinische Studien für verschiedene Krebsarten durchzuführen.

Da der Off-Label-Einsatz unsystematisch in vielen Einzelfällen erfolgt, werden bislang keine Daten erhoben, wie erfolgreich die Therapie anschlägt. Die Projekte TAPUR (Targeted Agent and Profiling Utilization Registry) und MED-C (Molecular Evidence Development Consortium), die beide 2015 starten sollen, wollen dieses Potenzial nutzen, berichtet «Nature» von einer Konferenz für klinische Krebsforschung in Washington Ende November. Die öffentliche Forschung will dabei mit Pharmafirmen kooperieren. Diese sollen ihre Medikamente kostenlos zur Verfügung stellen und bekommen im Gegenzug die Daten.

Im MED-C-Programm soll bei allen teilnehmenden Krebspatienten ein genetischer Test durchgeführt werden, um Mutationen des Tumors zu bestimmen. So will man auch mehr über die Pathophysiologie der Krankheit erfahren, denn Krebs ist nicht gleich Krebs. Auch neu diagnostizierte Patienten ohne Vorbehandlung können teilnehmen. In der TAPUR-Studie sollen unter anderem die Ergebnisse der Behandlungsversuche und ebenfalls Mutationen dokumentiert werden. Die neuen Datenbanken sollen helfen zu verstehen, wieso individuelle Krebserkrankungen auf manche Medikamente ansprechen oder aber resistent sind.

«Off-Label-Gebrauch wird praktiziert und wir finden besser einen Weg, um die Daten zu bekommen und sinnvoll zu nutzen», sagte Ellen Signal, die Vorsitzende und Gründer der Stiftung «Friends of Cancer Research», die die Konferenz mitorganisiert hat. (dh)

(Pharmazeutische Zeitung, 17.12.14, DOI: 10.1038/516021a)

 

 

 

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